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Holofernes, Spiegel, Guttenberg

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “BILD-Zeitung wirbt mit Holofernes-Absage”
(blogs.taz.de/hausblog, Sebastian Heiser)
Im Hausblog erklärt Sebastian Heiser, warum die “taz” eine ganzseitige Anzeige von “Bild” veröffentlicht: “Weil die BILD-Zeitung uns dafür bezahlt. Laut unserer Anzeigenpreisliste kostet eine ganzseitige, vierfarbige Anzeige unter der Woche 12.555 Euro. Das sind schon ein paar Monatsgehälter für einen taz-Mitarbeiter. Daher drucken wir auch Anzeigen von Atomkraftunternehmen wie Vattenfall oder von Ölkonzernen wie BP.” Das Interview mit Judith Holofernes führte Josef Winkler.

2. “Kampagnenjournalismus”
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Lukas Heinser macht sich Gedanken zur Absage von Judith Holofernes: “Ein Vorwurf, der immer mal wieder aufkam, lautete, mit ihrer Antwort hätten Wir Sind Helden ‘Bild’ nur noch mehr Aufmerksamkeit verschafft. Mit der gleichen Logik könnte man Greenpeace vorwerfen, indirekte PR für BP zu machen. Das alte Mantra ‘Any PR is good PR’ steht im Raum, das ich für ziemlichen Unfug halte. Fragen Sie mal Jörg Kachelmann, welche Auswirkungen die ständige Erwähnung seines Namens in den Medien während der letzten elf Monate auf dessen Karriere und Leben gehabt haben!”

3. “Neu bei Bildblog: Der Spiegel”
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz hat die aktuelle “Spiegel”-Titelgeschichte “Bild – Die Brandstifter” auf dem iPad gelesen: “Der gesamte Titel liest sich wie eine Zusammenfassung der besten Bildblog-Geschichten der letzten zwei Jahre, garniert mit ein paar eigenen Einschätzungen und ein paar Hintergrundgesprächen, beispielsweise mit Ottfried Fischer, den man dann mit Sätzen zitiert, die schon etliche Male auch anderswo zu lesen waren.”

4. “Warum liebt die ‘Bild’-Zeitung Guttenberg so sehr?”
(dradio.de, Dieter Kassel)
Ex-“Bild-am-Sonntag”-Chefredakteur Michael Spreng glaubt, die “Bild”-Chefredaktion unterstütze Karl-Theodor zu Guttenberg “aus eigener Überzeugung und aus kaufmännisch-wirtschaftlichem Kalkül”. “Schlagzeilen mit Guttenberg verkaufen sich besser als Schlagzeilen über Thomas de Maizière, das liegt auf der Hand.”

5. “Der Liebling der Medien”
(taz.de, Petra Hemmelmann)
Petra Hemmelmann wertet Medienberichte über Guttenberg aus: “Einen echten Fanclub scheint der Minister in der Redaktion des ‘Focus’ zu haben. Neun von zehn Bewertungen fielen zugunsten Guttenbergs aus, damit war das Nachrichtenmagazin mit Abstand das Medium mit der deutlichsten Positiv-Haltung.”

6. “Handzeichen-Lexikon”
(el-futbol.de, Sidan)
Ein “Lexikon für Fussballer-Handzeichen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit”.

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Hochstaplerfahrer Paul

“Bild” wirkt heute überrascht:

Es war der Tag nach der Rede-Schlacht – aber die Opposition lässt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (39, CSU) keine Ruhe!

Ganz so, als sei davon auszugehen gewesen, dass nach dem großen Schlagabtausch über die Doktorarbeit des Ministers alle zur Tagesordnung übergehen und die Opposition die Regierung auch mal lobt.

Über die gestrige Parlamentsdebatte zur Aussetzung der Wehrpflicht schreibt Paul Ronzheimer, “Bild”-Experte für Verhöhnung:

Dann spricht SPD-Chef Sigmar Gabriel (51)! Er will nicht über die Wehrpflicht reden.

Gabriel nennt Guttenberg "Hochstapler"Ob Gabriel wollte oder nicht: er hat.

Mehr als zehn Minuten sprach Gabriel zum Thema, wie man bei YouTube sehen und im Sitzungsprotokoll nachlesen kann.

Er lobte die Aussetzung der Wehrpflicht, die die SPD schon 2007 gefordert hätte; warf dem Minister vor, auf Kosten der Sicherheit der Soldaten sparen zu wollen; vermisste ein Konzept, das über “wolkige Formulierungen” hinausgeht; kritisierte die Ansage “No risk, no fun”, die Angela Merkel gegenüber Kommandeuren gemacht hatte; zitierte Bundeswehrkreise, die sich besorgt über die geplante Reform geäußert hatten; forderte zu Guttenberg auf, die Reform so lange zu verschieben, bis der wisse, “wie Sie das machen wollen”.

Erst dann wandte sich Gabriel an die Bundeskanzlerin und bat sie: “Muten Sie uns und der Bundeswehr und sich und unserem Land dieses unwürdige Schauspiel, das wir seit Wochen mit Ihrem Verteidigungsminister erleben, nicht länger zu!”

Ronzheimer berichtet:

Der SPD-Chef spottet über Guttenberg: “Jeder weiß, dass wir es mit einem Hochstapler zu tun haben.” Und fügt hinzu: “Vielleicht stellt ja mal jemand einen Strafantrag …”

Die Sitzungsleitung hat Bundestagspräsident Norbert Lammert (62, CDU). Aber einen Ordnungsruf gibt es wie am Vortag nicht.

Offenbar hätte sich Ronzheimer solche Ordnungsrufe an beiden Tagen gewünscht. Doch dieser zweite Absatz ist aus mehreren Gründen interessant: Zum einen suggeriert “Bild”, Lammert (im Gegensatz zu Guttenberg kein Freund der Zeitung) habe die Sitzungen am Vortag geleitet, was er nicht hatte. Zum anderen stammt die Feststellung, dass es am Mittwoch keine Ordnungsrufe gegeben habe, aus Gabriels Rede selbst:

Es gab keinen Ordnungsruf des Präsidenten, nicht einmal Tumulte oder allzu laute Proteste auf Ihrer Seite, als hier zum ersten Mal in der Geschichte des Parlaments ein amtierender Minister mehrfach von Abgeordneten Lügner, Hochstapler und Betrüger genannt wurde. (…)

Es gab keine große Aufregung bei Ihnen und keinen Ordnungsruf. Frau Bundeskanzlerin, was glauben Sie wohl, warum das so war? Weil jeder hier im Haus wusste, dass das Tatsachenbehauptungen sind.

“Bild” scheint das anders zu sehen.

Mit Dank an Jan D.

Und Du gehst Rüssel an Schwanz hinterher

Seit die Band Wir Sind Helden öffentlich erklärt hat, warum sie nicht an einer “Bild”-Werbekampagne teilnehmen möchte, ist deren Webserver in die Knie gegangen — und unserer ächzt auch schon spürbar. Für einen Moment geriet bei Facebook, Twitter und Co. sogar Karl-Theodor zu Guttenberg in Vergessenheit.

Bei jetzt.de veröffentlichte die Userin synthie_und_roma “Die Antwort der Werbeagentur Jung von Matt auf Judith Holofernes”. Obwohl den Mitarbeitern von Werbeagenturen grundsätzlich viel Hybris, Irrsinn und Arroganz zuzutrauen ist, gab es Anhaltspunkte, dass es sich bei dem Text um eine Satire handeln könnte:

Die 10.000 Euro kommen den von ihnen gewünschten guten Zweck zu Gute: Sie geht an die Organisation “Gutmenschenmütter machen den Prenzlauer Berg besser”. Sie setzt sich für die totale Durchgentrifizierung des Bezirks ein. Unter anderem fordert sie Kinderspielplätze aus Bio-Holz, H&Ms ausschließlich mit nachhaltigen Textilien und die Begrenzung von Schriftgrößen für Boulevardzeitungen.

Man hätte also zumindest mal bei Jung von Matt anfragen können, ob diese Replik echt ist oder nicht.

Hätte:

Die Websites des “Kölner Stadt Anzeigers” und des Mediendienstes Kress brachten fröhlich den Text, den sie “Die Revanche” (ksta.de) bzw. “eine scheinbare Antwort” (kress.de) nannten.

Die Bloggerin Lisa Rank hat bei kress.de angerufen, die erklärten, gerade bei Jung von Matt angefragt zu haben.

Die dort gewonnenen Erkenntnisse fasst kress.de so zusammen:

Update 2: Jung von Matt gegenüber kress.de: “Die Antwort auf die Antwort von Judith Holofernes ist nicht von JvM.” “BILD und JvM haben Wir sind Helden um ihre Meinung zu BILD gefragt und Judith Holofernes hat für Wir sind Helden geantwortet und hat ihre Meinung veröffentlicht. Dass wir niemanden in seiner freien Meinungsäußerung einschränken wollen, haben wir in unserer Anfrage deutlich gemacht.”

Beim “Kölner Stadt Anzeiger” sind sie immer noch davon überzeugt, dass die Antwort echt war.

Mit Dank auch an Amon T.

Nachtrag, 15.40 Uhr: Auch ksta.de hat inzwischen erkannt, dass die “Antwort” ein Fake war, und schreibt:

Wir möchten dem User von jetzt.de zu seinem Coup gratulieren. Wir finden es toll, dass es heutzutage noch immer junge Leute gibt, die genug Zeit haben, sich so etwas Pfiffiges auszudenken.

2. Nachtrag, 15.57 Uhr: jetzt.de-Chefredakteur Dirk von Gehlen sah sich nach dem ganzen Chaos zu einer Stellungnahme genötigt. Er schreibt unter anderem:

Keiner der Dienste hat vor dieser Behauptung, den Kontakt zur Redaktion gesucht.

Dazu stellen wir fest: Dieser Text stammt von einem der rund 160.000 registrierten Nutzer auf jetzt.de. Er ist keine offizielle Antwort der Werbeagentur. Er ist nicht redaktionell verfasst und auch kein “Coup” von jetzt.de (wie der Kölner Stadtanzeiger behauptet). Es ist vielmehr so, dass es auf jetzt.de eine sehr aktive Community gibt, in der die Nutzerinnen und Nutzer kreativ mit den Themen umgehen, die sie umgeben. So auch in diesem Fall.

Guttenberg, Churnalism, Fact-Checking

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1. “Ein BILD von einem Mann”
(taz.de, Steffen Grimberg und Gordon Repinski)
Die heutige “taz” thematisiert die Verbindung zwischen “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg auf der Titelseite und nennt sie “eine Waffenbrüderschaft mit gegeltem Haar”.

2. “Bild.de-Leser revoltieren gegen Guttenberg”
(spiegel.de, phw)
“Spiegel Online” vergleicht einige sehr unterschiedlich ausgehende Abstimmungen zum Verbleib von Guttenberg im Amt des Verteidigungsministers.

3. Interview mit Tobias Huch
(jetzt.sueddeutsche.de, Peter Wagner)
Peter Wagner fragt Tobias Huch, Gründer der inzwischen über 290.000 Nutzer umfassenden Facebook-Seite “Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg”, ob er Unterstützer zugekauft habe: “Das kann ich eidesstattlich versichern. Alle Unterstützer sind echt.” Siehe dazu auch: “Wo kommen all die Guttenberg-Fans her?”

4. “PR-Recycling: Churnalism.com entlarvt faule Journalisten”
(avatter.de)
André Vatter stellt die Website Churnalism.com vor, die es ermöglicht, Pressemitteilungen mit vorgeblich journalistischen Texten zu vergleichen. “Um eine Abfrage zu starten, reicht es aus, einen PR-Schnipsel oder die komplette Pressemitteilung in ein Fenster zu kopieren und den Check-Button zu drücken.”

5. “10 Tipps fürs Fact-Checking”
(recherche-info.de)

6. “Von der Außenwelt abgeschnitten”
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Auf der Suche nach den verlorenen Kontaktdaten der Pressesprecher im Verteidigungsministerium.

Guttenberg, Gaddafi, Franz Josef Wagner

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1. “Die Pro-Guttenberg-Kampagne im Zwielicht”
(spiegelfechter.com, Jens Berger)
Jens Berger befasst sich mit der von “Bild” ausgerufenen, kostenpflichtigen Telefonabstimmung über den Verbleib von Karl-Theodor zu Guttenberg im Amt des Verteidigungsministers (BILDblog berichtete). Dazu: Hintergründe zur inzwischen über 270.000 Nutzer umfassenden Facebook-Seite “Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg”.

2. “Bundeswehr plant Werbekampagne bei ‘Bild'”
(ftd.de)
“Mit Blick auf die Aussetzung der Wehrpflicht plant die Bundeswehr eine große Werbekampagne für den Dienst in der Truppe. (…) Den Angaben des Ministeriums zufolge soll die Kampagne im März beginnen und bei den Zeitungen ‘Bild’ und ‘Bild am Sonntag’ sowie der Online-Ausgabe von ‘Bild’ laufen.”

3. “Die heikle Iran-Mission der BamS-Reporter”
(ndr.de, Video, 7:58 Minuten)
“Zapp” bezweifelt die Auslanderfahrung der über Monate vom Iran festgehaltenen “Bild-am-Sonntag”-Mitarbeiter Marcus Hellwig und Jens Koch. Und befragt andere Journalisten zur Recherche ohne Journalistenvisum.

4. “Dummheit und Gefahr”
(taz.de, Katajun Amirpur)
Auch die “taz” blickt zurück auf die Reise in den Iran: “Jetzt, wo die beiden frei sind, kann man es aussprechen: Diese Reise war eine Mischung aus Dummheit und Verantwortungslosigkeit.”

5. “Enden Sie bloß nicht wie Hemingway”
(zeit.de, Harald Martenstein)
Harald Martenstein schreibt eine Ode an Franz Josef Wagner: “Ich mag das Pathos, die starken Bilder. Ironie ist Tarnung. Ironie ist für Feiglinge. Sie haben keine Angst davor, sich lächerlich zu machen. Sie ziehen sich aus und zeigen der Welt Ihren nackten Arsch – wegen des Wortes ‘Arsch’ werde ich sicher Briefe von empfindsamen Seelen bekommen. Ohne Mut zum Risiko kann man nichts erreichen, auch nicht als Autor.”

6. “Libya: Kadafi’s other foe — copy editors”
(opinion.latimes.com, Paul Whitefield, englisch)
Muammar al-Gaddafi – ein Name in vielen Varianten.

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Barthwickelmaschine

Weil man ja nicht immer nur über eine Sache schreiben kann, widmet sich “Bild” heute auf der Titelseite mal dem Thema “Diebstahl geistigen Eigentums”:

Verlierer: Komiker Mario Barth benutzt frech den Spruch "Nichts reimt sich auf Uschi", mit dem Radio ffn vor 20 Jahren warb. Barth ließ ihn sich sogar beim Patentamt schützen. ffn protestiert: "Niemand soll sich mit einem Spruch bereichern, der nahezu auf jedem Schulklo steht." Barth tut

Mit Dank auch an Thomas Sch.

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Deutschland stimmt sich ab

In der Plagiatsaffäre um Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg werden immer mehr Vorwürfe laut. Auch Unionskollegen gehen vorsichtig auf Distanz. Wird der schneidige Baron doch noch zurücktreten müssen? Für “Bild”, wo Guttenberg in der Gunst-Hierarchie gleich hinter dem Papst und Friede Springer steht, eine Horrorvorstellung.

Nikolaus Blome, Leiter des “Bild”-Hauptstadtbüros, findet zwar, dass der Fall “nach den Regeln der Berliner Politik” “ziemlich klar” sei, doch:

Doch die Bürger sagen bislang in allen repräsentativen Umfragen: Halt mal. Der Mann soll bleiben.

Das Wort “repräsentativ” ist hier schon mal gut gewählt. Bei der Umfrage auf Bild.de ist seit gestern eine wachsende Mehrheit für einen Rücktritt Guttenbergs. Diese Umfrage ist (wie alle anderen Leserumfragen) natürlich nicht repräsentativ, aber das hält “Bild” in anderen Fällen ja auch nicht davon ab, sich darauf zu berufen.

Weil Internet-Umfragen aber wirklich zu leicht zu manipulieren sind, muss eine neue Lösung her. Und nach Tagen voller eher unauffälliger Guttenberg-Meldungen ist endlich mal wieder die Titelseite dran:

Heute stimmt Deutschland ab: Der Guttenberg-Entscheid!

Nur, damit Sie das nicht falsch verstehen: Da ist kein spontaner offizieller Volksentscheid ausgerufen worden — mit “Deutschland” sind “Bild”-Leser gemeint, die 14 Cent in einen Anruf (“Mobilfunk deutlich teurer”) investieren. Sie können aber auch einen Brief oder ein Fax schicken.

Die ganze Aktion hat natürlich auch nichts mit einer “repräsentativen Umfrage” zu tun, wie Blome sie zitiert. Sie ist ungefähr genauso repräsentativ, wie wenn ein Justin-Bieber-Fanzine seine Leser fragen würde, ob Justin Bieber seine Karriere beenden soll.

Aber es geht ja eigentlich um etwas ganz anderes, wie Nikolaus Blome erklärt:

Wer hat das letzte Wort?

Auch als Bundespräsident Horst Köhler zurücktrat, lag die knallharte Kritik von Politik und Medien kilometerweit von den Ansichten der Bürger-Mehrheit entfernt.

Blome muss es wissen. Nach dem Rücktritt Köhlers hatte er eine Generalabrechnung verfasst:

Dieser Rücktritt hat keine Würde!

Er hat keinen politischen Stil. Er ist das Gegenteil von politischer Aufrichtigkeit.

Über die Leute, die Blome heute “Bürger-Mehrheit” nennt, schrieb er damals:

Es ist nicht auszuschließen, dass Horst Köhler für seinen abrupten Abgang einigen Beifall von den Deutschen bekommen wird. Motto: “Hut ab, da wollte einer nicht mehr beim Drecks-Spiel der Parteien mitmachen.”

Käme es so, hätte Horst Köhler bleibenden Schaden hinterlassen.

Ob Blomes heutige Ausführungen als Selbstkritik zu verstehen sind oder als (sachdienliche) Meinungsänderung, ist nicht überliefert.

Mit Dank auch an die vielen, vielen Hinweisgeber!

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Hauptsache Nazi!

Es ist eine Geschichte, wie sie sich Hollywood-Drehbuchautoren kaum besser ausdenken könnten:

Jude tarnt sich als Neonazi und überführt SS-Mörder

Warum “Bild” die Geschichte des Amerikaners Mark Gould, der den Mörder seiner Familie, SS-Obersturmbannführer Bernhard Frank, aufgespürt haben will, ausgerechnet gestern brachte, ist nicht ganz klar: Gould hatte seine Dokumentation bereits im Dezember 2010 auf einer Pressekonferenz in New York vorgestellt.

Die Weltpresse reagierte damals skeptisch: Der Historiker Guy Walters bezweifelte, dass Bernhard Frank bei der Unterzeichnung einer Anordnung zur Erschießung weißrussischer Juden eine so große Rolle gespielt habe, wie Mark Gould der Öffentlichkeit weismachen wollte. Der “Guardian”-Kommentator Efraim Zuroff schrieb gar, Franks Aufgabe sei es gewesen, die Wortwahl des Dokuments auf ihre Übereinstimmung mit der Nazi-Ideologie zu überprüfen. Zuroff zweifelte auch an den Motiven von Gould und wirft ihm vor, gefährlich lange gewartet zu haben, bis er mit den Vorwürfen gegen den inzwischen 97-jährigen Deutschen an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Es wirft Fragen auf, dass Bernhard Frank jahrzehntelang unbehelligt unter seinem richtigen Namen in Deutschland leben, in Fernsehsendungen über das Dritte Reich auftreten und sogar seine Memoiren veröffentlichen konnte, ohne dass die Behörden auf den angeblichen Kriegsverbrecher aufmerksam wurden.

Die “New York Times”, die ebenfalls schon im Dezember über den Fall berichtet hatte, zitierte Kurt Schrimm, Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen dahingehend, dass Franks Name zwar in den Archiven auftauche, aber nie in Verbindung mit Kriegsverbrechen.

Andere Nazi-Experten sagten auch, dass Herr Frank nicht mit Kriegsverbrechen in Verbindung steht.

(Übersetzung von uns.)

Auch wenn es keinen Zweifel an Bernhard Franks SS-Mitgliedschaft geben kann (er beschreibt sie selbst ausführlich in seinem Buch), so bleiben Mark Gould und “Bild” doch brauchbare Belege für die Darstellung als “SS-Mörder” schuldig.

Vor allem aber ist die schöne “Bild”-Überschrift, die mal mehr, mal weniger frei von anderen Medien aufgegriffen wurde, eine Ente: Mark Gould hatte der “New York Times” erzählt, dass er eine “weit verzweigte jüdische Familie” habe, weil seine Mutter einen jüdischen Mann geheiratet habe, der ihn adoptiert habe. Er selbst ist aber gar kein Jude.

Mit Dank an Thomas T., David P., Torsten S. und Marco.

Kairo, Stern TV, Hans Ulrich Gumbrecht

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1. “5 Thesen zur Zukunft des Fernsehens”
(gutjahr.biz, Richard Gutjahr)
Brandete nach einer Mubarak-Rede auf dem Tahrir-Platz in Kairo tatsächlich “Jubel” auf, wie der drei Kilometer entfernte Korrespondent des ZDF berichtete? Richard Gutjahr macht sich Gedanken zur Zukunft des Fernsehens.

2. Interview mit Jörg Armbruster
(swr.de, Wolfgang Heim, Audio, 30 Minuten)
Wie hat Jörg Armbruster die Ereignisse der letzten Wochen erlebt? Wolfgang Heim befragt den aus Kairo zurückgekehrten ARD-Korrespondenten.

3. “Integration und Manipulation”
(fernsehkritik.tv, Video, insgesamt 47 Minuten)
Der Fernsehkritiker besucht Reyhan Savran, Schuldnerberater aus Bremen, der sich von der Stern-TV-Ausgabe vom 27. Oktober 2010 falsch dargestellt fühlt.

4. “Lieber Ayatollah Laridschani”
(evangelisch.de, Matthias Dell)
Das “Altpapier” fasst Berichte rund um die Freilassung der zwei während Monaten im Iran festgehaltenen Journalisten von “Bild am Sonntag” zusammen.

5. “Ein goldener Moment in der Geschichte
des deutschen Feuilletons”

(umblaetterer.de, Srifo)
Ein langes, nicht redigiertes Gespräch mit Hans Ulrich Gumbrecht an der kalifornischen Stanford University. “Das finde ich bemerkenswert hier: Du kannst verschiedene Meinungen haben, du kannst beständig drüber streiten, produktiv streiten, but that’s normal. Das ist in Deutschland, finde ich, undenkbar. Und ich überlege immer, warum mir Deutschland oft auf die Nerven geht, und es ist letztlich das, dass in dem Moment, wo man in Deutschland merkt, dass es einen Dissenz gibt, ziehen alle den Schwanz ein oder du kriegst einen Streit.”

6. “Karl Guttenberg gibt Vornamen zurück”
(dieganzewahrheit.org, Satire)

Deutschlands flexibelste Meinung

“Deutschlands schnellste Meinung” — steht über den Umfragen auf Bild.de. Ernsthaften Kriterien der Meinungsforschung halten sie nicht stand: Erstens erscheinen diese Umfragen häufig unter Artikeln, in denen bereits eine klare Meinung vorformuliert ist, zweitens besteht die Möglichkeit, ohne Weiteres auch mehrmals abzustimmen, wenn man die Seite mehrmals lädt, und drittens formuliert Bild.de bisweilen die Fragen bzw. Antwortmöglichkeiten so, dass das Ergebnis wie gewünscht ausfällt.

Dennoch nutzt Bild.de diese Umfragen regelmäßig, um eigene Behauptungen zu bestätigen. Erst gestern etwa stand in einem Artikel mit der Überschrift “Sympathie-Welle für Guttenberg im Netz” folgendes:

Auf einer Pro-Guttenberg-Seite im sozialen Netzwerk Facebook haben inzwischen mehr als 120 000 Internetnutzer den “Gefällt mir”-Button gedrückt. (…)

Und was denken die BILD.de-Leser?

An einer entsprechenden Umfrage haben sich inzwischen mit als 200 000 User beteiligt: Die Mehrheit will, dass Guttenberg bleibt!

Mehr als 50 Prozent sind der Meinung, dass der Minister einen guten Job macht. Rund 30 Prozent wollen, dass er zurücktritt.

Nachdem nun “Bild”-Schützling Karl Theodor zu Guttenberg gestern Abend ankündigte, seinen Doktortitel nicht mehr führen zu wollen, fragt Bild.de:

Guttenbergs Plagiats-Beichte in Kelkheim War das der große Befreiungsschlag? So reagieren Bürger und Parteifreunde auf seine Plagiats-Beichte

Neben aktuellen Umfragen nennt Bild.de unter der Zwischenüberschrift “Pro-Guttenberg-Stimmung auch im Internet” zwar dieselbe Pro-Guttenberg-Facebook-Gruppe, die inzwischen auf über 200.000 Mitglieder angewachsen ist, nicht jedoch den neuen Zwischenstand der Umfrage auf Bild.de.

Denn dort ist im Laufe des heutigen Tages die Stimmung gekippt — mittlerweile (Stand 16.08 Uhr) sieht das Ergebnis bei über 520.000 Stimmen so aus:

Abschaffung der Wehrpflicht, Gorch Fock-Affäre, Wirbel um die Doktorarbeit. Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit von Verteidigungsminister zu Guttenberg?

Mit Dank an die vielen, vielen Hinweisgeber!

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