Irrflug mit Hitler-Ufo

Ein Glück, dass wir die Aufklärer der „Bild“-Zeitung haben!

Ausriss Bild-Zeitung - Nazis flogen mit Ufos in die Arktis - und weitere irre Verschwörungstheorien und was dahintersteckt

Nazi-Ufos in der Antarktis, Kennedy-Attentat, Mondlandung — dazu gibt’s im Internet haufenweise Theorien, doch die meisten davon seien hanebüchener Unsinn, wie die Zeitung gestern auf einer ganzen Seite erklärte: „Sie klingen zunächst plausibel, sind aber bewusst in unwahre Zusammenhänge gesetzt.“

„Bild“ selbst würde solche Spinnereien natürlich nie verbreiten!

Gut, außer zu Nazi-Ufos in der Antarktis.

Screenshot Bild.de - Bauten Nazis eine Ufo-Basis in der Antarktis?

Und zum Kennedy-Attentat.

Screenshot Bild.de - Hat ein verkaterter Bodyguard John F. Kennedy erschossen?

Und zur Mondlandung.

Screenshot Bild.de - Mondstein gefälscht - hat die Landung nie stattgefunden?

Ansonsten aber hat die „Bild“-Zeitung mit irren Theorien natürlich nichts am Hut!

Gut, außer …

Ausriss Bild-Titelseite - UFO-Sekte will jetzt Hitler klonen!

Screenshot Bild.de - Rapper Tupac Shakur soll in Somalia im Luxus leben

Screenshot Bild.de - Clinton ist ein Alien und Trump der Antichrist

Screenshot Bild.de - Liegt da ein abgehacktes Bein auf dem Mars?

Collagen mit drei Ausrissen der Bild-Zeitung - Hitlers geheime Ufo-Pläne - Wir wurden von Außerirdischen entführt - Russische Fischer fingen Aliens und aßen es auf

Screenshot Bild.de - Überwachen uns Aliens mit Funk-Implantaten?

Screenshot Bild.de - Mega-Experiment im All - haben Aliens die Venus versetzt?

Screenshot Bild.de - Aliens bei Obama-Vereidigung?

Ausriss Bild-Titelseite - Hitler ließ heimlich Ufos bauen

Screenshot Bild.de - Hat Goethe ein Raumschiff gesehen?

Screenshot Bild.de - Großbritannien - Gibt es auf der Insel eine geheime UFO-Basis?

Screenshot Bild.de - Traf Neil Armstrong auf Aliens?

Screenshot Bild.de - Zeigten Kornkreise Hitlers Bombern den Weg?

Screenshot Bild.de - Verschwörungstheorie - Prophezeite Kanye West David Bowies Tod? Und ahnte Bowie Kanye Wests Geburt voraus?

Collate mit drei Ausrissen der Bild-Zeitung - Mars-Menschen leben im Mars! Darum haben wir sie auch noch nie gesehen - Geheimsignale! Raumsonde Voyager von Aliens entführt? - Das Rätsel um die verschwundenen Nasa-Satelliten Locken Aliens die Raumsonden auf ihren Planeten?

Screenshot Bild.de - Raumfahrt-Ingenieur behauptet kurz vor seinem Tod: Aliens arbeiten für die Nasa in der Area 51!

Screenshot Bild.de - Ist Wladimir Putin unsterblich?

Screenshot Bild.de - Nach dem Wirbel um den falschen Schädel - Starb ein Hitler-Double im Bunker?

Screenshot Bild.de - Versteckt sich in der Mona Lisa ein Alien?

Und die viel drängendere Frage: Wo erfahren wir jetzt, dass das alles hanebüchener Unsinn ist? Demnächst in „Bild“.

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Abtreibungsgegner will Pressefreiheit abtreiben, Traumata, Weidel-Spende

1. Abtreibungsgegner Yannic Hendricks hat BuzzFeed News abgemahnt, weil wir seinen Namen veröffentlicht haben
(buzzfeed.com, Juliane Loeffler)
Der Abtreibungsgegner Yannic Lukas Hendricks hat „BuzzFeed News Deutschland“ abgemahnt, weil das Portal seinen Namen veröffentlicht habe. „BuzzFeed News“ nimmt dies jedoch nicht hin: „Wir wehren uns gegen die Abmahnung, weil wir die Namensnennung für rechtens halten.“ Juliane Loeffler erklärt die Position des Portals und zitiert aus der anwaltlichen Erwiderung auf die Abmahnung.

2. Das Trauma klopft meist sachte an
(facebook.com/carsten.stormer)
Seit vielen Jahren berichtet Carsten Stormer aus den Krisengebieten der Welt, ob als Journalist, Buchautor oder Filmemacher. Eine Tätigkeit, die körperliche Wunden und seelische Narben hinterlässt. In einem Facebook-Post schreibt Stormer auf eindrückliche und bedrückende Weise von den Erinnerungen an Krieg, Tod und grausame Gewalt, die er in einem Buch verarbeitet hat und die ihn immer wieder verfolgen: „Das Sediment dieser Geschichten lagert sich wie toxischer Schlamm in meinem Kopf ab, Schicht um Schicht.“
Siehe dazu auch: Traumatisierte Journalisten: Es gibt zu wenig Hilfe (ndr.de, Inga Mathwig, Video, 6:31 Minuten).

3. Die fixe Idee der neutralen Berichterstattung halte ich für absurd.
(planet-interview.de, Anja Reschke)
Jakob Buhre hat die NDR-Journalistin und Buch-Autorin („Haltung zeigen“) Anja Reschke interviewt. Es geht um ihr Verständnis von Gerechtigkeit und das Bemühen um neutrale Berichterstattung, Selbstkritik, Transparenz und Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Gleichstellung innerhalb der Sender und ihre Mail-Korrespondenz mit Zuschauern.

4. Julian Reichelt still loves patriarchy
(genderequalitymedia.org)
Der Verein „Gender Equality Media“ hat mit „Still <3 patriarchy" ein neues Projekt gestartet, bei dem "sexistische und patriarchale Entscheidungsträger*innen" benannt werden. "Was muss passieren, um einen Platz auf der Website zu bekommen? Ein sexistisches Bild hier, ein schiefes Wort da? Nein, wir wollen Journalist*innen nicht bloßstellen -- Fehler machen wir alle, und im besten Fall lernen wir daraus. Wir wollen die Journalist*innen zur Verantwortung ziehen, die Sexismus mit System in ihrer Arbeit einsetzen." Ganz vorne mit dabei: "Bild"-Chef Julian Reichelt. Weiterer Lesetipp: Unser Beitrag von gestern: Schülerzeitung entlockt Julian Reichelt „tiefe innere Wahrheit“ mit einem Hinweis auf ein in jeder Hinsicht herausragendes Interview.

5. „Beeindruckendes Wachstum“
(faktenfinder.tagesschau.de)
Patrick Gensing vom ARD-„Faktenfinder“ beschäftigt sich mit den rätselhaften Wahlkampfspenden an Alice Weidel (AfD), mit denen wahrscheinlich der Social-Media-Erfolg finanziert und die Reichweite auf Twitter und Facebook massiv ausgebaut wurde.

6. Warum Journalisten nicht vom „Gute-Kita-Gesetz“ sprechen sollten (Spoiler: Weil sie damit der Ministerin einen Gefallen tun)
(stefan-fries.com)
Aus dem „Gesetz zur Weiterentwicklung der Qualität und zur Teilhabe in der Kindertagesbetreuung“ hat das Bundesfamilienministerium das „Gute-Kita-Gesetz“ gemacht. Stefan Fries erklärt, warum es keine gute Idee ist, wenn Medien diesen Begriff in ihrer Berichterstattung übernehmen.

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Süddeutsche.de fällt auf satirischen May-Ehemann rein

Bei Süddeutsche.de schreiben sie gerade auf der Startseite zu den Entwicklungen rund um den Brexit in Großbritannien:

Screenshot Süddeutsche.de - Brexit - London am Tag danach - Es gibt einen Brexit-Deal, aber in Großbritannien freuen sich nur wenige darüber. Zwei Minister treten zurück, May hält eine Rede im Ich-lasse-mich-nicht-aufhalten-Modus und ihr Ehemann verbreitet auf Twitter negative Stimmung

Im Artikel greift Korrespondentin Cathrin Kahlweit das angebliche Twitter-Verhalten von Mays angeblichem Ehemann noch einmal auf:

Selbst Mays Ehemann Philip war am Tag nach der Sensationsnachricht negativ gestimmt. Er twitterte, dies werde „ein langer Tag“. Wahrscheinlich war der Kurznachrichtendienst der einzige Weg, auf dem er seine Frau im Westminster-Chaos erreichen konnte.

Es gibt tatsächlich einen Tweet, in dem so etwas steht, sogar von heute:

Screenshot eines Tweets des Twitter-Accounts @PMHusband - It's going to be a very long day.

Der Twitter-Account @PMhusband beschreibt sich selbst allerdings so:

Screenshot des Twitter-Accounts @PMHusband - In der sogenannten Twitter-Biografie steht Husband of @theresa_may, Prime Minister of the United Kingdom. Parody.

Das Wort „Parody“ könnte ein entscheidender Hinweis sein. Das gilt übrigens auch für diesen Account, liebe „Süddeutsche“.

Mit Dank an Fabian P. für den Hinweis!

Nachtrag, 23:24 Uhr: Die Redaktion von Süddeutsche.de hat auf unseren Hinweis reagiert und den Text korrigiert. Im Sinne der Transparenz steht am Ende des Artikels nun dieser Hinweis:

In einer früheren Version des Textes wurde ein Tweet zitiert, den wir dem Ehemann von Theresa May zugeordnet haben. Dabei handelte es sich jedoch um einen Satire-Account. Deshalb haben wir die Passage gelöscht.

Und auch auf der Startseite ist der falsche Hinweis auf Theresa Mays Ehemann nun verschwunden.

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Schülerzeitung entlockt Julian Reichelt „tiefe innere Wahrheit“

Julian Reichelt war auch mal Schüler. Der heutige „Bild“-Chef besuchte als Jugendlicher ein Gymnasium in Hamburg-Othmarschen. Dort, am Gymnasium Othmarschen, war Reichelt bereits Chefredakteur — der Schülerzeitung. Darüber hatten Isabell Hülsen und Alexander Kühn unter anderem in ihrem Reichelt-Portrait im „Spiegel“ geschrieben.

Diesen Text hat auch Johann Aschenbrenner gelesen, der in gewisser Weise Julian Reichelts Nachfolger ist, als aktueller Chefredakteur der Schülerzeitung am Gymnasium Othmarschen. Zusammen mit seiner Mitschülerin Emma Brakel und seinem Mitschüler Arvid Bachmann hat Aschenbrenner „Bild“-Chef Reichelt im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin besucht. Herausgekommen ist ein lesenswertes Interview, das meilenweit entfernt ist vom despektierlichen Prädikat „Schülerzeitungsniveau“:

Aschenbrenner, Brakel und Bachmann haben einige schöne Details in Julian Reichelts Büro und Arbeitsalltag beobachtet. Und Reichelt äußert in dem Gespräch einige bemerkenswerte Dinge.

Er sieht „Bild“ beispielsweise „natürlich in einer Liga“ mit der „Washington Post“ und der „New York Times“:

Wir sind da, wo die „Post“ oder die „New York Times“ sind, oder umgekehrt: Die sind da, wo wir sind. In dieser Liga halten wir uns, auch durch strategisch kluge Entscheidungen, wie zum Beispiel die Umsetzung von Paid-Content.

Er glaubt beispielsweise nicht, dass „Bild“ Stimmung mache, und meint, dass „Bild“ auch nicht Stimmung machen sollte. Aschenbrenner, Brakel und Bachmann halten dagegen:

Schlagzeilen schaffen Stimmungen. Die „BILD“-Zeitung beruft sich häufig darauf, was dann auf der Seite 2 steht. Wenn man die Schlagzeile „Islam-Rabatt“ liest, dann kreiert das doch eine gewisse Stimmung. Sie sind sich der Bedeutung der Eins doch sicher bewusst?

Reichelt antwortet, dass solche Schlagzeilen „eine tiefe innere Wahrheit und Berechtigung“ hätten. Dieses Geschwafel nimmt Johann Aschenbrenner in einem gesonderten Text auseinander:

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ORF droht Zerstörung, Y***** H******** mahnt ab, MedWatch

1. Redakteursvertreter befürchten „absichtliche Zerstörung“ des ORF
(derstandard.at)
Redakteure schlagen Alarm: Dem ORF drohe die „größte existenzielle Krise seit Bestehen“. In einer Resolution beklagen sie die kontinuierliche Reduktion der journalistischen Arbeitsplätze sowie die Auslagerung von Informationsprogrammen: „Wir befürchten die absichtliche Zerstörung des öffentlich-rechtlichen Senders — über einen wirtschaftlichen und politischen Zangenangriff. (…) Währenddessen bauen die Regierungsparteien systematisch ihre PR-Stellen aus.“

2. Y***** H******** mahnt ab
(taz.de, Dinah Riese)
Die „taz“ macht darauf aufmerksam, dass der Mathematikstudent Yannic Hendricks, der unzählige öffentlich über Abtreibung informierende Ärzte und Ärztinnen angezeigt hat, nun Menschen abmahnt, die seinen Namen im Zusammenhang mit diesen Anzeigen öffentlich genannt haben.
Weiterer Lesetipp: Yannic Hendricks zeigt Ärztinnen an, die gegen 219a verstoßen, aber möchte anonym bleiben (buzzfeed.com, Juliane Loeffler).

3. Ein ungutes Gefühl im Bauch
(jmwiarda.de, Jan-Martin Wiarda)
Einer Juristin wurde von der Internet-Plattform „VroniPlag Wiki“ vorgeworfen, sowohl bei der Promotion als auch bei der Habilitation plagiiert zu haben. Als Medien darüber berichteten, ging die Juristin dagegen juristisch vor und bekam zunächst Recht. Der Journalist Jan-Martin Wiarda kommt bei dem Konflikt zwischen Pressefreiheit und Persönlichkeitsrecht zu keinem eindeutigen Ergebnis und befindet schlussendlich: „Ich habe keine Antworten. Nur ein ungutes Gefühl im Bauch.“

4. Neues aus dem Fernsehrat (29): Von „funk“ für die Zukunft öffentlich-rechtlicher Medien lernen
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Seit zwei Jahren existiert das öffentlich-rechtliche Jugendangebot „funk“. Zeit für eine Zwischenbilanz, findet Leonhard Dobusch. Als reines Online-Angebot sei „funk“ in vielerlei Hinsicht wegweisend für Öffentlich-Rechtliche im Netz. Potentiale jenseits von YouTube und Facebook würden jedoch bislang nicht genutzt. Dobusch hat Ideen, wie sich das ändern ließe.

5. „Fake-Informationen bedrohen das Leben von Patienten“
(vocer.org, Nicola Kurth)
Der diesjährige #Netzwende-Award ging an das von den Wissenschaftsjournalisten Nicola Kuhrt und Hinnerk Feldwisch-Drentrup gegründete Projekt „MedWatch“, das sich für verlässliche Gesundheitsinformationen im Netz einsetzt. Warum Gesundheitsinformationen im Netz journalistische Kontrolle brauchen, erklärte Mitgründerin Kuhrt beim „Vocer Innovation Day“ in Hamburg.

6. Die Financial Times hat einen Bot entwickelt, der warnt, wenn nur männliche Experten zu Wort kommen
(piqd.de, Simon Hurtz)
Bei der britischen Zeitung „Financial Times“ warnt eine Analyse-Software (Bot), wenn nur männliche Experten zu Wort kommen. Der Journalist Simon Hurtz kommentiert: „Der Bot kann keine strukturellen Probleme innerhalb der Redaktionen lösen. Aber ich glaube, dass es manchmal schon reicht, daran erinnert zu werden, Frauen zu zitieren. Gerade im Alltagsstress vergisst Mann (und manchmal auch Frau) das oft, ohne dass Absicht dahinter steckt. Vielleicht kann die Financial Times den Code veröffentlichen, sodass andere Medien vergleichbare Mechanismen implementieren können.“

„Bild am Sonntag“ lässt Wehrmachtslied grölen

Mitglieder der Jungen Union (JU) haben am vergangenen Freitag in einer Berliner Kneipe das sogenannte Westerwaldlied gesungen. Eine Videoaufnahme zeigt Vertreter der CDU-Nachwuchsverbände aus Limburg und Rheingau-Taunus beim Grölen des einst bei der Wehrmacht sehr beliebten Textes. Deutsche Soldaten hatten das Westerwaldlied im Zweiten Weltkrieg unter anderem bei ihren Einmärschen in Luxemburg, Holland und Frankreich gesungen. Dass die JUler den Wehrmachtsschlager am 9. November, dem 80. Jahrestag der Reichspogromnacht, anstimmten, sorgt für zusätzliches Entsetzen, auch wenn das Singen des Liedes nicht verboten ist.

Bei Bild.de berichten sie heute auch über den Vorfall:

Screenshot Bild.de - Eklat in Berliner Kneipe - Junge Union grölt Wehrmachtslied

Die Redaktion schreibt dazu unter anderem:

Die zufällig anwesende jüdische Künstlerin Mia Linda Alvizuri Sommerfeld war eine der ersten, die ihr Handy zückte, um das bittere Treiben aufzuzeichnen. Ihre Aktion sorgte nach Angaben des „Tagesspiegels“ dafür, dass die Gruppe das „Westerwaldlied“ (mit den für sich genommen harmlosen Zeilen: „Heute wollen wir marschier’n/einen neuen Marsch probier’n/in dem schönen Westerwald/ja da pfeift der Wind so kalt“) intonierte.

2012, da war die Wehrmachtstradition des Westerwaldliedes lange bekannt, brachte „Bild am Sonntag“ einen Sampler mit den „größten Oktoberfest-Hits“ auf den Markt. Auf CD 2, zwischen „Ich War Noch Niemals In New York“, gesungen von Willi Herren, und „Das geht ab“ von den Atzen, findet man das Lied „Oh — du schöner Westerwald (Eukalyptusbonbon)“:

Screenshot von Spotify, der das Cover das Bild-am-Sonntag-Samplers zeigt und den Song Oh du schöner Westerwald

Das Volksmusik-Trio Heidis Erben singt dort unter anderem:

Heute wollen wir marschier’n
einen neuen Marsch probier’n
in dem schönen Westerwald
ja da pfeift der Wind so kalt

Und auch sonst ist der Text des Songs auf dem „BamS“-Sampler deckungsgleich mit dem des beliebten Wehrmachtsliedes. Einzige Ausnahme: Ballermann-Größe Mickie Krause ruft zwischendurch immer mal wieder „Eukalyptusbonbon“.

Wie schreibt Bild.de gleich noch mal? Was für ein „bitteres Treiben“.

Mit Dank an Max S. für den Hinweis!

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Erika Fakebach, Pro und Contra Klarnamenpflicht, Debatten-Detlev

1. Steinbach wegen Twitter-Fake belangt
(faktenfinder.tagesschau.de, Karolin Schwarz)
Die ehemalige CDU-Politikerin und jetzige Vorsitzende einer AfD-nahen Stiftung Erika Steinbach nutzt begeistert Social-Media-Kanäle, um ihre Botschaften unters Volk zu bringen. Falschmeldungen, untergeschobene falsche Zitate und bösartige Empörungs-Bildchen haben es ihr besonders angetan. Nach Claudia Roth ist nun auch deren Grünen-Kollegin Renate Künast rechtlich dagegen vorgegangen. Erfolgreich: Steinbach musste eine entsprechende Erklärung abgeben, die sie verpflichtet, das Fake-Zitat nicht erneut zu verbreiten.

2. Auf kurzem Weg zum Verleger
(taz.de, Ralf Leonhard)
Auf dem österreichischen Pressemarkt gibt es Bewegung: Ein medienscheuer Selfmade-Milliardär namens René Benko hat jeweils 24 Prozent der „Krone“ und des „Kurier“ übernommen. Der für Österreich zuständige „taz“-Korrespondent Ralf Leonhard erklärt Hintergrund und Zusammenhänge.

3. Weniger Anonymität im Netz?
(brodnig.org)
Immer wieder gibt es Bestrebungen zur Einführung einer Klarnamenpflicht im Internet. Die Idee dahinter: Wenn sich Menschen nicht mehr hinter ihrer Anonymität verstecken können und befürchten müssen, für strafbare Äußerungen belangt zu werden, gibt es weniger Hass und Hetze. Ingrid Brodnig führt aus, warum eine solche Pflicht aus ihrer Sicht die Probleme nicht löst.

4. Philipp Kadelbach: „Ganz ehrlich, es gibt zu viele Serien“
(dwdl.de, Alexander Krei)
Für „Unsere Mütter, unsere Väter“ bekam er einen Emmy, nun steht für Filmregisseur Philipp Kadelbach mit der ZDFneo-Serie „Parfum“ das nächste deutsche Projekt an. „DWDL“ hat sich mit Kadelbach über Inszenierung, Rhythmus, Zeitgeist und die allgegenwärtige Serien-Flut unterhalten. Und natürlich über seine Arbeit an dem berühmten Süskind-Stoff.

5. Facebook kann Portale in die Bedeutungslosigkeit herunterpegeln
(sueddeutsche.de, Adrian Lobe)
Von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg gibt es das Zitat, nach dem er mit dem Newsfeed „die perfekte personalisierte Zeitung für jede Person auf der Welt“ schaffen wolle. In den USA sei ihm das nach einer Erhebung eines Meinungsforschungsinstituts in gewisser Hinsicht bereits recht gut gelungen. Die Allmacht des Konzerns sei riesig, schreibt Adrian Lobe. Wenn Facebook an seinen Algorithmen drehe, habe dies massiven Einfluss auf den Traffic von Nachrichtenportalen und könne diese schon mal in den wirtschaftlichen Abgrund reißen.

6. Debatten-Detlev
(titanic-magazin.de, Paula Irmschler)
„Titanic“-Autorin Paula Irmschler lässt „Debatten-Detlev“ zu Wort kommen: „Frauen mit ihren Entscheidungen machen mich wahnsinnig. Ich sage nur, wie es ist. Wir geben ihnen Posten, Wahlrecht und Kolumnen, und was machen sie damit? Hysterisch rumstressen.“

Der Begriff „Schießerei“ – und wie Redaktionen mit ihm umgehen

Vergangene Woche, am späten Mittwochabend, hat ein ehemaliger Soldat in der südkalifornischen Stadt Thousand Oaks auf die Gäste einer Country Music Bar geschossen und dabei mindestens zwölf Menschen getötet.

Die deutschen Medien berichteten über diesen Vorfall zum Beispiel so:

Screenshot FAZ.net - Schießerei in Kalifornien - Mehrere Tote bei Angriff auf Studentenparty
Screenshot n-tv.de - Vorfall in Kalifornien - Etliche Tote bei Schießerei in US-Bar
Screenshot Tagesschau.de - Thousand Oaks in Kalifornien - Viele Tote bei Schießerei in Bar
Screenshot heute.de - Thousand Oaks in Kalifornien - Mindestens zwölf Tote nach Schießerei in Bar
Screenshot Tagesspiegel.de - Thousand Oaks - Zwölf Tote bei Schießerei in Bar in Kalifornien
(in dieser Reihenfolge: FAZ.net, n-tv.de, tagesschau.de, heute.de, Tagesspiegel.de)

Nun ist so ein tragisches Ereignis nicht unbedingt der beste Moment für Wortklaubereien, aber diese Schlagzeilen sind andererseits ein passender Anlass, das Wort „Schießerei“ einer genaueren Betrachtung zu unterziehen.

Der Duden definiert den Begriff so:

1. (meist abwertend) [dauerndes] Schießen
2. wiederholter Schusswechsel

Dass die zweite Bedeutung die häufiger verwendete ist, zeigt sich bei den Synonymen, die der Duden auf seiner Webseite vorschlägt:

[bewaffnete] Auseinandersetzung, Gefecht, Kampf, Kugelwechsel, Plänkelei, Schusswechsel; (umgangssprachlich) Ballerei; (besonders Militär) Feuergefecht; (Militär veraltend) Geplänkel, Scharmützel, Treffen

Der Begriff „Ballerei“ zeigt, in welchem Sinne die erste Bedeutung zu verstehen ist.

Das bedeutet nicht zwingend, dass der Begriff „Schießerei“ im Zusammenhang mit dem Verbrechen in Thousand Oaks falsch verwendet wird, aber angesichts der Tatsache, dass Begriffe wie „Messerstecherei“, „Schlägerei“ oder „Prügelei“ ja eigentlich ausschließlich zur Beschreibung einer Auseinandersetzung verwendet werden, haben wir uns gefragt, wie Redaktionen mit einem solchen Begriff umgehen — und die Frage entsprechend auch Redaktionen gestellt.

Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat in ihren internen Standards eine klare Definition, was eine „Schießerei“ ist:

Schießerei
Eine Schießerei ist ein Schusswechsel. Wir sprechen also von einer Schießerei, wenn zwei oder mehr Seiten sich gegenseitig beschießen, nicht aber, wenn nur eine Seite (wiederholt) feuert.

Zwar führt der Duden als Bedeutung auch „dauerndes Schießen“ auf — allerdings mit dem Zusatz „meist abwertend“. So mag es sprachlich korrekt sein, über eine Jagd zu sagen: „Diese idiotische Schießerei“. Dies rechtfertigt aber nicht, von einer Schießerei zu sprechen, wenn zum Beispiel Polizisten auf einen Verdächtigen geschossen haben, ohne dass dieser das Feuer erwiderte.

Besonders vorsichtig müssen wir bei der Übersetzung des englischen „shooting“ sein, das sowohl für einen Schusswechsel als auch eine einseitige Schussabgabe stehen kann.

Der Verweis auf die Übersetzung ist wichtig. Das Oxford Dictionary definiert „shooting“ so:

The action or practice of shooting with a gun.

Trotz klarer Regeln könne man nicht vollständig ausschließen, dass sich der Begriff nicht doch mal in Meldungen einschleiche, hat uns dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger auf Anfrage erklärt. Insbesondere in ersten Meldungen, wenn die Lage noch unübersichtlich sei, könne dies mitunter passieren. Bei Hinweisen auf eine Verwendung des Begriffs, die nicht den eigenen Standards entspricht, würden die Meldungen sofort korrigiert. Im aktuellen Fall lauteten die Überschriften der dpa-Meldungen aber etwa „Schüsse in Bar in Kalifornien“ oder „Polizei: 13 Tote nach Schüssen in Bar in Kalifornien“.

Etwas anders sah es beim deutschsprachigen Dienst der Agence France-Presse (AFP) aus, der zunächst von einer „Schießerei“ geschrieben hatte. Aber auch dort ist man sich der Problematik des Begriffs bewusst, wie Geschäftsführer und Chefredakteur Andreas Krieger auf unsere Anfrage antwortet:

Wir verwenden den Begriff „Schießerei“ nur in bestimmten Fällen, da er nicht präzise ist. Dies gilt etwa, wenn — wie im vorliegenden Fall — zu einem frühen Zeitpunkt der Tathergang noch nicht klar zu erkennen ist. In den ersten Meldungen der Feuerwehr von Thousand Oaks hieß es: „Firefighters and first responders are arriving on scene of a report of a shooting at an establishment.“ Diese Quelle war die Grundlage für unsere anfängliche Berichterstattung. Nachdem zuverlässige Quellen — Feuerwehr, Zeugen und der örtliche Sheriff — bestätigten, dass ein bewaffneter Mann in die Disko eingedrungen war und den Angriff verübt hatte, berichteten wir dies und verwendeten den Begriff „Schießerei“ nicht weiter.

Bei tagesschau.de ist der Begriff „Schießerei“ im Laufe des Donnerstags aus dem Artikel verschwunden, noch bevor „Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke unsere E-Mail gelesen hatte. Eine Antwort auf unsere Anfrage haben bisher leider noch nicht erhalten, die „Tagesschau“-Redaktion hat aber angekündigt, uns über die internen Abstimmungen zum Begriff auf dem Laufenden zu halten.*

Auch beim ZDF haben wir nachgefragt und diese Antwort erhalten:

Die Redaktion heute.de ringt täglich um möglichst treffende Begriffe und Formulierungen. Gerade bei Gewalttaten ist das eine besondere Herausforderung, sind Ablauf, Hintergründe und Motivlage doch zunächst meist völlig unklar. „Amoklauf“, „Terroranschlag“, „Angriff“? Richtig ist, dass die — zumindest breiter gefasste — Begrifflichkeit „Schießerei“ auch als Schusswechsel verstanden werden kann. Es muss immer im Einzelfall entschieden werden, welche Wortwahl am präzisesten den Sachverhalt spiegelt.

Im konkreten Fall hat sich die Redaktion offensichtlich gegen den Begriff entschieden, denn er taucht in der aktualisierten Fassung des Artikels nicht mehr auf. Und auch ein Artikel vom vergangenen Wochenende, dessen Überschrift zunächst „Tote bei Schießerei in Florida“ gelautet hatte, ist jetzt mit „Tödliche Schüsse in Florida“ überschrieben.

Der „Tagesspiegel“ schrieb uns:

[W]ir beim Tagesspiegel haben gerade über Ihre Mail zum Thema „Schießerei“ gesprochen und Ihren Denkanstoß gerne und dankbar aufgenommen.
 
„Schießerei“ impliziert einen „Schusswechsel“. Ihr Vergleich mit „Prügelei“ und „Schlägerei“ etwa ist da sehr treffend. Insofern haben wir unsere Zeile in diesem Fall auch geändert.
 
Bei solchen Vorfällen ist es aber oft so, dass die Hintergründe zunächst unklar sind. Dann wird schnell erst einmal auch bei den Agenturen von „Schießerei“ geschrieben.

Auch bei n-tv.de hat es offensichtlich eine Diskussion über den Begriff gegeben, denn obwohl wir dort gar nicht nachgefragt hatten, ist im dortigen Artikel inzwischen nicht mehr von einer „Schießerei“ die Rede.

Von den oben gezeigten Beispielen verwendet nur noch FAZ.net den Begriff „Schießerei“ in der Dachzeile. Von dort haben wir bisher auch noch keine Antwort auf unsere Anfrage erhalten.

Da der Begriff „Schießerei“ natürlich nicht nur im aktuellen Fall verwendet wurde, haben wir auch beim RBB nachgefragt, der am vergangenen Mittwoch zum Beispiel eine Meldung über einen Mann, der in Blankenfelde-Mahlow angeschossen wurde, unter dieser Überschrift bei rbb24.de veröffentlicht hatte:

Screenshot rbb24.de - Schwerverletzter bei Schießerei vor Dönerimbiss

Eine Antwort haben wir bisher nicht erhalten.

*Nachtrag, 14. November: Wie angekündigt, hat auch die „Tagesschau“-Redaktion noch geantwortet. Chef vom Dienst Andreas Werner schreibt heute auf unsere Anfrage:

Bei der „Tagesschau“ verwenden wir den Begriff „Schiesserei“ in der Regel nicht! Er trifft nur selten das Geschehen, ist ungenau oder gar falsch. Ob Amoklauf oder politisch motivierter Angriff (etwa in Schulen oder auch kürzlich in einer Synagoge in den USA) — wir bemühen uns, möglichst schnell, das, was passiert, auch begrifflich präzise zu benennen! „Schiesserei“ verharmlost meistens Tathergänge. Allerdings neigen etwa amerikanische Medien dazu, in ersten Eil-Meldungen den Begriff „Schiesserei“ zu benutzen — häufig, weil das Geschehen noch unklar ist. Und die Versuchung ist groß, das Unklare in unklare Begriffe zu Hüllen. Wir machen es uns zur Aufgabe, dem nicht zu erliegen. Und fast immer gelingt es uns — auch wenn die Faktenlage noch nebulös ist.

Korrektur, 14. November: Wir hatten AFP-Geschäftsführer Andreas Krieger aus Versehen zuerst Christian Krieger genannt. Wir bitten Herrn Krieger sowie unsere Leserinnen und Leser für diesen Fehler um Entschuldigung!

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Auskunftsperre, Zensurheberrecht zu Glyphosat, Vorsicht, Heimat!

1. Leipziger Richter stärken Rechte von Journalisten beim Schutz der privaten Adresse
(investigativ.welt.de, Uwe Müller)
Das Verwaltungsgericht Leipzig hat in einem Beschluss die Rechte von Journalisten gestärkt, die ihre Privatadresse schützen wollen: Die Verwaltungsrichter haben die Stadt Leipzig im Wege der einstweiligen Anordnung verpflichtet, zu Gunsten eines Investigativreporters der „Welt“ für die Dauer von längstens zwei Jahren eine Auskunftssperre im Melderegister einzutragen.

2. Zensurheberrecht: Bundesinstitut gab 80.000 Euro gegen Glyphosat-Berichterstattung aus
(netzpolitik.org, Arne Semsrott)
Ende 2017 verlängerte die EU-Kommission die Zulassung des möglicherweise krebserregenden Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat um weitere fünf Jahre. Der damalige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hatte im Alleingang im Namen Deutschlands die Zustimmung erteilt, obwohl laut Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) eine Enthaltung vereinbart war. Der Fernsehsender MDR hatte regelmäßig über Gutachten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) berichtet, die Kritikern zu industriefreundlich ausfielen. Daraufhin mahnte das BfR den MDR wegen der Veröffentlichung der Dokumente ab und verklagte ihn schließlich: Mit der Veröffentlichung der Gutachten habe der Sender das geistige Eigentum des BfR verletzt. Der MDR musste daraufhin sowohl die Gutachten als auch den Mitschnitt der Sendung löschen. In den kommenden Wochen wird der Europäische Gerichtshof über den Fall entscheiden.

3. Michael Obert: „Ich dachte: Jetzt sterbe ich.“
(daniel-bouhs.de)
Am Rande der Fachtagung „Krieg und Krise, Terror und Trauma — Emotionale Belastungen in der Arbeit von Journalistinnen und Journalisten“ ergab sich für Daniel Bouhs die Gelegenheit für ein spannendes Gespräch mit einem freien Auslandsjournalisten: Michael Obert war für das „SZ-Magazin“ mit einem Warlord vor der libyschen Küste unterwegs und ist von dort schwer verletzt zurückgekommen. Obert warnt junge Kolleginnen und Kollegen vor riskanten Einzelaktionen: „Ich nehme schon eher wahr, dass gerade jüngere Kolleginnen und Kollegen, weil man ihnen eine Geschichte in einem schwierigen Gebiet nicht zutraut, dann zunehmend auf eigene Kappe hinfahren, das selbst finanzieren und dann so im Backpacker-Style im Prinzip mit 20 Euro Tagesbudget sich da irgendwie durchkämpfen …“

4. Ennio Morricone will den deutschen „Playboy“ wegen angeblichem Fake-Interview verklagen
(musikexpress.de)
Im deutschen „Playboy“ erschien ein Interview mit der Filmmusik-Legende Ennio Morricone, in dem der 90-Jährige angeblich den Regisseur Quentin Tarantino heftig beschimpfte und über die alljährliche Oscar-Verleihung lästerte. In einer ersten Reaktion stritt Morricone zunächst ab, dem „Playboy“ ein Interview gegeben zu haben. Dies hat sich inzwischen geändert: Nun will Morricone nur die umstrittenen Aussagen nicht getätigt haben. Die deutsche „Playboy“-Redaktion wehrt sich gegen Morricones Vorwürfe: Das Interview habe stattgefunden, und man sei irritiert darüber, „dass Teile der veröffentlichten Aussagen so nicht getroffen worden sein sollen.“ Update: Inzwischen räumt „Playboy“-Chefredakteur Florian Boitin ein, dass Morricones Aussagen in dem gedruckten Interview wohl „in Teilen nicht korrekt wiedergegeben“ worden seien.

5. Serien suchten mit Martin Schulz und was Alexa mit einer Kaffeemaschine zu tun hat – 6 Erkenntnisse vom Vocer Innovation Day 2018
(zeitgeist.rp-online.de, Henning Bulka)
Das unabhängige Debattenforum „Vocer“ hat nunmehr bereits zum fünften Mal deutsche und internationale Medienmacher zum „Vocer Innovation Day“ nach Hamburg eingeladen. Henning Bulka war dabei und hat aufgeschrieben, welche Dinge ihm besonders in Erinnerung geblieben sind: Es geht unter anderem um Relevanz statt Lautstärke, die Macht von Sprache und den Umgang mit Populismus, Amazons Sprachassistentin Alexa und das Bingewatch-Verhalten des ehemaligen Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

6. „Vorsicht, Heimat!“
(deutschlandfunk.de)
Die Sieger des 19. Deutschen Karikaturenpreises stehen fest: Greser & Lenz, Til Mette und Hauck & Bauer. Beste Newcomerin ist Sabine Winterwerber. Der „Deutschlandfunk“ präsentiert die Karikaturen der Ausgezeichneten.

Kurz korrigiert (522)

Entweder kennen die Leute bei „Auto Bild“, einem Magazin über Autos und das Autofahren („EUROPAS NR. 1“), die Straßenverkehrs-Ordnung nicht oder sie kennen den Unterschied zwischen einem Nebelscheinwerfer und einer Nebelschlussleuchte nicht:

Ausriss Auto Bild - Erkennen Autos Nebel? Mein Auto hat eine Lichtautomatik - bei Dunkelheit schalten sich die Scheinwerfer selbstständig ein. Erkennt diese Komfortfunktion auch Nebel? Frage von Martin de Buhr, per E-Mail - Antwort der Auto-Bild-Redaktion: Nein, auch die neuesten Sensoren erkennen Nebel nicht. Autofahrer müssen bei Nebel deshalb die Scheinwerfer weiterhin selbst einschalten. Aktivieren Sie dann nur das Abblendlicht. Mit Fernlicht verschlechtert sich die Sicht, weil diese Scheinwerfer in den Nebel hineinstrahlen und ihr Licht von der Wand aus Wassertropfen reflektiert wird. Nebelscheinwerfer sind besser, weil sie die Straße flach ausleuchten. Sie sind aber erst bei einer Sichtweite unter 50 Metern erlaubt. Sonst droht ein Verwarnungsgeld von 20 Euro. Außerdem gilt 50 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit.

Das ist eine der Antworten in der Service-Rubrik „Fragen an die Redaktion“ in der aktuellen „Auto Bild“-Ausgabe. Und sie ist schlicht falsch: Die Nebelschlussleuchte darf man nur dann verwenden, wenn die Sichtweite weniger als 50 Meter beträgt. Andernfalls gibt es ein Verwarnungsgeld von 20 Euro. Den Nebelscheinwerfer darf man auch schon bei Regen, Schneefall oder leichterem Nebel einschalten. Die Straßenverkehrs-Ordnung regelt das in Paragraph 17, Absatz 3:

Behindert Nebel, Schneefall oder Regen die Sicht erheblich, dann ist auch am Tage mit Abblendlicht zu fahren. Nur bei solcher Witterung dürfen Nebelscheinwerfer eingeschaltet sein. Bei zwei Nebelscheinwerfern genügt statt des Abblendlichts die zusätzliche Benutzung der Begrenzungsleuchten. An Krafträdern ohne Beiwagen braucht nur der Nebelscheinwerfer benutzt zu werden. Nebelschlussleuchten dürfen nur dann benutzt werden, wenn durch Nebel die Sichtweite weniger als 50 m beträgt.

Mit Dank an Peter H. für den Hinweis!

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BILDblog-Klassiker

Bravo  

Gaga-Selbstmord

Vorsicht! Ihre Augen könnten jetzt etwas überfordert werden:
Ausriss: "Bravo", Nr. 33 vom 7. August 2013
So sieht sie heutzutage aus, die „Bravo“. Sympathisch, nicht wahr?

Aber nicht nur deswegen ist der „Marktführer bei den deutschen Jugendzeitschriften“ eine echte Herausforderung für die Sinne. Kleine Kostprobe aus der Titelgeschichte („Jus, du Opfer!“):

Allein im letzten Jahr hat er [Justin Bieber] fast 45 Millionen Euro verdient! WTF??! ‚Ne Menge Kohle! Tja, und dass er eine Rich-Bitch ist, lässt der Mädchenschwarm auch raushängen. Mindestens sieben Karren stehen bei ihm in der Garage – alle nach seinen persönlichen Wünschen gepimpt. […] Boah, geht’s noch prolliger? Jup, bei Biebs schon!

Den Rest des Artikels („Billo-Schlampen“, „Asi-Aktionen“, „Ghetto-Freunde“) überspringen wir jetzt mal. Denn ein paar Artikel später wird es noch idiotischer:
Lady GaGa - Selbstmord-GEFAHR! Wie schlecht geht es ihr wirklich?
Für die „Selbstmord-Gefahr“ von Lady Gaga hat die „Bravo“ genau vier Belege:

Nummer eins: Lady Gaga hat abgenommen!
Nummer zwei: Ohne Make-Up sieht man Lady Gagas Augenringe!
Nummer drei: Bei irgendeiner Party wirkte sie „völlig abwesend“!

Und ganz besonders Nummer vier:
[Foto von Lady Gaga, auf dem sie ein Shirt mit der Aufschrift "Suicidal Tenencies" trägt]

Es wird immer schlimmer! Jetzt zeigte sich die 27-Jährige in ihrer Heimatstadt im T-Shirt mit dem Aufdruck „Suicidal Tendencies“ = „Selbstmordgedanken“!

Dieser „Style“ wirke „wie ein Hilferuf“, findet die „Bravo“. Na ja — man kann das Ganze allerdings auch weit weniger dramatisch deuten. Denn „Suicidal Tendencies“ ist eine Band.

Im Text selbst und in der Vorabmeldung der „Bravo“ ist davon nichts zu lesen. Aber immerhin in der Bildunterschrift — die „Bravo“-Leute wussten also ganz genau, dass es sich um ein Bandshirt handelt.

Da kann man nur froh sein, dass Lady Gaga nichts von den „Satanic Surfers“ anhatte. Oder den „Dead Kennedys“. Die Schlagzeilen zu „Fury in the Slaughterhouse“ oder „Pulled Apart By Horses“ hätten uns dann allerdings doch interessiert.

Via PitCam (Facebook).
Mit Dank an caravanshaker.

Unverpixelte Propaganda

Nach der mutmaßlichen Enthauptung des US-Journalisten James Foley durch die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ haben sich die meisten deutschen Medien dazu entschlossen, das Video der Hinrichtung nicht zu zeigen, auch keine Ausschnitte davon.

Damit handeln sie so, wie es auch der Presserat empfiehlt, dessen Geschäftsführer Lutz Tillmanns im Gespräch mit der dpa zu einem respektvollen Umgang mit den Bildern aufgerufen hat:

Die Medien sollten zurückhaltend mit der Veröffentlichung von Fotos umgehen und sich nicht als Propagandainstrument der Terroristen missbrauchen lassen.

Und wenn sie die Bilder doch unbedingt zeigen wollen, etwa die Szenen kurz vor der Ermordung, dann sollte das Opfer dabei „auf jeden Fall unkenntlich gemacht werden“, sagt Tillmanns. „Wer Bilder veröffentlicht, auf denen der Journalist erkennbar wird, macht sich ethisch angreifbar“. Die Würde Foleys stehe im Mittelpunkt. Letztlich müsse sich aber jede Redaktion selber die Frage stellen, wie sie mit solchen Fotos konkret umgehen wolle.

„Spiegel Online“ beantwortete sie so: „Die Bilder zu zeigen, wäre reine Propaganda für den IS“ — darum zeige das Portal sie nicht. Weder Videoausschnitte noch Fotos. Ähnlich argumentieren auch die ARD, das ZDF, die „Süddeutsche Zeitung“, die „FAZ“, die „taz“, „Zeit Online“, RTL und die dpa. Selbst die Online-Portale von „Bild“ und „Berliner Kurier“ haben das Gesicht des Mannes verpixelt.

„Focus Online“ nicht.

„Focus Online“ haut mal wieder alles raus und zeigt in mehreren Artikeln sowohl Standbilder als auch Sequenzen des Videos vor der Enthauptung. Das Gesicht des Opfers ist in keinem Fall unkenntlich gemacht worden.

Dabei schreibt das Portal selbst:

Unterstützer riefen dazu auf, das Video nicht anzuschauen oder zu teilen

Der Satz steht, fettgedruckt, genau unter dem eingebetteten Video.

Mit Dank an Karsten B.

Nachtrag, 22. August: Wir haben gestern Abend bei „Focus Online“ nachgefragt, warum das Portal die Bilder unverpixelt zeigt — eine Antwort haben wir bislang nicht bekommen. Inzwischen sind sie aber gelöscht worden.

Das „heute journal“ hat vorgestern ebenfalls ein Standbild aus dem Video gezeigt, Claus Kleber moderierte es aber mit klarer Einordnung an. Er sagte:

Es gehört zu den perversen Praktiken dieser Milizen, Videos von solchen Gräueltaten als Propaganda zu nutzen. Deshalb zeigen wir davon allenfalls unbewegte Bilder, bei denen die Opfer verdeckt bleiben, um ihre Menschenwürde zu schützen.

Dieses eine Mal haben wir anders entschieden, weil wir die gefasste Haltung von James Foley angesichts seines Todes eine Würde ausstrahlt, die dem fanatischen Killer neben ihm unbegreiflich geblieben sein muss.

Auch „Spiegel Online“, FAZ.net und „Zeit Online“ zeigen — entgegen ihren Ankündigungen — Standbilder aus dem Video. Zumindest indirekt. Sie haben ein Reuters-Video übernommen, in dem britische Zeitungen abgefilmt werden, die die Fotos gedruckt hatten. Das Gesicht Foleys ist nicht unkenntlich gemacht worden — weder von den englischen Zeitungen noch von Reuters noch von den deutschen Medien.

Danke an Christian S., Sascha, Christoph S. und Andreas!

Die Unfuglotsen von Bild.de lassen es wieder beinahe krachen

Puh, da hätte es beinahe mal wieder geknallt, also in der Fantasie der Bild.de-Redakteure.

Ein Amateurfilmer hatte ein, nun ja, Manöver von zwei Passagiermaschinen auf dem Flughafen in Birmingham aufgenommen und das Video bei Youtube hochgeladen. Bild.de hat die Aufnahmen zweimal hintereinandergeschnitten (weil die 21 Sekunden sonst nicht für den Sprechertext gereicht hätten) und ein kleines Drama daraus gestrickt:

Aber wie so oft im Beinahe-Journalismus hat Bild.de eine ganz eigene Interpretation des Beinahe-Geschehens.

Der erste Komplettquatsch steckt in der Behauptung „Zwei auf einer Landebahn“. Bild.de glaubt, dass beide Flugzeuge landen. Aber das stimmt nicht: Das hintere Flugzeug landet, das vorder startet. Der Flughafen in Birmingham hat nur einen „Runway“ in Betrieb, der sowohl für Starts als auch für Landungen genutzt wird.

Der Sprecher im Bild.de-Video sagt über den Piloten der vorderen Maschine:

Weil hinter ihm ein Airbus A320 landen will, startet er kurzerhand durch. Mit seinem bedachten Handeln verhindert er vielleicht ein Unglück.

Um herauszufinden, dass er nicht durchstartet, sondern lediglich startet, hätte ein Blick in die Beschreibung des Originalvideos gereicht:

Landing Airbus A320 and Embraer 195 taking off at BHX showing that pilots and controllers sometimes don’t have very long to make decisions.

Und auch die angeblich gerade noch so verhinderte Kollision auf der Start- und Landebahn ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein Gedankenspiel von Bild.de. Zunächst dürfte die Perspektive der Videoaufnahme — wahrscheinlich von einem relativ weit entfernten Punkt mit einem Teleobjektiv gefilmt — die Situation verzerren und den Abstand der Flugzeuge deutlich geringer erscheinen lassen.

Ein Fluglotse, der an einem deutschen Verkehrsflughafen arbeitet, erklärte uns, dass das Bildmaterial einen Vorgang zeige, „der völlig legal und sicher ist und in dieser Form mehrere hundert Mal täglich allein in Deutschland vorkommt“:

Vorne startet ein Flugzeug, kurz danach setzt dahinter ein landendes Flugzeug auf. Hat das vorausfliegende Flugzeug dabei das Pistenende noch nicht überflogen, spricht man von „Reduced Runway Separation“, also reduzierter Pistenstaffelung.

Um ihre Beinahe-Crash-These zu untermauern, hat sich die Bild.de-Videoredaktion noch einen Beleg ausgedacht. Der Sprecher sagt:

Der Tower hatte den Piloten zuvor mit einem Close Call vor der anderen Maschine gewarnt.

Einen „Close Call“ gibt es in der Fluglosten-Sprache nicht. Der Ausdruck bedeutet „Beinaheunfall“ oder „knappe Sache“ — und steht einzig als Titel über dem Youtube-Video des Amateurfilmers.

Mit Dank an Christian G.!

Brandstifter im Löscheinsatz

Also gut, reden wir noch einmal über die Flüchtlings-Berichterstattung der „Bild“-Zeitung.

Tatsächlich beziehen die „Bild“-Medien seit einigen Tagen ganz klar Position – für Flüchtlinge und gegen Hetze.

So nennt „Bild“ die rassistischen Übergriffe und Hass-Parolen betont „eine Schande für unser Land“; bezeichnet die rechten Idioten unverblümt als „rechte Idioten“; verdeutlicht immer wieder, wie schlecht es vielen Flüchtlingen ergangen ist und immer noch ergeht; zeigt Möglichkeiten auf, wie man persönlich helfen kann; begleitete Flüchtlinge über mehrere Tage auf ihrem harten Weg nach Deutschland.

In der Titelgeschichte von gestern „entlarvt“ die Zeitung „die sieben größten Lügen über Asylbewerber“, zum Beispiel: „Flüchtlinge sind besonders häufig kriminell“ oder „Flüchtlinge kriegen mehr Geld als Hartz-IVler“.

… und zeigt nebenbei, dass sie durchaus in der Lage ist, ihre reißerischen Boulevardmethoden auch für gute Zwecke einzusetzen. Angekündigt wird die Geschichte nämlich so:

Das ist ziemlich clever, denn die düstere Aufmachung lockt wohl am ehesten diejenigen, die sich dahinter eine Bestätigung ihrer Vorurteile erhoffen – aber dann genau das Gegenteil vorfinden.

Gegen all das können und wollen wir auch überhaupt nichts sagen. Nur muss man bedenken, dass die Berichterstattung bis vor Kurzem noch völlig anders aussah. Und dass die „Bild“-Zeitung genau die Vorurteile, die sie heute „entlarvt“, in den vergangenen Jahren immer und immer wieder mit voller Absicht befeuert hat.

Als „Bild“ das letzte Mal „Die Wahrheit“ versprach …

… hatte das Blatt Statistiken verzerrt, Zitate falsch wiedergegeben und wichtige Fakten verschwiegen, um rumänische und bulgarische Armutsflüchtlinge krimineller wirken zu lassen, als sie in Wahrheit waren.

Ohnehin das Thema Ausländer und Kriminalität:

Oder das Thema Ausländer und Hartz IV:

Auch hier hatte „Bild“ entlastende Fakten einfach unter den Tisch fallen lassen, um sich diese „bittere Wahrheit“ zu konstruieren.

Das Blatt führte seine Leser in die Irre, nahm Hetzer in Schutz, ließ Hetzer gewähren, verdrehte die Wahrheit, dachte sich allerlei schlimme Theorien und Szenarien aus und bereitete damit die Kerbe, in die der Rassistenmob heute so wütend reinhackt.

Nochmal: Man kann die „Bild“-Zeitung natürlich dafür loben, dass sie jetzt mithilft, die rechten Geister zu bekämpfen. Man sollte aber immer im Hinterkopf behalten, dass sie jahrelang dabei mitgeholfen hat, sie zu rufen.

Geld verdienen mit dem Tod junger Menschen

Es ist ein großes Glück, dass in der Redaktion der „Bild“-Zeitung so viele feinfühlige Eltern sitzen. Andernfalls hätte die Berichterstattung des Boulevardblatts über den Anschlag in Manchester nämlich ganz anders ausgesehen.

Das ist jedenfalls der logische Rückschluss aus dem, was „Bild“-Ombudsmann Ernst Elitz in der Samstag-Ausgabe schrieb:

In dieser Woche erreichten mich mehrere Zuschriften von Lesern, die meinten, man hätte darauf verzichten sollen, die Fotos der Opfer von Manchester zu zeigen. (…)

Viele Mitarbeiter haben Kinder im Alter der Ermordeten. Und so wurde die Auswahl der Fotos eben nicht nur von Journalisten getroffen, sondern von Müttern und Vätern, die sich fragten: Würde ich mein Kind so zeigen, wenn meine eigene Familie von diesem Grauen betroffen wäre? (…)

Die Auswahl eines jeden Fotos war eine Gewissensentscheidung. Ich finde, das Gewissen der Mütter und Väter in der Redaktion hat bei der Auswahl der Fotos aus Manchester richtig entschieden.

Kurzum, das übliche ElitzUrteil: „Bild“ hat’s richtig gemacht.

Und das dank der „Mütter und Väter in der Redaktion“. Die sollen sich also gefragt haben: „Würde ich mein Kind so zeigen, wenn meine eigene Familie von diesem Grauen betroffen wäre?“ Nun orientiert sich das Persönlichkeitsrecht und das Recht am eigenen Bild und auch der Pressekodex in der Regel nicht an einer hypothetischen Entscheidung des durchschnittlichen „Bild“-Redakteurs. Die richtigere Frage wäre wohl gewesen: „Wollen die Eltern, dass ihr Kind so gezeigt wird?“ Und diese Frage hätten die „Bild“-Mitarbeiter am besten nicht sich selbst gestellt, sondern den betroffenen Eltern.

Haben sie aber nicht gemacht und sich stattdessen entschieden, „Fotos aus den glücklichen Tagen der ermordeten Kinder zu zeigen“. Ernst Elitz verkauft diese Entscheidung beinahe als Wohltat:

BILD entschied auch, Fotos aus den glücklichen Tagen der ermordeten Kinder zu zeigen, damit sie uns mit ihrem Lächeln, ihrer Hoffnung, ihrer Schönheit in Erinnerung bleiben. Als ein Zeugnis der Liebe, das uns von den Terroristen unterscheidet.

Halten wir also schon mal fest: Sollten die Kinder der „Bild“-Mitarbeiter jemals in ein derartiges Unglück geraten — was hoffentlich niemals geschehen wird! –, kann man ohne Bedenken ihre Facebook- und Instagram-Seiten plündern und die dort zu sehenden Fotos ins Internet stellen, Bezahl-Artikel mit ihnen füllen, sie hunderttausendfach drucken. Schließlich haben die „Mütter und Väter in der Redaktion“ die Frage „Würde ich mein Kind so zeigen, wenn meine eigene Familie von diesem Grauen betroffen wäre?“ mit einem kräftigen „Ja!“ beantwortet. Sie haben dabei auf Collagen zurückgegriffen, auf denen Personen zu sehen waren, die zur Zeit des Anschlags nicht mal in Großbritannien waren. Sie haben einen Text über die 18-jährige Georgina veröffentlicht, Titel: „Ausgelöscht!“, der fast ausschließlich aus Postings des Mädchens in verschiedenen Sozialen Netzwerken besteht. Um ihn lesen zu können, braucht man ein „Bild plus“-Abo. Es soll bei solchen Artikeln also darum gehen, ein kleines Denkmal für dieses Mädchen zu errichten, ein „Zeugnis der Liebe“, wie Ernst Elitz schreibt? Nein, es geht ums Geldverdienen mit verstorbenen jungen Menschen.

Die „Bild“-Eltern haben sich auch dazu entschlossen, verletzte Kinder und Jugendliche zu zeigen, die nach dem Anschlag schockiert und verwirrt und voller Panik durch Manchester laufen. Immerhin — das stellt auch Elitz heraus („Die Redaktion entschied dabei sehr bedacht, machte die Gesichter der flüchtenden Kindern unkenntlich.“) — haben sie dabei nicht jedes, aber viele der Gesichter verpixelt.

Fast alle dieser Fotos, die die feinfühligen Mütter und Väter aus der „Bild“-Redaktion unkenntlich gemacht haben, sind auch bei Bild.de erschienen. Dort allerdings bis heute ohne irgendeine Verpixelung. Auch das wäre eine Erkenntnis aus Ernst Elitz‘ Verteidigungsschrift: Bei Bild.de arbeiten offenbar nur Kinderlose ohne Gewissen.

Amoklauf in der Zeitmaschine

In Phoenix im US-Bundesstaat Arizona hat ein Geschworenengericht am Donnerstag einen ehemaligen Polizisten freigesprochen, der einen unbewaffneten, flehenden Mann erschossen hatte. Der Angeklagte, damals noch Polizist, war mit seinen Kollegen in ein Hotel gerufen worden, weil Gäste dort in einem Zimmer eine Person mit einem Gewehr gesehen hatten. Wie sich später rausstellte, handelte es sich um ein Luftgewehr, das ein Mann Bekannten zeigen wollte.

Auf dem Hotelflur trafen die Polizisten auf das spätere Opfer, ohne das Luftgewehr. Die Beamten forderten den Mann auf, sich hinzuknien, die Hände auf den Boden zu setzen und langsam zu ihnen zu kommen. Als der Mann seinen rechten Arm nach oben bewegte, feuerte einer der Polizisten fünf Schüsse ab. Die Bodycam eines Beamten filmte die Situation.

Bild.de schrieb gestern zu dem Einsatz der Polizei:

Screenshot Bild.de - Video zeigt letzte Minuten - US-Polizist erschießt Unschuldigen

Am 18. Januar 2016 alarmieren Gäste des Hotels „La Quinta Inn & Suites“ in Mesa bei Phoenix die Polizei: Sie hätten einen Mann mit einer Waffe am Hotelfenster im fünften Stock beobachtet …

Laut „New York Times“ rasen sechs schwer bewaffnete Polizisten zum Hotel — schließlich ist es erst gut zwei Monate her, dass ein Killer in Las Vegas aus einem Hotelfenster auf Festivalbesucher feuerte und fast 60 Menschen tötete.

Der Satzteil hinter dem Gedankenstrich stammt nicht von der „New York Times“, sondern von Bild.de. Und er ist falsch. Der Amoklauf in Las Vegas, bei dem 58 Menschen ums Leben kamen und mindestens 527 verletzt wurden, ereignete sich am 1. Oktober dieses Jahres, also vor etwas mehr als zwei Monaten. Die Situation, um die es in dem Prozess in Phoenix ging, ereignete sich bereits am 18. Januar 2016, wie auch Bild.de schreibt. Die „sechs schwer bewaffneten Polizisten“, die zum Hotel gerast sein sollen, konnten noch gar nicht vom „Killer in Las Vegas“ wissen.

Immerhin: Das Video, das den Polizeieinsatz im Hotel zeigt, hat die Bild.de-Redaktion so geschnitten, dass die Sequenz mit den tödlichen Schüssen nicht zu sehen ist.

Mit Dank an Andreas W., Dennis S., Matthias B. und Micha für die Hinweise!