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Frau Volkszorn

Stephanie Bilges ist die Frau, die bei “Bild” fürs Nichtverstehen zuständig ist. Nun spricht vieles dafür, dass bei “Bild” eine Menge Leute arbeiten, die in dieser Disziplin Experten sind. Aber Frau Bilges (vormals: Jungholt) hat ihre ganze publizistische Karriere bei “Bild” auf dem Nichtverstehen und Nichtverstehenwollen aufgebaut. Ihre Kommentare sind flammende Plädoyers gegen Debatten und dagegen, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen. Sie gibt dem Volkszorn eine zuverlässige Stimme außerhalb der Leserbriefseiten und ein Gesicht:

Stephanie Bilges

Ausländer und die Probleme, die sie Deutschen bereiten, sind eines ihrer Lieblingsthemen. Ihr Name steht über Artikeln, in denen “Bild” sogenannte “bittere Wahrheiten” darüber verbreitet.

Am vergangenen Donnerstag schrieb sie zum Thema Integration:

Jeder, der hier lebt, muss eine Chance bekommen – aber er hat die Pflicht, sie auch zu nutzen!

Ein sprachlich wie inhaltlich perfider Satz, denn eine Chance, die man nutzen muss, ist keine Chance, sondern ein Zwang.

Das ganze ideologische und rhetorische Lebenswerk der Stephanie Bilges hat sie selbst schon am 17. September 2010 zusammengefasst:

Seit Wochen diskutiert ganz Deutschland über misslungene Integration. Über Menschen, die unser Wertesystem ablehnen, den Rechtsstaat mit Füßen treten, aber nur allzu gern unsere Sozialleistungen in Anspruch nehmen.

Zeitgleich holt Innenminister de Maizière zwei neue Mitbürger ins Land: einen Syrer und einen Palästinenser, die unter Terrorverdacht in Guantánamo saßen.

Sie bekommen hier Wohnung, Sozialhilfe, Betreuer, Psychotherapie und sollen “ohne medialen Druck” leben dürfen.

Wie absurd ist das bitte?!

Es mag sein, dass den Männern Unrecht getan wurde. Es mag sein, dass sie hier sich gut einleben.

Aber was für ein Signal an uns Bürger sendet die Politik, wenn sie solchen Typen einen “Neuanfang” finanziert, während sie es nicht mal schafft, die hier lebenden Muslime zu integrieren?

Haben wir wirklich keine anderen Sorgen?

Es fällt schwer, diese Entscheidung zu begreifen. Und es zeigt sich einmal mehr, wie wenig die Politiker von unseren Sorgen und Ängsten verstehen.

Auf dieser doppelten Logik gründet regelmäßig ihre Empörung: Frau Bilges und das Volk verstehen etwas nicht. Und die Politiker verstehen das Volk nicht und nehmen keine Rücksicht auf deren fehlendes Verstehen und Verständnis.

Klar, dass sie Thilo Sarrazin als “unbequemen Querdenker” feiert:

Sarrazin hat – bei aller berechtigten Kritik – Millionen Menschen aus dem Herzen gesprochen. Weil er Missstände thematisierte, vor denen Politiker oft die Augen verschließen.

Statt ihn zu verteufeln, hätte die SPD das so drängende, wichtige Thema Integration noch verstärkter aufgreifen müssen.

Wie sie das “so drängende, wichtige Thema Integration” gern behandelt wissen möchte, erklärt Stephanie Bilges so:

Integration kann nur funktionieren, wenn muslimische Kinder an Schulen UNSERE freiheitlichen Werte kennenlernen und darauf Rücksicht nehmen. Nicht umgekehrt.

So einfach ist die Welt von Frau Bilges sortiert: Moslems auf der einen Seite, wir auf der anderen Seite. Der Islam auf der einen Seite, die Freiheit auf der anderen Seite. Ende der Debatte.

Unverfängliche Themen geht Bilges gar nicht erst an, aber anhand eines Beispiels, das wenigstens nicht Religion oder Strafrecht ist, kann man ihre Rhetoriktänze ganz gut durchleuchten. Im Mai 2011 schrieb sie über das Elterngeld, das sie für eine tolle Sache hält:

Jetzt passiert das, was so oft passiert bei uns: Das Elterngeld wird totgequatscht!

Der FDP-Generalsekretär will es abschaffen, Grüne und Linke nörgeln, es sei zu niedrig und ungerecht.

Blödsinn! In anderen Ländern funktioniert das Elterngeld auch seit vielen Jahren! Niemand würde in Schweden oder Finnland auf die Idee kommen, eine so wichtige familienpolitische Leistung einfach wieder abzuschaffen.

Nur bei uns müssen die Miesepeter und Bedenkenträger wieder alles schlechtmachen!

Finger weg vom Elterngeld – spart lieber woanders!

Haben Sie’s gemerkt? Neben der Forderung des damaligen FDP-Generalsekretärs Christian Lindner, das Elterngeld abzuschaffen, geht es am Rande auch Grüne und Linke, die “nörgeln, es sei zu niedrig und ungerecht”. Bilges ruft auch ihnen zu: “Finger weg vom Elterngeld – spart lieber woanders!”.

Sämtliche Kritik erklärt sie kurzerhand zu “Blödsinn”, weil das Elterngeld “in anderen Ländern” auch funktioniere — in ganz anderer Form vielleicht, aber für Details ist bei ihr kein Platz. Wenn sie schreibt, dass in Schweden oder Finnland “niemand auf die Idee kommen würde”, das Elterngeld wieder abzuschaffen, suggeriert sie gleichzeitig, dass es dort nicht einmal eine Debatte gibt. Und das ist das Beste für Frau Bilges überhaupt: das Fehlen einer Debatte.

Menschen, die nicht Bilges’ Meinung sind, sind automatisch “Miesepeter und Bedenkenträger” (oder “Miesmacher und Bedenkenträger”), und wenn ein Vorschlag, den sie gut findet, auch nur diskutiert wird, wirft sie den Andersdenkenden (in manchen Fällen auch: den Denkenden) direkt vor, “diese gute Idee gleich wieder kaputt zu reden”.

Bilges’ Kommentare gehen oft in direkte Appelle über, wenn sie dazu aufruft, jetzt bitte unbedingt und sofort etwas zu tun. Aktionismus ist ihr wichtiger als Besonnenheit: Lieber irgendwas tun, als erst mal verstehen wollen, was überhaupt Sache ist. Und Angst ist dabei immer ein guter Motor.

Auf dem Höhepunkt des medialen Schweinegrippe-Wahns schrieb sie:

Ein Virus, das Millionen Menschen weltweit in Panik versetzt. Schweinegrippe – unsere Angst hat einen neuen Namen.

Fast stündlich werden rund um den Globus neue Verdachtsfälle gemeldet!

Und wie geht Deutschland mit der Gefahr um?

Das Robert-Koch-Institut hat ein Lagezentrum eingerichtet. Die einzelnen Bundesländer schalten Hotlines. Ulla Schmidt verweist auf den Pandemie-Plan und sagt: “Wir sind gut vorbereitet.”

Sind wir das wirklich? […]

Das Letzte, was wir in der jetzigen Situation brauchen, ist Behörden-Hickhack und Kompetenz-Wirrwarr!

Wir brauchen Politiker, die handeln – und die die Sorgen der Menschen ernst nehmen.

Die Vorbereitung auf die Schweinegrippe mag Bilges hinterfragen, an anderen Stellen ist sie sich absolut sicher:

Fest steht: Auch das schärfste Waffengesetz hätte Winnenden nicht verhindert.

Nachdem ein Mann in Norwegen 77 Menschen getötet hatte, weil er eine “Islamisierung” Europas befürchtete, glaubte Bilges, einen “Sündenbock” gefunden zu haben:

Die “Islamfeindlichkeit” in Europa soll schuld sein. Die “wachsende Aggressivität” gegenüber Muslimen, die Art und Weise, wie bei uns über Integration diskutiert wird.

Mit Verlaub: Das ist Blödsinn!

Sie fügte hinzu:

Wenn wir beim Stichwort “Terror” heute instinktiv an radikale Muslime denken, hat das nichts mit Islamfeindlichkeit, sondern mit Erfahrung zu tun.

Im März 2010 erklärte Bilges:

Ich finde: Eine Frauenquote ist Blödsinn!

Sie beleidigt und diskriminiert uns, weil sie uns weismacht: Allein schafft ihr es eh nicht!

Es gibt viele Gründe, weshalb Frauen weniger erfolgreich sind als Männer:

Sie sind weniger aggressiv und verkaufen sich schlechter, aber sie sind auch oft hin- und hergerissen zwischen Job und Privatleben. Nicht selten ist die Liebe der erste große Stolperstein in der Karriere.

Und keine Quote der Welt würde diese Probleme lösen.

Dass Frau Bilges “weniger aggressiv” sein soll als ihre männlichen Kollegen, ließe sich höchstens damit erklären, dass die halt alle bei “Bild” arbeiten. Den schnarrenden Sechziger-Jahre-Tonfall hat sie jedenfalls voll drauf, wie sie vor der Bundestagswahl 2009 unter Beweis stellte:

Diese Wahl ist auch die letzte Ausfahrt vor einem Deutschland, das von Kommunisten mitgelenkt wird.

Einmal schrieb Bilges, es sei wichtig, “dass sich Richter und Gutachter künftig noch mehr ihrer Verantwortung bewusst sind”:

Dass sie Urteile fällen, die uns wirklich schützen.

Und nicht mit Mitleids-Gutachten neue Zeitbomben auf unsere Straßen schicken.

Ein anderes Mal:

Richter sprechen Urteile “im Namen des Volkes”. Damit ist viel Verantwortung verbunden.

Auch die Verantwortung, dass das Volk die Entscheidungen versteht.

Ihre Verantwortung als Journalistin scheint Bilges dabei ganz anders zu sehen: Ständig fragt Bilges “Wer schützt uns?” (14. Januar 2011, 11. März 2010), “Wer schützt uns vor solchen Richtern?” (BILDblog berichtete) oder “Wer versteht unsere Justiz?”, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, die Justiz überhaupt verstehen zu wollen. Lieber schreibt sie: “Dieses Urteil macht wütend!” oder “Dieses Urteil ist mehr als fragwürdig!”, so als sei es ihre Kernaufgabe als Journalistin, die (mutmaßliche) Meinung ihrer Leser auszusprechen, statt mit Fakten und Hintergründen zur Meinungsbildung beizutragen und dabei vielleicht auch zu erklären, zu verstehen versuchen, warum ein Gericht so urteilt, wie es geurteilt hat.

Fest steht: Die beiden Täter können nicht bestraft werden. Weil sie im juristischen Sinne eben wirklich noch Kinder sind.

Doch der Staat muss etwas tun, wenn immer mehr Kinder so ausrasten!

Muss die Strafmündigkeit irgendwann der Realität angepasst werden?

Knast schon ab 12 – das klingt radikal, vielleicht zu radikal.

Aber es geht darum, uns zu schützen – auch vor Kindern, die in Wahrheit längst keine Kinder mehr sind.

Ihre juristischen Grundsätze sind klar und direkt aus dem alten Testament übernommen: Wer selbst keine Gnade kannte, hat keine Gnade verdient, law and order, “Der Schutz der Bevölkerung hat Vorrang!”.

Bilges schreibt dann Sätze, wie sie ein Stammtischbruder oder der “Bild”-Intimus Til Schweiger kaum populistischer formulieren könnten:

Und wer sich genauer anschaut, welche Vorgaben die Richter für den Umgang mit Schwerverbrechern machen, der fragt sich schon, ob das Maß stimmt:

Da ist nämlich schon wieder von “intensiver Therapie”, “realistischer Entlassungsperspektive”, “familiären und sozialen Außenkontakten” die Rede.

Mit Verlaub! Von solchen Phrasen haben wir – und auch die Opfer! – endgültig die Nase voll.

Bilges bezieht sich immer wieder auf die einfachen Leute und den kleinen Mann von der Straße, auf “uns Bürger” und “ganz Deutschland”, doch am Ende bleibt oft genug unklar, ob sie dem Volk nun tatsächlich aufs Maul geschaut oder nicht doch eher dessen Leserbriefe vorformuliert hat:

Ganz Deutschland scheint in diesen Tagen nur ein Thema zu kennen: Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Doktorarbeit.

Hat er geschummelt, getrickst und bei anderen abgeschrieben? Ist das Betrug? Ist so einer als Minister überhaupt noch tragbar?

Viele Deutsche sind der Meinung, wir hätten andere Probleme – sie haben recht!

Sicher hat Guttenbergs beinahe perfektes Image einen Kratzer erlitten. Er macht Fehler, wie andere Menschen auch. Und wenn die Vorwürfe stimmen, muss er den Titel natürlich abgeben.

Aber wer Guttenberg als Politiker beurteilt, darf nicht nur das schlampige Zitieren aus seiner Doktorarbeit heranziehen.

Zu bewerten sind auch Kompetenz, Pflichtbewusstsein und das große Engagement z. B. bei der Bundeswehrreform.

In Afghanistan sind gestern drei deutsche Soldaten gefallen.

Das sind die Probleme, um die es wirklich geht.

Man möchte nicht diskutieren müssen mit einer Frau, deren Argumentsarsenal sich im Wesentlichen auf die Formulierung “Mit Verlaub”, auf die Frage, ob wir keine anderen Probleme haben, auf ein rhetorisches mit den Armen in der Luft herumwedeln und auf eine unbeschränkte Zahl Ausrufezeichen beschränkt. Aber diskutieren will sie ja ohnehin nicht, sie will, dass sofort etwas getan wird, im Zweifel nicht das Richtige, Maßvolle oder das Vernünftige, sondern das, was Menschen verstehen können, ohne es verstehen zu müssen.

Mit ihrer Rhetorik trägt Bilges direkt zur Politik- und Justizverdrossenheit bei, über die die Medien seit Jahrzehnten berichten.

Fast jedes Thema lässt sich auf ein “wir hier unten, die da oben” herunterbrechen:

Wir zahlen Strafe, wenn wir 7 km/h zu schnell fahren oder bei der GEZ den Fernseher nicht anmelden.

Aber skrupellose Verbrecher können giftige Industriefette ins Tierfutter kippen!

Wenn jemand etwas von den Ängsten der Bürger versteht, dann Stephanie Bilges: Wenn sie diffuse Ängste aufgreift, benennt und als Argumente weiterverbreitet, ist sie der Katalysator dieser Ängste, die Wiederaufbereitungsanlage eines unbestimmten Unwohlseins. Statt zu versuchen, ihren Lesern die Angst durch den Einsatz von Fakten zumindest ein wenig zu nehmen, heizt sie deren Ängste weiter an.

Stephanie Bilges ist die Frau, die Franz Josef Wagner wie einen aufgeklärten, liberalen Freigeist erscheinen lässt.

Uefa, Georg Seeßlen, Hugh Grant

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Montierte Tränen”
(sueddeutsche.de, Thomas Kistner und Katharina Riehl)
Die Live-Übertragung der Fußball-Europameisterschaft wird erneut mit vorher aufgezeichneten Szenen gemischt. “Die Bilder aus dem deutschen Fanblock wurden vorher aufgenommen und nach dem Tor ohne die mit der Uefa verabredete Kennzeichnung gezeigt.”

2. “Deutschland ringt um Fassung”
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier greift den Fall auf: “Die ARD will sich wieder beim Verband beschweren, und das ZDF wird sicher auch noch markige Worte für diese Art der Manipulation finden. Sie werden so laut und empört über diesen unseriösen Einsatz von Symbolbildern protestieren, dass man fast denken könnte, sie hätten einen Ruf zu verlieren, als Journalisten und seriöse Sportberichterstatter.” Siehe dazu auch “Entzieht ARD und ZDF den Live-Fußball!” (ftd.de, Falk Heunemann) und “Mein Fan-Problem” (coffeeandtv.de, Lukas Heinser).

3. “21/22”
(zumblondenengel.de, Frédéric Valin)
“Es ist die Geste des stolzen Sklaven, der seinen Körper, nicht aber seinen Geist unterwerfen hat lassen”, schrieb Georg Seeßlen beispielsweise für die “taz” über die Jubelpose des italienischen Fußballers Mario Balotelli nach dem 2:0 im Spiel gegen Deutschland. Frédéric Valin analysiert diesen Feuilleton-Text und zwei weitere dazu: “Fassen wir zusammen: Seeßlen akzuentiert Balotelli als Farbigen, der Widerstand leistet; Poschart ihn als Wilden, der die Grenzen sprengt; Graff ihn als in der Urzeit Erstarrten. Keiner schafft es, sich von der Hautfarbe Balotellis zu lösen, bei allen bleibt er der Schwarze, der sich nur im Verhältnis zu seiner Hautfarbe deuten lässt.”

4. “‘Als hätte man einen Einbrecher zu Hause'”
(welt.de, Rüdiger Sturm)
Schauspieler Hugh Grant war letztes Jahr daran beteiligt, das Abhören von Telefonen durch “News of the World” aufzudecken. “Wenn ich in der Öffentlichkeit auftrete, habe ich nichts dagegen, wenn die Medien darüber berichten. Das geschieht ja mit meinem Einverständnis. Aber wenn man in mein Privatleben eindringt, dann ist das so, als hätte ich einen Einbrecher zu Hause. Wer würde da nicht wütend? Aber es geht bei der ganzen Sache nicht in erster Linie um mich und um die Leute aus dem Showbusiness. Viel schlimmer betroffen sind die ganz normalen Bürger, etwa die Angehörigen von Mordopfern.”

5. “Der Jamiri-Plagiator Andreas Heinze aus Oberhausen wagt eine Ausstellung”
(ruhrbarone.de, Georg Kontekakis)
Georg Kontekakis ärgert sich über die Berichterstattung zu einer Ausstellung eines Mannes, in dem er keinen Künstler, sondern einen Plagiator von Jamiri sieht.

6. “Rousseau in der Campagna…”
(infosperber.ch, Kurt Marti)
Die Hauptausgabe der Tagesschau des Schweizer Fernsehens illustriert einen Bericht über Jean-Jacques Rousseau mit einem Bild von Johann Wolfgang von Goethe.

Abwärtsjournalismus

Das mit dem Witze erklären ist ja immer so eine Sache. Wir versuchen’s trotzdem mal.

Dieses Video wurde am Montag bei YouTube eingestellt:

Österreichische Polizisten, die eine Rolltreppe hinunterfahren — wie bizarr!

oe24.at, die Online-Ausgabe der Boulevard-Zeitung “Österreich”, schrieb dann auch gestern Abend:

Das ganze Land lacht über ein Polizei-Video. Cops beim Rolltreppen-Training – über 50.000 haben’s angeschaut.

(Wir haben sicherheitshalber mal nachgeschaut: Österreich hat 8,4 Millionen Einwohner. Die Formulierung “das ganze Land” ist dort offenbar auch nicht wörtlich zu verstehen.)

Etwas hilflos haben die Redakteure auch noch einen Begleittext drumherum gestrickt:

Es ist das lustigste Video der Woche, das ganze Land lacht über die jungen Kieberer aus Linz. Zu sehen ist der Hit auf YouTube: Das spektakuläre “Rolltreppen-Training” der Polizei.

Entstanden ist der Streifen am Linzer Hauptbahnhof. Untertitel: “Inhalte des Trainings: Sicheres Benutzen einer Rolltreppe (Verwendung des Handlaufs!)”.

Pärchenweise düsen die Uniformierten eine große Rolltreppe hinunter, kraxeln gleich daneben zu Fuß die Stiegen wieder hinauf.

Mehr als 50.000 Österreicher haben sich das Polizei-Video inzwischen angeschaut.

Dort haben die Leute von Bild.de dann das Video entdeckt, bei YouTube heruntergeladen und mit Zeitlupen, pathetischer Musik und “lustigen” Kommentaren versehen:

Wie der beeindruckende Film zeigt, beherrschen die Beamten diese schwierige Aufgabe wie aus dem Effeff. Souverän, zügig, aber ohne Hektik erreichen alle Teilnehmer ohne Verletzungen sicher festen Boden.

Der Urheber, der das Video bei YouTube hochgeladen hatte, wird mit keinem Wort verlinkt. Dafür hat Bild.de aus den “mehr als 50.000” Zuschauern (inzwischen sind’s etwas mehr als 60.000) “mehr als 500 000 Menschen” gemacht.

Viel mehr weiß auch Bild.de nicht zu berichten. Was ein bisschen schade ist, denn so viel Mühe hätten sie sich gar nicht machen brauchen: Die Leute von nachrichten.at, dem Online-Portal der oberösterreichischen Zeitung “OÖNachrichten”, hatten bereits am Dienstagvormittag ein klein wenig recherchiert und Folgendes herausgefunden:

In einem aktuellen YouTube-Video ist zu sehen, wie Linzer Polizisten scheinbar das Rolltreppenfahren üben. Bei der Aktion handelt es sich aber um ein Abschlussvideo von fertig ausgebildeten Polizeischülern. [..]

“Die Idee dahinter war, dass sie als Zivilisten hinaufgehen, und dann als fertig ausgebildete Polizisten wieder hinunterfahren”, sagt Polizei-Pressesprecherin Simone Mayr. Das Aktion war eigentlich als private Feier gedacht und sollte als Erinnerung auf Video festgehalten werden. […] Eine Rolltreppen-Ausbildung für die Linzer Polizisten gibt es selbstverständlich nicht, bestätigt Mayr. Solche Trainings sind auch in Zukunft nicht geplant.

Mit Dank an Klaus.

Nachtrag, 30. Juni: Bild.de hat den Artikel dahingehend überarbeitet, dass jetzt von “mehr als 50 000 Menschen” die Rede ist.

Albrecht Müller, taz, Frauenzeitschriften

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Thilo Sarrazin geht gegen ‘taz’ vor”
(spiegel.de, Felix Bayer und Thorsten Dörting)
Christian Schertz, Anwalt von Thilo Sarrazin, fordert eine Unterlassungserklärung von der “taz”. Beanstandet wird der am 18. Juni in der Rubrik “Die Wahrheit” erschienene Text “Thilo Sarrazin: Südländer als Untermenschen”.

2. “Offener Brief an Albrecht Müller”
(freitag.de, Jakob Augstein)
Jakob Augstein, Herausgeber von “Der Freitag”, schreibt an Albrecht Müller, Herausgeber der “Nachdenkseiten”: “Sie lesen offenbar nicht den Text, der vor Ihren Augen steht, sondern Sie suchen in dem Text Ihre eigenen Vorurteile – und wenn Sie die nicht finden, macht es Ihnen auch nichts aus.” Anlass für die Replik ist diese Kritik (Nachtrag).

3. “How do you tell when the news is biased? It depends on how you see yourself”
(niemanlab.org, Jonathan Stray, englisch)
Die Frage, welcher Gruppe man sich zugehörig fühlt, ist entscheidend bei der Beurteilung der Unvoreingenommenheit einer Nachricht. “The same story can make everyone on all sides think the media is attacking them. (…) We might like to think of ourselves as impartial judges of credibility and fairness, but the evidence says otherwise.”

4. “Vorsicht vor der Politik, wenn alles jubelt”
(tagesschau.de, Video, 2:41 Minuten)
Die “Tagesthemen” blicken zurück auf wichtige Politikentscheide, die während großer Fußballturniere vorgenommen wurden, “politische Grausamkeiten im Schatten der Spiele”. So zum Beispiel die Erhöhung der Mehrwertsteuer während der WM 2006 oder aktuell die Entscheidungen zum Fiskalpakt und zum ESM.

5. “Das Schweizer Fernsehen diskriminiert die Jungen”
(infosperber.ch, Christof Moser)
Christof Moser prüft den Altersdurchschnitt der eingeladenen Gäste verschiedener Sendungen des Schweizer Fernsehens.

6. “Blond, ledig testet … Frauenzeitschriften”
(zdf.de, Video, 29:52 Minuten)
Die 29-jährige Redakteurin Inga Weßling testet während einer Woche aus, was Frauenzeitschriften empfehlen: Sie macht eine Obstdiät, konsultiert eine Astrologin, übt strippen, geht zu einer Tantra-Massage und lässt sich Haare mit Wachs entfernen.

Niveau ist keine Hautcreme (4)

Im vergangenen Jahr wurde die Marke Nivea 100 Jahre alt und ließ sich in verschiedenen Medien feiern.

Und auch wenn es nach so einem runden Geburtstag häufig ruhiger wird um den Jubilar, braucht sich die Beiersdorf AG keine großen Sorgen zu machen, solange sie Werbeträger wie Joachim Löw hat, die von Journalisten explizit auf ihre Tätigkeit angesprochen werden:

Erschienen ist dieses Interview vergangene Woche in der “Leipziger Volkszeitung”. Bebildert war es dabei so:

Die Veröffentlichung des Interviews war offenbar die Zweitverwertung eines Interviews, das so ähnlich schon Anfang Juni in der “Schweriner Volkszeitung” erschienen war.

Die oben zitierte Passage sah dort ein bisschen anders aus, aber ganz ohne Nivea kam das Gespräch auch nicht aus:

Neben Ihrem Job sind Sie auch “Pflegecoach” einer Männerkosmetik-Marke. Der 54er-Weltmeistermacher Sepp Herberger wäre in einer solchen Rolle schwer vorstellbar…

[…]

Früher reiste man im Trainingsanzug und Turnschuhen, heute ist es wichtig, dass eine Mannschaft als Repräsentant verschiedener Institutionen geschlossen und gut angezogen auftritt.

Sie achten sehr auf Ihr Äußeres, wie eitel darf ein Fußball-Mann sein?

Fußball hat in den vergangenen Jahren eine solche Stellung eingenommen, dass gepflegtes Auftreten und ein wenig Eitelkeit einfach dazugehört. Ich persönlich nehme jeden Tag Gesichtspflege, Männerprodukte sind ja lange nicht mehr uncool.

Wenn ein Sponsor aus der Wirtschaft an Sie herantritt, wonach entscheiden Sie, ob Sie zusammenarbeiten werden?

Ich muss mich zu 100 Prozent mit der Marke identifizieren, sie im Alltag selbst benutzen und Vertrauen in die Produkte haben. Mit Nivea bin ich quasi aufgewachsen. Wir Jungs wurden immer damit eingecremt. Ein wenig erinnert mich die blaue Dose daher auch an meine Kindheit.

Mit Dank an Sebastian S.

Antiwählerfrühstück, Prinzessin, Euro

6 vor 9

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1. “Ankara: Syrien hat weiteres Flugzeug beschossen”
(tagesspiegel.de, Andrea Nüsse)
In Syrien habe sich eine “Art Medienkrieg zwischen staatlicher syrischer Propaganda und Leitmedien wie den arabischen Sendern ‘Al Dschasira’ und ‘Al Arabija’ etabliert”, schreibt Andrea Nüsse. “Am Anfang des Konfliktes wiesen Medien noch oft darauf hin, dass es schwer sei, objektive Nachrichten zu erhalten, weil keine ausländischen Reporter ins Land gelassen würden. Mittlerweile übernimmt die westliche Politik und Presse oft ohne Einschränkung die Darstellungen bewaffneter Kämpfer vor Ort und der ‘citizen reporter’.”

2. “Ein bisschen Tratsch muss sein”
(sueddeutsche.de, Ekkehard Müller-Jentsch)
Vor dem Landgericht München stritten am Montag die Anwälte von Roberto Blanco, “Bunte” und “Bild am Sonntag” um die Berichterstattung zu einer Hochzeit und um einen zwischen Blanco und “Bunte” geschlossenen Exklusivvertrag.

3. “Tausche Hirn gegen Verantwortung”
(fernsehkritik.tv, Fernsehkritiker)
Zur am 1. Juli stattfindenden Wahl eines Oberbürgermeisters in Halle lädt die MDR-Sendung “Querformat” zu einem “Antiwählerfrühstück” ein und offeriert ihren Zusehern “palettenweise belegte Brötchen und Kaffee”. “Diejenigen, die nicht wählen wollen, werden nur vorbei kommen, um sich ein kostenloses Frühstück abzuholen. Und schlimmer noch: Möglicherweise werden manche Bürger, die eigentlich zur Wahl entschlossen sind, nun durch die Aussicht auf Kaffee und Brötchen davon abgehalten.”

4. “Mehr Kitsch geht nicht”
(faz.net, Jonathan Schaake)
Die ZDF-Dokumentation “Endlich Prinzessin” (zdf.de, Video, 44 Minuten) über Kate Middleton und Charlene Wittstock in der Kritik: “Der Film von Ulrike Grunewald und Annette Tewes bietet flaches Royaltainment, das auf jeglichen Blick hinter die Fassaden verzichtet.”

5. “Liebe Noch-Euro-Mitbürger!”
(ftd.de, Horst von Buttlar)
Horst von Buttlar macht sich Gedanken über die optische Gestaltung der Krise des Euro.

6. “Der Mann in unserer Garage”
(tagesanzeiger.ch, Michael Hermann)

Wuppertal, Günter Wallraff, Kai Diekmann

6 vor 9

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1. “Leistungsschutzrecht – ein Gesetz aus Schilda”
(christophkappes.de)
Christoph Kappes kommentiert den nun vorliegenden Entwurf eines Leistungsschutzrechts für Presseverleger: “Die Selbstbedienungsmentalität der Verlage wird ganz deutlich, wenn man sich vorstellt, ein Metzger wolle seine Leistungen für das Zustandekommen einer Wurst schützen lassen. (…) Wirtschaftlich geht ein Leistungsschutzrecht ohnehin ins Leere, denn die Beteiligten werden darauf reagieren.”

2. “Studie ‘beweist’: In Wuppertal werden die wenigsten Räder geklaut”
(njuuz.de, Georg Sander)
“Die Welt” behauptet, in Wuppertal würden “88 Prozent weniger Fahrräder geklaut als in den anderen untersuchten Städten”: “Auf die Idee, dass in einer topfebenen Studentenstadt wie Münster pro 100.000 Einwohner auch viel mehr Fahrräder gekauft werden als im bergigen Wuppertal (und daher auch viel mehr Räder entwendet werden), sind die Qualitätsjournalisten der ‘Welt’ offenbar nicht gekommen.”

3. “Der Mann, der Günter Wallraff war”
(faz.net, Marcus Jauer)
Für einige Stunden schlüpft Marcus Jauer ist die Rolle von Günter Wallraff: “Seit vier Stunden bin ich nun Deutschlands bekanntester Enthüllungsjournalist, aber bislang hat mich niemand erkannt und mir ist auch kein Skandal untergekommen. Meine Recherche steht an einem heiklen Punkt. Als ich mir mit der Hand in den Nacken fahre, spüre ich, dass sich die Glatze langsam zu lösen beginnt.”

4. “Why Porn and Journalism Have the Same Big Problem”
(theatlantic.com, Jordan Weissmann, englisch)
“In both cases, the competition is so broad that customers are likely to go elsewhere rather than pay.”

5. “Die ‘Sponsoren’ von ‘BILD für alle!'”
(nachdenkseiten.de, Jens Berger)
Jens Berger rechnet mögliche Werbeeinnahmen der Gratis-“Bild” zusammen.

6. “Der Herr der Klobrillen”
(taz.de, Peter Köhler)
Die Karriere von “Kai ‘Sauber’ Diekmann” im Spiegel der Rubrik “Die Wahrheit”: “Eimer voller Hohn ergossen sich über ihn beispielsweise im Mai 2002, als seine misslungene Gehirnverlängerung publik wurde.”

Boulevard, Brüssel, Lothar Matthäus

6 vor 9

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1. “Pro und Contra: Gibt es guten Boulevard?”
(taz.de, Steffen Grimberg und Felix Dachsel)
Natürlich gibt es guten Boulevard, findet Steffen Grimberg: “Guter Boulevard berührt, ohne die Emotionalisierung nur als billiges Mittel zum Zweck einzusetzen.” Felix Dachsel sieht es anders: “Das Prinzip, das dahinter steht, heißt Dorfjustiz.”

2. “Leseschwäche in Brüssel”
(stern.de, Hans-Martin Tillack)
Das Generalsekretariat und die Generaldirektion für Wirtschaft und Finanzen der EU-Kommission liefern Hans-Martin Tillack auf Anfrage keine oder nicht erwünschte Daten. “Sollte der Euro in den kommenden Monaten oder Jahren doch noch kollabieren, wird das zu unser aller Schaden sein. Und spätestens dann wird sich der Blick nach Brüssel richten müssen.”

3. “Klug wie ein Kühlschrank”
(spiegel.de, Arno Frank)
Die Vox-Dokusoap “Lothar – Immer am Ball” mit Ex-Fußballprofi Lothar Matthäus in der Kritik von Arno Frank.

4. “Polemik: Dumm, dümmer, BILD”
(wortvogel.de, Torsten Dewi)
Torsten Dewi beschäftigt sich mit einer Reihe von Klatschgeschichten auf Bild.de und Stylebook.de.

5. “Bild-Geburtstag: Dreck statt Torte”
(heise.de, Hektor Haarkötter)
Hektor Haarkötter kommt zur Gratis-“Bild” der McLuhan-Satz “The medium is the message” in den Sinn: “Nie war der Satz wahrer als im Angesicht dieser selbstbezüglichsten aller selbstbezüglichen Zeitungsausgaben.” Siehe dazu auch “Einfach gar keine Haltung” (faz.net, Claudius Seidl), “BILD nur unterm Ladentisch” (thausherr.blogspot.de, Tilman Hausherr) und ein Gespräch mit Günter Wallraff (dradio.de, Jasper Barenberg).

6. “Gratis-BILD Unboxing”
(netzfeuilleton.de, Jannis Kucharz, Video, 1:15 Minuten)

Ein Hauch von NICHTS

Was ist DAS denn? NICHTS, oder?

Genau: Nichts. Im Grunde geht es hier um etwas, das gar nicht da ist. Oder, sagen wir: vermutlich nicht da ist. Jedenfalls ist es ein gutes Beispiel dafür, was “Bild” aus einem vermeintlichen “NICHTS” alles machen kann.

Hast Du etwa nichts drunter, Heidi?

So fragte “Bild” am Montag großflächig auf der letzten Seite. Und spekulierte munter drauflos:

Warum so hüllenlos? Der Stoff des giftgrünen Kleides war gnadenlos. Hätte die Moderatorin etwas drunter getragen, es wäre wahrscheinlich sichtbar gewesen. Und somit ein absolutes No-go für einen öffentlichen Auftritt.

Um der Mutmaßerei ein bisschen Glaubwürdigkeit zu verpassen, wurde noch ein “Vertrauter” der Protagonistin herangezogen:

“Heidi überlässt NICHTS dem Zufall! Lieber kein Slip, als einen, den man sieht …”

Ganz abgesehen davon, dass sich der vermeintliche “Vertraute” mit dieser Antwort glatt als Society-Experte beim Privatfernsehen bewerben könnte, reichte den Leuten von “Bild” das Geschwurbel aber offenbar als Bestätigung für das, was sie ohnehin schon wussten — und schon gerieten die “Bild”-Mühlen in Bewegung:

Diese Promi-Damen
mögen

Unter dieser Überschrift präsentierte Bild.de eine 34-teilige Fotostrecke zu Heidi Klum und veröffentlichte parallel eine 16-teilige Fotostrecke mit “Unterwäscheblitzern” diverser Popstars.

Bild.de diente außerdem mit Beispielen wie Britney Spears (“schockte” schon 2006 mit “Unten-ohne-schamlos-Fotos”) oder Paris Hilton (“drängt uns auch immer mal wieder Unten-ohne-Fotos auf”) und vergaß dabei natürlich nicht, einige der aufgedrängten Unten-ohne-schamlos-Fotos in Großversion mitzuliefern. (Sollte ein Leser mal Zweifel am Unten-ohne-Grad der Fotos hegen, kann er sich dank der zusätzlichen Vergrößerungsfunktion sogar auf einer Groß-Groß-Version von der schamlosen Nacktheit der “Promi-Damen” überzeugen.)

Abends wusste Bild.de dann auch schon, was “Deutschland” von der ganzen Sache hielt:

Heidi Klum ohne Slip im TV: Das sagt Deutschland

“Ein Vorbild sollte sich nicht so verhalten…”, “Das hat wirklich kein Trend-Potenzial…”, “So geht das nicht…”, “Ich bin total erschrocken…”

Die Meinungen der von BILD.de befragten Passanten zu Heidi Klums (39) Sliplos- Auftritt in der US-Show “Project Runway” sind eindeutig – auf großes Verständnis für diese Aktion kann die Topmodel-Mama also nicht hoffen.

“Deutschlands” Meinung erfährt man in einem anderthalbminütigen Video (“Mädels, tragt ihr auch ‘unten ohne’?”), in dem irgendwelche Passanten etwas dazu sagen. In einer weiteren Fotostrecke (“Das sagen die Deutschen zu unten ohne”) sagen dieselben Passanten noch mal dasselbe dazu.

Dass Heidi Klum “ohne Slip im TV” aufgetreten ist, ist mittlerweile auch gar keine Spekulation mehr, sondern von Bild.de kurzerhand zur Tatsache erklärt worden.

O-Ton des Bild.de-Reporters im Video:

Heidi Klum wird immer verhaltensauffälliger. Jetzt ist die 39-Jährige in einer US- TV-Show ohne Schlüpfer aufgetreten!

Am Mittwoch war es dann so weit: Aus der Spekulation, die zur Tatsache geworden war, wurde schließlich eine “Debatte”!

Die Unten-ohne-Debatte

Die höschenlose Heidi Klum (39) im hautengen Kleid löste einen Riesenwirbel aus.

Dass man außerhalb des “Bild”-Universum von diesem “Riesenwirbel” nichts mitbekam, interessierte dort selbstverständlich niemanden. Stattdessen durften jetzt auch endlich mal die ran, die sich auch an anderen von “Bild” heraufbeschworenen Debatten immer herzlich gerne beteiligen. “BILD bittet deutsche Promis um ihre Meinung”, hieß es, und ihre wertvollen Informationen durften beisteuern: Mariella Gräfin von Faber- Castell, Jenny Elvers, “Mode-Legende” Wolfgang Joop, Franziska Knuppe (“seit fünf Jahren Gesicht und Body der Dessousfirma ‘Triumph'”) und Yasmina Filali (“‘Die Hose bleibt an! Im Auto schnalle ich mich doch auch an'”).

Jetzt wurde es selbst den Lesern bei Bild.de zu viel. Im “Slip-Voting” machten 42 Prozent der Befragten ein Kreuzchen bei: “Wieso die Aufregung? Der Slip zeichnet sich unter dem Kleid doch eh nur ab.”

Wieso die Aufregung? Gute Frage. Für Bild.de aber kein Grund zum Innehalten. Ganz im Gegenteil: Aus dem offenkundigen Desinteresse ihrer eigenen Leserschaft strickten die Leute von Bild.de wieder eine ganz neue Story. Und so ging es direkt weiter in die nächste Phase, die Post-Debatten-Phase:

Schlüpfrig? Nein. Clever!

42 Prozent sind der Meinung: “Wieso die Aufregung? Der Slip zeichnet sich unter dem Kleid doch eh nur ab” – und dieser Meinung ist auch die BILD.de-Lifestyle- Redaktion.

Denn bei genauerer Betrachtung wird klar: Das Topmodel mit einem Hang zum Perfektionismus hatte eigentlich gar keine andere Wahl, als den Slip ausnahmsweise mal im Schrank zu lassen. Wegen des zarten Satins und der transparenten Einsätze an der Seite hätte sich Unterwäsche – egal wie klein – wirklich nur unschön abgezeichnet.

Und wenn Sie jetzt sagen: Das mit dem Abzeichnen hatte “Bild” doch schon im allerersten Artikel festgestellt! — Genau.

In der normalen Welt ist unterdessen Alles beim Alten geblieben. Die Ursprungsfrage, ob jetzt ein Höschen im Spiel war oder nicht – wenn es denn überhaupt jemanden gibt, den das interessiert – ist nach wie vor unbeantwortet.

In der Welt von “Bild” und Bild.de aber gibt es nicht nur eine Antwort darauf (kein Höschen!), sondern auch eine Bewertung derselben (“Clever!”), einen wichtigen Hinweis für die Leserinnen (“IMMER daran denken, die Beine schön geschlossen zu halten”), es gibt fünf Artikel, mehrere Fotostrecken, eine Umfrage unter Passanten, eine Umfrage unter “Promis”, eine Umfrage unter den Lesern — und nicht einmal den Hauch eines Erkenntnisgewinns.

Das ist das, was “Bild” aus einem vermeintlichen “NICHTS” alles machen kann.

Nachtrag, 25. Juni: Wenn Sie schon schon ungläubig den Kopf geschüttelt haben, dann passen Sie mal auf!

Das schrieb Bild.de gestern:

Eine vermeintlich höschenlose Heidi Klum (39) löste in der vergangenen Woche einen Riesenwirbel aus. Nun geht der Schlüpfer-Rummel in die nächste Runde.

Klingt schon jetzt wie der blanke Hohn. Aber es geht noch weiter:

Mit einem luftigen Auftritt sorgt das deutsche Supermodel erneut für Aufregung. (…) Beim Werbe-Dreh für ein Haarspray in New York blies der Wind Heidis blauen Trenchcoat nach oben und gab die Sicht auf ihr knackiges Hinterteil frei!

Das heißt übersetzt: Es gibt ein Foto, auf dem ungefähr ein Zentimeter von Heidi Klums Pobacke zu sehen ist (kann man sich auf Bild.de selbstverständlich wieder in normaler, in großer und in ganz großer Version anschauen). Da stellt sich natürlich die Frage:
Lüftet dieses Foto Heidis Schlüpfer-Geheimnis?
Wir machen es kurz:

Das viel diskutierte Schlüpfer-Geheimnis kann auf diesem Foto leider nicht gelüftet werden. Selbst bei näherer Betrachtung ist das Rätsel nicht zu lösen. Es ist weder ein Slip noch kein Slip zu sehen!

Sie dürfen jetzt weitermachen mit dem Kopfschütteln.

Mit Dank an Matthias M., Sven, Robin und Ulrike H.

Bild  

Die Ente ist sicher

Wenn man es nicht ohnehin jeden Tag über “Bild” sagen könnte, würden wir sagen: Das, was da morgen millionenfach ungefragt unters Volk gebracht wird, ist doch keine Zeitung! Aktuelle Informationen wird die “Frei-BILD für alle” jedenfalls nicht enthalten. Die Produktion wurde schon vor Tagen abgeschlossen. Seit Mittwoch verteilt die Post das Papier intern über das Land.

Wann das zeitlose Printprodukt, mit dem sich “Bild” zum 60. Geburtstag gratuliert, tatsächlich entstanden ist, wissen wir nicht. Es könnte schon länger her sein. Auf der Titelseite jedenfalls ist Chefredakteur Kai Diekmann, über dessen neuen Kurzhaarschnitt die Medien vergangene Woche ernsthaft berichtet haben, noch mit alter Frisur abgebildet:

Es ist ein größerer logistischer Aufwand, den Springer betreibt, um sich morgen in rund 41 Millionen Briefkästen stecken zu lassen. Und der Aufwand wurde noch größer dadurch, dass mehr als 250.000 Menschen erklärt haben, keine “Bild” bekommen zu wollen — diesen Widerspruch muss “Bild” respektieren.

Für einen solchen Einspruch ist es jetzt zu spät, aber der Cartoonist Ralph Ruthe hat bei Facebook eine Druckvorlage veröffentlicht, die Sie morgen an Ihren Briefkasten kleben können:

Hier bitte keine BILD einwerfen

Die Deutsche Post AG schreibt in einer internen Mail:

Am morgigen Samstag stemmt der Brief-Bereich in der Zustellung das größte Einzelprojekt aller Zeiten

Die Bild-Zeitung feiert ihren 60. Geburtstag und bringt zu diesem Anlass eine Jubiläumsausgabe heraus. Jeder Haushalt in Deutschland soll eine gratis bekommen. 41 Millionen Exemplare müssen verteilt werden – eine Riesenaufgabe für unsere Zusteller. Axel Springer plant sogar, die Aktion ins Guinness Buch der Rekorde zu bringen.

(Link von uns)

Die Zeitungen wurden bereits seit vergangenen Mittwoch auf insgesamt 8.100 Paletten aus den dezentralen Lagern Zug um Zug an die Briefzentren geliefert. Dort werden die Sendungen kommissioniert und weiter an die Zustellstützpunkte transportiert.

Die Zusteller wurden in den Dienstunterrichten auf die Aktion vorbereitet. Über 53.000 von ihnen werden am Samstag fast zwei Millionen Kilometer zurücklegen, um die Bild zu allen Haushalten zu bringen. In Bonn wird ein zentrales Lagezentrum eingerichtet, von dem aus Kollegen für Nachfragen und bei Problemen zur Verfügung stehen. Alles ist bereit für den größten Pressepost-Versand, den es jemals in Deutschland gab.

In einem Interview gab Uwe Brinks, Produktionschef Deutschland bei der Deutschen Post, zu Protokoll:

Das ist eine große Herausforderung, auf die ich mich sehr freue. Gleichzeitig habe ich natürlich Respekt davor. Ich vertraue ganz auf unsere Mitarbeiter. Ich weiß aus vielen Gesprächen, dass viele Kollegen der Ehrgeiz gepackt hat. Für uns ist das eine tolle Chance zu beweisen, dass wir “die Post für Deutschland” und erste Wahl für unsere Kunden sind. Diese Aktion kann uns keiner nachmachen.

Die Zusteller, mit denen wir gesprochen haben, hat eher die Wut als der Ehrgeiz gepackt, aber bei einem solchen Projekt für Deutschland kann auf den Einzelnen natürlich keine Rücksicht genommen werden.

Und so wird sie aussehen, die meiste Zeitung aller Zeiten:

Frei-Bild für alle!

PS: BILDblog wird morgen übrigens wie üblich für sieben Milliarden Menschen produziert, die frei entscheiden können, ob sie uns lesen wollen.

Wir sind weiterhin jeden Tag kostenlos, freuen uns aber über finanzielle Unterstützung.

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