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Döner, Leidenschaft, Abrüstung

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Alles Döner oder was?”
(hagalil.com, Ramona Ambs)
Ramona Ambs fragt sich, warum deutsche Medien die Mordserie gegen acht türkische und einen griechischen Kleinunternehmer “Döner-Morde” tauften. Siehe dazu auch die Herkunft des Worts Döner: “von türkisch: dönmek = sich drehend”.

2. “Gastarbeiter und Döner-Morde”
(dasnuf.de)
Keine Döner wurden getötet, sondern Menschen, bemerkt auch dasnuf: “Sprache beeinflusst das Denken und umgekehrt, das ist nicht erst seit George Orwell bekannt. Ich fände es schön, wenn man sich das von Zeit zu Zeit mal bewusst macht und auch einzelne Formulierungen prüft.”

3. “Nazis, Bild und Kinderschänder”
(hollow-willow.de, Maja Ilisch)
Auf Bild.de ist nachzulesen, wie Nazis im Netz angeblich erkannt werden können.

4. “Plädoyer für Abrüstung”
(medienspiegel.ch, Hanspeter Spörri)
Der “Blick” und die Petarden: Hanspeter Spörri plädiert für eine sprachliche Abrüstung und erinnert daran, dass Journalisten keine Richter, sondern Berichterstatter sind. “Wir haben zwar das Privileg, unserem Ärger auch einmal öffentlich Luft zu verschaffen. Aber wir tragen Verantwortung, haben sozusagen eine Fürsorgepflicht für diejenigen, deren Bild oder Name wir in die Öffentlichkeit tragen.”

5. “Schlüsselfaktor Leidenschaft”
(vocer.org, Sylvia Egli von Matt)
Sylvia Egli von Matt, Direktorin der Schweizer Journalistenschule MAZ, wirbt für Journalisten mit Leidenschaft: “In schwierigen, unsicheren Zeiten gilt eine Art Darwinismus. Überlebenschancen hat wohl nur, wer stark ist, wer die Leidenschaft, den absoluten Willen hat, Journalist, Journalistin zu sein und Strapazen auf sich zu nehmen.”

6. “The Express and the weather”
(tabloid-watch.blogspot.com, MacGuffin, englisch)

Bild, RTL  etc.

Kachelmann-Paparazzo verliert doppelt

Hier sehen wir Jörg Völkerling bei der Arbeit:

Der Mann ist Journalist und Fotograf. Hier sitzt er im Frühling 2011 in der Nähe der Wohnung von Jörg Kachelmann und wartet auf eine neue Gelegenheit, den Wetter-Moderator vor die Kamera zu bekommen.

Das ist ihm schon einmal auf spektakuläre Weise gelungen. Im April vergangenen Jahres hatte Völkerling von der “Bild am Sonntag” den Auftrag bekommen, den damaligen Untersuchungshäftling Kachelmann in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Mannheim zu zeigen. Er baute seine Foto- und Videoausrüstung in der Küche eines Gebäudes auf, das sich gegenüber der Justizvollzugsanstalt Mannheim befindet. Von dort aus gelang es ihm — bevor er erwischt und der Wohnung verwiesen wurde — Kachelmann beim Hofgang zu fotografieren. Die Aufnahmen wurden von “Bild”, Bild.de, RTL und dem Online-Auftritt des Schweizer “Blick” veröffentlicht.

Nun ist Völkerling ein Mensch, der durchaus anerkennt, dass es so etwas wie Persönlichkeitsrechte gibt. Er meint nicht, dass man einfach jeden fotografieren und die Bilder dann veröffentlichen darf. Das Foto von ihm im Auto, zum Beispiel, hätte Kachelmann nicht über Twitter verbreiten dürfen, meint er.

Das Bild von Kachelmann beim Hofgang hingegen sei zulässig, denn Kachelmann sei außerordentlich prominent und nehme öffentlich zu sozialen Problemen Stellung. Dass er sich als Häftling in einer Justizvollzugsanstalt befunden habe, sei ein Vorgang der Zeitgeschichte, der durch die Fotos dokumentiert werde. Die Bilder ermöglichten es dem Leser, sich über die Unterbringung Kachelmanns eine eigene Meinung zu bilden. Außerdem habe sich Kachelmann selbst hinterher öffentlich zu den Haftumständen geäußert — warum sollte man dann nicht Fotos, die diese Umstände dokumentieren, veröffentlichen dürfen?

Das Landgericht Köln widersprach Völkerlings Vorstellungen vom Persönlichkeitsrecht jetzt gleich doppelt: Er durfte Kachelmann nicht fotografieren. Kachelmann ihn schon.

Das Gericht urteilte, Kachelmann habe sich

in einem abgeschiedenen, jedenfalls der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Raum [befunden] und musste nicht damit rechnen, dass Lichtbilder von ihm angefertigt werden. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass der Kläger selbst durch seine Inhaftierung keine Möglichkeit hatte, sich weiter in einen privaten Raum zurückzuziehen. Vielmehr war er aufgrund der Umstände gezwungen, den Gefängnishof zu nutzen. (…) Dieser Bereich ist (…) als Rückzugsbereich anzusehen, der im Rahmen der Bildberichterstattung den Einblicken Dritter grundsätzlich zu entziehen ist, zumal auch der Nachrichtenwert der Lichtbilder von untergeordneter Bedeutung ist.

Das Gericht gab der Klage Kachelmanns statt, Völkerling die Verbreitung der Fotos, die ihn nach seiner Ansicht stigmatisierten und vorverurteilten, zu untersagen. Es bestätigte eine entsprechende einstweilige Verfügung (BILDblog berichtete).

Die Gegenklage, mit der Völkerling Kachelmann das Foto von sich verbieten lassen wollte, wies das Gericht hingegen zurück. Das Bild sei “von zeitgeschichtlichem Interesse”:

Der Umgang der Medien mit Prominenten, insbesondere die Art und Weise wie die Berichterstattung über Prominente und die Bebilderung derselben erfolgt, ist bereits grundsätzlich von gesellschaftlicher Relevanz und von öffentlichem Interesse, da der Umgang miteinander die gesellschaftlichen Grundlagen berührt. Dieses öffentliche Interesse ist im vorliegenden Fall zudem noch dadurch gesteigert, dass die Berichterstattung über den Kläger, das gegen diesen geführte Strafverfahren aber auch der Umgang der Medien hiermit, ein wesentliches Thema der Jahre 2010 und 2011 war und großen öffentlichen Widerhall gefunden hat. Die Öffentlichkeit hat daher ein Interesse daran zu erfahren, wie diese Berichterstattung zustande kommt. Der Beklagte, wenn auch selbst nicht bekannt, war in seiner Eigenschaft als Journalist und Fotograf – wie auch die Klage zeigt –  an dieser vielfach persönlichkeitsrechtsverletzenden (Bild-) Berichterstattung über den Kläger beteiligt. Dies und seine Arbeitsweise wird durch die streitgegenständliche zeitnah veröffentlichte Fotografie dokumentiert, die geeignet ist, einen wesentlichen Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung über die Umstände von Medienberichterstattung zu erbringen.

Völkerling, der keine Unterlassungserklärung unterschreiben wollte und gegen die einstweilige Verfügung Berufung eingelegt hatte, muss die Kosten des Verfahrens tragen.

Landgericht Köln, 28 O 225/11

Korrektur, 14:45 Uhr. Ursprünglich hatten wir Völkering statt Völkerling geschrieben.

Zwangsverheiratung, Morddrohung, Jungsheft

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Weltrekord: EMI hat 1,3 Millionen Alben mit jeweils nur einem Song”
(blog.lukas-boehnlein.de, Lukas Böhnlein)
Lukas Böhnlein vergleicht Online-Artikel “über den Verkauf des EMI Tonträgergeschäftes und des EMI Musikverlages”.

2. “Banken-Werbung in DuMont-Medien”
(taz.de, Steffen Grimberg)
Redakteursvertreter des Verlags M. DuMont Schauberg wenden sich gegen eine Beilage, “die von der hauseigenen Wirtschaftsredaktion geschrieben werden soll”. “Besonders erzürnt die Redakteursvertreter, dass offenbar außerhalb der Beilage im normalen redaktionellen Teil von Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau ‘ein großes Interview’ mit dem Deutsche-Bank-Manager Kevin Parker geplant ist, der den Preis gemeinsam mit DuMont-Vertretern übergeben soll.”

3. “Die Zwangsehe in deutschen Köpfen”
(cicero.de, Woody Mues)
Wie Medien die Studie “Zwangsverheiratung in Deutschland” (PDF-Datei) aufnehmen: “BILD etwa schrieb ‘2008 wurden in Deutschland 3.443 Fälle von Zwangsverheiratungen registriert’. Tatsächlich jedoch haben in diesem Jahr 3.443 Menschen eine Beratung zum Thema Zwangsheirat wahrgenommen”.

4. “Wie man in den Wald ruft …”
(medienwoche.ch, Nick Lüthi)
“Blick”-Mitarbeiter erhalten Morddrohungen und werden mit einer Plakatkampagne konfrontiert: “Hier folgt eine Hetzkampagne auf die andere Hetzkampagne – jene gegen die Blick-Journalisten als Reaktion auf die Kampagne gegen den ‘Petarden-Trottel’.”

5. “Der Klügere tritt nach”
(fernsehkritik.tv, Video)
Fernsehkritik.tv macht sich Gedanken über die ARD-Sendung “Der klügste Deutsche” (Website), insbesondere über das Televoting, mit dem am Ende ein Gewinner bestimmt wurde.

6. “Ich möchte die süssen Kerle nackt sehen”
(sonntagszeitung.ch, Martina Bortolani)
Martina Bortolani spricht mit Elke Kuhlen, Herausgeberin von “Jungsheft” und “Giddyheft”: “Ich finde, dass die Darstellung von Sexualität nicht gross bearbeitet werden sollte, weil sie im realen Erlebnis auch nicht perfekt ist. Das macht den Sex ja auch reizvoll.”

Filter, Angstlust, Herman Cain

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1. “Dieses Vorgehen ist ein Skandal”
(nationofswine.ch, Daniel Ryser)
Fußball und Journalisten: Daniel Ryser spricht mit Peer Teuwsen über die “Blick”-Kampagne gegen einen Stadionbesucher, der sich mit einer Petarde selbst verletzte. Siehe dazu auch “Und das soll ‘Krieg’ sein?” (blog.persoenlich.com, Peer Teuwsen).

2. “Eine Facebook-Räuberpistole in der ‘Kronen Zeitung'”
(kobuk.at, Hans Kirchmeyr)
Auch in der “Kronen Zeitung” steht etwas über Facebook und Einbrecher (BILDblog berichtete mehrfach).

3. “Welches Weltbild soll es denn sein?”
(faz.net, Jörg Wittkewitz)
Bei Wikipedia denke man über den Einsatz von Filtersoftware nach, schreibt Jörg Wittkewitz. “Genau die Befreiung, die in Nordafrika stattgefunden hat, könnte bei uns wieder zurückgedreht werden. Der Bilderfilter befriedigt die Angst konservativer Kräfte vor der Macht der bildlichen Darstellung von triebhaftem Geschehen.”

4. “Es macht Spaß, mir vorzustellen, dass alles zusammenbricht”
(zeit.de, Harald Martenstein)
Harald Martenstein denkt nach über die moralische Verwerflichkeit seiner Angstlust: “Seit Monaten verfolge ich die Nachrichten über die Euro-Wirtschafts-Schuldenkrise. Ich lasse keine Talkshow aus. Ich lese jeden Artikel. Inzwischen ist mir klar, dass es mir Spaß macht. Es macht mir Spaß, mir vorzustellen, dass eine Monsterinflation kommt, dass alles zusammenbricht, dass wir vor einem Armageddon der Weltwirtschaft stehen.”

5. “Skandal! Affäre! Enthüllung!”
(ardmediathek.de, Video, 44:45 Minuten)
“Ihre Highlights aus 50 Jahren ARD-Politikmagazinen.”

6. “Oh, the Hermanity!”
(thedailyshow.com, Video, 6:38 Minuten)
Herman Cain, einer der möglichen republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten für 2012, stellt sich an einer Pressekonferenz dem Vorwurf sexueller Belästigung.

Schöner Einbrechen mit Facebook (3)


Dass Internet-Dienste wie Facebook, Twitter oder Google Street View nicht nur Vorteile, sondern auch Gefahren mit sich bringen, das wissen wir alle. Und trotzdem ist es beängstigend, dass laut einer aktuellen Umfrage in Großbritannien rund 80 Prozent der gefassten Einbrecher ihre Opfer zunächst übers Internet ausgespäht haben. (…) Laut Studie nutzen mehr als 70 Prozent der befragten Diebe zusätzlich Google Street View, um sich bequem vom Sofa aus ein Bild vom Zielobjekt zu machen.

So berichtete am vergangenen Samstag der Fernsehsender ProSieben in seinen Nachrichten, und noch beängstigender als die Zahl ist natürlich, wie viele Journalisten sie glauben und verbreiten.

Um es noch einmal zu sagen: In der Studie wurden ehemalige Einbrecher bloß gefragt, was sie glauben, ob Einbrecher von heute auch Facebook und ähnliche Dienste bei ihrer Arbeit nutzen. Knapp 80 Prozent der Befragten nahmen das an. Ob und in welchem Umfang Einbrecher ihre Opfer tatsächlich mit Hilfe des Internets ausspionieren, verrät die Studie nicht.

Unbeantwortet ist nach wie vor auch die Frage, wie hoch der Anteil der Journalisten ist, die bei der Arbeit auf ihr Gehirn zurückgreifen. Falls sich an dem Thema mal ein seriöser Wissenschaftler versuchen möchte, bieten wir hier weiteres aussagekräftiges Material:

Den “Berliner Kurier”:

Die “Magdeburger Volksstimme”:

(…) Schön ist, dass heutzutage Diebes-Personal eingespart werden kann. Der Kumpel, der früher Schmiere stehen musste, hat ausgedient. Die Gefahr, dass jemand überraschend auftaucht, ist verschwindend gering.

Das glauben Sie nicht? Na, dann nehmen wir 50 Ex-Einbrecher als Kronzeugen. Die haben in einer ungewöhnlichen Studie verraten, dass sie (als sie noch richtig fies und gemein waren) Facebook und Co. genutzt haben, um ihre Beutezüge vorzubereiten. Sozusagen Internet-Shopping für Einbrecher. (…)

Die “B.Z.”:

Internetdienste wie Facebook, Twitter oder Foursquare werden zur Gefahr für Wohnungsbesitzer und Mieter. Bei einer Umfrage unter gefassten Einbrechern in Großbritannien gaben rund 80 Prozent der Kriminellen an, sich mittlerweile bei Facebook & Co. darüber zu informieren, wo sich ein Einbruch lohnt, und wo gerade niemand zu Hause ist.

Die “Tiroler Tageszeitung”:

(…) Eine Befragung früherer Einbrecher in England hat ergeben, dass sich 78 Prozent mithilfe von Internetplattformen über Objekte und ihre Bewohner informieren. (…)

Mit Dank an Peter S. und Christiane P.!

Schwer verliebt, Josef Joffe, Berliner Kurier

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1. “Sie saugen Deine Seele aus”
(rhein-zeitung.de, Vera Müller)
Vera Müller schreibt an Sarah, Kandidatin der Sat.1-Sendung “Schwer verliebt”: “Die Fernsehmacher, über die du in unserem Telefonat vor der ersten Sendung am Donnerstag gesagt hast, dass sie nett gewesen seien, führen dich vor, stellen dich bloß, nehmen dir deine Würde, deinen Stolz. Sie saugen deine Seele aus. Ihnen ist jedes Mittel recht. Sie spielen mit deiner Einsamkeit, deinen Träumen und Sehnsüchten. Sie verkuppeln dich nicht. Sie veräppeln dich und machen dich lächerlich.”

2. “So nicht, Herr Joffe!”
(theeuropean.de, Martin Eiermann)
Martin Eiermann vergleicht den “Handelsblatt”-Artikel “Wir machen uns selbst überflüssig” von Josef Joffe mit dem “New York Times”-Artikel “Our Unpaid, Extra Shadow Work” von Craig Lambert. Auf Anfrage schreibt Josef Joffe dazu: “Daraus einen Plagiat-Strick zu drehen, erfordert Fantasie und selektives Lesen.”

3. “Die alltägliche Klickgeilheit: Berliner Kurier”
(blogs.taz.de/popblog, Christian Ihle)
Wie ein Interview mit Mickey Rourke auf berliner-kurier.de dargeboten wird.

4. “Ein Herz für die Deutsche Telekom”
(taz.de, Jakob Schulz)
“Bild”, das ZDF und die Deutsche Telekom beteiligen sich an einer Handy-Recycling-Aktion. “Die wohltätige Aktion dürfte der Telekom pünktlich zum wichtigen Weihnachtsgeschäft Hunderttausende potenzielle Kunden in die Läden spülen.”

5. “Post an Wagner: Jetzt wird zurückgeschrieben”
(boschblog.de)
Bosch schreibt an Franz Josef Wagner, nachdem dieser einen Brief an Thomas Gottschalk schickte.

6. “Helmut Schmidt schlägt Peer Steinbrück als neuen ‘Wetten, dass..?’-Moderator vor”
(der-postillon.com, Satire)
“‘Er kann es’, sagt Schmidt mit Nachdruck und zündet sich auf beide Mundwinkel verteilt gleich zwei Zigaretten an.”

Die egalsten Nicht-Fakten über Stars

Zu den Vorteilen des Internets gehört, dass es dort quasi keine Platzbeschränkung gibt. Anders als in Zeitungen, Radio- und Fernsehsendungen kann man online also so viel veröffentlichen, wie man will. Das gehört zu den Nachteilen des Internets.

Der Online-Journalismus hat der Welt Klickstrecken und Listen beschert, die dann wiederum als Quellen für neue Klickstrecken und Listen fungieren können. Gemeinsam mit dem Klatsch-Journalismus, der im Netz noch bunter und wilder wuchert als in Wartezimmer-Zeitschriften (aber leider bedeutend länger haltbar ist), ergibt sich daraus eine Trash-Melange, bei der es den Erstellern vermutlich am egalsten ist, ob daran überhaupt irgendetwas stimmt.

Das bringt uns zu stylebook.de, das “Magazin für Stars, Fashion, Beauty” der Axel Springer AG und “powered by Bild.de”:

Klobrillen-Phobie,Tassen-Tick... Die lustigen Spleens der Stars. Lady Gaga (25) hat im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr alle Tassen im Schrank, Madonna (53) liebt es absolut keimfrei und Justin Timberlake (30) braucht es frisch um die Lenden. Welcher Star mit welcher Macke lebt – STYLEBOOK klärt Sie auf!

“Stylebook” will uns also aufklären. Na, dann mal los:

Wenn Pop-Ikone Madonna (53) unterwegs ist, fordert sie bei jedem Toilettenbesuch eine neue Klobrille. Sie liebt es keimfrei, da muss im Notfall schon mal der Privatklempner vorbeikommen…

Nun ist es schwer, zu solchen Themen auch nur ansatzweise seriöse Quellen zu finden, aber es sieht so aus, als fordere Madonna nicht “bei jedem Toilettenbesuch” eine neue Klobrille, sondern nur an jedem Ort, an dem sie auftritt. Also: “nur”.

Man mag denken, echte Kerle wie “X-Men”-Star Hugh Jackman (43) und Rockstar Axl Rose (49) hätten vor nichts und niemandem Angst. Doch wenn Jackman auf eine Spielzeugpuppe trifft, macht sich bei ihm Angst breit. Wahrscheinlich die gleiche Art von Panik, die Axl Rose überkommt, wenn er einen bestimmten Buchstaben hört. Denn für den Sänger ist das “M” verflucht. Pech, für alle Fans aus München oder Miami. Hier würde er nie auftreten.

Hugh Jackmann fürchtet sich – wenn man der Quelle trauen darf – vor Kinderspielzeug, das “auf der Leinwand zum Leben erwacht”. Diese Angst geht auf den Horrorfilm “Chucky — Die Mörderpuppe” zurück, den er als Kind gesehen haben will (Jackmann war 20, als der Film herauskam).

Was Axl Rose angeht: Dessen angebliche “M”-Phobie ist zwar ein beliebter Programmpunkt in Klickstrecken zu Promi-Spleens, aber hier mal ein paar Konzerttermine von Guns N’ Roses in den letzten Jahren:

13.11.2011 Minneapolis, Minnesota
23.10.2011 Monterrey, Mexiko
19.10.2011 Mexiko Stadt, Mexiko
18.10.2011 Mexiko Stadt, Mexiko
18.03.2010 Montevideo, Uruguay

Mit Dank auch an Sabrina T.

WDR  

Es ist zum Haare färben

Falls es jemanden betrifft:

Keine feuerroten Haare mehr für junge Ladies, kein neongrüner Look für junge Punks. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit – und auch von den meisten Frisören – gilt schon seit dem 01. September eine neue Verordnung, die das Haare färben bei Unter-16-Jährigen untersagt. Frisöre müssen sich jetzt den Pass ihrer jungen Kunden zeigen lassen, andernfalls könnten sie sich strafbar machen. Bislang sind aber nur die Wenigsten informiert, die neue Regelung steht gerade mal ganz klein gedruckt in den Gebrauchsanweisungen der Färbeprodukte.

Gut, dass es den Westdeutschen Rundfunk gibt, der es doch noch nach zwei Monaten bemerkt hat und nun im Regionalfernsehen und im Radio verkündet, dass jetzt “Haarefärben für Unter-16-Jährige tabu” sei.

Der WDR hat eine glaubwürdige Quelle für diese Nachricht:

“Seit dem 1. September sind Haarfärbungen mit Oxidationsfärbemitteln, aber auch anderen Haarfarben für Jugendliche aufgrund der Kosmetik-Verordnung untersagt,” informiert der Zentralverband des deutschen Frisörhandwerks in einem Schreiben an die Frisör-Salons. Grund sind haarverändernde Substanzen in chemischen Haarfarben, Phenylendiamine, die allergische Schocks verursachen können.

Eine Obermeisterin der Friseurinnung in Münster darf sich vor laufender Kamera darüber ärgern, dass sie erst vor wenigen Tagen von der neuen Regelung erfahren habe. Sie sei von den Herstellern vorher gar nicht über die neuen Richtlinien informiert worden.

Die Warnhinweise auf den Haarfarbe-Packungen in der Drogerie seien “fast nur mit der Lupe zu erkennen” führt der WDR aus:

“Haarfärbemittel können schwere allergische Reaktionen hervorrufen, dieses Produkt ist nicht für Personen unter 16 Jahren bestimmt”, steht auf den Packungen, und damit müssten eigentlich auch die Verkäufer in den Drogerien kontrollieren, wie alt die Käufer der Haarfarben sind, genau wie bei Alkohol und Zigaretten, fordert Frisörmeisterin Rosemarie Ehrlich eine konsequente Umsetzung der neuen Haarfärberichtlinie: “Dm (sic!) Drogeriebereich finde ich das viel kritischer, da kann man kaufen was man möchte im Moment auch noch, ich habe mich extra erkundigt in der Nachbarschaft, das Problem ist, dass wir keine Kontrolle haben, und die Mädels und manche Jungen machen das, und wir Friseure müssen das richten.”

Vielleicht hätten sich die Reporter des WDR nicht auf eine Friseurmeisterin verlassen sollen, die einen Brief bekommen und sich in der Nachbarschaft erkundigt hat, sondern noch ein bisschen gründlicher recherchieren sollen.

Zum Beispiel in der Anlage 2 der Verordnung über kosmetische Mittel. Dort steht etwa, dass die “Obligatorische Angabe der Anwendungsbedingungen und Warnhinweise auf der Etikettierung” z.B. so auszusehen habe:

Haarfärbemittel können schwere allergische Reaktionen hervorrufen.
Bitte folgende Hinweise lesen und beachten:
Dieses Produkt ist nicht für Personen unter 16 Jahren bestimmt.
Temporäre Tätowierungen mit “schwarzem Henna” können das Allergierisiko erhöhen. Färben Sie Ihr Haar nicht,
– wenn Sie einen Ausschlag im Gesicht haben oder wenn Ihre Kopfhaut empfindlich, gereizt oder verletzt ist;
– wenn Sie schon einmal nach dem Färben Ihrer Haare eine Reaktion festgestellt haben;
– wenn eine temporäre Tätowierung mit “schwarzem Henna” bei Ihnen schon einmal eine Reaktion verursacht hat.

Enthält Phenylendiamin. Nicht zur Färbung von Wimpern und Augenbrauen verwenden.

Die Spalte “Weitere Einschränkungen und Anforderungen”, in der mögliche Altersbeschränkungen sonst verzeichnet werden, ist bei den Inhaltsstoffen für Haarfärbemittel leer. Produkte mit diesen Inhaltsstoffen dürfen also von jedem verwendet werden.

P&G Salon Professional, eine Unterabteilung von Procter & Gamble, hat bereits vor dem WDR-Bericht eine Informationsschrift für Friseure veröffentlicht, in der es unter anderem heißt:

Es sei kein Verbot, Jugendlichen unter 16 Jahren die Haare zu färben, folglich seien solche Färbungen auch nicht strafbar, teilt P&G mit. Dies habe man von einer namhaften Wirtschaftskanzlei prüfen und ein entsprechendes Gutachten erstellen lassen.

Mit dem Hinweis “Dieses Produkt ist nicht für Personen unter 16 Jahren bestimmt” werde sichergestellt, dass Verbraucher eine bewusste und verantwortungsvolle Entscheidung bei Farbbehandlungen fällen. Der Friseur müsse also, wie auch bisher, die Verbraucher über die bestehenden Risiken aufklären.

Da alle Wella-Produkte einer strengen Sicherheitskontrolle unterzogen würden, sei der Gebrauch von Haarfärbemitteln auch bei Kindern sicher, entwickelt worden seien sie aber für die Bedürfnisse von Erwachsenen. Gemäß der EU-Färbemittelrichtlinie, die davon ausgeht, dass man aber einem Alter von 16 Jahren reif genug ist, um das allergische Risiko einschätzen zu können, werde dies nochmals im Warnhinweis betont.

Das Bundesministerium für Verbraucherschutz schrieb uns auf Anfrage:

Um die Verbraucher besser über die möglichen Wirkungen von Haarfärbemitteln zu informieren und das Risiko der Sensibilisierung zu reduzieren, wurden für oxidierende Haarfärbemittel und bestimmte nicht oxidierende Haarfärbemittel, die stark und sehr stark sensibilisierende Stoffe enthalten, zusätzliche verpflichtende Warnhinweise vorgeschrieben. Hierbei ist auch der Hinweis enthalten, dass entsprechende Produkte nicht für Personen unter 16 Jahren bestimmt sind.

Die Warnhinweise richten sich an Endverbraucher und Anwender, dazu zählen auch Frisöre. Sofern die entsprechenden Produkte von Frisören bei Personen unter 16 Jahren angewendet werden sollten, tragen Frisöre ein deutlich höheres Haftungsrisiko nach dem Zivilrecht.

Neu in Verkehr gebrachte Haarfärbemittel müssen von den Herstellern ab dem 1. November 2011 mit diesen Warnhinweisen versehen werden. Für Produkte, die sich bereits auf dem Markt befinden, besteht eine Abverkaufsfrist bis 1. November 2012.

Heißt: Wer als Friseur einem Kunden unter 16 die Haare färbt, geht ein “deutlich höheres” Risiko ein, verklagt zu werden, wenn es zu gesundheitsschädlichen Folgen kommt. Wer sich die Haare selber färbt, trägt das Risiko sowieso selbst. Strafrechtlich haben nur Hersteller und Händler etwas zu befürchten, da es sich um eine Ordnungswidrigkeit handelt, Produkte ohne vorgeschriebene Warnhinweise vorsätzlich oder fahrlässig in Verkehr zu bringen.

Ganz ähnlich wie bei den Luftballons vor ein paar Wochen (BILDblog berichtete) geht es also nicht darum, bestimmten Altersgruppen die Verwendung eines Produkts zu untersagen.

All das hat der WDR nicht herausgefunden — und auch die Medien nicht, die die Meldung jetzt nachplappern.

Mit Dank an Sanni.

Page Impressions, Altkleider, Wetten, dass…?

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Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Eine Frage der Einstellung”
(fernsehlexikon.de, Michael Reufsteck)
Michael Reufsteck denkt nach über ein Thema, das deutsche Medienjournalisten derzeit mehr als alles andere interessiert: Die Regelung der Nachfolge von Thomas Gottschalk bei “Wetten, dass…?”.

2. “Die Sackgasse Page Impression und ihre Folgen für den Journalismus”
(blogs.tageswoche.ch, David Bauer)
“Sogenannte Klickmonitoren haben in den meisten Onlineredaktionen Einzug gehalten und zeigen den Journalisten in Echtzeit an, welche Geschichten gut ‘performen’ und welche nicht: Sie zeichnen ein Zerrbild dessen, was die Leute interessiert, und liefern den Medienmachern falsche Anreize. Wer es auf Page Impressions anlegt, muss nur erreichen, dass seine Leser auf die Anrisse klicken. Leser klickt, Werbung lädt, Kasse klingelt.”

3. “Des Kaisers neue Kleider”
(dynamofanz-grug.de)
Fußball: Ein Fan von Dynamo Dresden fragt: “Wieso halten sich 15 Festnahmen zwei Wochen lang in den Nachrichten, während man von 90 Festnahmen bei anderen Spielen noch nicht einmal etwas zu hören bekommt?”

4. “New York, Tag 9”
(hermsfarm.de)
Eine Aufzeichnung von “The Daily Show” in New York: “Jon Stewart ist erstaunlich klein, er geht mir schätzungsweise bis zum 3. Rippenbogen und sein Jackett ist länger als seine Beine. Immer diese kleinen Fernsehmenschen. Dafür ist er tatsächlich so überdreht und lustig wie man es von ihm vermutet. Als wäre er ein Wrestler, nur eben etwas kleiner und im Jackett.”

5. “Media Reacts To Conan’s Same-Sex Wedding News”
(youtube.com, Video, 2:52 Minuten)
Wie US-TV-Sender die Ankündigung einer Hochzeit in der Late-Night-Talkshow “Conan” aufnehmen (“to push the envelope”: “bis an die Grenze gehen”).

6. “Die Altkleider-Lüge”
(ndr.de, Video, 28:55 Minuten)
Kleiderspenden aus Deutschland bedrohen die Textilindustrie in Tansania: “Längst haben die Altkleiderspenden aus den Industrieländern den größtmöglichen Schaden in Tansania angerichtet.” Siehe dazu auch “Das Kilo für 1,20 Dollar” (zeit.de, Michael Höft).

Griechen raus!

In dieser Woche haben sich ja die Ereignisse in der Griechenland-Krise förmlich überschlagen. Grund genug für “Bild” und Bild.de die mit Leidenschaft geführte Hetzkampagne gegen die “Pleite-Griechen” (BILDblog berichtete mehrfach) noch weiter auf die Spitze zu treiben.

Als Anfang der Woche bekannt wird, dass der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou eine Volksabstimmung über die empfindlichen Sparmaßnahmen plant, die mit dem zuvor beschlossenen Schuldenschnitt einhergehen, titelt Bild.de wenig diplomatisch:

Euro-Zocker Papandreou löst neue Krise aus Will uns der Griechen-Premier verarschen?

Ausgerechnet der windige Krawallnachwuchsjournalist Paul Ronzheimer, der bei seiner unsäglichen Drachmenrückgabeaktion vor einem Jahr bewiesen hat, dass er selbst ein hervorragender “Verarscher” ist, schreibt Sätze wie:

Alle fragen sich: warum tut Papandreou das? Warum jetzt? Will er uns verarschen? (…)

Der Euro-Zocker

(…)

Was zockt der Griechen-Premier?

Diese Reaktion ist schon allein deswegen bemerkenswert, weil eine Volksabstimmung den von “Bild” seit langem geforderten Austritt Griechenlands aus der Eurozone erheblich hätte beschleunigen können. Aber auch das vereinnahmende “uns” und “alle” ist unangebracht, wenn man bedenkt, dass es durchaus auch Stimmen gab, die die Entscheidung von Papandreou begrüßten.

Wie ein trotziges Kind forderte “Bild” dann am Donnerstag unverhohlen auf der Titelseite:

Nehmt den Griechen den Euro weg! Frau Merkel, wir wollen auch eine Volksabstimmung!

Die Marschrichtung ist deutlich. “Bild” glaubt wieder einmal für alle Deutschen sprechen zu können:

JETZT REICHT ES UNS! Wir bürgen für Hunderte Milliarden Euro, um die Pleite-Griechen zu retten – und dort soll erst eine Volksabstimmung klären, ob überhaupt gespart wird. Jetzt wollen wir auch eine Volksabstimmung: keine Milliarden mehr für Griechenland, Griechenland raus aus dem Euro!

Und den passenden “Stimmzettel” liefert “Bild” auch gleich mit (man beachte die falschen Landesfarben Schwarz-Schwarz-Rot):

Stimmzettel

Dieser Stimmzettel ist in seiner geballten Suggestivität und Einseitigkeit ein eindrucksvolles Zeugnis des Demokratieverständnisses von “Bild”: Kein Wort darüber, dass es vor allem deutsche Banken sind, die griechische Staatsanleihen halten und ohne die Milliardenhilfen ins Straucheln kommen würden. Kein Wort darüber, dass es rechtlich kaum möglich ist, dass die EU (und schon gar nicht Deutschland) den “Pleitegriechen (…) den Euro wegnimmt”. Kein Wort zu den bereits umgesetzten und geplanten Reformen und Sparmaßnahmen, für die Griechenland erst kürzlich gelobt wurde. Statt Informationen bietet “Bild” nur jede Menge Emotionen.

Selbst in einem späteren Artikel, in dem sich Bild.de dann doch mit den rechtlichen Rahmenbedingungen auseinandersetzt, wird das “Wir-gegen-die” wie selbstverständlich aufrecht erhalten:

Drohender Bankrott in Athen Wie kriegen wir die Griechen aus dem Euro? BILD.de erklärt die Rechtslage und mögliche Folgen

Immerhin, das durch die geplante Volksabstimmung angeknackste Weltbild von “Bild” und Bild.de scheint wieder in Ordnung zu sein. Nachdem Papandreou aufgrund von innen- und außenpolitischem Druck die Volksabstimmung wieder abgesagt hat, sind die “Pleite-Griechen” wieder genau da, wo “Bild” sie anscheinend haben will – im Staub:

Euro-Krise beendet? Griechen kuschen vor Angela Merkules Papandreou bildet Not-Regierung! +++ Volksabstimmung abgesagt!

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