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neu  

Wortmonster

“Wortmonster”. So nennt die “Bild”-Zeitung Wörter, die ihr in neuer Rechtschreibung nicht gefallen. “Brennnessel” gehört dazu, vermutlich wegen der drei gleichen Konsonanten hintereinander. Warum “Sauerstoffflasche”, das sowohl nach alter wie nach neuer Rechtschreibung drei gleiche Konsonanten in der Mitte hat, kein “Wortmonster” ist, bleibt das Geheimnis von “Bild”. Aber das ist noch die harmloseste Ungereimtheit im neuen, ungefähr 197. Kapitel des Kampfes von “Bild” gegen die “Schlechtschreibreform”.

42 “Wortmonster”, die in den “Müll” gehören, hat “Bild” auf eine Tafel geschrieben. Links die alte, rechts die neue Rechtschreibung. Die gröbste Verfälschung dabei ist die, dass “Bild” in vielen Fällen so tut, als sei die neue Schreibweise Pflicht, wo sie nur ein Vorschlag ist. Wem “Jogurt” nicht gefällt, der darf auch nach neuer Rechtschreibung “Joghurt” schreiben. Das gilt auch für “Delphin”/”Delfin”, “Thunfisch”/”Tunfisch”, “Mayonnaise”/”Majonäse”, “Portemonnaie”/”Portmonee”, “Chicorée”/”Schikoree”, “Ketchup”/”Ketschup”, “Panther”/”Panter”, “Waggon”/”Wagon”, “Exposé”/”Exposee”, “Facette”/”Fassette”, “Graphit”/”Grafit”. In 12 Fällen sind also die “klassischen” Schreibweisen auch in neuer Rechtschreibung korrekt. Bleiben noch 30 “Wortmonster”.

Eines davon ist das “Blässhuhn”. Das durfte auch früher schon wahlweise “Bleßhuhn” oder “Bläßhuhn” geschrieben werden — hier hat sich nur das “ß” in ein “ss” verwandelt, das ist eigentlich der am wenigsten umstrittene Teil der Reform. Bleiben noch 29 “Wortmonster”.

Aus “hierzulande” wird laut “Bild” “hier zu Lande”, aber das ist ebenfalls eine Kann-Bestimmung. Ebenso verhält es sich mit “selbständig”, das auch weiterhin richtig ist, “selbstständig” kommt nur als Möglichkeit hinzu. Bleiben noch 27 “Wortmonster”.

Aus “bittersüß” soll laut “Bild” “bitter-süß” werden, aber das ist Humbug. Bleiben noch 26 “Wortmonster”.

Darunter sind die beiden merkwürdigen “Bewässrung” und “Erdrosslung”. “Bild” behauptet, das sei neu. Völliger Quatsch: “Bewässerung” und “Erdrosselung” sind wie eh und je richtig, und die Variante ohne “e” steht als selten, aber auch richtig im “Duden”. Bleiben noch 24 “Wortmonster”.

Von denen sind 6 Beispiele dafür, dass kein Konsonant wegfällt, wenn drei gleiche aufeinander treffen. Das war auch bislang schon so, wenn ein weiterer Konsonant folgte (“Sauerstoffflasche”, “Wetttrinken” etc.), aber da hat es “Bild” nie gestört. Lustig ist, dass Bild ausgerechnet das Beispiel “Bettuch”/”Betttuch” auflistet, dabei ist hier die alte Rechtschreibung viel unklarer: Handelt es sich um ein Tuch fürs Bett oder um eines zum Beten? Zieht man auch diese Fälle ab, die man nicht mögen muss, die aber zweifellos eine Vereinfachung der Rechtschreibung darstellen, bleiben noch 18 “Wortmonster”.

Und davon sind noch 5 Fälle, in denen nach neuer Rechtschreibung drei gleiche Konsonanten deshalb aufeinander treffen, weil aus einem “ß” ein “ss” wird, darunter ein Wort wie “Gussstahl”, das ohnehin viel zu selten gebraucht wird.

Und der Rest? Über den darf man natürlich streiten. Aus “fritieren” wird tatsächlich “frittieren”, und “fönen” tut man sich inzwischen wirklich mit “h”. Schlimm.

Noch schlimmer ist höchstens, wenn eine Zeitung sich bei einem Thema, zu dem sie eine so ausgeprägte Meinung hat, so wenig auskennt. (Oder auskennen will.)

Damit war nun wirklich nicht zu rechnen

Welche brandheiße News würden Sie hinter diesem Teaser erwarten:

Ausriss: Bild.de

Dass eine von “Bild” als “Luder” bezeichnete Teilnehmerin der RTL-2-Langweiler-Reality “Big Brother”, die übrigens mit bürgerlichem Namen Natalie heißt, dass also besagte Natalie vor laufenden Kameras heiratet? Nicht? Gut, das wäre nämlich falsch. Mit etwas Fantasie vielleicht, dass Natalie vor laufender Kamera (und damit quasi beinahe “live”) einen Heiratsantrag angenommen hat? Naja – fast.

Den Heiratsantrag gab es zwar – allerdings hat Natalie abgelehnt. Eine Hochzeit findet (vorerst) nicht statt. So bzw. so ähnlich steht’s übrigens auch in der Überschrift des Beitrags, auf den man gelangt, wenn man auf den oben abgebildeten Teaser klickt:

Ausriss: Bild.de

Und um pingelig zu sein: Statt “nein” hat Natalie – zumindest laut Bigbrother.de – “Ich brauche noch ein bisschen Zeit” gesagt, um “möglichst einfühlsam abzulehnen”.

Schnief

“Bild” schreibt:

“Bis zu 90.000 Tote?
Horror-Grippe in Deutschland –
auch den Kanzler hat es erwischt

(…) Bundeskanzler Gerhard Schröder (60) sagte gestern alle Termine ab – Grippe! Was rollt da auf Deutschland zu? Experten rechnen mit bis zu 90.000 Grippetoten.

Die Influenza-Welle breitet sich rasant von Süden und Westen aus. In Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Baden-Württemberg sind bereits Tausende infiziert! Vor allem Kinder sind betroffen!

Das Virus kommt aus Italien, hat dort schon 1,5 Millionen Menschen erwischt. Prominentes Opfer bei uns: Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD).”

Und mal abgesehen davon, dass der “Bild”-Bericht (bewusst oder fahrlässig) hypothetische Warnungen von Wissenschaftlern und aktuelle Meldungen über eine “moderate” Grippewelle vermischt, verschweigt “Bild” ihren rund 12 Millionen Lesern zudem (bewusst oder fahrlässig), was beispielsweise die Nachrichtenagentur AP bereits gestern nachmittag unter der Überschrift “Schwere Erkältung – Aber nicht die gefährliche Influenza” vermeldete: “Eine Erkältung, die häufig mit der Grippe (Influenza) verwechselt wird, hat sich auch Bundeskanzler Gerhard Schröder eingefangen.” Entsprechend zitierte die Agentur auch den Regierungssprecher Bela Anda (“Er hat eine fiebrige Erkältung, auch als Grippe bekannt.”), um anschließend noch einmal ausdrücklich zusammenzufassen:

“Nach Angaben aus der Regierung handelt es sich um einen grippalen Infekt und nicht um die wesentlich gefährlichere Influenza.”

“Bild” und die “Kunstfigur”

Am vergangenen Samstag schrieb “Bild” mal wieder über die Sängerin Michelle. Michelles neue Platte ist seit gestern im Handel, vor ein paar Jahren war sie mal ein paar Jahre lang mit dem Sänger Matthias Reim zusammen, und man könnte meinen, die 32-Jährige hätte der “Bild” (oder in “Bild”) (oder bei “Kerner”) schon so ziemlich alles erzählt, was es so zu erzählen gibt: Abtreibung, Schulden, Brust-OP, “Koma-Kollaps”, Psychiatrie, Selbstmordversuch, Hundediplom… Die Überschrift vom vergangenen Samstag indes lautete:

“Michelle: Für Sex mit Matthias Reim musste ich mich schminken”

Im Text stand dann als O-Ton von Michelle über sich und Reim:

“Wir trafen uns jede Nacht im Bett. Erst später begriff ich, daß er nicht mich, sondern die Kunstfigur Michelle liebte. Warum sonst hatte er vor dem Sex immer darauf gedrungen, ich solle mich schminken mit knallroten Lippen und ein verführerisches Kleid anziehen?“

Gute Frage. Statt einer Antwort steht bei Bild.de nun aber eine Gegendarstellung von Matthias Reim, die sich auf den “Sex”-Text bezieht und mit den Worten endet:

“Hierzu stelle ich fest: Diese Behauptungen entbehren jeglicher Grundlage.

Und man kann an dieser Stelle getrost hinzufügen, was gelegentlich auch andernorts (als “Anm. d. Red.”) unter einer Gegendarstellung zu lesen ist – nämlich, dass die Redaktion verpflichtet ist, eine Gegendarstellung “wie vorgelegt und unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt abzudrucken”. (Siehe beispielsweise auch: HbgPrG, §11) Denn unter Reims Gegendarstellung steht der Zusatz nicht. Stattdessen heißt es:

Matthias Reim hat Recht.
Die Redaktion”

Eine Frage hätten wir aber trotzdem noch: Wenn Reim also Recht hat und die Behauptungen “jeglicher Grundlage” entbehren — wer hat sie sich dann ausgedacht: Michelle oder die Erschaffer der Kunstfigur Michelle?

Todsünde

“Ich habe nichts gegen redaktionell gestaltete Anzeigen, solange sie gekennzeichnet und deutlich unterscheidbar sind”, hat Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des “Bild”-Verlags Axel Springer, gerade im Interview mit dem Fachblatt “Horizont” gesagt. Und außerdem: “Eine für den Leser nicht nachvollziehbare Einflussnahme von Anzeigenkunden auf journalistische Inhalte ist eine Todsünde.”

Aber: Die “journalistischen Leitlinien” Springers würden “das ganze Haus sensibilisieren, dass Verstöße nicht geduldet werden”.

Und tatsächlich erscheint in der “Bild”-Online-Ausgabe neuerdings (allerdings auch erst: neuerdings) an der ein oder anderen Stelle der nützliche Hinweis:

Ausriss: Bild.de
(Originalgröße)

Bis in die Gefälligkeitsrubrik des “Bild”-Partners T-Online hat sich die neue Regelung allerdings noch nicht herumgesprochen. Dort wird unter “Digital leben!”/”Meine Homepage” weiter in redaktioneller Aufmachung u.a. auf “alle Vorteile einer T-Online-Homepage” hingewiesen und unter “T-Online Services”, die wie jede andere Übersichtsseite auf Bild.de gestaltet ist, ohne vorherigen Hinweis direkt auf entsprechende Seiten bei T-Online verlinkt. Todsünde hin oder her.

Nachtrag, 10.2.2005:
Und wenn wir schon (fast) beim Thema sind: Auf der Titelseite druckt “Bild” heute “Die neuen 7 Todsünden”, die “britische Forscher” offenbar im Auftrag der BBC zusammengestellt haben (auf Platz 6: Habgier). Online ist der Beitrag mit dem schönen Hinweis auf die “Bild Volksbibel” bebildert, zusammen mit dem verlinkten Hinweis: “Jetzt kaufen!” Dumm bloß, dass das Stück längst vergriffen ist, wie eine freundliche “Weltbild”-Mitarbeiterin telefonisch bestätigt.

“Ignoranz” wäre auch ein schöner Vorschlag für die neue Todsünden-Liste, oder?

Ausriss: Bild.de

Ach ja: Und die britischen “Forscher”, die die “Studie” mit den “7 neuen Todsünden” im Auftrag der BBC “erstellt” haben, sind genau genommen britische Meinungsforscher, die für die BBC-Religions-Show “Heaven & Earth” eine Umfrage unter 1000 Briten durchgeführt haben.

Mit Dank für den sachdienlichen Nachtragshinweis an Thomas H.

Auf dem Trittbrett ganz vorn: “Bild”

Ein bisschen seltsam ist es schon, was da heute bei Bild.de über Ben Kingsley steht:
Aus Bild erfuhr ich, daß meine Frau fremdgeht
Weiter heißt es dort, “Bild” habe “am 20. Januar über den gehörnten Oscar-Preisträger Sir Ben Kingsley” berichtet. Und:

“Aus der Zeitung erfuhren Millionen Deutsche von der Liebelei. Und Sir Ben Kingsley selbst…

Als die Story erschien, drehte Kingsley (‘Gandhi’) in New York. Eine Freundin wies ihn auf die Geschichte in einer deutschen Zeitung hin – über seine Ehefrau und einen Mann aus Berlin. ‘Ich war tief, tief geschockt, denn bis dahin hatte ich keine Ahnung’, sagte Kingsley der ‘Mail on Sunday’.”

Und seltsam ist der Bild.de-Bericht zunächst mal deshalb, weil Kingsley in der britischen Zeitung “Mail on Sunday”, auf die sich Bild.de ja ausdrücklich bezieht, die “Bild”-Zeitung mit keiner Silbe erwähnt. Stattdessen ist dort von einer “German newspaper” bzw. “Berlin newspaper” die Rede.

Seltsam ist Kingsleys “Aus BILD erfuhr ich”-Zitat auch deshalb, weil bereits am 17. Januar tatsächlich die in Berlin beheimatete Zeitung “B.Z.” (übrigens wie “Bild” ein Springer-Blatt) ein Paparazzi-Foto von Kingsleys Ehefrau Alexandra mit ihrem neuen Freund gedruckt hatte und am 19. Januar sogar ein Interview mit der Kingsley-Gattin, in dem sie sagt: “Ich habe mich von Ben getrennt.”

Die Trennungs-Story schaffte es (mit Quellenangaben wie “German tabloid BZ“) mehr oder weniger schnell in die internationale Klatschpresse und stand selbstverständlich auch in “Bild” — am Erscheinungstag des “B.Z.”-Interviews allerdings noch als vages Gemunkel (“sagt der Mann am Nachbartisch zum BILD-Reporter”), am Tag nach Erscheinen des “B.Z.”-Interviews so:

“Mit einem Zweifach-Nicken beantwortete Alexandra zwei Fragen eines ‘BZ’-Reporters: Sind Sie getrennt? Ist Sammy Ihr neuer Freund? Nick! Nick!”

Illustriert war die “Bild”-Berichterstattung von Christiane “Ich weiß es!” Hoffmann zudem mit besagtem Paparazzi-Foto (Bildnachweis: “BZ Exklusiv-Foto”).

Mit anderen Worten: Es wäre ziemlich unwahrscheinlich schon seltsam, wenn Kingsley von Ende seiner Ehe ausgerechnet “aus BILD erfuhr”, wie Bild.de behauptet.

Aber es wird noch seltsamer.

Anders als bei Bild.de steht nämlich in der gedruckten “Bild”-Zeitung selbst kein Wort davon, dass Kingsley irgendwas “aus BILD erfuhr”! Unter der Überschrift “Jetzt spricht der verlassene Hollywood-Star” wird dort (vom selben Autor wie bei Bild.de) bloß der “Mail on Sunday”-Text zusammengefasst. Und zu der Frage, wie Kingsley auf “Berlins heißeste Affäre” aufmerksam wurde, heißt es schlicht (oder perfide):

“Der Oscar-Preisträger (‘Ghandi’) erfuhr vom Ehe-Ende (BILD berichtete) aus der Zeitung.”

Mit Dank an die Britische Botschaft Berlin für die freundliche Unterstützung.

Nachtrag, 8.2.2005:
In der heutigen “Bild” (Berlin/Brandenburg) heißt es unter der Überschrift “Kingsley gegen Kingsley” übrigens nur noch, Ben Kingsley habe “von der neuen Liebe erst durch ein Foto auf einer Internetseite” erfahren. Und nach einer abermaligen, wenngleich deutlich distanzierteren Zusammenfassung des ursprünglichen “Mail on Sunday”-Artikels heißt es außerdem:

Diese Darstellung lasen gestern auch Alexandra
Kingsley und Sammy Brauner in BILD.

(Hervorhebung von “Bild”)

Nachtrag, 9.2.2005:
Mit Dank an Florian S. für den Hinweis sei hier noch nachgetragen, dass sich mitnichten nur Bild.de (wie zuerst angenommen) die seltsame “Aus BILD erfuhr ich”-Schlagzeile zusammenreimte, sondern dass sie so auch beispielsweise in Köln in der gedruckten “Bild”-Ausgabe stand.

Schauspieler erleben mehr

Jessica Schwarz: Ich habe ein Sex-Tabu gebrochenGeil.

Welches?

Sie hatte schwanger Geschlechtsverkehr. Nun könnte man fragen, ob das wirklich so ein Tabu ist. Muss man aber gar nicht, denn in der Szene, auf die sich “Bild am Sonntag” bezieht, hatte Frau Schwarz weder Sex, noch war sie schwanger. Sie hat in einem Film eine Schwangere gespielt, die Sex hat. Angemessen wäre also vielleicht die Schlagzeile gewesen: “Ich habe ein Film-Tabu gebrochen”.

Lesen Sie demnächst exklusiv in “Bild am Sonntag”:

Anthony Hopkins: “Ich habe Menschen gegessen.”
Charlize Theron: “Ich bin eine Serienmörderin.”
und
Bruno Ganz: “Ich ließ sechs Millionen Juden ermorden.”

Lobbyismus-Alarm bei “Bild am Sonntag”

Am 16. Januar meldete die “Bild am Sonntag”:

“(…) nach BamS-Recherchen stellt sich jetzt heraus: Freilandeier sind seit Jahren immer wieder mit dem krebserregenden Supergift Dioxin belastet!”

Die “BamS” stützte ihre Behauptung auf Messergebnisse aus Bayern, dem baden-württembergischen Kehl und Niedersachsen. Und die “BamS”-Geschichte selbst wurde in quasi allen deutschen Medien weiterverbreitet.

Aber es regte sich auch Kritik – bis in den Deutschen Bundestag.

Am gestrigen Donnerstag nun widmete sich das ARD-Politmagazin “Monitor” dem Thema und fragte:

“Was ist dran an den Zahlen, die ‘Bild am Sonntag’ vorlegte?”

Als Antwort zitiert das Magazin u.a. den bayerischen Gesundheitsminister Werner Schnappauf mit den Worten “Die Meldung der ‘Bild am Sonntag’ traf zu keinem Zeitpunkt zu.” Der Kehler Bürgermeister Jörg Armbruster spricht von “Missbrauch” und “Lobbyismus” und “Monitor” selbst von “schlechter Recherche” bzw. Fakten, die offensichtlich “von der ‘Bild am Sonntag’ verschwiegen” wurden. Insbesondere an der Berichterstattung aus Niedersachsen, wo laut “BamS” “sogar 28 Prozent der Freilandeier über den zulässigen 3 Pikogramm Dioxin” lagen (vgl. hier), sei “alles vollkommen falsch”.

“Monitor” wirft der “BamS” vor, hinter dem “Horrormärchen mit falschen Zahlen” stehe weniger die tatsächliche Gefahr vergifteter Freilandeier als ein für 2007 drohendes Verbot der Käfighaltung von Hühnern, das auf heftigen Widerstand der Käfighaltungslobby stößt, deren unsachliche Argumente wiederum die “BamS” undistanziert kolportierte.

PS: Zwei Tage nach dem “Dioxin-Alarm” der “BamS” hieß es übrigens in einem Experten-Interview bei “Bild”:

Darf ich überhaupt noch Eier essen?
(…) Ja. Denn die gefundene Konzentration des Giftes ist zu niedrig, als daß sie zu Gesundheitsschäden im Körper führen könnte.

Und wie viele Eier pro Tag sind unbedenklich?
(…) Im Prinzip können Sie so viel essen, wie Sie wollen. Selbst bei fünf Eiern sehe ich kein gesundheitliches Risiko.”

neu  

Einsam, abenteuerlichst, unbewiesen

Heute steht einer der lustigsten Texte seit langem in “Bild”.

Mit einer Grundhaltung, die man fast journalistisch nennen möchte, nehmen zwei “Bild”-Autoren ein angekündigtes Buch auseinander, das “schockierende Enthüllungen im Fall Moshammer” verspricht. Wer sich die Homepage zum Buch ansieht, käme kaum auf den Gedanken, dass irgendetwas an dieser “Biographie” ernst zu nehmen wäre, vermutlich ist das meist nicht einmal ernst gemeint. Und auch “Bild” schreibt gleich vorweg, dass die Theorien “abenteuerlichst” und unbewiesen sind — um sie dann in großer, großer Ausführlichkeit zu zitieren. Fazit von “Bild”: Das Buch ist “eine Aneinanderreihung von einsamen Behauptungen”.

Entweder haben sie bei “Bild” Tränen gelacht, als das hingeschrieben haben, in diesem Tonfall ernster Entrüstung. Oder sie haben sich ernsthaft Sorgen gemacht, dass ihnen jemand Konkurrenz machen könnte, mit dem Aufstellen einsamer, unbewiesener, abenteuerlichster Behauptungen. Fassen wir kurz zusammen, was “Bild” seit dem Tod Moshammers einsam, unbewiesen, abenteuerlichst behauptet hat:

  • Der Chauffeur habe Hund Daisy nach Österreich “verschleppt” und plane mit ihr eine quasi lebensgefährliche Gletschertour. (Von einem “Verschleppen” konnte nie die Rede sein; kurz darauf tauchte der Chauffeur wieder auf; die lebensgefährliche Gletschertour blieb anschließend verdächtig unerwähnt.)
  • Der Hund gehe “nicht gern auf Reisen”; seit dem Tod der Mutter sei “Mosi mit Daisy nicht mehr verreist”. (Beide flogen, wie “Bild” inzwischen fröhlich berichtet, andauernd durch die Welt.)
  • Es gebe einen “Riesenwirbel” um Mosis Vermächtnis. (Wirbel machte nur “Bild”.)
  • Daisy werde mit dem Chauffeur in Moshammers Villa einziehen. (Kurz darauf empörte sich “Bild”, dass der Chauffeur nicht in Moshammers Villa einziehen werde.)
  • Der Chauffeur habe den Mörder gekannt. (Beweise dafür ist “Bild” bis heute schuldig.)
  • Moshammer sei mit einem Telefonkabel erwürgt worden. (Als sich herausstellte, dass es ein Stromkabel war, machte Bild.de klammheimlich aus fast jedem “Telefonkabel” rückwirkend ein “Kabel”.)
  • Der “wichtigste Erbe” sei der Chauffeur. (Drei Tage später wusste “Bild”: ein Teilhaber des Geschäftes sei “Alleinerbe”)
  • Hund Daisy sei 11 Jahre alt. (Tja, wer weiß? “Bild” nicht. Eine Woche vorher war sie schon 12.)

Fast möchte man sagen, dass die “Bild”-Berichterstattung frei erfunden oder halb erlogen ist. Aber vielleicht ist das zu hart. Sagen wir es lieber so: Was “Bild” über Moshammer und seinen Tod geschrieben hat, war im Wesentlichen eine Aneinanderreihung von einsamen Behauptungen und abenteuerlichsten Theorien. Manche davon waren sogar nicht nur unbewiesen, sondern im Gegenteil: nachweislich falsch.

“Bild” versteht Rüge nicht

In Sachen Sibel Kekilli ist man bei “Bild” noch nicht bereit, klein bei zu geben. Die Nachrichtenagentur epd berichtet folgendes: Anwälte des Springer-Verlages prüfen derzeit Schritte gegen die einstweilige Verfügung des Berliner Kammergerichts, die dem Blatt (wie gesagt) den Abdruck eines Fotos und einer Bildunterschrift untersagt, durch die die Schauspielerin “in höhnischer Weise herabgesetzt und verächtlich gemacht” worden sei.

Und auch die Rüge des Presserates in dieser Angelegenheit mag man bei “Bild” nicht hinnehmen. Obwohl es “fairer Berichterstattung” entspräche, öffentliche Rügen im Blatt selbst abzudrucken und obwohl der Springer-Verlag in seinen “Journalistischen Leitlinien” ausdrücklich Bezug nimmt auf die publizistischen Grundsätze des Pressekodex, hat “Bild” die inzwischen zwei Monate zurückliegende Rüge nicht abgedruckt. Immerhin hat sich der Verlag aber inzwischen eine originelle Begründung dafür ausgedacht und sie epd genannt:

… aus der Rüge sei für die Redaktion “nicht eindeutig” hervorgegangen, über welche Verfehlungen sie die Leser hätte informieren sollen. Sie habe daher den Presserat gebeten, die Ausführungen zu präzisieren.

Die “Ausführungen” des Presserates, die den “Bild”-Verantwortlichen nicht präzise genug waren, lauteten im Kern:

Natürlich kann über die Vergangenheit einer Schauspielerin berichtet werden. Dabei ist aber zu beachten, dass in der Berichterstattung die Persönlichkeit der Betroffenen nicht mit den Rollen, die sie gespielt hat, identifiziert wird. (…)

Das öffentliche Interesse deckt eine Form der Berichterstattung nicht, in der die Persönlichkeit der Betroffenen auf das reduziert wird, was man über diese in den Klappentexten von Pornofilmkassetten lesen kann.

Zu befürchten ist, dass “Bild”-Veranwortliche das tatsächlich einfach nicht verstehen.

(Weitere Texte zum Thema: Sensation: “Bild” druckt Kekilli-Rüge, Presserat: Mehr Rüge muss nicht sein.)

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