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Stasi-Akten-Recycling mit Verena Becker

Es sah aus wie eine Enthüllung, was die “Bild”-Zeitung gestern zum Thema der wieder verhafteten ehemaligen RAF-Terroristin Verena Becker zu bieten hatte:

Die Akten über Verena Becker und ihre Kontakte zum Verfassungsschutz hält das Innenministerium unter Verschluss. BILD liegen dagegen die Stasi-Akten über Verena Becker vor. Daraus geht hervor: Die RAF-Terroristin, die 1989 begnadigt wurde, soll bereits 1972 Kontakt zum Verfassungsschutz gehabt haben. Also bereits fünf Jahre vor dem brutalen Mord an Buback. Im Aktenvermerk der Hauptabteilung II/2 vom 2. Februar 1978 heißt es: "Es liegen zuverlässige Informationen vor, wonach die B.(ecker) seit 1972 von westdeutschen Abwehrorganen wegen der Zugehörigkeit zu terroristischen Gruppierungen bearbeitet bzw. unter Kontrolle gehalten wird."

“Bild” fragte den Sat.1-Moderator Stefan Aust, was das zu bedeuten habe, und Aust antwortete:

“Wenn sich jetzt herausstellt, dass Verena Becker schon 1972 Kontakt zum Verfassungsschutz hatte, dann muss man diesen Informationen nachgehen.”

Er vermutet “irgendeine Art Deal mit den Ermittlungsbehörden oder dem Geheimdienst”.

Spannende Sache, nur: Da hat sich jetzt nichts herausgestellt. Der Inhalt der Stasi-Akten, aus denen “Bild” zitiert, war erstens längst bekannt und ist zweitens mit größter Wahrscheinlichkeit anders zu interpretieren.

Der Südwestrundfunk berichtete schon im Juni 2007 über die Formulierung, über die “Bild” jetzt gestolpert ist. Die SWR-Reporter Tobias Hufnagl und Holger Schmidt fragten damals, anders als “Bild” heute, sogar bei dem zuständigen Stasi-Mitarbeiter nach, was dahinter steckte.

Nach den Worten Hufnagls bedeutet die Formulierung “von gegnerischen Diensten bearbeitet” nicht, dass Verena Becker schon 1972 in irgendeiner Weise für den Verfassungsschutz gearbeitet habe, sondern nur, dass sie Terroristin sei und von den Diensten als solche behandelt werde. “Unter Kontrolle halten” sei Stasi-Jargon für “beobachten”, als “Terrorist führen”. Auch das Bundeskriminalamt und die Generalbundesanwältin seien zu diesem Schluss gekommen.

Über den Satz aus der Stasi-Akte von Verena Becker ist seit 2007 immer wieder berichtet worden, zum Beispiel im Juli 2007 in der “taz”, im Oktober 2007 in der “Frankfurter Rundschau”, im Dezember 2007 in der “Zeit”, im November 2008 in der “Süddeutschen Zeitung”.

Aber weil die “Bild”-Zeitung im August 2009 so tut, als sei er erstens neu und zweitens spektakulär, glauben es viele Nachrichtenagenturen und Medien. Die Agentur AFP meldete gestern:

Laut “Bild” soll Becker bereits fünf Jahre vor dem Buback-Mord Kontakt zum Verfassungschutz gehabt haben. Die Zeitung zitiert einen Aktenvermerk der Stasi-Hauptabteilung II/2 vom 2. Februar 1978. Dort heißt es dem Blatt zufolge: “Es liegen zuverlässige Informationen vor, wonach die B.(ecker) seit 1972 von westdeutschen Abwehrorganen wegen der Zugehörigkeit zu terroristischen Gruppierungen bearbeitet bzw. unter Kontrolle gehalten wird.”

Die Agentur AP demonstrierte ihre Ahnungslosigkeit mit einer Meldung unter der Überschrift:

Verfassungsschutzkontakt offenbar schon vor Buback-Mord / Laut “Bild” entsprechende Stasi-Akten über Verena Becker.

Und auch die Agentur ddp verbreitete die alte Geschichte unter Berufung auf “Bild” treuherzig als brisante Neuigkeit.

Am Nachmittag brachte AFP immerhin das nüchterne Dementi:

Die Bundesanwaltschaft bezeichnete den in den Stasi-Akten erhoben Vorwurf als bekannt und bereits widerlegt.

Und auch die Stasi-Unterlagenbehörde wies gestern laut “FAZ” darauf hin, “dass nach ihrer Lesart der Akte Frau Becker das Objekt, nicht die Kontaktperson für Aktivitäten des Verfassungsschutzes gewesen sei”.

Schöne Medienwelt: Am Montag bringt “Bild” eine alte und grob irreführende Geschichte. Am Dienstag steht sie in ungezählten vermeintlich seriösen Medien.

Heinze, Tatort, Ditz

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Suspendierte ‘Tatort’-Chefin kaufte auch eigene Drehbücher ein”
(spiegel.de, Markus Brauck)
NDR-Fernsehfilmchefin Doris Heinze kaufte Drehbücher von sich selbst ein und machte sich dabei jünger. Ein fiktiver Lebenslauf von Heinze steht im ARD-Presseheft: “Marie Funder-Donoghue, geboren 1981 in Heidelberg, studiert Wirtschaftswissenschaften und Jura in Dublin, lebt mit Ehemann David und Sohn Sean an der Ostküste, schreibt Kurzgeschichten.”

2. “Wird der Tatort abgesetzt?”
(cicero.de, Josef Girshovich)
Josef Girshovich macht sich Gedanken über die Zukunft des ARD-Krimis “Tatort”: “Wie soll man es, lieber NDR, mit Heinzes Kreationen halten? Heinze ist Spiritus Rector von Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) und Borowski & Jung (Axel Milberg, Maren Eggert). Können aber diese Kommissare nach einem solchen Skandal noch rechtschaffen ermitteln?”

3. “German Viewers Love Their Detectives”
(nytimes.com, Michael Kimmelman, englisch)
Auch die “New York Times” schreibt über den “Tatort”: “Crimes happen in distinctly German locales like the little city garden plots called schrebergarten, where nature-loving Germans grow their own tomatoes and show off their odd taste for plastic gnomes. The ‘Tatort’ detectives in Cologne invariably stop at their favorite büdchen, the little beer and bratwurst stands typical of the Rhineland.”

4. “Autorisierung: DJV mahnt fairen Umgang an”
(djv.de)
Der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken erklärt in einem (autorisierten?) Zitat, dass eine Autorisierung nur sachliche Darstellungsfehler korrigieren sollte: “Das nachträgliche Glätten von Interviews schadet dem kritischen Journalismus. Interviewpartner aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dürfen das Instrument der Autorisierung nicht missbrauchen, um aus Interviews nachträglich Werbebotschaften in eigener Sache zu machen.”

5. Interview mit Rüdiger Ditz
(onlinejournalismus.de, Michael Soukup)
Spiegel.de-Chefredakteur Rüdiger Ditz fragt sich, warum sein Medium ein Vorreiter von Bezahlinhalten sein soll: “Wir sind das Erfolgsmodell im deutschsprachigen Raum. Für Spiegel Online hat sich das reine Werbefinanzierungsmodell bisher ausgezahlt, wir können uns ohne Gebührenpflicht sehr gut refinanzieren.”

6. “I Love Free Food!”
(probablybadnews.com)
Manchmal scheitert kontextbezogene Werbung.

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Von Außerirdischen und Unterirdischem

Man kennt das von Kindern, wenn sie sich hinstellen und mit “Komm doch! Komm doch!”-Rufen provozieren — entweder weil sie sich in Sicherheit fühlen oder auch aus reiner Lust, es einmal drauf ankommen zu lassen, was in die Fresse zu bekommen.

Ungefähr in einer solchen Stimmung müssen sie in der vergangenen Woche bei “Bild” gewesen sein, als sie sich entschieden, als Teil einer rekordverdächtig dummen Serie des “Bild”-Außerirdischen-Beauftragten Attila Albert über Ufos und anderen Mystery-Quatsch den Anwalt Johannes Eisenberg zu zeigen und als “Alien” zu bezeichnen:

(Genau dieselbe Witz-Idee hatte “Bild” schon einmal im Frühling 2005; damals präsentierte das Blatt ebenfalls unter der Überschrift “Sind die Aliens schon unter uns?” Daniel Küblböck, Djamila Rowe, Michael Jackson, Reiner Calmund, Prinz Charles, Tatjana Gsell und Susan Stahnke als Indizien für außerirdisches Leben auf der Erde. Aber das nur am Rande.)

Jedenfalls kann es niemanden bei “Bild” überrascht haben, dass Eisenberg juristisch gegen die Veröffentlichung seines Fotos und Beschreibung als “Alien” vorgeht. Den Anwalt und die Zeitung verbindet eine lange Geschichte. Eisenberg hat viele Politiker, Prominente und Nicht-Prominente, die sich gegen falsche oder unzulässige “Bild”-Berichte wehrten, vertreten. Er verteidigte auch die “taz”, als “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann Schmerzensgeld für eine Satire über eine (erfundene) missglückte Penis-Verlängerungs-Operation forderte. Vor allem aber ließ er “Bild” schon einmal gerichtlich untersagen, sein Foto zu zeigen, und erstritt ein “empfindliches Schmerzensgeld”.

Eisenberg hatte 1998 einen libanesischen Straftäter, dessen Fall in Berlin Aufsehen erregte, presserechtlich vertreten und u.a. mehrere Gegendarstellungen von “Bild” gefordert. Die Zeitung reagierte darauf demonstrativ mit der Veröffentlichung von Eisenbergs Foto und suggerierte, dass er mit seinem Mandanten sympathisiere. Das Landgericht Berlin sah darin eine schwerwiegende Persönlichkeitsrechtsverletzung: “Bild” habe Eisenbergs Recht am eigenen Bild “mit besonderer Hartnäckigkeit verletzt”, und zwar “in der Absicht, den Kläger davon abzuhalten, für seinen Mandanten A. Gegendarstellungs- und Unterlassungsansprüche geltend zu machen, obwohl ihre Angriffe auf Herrn A. äußerst scharf und teilweise unter Behauptung falscher Tatsachen geführt wurden.” Eisenberg habe nach der Veröffentlichung Morddrohungen erhalten, die “nur mit der Berichterstattung der Beklagten über den Kläger erklärt werden” könnten, so das Gericht.

Das ist über zehn Jahre her, aber vielleicht nicht ganz unwesentlich, um zu beurteilen, was es bedeutet, wenn “Bild” ein Foto von Johannes Eisenberg zeigt und behauptet, er sei ein “Alien”, das sich als “Anwalt tarnt” und “gegen investigative Medien kämpft”.

Die “Welt am Sonntag” hingegen, die gestern über das Vorgehen Eisenbergs gegen die Schwesterzeitung berichtete, nennt die Alien-Geschichte von “Bild” eine “Satire” und schließt daraus, dass Eisenberg Humor fehlt (was natürlich nicht falsch sein muss).

PS: Die Provokation des von ihr verhassten Berliner Anwaltes findet sich exklusiv in der Berlin-Brandenburger Ausgabe von “Bild”. Überregional nimmt Dirk Bach seinen Platz in der, äh, satirischen Aufzählung ein (siehe Ausriss links).

Wahl-arithmetische Verrenkungen

Das Ergebnis der thüringischen Landtagswahl hat nicht nur viele Politiker etwas ratlos zurückgelassen — auch einige Journalisten haben den Überblick verloren:

Mit Althaus’ Wunschpartner FDP allein ist eine Koalition nicht möglich. Denkbar wäre ein Dreier-Bündnis mit den Grünen (“Jamaika”).

schreibt etwa Bild.de und übersieht dabei, dass die drei Parteien gemeinsam auf 43 Sitze im Erfurter Parlament kommen. Bei den 88 Sitzen dort bräuchte man aber mindestens 45, um die Mehrheit zu haben.

Genau diese 45 Sitze hätten Linkspartei und SPD zusammen, was Bild.de allerdings nicht davon abhält, mehrfach auf die Option eines rot-rot-grünen Bündnisses einzugehen. Das hätte zwar die komfortablere Mehrheit von 51 Abgeordneten, aber reichen täte eben auch rot-rot.

Die Möglichkeit einer Zweier-Koalition entging zudem nicht nur dem “Heute Journal” (ab 4:45 Min.), auch “Spiegel Online” hat sie übersehen:

Rot-Rot-Grün wird im neuen Parlament eine rechnerische Mehrheit haben, dann wäre die CDU in der Opposition.

Das ist ja nicht falsch, aber die “rechnerische Mehrheit” hätte eben schon Rot-Rot.

Mit Dank an Gerald.

So macht man einen Zeugen zum Komplizen

Das muss ein ziemlicher Schock gewesen sein für den preisgekrönten Regisseur Torsten C. Fischer, als er gestern in die “Welt” gesehen hat. Denn die Zeitung hat ihn kurzerhand zum Komplizen in einem krimireifen Fall gemacht, der den NDR und die deutsche Fernsehspiel-Branche gerade erschüttert.

Die langjährige NDR-Fernsehspielchefin Doris J. Heinze hat ihrem Mann offenbar heimlich Drehbuchaufträge verschafft. Er soll in den vergangenen acht Jahren fünf Fernsehfilme unter dem Pseudonym “Niklas Becker” geschrieben haben und bekam für die Pressehefte sogar eine erfundene Biographie. Die “Süddeutsche Zeitung”, die den Fall aufgedeckt hat, sieht viele weitere Ungereimtheiten und spricht davon, Heinze habe “jahrelang ein System der Vetternwirtschaft betrieben”.

Die “Welt”-Chefreporterin Martina Goy aber schreibt in der Samstagsausgabe des Blattes leichthin:

Dass es (…) Mitwisser gegeben haben muss, zeigt die Co-Autorenschaft beispielsweise des Regisseurs und Drehbuchautors Thorsten [sic] C. Fischer am TV-Film “Katzenzungen” aus dem Jahr 2003, den er gemeinsam mit “Niklas Becker” schrieb.

Ja, das könnte man vermuten. Die “Süddeutsche Zeitung” hat sich aber, im Gegensatz zur “Welt”, nicht auf den bloßen Anschein verlassen. Sie schrieb am selben Tag über den Regisseur:

Als er den Film “Katzenzungen” drehte, fand er das Drehbuch des ihm unbekannten Autoren Niklas Becker miserabel, schrieb es völlig um. Kein Satz blieb. Das sei in Ordnung, versicherte Doris Heinze. Auch Fischer wollte mit dem Autoren reden, doch der war nie zu sprechen oder in Übersee verschollen. Wer sich nach Becker erkundigte, hörte oft, Becker lebe sehr einsam und habe kein Telefon.

Das wäre — insbesondere da andere Regisseure ähnliche Erfahrungen gemacht haben sollen — zumindest eine plausible Erklärung, die die “Welt” nicht zu kennen scheint. Doch nachdem sie Fischer schon für mitschuldig hält, fügt sie noch hinzu:

Pikant dabei: Fischer war zuvor von Doris J. Heinze in einem Brancheninterview als Talent gelobt worden. “Wir haben insbesondere norddeutsche Talente immer gefördert und sehr früh darauf hingearbeitet, ihre Filme primetimefähig zu machen”, sagte sie dort. “Das ist häufiger als gedacht auch gelungen. Angelina Maccarone, Hans-Erich Vieth und Thorsten [sic] C. Fischer sind nur einige Beispiele.”

Was ist daran “pikant”? Dass der Mann Talent hat, findet nicht nur Heinze. Torsten C. Fischer ist ein angesehener Regisseur, war Assistent bei Dominik Graf, wurde schon in den Jahren 2000 und 2003 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.

So leichtfertig macht die “Welt” offenbar ohne Recherche einen Mann zum Komplizen und erledigt ihn als Regisseur gleich mit.

Mit Dank an Bernd Kling!

Heinze, Finanzen100, Kuba

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Tatort ARD”
(sueddeutsche.de, Nicolas Richter und Hans Leyendecker)
Der NDR trennte sich am Donnerstag von Doris J. Heinze, gemäss “Süddeutscher Zeitung” eine “sehr einflussreiche Leiterin der Fernsehfilmabteilung”: “Die 60-Jährige hatte jahrelang ein System der Vetternwirtschaft betrieben.”

2. “Wir machen es (uns zu) einfach”
(print-würgt.de, Michalis Pantelouris)
Michalis Pantelouris hat “noch nie so viel Gejammere gehört wie in der letzten Zeit”: “Wir sind nicht auf Kuba. Kein Staat, kein Verleger und keine materielle Not hindern uns daran, geilen Journalismus zu machen. Und wenn ich als Freier mir angucke, wie früh manche festangestellte Redakteure nach Hause gehen, dann fehlt uns nicht einmal die Zeit.”

3. “Sterbende Zeitungen: Verschwindet endlich die Journaille?”
(konkret-verlage.de, Michael Hahn)
“Konkret”, nach eigenen Angaben “die einzige linke Publikumszeitschrift Deutschlands”, schreibt über die Zeitungskrise: “Daß Journalisten massenhaft entlassen werden, hat schon in den boomenden neunziger Jahren begonnen, als immer mehr Verlage an die Börse gingen oder von großen Konzernen aufgekauft wurden. So ist die Redaktion der ‘Los Angeles Times’ heute nur noch halb so groß wie vor 15 Jahren.”

4. “Finanzen100: Was Google kann, können wir auch”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Finanzen100, ein neues Finanzportal der Burda-Tochter Tomorrow Focus, wird als “Kernangebot zunächst aggregierte Informationen aus fremden Quellen” anbieten. Thomas Lückerath fragt nach der Doppelmoral – hatte doch Verleger Hubert Burda noch letzten Monat derartige Vorgehensweisen bei Google angeprangert und sogar Geld dafür gefordert.

5. “Online-Kommentare: Mehr löschen oder nicht?”
(30jahre.taz.de, Sebastian Heiser)
Die “taz” weiß nicht recht, ob sie mehr oder weniger Leser-Kommentare online gehen lassen soll und stellt Meinungen von Lesern dazu zur Diskussion. Eine lautet: “Gustave Flaubert habe einmal gesagt, er sei gegen die Einführung der Eisenbahn, weil sie es noch mehr Leuten gestatte, zusammenzukommen und zusammen dumm zu sein. Womit alles wesentliche zum Internet (und erst recht zu all seinen Mitmachfunktionen) gesagt ist.”

6. Der geduldigste Reporter
(break.com, Video, 2:20 Minuten)
Aus Prag berichtet ein Journalist mit Nerven aus Stahl. Ein echter Profi.

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Die Springers bei der Ackermann-Sause (3)

Wer so flexibel mit der Wahrheit umgeht wie die “Bild”-Zeitung, kann Widersprüche nicht immer vermeiden.

“Bild”, 16. Januar 2009:

Es war einer der gesellschaftlichen Höhepunkte im Leben des Josef Ackermann: Seinen 60. Geburtstag feierte der Deutsche-Bank-Chef im 8. Stock des Kanzleramts – auf Einladung von Angela Merkel. Sogar die 25 Gäste für das Abendessen im April 2008 durfte der Jubilar selber aussuchen. So viel Ehre wurde wohl noch keinem anderen Manager zuteil.

“Bild”, 26. August 2009:

Merkel gab am 22. April 2008 ein festliches Essen — zu Ehren des zwei Monate zuvor 60 Jahre alt gewordenen Josef Ackermann. Und wie das bei Einladungen im Kanzleramt häufiger der Fall ist, durfte der Geladene Vorschläge für die Gästeliste machen. (…)

Essen wie dieses finden häufig statt. Die Kanzlerin trifft sich mit Managern wie Gewerkschaftern, Künstlern wie Autoren. (…) Und öfters bittet Merkel den einen oder anderen Geladenen um Vorschläge für weitere interessante Gäste.

Ein und dieselbe Veranstaltung ist einzigartig, wenn es darum geht, dem Deutsche-Bank-Chef und Springer-Großaktionär zu schmeicheln, und alltäglich, wenn die Kanzlerin aus der Schusslinie gebracht werden muss. Aber das ist ja nicht das erste Mal, dass “Bild” seine Darstellung abrupt ändert, wenn es der guten Sache dient.

Die Online-Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” fügt der Geschichte, wie die Springer-Zeitungen mit dem Fall Ackermann umgehen, noch weitere Details hinzu. Zum Beispiel, was passiert sei, als herauskam, dass an Merkels Empfang für Ackermann nicht weniger als drei hochrangige Springer-Mitarbeiter teilnehmen durften:

Von diesem Zeitpunkt an scheinen sämtliche Springer-Blätter das Interesse an der Geschichte schlagartig verloren zu haben. Ein Abgeordneter der Opposition berichtet, am Dienstagmorgen hätten ihn die Vertreter der Springer-Presse noch “die Bude eingerannt”, als dann aber die Liste mit den Teilnehmern raus war, “wollte keiner mehr was wissen”.

“Welt”, “Berliner Morgenpost”, “Hamburger Abendblatt”* und “B.Z.” haben die Leser ihrer Zeitungen bis heute nicht informiert, dass ihr Vorstandsvorsitzender und ihre Verlegerin bei dem umstrittenen Abend dabei waren — dabei trägt der Kommentar von “Welt”-Chef Thomas Schmidt zum Thema sogar den vielversprechenden Titel “Villa Merkel und ihre Gäste”.

*) Korrektur, 18:15 Uhr. Das “Hamburger Abendblatt” hat die Teilnehmer aus dem eigenen Haus gestern genannt. Entschuldigung!

Jackson, Landesbanken, Pollmer

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “RTL trickst ‘Bild’ & Co. mit Michael-Jackson-Fake-Video aus”
(bartlspielt.de)
Am Dienstag war auf YouTube ein Video zu sehen, in dem jemand, der an Michael Jackson erinnert, aus einem Leichenwagen steigt. Das Video online gestellt hat der TV-Sender “RTL” für einen Bericht des Boulevard-Magazins “Explosiv” namens “Wie leichtgläubig sind Verschwörungstheoretiker?”, der heute Abend um 18 Uhr gezeigt wird. Bild.de berichtete darüber und zeigt sich nun enttäuscht.

2. “Kaum Auskünfte – Sonderzahlungen bei den Landesbanken”
(ndr.de, Video, 6:49 Minuten)
Ein Report der medienkritischen Sendung “Zapp” über das große Schweigen bei den deutschen Banken.

3. Udo Pollmer besucht Journalistenschüler
(axel-springer-akademie.de, Nina Trentmann)
Der Ernährungsexperte Udo Pollmer warnt Journalistenschüler der Axel-Springer-Akademie vor “Skandal-Studien” und bringt ihnen bei, “wie manipulierbar wissenschaftliche Untersuchungen sind”. “Quatsch” sei zum Beispiel “der von Journalisten viel zitierte Body Mass-Index” – “genauso gut könne man bei einer Frau die Körbchengröße mit dem Schädelumfang verrechnen, um den IQ zu bestimmen.”

4. “Der neue alte Journalismus”
(kaliban.de)
“Ich sorge mich nicht um den Journalismus. Bedarf gibt es in dieser komplexen Welt genug. Man wird, jetzt und in Zukunft, seine Zielgruppen finden, wenn man Journalismus als Service versteht. Wenn man seinen Lesern objektiv und verständlich die Welt erklärt. Wenn man sich vorurteilsfrei bemüht, die Stärken jedes Medienkanals zu nutzen. Wenn man die Leser ernst nimmt und auf sie hört.”

5. “Briefkasten leer”
(presseverein.ch/blog)
Als hätten die Schweizer Zeitungsverlage nicht schon genügend Probleme, erhalten sie jetzt auch noch ein Ultimatum der Verträger ihrer Blätter. Rund 60 Zeitungsverträgerinnen und -verträger versammelten sich um 4 Uhr morgens vor dem Zürcher Volkshaus und verlangten eine Rücknahme der angekündigten Lohnsenkungen von bis zu 20 Prozent.

6. “25 things journalists can do to future-proof their careers”
(econsultancy.com/blog, englisch)
Was Journalisten tun können, um ihre Karriere in Zukunft zu sichern.

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Was Gerhard Schröder alles sagte

Die Ackermann-Sause ist nach einigen Anlaufschwierigkeiten inzwischen auch ein größeres Thema für “Bild”:

Das Abendessen für Josef Ackermann im Kanzleramt: Schröder und Steinbrück unterstützen Merkel!

Überraschend erhielt die Kanzlerin gestern Beistand von ihrem Vorgänger. Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD): “Mit der Veranstaltung für Herrn Ackermann habe ich kein Problem!”

Schröder verteidigte auch die gestiegenen Ausgaben im Kanzleramt für Bewirtungen: “Die Erhöhung ist in Ordnung. Schließlich leben wir nicht in einer Bananenrepublik und man sollte seine Gäste ordentlich bewirten.”

Gesagt hat der Altkanzler das bei “Spiegel Online”.

Laut gleichem Artikel sagte Schröder mit Blick auf die Vorwürfe, er habe in zwei Jahren “533.000 Euro Spesen” gemacht, übrigens auch:

“Es ist eine allgemeine Erfahrung, dass sich die ‘Bild’-Zeitung in Wahlkampf-Zeiten vor den Karren der Union spannen lässt”, sagt Schröder. “Das ist ein durchsichtiges Manöver.”

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Die Springers bei der Ackermann-Sause (2)

Übrigens ist die Deutsche Bank seit vergangenem Dezember Großaktionär der Axel-Springer-AG.

Das ist vielleicht keine ganz unwesentliche Information, um zu verstehen, wie “Bild” mit dem Abendessen umgeht, das Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Jahr zum 60. Geburtstag des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann ausrichtete. (Unter den 25 Gästen waren zufällig auch drei hochrangige Springer-Vertreter.)

Anders als ungefähr immer bei ähnlichen Anlässen mag “Bild” die Empörung diesmal nicht teilen oder sich gar an die Spitze der Entrüstungskarawane stellen. Gestern hat sie das Thema (wie berichtet) ganz ignoriert. Heute räumt sie ihm breiten Raum ein.

Im Leitartikel kommentiert Einar Koch haarscharf am Thema vorbei:

Wenn die Kanzlerin der größten Wirtschaftsnation Europas nicht einmal mehr 25 wichtige Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur zum Abendessen einladen darf — dann gute Nacht, Deutschland!

(Der Name Ackermann und die Tatsache, dass sein Geburtstag Anlass für die Einladung gewesen sein soll, kommt in dem Kommentar nicht vor.)

Hugo Müller-Vogg fragt:

Wer darf auf Steuerzahlers Kosten im Kanzleramt dinieren*? *festlich essen

Er beantwortet die Frage nicht, sagt aber, Gäste wie Verlegerin Friede Springer, “FAZ”-Herausgeber Frank Schirrmacher, “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann und der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann kämen “häufiger ins Kanzleramt”.

Und “Bild”-Autor Dirk Hoeren enthüllt, dass “auch Merkels Vorgänger, Gerhard Schröder (SPD) die Möglichkeit [solcher Bewirtungen] häufig nutzte” und rechnete vor, dass dessen “Spesen” sich 2004 und 2005 auf insgesamt 533.000 Euro beliefen. Dass der entsprechende Etat unter Merkel offenbar erhöht wurde, erfährt der “Bild”-Leser nicht.

Anders als bei, sagen wir: der Dienstwagen-Affäre von Ulla Schmidt oder Wolfgang Thierses 60. Geburtstag vor sechs Jahren, scheinen “Bild” die konkreten Kosten, die bei dem umstrittenen Empfang für Ackermann anfielen und die das Kanzleramt bislang nicht nennen wollte, nicht einmal zu interessieren.

Das ist einerseits erstaunlich für “Bild”, eine solche Chance zur (gerechtfertigten oder ungerechtfertigten) Skandalisierung nicht zu nutzen. Und andererseits vielleicht auch nicht — für ein parteinahes Stieftochterblatt der Deutschen Bank.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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