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Kleistern gegen Bedeutungslosigkeit, Gesetz gegen SLAPPs, Weimers Flut

1. Kleistern gegen die Bedeutungslosigkeit
(taz.de, Hanno Fleckenstein)
Die “taz” berichtet über eine Werbekampagne des rechten Krawallportals “Nius” in Berliner U-Bahnen, die online Kritik und eine Petition ausgelöst habe. “taz”-Autor Hanno Fleckenstein ordnet die Werbekampagne als Versuch ein, mangelnde Reichweite zu kompensieren: “Nius” habe laut Branchendaten deutlich sinkende Klickzahlen, schreibe rote Zahlen und sei stark von Geldgeber Frank Gotthardt abhängig.

2. Gesetz gegen Einschüchterungsklagen: SLAPPS
(verdi.de)
Die Gewerkschaft Verdi wirbt für ein wirksames deutsches Gesetz gegen SLAPPs, also Einschüchterungsklagen gegen Journalistinnen, Journalisten und andere kritische Stimmen. Zwar habe die EU ihre Mitgliedstaaten verpflichtet, gegen derartige missbräuchlichen Klagen vorzugehen, der deutsche Gesetzentwurf sei jedoch so stark abgeschwächt worden, dass er kaum noch Schutz biete. Verdi ruft deshalb zu einer Aktion auf: “Schreib Deinen Wahlkreisabgeordneten von CDU/CSU, um sie umzustimmen. Nur, wenn möglichst viele Unions-Abgeordnete das Problem anerkennen, kann ein wirksames Gesetz gegen SLAPPs kommen. Mach mit!” (Musterbrief)

3. Wolfram Weimer: “Die Flut, die da kommt, wird alle Boote heben”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Im Interview mit “DWDL” verteidigt Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die neue Investitionsverpflichtung für Mediendienste als großen Schub für den Produktionsstandort Deutschland. Neben 250 Millionen Euro Bundesfilmförderung sollen Streamer, private Sendergruppen und Öffentlich-Rechtliche künftig stärker verpflichtet werden, in deutsche Produktionen zu investieren. Weimer erwartet bis zu 15 Milliarden Euro an Investitionen in fünf Jahren und spricht von einem “Filmbooster”. Teils offene Fragen bleiben bei der tatsächlichen Wirkung der Quoten, möglichen Ausweichstrategien internationaler Anbieter und der Durchsetzung bei Nichterfüllung.

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4. Sozialverband reicht Programmbeschwerde gegen ZDF-Dokumentation ein
(medien.epd.de)
Der Verein Sanktionsfrei habe Programmbeschwerde gegen die ZDF-Dokumentation “Am Puls mit Sarah Tacke – System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?” eingereicht. Die vor zwei Wochen ausgestrahlte Sendung arbeite wiederholt mit außergewöhnlichen Einzelfällen, ohne diese ausreichend statistisch einzuordnen, und erwecke so den Eindruck, Sozialleistungsbetrug sei weit verbreitet. Sozialverbände, Armutsforschung oder die Bundesagentur für Arbeit kämen kaum zu Wort. Helena Steinhaus, Gründerin von Sanktionsfrei, kritisiert: “Gerade öffentlich-rechtliche Formate tragen eine besondere Verantwortung, gesellschaftlich sensible Themen faktenbasiert und differenziert darzustellen.”

5. Meta startet kostenpflichtige Plus-Modelle
(spiegel.de)
Der Social-Media-Konzern Meta führe weltweit kostenpflichtige Plus-Modelle für Instagram, Facebook und WhatsApp ein. Die Abos sollen Zusatzfunktionen bieten, etwa bessere Statistiken, Story-Analysen, Profilanpassungen, Premium-Sticker und individuelle Klingeltöne. Konkrete Preise nenne Meta noch nicht. Verschiedene Medien würden von etwa 3,99 Dollar monatlich für Instagram Plus und Facebook Plus sowie 2,99 Dollar für WhatsApp Plus berichten. Ziel sei offenbar, zusätzliche Einnahmequellen neben Werbung aufzubauen.

6. Wie “Germany’s Next Topmodel” ein Exempel statuierte
(rhein-zeitung.de, Celina de Cuveland)
Celina de Cuveland erklärt anhand einer Erfahrung beim Finale von “Germany’s Next Topmodel” 2017, warum journalistische Absprachen wie Sperrfristen wichtig seien. Damals hätten Medien Ergebnisse der Liveshow wegen einer technischen Verzögerung erst mit einigen Minuten Versatz veröffentlichen dürfen. Eine Kollegin habe diese Absprache gebrochen und sei sofort aus der Veranstaltungshalle begleitet worden. De Cuvelands Fazit: “Wenn wir als Journalisten uns bewusst nicht an Absprachen halten, sollte das einen triftigen Grund haben oder das öffentliche Interesse sollte die Entscheidung rechtfertigen. Das hat nichts mit Angst oder Einflussnahme zu tun – sondern vielmehr mit Fairness, die in unserem Beruf relevant ist.”

7. Hitzeberichte ohne Hinweis auf die Klimakrise?
(radioeins.de, Lorenz Meyer, Audio: 4:23 Minuten)
Zusätzlicher Link, da in eigener Sache: Bei radioeins kritisiert der “6-vor-9”-Kurator, dass ARD und ZDF über die aktuelle Hitzewelle in Westeuropa ausführlich berichten, sie aber laut der Initiative “Klima vor acht” nicht als Folge der Klimakrise einordnen würden. Wenn Medien die Klimakrise aus der Berichterstattung ausblenden, erleichtere dies der Politik den Weg, die Klimaziele aufzuweichen.

Mal wieder ein X-Exodus, Digitalabgabe, Nachrichtenmüde

1. SPD, Grüne und Linke verlassen X
(tagesschau.de)
SPD, Grüne und Linke hätten angekündigt, ihre Aktivitäten auf X (vormals Twitter) in einer gemeinsamen Aktion zu beenden, weil die Plattform aus ihrer Sicht zunehmend von Chaos und Desinformation geprägt sei. Betroffen seien sowohl Partei- und Fraktionsaccounts als auch viele Profile führender Politikerinnen und Politiker. Die Konten sollen zunächst stillgelegt, aber nicht gelöscht werden. Auf Bluesky kommentiert der “6-vor-9”-Kurator: “Liebe SPD, Grüne und Linke: Ihr habt Euch Zeit gelassen, X zu verlassen. Zu viel Zeit, sagen manche und sie haben nicht ganz unrecht. Aber ihr habt Euch entschieden, immerhin. Ein kleiner Trost, falls es schmerzt: Ihr habt nichts verloren. Ihr habt nur aufgehört, so zu tun, als wär’s noch was wert.”

2. Kulturstaatsminister Weimer will Digitalabgabe auf den Weg bringen
(zeit.de)
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wolle noch vor der Sommerpause eine Digitalabgabe für große Internetplattformen wie Google, Meta oder TikTok voranbringen. Die Einnahmen sollen, anders als in Österreich, gezielt der Medienförderung dienen und vor allem den wirtschaftlich unter Druck geratenen klassischen Journalismus stärken. Weimer begründe diesen Schritt damit, dass Werbegelder und Aufmerksamkeit zunehmend zu den großen Plattformen abwandern würden. Dadurch seien besonders Lokal- und Regionalmedien gefährdet.

3. Soziale Medien ersetzen Lokalzeitungen – die zunehmend sterben
(handelsblatt.com)
In den vergangenen zwei Jahrzehnten seien in den USA fast 40 Prozent aller lokalen Zeitungen verschwunden. In vielen Gemeinden bleibe nur noch eine einzige klassische Nachrichtenquelle übrig, rund 50 Millionen Menschen hätten nur noch eingeschränkten oder gar keinen Zugang zu verlässlichen lokalen Nachrichten. Diese Entwicklung führe zu sogenannten “news deserts”, also Nachrichtenwüsten, die vor allem die demokratische Kontrolle vor Ort schwächen würden.

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4. Wie Medien nach Lösungen gegen die Nachrichtenmüdigkeit suchen
(horizont.net)
Immer mehr Menschen würden Nachrichten zumindest zeitweise bewusst meiden. Gründe seien vor allem die psychische Belastung durch negative Themen, die ständige Verfügbarkeit von Nachrichten und bei Jüngeren oft auch das Gefühl, dass viele Meldungen für das eigene Leben wenig relevant seien. Expertinnen und Experten würden warnen, dass diese Nachrichtenmüdigkeit problematisch für Öffentlichkeit und Demokratie werden könne. Als Gegenstrategie käme unter anderem ein stärkerer Lokaljournalismus in Frage.

5. Meta-Prozess in den USA: Was sich für soziale Medien ändern könnte
(euronews.com, Theo Farrant)
Ein Prozess im US-Bundesstaat New Mexico gegen den Social-Media-Konzern Meta könnte weitreichende Folgen für Soziale Netzwerke haben. Eine Jury habe Meta bereits schuldig gesprochen und hohe Strafzahlungen verhängt, weil das Unternehmen Kinder mit seinen Plattformen und Geschäftspraktiken unzureichend schütze. In der nun laufenden zweiten Phase gehe es um die Frage, ob Meta zu grundlegenden Änderungen gezwungen werden kann.

6. News-Charts: Traue keiner Statistik, die nicht viral ging
(dwdl.de, Simon Pycha)
Simon Pychas April-Auswertung der TikTok-News-Charts zeigt, welche Publisher mit einzelnen Themen besonders viel Reichweite erzielt haben. Auffällig sei, dass “Nius” trotz früherer Sperren mit einem neuen Account auf TikTok zurück sei, bislang aber noch ohne ganz großen Durchbruch. Gleichzeitig werde am Beispiel von “BR24” deutlich, dass die Videoplattform Medien für eigene Effekte und Filter inzwischen mit sichtbaren Statussymbolen und Bonusfunktionen belohne. Inhaltlich erfolgreich seien im April vor allem Videos zu Gewalt, Unfällen, Blaulichtlagen, Krisen und stark emotionalisierenden Nachrichtenmomenten gewesen.

Kulturabbauministerium, Trump und die Medien, “Gefährlichste Straßen”

1. Das Kulturabbauministerium
(taz.de, Georg Seeßlen)
Die aktuelle Kritik an Kultur- und Medienstaatsminister Wolfram Weimer wegen dessen geschäftlicher Verflechtungen verstelle den Blick auf das gravierendere Problem, schreibt Georg Seeßlen in seiner “taz”-Kolumne: eine gezielte Politik des Kulturabbaus. Anstatt die Unabhängigkeit der Kunst zu schützen, betreibe Weimer eine neoliberale Kommerzialisierung und nehme zunehmend direkten Einfluss auf Inhalte. Dies zeige sich unter anderem in der Verdoppelung der Förderung für den rechtskonservativen Thinktank “Republik21” bei gleichzeitigem Spardruck auf andere Projekte. Der Angriff auf die freie Kulturlandschaft leite letztlich den Abbau der Demokratie selbst ein, so Seeßlen.

2. Diese Journalistin bietet Trump die Stirn
(youtube.com, Daniel Bröckerhoff, Video: 7:12 Minuten)
Das NDR-Medienmagazin “Zapp” thematisiert den offenen Angriff von US-Präsident Donald Trump auf die ABC-Korrespondentin Mary Bruce. Trump habe sie nach einer kritischen Frage an den saudischen Kronprinzen zum ermordeten “Washington-Post”-Journalisten Jamal Khashoggi beschimpft und ihren Sender bedroht. “Zapp” zieht das Fazit, dass Trumps Umgang mit Medien zunehmend autokratische Züge annehme. In den USA erfordere kritischer Journalismus inzwischen enormen Mut und starke Nerven.
Zusätzlicher Hörtipp in eigener Sache: Bei radioeins kommentiert der “6-vor-9”-Kurator die jüngste Attacke Trumps auf eine Reporterin: “Der mächtigste Mann der Welt nennt eine Journalistin ‘Schweinchen’. Alle schweigen, und das Protokoll verschweigt es. Wenn Journalismus sich so disziplinieren lässt, ist er kein Wachhund mehr, sondern ein Schoßhund.” (radioeins.de, Lorenz Meyer, Audio: 4:08 Minuten)

3. Wenn die bürgerliche Mitte mit Neonazis paktiert
(blog.campact.de, Matthias Meisner)
Nach dem Abschied von Langzeit-Präsident Thomas Krüger sehe sich der designierte Nachfolger an der Spitze der Bundeszentrale für politische Bildung, der SPD-Politiker Sönke Rix, bereits vor Amtsantritt einer Kampagne konservativer und rechter Medien ausgesetzt. Matthias Meisner warnt in diesem Zusammenhang vor einer zunehmenden Diskursverschiebung. Selbst etablierte Medien wie der “Tagesspiegel”, die “Berliner Zeitung” oder der öffentlich-rechtliche MDR würden durch unkritische Berichterstattung die Grenzen nach Rechtsaußen verschwimmen lassen.

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4. Die “gefährlichsten Straßen Deutschlands”
(rwi-essen.de)
Die Autorinnen und Autoren der “Unstatistik des Monats” kritisieren Medienberichte über eine Allianz-Studie zu den vermeintlich gefährlichsten Straßen Deutschlands. Dort werde systematisch absolutes Verkehrsaufkommen mit tatsächlichem Unfallrisiko verwechselt. Die Einstufung von Nordrhein-Westfalen und Bayern als besonders gefährlich sei ein logischer Fehlschluss, da ohne Bezugsgrößen wie gefahrene Kilometer lediglich die hohe Verkehrsdichte abgebildet werde, nicht jedoch die echte Gefährdungslage.

5. Grokipedia: Musks Angriff auf die Wahrheit
(verdi.de, Lorenz Matzat)
Aus Frust über eine angebliche “Wokepedia” habe Elon Musk mit seiner “Grokipedia” eine KI-basierte Alternative lanciert, die laut ersten Studien gezielt “alternative Fakten” und geschönte Darstellungen rechter Akteure präsentiere. Dieses Vorgehen folge der Desinformationsstrategie Steve Bannons, Kommunikationsräume global zu beeinflussen. Als Gegenmaßnahmen schlügen Experten vor, “Grokipedia”-Inhalte konsequent aus den Trainingsdaten anderer KI-Modelle auszuschließen.

6. Was die Podcast-Branche 2025 bewegt
(blog.medientage.de, Petra Schwegler)
Auf der Fachkonferenz “So Many Voices” hat die Podcast-Szene ihre Erfahrungen ausgetauscht. Der zunehmenden Professionalisierung und drohenden Austauschbarkeit durch Künstliche Intelligenz müsse mit mutigen Experimenten und Authentizität begegnet werden. Trotz der Dominanz von Formaten mit Prominenten und Algorithmen böten Nischen oder hyperlokale Inhalte weiterhin Chancen für Relevanz.

Weniger Buchhandlungen, Raus aus der Erregungsfalle, Erotische KI

1. Zahl der Bucheinzelhändler um ein Viertel geschrumpft
(tagesschau.de)
Die Zahl der Bucheinzelhändler in Deutschland sei zwischen 2018 und 2023 um 24 Prozent gesunken, von rund 3.930 auf etwa 2.980 Geschäfte. Die Zahl der Beschäftigten sei im selben Zeitraum um 19 Prozent zurückgegangen. Als mögliche Gründe habe das Statistische Bundesamt steigende Mieten und Personalkosten sowie ein geändertes Kaufverhalten der Kundinnen und Kunden genannt. Trotz des Rückgangs bei der Zahl der Buchhandlungen sei der Gesamtumsatz der Branche im gleichen Zeitraum um neun Prozent auf knapp vier Milliarden Euro gestiegen.

2. Raus aus der Erregungsfalle
(taz.de, Korbinian Frenzel)
Korbinian Frenzel, Redaktionsleiter bei Deutschlandfunk Kultur, fordert in einem Gastkommentar für die “taz” Journalistinnen und Journalisten auf, sich von der Polarisierungs- und Empörungsfalle zu lösen und nicht jeden kleinen Konflikt zu dramatisieren. Er schlägt sechs konkrete Verbesserungen vor: sich von digitalen Aufregungsthemen emanzipieren, Minderheitenmeinungen fairer behandeln, mehr über Sachinhalte statt über Machtfragen berichten, wahrhaftige Momente in der Politik erkennen, nicht jede perfekte Antwort sofort verlangen und weniger Drama produzieren.

3. Kalifornien beschließt Transparenzregeln für KI-Chatbots
(spiegel.de)
Als erster US-Bundesstaat habe Kalifornien Gesetze zur Regulierung von KI-Chatbots erlassen. Diese würden die Betreiber verpflichten, das Alter der Nutzerinnen und Nutzer zu überprüfen, regelmäßig daran zu erinnern, dass das Gegenüber eine Maschine ist, und Maßnahmen zur Suizidprävention zu treffen. Hintergrund seien mehrere Suizide von Jugendlichen, die fiktive Beziehungen mit Chatbots geführt hätten. Dazu habe auch der Fall eines 14-Jährigen gehört, der sich im Jahr 2024 nach Gesprächen mit einem Chatbot das Leben nahm.
(Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können, aus dieser Krise herauszufinden. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der “TelefonSeelsorge”, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222) erreichen kannst.)

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4. EU ringt um digitale Regulierung
(verdi.de, Bettina Hesse)
Die EU habe mit Regelwerken wie dem Europäischen Medienfreiheitsgesetz und der KI-Verordnung wichtige digitale Reformen auf den Weg gebracht, die nun in Deutschland umgesetzt werden müssten. Zu den zentralen Reformpunkten gehören mehr Transparenz bei Medieneigentümern, besserer Schutz journalistischer Quellen vor Überwachung, transparentere Besetzungsverfahren beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk sowie die Kennzeichnung KI-generierter Inhalte und die Vergütung von Urheberinnen und Urhebern. Besonders dringlich sei die Reform des Medienkonzentrationsrechts.

5. OpenAI will künftig erotische Inhalte bei ChatGPT zulassen
(zeit.de)
Das KI-Unternehmen OpenAI werde ab Dezember erwachsenen Nutzerinnen und Nutzern von ChatGPT auch erotische Inhalte erlauben. “Mit der vollständigen Einführung der Altersüberprüfung und gemäß unserem Grundsatz, erwachsene Nutzer wie Erwachsene zu behandeln, werden wir mehr Inhalte wie Erotik für verifizierte Erwachsene erlauben”, so OpenAI-Chef Sam Altman. Zusätzlich sollen sie künftig den Charakter von ChatGPT stärker beeinflussen können, damit die Software beispielsweise “wie ein Freund” agiert.

6. CDs zu retten ist kein Heldentum
(backstageclassical.com, Axel Brüggemann)
Eine ehemalige Mitarbeiterin des Bayerischen Rundfunks habe 175.000 CDs des öffentlich-rechtlichen Senders vor der Vernichtung gerettet und werde dafür als Heldin gefeiert. Axel Brüggemann hält diese Aktion jedoch für sinnlos und anachronistisch. Er argumentiert, dass CDs als digitales Medium im Gegensatz zu Schallplatten keine Sinnlichkeit besitzen und problemlos auf Festplatten digitalisiert werden können, ohne an Qualität zu verlieren. Der BR habe dies auch getan. Die Rettung von CDs sei keine Rettung des musikalischen Erbes von Bach und Beethoven, sondern lediglich das verzweifelte Festhalten an einem überholten Medium.

Report zur Pressefreiheit, Gefahr für Quellenschutz, ARD-Walross

1. Übergriffe auf Journalisten verdoppelt
(reporter-ohne-grenzen.de)
Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) hat ihren “RSF-Report zur Lage der Pressefreiheit in Deutschland” (PDF) veröffentlicht: “Mit 89 Attacken auf Medienschaffende und Medienhäuser haben sich die Angriffe, die RSF verifizieren konnte, im Jahr 2024 verdoppelt. 2023 waren es 41. Eine Auffälligkeit in der Statistik: Gewalt gegenüber Journalistinnen und Journalisten war im Jahr 2024 vor allem im Brennpunkt Berlin ein Thema, wo sich 49 der bundesweit dokumentierten Fälle ereigneten. Die meisten Übergriffe zählte RSF am Rande von Nahost-Demonstrationen.”

2. Quellenschutz in Gefahr
(verdi.de, Peter Nowak)
Die Wochenzeitung “Kontext” sei zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden, nachdem sie rassistische Facebook-Chats eines Ex-AfD-Mitarbeiters veröffentlicht und dessen Namen genannt habe. Zuvor habe das Gericht die Offenlegung der Quelle gefordert, was die Redaktion mit Verweis auf den Quellenschutz ablehnte habe. Die Gewerkschaft Verdi kritisiert das Urteil.

3. Das träge und schwerfällige Walross
(taz.de, Ann-Kathrin Leclère)
Die ARD stehe in der Kritik, weil sie in ihrer Jubiläumsshow einen rassistischen Sketch von Dieter Hallervorden gezeigt und versäumt habe, diesen kritisch einzuordnen oder zu schneiden. Dies zeige laut Ann-Kathrin Leclère, dass der öffentlich-rechtliche Sender an überholten Formaten und alten Gesichtern festhalte, statt mutige Reformen anzugehen. Um relevant zu bleiben, müsse die ARD gesellschaftlichen Wandel aktiv mitgestalten und sich inhaltlich wie strukturell erneuern.

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4. Bangen um Voice of America: “Es ist Alarmzustand”
(laeuft-programmschau.podigee.io, Alexander Matzkeit, Audio: 28:09 Minuten)
Im Podcast “Läuft” von epd medien und Grimme-Institut geht es um die von Donald Trump angeordnete Abschaltung von US-Auslandssendern wie “Radio Free Europe” und “Voice of America”, die als Rückschlag für den unabhängigen Journalismus gewertet wird. Die Kommunikationswissenschaftlerin Carola Richter gibt im Gespräch mit Alexander Matzkeit Einschätzungen zu den möglichen Folgen für die internationale Medienlandschaft und der Frage, wer die entstehende Lücke füllen könnte.

5. Mehr Transparenz bei Intendantenwahlen
(djv.de, Gina Schad)
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat den Rundfunkrat der Deutschen Welle angesichts der bevorstehenden Intendantenwahl zu mehr Transparenz aufgefordert. Bisher seien weder Kandidaten noch Auswahlkriterien nachvollziehbar definiert. Der DJV-Bundesvorsitzende Mika Beuster kritisiert: “Diese Intransparenz passt nicht zum Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders, der mit Steuergeldern finanziert wird. Sie nährt zudem Spekulationen, dass parteipolitische Interessen und nicht fachliche Kompetenz bei der Besetzung des Intendantenpostens im Vordergrund stehen.”

6. Deepfakes und Porno-Deepfakes
(ardmediathek.de, Katja Deiß, Video: 8:43 Minuten)
Das ARD-Magazin “titel, thesen, temperamente” beschäftigt sich mit den realistisch wirkenden, aber durch Künstliche Intelligenz (KI) gefälschten Medieninhalten und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft: “Deepfakes bedrohen Wahrheit und Demokratie. KI-Expertin Nina Schick warnt: Ein Tsunami aus Fälschungen rollt auf uns zu. Stars wie Marc-Uwe Kling und Michael ‘Bully’ Herbig fordern Gesetze – bevor Fake und Realität ununterscheidbar werden.”

Rechtspopulismus, Angriffe, Fast elf Stunden Mediennutzung am Tag

1. Neue Studien bestätigen, dass Fake News vor allem aus dem rechten Lager stammen
(derstandard.de, Klaus Taschwer)
Eine neue Studie von Petter Törnberg und Juliana Chueri hat die Verbreitung von “Fake News” durch Parlamentarierinnen und Parlamentarier in 26 Ländern untersucht: “Die Daten zeigten eindeutig, dass der Rechtspopulismus ‘der stärkste Bestimmungsfaktor für die Neigung zur Verbreitung von Fehlinformationen’ war, so die Schlussfolgerung, während Abgeordnete von Mitte-rechts-, Mitte-links- und Links-Populisten nicht mit dieser Praxis in Verbindung gebracht wurden.”

2. Pressefreiheit EU: 1548 Angriffe in 2024
(verdi.de, Cara Räker)
Einem aktuellen Bericht des EU-Projekts “Media Freedom Rapid Response” zufolge wurden im vergangenen Jahr mehr als 1.500 Angriffe auf Medienschaffende in 35 europäischen Ländern dokumentiert. Für das laufende Jahr sieht es nicht unbedingt besser aus: “Schon zu Beginn des Jahres 2025 zeichnen sich erhebliche Bedrohungen für die Pressefreiheit ab. Der Machtgewinn populistischer Parteien in Europa, der anhaltende Konflikt in der Ukraine und die europaweite Protestbewegung im Angesicht des Israel-Hamas-Krieges sind Faktoren, die eine freie und unabhängige Presse auf ein wackliges Fundament stellen.”

3. Journalismus unter Druck – “Wie viel kann ich aushalten?”
(fachjournalist.de, Gesa Born, Audio: 11:32 Minuten)
Seit November 2023 bietet das Netzwerk Recherche eine kostenlose “Helpline” für Journalistinnen und Journalisten mit psychischen Belastungen an. Mit welchen Anliegen wenden sich Medienschaffende an die “Helpline”? Welche Hilfsangebote gibt es? Und was kann man vorbeugend tun? Darüber spricht Nea Matzen, eine der “Peer-Supporterinnen” des Projekts, im “Fachjournalist”-Podcast.

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4. Wetter Online zieht Konsequenzen
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz & Sebastian Meineck)
Nach Recherchen von netzpolitik.org, dem Bayerischen Rundfunk und internationalen Partnern soll “Wetter Online”, Deutschlands beliebteste Wetter-App, Daten erhoben und verarbeitet haben, ohne dafür eine Einwilligung der Nutzerinnen und Nutzer eingeholt zu haben. Bettina Gayk, die Datenschutzbeauftragte von Nordrhein-Westfalen, hatte sich deshalb an das Unternehmen gewandt: “Wetter Online hat innerhalb der uns gesetzten Frist reagiert und nun auf Website und Apps einen Einwilligungsbanner gesetzt, der auf die Verarbeitung von GPS-Standortdaten nur für Wetterinformationen hinweist. Wir prüfen derzeit, ob das ausreichend ist und unsere Anforderungen an den Schutz von GPS-Standortdaten der Nutzer erfüllt sind”, so ein Sprecher von Gayks Aufsichtsbehörde.

5. “Bad News” können in eine Negativ-Spirale hineinziehen – Wie man mit allzu vielen belastenden Nachrichten fertig wird
(turi2.de, Isabel Barragán)
Schlechte Nachrichten können belasten und sogar süchtig machen – vor allem online, wo sie von Algorithmen immer wieder in den Fokus gerückt werden. In der Reihe “NewsKNAcker” beleuchtet KNA-Journalistin Isabel Barragán, warum viele Menschen in die Spirale des “Doomscrollings” geraten und welche Folgen das für die Psyche haben kann. Expertinnen und Experten erklären, wie man seinen Nachrichtenkonsum besser steuern kann, ohne sich komplett abzuschotten.

6. Fast elf Stunden am Tag: Mediennutzung bleibt hoch
(dwdl.de, Alexander Krei)
Alexander Krei fasst die Ergebnisse der Mediennutzungsanalyse des Privatsenderverbands Vaunet für das Jahr 2024 (PDF) zusammen. Demnach verbrachten die Menschen in Deutschland im vergangenen Jahr durchschnittlich zehn Stunden und 53 Minuten pro Tag mit der Nutzung von Medien. Wohlgemerkt: pro Tag, nicht pro Woche.

7. TV-Duelle vor der Bundestagswahl: Darfs auch ein bisschen weniger sein?
(radioeins.de, Lorenz Meyer, Audio: 3:37 Minuten)
Zusätzlicher Link, da in eigener Sache: Bei radioeins kommentiert der “6-vor-9”-Kurator die TV-Duelle rund um die bevorstehende Bundestagswahl: “Statt mit Schwertern wird heute mit Schlagworten, Statistiken und Slogans gekämpft. Die Arena ist das Fernsehstudio, und statt Blut will das Publikum rhetorische Knockouts sehen. Wer landet die beste Spitze? Wer hält am souveränsten Blickkontakt mit der Kamera? Wer kann seine vorbereiteten Powerphrasen am treffsichersten platzieren? Mit echten politischen Debatten hat das ungefähr so viel zu tun wie ein Horoskop mit Wissenschaft.”

“Bild” kommen Hunderttausende schwarz arbeitende Bürgergeld-Empfänger abhanden

Was war das für eine Aufregung im September vergangenen Jahres bei “Bild”:

Screenshot Bild.de - Die bittere Wahrheit - So viele Bürgergeld-Empfänger arbeiten schwarz

Schlimmer noch! Viele Bürgergeld-Empfänger stocken sich durch Schwarzarbeit ihr monatliches Einkommen noch auf, kassieren so mehr als viele ehrliche Arbeitnehmer.

Arbeits-Experte Professor Friedrich Schneider (64, Uni Linz) zu BILD: “Ich schätze, dass rund ein Drittel der erwerbsfähigen Bürgergeld-Bezieher schwarz dazu verdienen.”

► Das bedeutet bei aktuell 3,9 Millionen erwerbsfähigen Stütze-Beziehern: rund 1,3 Millionen!

“Rund ein Drittel”, 33 Prozent, etwa 1,3 Millionen Menschen, die Bürgergeld bekommen und schwarz dazu verdienen. Das passte wunderbar in die Kampagne, die die “Bild”-Redaktion damals gegen das Bürgergeld und gegen die Personen, dies es beziehen, fuhr.

Umso überraschender diese “Bild”-Titelgeschichte vor eineinhalb Wochen:

Ausriss Bild-Titelseite - Bürgergeld - Jeder zehnte Empfänger arbeitet schwarz

Auf einmal nicht mehr jeder Dritte, sondern nur noch jeder Zehnte:

Jeder 10. Stütze-Bezieher arbeitet schwarz, obwohl er angeblich keinen Job findet oder nur wenige Stunden pro Woche arbeiten kann.

Quelle damals wie heute: Professor Friedrich Schneider von der Uni Linz. Wir hatten im vergangenen Jahr bei Schneider nachgefragt, wie er auf seine “rund-ein-Drittel”-Schätzung kommt, welche Statistik ihr beispielsweise zugrunde liegt, ob es eine Quelle gibt. Die Antwort des Professors: Dies seien …

alles (Grob-)Schätzungen aus meiner laufenden Forschung, die noch nicht abgeschlossen ist. Quelle wäre also ich; ich hoffe, ich kann in einigen Wochen mehr dazu sagen.

Das konnte er nun offenbar – mit einem deutlich niedrigeren Anteil an schwarz arbeitenden Bürgergeld-Empfängern (wobei es sich auch bei den aktuellen Zahlen laut “Bild” lediglich um eine Schätzung Schneiders handelt). Und so hätte die “Bild”-Schlagzeile auf der Titelseite natürlich auch lauten können:

BÜRGERGELD
Anders als von uns berichtet:
Viel weniger Empfänger arbeiten SCHWARZ

Sowieso hat “Bild” bei der Wahl der Titelzeile einen auffällig speziellen Schwerpunkt gesetzt. Der dazugehörige Artikel im Blatt handelt von der “Schwarzarbeits-Nation Deutschland!” Darin zitiert Autor Sebastian Geisler Professor Schneider:

“Schwarzarbeiter gibt es 12 bis 15 Millionen in Deutschland. Schwarzarbeitende Bürgergeld-Bezieher nur etwa 400 000 bis 500 000”, schätzt der Ökonom.

Die “Bild”-Redaktion hat sich für ihre Schlagzeile auf der Titelseite also die 3,3 Prozent an Schwarzarbeitern herausgepickt, gegen die sich am einfachsten Stimmung machen lässt. Und bei “12 bis 15 Millionen” von Professor Schneider geschätzten Schwarzarbeitern und 47,1 Millionen Erwerbspersonen in Deutschland lässt sie dafür sogar die Schlagzeile “Mehr als jeder Vierte arbeitet schwarz” liegen. Klar, wer will schon gegen einen großen Teil der eigenen Leserschaft schießen?

Nachtrag, 20. August: Mehrere unserer Leser weisen darauf hin, dass das von “Bild” im vergangenen Jahr angegebene Alter Schneiders (64 Jahre) nicht stimme. Das ist richtig. Im vor eineinhalb Wochen erschienenen Artikel schreibt Bild.de hingegen korrekt: “Prof. Friedrich Schneider (75, Uni Linz)”.

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Hier im BILDblog war es – abgesehen von den “6 vor 9” – lange Zeit sehr ruhig, was unter anderem leider auch immer noch hiermit zu tun hat. Doch das soll sich nun ändern: Es soll wieder mehr und regelmäßig gebloggt werden.

KW 15/24: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Wochenendausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

***

1. Werbung trotz Verbot? Die Marketingtricks der Tabakindustrie
(ndr.de, Aniko Schusterius & Leon Müller, Video: 17:27 Minuten)
Jahrzehntelang haben die großen Tabakkonzerne ihre Produkte aggressiv vermarktet und über gebuchte Anzeigen riesige Summen in Medien gepumpt. Heute müssen die Unternehmen wegen des Werbeverbots subtiler vorgehen. Das Medienmagazin “Zapp” hat die aktuellen Strategien und Marketingtricks der Tabakindustrie unter die Lupe genommen.

2. Fußball: Brauchen die Vereine die Medien noch?
(br.de, Jonathan Schulenburg, Audio: 26:48 Minuten)
Fußballvereine waren viele Jahre lang auf die unabhängige Berichterstattung von Medien angewiesen, um für ihren Sport zu werben. Das hat sich inzwischen geändert: Dank der großen Reichweiten in den Sozialen Medien können die Vereine ihre Pressearbeit oft selbst steuern. Jonathan Schulenburg spricht bei “BR 24 Medien” unter anderem mit dem ehemaligen FC-Bayern-Spieler und Sportmoderator Thomas Helmer über das neue Medienzeitalter im Fußball.

3. Lage der Nation 377
(lagedernation.org, Philip Banse & Ulf Buermeyer, Audio: 1:49:52 Stunden)
Vergangenen Mittwoch haben wir in den “6 vor 9” einen Beitrag zum Umgang von Medien mit der Polizeilichen Kriminalstatistik empfohlen. Im Politik-Podcast “Lage der Nation” ist nun der Kriminologe Martin Thüne zu Gast. Philip Banse und Ulf Buermeyer sprechen mit ihm über die Frage, “warum die Polizeiliche Kriminalstatistik in die Irre führt”.

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4. Kommt der Bundeskanzler zu spät zur TikTok-Party?
(uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 24:28 Minuten)
Im “Übermedien”-Podcast spricht Holger Klein mit Marcus Bösch, der zu TikTok und politischer Kommunikation forscht, über die Nachricht, dass Bundeskanzler Olaf Scholz nun auch auf der Videoplattform vertreten ist: “Was sagt er zu Scholz’ spätem TikTok-Debüt? Wie funktioniert die Plattform eigentlich? Was macht sie so erfolgreich? Und haben die Medien die Plattform eigentlich schon verstanden?”

5. Anne Will (2024) – Was ist heute anders?
(hotelmatze.podigee.io, Matze Hielscher, Audio: 2:18:14 Stunden)
Im Podcast “Hotel Matze” ist Journalistin und Moderatorin Anne Will zu Gast. Nach längerer Zeit mal wieder, muss man sagen – Wills letzter “Hotel”-Besuch war im Juni 2017. In der aktuellen Folge geht es vor allem um die Frage, wie es Anne Will nach ihrem Abschied als ARD-Sonntagstalkerin geht: “Es geht um Neuanfänge, um Karriere und Persönlichkeitsentwicklung, wir sprechen über die Kunst des Gesprächs vor laufender Kamera, über das Leben als öffentliche Person und über die aktuelle politische Lage.”

6. Rocko Schamoni Supershow
(ardmediathek.de, Rocko Schamoni & Gereon Klug, Video: vier Folgen je circa 30 Minuten)
Zum Schluss noch eine etwas andere Empfehlung: Die vierteilige ARD-Mockumentary “Rocko Schamoni Supershow”, in der auch verschiedene Mediengrößen eine Rolle spielen, beispielsweise Linda Zervakis, Klaas Heufer-Umlauf und Caren Miosga. Im “Hamburger Abendblatt” fasst Maike Schiller die ungewöhnliche, unterhaltsame Produktion so zusammen: “Die hohe ‘Fraktus’-Schule, der ‘Discounter’-Spott, bisschen Dada, bisschen Parodie, bisschen demaskiertes ‘echtes’ Leben. Bisschen Loriot womöglich sogar, noch mehr ‘Last Exit Schinkenstraße’. Entlarvend und schmerzbefreit. Quatsch mit Anspruch. Und besonders gern auch ohne.”

So viele Menschen könnten arbeiten und arbeiten auch schon

Kommen wir noch einmal zum Bürgergeld und der Frage, wie die “Bild”-Redaktion mit einseitiger und/oder unvollständiger und/oder verzerrter Berichterstattung versucht, Stimmung zu dem Thema zu machen.

Und zwar so:

Screenshot Bild.de - Neue Zahlen zum Bürgergeld - So viele Menschen könnten arbeiten, kriegen aber Stütze

Neue Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) belegen: Hunderttausende Menschen könnten in Deutschland arbeiten, bekommen aber Stütze vom Staat.

Im April 2023 zählte die BA rund 3,9 Millionen “erwerbsfähige Regelleistungsberechtigte”. Sprich: Menschen, die arbeiten könnten, aber Bürgergeld erhalten.

Mehrfach schreibt “Bild” im Artikel (und ja auch schon in der Überschrift), dass sogenannte erwerbsfähige Leistungsberechtigte arbeiten könnten, stattdessen aber Bürgergeld beziehen:

Der Anteil “erwerbsfähiger Leistungsberechtigter” – also Menschen, die arbeiten können, aber Bürgergeld erhalten – lag im April …

Nirgendwo im Text steht es explizit, aber es schwingt an vielen Stellen mit: Schaut euch nur diese Faulen an. Die könnten arbeiten, lassen sich aber lieber vom Staat aushalten.

Doch schon die statistische Grundannahme der “Bild”-Redaktion ist falsch.

Die Definition der Bundesagentur für Arbeit (BA) für erwerbsfähige Leistungsberechtigte lautet:

Als erwerbsfähige Leistungsberechtigte (ELB) gelten gem. § 7 SGB II Personen, die

• das 15. Lebensjahr vollendet und die Altersgrenze nach § 7a SGB II noch nicht erreicht haben,
• erwerbsfähig sind,
• hilfebedürftig sind und
• ihren gewöhnlichen Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland haben.

3.938.055 ELB gab es im April dieses Jahres, der aktuellste Monat, für den aufgeschlüsselte Daten von der BA vorliegen (Excel-Datei). Während die “Bild”-Redaktion ihrer Leserschaft einhämmert, dass sie alle arbeiten könnten, ist es tatsächlich anders – ein beachtlicher Teil von ihnen arbeitet bereits: 779.801 Personen führt die BA als erwerbstätige erwerbsfähige Leistungsberechtigte. Das sind 19,8 Prozent aller ELB. Manche von ihnen sind Selbstständige, die meisten aber sind abhängig erwerbstätig: Manche in Vollzeit, mehr in Teilzeit oder ausschließlich geringfügig beschäftigt, auch Auszubildende sind dabei. Sie alle arbeiten – und beziehen Bürgergeld als ELB. Häufig werden sie als “Aufstocker” bezeichnet.

Von ihnen ist im “Bild”-Artikel nichts zu lesen. Dort liest man nur platte Parolen wie: “Stütze statt Schuften”.

Und auch einen anderen Aspekt lässt die “Bild”-Redaktion völlig unerwähnt: Von den 3.938.055 ELB führt die Bundesagentur für Arbeit in ihrer Statistik nur 1.683.023 als arbeitslos (42,7 Prozent). Die anderen 2.255.032, also die Mehrheit (57,3 Prozent), sind “nicht arbeitslose ELB”. Und dafür gibt es ganz gute Gründe. Die BA schreibt in ihrem “Monatsbericht zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt” (PDF) für den Monat August (der auf die aufgeschlüsselten Daten vom April zurückgreift) über die “Gründe für die Nicht-Arbeitslosigkeit erwerbsfähiger Leistungsberechtigter”:

Es sind vor allem drei Gründe, derentwegen erwerbsfähige Leistungsberechtigte nicht arbeitslos sind. Für 701.000 erwerbsfähige Leistungsberechtigte war eine Arbeit derzeit nicht zumutbar, weil sie entweder kleine Kinder betreuten bzw. Angehörige pflegten oder noch zur Schule gingen bzw. studierten. 441.000 Personen waren nicht arbeitslos, weil sie einer ungeförderten Erwerbstätigkeit von mindestens 15 Wochenstunden nachgingen. 523.000 Personen haben an einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme oder an einem Integrationskurs teilgenommen.

Über diese Gruppen hinaus zählten 253.000 erwerbsfähige Leistungsberechtigte nicht als arbeitslos, weil sie arbeitsunfähig erkrankt waren. Und schließlich galten für 139.000 erwerbsfähige Leistungsberechtigte Sonderregelungen für Ältere.

Auch von diesen Personen, die “Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitsuchende [erhalten], ohne arbeitslos zu sein”, wie die BA schreibt, liest man im “Bild”-Artikel nichts. Es handelt sich dabei natürlich auch um eine definitorische Frage, die die Zahlen für die Bundesagentur für Arbeit besser aussehen lassen kann. Aber dass “Bild” beispielsweise Schülerinnen und Schüler oder arbeitsunfähig Erkrankte als Menschen präsentiert, “die arbeiten könnten, aber Bürgergeld erhalten”, ist grotesk und eine stark verzerrte Wiedergabe der Statistik.

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“Bild” verlegt Vergewaltigungen in den Görlitzer Park

Im Görlitzer Park in Berlin soll es eine Gruppenvergewaltigung gegeben haben. Die Ermittlungen dazu laufen, die Polizei hat bisher zwei Verdächtige festgenommen. Die mutmaßliche Tat soll sich bereits im Juni dieses Jahres ereignet haben, öffentlich bekannt wurde sie erst vergangene Woche. Die “Bild”-Redaktion erklärte den Görlitzer Park jedenfalls vor wenigen Tagen zu:

Screenshot Bild.de - Allein dieses Jahr acht Vergewaltigungen! Deutschlands Park der Angst

Dass die Dachzeile “ALLEIN DIESES JAHR ACHT VERGEWALTIGUNGEN!” so nicht stimmt, wird bereits beim Lesen des ersten Absatzes desselben Artikels klar:

Er ist Berlins Horror-Park: Allein acht Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe gab es von Januar bis Ende Juni im Görlitzer Park.

Also: bisher “acht Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe” im Görlitzer Park im Jahr 2023 laut “Bild”. Diese Zahl taucht in aktuellen Berichten der Redaktion immer wieder auf:

Allein von Januar bis Ende Juni gab es im Görlitzer Park acht schwere Taten unter dem Stichwort “Vergewaltigung/sexuelle Nötigung/sexueller Übergriff”

Laut einer aktuellen Polizeistatistik gab es von Januar bis Ende Juni im Görlitzer Park acht schwere Taten unter dem Stichwort “Vergewaltigung/sexuelle Nötigung/sexueller Übergriff”.

Doch auch das ist falsch.

Die Polizeistatistik, die die “Bild”-Redaktion erwähnt, findet man in einer Antwort der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport (PDF) auf eine Anfrage der Linken-Politiker Niklas Schrader und Ferat Koçak. Darin geht es um “Neue Entwicklungen am sogenannten kriminalitätsbelasteten Ort ‘Görlitzer Park/Wrangelkiez'”. Tatsächlich findet man in der Statistik die acht Fälle von “Vergewaltigung/sexuelle Nötigung/sexueller Übergriff”, die sich von Januar bis einschließlich 26. Juni ereignet haben sollen. Aber längst nicht alle im Görlitzer Park.

Die Bezeichnung “kriminalitätsbelasteter Ort” (“kbO”) geht auf eine Einordnung der Berliner Polizei zurück, die in der Stadt insgesamt sieben solcher Gebiete als Kriminalitäts-Hotspots sieht. Dort gelten für die Beamten besondere Befugnisse. Sie können beispielsweise verdachtsunabhängige Kontrollen durchführen. Der Name “kbO Görlitzer Park/Wrangelkiez” deutet ja schon an, dass das Gebiet, um das es in der Polizeistatistik geht, nicht nur den Görlitzer Park umfasst. Dieser ist etwa 140.000 Quadratmeter groß; die gesamte von der Polizei Berlin als “kbO Görlitzer Park/Wrangelkiez” deklarierte Fläche umfasst aber mehr als 300.000 Quadratmeter. Wo genau die Grenzen verlaufen, verrät die Berliner Polizei aus taktischen Gründen nicht. Auf jeden Fall gehört aber ein beachtlicher Teil des belebten Wrangelkiezes, in dem es viele Wohnhäuser, Hostels und Firmen gibt, zum “kbO”.

Unter den acht Fällen von “Vergewaltigung/sexuelle Nötigung/sexueller Übergriff” befinden sich laut Polizeistatistik sechs Vergewaltigungen oder versuchte Vergewaltigungen. Dazu hat “taz”-Redakteur Erik Peter bei der Polizei genauer nachgefragt. Mit dem Ergebnis:

Einzig die mutmaßliche Gruppenvergewaltigung aus dem Juni fand tatsächlich im Görlitzer Park statt. Sie ist zudem die einzige der registrierten Vergewaltigungen, die im öffentlichen Raum geschah.

In den fünf anderen Fällen vergewaltigten die mutmaßlichen Täter demnach in Privaträumen im umliegenden Kiez: Laut der Polizei kam es demnach zu einer versuchten Vergewaltigung in einem Gewerbebetrieb, zwei Vergewaltigungen in Hostels sowie zwei Vergewaltigungen in Wohnhäusern. Nähere Auskünfte zu den Ermittlungsständen gab die Polizei mit Verweis auf laufende Ermittlungsverfahren nicht.

Natürlich macht der Ort einer Vergewaltigung diese nicht weniger schrecklich. Aber wenn die “Bild”-Redaktion schreibt: “Allein acht Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe gab es von Januar bis Ende Juni im Görlitzer Park”, ist das grob falsch. Sie heizt damit eine eh schon hitzige Debatte mit falschen Behauptungen weiter an.

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