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“Bild” organisiert Upstand

Sie werden es vielleicht nicht gemerkt haben, aber in der vergangenen Woche ist es laut “Bild” zu einem “Künstleraufstand” gekommen, “wie es ihn in der deutschen Musikbranche noch nie gegeben hat!” Nun ja: Ein Dutzend ehemaliger deutscher Teilnehmer am Eurovision Song Contest hatte auf Initiative der Zeitung einen Aufruf an die Sängerin Gracia unterschrieben. Sie solle wegen der Vorwürfe gegen ihren Produzenten, die Charts manipuliert zu haben, nicht am Wettbewerb teilnehmen.

Inzwischen versuchen “Bild”-Redakteure etwas zu organisieren, das sie vermutlich einen Künstleraufstand nennen würden, wie es ihn in der internationalen Musikbranche noch nie gegeben hat. Zu diesem Zweck hat sich “Bild” jetzt die Mühe gemacht, alle Grand-Prix-Teilnehmer dieses Jahres zu kontaktieren. Sie versendet E-Mails, in denen die Künstler aufgefordert werden, gegenüber “Bild” ihren “standpoint” in dieser Angelegenheit deutlich zu machen. Da an den meisten von ihnen der “huge scandal here in Germany” bislang vorbei gegangen sein dürfte, liefert “Bild” in dem Schreiben, das uns vorliegt, eine praktische Kurzzusammenfassung der “Affair” mit:

Gracia only got into the contest because of her good chart-position.

Now that this seems to be a result of manipulation, most Germans don’t want her to represent Germany in Kiev anymore.

Der erste Satz ist falsch, der zweite zumindest unbewiesen.

Sollte es also in den nächsten Wochen in der “Bild”-Zeitung zu einem noch nie dagewesenen, internationalen Künstleraufstand gegen Gracia kommen, wüßten wir, wie “Bild” die Aufständischen rekrutiert hat.

Märchen vom schwulen Pilz


Tja, da wundert sich der Achtklässler. Schwule Killer-Pilze? Das klingt ja nun nicht gerade nach seriöser Wissenschaft. Ist es auch nicht, es ist kompletter Blödsinn. Es stimmt zwar, dass Cryptococcus neoformans (C.n.) ein nicht ganz ungefährlicher Krankheitserreger ist, davon, dass er schwul sei, kann allerdings keine Rede sein. Und das sagt einem ja eigentlich schon das Basis-Wissen Biologie – oder der gesunde Menschenverstand.

(Eine, etwas vereinfachte, wissenschaftliche Begründung wollen wir dennoch nicht unterschlagen: Zunächst mal haben Pilze streng genommen überhaupt keine Geschlechtschromosomen, sondern es gibt auf ihren Chromosomen Regionen, die das Geschlecht bestimmen. Die nennt man “mating type loci”. Auch deswegen unterscheidet sich die Sexualität der Pilze gravierend von menschlicher Sexualität, weshalb es Unsinn ist, hier mit dem Begriff schwul zu operieren. Außerdem verfügen Pilze über zwei verschiedene “mating types” (Paarungstypen). Da wäre “mating type a” und “mating type alpha”. Sexuelle Fortpflanzung zwischen Pilzen kann nur zwischen kompatiblen, also verschiedenen Paarungstyp-Zellen stattfinden. Darin unterscheidet sich C.n. nicht von anderen Pilzarten. Deshalb ist es, selbst wenn man unsinniger Weise das unter 1. gesagte außer Acht lässt, immer noch Quatsch Cryptococcus schwul zu nennen. Warum also kam man bei Bild.de auf die absurde Geschichte? Möglicherweise deshalb: Joseph Heitmann fand heraus, dass die Entwicklung der geschlechtsbestimmenden Regionen auf den Chromosomen von C.n. und deren Anordnung Ähnlichkeiten zum menschlichen Y-Chromosom aufweisen, welches ja bekanntlich mit männlichen Eigenschaften assoziiert wird. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das u.a. deshalb so interessant, weil man an C.n. die genetische Entwicklung von Geschlechtschromosomen studieren und Einblicke in die Ursachen für Unfruchtbarkeit gewinnen könnte.)

Deshalb wissen wir auch nicht, ob Nonsens-Sätze wie die folgenden aus Desinteresse, Dummheit, boshaftem Zynismus entstanden sind – oder schlicht aus Homophobie:

Der hefeähnliche Pilz Cryptococcus neoformans (Foto) ist nicht nur schwul, er zeugt mit seinem gleichgeschlechtlichen Partner sogar jede Menge Nachwuchs!
(…)
Gefährlich! Der schwule Pilz ist ein tödlicher Krankeitserreger. Er befällt den Menschen, verursacht lebensgefährliche Infektionen im Gehirn.
Hervorhebungen von Bild.de

Nachtrag, 22.4.2005:
Leider haber wir übersehen, dass es offenbar tatsächlich neue Erkenntnisse gibt, weshalb dieser Eintrag, so wie wir ihn gemacht haben, nicht stimmt. Wir bitten um Entschuldigung.

Überraschend ist etwas anderes

“Die Geschichte geht so: Da gibt es einen Volker Schäfer aus Kassel. Der ist gelernter Kunstlehrer, freiberuflicher PR-Berater und steht den Grünen nahe. In jeder Beziehung! ‘Das ist mein Lebensgefährte, wir lieben uns’, stellte Grünen-Parteichefin Claudia Roth den Mann aus Kassel vor wenigen Monaten überglücklich vor, nahm ihn mit zu einer Gala beim französischen Botschafter.

So weit, so gut. Überraschend ist etwas anderes: Der ‘Kulturexperte’ Volker Schäfer verdient seit einiger Zeit kräftig Geld nebenbei dazu – als Kommunikationsberater für das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS).”

So ähnlich geht die “Geschichte” noch eine ganze Weile weiter. Und weil sie gestern unter der Überschrift “Amigo-Affäre um Grünen-Chefin Roth – Warum bekam ihr Freund so lukrative Staatsaufträge?” in der “Bild”-Zeitung stand, konnte der Eindruck entstehen, es gebe einen kausalen Zusammenhang zwischen der Beauftragung Schäfers als Kommunikationsberater des BfS und seiner Beziehung zu Roth.

Roth jedoch ließ nach dem “Bild”-Bericht mitteilen, der Eindruck, es gäbe einen kausalen Zusammenhang zwischen der Beauftragung Schäfers als Kommunikationsberater des BfS und seiner Beziehung zu Roth, “entbehrt jeglicher Grundlage”. So heißt es jedenfalls in einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa, die außerdem einen “Bild”-Sprecher zitiert, der sagt, die Fakten in “Bild” seien korrekt und würden nicht bestritten. “Wir haben uns nichts vorzuwerfen” lautet das Resümee bei “Bild”, das allerdings leider nicht so ganz nachvollziehbar ist.

Denn Roth hat nicht nur rechtliche Schritte gegen “Bild” angekündigt, ihr Anwalt weist zudem ausdrücklich darauf hin, Roth habe Schäfer “zu einem Zeitpunkt kennen gelernt, als dieser bereits seit über einem Jahr als Kommunikationsberater für das Bundesamt für Strahlenschutz tätig war”. Und das bedeutet doch, die Fakten in “Bild” (egal wie “korrekt” und “nicht bestritten” sie auch sein mögen) sind derart unvollständig, dass von einer “Amigo-Affäre” womöglich überhaupt gar keine Rede sein kann, oder?

Mit Dank an Max P., CS und Pascal-Nicolas B. für die Hinweise.

Nachtrag, 22.4.2005:
Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet (siehe Netzeitung.de), hat Roth nach Angaben einer Parteisprecherin vorm Landgericht Berlin wegen des “Bild”-Berichts eine Einstweilige Verfügung gegen die “Bild”-Zeitung erwirkt, wonach das Blatt eine Gegendarstellung abdrucken müsse. Weiter heißt es: Das BfS und das Bundesumweltministerium betonten, der Vertrag Schäfers sei einwandfrei, er arbeite projektbezogen seit März 2001 für das BfS. Der Axel Springer-Verlag will dennoch Rechtsmittel einlegen.

“Bild” holt Papst aus der Nazi-Ecke

Die “Bild”-Zeitung. Erst seit einem Tag Papst, und schon alle Hände voll zu tun. Zum Beispiel den Mit-Papst Benedikt XVI. vor fiesen Angriffen zu schützen. Und die sind nirgends schlimmer als im Inland. Außer im Ausland.

Engländer beleidigen deutschen Papst

empört sich “Bild” und regt sich vor allem über die “Sun” auf, die gestern mit der zweifellos grenzwertigen Schlagzeile “Von der Hitler-Jugend zum Papa Ratzi” aufmachte.

“Bild” schreibt:

60 Jahre nach Kriegsende zerrt das Blatt die Jugend des Papstes ins Rampenlicht, drängt ihn in die Nazi-Ecke: “Es gab Fan-Gesänge für den Ex-Feindsoldaten im Zweiten Weltkrieg, der jetzt Papst Benedikt XVI. ist.”

Um zu behaupten, dass die “Sun” den Papst in eine Nazi-Ecke drängt, muss man allerdings, wie “Bild”, den Schluss des “Sun”-Artikels ignorieren. Er lautet:

Er war 14, als er gezwungen wurde, der Hitler-Jugend beizutreten. Später war er deutscher Flak-Helfer — bevor er desertierte.

In ihrem Kommentar fügt die “Sun” in Bezug auf die Position Ratzingers zu moralischen Fragen hinzu:

Wir applaudieren einem Mann, der erkannt hat, dass Werte nicht verhandelbar sind.

Auch skandinavische Zeitungen “verzerren” nach Ansicht von “Bild” Ratzingers Vergangenheit:

Das „Aftonbladet“ (Schweden) schreibt: “Der neue Papst war in Hitlers Armee Kindersoldat. (…) Am Ende packte er es nicht mehr, und er desertierte.”

Fest steht: Der neue Papst war in Hitlers Armee Kindersoldat. Am Ende packte er es nicht mehr, und er desertierte. Offen ist: Welchen Teil dieser Aussage findet “Bild” ehrenrührig?

Allgemein  

Als glaube “Bild” sich selbst

“And if all others accepted the lie (…) — if all records told the same tale — then the lie passed into history and became truth.” (George Orwell, “1984”)
 
Sabine Christiansen beispielsweise hat jedoch nie bestritten, Teilhaberin eines Hundesalons zu sein – im Gegenteil: “Bild” hatte im Dezember 2004 bloß wieder und wieder behauptet, Christiansen bestreite die Beteiligung – und ihren Lesern bis heute die Wahrheit vorenthalten.

Und heute? Heute schreibt “Bild” wieder und wider besseres Wissen:

Ihre Beteiligung hatte für einigen Wirbel gesorgt. Nachdem BILD über ihr neues Geschäftsfeld berichtet hatte, bestritt Christiansen, Teilhaberin zu sein. Sie behauptete, nur die Schirmherrschaft übernommen zu haben. Einen Tag später erklärte das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg, daß Christiansen im Handelsregister sehr wohl als Gesellschafterin eingetragen ist.
(Nachweislich falsche und irreführende Formulierungen gefettet.)

Wie der Blinde vom Sehen

Da freuen sich die Rechtschreib-“Experten” bei “Bild”, und schlagzeilen anlässlich der Vorschläge der Arbeitsgruppe des Rats für Rechtschreibung, einige Regelungen der Rechtschreibreform wieder zu ändern:

Schlechtschreib-Reform: Endlich ändert sich was!

Im Text heißt es dann, der Rat für Rechtschreibung wolle die “schlimmsten Murks-Regeln der Schlechtschreibreform kippen”, und “Bild” behauptet, dass “kaum eine wichtige Neuerung überleben” wird, wofür sie Rechtschreibrats-Mitglied Theodor Ickler als einzigen Kronzeugen heranzieht* (ohne zu erwähnen, dass seine Auffassung nicht ganz unumstritten ist). Nun ja, dass “Bild” (übrigens ebenso wie Ickler) nicht gerade von der Rechtschreibreform begeistert ist, wissen wir ja.

Dass “Bild” weder in neuer noch in “bewährter” oder “klassischer” Rechtschreibung, wie sie es nennt, besonders bewandert ist, wissen wir zwar auch, müssen aber trotzdem mal wieder darauf hinweisen*. Zumal sie vollmundig schreibt: “BILD sagt, was jetzt Sache ist.” Unter anderem sei das die Tatsache, dass “fast alle Wörter” wieder “zusammengeschrieben” werden dürften. Und auch, wenn wir davon ausgehen*, dass “Bild” mit “fast alle Wörter” nur diejenigen Wortgruppen meint, die eine idiomatisierte Gesamtbedeutung haben (so jedenfalls der Vorschlag der Arbeitsgruppe), wirft der Kasten, den “Bild” hier wohl als Service anbieten will (siehe Ausriss), doch einige Fragen auf: Warum taucht beispielsweise auf der “bisher”-Seite der Begriff “kalt stellen” auf, wenn doch nach den “Murks-Regeln” “kaltstellen” richtig ist (außer “Bild” dachte an einen Pudding, den man allerdings auch vor der Reform schon “kalt stellen” musste)? Und warum steht dort “fest nageln”, wenn es doch nach den “Murks-Regeln” “festnageln” heißt? Falsch geschrieben ist übrigens auch “kopf stehen”, da es sich hierbei um eine Zusammensetzung aus nicht verblasstem Substantiv und Verb handelt, die folglich “Kopf stehen” geschrieben wird. Bei “Acht geben” sollen nach dem Änderungsvorschlag beide von “Bild” gegenüberstellten Schreibweisen möglich sein. Ebenfalls nicht begriffen hat “Bild” offenbar, dass “vorher gehen” schon immer getrennt geschrieben wurde, wenn damit “früher gehen” gemeint ist. Wird der Begriff jedoch im Sinne von vorausgehen* gebraucht, wird er, “Murks-Regeln” hin oder her, zusammengeschrieben*.

*) Alle gekennzeichneten Wörter wurden nach den Regeln der reformierten Rechtschreibung zusammengeschrieben.

Kritik ist Blasphemie

Die “Bild”-Zeitung hat viel mit der katholischen Kirche gemein. Beide haben einige Leichen im Keller. Bei beiden schrumpft hierzulande die Zahl der Anhänger. Beide teilen die Welt in Gut und Böse. Beide lieben das Okkulte und stehen der Aufklärung skeptisch gegenüber. Und beide pflegen eine Kultur des Gehorsams, nicht der Diskussion.

Am Montag hatte “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann in einem Kommentar auf Seite 1 über Johannes Paul II. geschrieben:

Ein Papst dieser Art darf, ja muß umstritten sein.

Er meinte damit natürlich nicht, dass über den Papst und seine Entscheidungen gestritten werden darf. Entscheidungen des Papstes sind nicht dazu da, Diskussionen anzuregen, sondern befolgt zu werden. Das weiß auch die “Bild”-Zeitung.

Anfang dieses Jahres hatte der Vatikan noch einmal unmissverständlich deutlich gemacht, dass die katholische Kirche Kondome als Mittel ablehnt, die Aids-Epidemie einzudämmen, an der im vergangenen Jahr weltweit über 3 Millionen Menschen starben:

“Wir akzeptieren den Gebrauch von Präservativen nicht, nicht einmal zur Lösung des Aidsproblems.”

Wer eine andere Meinung hat, ist ein Ketzer und wird von “Bild” mit unnachgiebiger Härte verfolgt. Am 22. Februar 2005 wagte es der Entertainer Jürgen von der Lippe, in einem Interview mit der Münchner “Abendzeitung” Folgendes zu sagen:

(…) was der Papst von sich gibt, streift meiner Ansicht nach den Rand der Schwerkriminalität. Ich finde es einfach schlimm, wenn man zum Beispiel Kondome sogar zur Aids-Prävention oder gar HIV-Kranken verbietet.

Am Tag darauf machte “Bild” ihn deshalb zum “Verlierer des Tages”.

Was ist denn in den gefahren? Jürgen von der Lippe (56), heute als katholischer Priester im TV („Der Heiland auf dem Eiland“), beleidigt den Heiligen Vater, der sich gegen Verhütung ausspricht. (…)

BILD meint: Wohl von Sinnen, von der Lippe!

Von der Lippes Begründung für seine Aussage nannte “Bild” nicht.

Am vergangenen Sonntag wagten es mehrere Menschen in der Talkshow “Sabine Christiansen”, Kritik an der konservativen Linie des verstorbenen Papstes zu üben. “Bild”-Kolumnist Franz-Josef Wagner nennt diese Sendung heute deshalb eine “Schande-Talkshow” und die Papst-Kritiker “böse, rechthaberische Männer”.

Da hackten die Leichenfledderer Heiner Geißler und Hans Küng, linker Theologe, dem der Papst die Lehrerlaubnis entzogen hat, auf den Toten ein.

Zölibat, Kondome, Aids. Frau Christiansen, die Karriere-Frau ohne Kinder, stellte die Frage nach der Rolle der Frau. (…)

Ihre Talkshow, Frau Christiansen, war das Dümmste, was ich jemals sah. Sie verkürzen die Frage des Glaubens nach Karriere und Spaß im Bett. Gott verzeiht, ich nicht.

Eine andere Frage ist es, warum die ARD Ihnen erlaubt hat, auf den Papst zu spucken. Wann waren Sie das letzte Mal in der Kirche, Frau Christiansen?

Natürlich ist der Papst nicht die einzige Autorität, an der sich Kritik grundsätzlich verbietet. Da ist auch noch “Bild”-Kolumnist Franz Beckenbauer, den das Blatt im Jahr 2000, nachdem er die WM nach Deutschlang holte, fast ganzseitig als Denkmal zeigte, mit der Inschrift:

“Dem deutschen Fußballkaiser Franz Beckenbauer zu Dank und ewiger Erinnerung.”

Am vergangenen Wochenende wagte es der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, sich gegen Franz Beckenbauer als Uefa-Präsidenten äußern. Entsprechend diskussionslos ist Cohn-Bendit heute “Verlierer des Tages” in “Bild”.

(Alle Hervorhebungen von uns.)

Nachtrag, 20.45 Uhr. … und der evangelische Bischof Wolfgang Huber ist für “Bild” “Gewinner des Tages”, weil er bei “Christiansen” die “plumpe Papst-Kritik” der anderen Talkshow-Teilnehmer angriff.

Danke an Stefan E. für den Hinweis.

Keine Ahnung

Schlagszeile: Zu alt? Sarah Jessica Parker (40) als Werbe-Idol gefeuert

Die Antwort auf diese Frage könnte lauten: Ja. Oder: Nein. Vielleicht sogar: Keine Ahnung.

Im Bild.de-Bericht über die “Sex and the City”-Darstellerin steht:

“Die US-Modefirma ‘Gap’ machte Sarah Jessica Parker zum 40. Geburtstag ein ganz besonders gemeines Geschenk: Statt Blumen gab’s die Kündigung des Werbevertrags. Ist ‘Carrie’ etwa zu alt für hippe Blue-Jeans?”

Gut möglich, dass Bild.de sich dabei von der dpa inspirieren ließ. Die berichtet:

“‘Sex and the City’-Star Sarah Jessica Parker hat zu ihrem 40. Geburtstag an diesem Freitag kein schönes Geschenk bekommen: Die Kleidermarke Gap gab bekannt, dass sie den Werbevertrag mit Parker nicht mehr fortsetzen (…) wolle.”

Bei Bild.de wäre dann “kein schönes Geschenk” zu einem “ganz besonders gemeinen” geworden und aus einem “nicht mehr fortsetzen” ein “gefeuert”. Außerdem wäre irgendwie verloren gegangen, dass Parker erklärte, die Entscheidung sei “in gegenseitigem Einverständnis” getroffen worden, wie die dpa hinzufügt (siehe z.B. hier).

Vielleicht aber hat Bild.de auch eine ganz andere Quelle genutzt, die sich mit der “Kündigung” sicherer war.

So wie CNN.com, das bereits am 22. März berichtete: “Gap dumps ‘Sex’ star”. Die Überschrift ist inzwischen in “Gap chooses new spokeswoman” geändert worden. Unter dem Beitrag steht:

“Correction: A headline in an earlier version of this story implied that Sarah Jessica Parker was fired by Gap. That was incorrect. CNN/Money regrets the error.”

Übersetzt heißt das soviel wie: Parker wurde nicht gefeuert.

Und damit lässt sich auf die von Bild.de formulierte Frage nun getrost antworten: Keine Ahnung.

Das “Murmel-Satz”-Satz-Dementi

Ja, exklusiv für “Bild” hatte “Bild”-Klatschreporterin Christiane Hoffmann der Hollywood-Schauspielerin Sharon Stone unlängst wohl einfach mal so eine Brust-OP angedichtet, was Sharon Stone hiermit dementieren lässt.

Aber der Reihe nach:

Am 15. März druckte “Bild” fünf Paparazzi-Fotos (online sogar 26!), die Sharon Stone am Strand von Bora Bora zeigten. Zu sehen waren die Fotos tags zuvor bereits in der britischen Boulevardzeitung “The Sun”, und bemerkenswert an ihnen war, wenn man so will, dass sie die Filmschauspielerin (“Basic Instinct”) barbusig zeigten und… na, egal!

Die “Bild”-Überschrift jedenfalls lautete:

Sharon Stone (47): So gut hat ihr Schönheits-Schnippler gearbeitet

Im dazugehörigen Text wurden die Paparazzi-Fotos dann noch wie folgt betextet:

“Obenrum nackig, wie Schönheits-Schnipplers Hand sie schuf. Mit einem hübschen neuen Murmel-Satz.”

Der “Murmel-Satz”-Satz war von Christiane “Ich weiß es” Hoffmann – und er ist frei erfunden, nun ja, bis heute weltexklusiv. Denn davon, dass sich die Hollywood-Schauspielerin jüngst einer Schönheits-OP unterzogen hat, weiß außer Christiane Hoffmann offenbar niemand, will offenbar auch nach der “Bild”-Enthüllung keiner wissen, obwohl doch Sharon Stone bislang zu denjenigen Frauen zählte, die Schönheitsoperationen für sich ablehnen. Noch im Sommer 2004 wurde sie mit Sätzen wie “Ich halte nichts von Schönheitsoperationen für mich persönlich” oder “Ich habe einfach gute Gene und mein ganzes Leben lang die selben Brüste” zitiert. Vielleicht hat sie zum Thema Schönheits-OP auch gesagt: “I don’t need it. I’ve got strong Irish genes. I’ll grow old, taut and tight. Well, maybe when I’m 60. But, I doubt it.” Oder irgendsowas. Und nachdem ein Schönheitschirurg dennoch öffentlich einen gegenteiligen Eindruck erweckt hatte, ließ die Schauspielerin das umgehend zurechtrücken und klagte vor Gericht: “Stone hat niemals ein Gesichtslifting zur Aufwertung ihrer äußeren Erscheinung erhalten”, zitierte nach Bekanntwerden des Rechtsstreits auch Bild.de aus Stones Klageschrift und schrieb dazu: “Sharon Stone (46) ist immer noch eine der schönsten im Promi-Land. Und das auch ohne Schönheits-OP.” Das war im Dezember.

Nun ist es März. Und Sharon Stones Sprecherin Cindi Berger schreibt uns heute schlicht und ergreifend:

sharon stone has NOT had plastic surgery

Man muss das nicht übersetzen. Aber man kann. Oder man paraphrasiert’s. Dann lautete der Satz wohl schlicht und ergreifend: “Bild” lügt.

Die “Bild”-Zeitung bleibt trotz Dementi bei ihrer Darstellung. Auf Nachfrage, woher Frau Hoffmann von Stones Brust-OP erfahren haben will, sagt “Bild”-Sprecher Tobias Fröhlich nur: “Wir nennen unsere Quellen nicht.”

Ist hier irgendwo Geist?

“Bild” schreibt groß über die Entdeckung von Licht ferner Planeten und macht daraus einen gewaltigen Aufmacher. Vielleicht hätten sie jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt.

Es ist einer dieser “Bild”-Artikel, bei denen man gar nicht weiß, ob man wirklich versuchen soll, all die Fehler im einzelnen aufzudröseln, oder es beim pauschalen: “Alles Humbug!” belassen soll. Versuchen wir’s.

Erster Blick in die Unendlichkeit

Es fängt an mit dem Bild. Nein, so hat man ihn nicht gesehen, den fernen Planeten, dessen Licht gerade erstmals gemessen werden konnte. So sieht er auch nicht aus. Das Bild ist eine künstlerische Darstellung der Nasa, wie ein Stern und ein ihn eng umkreisender Planet von der Nähe aussehen könnten, und zwar nicht im normalen Licht, sondern in Infrarotlicht. Es ist ein Modell, ein Symbolbild, wie aus der Veröffentlichung der Nasa deutlich hervorgeht. Nur “Bild” hat das ignoriert überlesen.

Und was schreibt “Bild” treuherzig unter die Abbildung?

Feuerrot umkreist der neue Planet seine Riesensonne.

Nein, tut er nicht. Graubeige sähe er vermutlich aus (wenn man ihn sehen könnte). Und was an dem Planeten “neu” ist, weiß “Bild” allein. Von seiner Existenz wussten die Forscher jedenfalls vorher schon.

Der Autor des “Bild”-Textes hat nicht im Ansatz verstanden, was das Besondere an der Entdeckung der Astronomen ist: Erstmals wurde die Wärmestrahlung, das Infrarotlicht von Planeten außerhalb unseres Sonnensystems gemessen. Der Durchbruch besteht nicht darin, dass man Himmelskörper entdeckt hat, die besonders weit von uns entfernt sind, sondern dass es sich um Planeten handelt, nicht um Sterne. Und was schreibt “Bild”?

Menschheit gelingt erster Blick in die Unendlichkeit

Humbug. Die beiden beobachteten Planeten sind rund 150 bzw. 500 Lichtjahre von uns entfernt. Wenn das die Unendlichkeit ist, hat fast jeder von uns schon diverse “Blicke in die Unendlichkeit” getan, und das mit bloßem Auge: Der helle Polarstern zum Beispiel ist 430 Lichtjahre von uns entfernt.

Weiter bei “Bild”:

Astronomen haben erstmals mit dem supermodernen “Spitzer Weltraumteleskop” (es ist mit Infrarotkameras ausgerüstet) das Licht fremder Welten außerhalb unseres Sonnensystems eingefangen.

Was für ein Quatsch. Das “Licht fremder Welten außerhalb unseres Sonnensystems” kennt jedes Kind. Es nennt es Sternenhimmel.

Am besten an dem “Artikel” ist allerdings die Frage:

Ist hier irgendwo Gott?

Genau: Auf irgendeinem Planeten ein paar Hundert Lichtjahre von uns entfernt sitzt Gott. Vielleicht sollte die “Bild”-Chefredaktion da beim nächsten Besuch beim Papst doch noch einmal genauer nachfragen.

(Fundiertere Berichte zum Thema stehen z.B. hier, hier, hier und hier.)

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