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Respekt geht anders, Fischer trennt sich von Maron, Neue BBC-Konkurrenz

1. Gabriele Krone-Schmalz im Gespräch auf der ARD-Buchmessenbühne
(youtube.com, Hessischer Rundfunk, Video: 20:47 Minuten)
In ihrem neuen Buch “Respekt geht anders” macht sich Gabriele Krone-Schmalz Gedanken über die derzeitige Streit- und Debattenkultur. Deutschland sei “im Kampfmodus”. Andersdenkende würden oftmals verunglimpft, und statt aufeinander zuzugehen, breite sich in der Öffentlichkeit ein aggressives Klima der Intoleranz aus. Auf der ARD-Buchmessenbühne unterhält sich die Radiomoderatorin Marion Kuchenny mit Krone-Schmalz darüber, wie sich zielführender und respektvoller miteinander streiten lässt.
Weiterer Lesetipp: Thematisch passend dazu, schreibt Kuchenny in einem Thread über die Debattenkultur auf Twitter: “Diese Mischung aus permanenter Aufregung, großer Empfindlichkeit bei den eigenen Themen und gleichzeitig einer kompletten Hemmungslosigkeit im unerbittlichen Umgang mit den Themen und Argumenten anderer scheint ein Markenkern dieser Plattform zu sein.”

2. Wenn Bildredaktionen und Kompetenz fehlen
(mmm.verdi.de, Felix Koltermann)
Das Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung n-ost ist eine internationale Nichtregierungsorganisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, die journalistische Berichterstattung über Osteuropa zu verbessern. Der Kommunikationswissenschaftler und Journalist Felix Koltermann hat mit Stefan Günther gesprochen, der bei n-ost als Bildredakteur arbeitet. In dem Interview geht es um den fotografischen Auslandsjournalismus und die bildredaktionelle Praxis von Medien allgemein.

3. Neue Konkurrenz für die BBC
(deutschlandfunk.de, Christine Heuer, Audio: 5:20 Minuten)
Wer an das britische Fernsehen denkt, denkt zunächst vermutlich an die BBC, die mehrere Fernseh- und auch Hörfunkprogramme sowie eine Nachrichtenwebsite betreibt. Doch mit GB News und News UK stehen zwei Konkurrenten in den Startblöcken, die nicht nur für Konkurrenz, sondern auch für eine Polarisierung der britischen Medien sorgen könnten.

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4. Das sind die Podcast-Tipps im Oktober
(sueddeutsche.de, Elisa Britzelmeier & Aurelie von Blazekovic & Stefan Fischer & Marlene Knobloch & Harald Hordych)
In den Podcast-Tipps für den Oktober verraten “SZ”-Autoren und -Autorinnen ihre derzeitigen Lieblings-Hörtipps. Mit dabei: ein Nachrichtenpodcast (“0630”), die “Kohl Kids”, ein Polit-Thriller (“Der V-Komplex”), ein von Frauen präsentierter Tech-Podcast (“She Likes Tech”) und der “sportstudio-Podcast” des ZDF.

5. Zu “rechts”? Fischer-Verlag trennt sich von Autorin Monika Maron
(br.de, Peter Jungblut, Audio: 2:03 Minuten)
Nach vierzigjähriger Zusammenarbeit trennt sich der Fischer-Verlag von seiner Autorin Monika Maron. Die verlegerische Geschäftsführerin des Verlages habe sich in einer kurzen Pressemitteilung zu den Gründen geäußert: “Man kann nicht bei S. Fischer und gleichzeitig im Buchhaus Loschwitz publizieren, das mit dem Antaios Verlag kooperiert.” Anmerkung des “6 vor 9”-Kurators: Das Buchhaus Loschwitz gilt als pegida-nah, Antaios wird dem Netzwerk der Neuen Rechten zugeordnet.
Weiterer Lesehinweis: Kein Platz für Maron (sueddeutsche.de, Hilmar Klute).

6. Deswegen wurde 14 Jahre lang gebaut
(interaktiv.tagesspiegel.de)
Keine explizite Medienmeldung, aber ein tolles Beispiel für innovative Darstellungsformen im Journalismus: Der “Tagesspiegel” zeigt (wieder einmal) eindrucksvoll, wie sich eine Reportage interaktiv und multimedial aufbereiten lässt, ohne dabei in reine Technik-Spielerei abzugleiten.

Döpfners Steuercoup, Superspreader Facebook, Perverses Armuts-TV

1. Aktiengeschenk: Döpfners Steuercoup
(mmm.verdi.de, Gert Hautsch)
Die Springer-Erbin Friede Springer hat dem Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner einen großen Teil ihrer Springer-Aktien geschenkt. Normalerweise wären dafür hohe Einkommen- und Schenkungssteuern fällig. Doch durch ein raffiniertes Ausnutzen des Steuerrechts werde der Fiskus wahrscheinlich weitgehend leer ausgehen, so Gert Hautsch.

2. Facebook ist Superspreader
(taz.de, Steffen Grimberg)
Das International Center for Journalists und das Tow Center for Digital Journalism an der New Yorker Columbia-Universität haben die Wechselwirkungen zwischen Journalismus und Corona-Pandemie untersucht. Das für Facebook niederschmetternde Ergebnis: Das Soziale Netzwerk sei “weltweit der Superspreader von Desinformation über Covid-19”, so die Zusammenfassung von Steffen Grimberg. Er kommentiert: “Um so dringlicher ist, dass Facebook & Co. endlich ernst machen und selbst energischer gegen Desinformationsspreader und Verschwörungsmaschinen in ihren Diensten vorgehen.”

3. Wie ServusTV seinen Ruf in der Coronakrise ruiniert
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Der österreichische Sender ServusTV bietet mit dem “Corona-Quartett” ein neues Talk-Format an, bei dem die Corona-Leugner Sucharit Bhakdi und Stefan Homburg mitmischen. Timo Niemeier hält die Sendung für gefährlich: “Denn immer schwingt mit: Alle Maßnahmen sind sinnlos und übertrieben. Pandemie? Was für eine Pandemie? Damit wird so getan, als verfolgen etliche Regierungen auf dieser Welt ein ‘höheres Ziel’ und würden einfach so und ohne Grund ihre Wirtschaft in Teilen lahm legen. Das ist Wasser auf die Mühlen der Telegram-Spinner und sonstigen Covidioten, die solche Thesen regelmäßig in die Welt posaunen.”

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4. Wut schlägt Wahrheit
(zeit.de, Bernhard Pörksen)
Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen beschäftigt sich mit der Entwicklung des US-amerikanischen Fernsehsenders Fox News. Dieser habe sich schrittweise radikalisiert mit dem vorläufigen Endpunkt einer extremen Trump-Fixierung. Pörksen führt dies auf ein “ein Zusammenspiel von individueller Skrupellosigkeit und stramm konservativer Ideologie” zurück und bezeichnet die Fox-Agenda als ein Gemisch aus Quoten- und Erregungsgier: “Man kooperiert in dem Wissen, dass man einander braucht. Und Trump ist jetzt zweierlei: ein Geschöpf und eine Art Programmdirektor des Senders, Hybridfigur aus Reality-TV-Star und Internet-Troll, skrupellos, verlogen, aber mit wunderbaren Quoten, gefeiert von Journalisten, die keine mehr sind und die die Ideale ihrer Profession verachten.”

5. Corona-Verschwörungen vom Fitnesscoach
(deutschlandfunk.de, Mirjam Kid)
Fitness-Influencer “Coach Cecil” versorgt seine mehr als 200.000 Zuschauer und Zuschauerinnen normalerweise mit Vorschlägen für Sportübungen und Ernährungstipps. Doch seit Ausbruch der Corona-Pandemie äußere er sich auch politisch, verharmlose die Krankheit und hetze gegen Journalisten, Wissenschaftlerinnern oder Politiker. Der Deutschlandfunk hat sich mit der Journalistin Karolin Schwarz über den umtriebigen Youtuber unterhalten, hinter dessen Verschwörungserzählungen auch geschäftliche Interessen stecken würden.

6. Armut am TV: Die perverse «Reality» der Privatsender
(medienwoche.ch, Marko Ković & Christian Caspar, Audio: 27:44 Minuten)
Marko Ković und Christian Caspar sprechen in ihrem Podcast über die vermeintlichen Sozialreportagen der Privatsender, in denen Hartz-IV-Empfänger vorgeführt werden. “Sie geben vor, den Lebensalltag von Menschen zu dokumentieren, die von Arbeitslosengeld leben. Doch das Ziel dieser Formate ist nicht, den Betroffenen und ihrer Situation mit Empathie und Wohlwollen zu begegnen. Stattdessen geht es darum, die Betroffenen als faul, undiszipliniert, irrational, und als Sozialschmarotzer zu inszenieren.”

Voyeuristische Hausführung, Digitaler Faschismus, Fünf Franken pro Tag

1. An der Grenze zur Pornografie
(taz.de, Gereon Asmuth)
Einen “ekelerregender Verstoß gegen das Recht auf Privatsphäre” nennt Gereon Asmuth die Aufnahmen aus dem mittlerweile geräumten Haus in der Berliner Liebigstraße 34: “Der Zustand im Inneren des Hauses war für den Polizeieinsatz vollkommen irrelevant. Wenn die Polizei dennoch aktiv dafür sorgt, dass Bilder aus den Wohnungen für jeden zugänglich werden, dann dient das allein der öffentlichen Erregung, auf dass sich die feine Gesellschaft in einem orgastischen Ah-Oh-Ih-Gestöhne ergötzen kann. Mithin: Es ist an der Grenze zur Pornografie. Gefördert von der Berliner Polizei, die eigentlich wissen sollte, dass selbst frisch geräumte Vielleicht-Besetzer*innen noch einen Anspruch auf Privatsphäre haben.”
Weiterer Lesehinweis: Der Gewerkschafter Jörg Reichel kritisiert die Polizei für körperliche Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten, die Rote Zone sowie die voyeuristische Hausführung: “Pressearbeit massiv behindert”.

2. ProSieben-Reporter Thilo Mischke: Stellvertreter in Sneakers
(dwdl.de, Peer Schader)
Unlängst hat der Reporter Thilo Mischke eine vielbeachtete Doku zur Ausbreitung rechtsnationaler Einflüsse vorgelegt. ProSieben schob vor wenigen Tagen Mischkes neueste Reportage hinterher, die sich mit dem Thema Armut beschäftigt. Wer ist dieser Thilo Mischke und was ist von seiner Arbeitsweise zu halten? Peer Schauer schreibt über eine andere Form von Journalismus, mit der sich viele Kolleginnen und Kollegen Mischkes noch schwer täten.

3. “Ohne soziale Medien wäre die rechtsextreme Welle nicht denkbar”
(spiegel.de, Angela Gruber & Ayla Kiran)
Holger Marcks und Maik Fielitz forschen unter anderem zu Prozessen der Online-Radikalisierung. Heute erscheint ihr Buch “Digitaler Faschismus – die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus”. Der “Spiegel” hat sich mit den beiden Autoren über Rechtsradikale im Netz, Digitaldynamiken und Fragen der Verantwortung unterhalten.

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4. In 5 Schritten zum eigenen Home-Studio
(gutjahr.biz, Richard Gutjahr)
Richard Gutjahr hat sich zu Hause ein Podcast- und Video-Studio eingerichtet, bei dem er nichts dem Zufall überlassen hat. Auf seinem Blog berichtet er von seinen ersten Überlegungen, der Möblierung und der verwendeten Technik. Das Ergebnis ist ein stylisches und multifunktionales Home-Studio, bestehend aus einem Mix von State-of-the-Art-Technik und Budgetentscheidungen. Wegen der vielen Anregungen auch für weniger ambitionierte Podcaster und Podcasterinnen lesenswert.

5. NZZ-Präsident Etienne Jornod: «Fünf Franken pro Tag für Qualitätsjournalismus? Das müsste doch drinliegen!»
(luzernerzeitung.ch, Patrik Müller & Andreas Möckli)
Die “Luzerner Zeitung” hat mit Etienne Jornod gesprochen, dem Präsidenten der Mediengruppe der “Neuen Zürcher Zeitung”. Natürlich geht es dabei um die weitere Entwicklung der bekannten Schweizer Tageszeitung. Jornod spielt mit dem Gedanken, den Preis der Zeitung deutlich anzuheben: “Fünf Franken pro Tag liegen drin, um klüger zu sein. Bislang waren wir und andere Verlage zu wenig mutig. Wir hatten auch zu wenig Argumente, um mehr Geld für Journalismus zu verlangen. Das ändert sich. Die ­Coronakrise hat vielen Leuten bewusst gemacht, wie wichtig fundierte, überprüfte, sachliche Information ist.”
Nachtrag: Für die Einordnung des Interviews wohl nicht ganz unwichtig: Die “Luzerner Zeitung” wird von CH Media herausgegeben, was wiederum ein Joint Venture von AZ Medien und der “NZZ”-Mediengruppe ist.

6. Vier Fäuste gegen die lausige Gegenwart
(sueddeutsche.de, Holger Gertz)
Holger Gertz kommentiert die Rückkehr des Boxsports in der ARD, und das liest sich recht unterhaltsam: “Boxen im Fernsehen lebt vom Überraschungsmoment, das in ihm schlummert, aber Boxen im Fernsehen lebt auch vom Gegenteil der Überraschung, von Tradition, Ritual, Wiedererkennung. Es ist wie bei SPD-Wählern, die nach wie vor SPD wählen – aber eigentlich wählen sie immer noch Willy Brandt.”

Seenotrettung, Spendable “Tagesschau”, Fischers Haus

1. Die tagesschau stellt bestimmte Inhalte unter Creative Commons
(blog.tagesschau.de, Lena-Maria Reers)
Die “Tagesschau”-Redaktion könne, auch wenn sie es wolle, aus rechtlichen Gründen nicht alle Beiträge und Meldungen im Netz dauerhaft zur Verfügung stellen. Doch es gebe eine gute Nachricht: In einem extra eingerichteten Portal wolle man ab sofort die Erklärvideos aus den Sozialen Netzwerken unter einer freien Lizenz zur rechtefreien Nutzung anbieten. Dort wird auch in einem kurzen Video erklärt, was dabei erlaubt ist und was nicht.

2. Facebook verbietet Werbung, die Wahlergebnisse anzweifelt
(spiegel.de)
Viele Beobachter befürchten, dass US-Präsident Donald Trump eine Wahlniederlage nicht akzeptieren und sich seiner Ablösung widersetzen wird. Die Befürchtung ist nicht aus der Luft gegriffen, denn Trump selbst macht immer wieder Andeutungen, die in diese Richtung gehen. Der Facebook-Konzern will nun Desinformationskampagnen zur US-Wahl erschweren und keine Werbeanzeigen annehmen, die fälschlicherweise von Wahlbetrug sprechen oder vorzeitig Zweifel am Endergebnis säen.

3. «Konnten wir da noch Journalisten sein?» – Krisenberichterstattung über Seenotrettung
(message-online.com, Severin Pehlke)
Die NDR-Fernsehreporterin Nadia Kailouli hat mehrfach über die Seenotrettung auf dem Mittelmeer berichtet und ist dieses Jahr für ihren Dokumentarfilm “SeaWatch3” mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden. Im Interview erzählt sie von ihrer Vorbereitung auf die schwierigen Einsätze und den gelegentlich auftauchenden Vorwürfen, nicht neutral zu berichten: “Ich finde schade, dass mir bei meiner Arbeit oft eine politische Positionierung nachgesagt wird. Ich möchte mir keine Vorwürfe anhören müssen, dass ich mich politisch positioniert habe, nur weil ich grundsätzlich darüber berichten möchte, wie Menschen leben, die aus Teilen Afrikas nach Europa geflüchtet sind. Einem Sportjournalisten würde man doch auch nicht vorhalten, dass er nicht neutral ist, weil er sich mehr für Fußball als für Handball interessiert.”

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4. Zwanzig Verlage sind dabei
(faz.net)
Google startet mit zwanzig deutschen Verlagen ein gemeinsames Medienangebot, für das erstmals Lizenzgebühren an die Medienhäuser fließen sollen. Weltweit lasse sich Google dieses Projekt eine Milliarde US-Dollar kosten. Dem Verband der Zeitungsverleger BDZV gehe dies nicht weit genug: “Die Geldausschüttung an Verlagshäuser” erfolge “nach Gutsherrenart”. Das habe “nichts mit unseren Vorstellungen von einem modernen Urheberrecht im 21. Jahrhundert zu tun”.

5. Medien werden kritischer – ein bisschen
(deutschlandfunk.de, Felix Lill, Audio: 5:15 Minuten)
Die Berichterstattung japanischer Medien über die eigentlich anstehenden Olympischen Spiele sei bislang stets positiv gewesen, doch nun zeichne sich ein Wandel ab. Die Mehrheit der Menschen sei, anders als noch vor ein paar Monaten, “Tokyo 2020” gegenüber skeptisch eingestellt, und auch viele Redaktionen würden inzwischen kritischer berichten. Felix Lill erklärt die Hintergründe.

6. RTL und “Bunte” lassen Helene Fischer in ihrem neuen Haus nicht allein
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Mit Artikeln über die erfolgreiche Schlagersängerin Helene Fischer lässt sich viel Geld verdienen. Die Hoffnung auf Klicks und Auflagensteigerung lässt bei einigen Medien jedoch sämtliche Sicherungen durchbrennen. Boris Rosenkranz erzählt von einem besonders schamlosen Fall, bei dem Bildmaterial einer privaten Feier ausgebeutet wurde.

Gedächtnis­protokolle, “NZZ” im Tabaknebel, Diskursverschiebung

1. Warum berufen sich Undercover-Reportagen auf ominöse “Gedächtnis­protokolle”?
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
In einer ProSieben-Reportage über rechte Netzwerke wurde ein AfD-Funktionär mit seinen Gewaltfantasien gegen Geflüchtete zitiert. Währenddessen wurde das Wort “Gedächtnisprotokoll” eingeblendet. Ein Undercover-Team hatte die den Politiker belastende Szene heimlich in einem Restaurant aufgenommen, in der Reportage war der AfD-Mann jedoch nicht zu sehen, und auch der Originalton war nicht zu hören. Medienanwalt Thorsten Feldmann ordnet die Thematik ein und erklärt, welche rechtlichen Gründe hinter dieser Vorgehensweise stecken.

2. Meinung: Mehr Debatte in den Tagesthemen
(ndr.de, Daniel Bouhs)
Bei den “Tagesthemen” soll es zukünftig einige Änderungen geben. Der “Kommentar” wurde nach 42 Jahren bereits zur “Meinung”. Ein “Pro und Contra” soll Debatten abbilden/anheizen. Der Historiker Jürgen Zimmerer warnt vor einer “Diskursverschiebung nach rechts”. Außerdem könnten auf diese Weise extreme Positionen salonfähig gemacht werden. Multiperspektivität sei gut, “aber es gibt natürlich einen Rahmen, außerhalb dessen Positionen einfach absurd sind. Ich warte dann auf den Kommentar in den ‘Tagesthemen’ zu ‘Die Erde ist eine Scheibe’ oder ‘Der Antisemitismus ist richtig’.”

3. Journalismus in Zeiten der Polarisierung: neun Empfehlungen von Jeff Jarvis
(innovation.dpa.com, Meinolf Ellers)
Der US-amerikanische Journalist und Autor Jeff Jarvis wurde vom Hamburger Senat und der Nachrichtenagentur dpa “für seine Verdienste als Brückenbauer zwischen den Internet-Plattformen und den traditionellen Medien” mit dem “Scoop-Award” geehrt. In seiner Keynote liefert Jarvis neun Denkanstöße für einen besseren Journalismus. Seine vollständige Rede gibt es bei Youtube (in englischer Sprache) zum Nachhören und Nachschauen.

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4. NZZ im Dunstnebel der Tabakindustrie
(infosperber.ch, Rainer M. Kaelin)
Die “NZZ” veröffentlichte jüngst einen PR-Artikel der Tabakindustrie. Der Pneumologe und ehemalige Vizepräsident der Lungenliga Schweiz, Rainer M. Kaelin, kritisiert den Beitrag: “Die Tribüne, die das älteste Medium der Schweiz dem Tabakgiganten Philip Morris zur Verfügung gestellt hat, lässt erschreckend deutlich erkennen, wie Lobbying, PR-Arbeit und Geld seit Langem die Tabakprävention auf Kosten der Jugend unterminieren. Das schadet dem Ansehen der NZZ, deren vornehmste Aufgabe die seriöse Information ihrer Leserinnen und Leser wäre.”

5. “Eine Frage von Leben und Tod”
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 5:58 Minuten)
In London wird derzeit über die Auslieferung des Wikileaks-Gründers Julian Assange an die USA verhandelt. Dort drohen ihm eine Anklage wegen Spionage in 17 Fällen und insgesamt 175 Jahre Haft. Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen beobachtet das Verfahren und zeigt sich äußerst besorgt: “Abgesehen davon, dass es hier um ein Verfahren gegen Julian Assange und ein Verfahren letztlich um Pressefreiheit geht, muss Julian Assange aus unserer Sicht auch schon allein aus humanitären Gründen sofort freigelassen werden.”

6. Die Rasen-Reporter
(zdf.de, 43:33 Minuten, Christian Bock)
Das Fußballmagazin “Kicker” wird dieses Jahr stolze 100 Jahre alt. Anlässlich des runden Geburtstags berichtet eine ZDF-Doku über die Entwicklung des Fußballs zum Volkssport und die Bedeutung der ihn begleitenden Medien, nicht nur des “Kickers”.
Weiterer Gucktipp: Die ARD hat im April eine Doku zum gleichen Thema in die Mediathek gestellt: 100 Jahre “Kicker”: Ein Sportmagazin schreibt Geschichte (Andreas Kramer, Video: 41:26 Minuten).

“FinCEN-Files”, Unbezahlbarer Journalismus, Falsche Shitstorms

1. Wie interessiert man Leute für ein Thema wie die “FinCEN-Files”?
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier, Audio: 52:32 Minuten)
Bei einem Verdacht von Geldwäsche müssen multinationale Großbanken der US-amerikanischen Finanzaufsicht FinCEN eine Meldung zukommen lassen. Dem kämen die Banken auch in erschütternd hoher Anzahl nach, doch fast immer ohne Folgen. Ein Teil dieser Informationen wurde “Buzzfeed News” zugespielt. Die Redaktion teilte den Datenschatz mit über 100 Redaktionen in 88 Ländern. Marcus Engert hat als investigativer Reporter von “Buzzfeed News Deutschland” an dem Projekt mitgewirkt. Im Gespräch mit Stefan Niggemeier schildert er die Schwierigkeit, die komplexe Materie vorstellbar zu machen und journalistisch aufzubereiten.

2. Kriegsreporterin Ramsauer: “Habe mich 20 Jahre in jedes Drecksloch gesetzt”
(derstandard.at, Oliver Mark)
Seit mehr als 20 Jahren berichtet die Journalistin Petra Ramsauer aus Kriegs- und Krisengebieten, doch damit ist nun Schluss. Ihre Arbeit als Kriegsreporterin sei nicht mehr finanzierbar. Für ihre Reportagen brauche sie wegen des erheblichen Aufwands und der Kosten für Fahrer und Fixer (Vororthelfer) zwischen 3.000 und 4.000 Euro pro Einsatz. Angeboten habe man ihr jedoch teilweise nur 150 Euro: “Ich habe abgelehnt. Das geht sich nicht mehr aus.” Ramsauer schule nun um zur Therapeutin mit dem Schwerpunkt Traumaverarbeitung.

3. Strafanzeige zu taz-Kolumne: Innenministerium wollte auch gegen Chefredaktion vorgehen
(fragdenstaat.de, Arne Semsrott)
“FragDenStaat” hat sich unter Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz die interne Kommunikation des Bundesinnenministeriums zur umstrittenen polizeikritischen “taz”-Kolumne (“All cops are berufsunfähig”) vorlegen lassen. Wider besseres Wissen und gegen den Rat seines Hauses habe Innenminister Horst Seehofer verkündet, die Kolumne habe mehrere Straftatbestände erfüllt. “Angesichts der Prüfung durch das Ministerium steht der Minister, der sich selbst als ‘Erfahrungsjuristen’ bezeichnet, mit dieser Ansicht alleine. Welche Straftatbestände neben Volksverhetzung überhaupt einschlägig sein sollen, ist unklar. Offiziell traf man die Entscheidung gegen eine Anzeige zum Schutze der Pressefreiheit. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass die fehlenden Erfolgsaussichten den Ausschlag gegeben hatten.”
Weiterer Lesehinweis: Zuvor hatte bereits der “Tagesspiegel” über das missglückte Vorgehen berichtet.

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4. Shitstorm vs. Meinungsfreiheit auf Sozialen Medien
(scilogs.spektrum.de, Markus Pössel)
Laut Duden handelt es sich bei einem “Shitstorm” um einen “Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht”. Doch manchmal werde mit dem Shitstorm-Begriff lediglich legitime Kritik ausgehebelt, so Markus Pössel: “Besonders perfide ist es, Kritik pauschal als ‘Shitstorm’ abzuqualifizieren – mit dem bequemen Nebeneffekt, dass man so auch sachliche Kritik abwatschen kann, ohne dass man sich damit sachlich hätte auseinandersetzen müssen. Für diesen Kunstgriff kann man zudem ausnutzen, dass in einem breiten Spektrum kritischer Anmerkungen ab einer bestimmten Gesamtanzahl mit großer Wahrscheinlichkeit auch Menschen dabei sind, die ausfällig werden.”

5. Vielfalt und Freiheit
(sueddeutsche.de, Meredith Haaf)
Viele Redaktionen setzen gerade verstärkt auf Meinungsjournalismus, die “Zeit” beispielsweise mit ihrem “Streit”-Ressort, die “Tagesthemen” mit ihrem Pro und Contra. Wie ist die Meinung im Journalismus einzuordnen? Und dürfen die traditionellen Medien überhaupt “Meinung machen”, wie ihnen oft vorgeworfen wird? Meredith Haaf ist Redakteurin im Ressort Meinung der “Süddeutschen Zeitung” und weiß, was dieses Thema den Lesern und Leserinnen abverlangt: “Der Wunsch, vor der Meinung der anderen seine Ruhe haben zu wollen, sitzt offenbar tief im Menschen. Die Meinungsfreiheit wiederum beinhaltet die Gesetzmäßigkeit, dass es zu jeder Meinung eine Gegenmeinung gibt. Meinungen zu haben und zu hören ist eine Art Ausdauersport.”

6. Warum Comedy-Helden jetzt gelöscht werden sollen
(ardmediathek.de, Philipp Walulis, Video: 30:30 Minuten)
Das gesellschaftliche Humorverständnis hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt, und damit auch der Blick auf Comedy. In früheren Sketchen haben viele bekannte Comedians Minderheiten klischeehaft bis verletzend bewitzelt. Was tun mit dem belasteten Altmaterial? Aus dem Programm nehmen? In den USA haben sich etliche Programmmacher tatsächlich für diese Maßnahme entschieden und teilweise ganze Folgen gelöscht.

7. “Ein zweites Mal diese Tortur – das würde ich nicht schaffen”
(tagesspiegel.de, Maris Hubschmid)
Als zusätzlicher Link, weil nur eine indirekte Medienmeldung: Joachim Huber, Leiter des “Tagesspiegel”-Medienressorts, spricht über seine Corona-Erkrankung, die mit einer Lungenembolie, totalem Nierenversagen und einen Herzinfarkt einherging. Huber ist zwar mit dem Leben davongekommen, leidet jedoch noch heute unter den Folgen der Erkrankung. Ein eindringlicher Bericht, an den man sich erinnern sollte, wenn man mal wieder genervt von Hygieneregeln, Abstandhalten und Maskenpflicht ist.

Zwei “Bild”-Autoren auf falscher Wackelrecherche

Man kann sich völlig korrekt verhalten, nichts falsch machen, den Gesetzen entsprechend handeln – und dennoch landet man am Pranger der “Bild”-Redaktion.

Am vergangenen Montag in der Bundesausgabe der “Bild”-Zeitung:

Ausriss Bild-Zeitung - Radfahrerin, was machst du da mit den Kindern?
(Gesichter der Kinder und der Mutter von “Bild” verpixelt, weitere Verpixelung durch uns.)

Und auch Bild.de berichtete:

Screenshot Bild.de - Irrer Transport mitten in Frankfurt - Drei Kinder auf Muttis Wackelrad

Zum “irren Öko-Eltern-Taxi” schreiben die zwei Autoren:

Mit drei kleinen Kindern auf dem Gepäckträger strampelt diese Mutter wackelig auf dem Drahtesel über die Eschersheimer Landstraße, eine der am stärksten befahrenen Verkehrsschlagadern in Frankfurts Stadtteil Nordend.

Bei “Bild” fühlen sie sich sogar, igittigitt, ans Ausland erinnert:

Es sind Bilder, die man sonst nur aus Thailand oder Indien kennt: völlig überladene Fahrräder. Dort stapeln sie aber meist Waren und nicht kleine Kinder.

Hier sitzen drei Kinder hinter der Fahrerin in einem Rohr-Rahmen. Erlaubt ist dieser neue Fahrradtyp zum Kindertransport. Für 1-2, so zeigen es Hersteller auf ihren Internetseiten.

Diese Behauptung ist schlicht falsch. Bei dem Fahrrad auf dem Foto handelt es sich um ein Lastenrad der Firma Yuba, Modell “Mundo LUX”. Das hat laut Herstellerangaben “Platz für bis zu zwei Teenager oder drei Kinder”. Der von den “Bild”-Autoren erwähnte “Rohr-Rahmen” ist eine offizielle Erweiterung mit dem Namen “Monkey Bars”. Auch dazu schreibt der Hersteller: “Das Kindergeländer ist für bis zu drei Kinder konzipiert”. Also: alles in Ordnung “auf dem Drahtesel”.

Das sieht das “Bild”-Duo anders:

Die Straßenverkehrsordnung kennt so einen Fall gar nicht! Ist es schon völlig verboten, ein Kind ohne Kindersitz auf dem Gepäckträger mitzunehmen, aber gleich drei – dafür fehlte den Gesetzgebern die Vorstellung.

Auch das stimmt nicht. In der Straßenverkehrs-Ordnung gibt es sehr wohl eine Stelle, die die Mitnahme von Kindern auf einem Fahrrad beziehungsweise Lastenrad regelt. In Paragraph 21, Absatz 3 findet man zwei Voraussetzung: Die Person, die das Rad fährt, muss mindestens 16 Jahre alt sein, und das Rad muss “zur Personenbeförderung gebaut und eingerichtet” sein:

Auf Fahrrädern dürfen Personen von mindestens 16 Jahre alten Personen nur mitgenommen werden, wenn die Fahrräder auch zur Personenbeförderung gebaut und eingerichtet sind. Kinder bis zum vollendeten siebten Lebensjahr dürfen auf Fahrrädern von mindestens 16 Jahre alten Personen mitgenommen werden, wenn für die Kinder besondere Sitze vorhanden sind und durch Radverkleidungen oder gleich wirksame Vorrichtungen dafür gesorgt ist, dass die Füße der Kinder nicht in die Speichen geraten können.

Ganz am Ende ihres Artikels haben die “Bild”-Autoren auch noch einen sehr “Bild”-typischen Vorschlag für die “Öko-Eltern-Taxi”-Mutter, die sie fälschlicherweise an den Pranger stellen:

Für solche Transporte gibt es übrigens ein anderes und völlig legales Fortbewegungsmittel: ein Auto.

Mit Dank an Thomas B. für den Hinweis!

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(K)ein Böhmermann-Interview, Ein Mann wie ein Schrang, Löwenherz

1. Böhmermann veröffentlicht umstrittenes FAZ-Interview auf Twitter
(welt.de)
Jan Böhmermann hat der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” ein großes Interview gegeben, das der Herausgeber Jürgen Kaube unmittelbar vor Drucklegung aus dem Blatt gestrichen haben soll. Böhmermann reagierte mit einem offenen Brief bei Twitter (“Sowas habe ich wirklich noch nicht erlebt”). Warum die “FAS” das Interview gestrichen hat, ist derzeit nicht bekannt.
Update: Kurz vor Mitternacht postete Jan Böhmermann das Interview als 73-teiligen Twitter-Thread. Medienrechtler Markus Kompa fragte sogleich keck: “Wird die FAZ nun ihr Urheberrecht an den Interviewfragen einfordern …?”
Weitere Lesehinweise: Besprechungen des gerade erschienenen Böhmermann-Buchs gibt es unter anderem beim “Spiegel” (Der Robert Habeck der linken Twitterblase, Jonas Leppin) und bei der “Süddeutschen Zeitung” (Früher fand ich mich mal gut, Quentin Lichtblau).

2. Liebe Medien, hier sind 199 unserer Klima-Themenideen, die ihr einfach klauen könnt
(krautreporter.de, Rico Grimm & Isolde Ruhdorfer)
Derzeit wird viel über den medialen Umgang mit der Klimakrise diskutiert. Am Montag wiesen wir in den “6 vor 9” auf die Bemühungen der “taz” hin, besser übers Klima zu schreiben, und auf den Kampf des ZDF-Wettermoderators Özden Terli gegen Klimawandel-Leugner. Gestern ging es in den “6 vor 9” um die Forderung einiger Klima-Aktivisten nach einem neuen Format vor der “Tagesschau”: “#Klima vor 8” (deutschlandfunk.de, Annika Schneider).
Nun haben sich die “Krautreporter” des Themas angenommen: “Liebe Medien, hier sind 199 unserer Klima-Themenideen, die ihr einfach klauen könnt. Ernst gemeint. Nehmt sie, und macht was draus.”

3. Bild Boykott: Wie werden wir die Bild-Zeitung los?
(youtube.com, Sarah Bosetti, Video: 5:40 Minuten)
“Nichts hilft gegen die ‘Bild’-Zeitung. Unsere Empörung ist ihr Frühstück. Unsere Sensationslust ist ihr Viagra. Nichts hilft – außer sie zu ächten.” Die Kabarettistin Sarah Bosetti fragt sich: “Wie werden wir die ‘Bild’-Zeitung los, und ist ein ‘Bild’-Boykott der richtige Weg?”
Weiterer Lesehinweis: In seiner “Medienmacher”-Kolumne bei der “Berliner Zeitung” fragt Kai Hinrich-Renner: Wie sehr wackelt der “Bild”-Chefredakteur?

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4. RTL-Chefredakteure räumen ein: “Wir haben Fehler gemacht”
(uebermedien.de, Jürn Kruse & Boris Rosenkranz)
Nicht nur die “Bild”-Redaktion, sondern auch RTL wurde für die unethische Berichterstattung aus Solingen kritisiert, bei der aus privaten Chat-Nachrichten eines Minderjährigen in einer Extremsituation zitiert wurde. Die offiziellen Statements des Senders klingen relativ kühl und uneinsichtig, intern sei der Vorfall jedoch “intensiv diskutiert und analysiert” worden.

5. Nichts zu dumm, aber alles geheim
(mission-lifeline.de, Felix M. Steiner)
Heiko Schrang ist ein Verschwörungsideologe, der auf seinem Youtube-Kanal regelmäßig seine rund 180.000 Abonnenten mit allerlei Abwegigkeiten und rechtem Unsinn versorgt. Wer ist dieser dauergebräunte “bekennende Buddhist”? Und was unterscheidet Schrang vom Standard-Hetzer rechter Couleur? Felix M. Steiner berichtet über die bizarre Figur: “Wenn man nicht sonderlich anfällig für den Quatsch ist, den Schrang erzählt, ist er ein verdammt lustiges Kerlchen. Bei Schrang ist immer alles ‘geheim’, wird immer die wahre Wahrheit verbreitet oder der ‘Wahnsinn’ hinter den Plänen der Eliten offengelegt. Und das alles gemischt mit einem kräftigen Schuss esoterischem Quatsch auf dem Niveau der Kalendersprüche, die ich früher immer in der Küche meiner Großeltern lesen durfte.”

6. Eklat im Traditions-Verlag Kampfsportler als Boss vorgestellt – dann wird’s turbulent
(mopo.de, Thomas Hirschbiegel)
Die Geschichte liest sich wie eine Mischung aus April-Scherz und Seifen-Oper: Die Verlegerin Alexandra Jahr stellt ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den neuen starken Mann im Haus vor: den Kampfsportler Ardalan Sheikholeslami (Spitzname: das “persische Löwenherz”). Was dann passiert, ist verstörend schön, jedenfalls unter Trash-Gesichtspunkten, aber für die Belegschaft ein ziemlicher Graus. Eine unbedingte Leseempfehlung für alle, denen auch Netflix-Serien wie “Tiger King” gefallen haben.

“Bild” und die “vermeintliche Polizeigewalt”

Bei “Bild” knöpfen sie sich jetzt Minderjährige vor:

Ausriss Bild-Zeitung - Polizei-Opfer hat Lehrer verprügelt - das Wort Opfer ist in Anführungszeichen geschrieben
(Augenbalken von “Bild”, weitere Unkenntlichmachung durch uns.)

Der Jugendliche, über den sich die “Bild”-Redaktion vergangenen Donnerstag in ihrer Hamburg-Ausgabe hermachte, ist der 15-Jährige, der in mehreren Videosequenzen zu sehen war, die vor zwei Wochen in den Sozialen Medien auftauchten und für eine erneute Diskussion über Polizeigewalt sorgten. Was in den Videos passiert, lässt sich grob so zusammenfassen: Der Junge steht in Hamburg mit dem Rücken zu einer Hauswand, er ist umzingelt von vier Polizisten. In den ersten paar Sekunden ist zu sehen, wie er mit den Beamten ringt, diese von sich wegschubst. Die Polizisten weichen daraufhin etwas zurück, einer von ihnen zieht seinen Schlagstock. Man hört Sirenen. Verstärkung kommt, und nun sind es acht Polizisten, die vor dem Jungen stehen. Die Beamten schreien mehrmals: “Auf den Boden!” Der Jugendliche bleibt aber stehen und wird schließlich niedergerungen, als er sein T-Shirt ausziehen will, bis er ruft: “Ich krieg’ keine Luft!” Ausgangspunkt war eine Polizeikontrolle, nachdem der Junge mit einem E-Scooter in Hamburg-Neustadt auf dem Gehweg gefahren war. Er konnte oder wollte sich nicht ausweisen, dann eskalierte die Situation.

Über das Vorgehen der Polizisten wurde daraufhin viel diskutiert, vor allem in den Sozialen Medien: War es übertrieben? War es angemessen? Mussten die Beamten derart rabiat vorgehen? Konnten sie gar nicht anders? War das unangemessene Polizeigewalt?

Laut “Bild” nicht. Laut “Bild” handelte es sich nur um “vermeintliche Polizeigewalt”:

Vergangene Woche war er Mittelpunkt eines Videos, das vermeintliche Polizeigewalt dokumentieren sollte. Hobby-Boxer K[.] geriet nach einer E-Scooter-Kontrolle mit acht Beamten aneinander (BILD berichtete). Doch nun sieht es weniger nach Polizeigewalt aus – K[.] gerät wegen Übergriffen selbst in den Fokus.

In dem letzten Satz steckt der ganze Ekel dieser “Bild”-Geschichte: Weil der Jugendliche zwei Monate zuvor wegen vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt worden sein soll, soll das Vorgehen der Polizisten (in einer davon völlig unabhängigen Situation) weniger schlimm gewesen sein? Weil er “selbst in den Fokus” gerät, sieht es nun “weniger nach Polizeigewalt aus”? Als würde es einen Unterschied machen bei der Bewertung eines Polizeieinsatzes, wessen Körper da gerade unter dem Knie eines Polizisten liegt – der eines vorbestraften Jugendlichen oder der eines Jugendlichen, der sich noch nie etwas hat zu Schulden kommen lassen. Es ist ein gruseliges Verständnis vom Rechtsstaat, in dem eigentlich jeder und jede das Recht hat, dass ihm oder ihr keine unnötige Polizeigewalt angetan wird. Auch frühere Straftäter, auch E-Scooter-Fahrer, die unerlaubterweise auf dem Gehweg fahren.

Der “Bild”-Artikel dient gleich zwei Zielen: Er verteidigt einerseits die Hamburger Polizei, indem er es so klingen lässt, als hätten die Beamten gar nicht anders gekonnt – der Junge habe schließlich auch mal seinen “LEHRER VERPRÜGELT”. Und er lenkt andererseits ab von einer legitimen Diskussion über Gewalt durch Polizisten. Er verschiebt den Fokus auf die in diesem Fall völlig unerhebliche Vergangenheit des möglichen Opfers. Er diskreditiert das mögliche Opfer, indem er einstige Vergehen rauskramt – als hätte das eine (der Polizeieinsatz gegen den Jungen) mit dem anderen (mögliche Vorstrafen des Jungen) etwas zu tun. Die “Bild”-Redaktion geht sogar so weit, dass sie das Wort “Opfer” in ihrer Überschrift hämisch nur in Anführungszeichen schreibt.

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Bereits eine Woche zuvor ging es bei “Bild” nicht weniger hämisch und geschmacklos zu. In Hamburg standen solche Werbeaufsteller vor Kiosken:

Screenshot eines Tweets, der einen Bild-Aufsteller in Hamburg zeigt - darauf ist die Schlagzeile zu lesen: Kontrolle in der Neustadt eskaliert - Boxer (15) verliert gegen acht Polizisten
(Diese und alle folgenden Unkenntlichmachungen durch uns.)

In der Hamburg-Ausgabe der “Bild”-Zeitung erschien ein großer Artikel mit wortgleicher Überschrift. Auch hier ging es bereits darum, den Jungen zu diskreditieren.

Erstmal zum “Boxer”, was lediglich ein sprachlicher Kniff der Redaktion ist. Vielleicht findet sie es auch irgendwie lustig. Der 15-Jährige geht noch zur Schule, ist also erst einmal Schüler. In seiner Freizeit boxt er im Sportverein. Ihn als “Boxer” zu präsentieren, als hätten es die Polizisten mit einem durchtrainierten Profisportler zu tun gehabt, ist, vorsichtig ausgedrückt, unangebracht. Außerdem schließt sich die “Bild”-Redaktion damit dem Framing der Hamburger Polizei an: Diese hatte in einer Pressemitteilung gleich zweimal geschrieben, der Jugendliche sei “sehr groß und stark” gewesen. Die Betonung der Attribute “groß” und “stark” lenkt von dessen Minderjährigkeit ab. Die “Bild”-Redaktion steigert dieses Framing noch, indem sie den 15-Jährigen zum “Boxer” erklärt.

Dass der Junge gegen die Polizisten “verloren” habe, wie “Bild” titelt, zieht die ernste Angelegenheit endgültig ins Lächerliche. Die Redaktion macht damit aus einer Situation, in der ein unbewaffneter Jugendlicher mehreren bewaffneten Vertretern der Staatsgewalt gegenüberstand, einen sportlichen Wettkampf, bei dem es ums Gewinnen oder Verlieren geht. Und auch in diesem Artikel stürzt sich “Bild” auf mehrere angebliche Ermittlungsverfahren, die schon gegen den Jungen gelaufen sein sollen. Auch diese haben rein gar nichts mit dem Vorfall, um den es eigentlich geht, zu tun.

Diese “Bild”-Masche – sich lieber auf mögliche Opfer von Polizeigewalt und deren kriminelle Vergangenheit zu konzentrieren, statt auf die Polizeigewalt selbst – konnte man zur selben Zeit bei einem weiteren Fall beobachten:

Screenshot Bild.de - Umstrittener Polizeieinsatz von Düsseldorf - Schon im Alter von 13 Jahren fiel er als brutaler Schläger auf - Die Strafakte von M. (15)

In einem Video, das den Polizeieinsatz in Düsseldorf zeigt, sieht man, wie ein Polizist einen Jugendlichen am Boden fixiert. Das Knie des Beamten befindet sich auf dem Kopf des Jungen. Das schockierte viele, zwischenzeitlich auch Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul. Die “Bild”-Redaktion ging hingegen schnell dazu über (wie auch manch andere Redaktion), sich den 15-Jährigen unter dem Polizistenknie vorzunehmen. Sie machte eine Reihe von früheren Vergehen des Jungen öffentlich, die dieser teils begangen haben soll, als er noch nicht strafmündig war. Und wieder klingt es nach irgendwas zwischen “Ach, sieh mal einer an: Der war aber auch kein Engel” und “Na also, da hat es ja genau den Richtigen getroffen”. Dabei schreibt selbst der Autor des Bild.de-Artikels:

Wenn man seine Polizeiakte liest, ist der junge Mann kein unbeschriebenes Blatt. Was natürlich nicht bedeutet, dass er nicht selbst ein Opfer von Gewalt sein kann.

Das hindert die “Bild”-Redaktion freilich nicht daran, so eine Story zu bringen.

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Olaf Scholz und die Pressefreiheit, Holocaust auf TikTok, Corona-Netz

1. Olaf Scholz und die Pressefreiheit
(berliner-zeitung.de, Kai-Hinrich Renner)
Das “Financial Times”-Duo Stefania Palma und Dan McCrum hat zu einem Zeitpunkt über Unregelmäßigkeiten beim Finanzdienstleister Wirecard berichtet, als Politik und Wirtschaftsprüfer noch Loblieder auf das vermeintliche Vorzeige-Unternehmen gesungen haben. Anstatt sich für die journalistische Aufklärungsarbeit der beiden zu bedanken, erstattete die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Strafanzeige gegen sie. Und obwohl Wirecards Luftschlösser mittlerweile eingestürzt und fast zwei Milliarden Euro Bilanzsumme auf wundersame Weise verschwunden sind, ermittelt die Staatsanwaltschaft anscheinend weiter gegen Palma und McCrum. Kai-Hinrich Renner hat dazu beim Bundesfinanzministerium nachgefragt – erfolglos. Sein Fazit: “Eigentlich kann das Rumgeeiere von Scholz und seinem Ministerium der SPD nicht gefallen. Wenn bezweifelt werden müsste, dass ihr Kanzlerkandidat ohne wenn und aber zur Pressefreiheit steht, wäre das für die Partei fatal.”

2. Alles automatisch: über die Tücken eines Journalismus ohne Menschen
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Die Website msn.com von Microsoft ist eine der meistbesuchten Nachrichtenseiten der Welt. Dort, wo früher Menschen über die Nachrichtenauswahl entschieden haben, tun dies heute Algorithmen: MSN habe unlängst seine Redaktion entlassen und lasse das Newsportal automatisch bespielen. Die Folge könnte eine Prioritätenverschiebung bei der Auswahl der Themen sein, wie Adrian Lobe erläutert: “Wenn es wirklich ein Strukturmerkmal algorithmischer Auswahl ist, eher weiche Themen zu selektieren, könnte es für Medienunternehmen grössere Anreize geben, solche Inhalte zu produzieren, um eine entsprechende Reichweite zu erzielen. Die Algorithmisierung der Nachrichtendistribution könnte also langfristig auch zu einer Boulevardisierung führen.”

3. Im Netz der Corona-Gegner
(correctiv.org, Till Eckert & Matthias Bau & Alice Echtermann)
Das Recherche-Team von “Correctiv” hat sich im Lager der Corona-Maßnahmen-Gegner umgesehen und ist dort auf “ein bundesweites Netzwerk von Wissenschaftlern, Meinungsmachern und Anwälten” gestoßen. Der Verbund wirke inzwischen auch direkt auf die Politik ein. “Correctiv” stellt die wichtigsten Köpfe der Bewegung vor und zeigt, mit welchen Mitteln man dort arbeitet, um den Kampf gegen das Coronavirus zu torpedieren.

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4. Medienhaus Bauer geht an Lensing Media
(verdi.de, Holger Pauler)
Das Medienhaus Bauer (nicht zu verwechseln mit dem Bauer-Verlag in Hamburg – um den geht es im nächsten Link) wechselt aller Voraussicht nach den Eigentümer. Das Dortmunder Medienunternehmen Lensing Media übernehme damit, die Zustimmung der Kartellbehörde vorausgesetzt, sechs Tageszeitungen und 180 Beschäftigte. Was der Besitzerwechsel für die Angestellten konkret bedeutet, sei noch ungewiss. Die Redaktionen sollen fast vollständig übernommen werden, bei den Beschäftigten aus der Verwaltung sei dies jedoch noch unklar.

5. Bauer-Verlag hat in der NS-Zeit von Zwangsarbeitern profitiert
(meedia.de)
In der neuen Hamburg-Ausgabe der “Zeit” soll eine Recherche Klarheit über die Vergangenheit des Bauer-Verlags während des Nationalsozialismus bringen, so eine “Zeit”-Vorabmeldung. In der Bauer-Zentrale sollen während der NS-Zeit mehrere hundert italienische Zwangsarbeiter interniert gewesen sein. Über das dunkle Kapitel der Verlagsgeschichte hatten Anfang des Jahres bereits “Spiegel” (nur mit Abo lesbar) und “Zapp” berichtet.

6. Yad Vashem kritisiert Darstellungen von Holocaust-Opfern auf TikTok
(spiegel.de)
Dass gut gemeint nicht automatisch gut gemacht ist, beweist derzeit die angebliche Holocaust-Challenge auf TikTok. Vornehmlich Jugendliche mimen dort Holocaust-Überlebende. Um Aufmerksamkeit für das Leid von Millionen getöteter Juden und Jüdinnen zu erzeugen oder um vornehmlich Aufmerksamkeit für sich selbst zu schaffen – das ist nicht immer klar. Klar ist hingegen die Reaktion der Gedenkstätte Yad Vashem, die darin eine Trivialisierung des Holocaust sieht.

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