1. Der blaue Vogel ist tot, lang lebe der blaue Himmel (socialmediawatchblog.de, Martin Fehrensen & Simon Hurtz)
Im “Social Media Watchblog” beschäftigen sich Martin Fehrensen und Simon Hurtz mit Bluesky, das von vielen als Alternative zu Twitter gesehen wird. Es gebe einige Gründe für und gegen die Zukunft des Netzwerks. Während einige, wie Fehrensen, optimistisch sind und glauben, dass Bluesky einen nachhaltigen Hype auslösen kann, bleibt Hurtz skeptisch und hat mehr Fragen als Antworten. Eine lesenswerte Gegenüberstellung der wichtigsten Argumente.
Weitere Hör- und Lesetipps: Bei “Übermedien” hat sich Holger Klein mit Fehrensen über Bluesky unterhalten (25:56 Minuten). Beim SR hat Plattformexperte Michael Seemann seine Einschätzung dazu abgegeben (16:36 Minuten). Und bei der “taz” findet Carolina Schwarz, dass Bluesky unter den richtigen Bedingungen ein wichtiges demokratisches Instrument werden könnte.
2. Stern Preis für “Geschichte des Jahres” bleibt (tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Die mit dem “Stern”-Preis 2022 ausgezeichnete “Spiegel”-Recherche über Ex-“Bild”-Chef Julian Reichelt bleibt trotz einer Korrektur des Nachrichtenmagazins ausgezeichnet. Das hätten Chefredaktion und Beirat des “Stern” nach einer erneuten Prüfung entschieden. Der “Spiegel”-Artikel sei zwar an einer Stelle korrigiert worden, weil sich eine Aussage über Reichelt als falsch herausgestellt habe. Der Beirat habe aber betont, dass der Kern des Artikels nicht angetastet und alle journalistischen Standards eingehalten worden seien.
3. Für Respekt in der Kommentar-Spalte (taz.de, Fabian Schroer)
Community-Managerinnen und -Manager bei öffentlich-rechtlichen Sendern haben es manchmal nicht leicht. Der oft raue Umgangston und hasserfüllte Postings können psychisch belastend sein. Im Jahr 2022 habe beispielsweise das ZDF über 12 Millionen Kommentare auf seinen Social-Media-Kanälen erhalten, von denen nicht wenige Hass und Beleidigungen enthielten. KI-gestützte Modelle könnten in Zukunft helfen, Kommentare besser zu filtern. Bis dahin sei es wichtig, dass Community-Management als seriöse journalistische Arbeit anerkannt werde.
4. Keine Medienvielfalt – Was Polen, Slowakei und Ungarn gemein haben (ardaudiothek.de, Jonathan Schulenburg,Audio: 25:03 Minuten)
In “BR 24 Medien” geht es um die bedrohte Medienvielfalt in Ländern wie Polen, Ungarn und der Slowakei. Zu Gast sind Lutz Kinkel, Direktor des Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit, der BR-Journalist und Osteuropa-Experte Henryk Jarczyk und die Journalistin Marianne Allweiss, die für die ARD über die Slowakei berichtet.
5. “Es ist erlaubt, Trash-TV zu mögen.” (turi2.de)
Kai-Oliver Derks, Chefredakteur der Unterhaltungsnachrichtenagentur “Teleschau”, und “Teleschau”-Geschäftsführer Alexander Büttner sprechen im Interview mit “turi2” über die Entwicklung und Bedeutung der Fernsehkritik. Derks betont, dass es aus seiner Sicht Unsinn sei, wöchentlich mit Shows wie dem “Sommerhaus der Stars” abzurechnen und das Ende der Fernsehkultur zu prophezeien, während Büttner die Relevanz des gedruckten TV-Programms betont, da sich Millionen von Zuschauerinnen und Zuschauern nicht online über ihr Fernsehprogramm informieren würden.
6. Wenn die KI mit meiner Stimme spricht (lto.de, Georg Manthey & Simon Liepert)
Mit fortgeschrittenen KI-Tools können menschliche Stimmen täuschend echt nachgeahmt werden, was ein erhebliches Missbrauchspotenzial birgt. Rechtlich sei die menschliche Stimme sowohl durch das Datenschutzrecht als auch durch das allgemeine Persönlichkeitsrecht geschützt. Bei “Legal Tribune Online” betonen die Autoren Georg Manthey und Simon Liepert die rechtlichen Grenzen und den Schutz, den das Gesetz den Betroffenen bietet.
1. Warum Bluesky gerade durch die Decke geht – und was Mastodon daraus lernen kann (netzpolitik.org, Markus Reuter)
Markus Reuter geht auf den aktuellen Massenumzug von Twitter/X zu Bluesky ein und zieht Vergleiche zu Mastodon. Seit dem Wochenende seien viele bekannte Twitter-Accounts, Journalisten und Medien zu Bluesky gewechselt, das zwar dezentral konzipiert sei, aber von einem Unternehmen kontrolliert werde. Was steckt hinter dem Hype? Und warum konnte Mastodon das Momentum seinerzeit nicht in ähnlicher Weise für sich nutzen?
Video-Tipp: Bei Youtube ruft Marina Weisband mit eindringlichen Worten (“Lasst Twitter brennen”) dazu auf, die Plattform Twitter zu verlassen, da sie zu einem Sammelbecken für Neonazis, Verschwörungstheoretiker und andere extremistische Stimmen geworden sei, die noch dazu vom Algorithmus bevorzugt würden. Weisband warnt davor, dass Journalisten und Politiker dort ein verzerrtes Bild der Gesellschaft erhalten könnten, und betont, dass es unmöglich sei, auf einer privaten Plattform gegen die Interessen des Eigentümers zu gewinnen.
Weiterer Lesetipp: In einem lesenswerten Statement erklärt der Social-Media-Experte Martin Fehrensen, warum er seinen Twitter-Account gelöscht hat. Elon Musk verfolge eine politische Agenda, die Plattform habe sich unter seiner Führung zu einem Netzwerk für Rechtsextreme entwickelt. Das neue X sei nicht für den Dialog, sondern für Eskalation konzipiert. Fehrensen glaubt, dass X nicht der richtige Ort für konstruktive Gespräche sei und ermutigt andere, ebenfalls ihre Accounts zu löschen: “Lösche aber auf gar keinen Fall das Feuer, das in dir brennt, um die Welt ebenfalls zu einem besseren Ort zu machen. Auch wenn Elon Musk alles daran setzt, dass es erlischen möge.”
2. “Humor darf den wahren Kern nicht verfälschen” (journalist.de, Jan Freitag)
Jan Böhmermann gilt als eine der einflussreichsten Stimmen in Deutschland. Im Interview mit dem “journalist” spricht er unter anderem über seine Arbeit, die Bedeutung von Humor und die Herausforderungen, denen er in seiner Karriere begegnet ist. Böhmermann hebt hervor, dass für ein satirisches Produkt oft die bloße Wahrheit ausreiche und dass es wichtig sei, den Kern einer Sache humorvoll, aber wahrheitsgetreu zu ergründen. Dabei geht es auch um die Unterschiede zu Harald Schmidt: “Ich finde es immer schön, wenn Entertainment etwas Bedeutsames beinhaltet und Menschen nicht nur berührt, sondern auch betrifft. Kunst muss sich der Wirklichkeit verpflichtet fühlen. Harald kotzt bei solchen Sätzen, ich nicht. Ich halte sie aus.”
3. Caren Miosga würde »Tagesthemen« gern nach Berlin verlegen (spiegel.de)
Am heutigen Donnerstag moderiert Caren Miosga ein letztes Mal die “Tagesthemen”. In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur habe sie verraten, was sie sich für die in Hamburg produzierte Sendung wünscht: “Ich würde uns gern nach Berlin beamen, damit wir mehr Politikerinnen und Politiker im Studio hätten.” Gespräche mit einem direkten Gegenüber seien intensiver als jene über eine Fernverbindung. Nach 16 Jahren bei den “Tagesthemen” wird Miosga den Talk-Sendeplatz am Sonntagabend von Anne Will mit einer eigenen Sendung übernehmen. Sie freue sich auf den direkten Kontakt mit den Gästen.
4. Presseähnlichkeit: EU-Kommission prüft mehrere Beschwerden (epd.de)
Wie epd berichtet, prüft die EU-Kommission Beschwerden von Medienverbänden aus Österreich und Dänemark, die den öffentlich-rechtlichen Sendern in den jeweiligen Ländern eine presseähnliche Online-Berichterstattung vorwerfen. Demnach kritisieren der Verband Österreichischer Zeitungen und Danske Medier aus Dänemark, dass die öffentlich-rechtlichen Sender zu textlastige Online-Inhalte anböten, die den Angeboten von Zeitungen ähneln. In Deutschland strebe der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger wegen ähnlicher Vorwürfe ein Beihilfeverfahren bei der EU-Kommission an.
5. Fakten gegen Fakes: CORRECTIV startet Bildungskooperation mit TikTok (correctiv.org)
Um einer möglichen Desinformation auf TikTok entgegenzuwirken, hat die Online-Journalistenschule “Reporterfabrik” von “Correctiv” eine Medienbildungskampagne in Zusammenarbeit mit der Videoplattform gestartet. Nutzerinnen und Nutzer aus Deutschland und Österreich, die Informationen zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine suchen, werden auf eine Seite geleitet, die Tipps zum Erkennen von Falschnachrichten bietet. Die Kampagne, die bis Frühjahr 2024 läuft, umfasse auch fünf Videos, die Themen wie Quellencheck, Deep Fakes und kritisches Denken behandeln.
1. Merz, Migration, Medien (deutschlandfunk.de, Michael Borgers & Pia Behme)
Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz steht wegen seiner Äußerungen in einer Talkrunde zur Asylpolitik im Mittelpunkt einer Debatte. Über Asylsuchende sagte er dort unter anderem: “Die sitzen beim Arzt und lassen sich die Zähne neu machen, und die deutschen Bürger nebendran kriegen keine Termine.” Diese Äußerung wurde in den Sozialen Medien teils heftig kritisiert, da sie nicht zutreffend sei und es sich um populistische und rassistische Hetze handele. Der Deutschlandfunk fragt sich: “Müssen Medien wiedergeben, was der Chef der größten deutschen Oppositionspartei sagt? Und wenn, reicht es, das dann entsprechend zu kommentieren?”
Weiterer Lesetipp: Bei “Legal Tribune Online” gibt es “Asylrecht zum Mitreden”. Tanja Podolski führt dort unter anderem aus, welche Leistungsansprüche Asylsuchende wirklich haben.
2. “Hamburger Morgenpost” ab 2024 nur noch zum Wochenende (dwdl.de, Manuel Weis)
Wie “DWDL” unter Berufung auf Informationen der “Medieninsider” (nur mit Abo lesbar) meldet, werde die “Hamburger Morgenpost” künftig nur noch einmal pro Woche erscheinen, am Wochenende. Das bedeute gleichzeitig den Abbau von 15 Arbeitsplätzen. Verleger Arist von Harpe sehe sich in seiner düsteren These bestätigt: “Die Zeit der gedruckten Tageszeitung nähert sich dem Ende.”
3. Wie die Schweizer Medien auf SVP-Kurs geraten sind (republik.ch, Dennis Bühler)
Dennis Bühler schreibt beim Schweizer Onlinemagazin “Republik” über den Einfluss der nationalkonservativen SVP auf die Schweizer Medien, analysiert die Gründe für diese Entwicklung und macht sich Gedanken über mögliche Auswirkungen auf die öffentliche Meinung und die Demokratie in der Schweiz. Der ehemalige SVP-Bundesrat Christoph Blocher habe eins seiner Ziele erreicht: “SVP-Positionen sind heute journalistischer Mainstream.”
4. Dein liebster Star und Chatbot (zeit.de, Eike Kühl)
Wie Eike Kühl bei “Zeit Online” berichtet, hat die Facebook-Mutter Meta auf einer Konferenz eine Reihe neuer KI-Funktionen vorgestellt, darunter einen KI-Assistenten namens Meta AI für WhatsApp, den Facebook Messenger und Instagram sowie 28 personalisierte Chatbots mit eigenen “Persönlichkeiten, Meinungen und Interessen”. Diese Chatbots sollen mit Bildern von US-Prominenten wie dem Rapper Snoop Dogg, dem Ex-Footballspieler Tom Brady und dem Youtuber Mr. Beast beworben werden, um die Interaktion spielerischer zu gestalten. Kühls Fazit: “Es könnte der nächste Schritt sein, um generative KI in den Alltag der größeren Bevölkerung zu bringen.”
5. Jella Haase als Beste Schauspielerin für »Kleo« ausgezeichnet (spiegel.de)
Beim Deutschen Fernsehpreis wurden vorgestern und gestern verschiedene Fernsehproduktionen und -persönlichkeiten prämiert. Als beste Schauspielerin wurde Jella Haase für ihre Rolle in “Kleo” ausgezeichnet. Weitere Preisträger sind die RTL-Reality-Show “Ich bin ein Star – Holt mich hier raus” in der Kategorie “Beste Unterhaltungsreality” und die (vielfach kritisierte) ZDF-Verfilmung des Bestsellers “Der Schwarm” als bester Mehrteiler. Im Bereich Information wurden unter anderem Arndt Ginzel für dessen Ukraine-Berichterstattung sowie die “Tagesthemen”-Ausgabe aus Kiew sechs Monate nach Kriegsbeginn ausgezeichnet.
6. Olaf Meme Scholz, viral Hooks, das römische Reich, Edgar, Taylor & Travis (dirkvongehlen.de)
Die “Netzkulturcharts” von Dirk von Gehlen für den September stellen verschiedene, aus seiner Sicht bemerkenswerte Online-Phänomene vor. An erster Stelle steht Bundeskanzler Olaf Scholz mit einem “Augenklappen-Meme”, das von Gehlen als beeindruckende Social-Media-Aktion wahrnimmt. Weitere Themen sind “Viral Hooks”, der virale Trend rund um das Römische Reich auf TikTok, eine besondere Männerfrisur namens Edgar und ein TikTok-Spezial der Bundeszentrale für politische Bildung.
1. Geheimsache Nord Stream: Wird die Aufklärung blockiert? (ndr.de, Fritz Lüders, Video: 29:31 Minuten)
Vor einem Jahr wurde ein Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines verübt, bei dem drei der vier Pipelinerohre zerstört wurden. Seitdem recherchieren Journalisten und unabhängige Experten weltweit, um die Hintergründe des Anschlags aufzudecken. Dabei würden sie auf zahlreiche Hindernisse stoßen, darunter politischen Druck und Geheimhaltung seitens der Regierung. Das NDR-Medienmagazin “Zapp” ist der Sache nachgegangen und hat mit Journalistinnen und Journalisten gesprochen, die den Fall als einen der schwierigsten ihrer Karriere bezeichnen.
2. Wie der “Spiegel” sich aus einem Foto sein bedrohliches Flüchtlings-Cover bastelte (uebermedien.de, Frederik von Castell)
Das aktuelle Titelbild des “Spiegel” zur deutschen Asylpolitik wurde vielfach kritisiert, unter anderem auch vom “6-vor-9”-Kurator (“Es ist für mich schwer nachvollziehbar, wie ein renommiertes Leitmedium wie der Spiegel, das für Qualitätsjournalismus stehen will, ein Titelbild veröffentlichen kann, das in Aufmachung und Bildsprache an die Angstmache und Hetze rechter Parteien und Verschwörungsblätter erinnert.”) Bei “Übermedien” hat Frederik von Castell die Bildquelle, die dem vom “Spiegel” verwendeten Ausschnitt zugrunde liegt, recherchiert und mit der Fotografin gesprochen. Es liege der Verdacht nahe, dass “das ‘Spiegel’-Cover mit dem Bild in der Realität nicht allzu viel gemein hat”.
Weiterer Hörtipp: Im NDR kommentiert Nadia Zaboura das Cover: “Man sieht nicht die Personen und die Lebensgeschichten, die damit verbunden sind, sondern es baut eine Art Bedrohungs-Szenario auf: Werden wir überrollt?” Neben ihrer Kritik macht Zaboura aber auch konkrete Vorschläge, was Medien in der Migrations-Berichterstattung aus ihrer Sicht verändern und besser machen können (ndr.de, Audio: 7:34 Minuten).
3. Lust auf die Zukunft (journalist.de, Jeanne Wellnitz & Anna Faber)
Jeanne Wellnitz und Anna Faber beschäftigen sich im “journalist” mit Gegenwart und Zukunft des Klimajournalismus. Das Schweizer Onlinemagazin “Republik” habe beispielsweise ein “Klimalabor” ins Leben gerufen, in dem es gemeinsam mit seiner Leserschaft journalistische Inhalte entwickelt. Drei zentrale Erkenntnisse aus diesem Projekt seien: Die Mehrheit der Leserinnen und Leser wünsche sich konstruktive Berichte über mögliche Maßnahmen, sie möchten Dialogformate, die den Austausch mit Aktiven ermöglichen, und sie suchen nach Tipps, um Menschen in ihrem Umfeld für Klimathemen zu sensibilisieren.
4. Investition in die Demokratie (epd.de, Björn Staschen)
Die deutschen Printmedien leiden unter sinkenden Auflagen und wegbrechenden Werbeeinnahmen. Der Journalist und Medienberater Björn Staschen schlägt in einem Gastbeitrag alternative Fördermodelle vor, um das Mediensystem und die Demokratie zu stärken. Er nennt beispielsweise die Idee eines “Demokratiepasses”, mit dem Bürgerinnen und Bürger ein Jahresbudget für den Zugang zu Informations- und Meinungsbildungsmedien erhalten, und schlägt vor, Qualitätsstandards für Medienangebote festzulegen, die zur demokratischen Meinungsbildung beitragen.
5. Streit mit ARD & ZDF: BDZV wendet sich an EU-Kommission (dwdl.de, Timo Niemeier)
Wie “DWDL” berichtet, scheint die ursprüngliche Einigung zwischen Verlagen und öffentlich-rechtlichen Sendern aus dem Jahr 2018 gescheitert zu sein. Der Verlegerverband BDZV habe sich an die EU-Kommission gewandt und um Unterstützung im Streit mit ARD und ZDF um deren Textangebote im Internet gebeten. Der BDZV kritisiere, dass die Öffentlich-Rechtlichen online ein “presseähnliches Angebot” bereitstellen und damit den Verlagen Konkurrenz machen würden.
6. Einfluss von Propaganda-Accounts steigt (deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio: 6:11 Minuten)
Im Deutschlandfunk hat sich Michael Borgers mit Roberta Schmid vom Faktencheck-Dienst “Newsguard” unterhalten. In dem Gespräch geht es vor allem um den wachsenden Einfluss von staatlichen Propaganda-Accounts auf der Plattform X (vormals Twitter). Die Interaktionsrate staatsnaher chinesischer, iranischer und russischer Medien sei in der Elon-Musk-Ära laut “Newsguard” um 70 Prozent gestiegen.
1. Der Link, das ewige Tabu (uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier kritisiert bei “Übermedien” die Praxis vieler Medienhäuser, insbesondere t-online.de, in ihren Artikeln die von ihnen verwendeten Quellen nicht zu verlinken. Dies widerspreche den Mindeststandards des Online-Journalismus und untergrabe die Glaubwürdigkeit: “Es ist so bezeichnend, dass rund 30 Jahre nach dem Beginn des Online-Journalismus in Deutschland grundlegende Standards wie das Verlinken von Quellen immer noch nicht selbstverständlich sind – und von manchen vermeintlich seriösen Redaktionen sogar ausdrücklich abgelehnt werden.” Zuvor hatten die “Medieninsider” über das Thema berichtet (nur mit Abo lesbar).
2. Mediale Glaubwürdigkeit in Gefahr (deutschlandfunk.de, Sebastian Wellendorf, Audio: 23:54 Minuten)
Im Deutschlandfunk spricht Sebastian Wellendorf mit der KI-Forscherin Maria Pawelec über die zunehmende Bedrohung der Glaubwürdigkeit von Medien und Journalismus durch Deepfakes. Pawelec fordert Maßnahmen von Politik und Plattformen, beispielsweise eine stärkere gesetzliche Regulierung und bessere Analysetools, um dem Problem zu begegnen. Sie betont auch die Notwendigkeit für das Publikum, eine gesunde Skepsis an den Tag zu legen und Informationen kritisch zu hinterfragen.
3. Untergang abgewendet: “Titanic” verkauft 6.000 neue Abos (dwdl.de, Uwe Mantel)
Wie bei “DWDL” zu lesen ist, habe das wirtschaftlich angeschlagene Satire-Magazin “Titanic” nach dem Start einer Rettungskampagne innerhalb von zwei Wochen 6.000 neue Abonnements und zusätzlich 500 T-Shirts verkaufen können. Außerdem habe die Redaktion 34.000 Euro an Spenden eingesammelt. Damit sei das Überleben des Magazins für mindestens ein Jahr gesichert. Chefredakteurin Julia Mateus äußerte sich auf “Titanic”-typische Weise: “Es wurde bestätigt, dass Print das Medium der Zukunft ist.”
4. Haben Bild und B.Z. “journalistische Standards” gebrochen? (lawblog.de, Udo Vetter)
Udo Vetter schreibt in seinem “Law Blog” über die Kritik der “taz” an den Zeitungen “Bild” und “B.Z.”, die geplante Straßenblockaden der “Letzten Generation” öffentlich gemacht hatten. Die “taz” wirft den Springer-Blättern vor, journalistische Standards verletzt und sich zu “Erfüllungsgehilfen der Polizei” gemacht zu haben. Vetter widerspricht diesen Vorwürfen und weist darauf hin, dass die Presse nach dem Pressekodex grundsätzlich keine Nachrichtensperren akzeptiere und die Polizei das Recht habe, “aktuelle Berichte über geplante Straftaten” zur Kenntnis zu nehmen.
5. Klimawandel: Warum Wettermoderatoren attackiert werden (ndr.de, Zapp Medienmagazin, Isabel Schneider, Video: 9:19 Minuten)
Bei “Zapp” berichten die Wettermoderatoren Karsten Schwanke (ARD) und Özden Terli (ZDF) von zunehmenden Anfeindungen, weil sie die Klimakrise in ihren Wetterberichten thematisieren. Die Angriffe reichen von Beleidigungen und Unterstellungen bis hin zu Bedrohungen, wobei Terli auch rassistisch angefeindet wird. Der Psychologe Philipp Schmid bestätigt, dass solche Angriffe das Ziel haben, Wissenschaftler und Meteorologen einzuschüchtern und mundtot zu machen, um die Berichterstattung über das Klima zu unterdrücken.
6. Bestsellerautoren reichen Sammelklage gegen ChatGPT-Hersteller OpenAI ein (spiegel.de)
Eine Gruppe von 17 Autorinnen und Autoren, darunter bekannte Namen wie John Grisham und George R.R. Martin, hat eine Sammelklage gegen den ChatGPT-Betreiber OpenAI eingereicht. Sie wirft dem Unternehmen vor, den Chatbot ohne Erlaubnis mit ihren Büchern trainiert zu haben. ChatGPT basiere auf “systematischem Diebstahl im großen Stil”. OpenAI habe in einer Stellungnahme betont, die Rechte der Autorinnen und Autoren zu respektieren und den Dialog zu suchen.
1. Die Probleme mit der Online-Auswertung (deutschlandfunk.de, Martin Krebbers)
Wenig überraschend: Der Konsum von Audioinhalten übers Internet werde immer beliebter. Die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse versucht mit der ma IP Audio, die Nutzung von Webradio-Livestreams zu messen, stößt dabei aber auf Schwierigkeiten. Im Interview mit dem Deutschlandfunk betont Jens Schröder vom Mediendienst “Meedia”, dass es schwierig sei, genaue Hörerzahlen zu ermitteln, da die Messung nur Livestreams, aber keine On-Demand- oder Podcast-Nutzung und nicht alle Sender erfasse.
2. Journalismus-Update: Nach Lösungen fragen (verdi.de, Bärbel Röben)
In einer sich ständig verändernden und von Krisen geprägten Welt müssen Journalistinnen und Journalisten ihre Berichterstattung anpassen, indem sie nicht nur Probleme aufzeigen, sondern auch nach Lösungen suchen. Das sei jedenfalls der Tenor beim Journalismus-Festival b° future in Bonn gewesen. Bärbel Röben hat die Veranstaltung besucht und genau hingehört, was die Expertinnen und Experten über die Funktion von Medien zu sagen hatten.
3. NRW-Medienminister fordert Umdenken bei ARD Plus und ZDF Select (dwdl.de, Manuel Weis)
Wie bei “DWDL” zu lesen ist, fordert der nordrhein-westfälische Medienminister Nathanael Liminski (CDU) eine Überprüfung der Bezahlangebote von ARD (ARD Plus) und ZDF (ZDF Select). Liminski kritisiere, dass durch derartige kostenpflichtige Angebote die Grenze zwischen privatem Medienunternehmen und öffentlich-rechtlichem Rundfunk verwischt werde. Er wolle das Thema auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung der Rundfunkkommission im Herbst setzen.
4. Kathrin Röggla: Bei den Kulturkürzungen der ARD geht es nicht um Etats (laeuft-programmschau.podigee.io, Alexander Matzkeit, Audio: 22:56 Minuten)
Alexander Matzkeit spricht mit der Schriftstellerin und RBB-Rundfunkrätin Kathrin Röggla über die geplanten Kürzungen im Kulturbereich der ARD, die von manchen als “Kulturkahlschlag” bezeichnet werden. Geht es nach dem ARD-Vorsitzenden Kai Gniffke, werde der Kulturetat nur umgeschichtet. Wer hat Recht?
Siehe dazu auch unseren Lesetipp vom 13. September: Sender spricht von “Kulturoffensive”, Proteste in München (spiegel.de).
5. “Wir entscheiden nach Leidenschaft” (taz.de, Carolina Schwarz)
“Magazin für Text und Musik” lautet die Selbstbeschreibung von “Das Wetter”. Seit zehn Jahren veröffentlichen die Macherinnen und Macher das gedruckte Magazin in Eigenregie. Mit Katharina Holzmann und Sascha Ehlert hat Carolina Schwarz zwei von ihnen interviewt und ihnen gleich zu Beginn eine drängende Frage gestellt: “Wenn man euch googelt, kommen Wetterberichte oder Katastrophenmeldungen. Wieso habt ihr euch Das Wetter genannt?”
6. Alle Zahlen unseres Krisenmanagements (katapult-magazin.de)
Wie das in finanzielle Schieflage geratene Medienunternehmen Katapult mitteilt, konnte die drohende Insolvenz abgewendet werden. Dies sei auf eine erfolgreiche Rettungsaktion zurückzuführen, zu denen der Verkauf von Shopartikeln und der Abschluss neuer Abonnements gehört habe. Außerdem habe man die Abonnementpreise erhöht und sich von einigen Projekten getrennt.
1. Google blockiert Journalismus über Pornoseiten (netzpolitik.org, Sebastian Meineck)
Einer Recherche von netzpolitik.org zufolge hat Google seine Jugendschutzmaßnahmen so weit verschärft, dass nun auch journalistische Inhalte über Pornoseiten aus den Suchergebnissen entfernt werden. Sebastian Meineck erläutert das Phänomen anhand von konkreten Beispielen. Er habe sich deswegen auch an Google gewandt, wo man zunächst Interesse gezeigt, dann aber nur mit ausweichenden Sätzen reagiert habe.
2. “Werkzeuge wie Chat-GPT werden wir irgendwann so selbstverständlich nutzen wie Google” (journalist.de, Ute Korinth)
Das Magazin “journalist” hat mit dem “Spiegel”-Kolumnisten und Professor für Digitale Kommunikation Christian Stöcker über den Einfluss von Künstlicher Intelligenz (KI) auf den Journalismus gesprochen. Stöcker betont, dass KI-Tools wie ChatGPT in Zukunft so selbstverständlich genutzt werden wie heute Google. Angesichts der exponentiellen Entwicklung von KI sei jedoch eine Regulierung notwendig: “Ich glaube – und habe das auch schon 2017 geäußert -, dass man Unternehmen, die KI-Systeme betreiben, verpflichten muss, Menschen mitzuteilen, wenn sie mit einer KI interagieren. Es wird schon bald KI-Systeme geben, die klingen wie ein Mensch. Die zweite Sache ist die Kennzeichnungspflicht von durch KI erzeugten Inhalten. Hier brauchen wir zeitnah eine Lösung. Der dritte Aspekt, und den finde ich wichtiger als alles andere, ist die Transparenz der Trainingsdatensätze.”
3. Durfte sie “Xxxxx-Xxxxxxxx” schreiben? (deutschlandfunk.de, Katharina Thoms, Audio: 4:34 Minuten)
Das Landgericht Hamburg befasst sich unter anderem mit der Frage, ob die Bezeichnung “Xxxxx-Xxxxxxxx” (Update: Die Bezeichnung wurde inzwischen vom Gericht untersagt) in der medialen Berichterstattung zulässig war. Die Klage habe sich allerdings nicht gegen die “Bild”-Redaktion gerichtet, die den Begriff ursprünglich verwendet hatte, sondern gegen die Wochenzeitung “Kontext”, die das Wort lediglich zitiert hatte. Der betroffene Polizist verklagte die kleinere Redaktion.
Siehe dazu auch die Kolumne von Elena Wolf und das Editorial in “Kontext”.
4. Ausgezeichnete Pressefotos (verdi.de, Lars Hansen)
Der World Press Photo Award wird seit 1955 jährlich von der World Press Photo Foundation in Amsterdam verliehen. Im Rahmen der “Woche der Pressefreiheit” in Hamburg wurde jetzt die erste von mehreren Ausstellungen in Deutschland mit den prämierten Fotos eröffnet. Es ist unter anderem das Siegerfoto des Ukrainers Evgeniy Maloletka zu sehen, das eine schwangere Frau nach einem Luftangriff in Mariupol zeigt, sowie weitere ausgezeichnete Bilder, die wichtige globale Ereignisse und Themen festhalten.
Nachtrag: Der Veranstalter macht uns darauf aufmerksam, dass es sich (entgegen der Aussage im verlinkten Beitrag) nicht um “die erste von mehreren Ausstellungen in Deutschland” handelt: “In Berlin wurden die prämierten Aufnahmen in den letzten Monaten bereits gezeigt, ebenso in Jena und Balingen. Demnächst folgen noch Dortmund, Flensburg, Kitzingen und wir in Oldenburg.”
5. Journalismus aus dem Untergrund (taz.de, René Martens)
Beim Exile Media Forum in Hamburg wurde die kritische Situation von Exiljournalistinnen und -journalisten diskutiert, insbesondere die Bedrohungen, denen sie ausgesetzt sind. So wurde beispielsweise Farzad Seifikaran, Chefredakteur des iranischen Exilmediums Radio Zamaneh, vom iranischen Außenministerium des Terrorismus beschuldigt. Das von der Körber-Stiftung organisierte Forum habe den Teilnehmenden auch eine Plattform geboten, um sich zu vernetzen und Unterstützung in praktischen Fragen wie Visa, Organisation und Finanzierung zu erhalten.
6. Müssen Böhmermann und das ZDF dem ehemaligen BSI-Chef Schmerzensgeld zahlen? (uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 35:02 Minuten)
Arne Schönbohm, ehemaliger Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, hat angekündigt, das ZDF wegen einer kritischen Darstellung in Jan Böhmermanns “ZDF Magazin Royale” zu verklagen. In der Sendung wurde Schönbohm eine Nähe zu einer Firma mit Verbindungen zum russischen Geheimdienst unterstellt, außerdem wurde er als “Cyberclown” bezeichnet. Im “Übermedien”-Podcast spricht Holger Klein mit Felix W. Zimmermann, Chefredakteur von “Legal Tribune Online”, über Schönbohms Klageaussichten.
1. Sender spricht von »Kulturoffensive«, Proteste in München (spiegel.de)
Rund 200 Menschen haben am Montag vor dem Hochhaus des Bayerischen Rundfunks (BR) in München gegen eine geplante Programmreform im Kulturbereich protestiert. In einem offenen Brief der Initiative “Störsender” kritisieren Kulturschaffende die Reform, durch die im kommenden Jahr “mehrere Stunden eigenständiges Kulturprogramm” verschwänden. Der BR spreche hingegen von einer geplanten “Kulturoffensive”.
2. ver.di fordert lückenlose Aufklärung der Verhaftung zweier Journalisten in Dortmund (dju.verdi.de, Lisa Isabell Wahr)
Im August wurden nach Angaben der Gewerkschaft Verdi in Dortmund zwei Journalisten, die wegen eigener Recherchen vor Ort waren, in der Nähe eines Tatorts festgenommen und für 16 Stunden in Polizeigewahrsam gehalten. Während der Ermittlungen sei die Wohnung eines der Journalisten gewaltsam aufgebrochen und Arbeitsmaterial beschlagnahmt worden: “Wir bezweifeln, dass das Vorgehen verhältnismäßig war. Wenn Journalistinnen und Journalisten Sorge haben müssen, im Rahmen ihrer Berichterstattung von der Polizei in Gewahrsam genommen und über Stunden festgehalten zu werden, beschneidet sie das eindeutig in der Ausübung ihrer Tätigkeit und damit am Ende auch die Pressefreiheit.”
3. Europas Krisen und das Versagen der Medien – Die überfällige Europäisierung des Journalismus (de.ejo-online.eu, Harald Schumann & Elisa Simantke)
“Seit Jahrzehnten berichten Europas Medien und ihre Journalistinnen und Journalisten über europäische Themen allein aus der jeweils nationalen Perspektive ihrer Sitzländer und mit geringer Kenntnis der Vorgänge in den EU-Institutionen und den jeweils anderen Staaten. Das gefährdet die europäische Demokratie – und die Pressefreiheit.” Harald Schumann und Elisa Simantke stellen verschiedene Beispiele vor, bei denen Medien in verschiedenen EU-Ländern wichtige Themen und Ereignisse falsch oder unvollständig dargestellt haben, und betonen die Notwendigkeit einer stärkeren europäischen Perspektive im Journalismus.
4. Keine Spähsoftware gegen Journalisten (djv.de, Hendrik Zörner)
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) fordert die EU-Institutionen auf, im Rahmen des EU-Medienfreiheitsgesetzes den Einsatz von Spähsoftware gegen Journalistinnen und Journalisten zu verbieten. Der vorliegende Gesetzentwurf habe Schlupflöcher, die von den Regierungen der Mitgliedstaaten ausgenutzt werden könnten. Diese Lücken müssten geschlossen werden, so der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall: “Sonst besteht die Gefahr, dass übereifrige Ermittler ganz legal Spionageprogramme wie etwa Pegasus benutzen und so in jeden Redaktionsrechner eindringen können.”
5. Plattformaufsicht könnte Journalisten stärken (reporter-ohne-grenzen.de)
Die Organisation Reporter ohne Grenzen unterstützt den Entwurf für das neue Digitale-Dienste-Gesetz zur Plattformregulierung, sieht aber weiteren Handlungsbedarf zum Schutz der Meinungs- und Pressefreiheit: “Wenn uns Grundrechte wie Presse- und Informationsfreiheit wichtig sind, dann brauchen wir eine zentrale und durchsetzungsstarke Behörde, die die Rechte von Nutzerinnen und Nutzern gegen die Macht der Tech-Konzerne effektiv durchsetzt”, so Helene Hahn, die zuständige Referentin für Internetfreiheit bei Reporter ohne Grenzen.
6. Der künstliche Sprachpapst (deutschlandfunk.de, Bettina Köster, Audio: 5:55 Minuten)
Der im November 2022 verstorbene Wolf Schneider gilt vielen als der “Sprachpapst” schlechthin. Ganze Generationen von Medienschaffenden haben seine Bücher gelesen. Nun sollen Schneiders Sprachempfehlungen in eine Künstliche Intelligenz einfließen, die von der “Reporterfabrik” entwickelt wird. Der Deutschlandfunk sprach mit Cordt Schnibben über das Projekt, das sich derzeit noch in der Testphase befindet.
Es gibt eine Faustformel, wann eine öffentliche Debatte in der Bundesrepublik durch ist: Wenn Springer-Chef Mathias Döpfner in die “Bild”-Redaktion stürmt (so stellen wir uns das jedenfalls bildlich vor), ein mit Füllfederhalter beschriftetes Blatt Büttenpapier auf den Tisch wirft und sagt: “Ich hab da mal was aufgeschrieben!”
Gestern war es mal wieder soweit:
In einem Text, der als “Kommentar” bezeichnet wird und der auch heute in der gedruckten “Bild” erschienen ist, sinniert Döpfner in selbst für “Bild”-Verhältnisse bemerkenswerter Kurzform über das “vorläufige Ergebnis” der Flugblattaffäre um Bayerns stellvertretenden Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger. Er schreibt unter anderem:
Widerliche antisemitische Parolen werden in Deutschland als “Jugendsünde” verbucht.
Leider geht Mathias Döpfner in seinem “Bild”-Kommentar nicht genauer darauf ein, wo und von wem die antisemitischen Parolen als “Jugendsünde” verbucht werden und wer dazu beigetragen hat. Und da müssen wir mal was aufschreiben.
Dafür gehen wir gut eineinhalb Wochen zurück, in die Zeit, als die Debatte um Hubert Aiwanger und dessen Vergangenheit – die Urheberschaft der antisemitischen Flugblätter hatte bereits Hubert Aiwangers Bruder Helmut übernommen – so richtig in Schwung gekommen ist. Zu der Zeit liefen mehrere öffentliche Diskussionen parallel: Eine drehte sich um die Eignung Hubert Aiwangers als Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident in Bayern; eine andere darum, ob die “Süddeutsche Zeitung” die Vorwürfe, die sich im Nachhinein als zumindest unscharf herausgestellt hatten, überhaupt hätte veröffentlichen dürfen; in einer dritten ging es erst einmal darum, den Begriff “Jugendsünde”, den Helmut Aiwanger für sein eigenes Flugblatt verwendet hatte, semantisch auszupendeln – um auf Basis des Ergebnisses dann eine der anderen beiden Diskussionen (oder gleich beide) weiterzuführen.
In der “Bild”-Redaktion fiel die Aufgabe, den Begriff “Jugendsünde” irgendwie mit Leben zu füllen, offenbar Hans-Jörg Vehlewald zu, der sich dem Thema differenziert widmen zu wollen schien:
Wie kann jemand als Jugendlicher menschenverachtende Nazi-Witze verbreiten und sich später als Erwachsener zum Demokraten wandeln?
Ist Einsicht möglich? Dieser Frage mussten sich schon andere Politiker stellen. Beispiele zeigt Beispiele.
(Vom letzten Satz nicht verwirren lassen: Es ist Bild.de, das hier Beispiele zeigt, aber so ein Fehler kann ja nun wirklich jedem mal passieren!)
Was Vehlewald zusammengetragen hat, wirkt wie das Ergebnis einer Umfrage in der Redaktionskantine, was einem alles zum Thema “Jugendsünde” einfalle – “Dalli, Dalli!”.
Los geht es zum Beispiel mit Joschka Fischer:
Ex-Außenminister Joschka Fischer (75, Grüne) prügelte als 25-jähriger Straßenkämpfer mit Motorradhelm in Frankfurt/Main auf einen wehrlos am Boden liegenden Polizisten ein. Später als Bundesminister bekannte er: “Ja, ich war militant” – und blieb nach heftigen Debatten im Amt.
Weiter mit Sawsan Chebli:
Sawsan Chebli (45, SPD), ehemals angestellt beim Berliner Senat und beim Auswärtigen Amt, gab selbst zu, als Kind palästinensischer Flüchtlinge “Juden für das Leid der Palästinenser und für das Schicksal meiner Eltern verantwortlich gemacht” zu haben: “Ich war wütend.” Auf Twitter (X) griff sie Bayerns Freie-Wähler-Chef Aiwanger für dessen “Jugendsünde” dennoch scharf an und unterstellte mittelbar allen Aiwanger-Verteidigern, selbst Nazis, Rassisten oder Antisemiten zu sein. (Der Tweet wurde später wieder gelöscht.)
Das verräterische ist hier das Konjunktionaladverb “dennoch”, das Vehlewald verwendet. So als habe Chebli das Recht verwirkt, Antisemitismus zu kritisieren. Außerdem wirken ihre Zitate in der verkürzten Wiedergabe bei Bild.de etwas anders als im Kontext des “Tagesspiegel”-Interviews, in dem sie diese geäußert hatte:
Als Jugendliche habe ich Juden für das Leid der Palästinenser und für das Schicksal meiner Eltern verantwortlich gemacht. Ich war wütend, dass Juden einen eigenen Staat haben und wir staatenlos und bitterarm sind. Ich war wütend, dass meine Eltern zwanzig Jahre in einem libanesischen Lager leben mussten, elf Geschwister dort zur Welt gekommen sind, ohne jede Perspektive, ohne Chance auf Rückkehr in ihr Land. Ich war oft wütend und habe auch Hass gespürt. […] Im Laufe der Jahre ist aus Wut und Hass der Wunsch gewachsen, Brücken zu bauen und junge Menschen auf beiden Seiten zusammenzubringen, um Hass zu überwinden.
Über Bundeskanzler Olaf Scholz weiß Vehlewald zu berichten, dass dieser als Vizechef der Jusos für die “Überwindung der kapitalistischen Ökonomie” eingetreten war, sich gegen die “aggressiv-imperialistische Nato” ausgesprochen und die Bundesrepublik als “europäische Hochburg des Großkapitals” bezeichnet hatte. Über Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, schreibt er, dass dieser “als Student und Lehrer-Anwärter zwei Jahre beim Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) aktiv” war, “vom Verfassungsschutz überprüft” wurde und 1975 erklärt hatte, “er stehe der extrem linken K-Gruppe nahe.”
Es ist natürlich möglich, dass Hans-Jörg Vehlewald diese Beispiele mit Hilfe von eigenen und fremden Erinnerungen und ausführlicher Archiv-Recherche zusammengestellt hat. Er hätte sich diese Mühe aber zumindest nicht machen müssen, denn einen Tag vor seinem eigenen Artikel war beim rechten Online-Magazin “Apollo News” ein Text über die “erschreckenden Jugendsünden von Grünen- und SPD-Politikern” erschienen, in dem all diese Fälle, teilweise mit den exakt gleichen Zitaten, vorkamen.
Bei Bild.de gibt es aber noch mehr:
Ex-Umweltminister Jürgen Trittin (69, Grüne) weigerte sich gegenüber dem Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, sich von einem 1977 verfassten Pamphlet linker RAF-Sympathisanten (“Mescalero-Brief”) zu distanzieren. Der Verfasser hatte damals “klammheimliche Freude” über die RAF-Morde bekundet. Trittin stellte später klar, er habe mit dem Schreiben nie etwas zu tun gehabt, verurteile jede Form von Terror.
Vehlewald spielt hier auf eine Episode an, die im Januar und Februar 2001 die deutsche Öffentlichkeit beschäftigt hatte: In einem Zug war Siegfried Bubacks Sohn Michael zufällig auf Jürgen Trittin getroffen und hatte ihn auf den berühmt-berüchtigten Text des “Göttinger Mescaleros” über die Ermordung Siegfried Bubacks angesprochen. Trittin wusste bei dieser Begegnung im Zug offenbar nicht, dass sein Gegenüber der Sohn des Ermordeten war, und erklärte schon kurz danach, sich den Brief nie zu eigen gemacht zu haben. Und auch die “Bild”-Formulierung “Trittin stellte später klar, er habe mit dem Schreiben nie etwas zu tun gehabt” ist zumindest irreführend, denn Michael Buback wusste zum Zeitpunkt des Aufeinandertreffens im Zug bereits seit über einem Jahr, wer der Autor des Textes gewesen war. Den Abschnitt zu Jürgen Trittins “Jugendsünde” hat Bild.de mit “RAF-Nähe?” überschrieben.
Immerhin ist jemandem in der “Bild”-Redaktion noch aufgefallen, dass die Zusammenstellung der “Jugendsünden” so recht einseitig wäre. Und so finden sich neben den zwei Beispielen zu Leuten der SPD und dreien von den Grünen auch noch zwei ehemalige Unions-Politiker in der Aufstellung:
Ex-Bundesfamilienminister Heiner Geißler (starb 2017 mit 87 Jahren) half als 22-jähriger Jesuiten-Schüler in Südtirol einer nationalistischen Terrorgruppe (“Tiroler Bumser”) bei Anschlägen, transportierte sogar auf seinem Motorrad (“Adler 250”) Dynamit durch die Alpen. “Unwissentlich”, wie er später einräumte.
Okay, das klingt selbst in dieser Reihe erstaunlich drastisch – wobei Bild.de vielleicht der Fairness halber hätte erwähnen können, dass die Anschläge welche auf Strommasten waren.
Wie will man das toppen?
Bild.de versucht es so:
Seine Doktorarbeit kostete Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (51, CSU) den Posten. Seitenweise hatte der Unionspolitiker aus anderen Arbeiten abgeschrieben, tat die Affäre zunächst als läppisch ab, stürzte am Ende über die Plagiate. Inzwischen hat er eine neue Doktorarbeit an der britischen Southampton Business School (Universität Southampton) nachgereicht. Thema: Geschichte der Banküberweisungen.
Das ist insofern bemerkenswert, als die “Bild”-Medien damals alles getan hatten, um den Minister im Amt zu halten, und Karl-Theodor zu Guttenberg bei der Abgabe seiner Doktorarbeit nicht mehr ganz so jugendliche 35 Jahre alt gewesen war.
Die Zusammenstellung dieser “Jugendsünden” vor dem Hintergrund der Aiwanger-Enthüllungen ist einigermaßen rätselhaft: Die eingangs gestellte Frage “Ist Einsicht möglich?” beantwortet der Text nur teilweise. Und dort, wo Einsicht offenbar vorhanden war, etwa bei Sawsan Chebli, thematisiert Hans-Jörg Vehlewald diese Entwicklung nicht weiter. Die Art der von Bild.de ausgewählten “Jugendsünden” ist so unterschiedlich, dass man am Ende gar nicht mehr weiß, worum es jetzt eigentlich geht: um klassische linke Rhetorik, um den unwissentlichen Transport von Sprengstoff, um körperliche Gewalt gegen Polizisten, um Plagiate in Doktorarbeiten – und um antisemitische Flugblätter?!
Es kann ja immer hilfreich sein, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, um deren Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, aber hier drängt sich dann doch der Verdacht auf, eine lose Sammlung von Notizen sei versehentlich veröffentlicht worden. Dieses Durcheinander dürfte vor allem der Argumentation Helmut Aiwangers und dessen Versuch helfen, das Flugblatt als “Jugendsünde” einordnen zu lassen – ach, lass gut sein, sind doch irgendwie alles “Jugendsünden”. Oder wie Mathias Döpfner sagen würde: “Widerliche antisemitische Parolen werden in Deutschland als ‘Jugendsünde’ verbucht.”
Da ist es dann auch egal, wenn Vehlewald seine bis hierhin schon eklektische Parade jetzt völlig über die Klippe gehen lässt:
Übrigens: Jugendsünden der weitaus harmloseren Sorte gestanden zwei weitere Politiker kürzlich ein.
► Schaumschläger: Ex-SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz (67) gab im Interview zu, er habe als Jugendlicher nach durchzechter Nacht eine Packung Waschpulver im heimischen Freibad versenkt – und sei nur knapp der Polizei entkommen.
► Schulschwänzer: Bundesfinanzminister Christian Lindner (44, FDP) gestand, er habe als Schüler den Englisch-Unterricht regelmäßig geschwänzt, sei zur Abi-Deutsch-Prüfung zu spät gekommen und habe sich für das Mathe-Abi ausschließlich mit Red-Bull und Milchschnitten vorbereitet, statt zu lernen.
Es war in diesen Tagen ausgerechnet Franz Josef Wagner, der den Begriff “Jugendsünde” für die “Bild”-Medien einmal klar mit Leben füllte:
Ich fuhr mit 17 ohne Führerschein. Ich betrank mich mit 17 und wurde von der Polizei für eine Nacht in eine Zelle gesteckt. Ich schrieb von einem Kumpel die Mathearbeit ab. Ich klaute Comic-Hefte. Ich war ein Lügner beim Sex. Ich sprach von Liebe und wollte nur grapschen.
Er fuhr fort:
Die Jugendsünden der Aiwanger-Brüder sind unverzeihbar. Als ersten Preis wird da ein Freiflug durch den Schornstein in Auschwitz ausgelobt in ihrem Pamphlet. Ich weiß nicht, wie man so etwas Krankes in sein Gehirn kriegt.
Es sind keine Jugendsünden. Jugendsünden sind fröhlich. Die Jugendsünden der Aiwangers sind schwarz und böse.
Jugendsünden, die gleichzeitig “keine Jugendsünden” und doch irgendwie welche, nur halt “unverzeihbar” sind. Das deckt sich auf logischer Ebene ungefähr mit der “Jugendsünden”-Sammlung von Bild.de.
1. Während Söder-Rede: CSU-Pressesprecher behindert Reporter (t-online.de, Alexander Spöri & Jannik Läkamp)
Beim politischen Frühschoppen der CSU auf dem Gillamoos sollen ein Pressesprecher der Partei und zwei Sicherheitsleute die Arbeit von Journalisten behindert haben. Nachdem ein Journalist eine Protestaktion von Klimaschützern gefilmt hatte, habe sich der Pressesprecher neben die Journalisten an den Pressetisch gesetzt und versucht, die Veröffentlichung des Videos zu verhindern.
2. “Im Grunde eine Medienkampagne-Kampagne” (deutschlandfunk.de, Michael Borgers & Sebastian Wellendorf, Audio: 7:38 Minuten)
Der Deutschlandfunk beschäftigt sich mit der Flugblatt-Affäre um Hubert Aiwanger, den stellvertretenden Ministerpräsidenten Bayerns und Bundesvorsitzenden der Freien Wähler. Aiwanger und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kritisieren die Medien und werfen ihnen eine “Schmutzkampagne” vor. Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje sowie Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, betonen jedoch die Bedeutung kritischer Berichterstattung und warnen vor einer “Medienopfer-Erzählung”.
3. RBB: Kein Anspruch auf Ruhegeld (verdi.de)
Der ehemalige Verwaltungsdirektor des öffentlich-rechtlichen RBB, Hagen Brandstäter, ist nach Angaben der Gewerkschaft Verdi mit einer Klage gegen seine Kündigung gescheitert. Das Arbeitsgericht Berlin habe entschieden, dass Brandstäters Vertrag von 2018 wegen der Pensionsregelungen sittenwidrig und damit nichtig sei. Dadurch bestehe auch kein Anspruch auf Ruhegeldzahlungen und Hinterbliebenenversorgung. Finanzielle Ansprüche des RBB gegen Brandstäter wies das Gericht ebenfalls zurück. Das erstinstanzliche Urteil ist noch nicht rechtskräftig, beide Parteien können noch Berufung einlegen.
4. Spiegel siegt in Runde 2 gegen Lindemann-Kanzlei (lto.de, Max Kolter)
Wie “Legal Tribune Online” (“LTO”) berichtet, hat das Landgericht Hamburg auf Antrag des “Spiegel” eine Pressemitteilung der Anwälte des Rammstein-Sängers Till Lindemann teilweise untersagt. Die Kanzlei Schertz Bergmann dürfe nicht mehr behaupten, dem “Spiegel” seien zwei Tatsachenbehauptungen untersagt worden. Die Entscheidung ist Teil eines größeren Rechtsstreits zwischen dem “Spiegel” und der Kanzlei, die gegen die Entscheidung Berufung einlegen wolle. “LTO”-Redakteur Max Kolter erläutert die rechtlichen und prozesstaktischen Implikationen der juristischen Auseinandersetzung
5. Wie westliche Medien TikTok nutzen um die Generation Z zu erreichen (de.ejo-online.eu, Tamar Merabishvili)
Der Artikel des “European Journalism Observatory” diskutiert, wie westliche Medien TikTok nutzen, um die Generation Z zu erreichen. Traditionelle Medienorganisationen wie die Deutsche Welle hätten TikTok-Strategien entwickelt, um Inhalte zu präsentieren, die speziell auf die Interessen der jüngeren Generation zugeschnitten sind. Trotz des rasanten Wachstums von TikTok gebe es Bedenken hinsichtlich Fehlinformationen und der chinesischen Eigentümerschaft der Plattform.
6. Twitter wegen angeblicher Hilfe für Saudi-Arabien verklagt (spiegel.de)
Nach Informationen des “Guardian” werde Twitter beziehungsweise X von einer Frau verklagt, die behauptet, das Unternehmen habe der saudischen Regierung bei der Identifizierung ihres Bruders geholfen, der später zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Zwei ehemalige saudische Mitarbeiter des Kurznachrichtendienstes sollen – lange Zeit vor der Twitter-Übernahme durch Elon Musk – Nutzerdaten an die Behörden ihres Landes weitergegeben haben. Einer von ihnen wurde bereits in den USA zu einer Haftstrafe verurteilt, der andere hatte sich rechtzeitig nach Saudi-Arabien abgesetzt. Bei dem Vorgang könnten womöglich finanzielle Interessen eine Rolle spielen: “Saudi-Arabien ist bis heute über die Kingdom Holding Company (KHC) und das Büro von Prinz Alwaleed bin Talal einer der wichtigsten Geldgeber von Twitter.”