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1. “Wie Pro Sieben sein Publikum betrügt” (faz-community.faz.net/blogs/fernsehblog, Peer Schader)
Das Publikum reagiert mit Buh-Rufen, als im Halbfinale der Castingshow “Popstars” mitgeteilt wird, dass die angesetzte Entscheidung um zwei Tage vertagt wird. “Mit Fairness hatte das, was am Dienstagabend im Halbfinale der diesjährigen ‘Popstars’-Staffel passiert ist, nun wirklich nichts zu tun. Es war stattdessen ein Moment, in dem ein Sender endgültig offenbarte, wie egal ihm seine Zuschauer sind, die er nur braucht, um auf ihrer Telefonrechnung aufzutauchen.”
2. “DPA fällt auf falsche Pressemeldung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung herein” (netzpolitik.org, simoncolumbus)
Das “Zentrum für politische Schönheit” sendet eine Pressemitteilung (PDF), die von der dpa aufgenommen (und bald darauf korrigiert) wird. “Dabei hätte man, wenn schon nicht über die Idee, über die angebliche Aussage des Bundespräsidenten stolpern können. Dass dieser eine Bundesstiftung als ‘Schaustück der Ignoranz’ bezeichnet, wäre schließlich eine nie dagewesene Deutlichkeit für Horst Köhler.”
3. “Interview mit dem falschen Sprecher der Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung” (metronaut.de, John F. Nebel)
“Dr. Robert Eckhäuser” sagt, wer “die Geschichte noch fast geglaubt” hätte: “Wir wissen von der FAZ, T-Online und Financial Times. Und Kulturzeit von 3sat wollte unseren Stiftungsdirektor selbst dann noch zum Interview bitten, als die dpa längst widerrufen hatte.”
4. “Falsche Pressemitteilung sorgt für Verwirrung” (handelsblatt.com)
“Dass es sich bei der Mitteilung und der dazugehörigen Internetseite um eine Fälschung handelte, war laut dpa zunächst nicht erkennbar. Auch eine telefonische Rückfrage bei dem angegebenen Kontakt ergab zunächst keine Zweifel an der Authentizität.”
5. “Der geschmeidige Außenminister” (meedia.de, Stefan Winterbauer)
Ein Porträt von Christoph Keese, der als “Springer-Cheflobbyist” / “Strategie-Sprachrohr” / “His Döpfners Voice in Reinkultur” aufblüht: “Gelernt hatte er das spiegelglatte Formulieren ohne auszurutschen auf der Henri-Nannen-Schule, als dort noch Sprach-Zuchtmeister Wolf Schneider persönlich das Regiment führte.”
6. “Die bedrohte Elite” (spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo antwortet dem Kopf von Frank Schirrmacher, der nicht mehr mitkommt: “Gehen wir also in einem digitalen Marsch durch die Institutionen dorthin, wo die Überforderung jeden Tag stattfindet. (…) Erklären wir ihnen, dass der Unterschied zwischen der Veröffentlichung der eigenen Daten und der staatlichen Überwachung der gleiche ist wie der Unterschied zwischen ‘sich im Klo einschließen’ und ‘im Klo eingeschlossen werden’.”
Seit der britische Sänger und Gitarrist Peter Doherty mit Modell Kate Moss liiert war, ist er für die Boulevardpresse faktisch Freiwild. Wo immer der durchaus von Drogen- und Alkoholsucht geplagte Sänger der Babyshambles auftritt (oder eben nicht auftritt), reibt sich eine Boulevardjournalistin die Hände — denn so einfach kommt man selten an eine Geschichte, in deren Überschrift man ungestraft und ungeprüft von einem “Skandalrocker” wechselweise auch “Rüpelrocker” schwadronieren darf. Und wenn auf diesen ohnehin schon absurden Nährboden der Erregung noch ein wenig Nazismus fällt, dann macht die deutschsprachige Boulevardpresse offenbar gleich den Schampus auf und die Lexika zu. Anders lässt sich kaum erklären, welch einem skandalgetünchten Taumel der hiesige Gossenjournalismus in den letzten Tagen versank.
Noch mal grölt [Peter Doherty] “Deutschland, Deutschland über alles”. Diese erste Strophe des Deutschlandliedes war unter Hitler zur Nationalhymne gemacht worden. Diese Nazi-Hymne erklingt im Bayerischen Rundfunk!
Der schweizerische “Blick” will gar eine “Hymne an Hitler” vernommen haben.
Überall sonst tut man sich Doherty und Nationalsozialismusverdacht zum Trotz deutlich schwerer, das Wesen dieses Skandals zu erläutern: Die “Bild”-Zeitung konnte gerade noch einen “Eklat” ausmachen, ohne allerdings erklären zu können, worin dieser denn nun bestanden haben soll. Die Nachrichtenagentur dpa konnte sich gerade noch zur wenig skandalträchtig klingenden Schlagzeile “Doherty singt live im Radio Deutschlandlied” durchringen. Ähnlich vage vermeldete die Nachrichtenagentur AFP am Montag “Rocker Doherty stimmt bei Konzert erste Deutschlandlied-Strophe an”, liefert aber freundlicherweise in der Dachzeile einen Baukasten mit den Stichworten “D/Musik/Leute/Nationalsozialismus” — auf dass ich jede Redaktion ihren Skandal selber bastle.
Noch ahnungsloser als die deutschen Boulevardmedien erwiesen sich nur die Schreiber des britischen Popmagazins “NME”, die fantasierten:
Doherty’s performance at they [sic!] city’s On3 Festival was reportedly cut short when he began singing a right-wing version of the German national anthem “Das Deutschlandlied” that has been prohibited since the end of the Second World War.
(Dohertys Auftritt beim Münchner On3-Festival wurde laut Berichten verkürzt, als er anfing, eine rechte Version der deutschen Nationalhymne ‘Das Deutschlandlied’ zu singen, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verboten ist.)
Was war passiert? Peter Doherty, der derzeit als Solokünstler durch Deutschland tourt, war als Überraschungsgast beim Münchener “On3”-Festival des gleichnamigen Jugendsenders des Bayerischen Rundfunks eingeladen worden. Wie nüchtern Doherty zu diesem Zeitpunkt gewesen sein mag, darüber kann nur spekuliert werden. Allerdings war er offenbar klar genug, um zu verstehen, dass ein Teil des Publikums — vor allem wohl die Fans der Deutschrockband Kettcar — seinen Auftritt nicht sonderlich goutierte, worauf sich eine Art Dialog entwickelte zwischen dem zeitweilig in Krefeld aufgewachsenen und also des Deutschen mächtigen Sänger (“Ich spreche Deutsch. Ich verstehe — ich bin kein Dummkopf”) und dem desinteressierten bis krakeelenden Publikum. In diese schon recht aufgebrachte Atmosphäre hinein, schrammelte Doherty die Akkorde der österreichischen Kaiserhymne und sang “Deutschland, Deutschland über alles. Das Publikum, zurecht empört und entnervt, begann zu buhen, so dass der Bayerische Rundfunk Dohertys Auftritt bald beendete.
Soweit, so banal. Ob der Fauxpas nun dem möglichen Delirium Dohertys, fehlender Sensibilität oder mangelndem Wissen zuzuordnen ist, darüber mag ja diskutiert werden. Dass es aber recht unwahrscheinlich ist, dass jemand wie Doherty, der die britische Anti-Rassismus-Initiative “Love Music, Hate Racism” unterstützt, mit nationalsozialistischem Gedanken- oder Kulturgut sympathisiert, das hätte man recherchieren können. Wenn man gewollt hätte.
Denn der Skandal liegt im Falle der ersten Strophe des Deutschlandliedes nicht im Gegenstand, sondern weitgehend im Auge der Betrachter. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der 1841 auf der damals britischen Insel Helgoland den Text des “Liedes der Deutschen” auf die Melodie der österreichischen Kaiserhymne schrieb, zu unterstellen, sein Lied sei “eine Hymne an Hitler” oder eine “Nazi-Hymne”, das trifft den Kern nicht. Mit gleichem Recht könnte man auch die Autobahnen als “Nazi-Straßen” oder “Wege für Hitler” bezeichnen. Zudem Hoffmanns “Lied der Deutschen” nicht von Hitler, sondern vom ersten demokratisch gewählten deutschen Kanzler Reichspräsidenten — dem SPD-Politiker Friedrich Ebert — zur Hymne gemacht worden war. Hätte Pete Doherty das Horst-Wessel-Lied angestimmt, ja, dann wären die Nazi-Hitler-Überschriften vielleicht gerechtfertigt gewesen. Hat er aber nicht.
So aber funktioniert die Dialektik der Aufregung: Weil sich das Große im Kleinen spiegelt und Mahner ein ständiges “Wehret den Anfängen” raunen, wird aus einer Mücke ein Tyrannosaurus Rex gemacht. Unter dem Banner von Wehrhaftigkeit und Aufklärung geistert dann der so schön gruselige Geist des Dritten Reiches durch die billigen Gazetten, selbst wenn er da so gar nichts zu suchen hat. Und ganz im Sinne der Aufmerksamkeit darf sich die Boulevardjournalistin zweimal freuen — einmal, wenn sie sich den Skandal herbeischwadroniert. Und einmal, wenn sich der Protagonist dann für den vermeintlichen Skandal entschuldigt. Und so geschah es, und sueddeutsche.de, “Focus Online”, “RP Online”, die “Welt”, die “tz” und all die anderen, sie hatten wieder eine Seite mit irgendeinem Unsinn gefüllt und zugleich das gute, aber unberechtigte Gefühl, etwas im Kampf gegen den Faschismus getan zu haben.
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2. “Merkwürdige Verzweiflungsfotos” (internetausdrucker.wordpress.com)
Der Internetausdrucker denkt nach über die “Verzweiflungsfotos”, die derzeit neben Minister Franz Josef Jung abgebildet werden: “Sie sind Momentaufnahmen aus anderen Situationen, sie können Wochen und Monate alt sein.”
3. “Der Newsroom als Alarmzentrale einer panischen Gesellschaft” (woz.ch, Kaspar Surber)
Über 10 Milllionen Franken (ca. 7 Millionen Euro) kostet der neue Newsroom der “Blick”-Gruppe. “Im oberen Stock wird in der Mitte ein ‘Decision Place’ zu liegen kommen. Hier werden die Chefredaktoren arbeiten. Gleich anschliessend sitzen auf der einen Seite die RessortleiterInnen, dann folgt ein ‘Content Place’ mit den JournalistInnen.'” Projektkoordinator Edi Estermann: “Je weiter weg einer vom Zentrum sitzt, desto eher ist er ein Praktikant.”
4. Interview mit Peter Kruse (sueddeutsche.de, Johannes Kuhn)
Psychologe Peter Kruse zum neuen Buch von FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher über die von ihm erlebte Überforderung mit der Informationsflut im Internet: “Mit seinem Buch outet sich Herr Schirrmacher als fremdelnder Netzwerk-Besucher, als Zaungast, der einer wilden Party gleichermaßen neugierig wie irritiert aus der Ferne zuschaut.”
5. “Das Geheimnis F. J. W.” (kaidiekmann.de, Video, 7:51 Minuten)
“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann besucht den “Bild”-Kolumnisten Franz Josef Wagner, der es bedauert, ungekämmt zu sein und seine Zeilen zwar noch schreibt, aber nicht mehr in der Zeitung liest. Verfasst wird die tägliche Kolumne auf einem “Laptop” (so nennt Diekmann Wagners Computer) – und von dort abgelesen wird sie wohl, wie 2006 und 2009 berichtet, der Redaktion telefonisch durchgegeben.
6. “(NZZ-)Online-User bringen nur Peanuts ein” (medienspiegel.ch, Martin Hitz)
Albert P. Stäheli, CEO der NZZ, sagt, wie tief der Graben der Einnahmen zwischen Online- und Printwerbung ist: “Jährl. Werbeumsatz pro Print-Leser: Fr. 175.-. Jährl. Werbeumsatz pro Online-User: Fr. 6.50”.
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1. “Auch kleine Wachhunde können beissen” (nzz.ch, ras.)
Für die NZZ führen die Medienblogger die klassische Medienkritik weiter, “während sich die gedruckten Titel zusehends auf News, Skandale, Klatsch und Häme spezialisiert haben”. “Jene, die den Niedergang der Medienkritik beklagen oder die geringe Wirkung ihrer kritischen Tätigkeit beklagen, könnten von den Internet-Aktivisten einiges lernen. Sie sollten ebenfalls die grossen Potenziale des Internets nutzen. Wenig ergiebig wäre es, weitere medienkritische Symposien durchzuführen.”
2. “Steinbrück über Medien” (evangelisch.de)
Ex-Finanzminister Peer Steinbrück beobachtet Politiker, die “mediale Zwänge bis in die Privatsphäre hinein” befolgen. Die Medien hingegen würden die Stimmung nicht nur beschrieben, sondern sie erzeugen und damit selbst “zunehmend zu politisch Handelnden” werden. Steinbrück: “Es geht vor allem darum, Einfluss zu nehmen auf die Bundesliga der politischen Köpfe. Wer gewinnt, wer verliert?”
3. Im Test: niiu (streim.de, Andreas Streim)
Andreas Streim hat sich die individuelle Tageszeitung niiu mal angesehen: “Auf mich wirkt ‘niiu’ nicht wie eine neue Zeitung, sondern eher wie ein Pressespiegel für alle. Ob sich das bei Normalzeitungslesern durchsetzen wird, wage ich zu bezweifeln, vor allem wegen der ersten Schwachstelle, der Artikel, die nirgendwo fortgesetzt werden.”
4. “Bürgerschreck mit Kaufmannslehre” (faz.net, Sven Astheimer) Martin Sonneborn war auch mal sowas wie ein Praktikant: “1989 wandte sich Sonneborn an ‘Eulenspiegel’, das einzige zu DDR-Zeiten geduldete Satire-Magazin, welches nun sein gesamtdeutsches Publikum suchte. Ihm imponierte, dass der Verlag vom Osten in den Westen ging und den Preis verdoppelte, deshalb fragte er um ein Praktikum nach. ‘Die wussten nicht, was das ist, und ich eigentlich auch nicht.’ Man fand trotzdem zusammen.”
5. “Futur 3.0” (epd.de, Sylvia Meise)
“Das Ellbogengedrängel am Medienkalender hat die Zeitpunkte unscharf werden lassen. Jubiläen wurden erst ein, dann zwei Monate, jetzt schon mal ein Jahr und mehr vorgefeiert: Erster! Manchen Verlag grämt’s. Darwins Geburtstag im Februar war schon im Dezember des Vorjahres verwurstet. Wer wollte dann noch Bücher dazu haben?”
6. “Was ist ein Bratwurstjournalist?” (blog.nz-online.de/vipraum)
Hardy Prothmann gibt jenen, deren “muntere Zeilen” die Umblätterer in lobenswerter Form sammeln, einen Namen. Bratwurstjournalist. “Der typische Bratwurstjournalist schreibt immer dieselben blöden, langweiligen, ausgelutschten Formulierungen, wie man sie täglich in fast jeder Lokalzeitung lesen kann.”
“Papier ist geduldig und Zahlen können sich nicht wehren”, hat mein Mathelehrer immer gesagt. “q.e.d.” könnte man hinzufügen. Heute auf Seite 1 der “Bild”-Zeitung:
“Bild”-Wirtschaftschef Oliver Santen beruft sich in der Meldung auf das statistische Bundesamt, das gestern in einer Pressemitteilung bekannt gegeben hatte, dass Ende September 2009 in den Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes rund 233.000 Personen weniger als im September 2008 beschäftigt waren — und folgert (“siehe Tabelle”):
Seit Januar sind demnach 861.000 Jobs in der Industrie gestrichen worden.
Um auf diese imposante Zahl zu kommen, hat Santen einfach für die Monate Februar bis September 2009 die jeweilige Veränderung gegenüber dem Vorjahresmonat (also Februar bis September 2008) addiert.
Noch bevor die Zeitung heute am Kiosk lag, hatte es die Sensationsmeldung in die Newsticker der Presseagenturen geschafft. dpa etwa schrieb:
Die Wirtschaftskrise hat seit Jahresbeginn allein in der deutschen Industrie rund 1,2 Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Das berichtet die “Bild”-Zeitung unter Berufung auf Zahlen des Statististischen Bundesamtes und der Bundesagentur für Arbeit.
Vor allem der zweite Satz ist bemerkenswert, denn natürlich hätte sich dpa selbst um 01.41 Uhr nachts nicht auf “Bild” verlassen müssen, sondern die richtigen Zahlen direkt und kostenlos beim Statistischen Bundesamt nachlesen können.
Aber auch AFP berief sich (um 03.06 Uhr) auf die erfahrungsgemäß maximal mittelseriöse Quelle “Bild”:
Durch die Wirtschaftskrise sind seit Jahresbeginn in der deutschen Industrie offenbar rund 1,2 Millionen Arbeitsplätze vernichtet worden. Wie die “Bild”-Zeitung unter Berufung auf Zahlen des Statististischen Bundesamtes und der Bundesagentur für Arbeit berichtet, sank die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe zwischen Februar und September um insgesamt 861.000.
Doch dann, um 09.18 Uhr, vermeldete AFP plötzlich:
ANNULLIERT: “Bild”: 1,2 Millionen Jobs durch Krise vernichtet
+++ Die “Bild”-Zeitung hat ihre Berechnung zurückgezogen +++
BERLIN, 17. November (AFP) – Bitte verwenden Sie die Meldung “‘Bild’: 1,2 Millionen Jobs durch Krise vernichtet” von 03.06 Uhr nicht. Die darin genannten Zahlen zu Arbeitsplatzverlusten sind nach Angaben der Zeitung nicht korrekt. “Bild” hat die Meldung deshalb zurückgezogen.
Da aber hatten schon dutzende Seiten Artikel zum Thema veröffentlicht (die inzwischen teilweise verschwunden, teilweise korrigiert sind).
Um 11.10 Uhr schließlich veröffentlichte das Statistische Bundesamt eine eigene Pressemitteilung, deren Überschrift einigermaßen eindeutig war:
Falsche Zahlen in der “Bild” zum Beschäftigungsabbau in der Industrie
[…]
In der “Bild” vom 17.11.2009 wurde auf Seite 1 – Bezug nehmend auf [unsere] Pressemitteilung – dargestellt, dass in der Industrie seit Jahresbeginn 861.000 Jobs weggefallen wären […]. Diese Zahlen sind falsch. Die “Bild”–Zeitung hat fälschlicherweise die absoluten Vorjahresveränderungen der Beschäftigtenzahl aller Monate von Januar bis September aufaddiert.
Richtig ist Folgendes: Im Januar 2009 waren in den Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes mit 50 und mehr Beschäftigten rund 5.167.000 Personen tätig, im September 5.039.000. Daraus ergibt sich per Saldo von Januar bis September ein Beschäftigtenabbau von 128.000 Personen.
Die “Bild”-Redaktion wurde auf den Fehler hingewiesen. In der Online-Ausgabe von “Bild” wurde der falsche Artikel inzwischen gelöscht.
(Letzteres stimmt übrigens nicht: Der Artikel steht immer noch online.)
Dpa brauchte trotzdem noch bis 13.20 Uhr, um (“Eil! Achtung!”) folgende Korrektur zu veröffentlichen:
Bitte verwenden Sie die dpa 0034 (“Bild”: 1,2 Millionen Jobs in Industrie weg – Berlin/0141) nicht. Die Zahlen basieren auf einem Rechenfehler. Die “Bild”-Zeitung hat sich korrigiert. Die Meldung entfällt ersatzlos.
Vielleicht ist die lange Leitung von dpa ja demnächst kürzer — zumindest zu “Bild”.
Mit Dank an Daniel B.!
Nachtrag, 18. November: Bild.de hat den Artikel jetzt tatsächlich offline genommen und ihn durch diesen Hinweis ersetzt:
Bei der gestrigen Meldung “1,2 Mio. Jobs in der Industrie weg” ist uns ein Rechenfehler unterlaufen. Die monatlichen Veränderungen von Januar bis September der Industrie-Beschäftigungszahlen des Statistischen Bundesamts wurden versehentlich addiert. Korrekt ist, dass die Beschäftigtenzahl im September im Vergleich zum Vorjahresmonat um 233 000 sank. Seit Jahresanfang ging die Zahl der Industrie-Beschäftigten aber nur um 128 000 zurück.
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1. “Warum sind Leser von Zeitungen 6 Mal so wertvoll wie Leser im Netz?” (carta.info, Wolfgang Michal)
Wolfgang Michal glaubt, dass Werbeagenturen nur “nur ungern an die große Glocke hängen”, “wie günstig und zielgenau” Unternehmen “ihre Kunden im Netz erreichen können”: “Denn in lauter kleine Netz-Häppchen zerlegte Werbebudgets würden nicht den Gewinn, sondern nur die Arbeit vermehren – und die eleganten Mad Men in ständig klamme, hemdsärmelige TKP-Online-Vermarkter verwandeln.”
2. “Maßlose TV-Trauer” (tagesspiegel.de, Matthias Kalle)
Wie das Fernsehen auf den Tod von Robert Enke reagiert: “Ein Mensch ist tot, und weil wir ihn aus dem Fernsehen kannten, übernimmt das Fernsehen die Trauerarbeit, als sei das der Auftrag des Fernsehens. Das ist er nicht, und es wird auch nicht dadurch besser, dass die Tränen echt sind und die Anteilnahme auch – und der Erkenntnisgewinn wächst auch nicht durch die Wiederholung der immer gleichen Worte, der immer gleichen Fragen, der immer gleichen Bilder.”
3. “140 Zeichen Sprachlosigkeit” (blog.onetoone.de, Christoph Salzig)
Christoph Salzig hat am Dienstagabend die Reaktion einiger Twitterer auf die Meldung von Enkes Tod beobachtet.
4. “Lieber Tom Schimmeck” (visdp.de)
Die Rede von Tom Schimmeck am Mainzer Mediendisput sei eine “Jammerrede”, die “von einem vormodernen Weltbild” ausgehe und eine “70er-Jahre-Haltung” verkörpere: “Kein Gesetz in diesem Land verbietet es, selbst Verleger, Sender, Kollektiv oder schlauer Blogger zu werden. Eine Internet-Präsenz als Experte, egal für was, bietet Journalisten heute neue Chancen auf ein seriöses Erlösmodell.”
5. “Sean Hannity Uses Glenn Beck’s Protest Footage” (thedailyshow.com, Video, 2:43 Minuten, englisch)
Der US-TV-Sender “Fox News” ergänzt Bilder einer kleineren Demonstration gegen die Gesundheitsreform mit Bildern einer grösseren Demonstration von vor zwei Monaten.
6. “Die Macht der Minderheit” (freitag.de, Nikolas Westerhoff)
“Abweichler und Querdenker müssen ihre Positionen oft wiederholen und beharrlich daran festhalten. Nur so können sie etwas bewirken.”
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1. “Angriff der Online-Paparazzi” (faz.net, Katja Gelinsky)
Ein Hintergrundbericht über die Vorgehensweise der zum Time-Warner-Konzern gehörenden Boulevard-Website TMZ.com und ihren Chef Harvey Levin: “Rivalen behaupten, erst der Scheckbuchjournalismus, den Levin mit dem finanzkräftigen Medienriesen im Rücken betreibe, habe dem TMZ-Boss seine zahlreichen Exklusivmeldungen beschert.”
2. “interview mit einem ‘digital native’ (mit mir)” (wirres.net)
Es gibt nicht nur 14-jährige “digital natives”, sondern auch 40-jährige. Felix Schwenzel, der, seit er 13 ist, einen eigenen Computer besitzt, klärt ausführlich auf über seine Mediengewohnheiten: “seit april 2002 nutze ich wirres.net regelmässig um erlebnisse, witze, bilder, was mir so über den weg lief, mich freute oder ärgerte zu veröffentlichen. irgendwann fand ich heraus, dass man das ‘bloggen’ nennt, was mich aber bis heute nicht sonderlich beeindruckt.”
3. “Pressestelle der Uni narrt das ZDF” (blog.17vier.de)
Die ZDF-Sendung “WISO” befragt in einem Kurzbeitrag über die Uni Greifswald eine Studentin, die als Hilfskraft bei der Presse- und Informationsstelle arbeitet. Das Fleischervorstadt-Blog stört sich daran: “Da ist es tatsächlich gelungen, dem ZDF eine Angestellte als Beispielstudentin zu verkaufen. Ein kritisches Wort über die Situation ist dann natürlich nicht zu erwarten.”
4. “Auch in Koblenz fiel die Mauer” (blog.rhein-zeitung.de, Christian Lindner)
Christian Lindner von der “Rhein-Zeitung” erinnert sich in einem lesenswerten Text an den Abend des Mauerfalls, als er alleine in der Redaktion war und eine Entscheidung über die Gestaltung der Titelseite treffen musste: “Ich ziehe den Fall der Mauer nun über die ganze Breite unserer Titelseite, und formuliere nicht eben die gelungenste, aber die fetteste Überschrift meiner gesamten Laufbahn: ‘Die deutsch-deutsche Grenze ist offen’. Fünfspaltig. So breit und so klotzig wie möglich.”
6. “Ran an die Vulva!” (blog.zeit.de/sex, Sigrid Neudecker)
Sigrid Neudecker wundert sich über einen “Spiegel-TV”-Beitrag zu einer “Schamlippenkorrektur-OP”: “Als Experten werden im Beitrag genannt: der operierende OP-Propagandist. Punkt. Sonst niemand. Keine kritische Stimme, die auf die Risiken einer solchen OP hinweist, und auch der Kommentar erwähnt das maximal so flüchtig, dass ich schon gar nicht mehr sicher bin, ob er’s überhaupt tut.”
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1. “Schlichter Diebstahl” (kress.de, Christian Meier)
Die Zeitschrift “Lettre International” meldet aufgrund eines ungefragt verwendeten Interviews mit Thilo Sarrazin Schadenersatzansprüche gegenüber “Bild” und Bild.de an. “‘Bild.de’ hat gegen unser explizites Verbot das gesamte Interview eingescannt und auf seine Website gestellt.”
2. “Abwärtstrend – nach Print nun auch Online?” (medienspiegel.ch, Martin Hitz)
Martin Hitz vergleicht mit Hilfe von Google Trends die täglichen Besucher einiger Nachrichtenportale. Und bemerkt in den letzten beiden Jahren einen klaren Abwärtstrend.
3. “Die Medienkrise ist auch eine Krise der kommerziellen Blogs” (carta.info, Matthias Schwenk)
Matthias Schwenk hat für kommerzielle Blogs drei Tipps bereit: 1. Themengebiete umfassend abdecken, 2. Meinungs-Bloggen reicht nicht, 3. Präsenz zeigen und vor Ort recherchieren.
4. Rede von Werner D’Inka (rhein-zeitung.de)
FAZ-Herausgeber Werner D’Inka spricht anlässlich der Verleihung des von 5000 Euro und einer aussergewöhnlichen Trophäe begleiteten Journalistenpreises “Sophie von La Roche”. D’Inka über Blogger: “Die besten und geistreichsten Blogger sind so etwas wie Kolumnisten, die oft originelle Sichtweisen vertreten, die sich aber nicht mit der Mühe ernsthafter Nachrichtenarbeit plagen und stattdessen das abschöpfen, was Zeitungsredaktionen kostenlos ins Netz stellen.”
5. Interview mit Udo Reiter (dwdl.de, Jochen Voß)
MDR-Intendant Udo Reiter entdeckt Twitter für sich: “Man muss sich darauf einlassen, um eine Idee davon zu bekommen, was da passiert. Vorher hatte ich den gängigen Eindruck, diese ganze Twitterei sei ein einziges Lockendrehen auf der Glatze.”
6. “Print and the revolution” (monocle.com, Tyler Brûlé, englisch)
“Monocle”-Herausgeber Tyler Brûlé über die deutschen Zeitschriftenverlage: “While the German ad market has been every bit as ugly as the UK’s or US’s, the lack of pages hasn’t had the same effect on media houses in Berlin, Hamburg and Munich.”
Das ist gelegentlich unterhaltsam, aber natürlich: Quark.
Da ist zum Beispiel die berühmte Bolzenschneider-Geschichte aus dem Januar 2001. Kai Diekmann war erst vier Wochen zuvor Chefredakteur geworden, als “Bild” ein Foto des Grünen-Politikers Jürgen Trittin veröffentlichte, das auf einer Demonstration in Göttingen 1994 entstanden war und ihn laut “Bild”-Beschriftung inmitten von Bolzenschneider und Schlagstock zeigte.
In Wahrheit handelte es sich, wie die Zeitung zwei Tage später einräumen musste, bei den vermeintlichen Waffen bloß um ein Seil und einen Handschuh, Diekmann musste sich entschuldigen, und “Bild” wurde vom Presserat gerügt.
Obwohl die Geschichte so peinlich ist, erzählt Diekmann sie immer wieder gern, und zwar ungefähr so, wie auch jetzt in seinem ersten Blogeintrag:
An einem Sonntag Ende Januar 2001 waren wir im Vorabexemplar des “Focus” auf ein altes Foto von Jürgen Trittin gestoßen. (…) Die Originalbilder [von der Demonstration] stammten aus dem Fernsehen. Wir konnten sie nicht besorgen, deshalb scannten wir das Foto aus der Zeitschrift ab und druckten es aus. Die Redaktion arbeitete also mit Kopien von Kopien — in entsprechender Qualität. (…)
Jemand hatte die Gegenstände auf den schlechten Fotos als Schlagstock und Bolzenschneider “erkannt” und das mit Fragezeichen auf einem Ausdruck vermerkt. Auf dem Weg durch die Redaktionsinstanzen ging das Fragezeichen irgendwo verschütt — und plötzlich stand die Vermutung als angebliche Tatsache im Blatt. (…)
Mir blieb nur, mich sofort bei [Trittin] zu entschuldigen — was er mir allerdings nicht sehr leicht machte. Er ließ mich drei Tage warten, bevor er meinen Anruf entgegennahm…
PS: Enttäuscht hat mich bei dieser Geschichte vor allem eines: Dass einige Kollegen mir tatsächlich eine Kampagne unterstellten. Liebe Leute — glaubt ihr ernsthaft, ich würde solche Anfängerfehler machen?!
Da möchte man Diekmann natürlich sofort gratulieren, dass er so offen mit seinen Fehlern (oder jedenfalls einem davon) umgeht und die unangenehme Wahrheit scheinbar nicht verschweigt. Doch was Diekmann erzählt, ist höchstens die Hälfte der Geschichte.
Hinzuzufügen wäre zum Beispiel noch, wie die Menschen damals auf den für Diekman so “enttäuschenden” Gedanken gekommen waren, er führe eine Kampagne gegen die rot-grüne Regierung im Allgemeinen und den Umweltminister im Besonderen. Am 23. Januar 2001, nur sechs Tage vor der “Bolzenschneider”-Sache, hatte “Bild” Trittin zum Beispiel mit dem 1977 veröffentlichten “Mescalero-Nachruf” in Verbindung gebracht, in dem “klammheimliche Freude” über die Ermordung von Siegfried Buback geäußert wurde, und geschrieben:
“Trittin gehörte damals zur linken Szene der Universitätsstadt, saß in der Studentenvertretung AStA, deren Zeitschrift den ‘Nachruf’ veröffentlichte.”
Trittin aber war damals nicht Mitglied des Göttinger AStA und hatte mit der Publikation und dem Brief nichts zu tun. Auch für diese falsche Behauptung wurde “Bild” später vom Presserat gerügt.
Auch die bewegende Schilderung, wie der entschuldigungswillige “Bild”-Chef tagelang von Trittin hingehalten wurde, erscheint in einem anderen Licht, wenn man eine andere Version der Abläufe kennt, wie sie die “Berliner Zeitung” damals veröffentlichte:
Am Dienstagmorgen [dem Tag nach der “Bolzenschneider”-Veröffentlichung] rief Jürgen Trittin den “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann persönlich an. Um sich zu beschweren. Diekmann, so stellt es Trittins Sprecher dar, habe zunächst mit Gegenfragen geantwortet. “Warum waren Sie denn überhaupt auf der Demonstration?” Trittin sagte, das beantworte er gerne, aber zunächst wolle er über das Bild reden. Das Gespräch sei von Diekmann mit der Bemerkung beendet worden: “Wenn da etwas falsch ist, werden wir es richtig stellen.” Trittin habe gesagt, dass er darum dann auch sehr bitte.
Und es gibt noch ein Detail, das in Diekmanns Schilderung des damaligen “handwerklichen Fehlers” regelmäßig fehlt: Das Foto in “Bild” unterschied sich nicht nur durch die schlechtere Qualität von dem Foto im “Focus”. Dass das Seil wie ein Schlagstock wirken konnte, lag auch daran, dass das Foto an den Rändern beschnitten wurde. Das “Bild”-Foto war nicht nur eine schlechte Kopie, sondern auch ein kleinerer Ausschnitt aus dem “Focus”-Abdruck des Sat.1-Originals.
Und jetzt kommt das Erstaunliche: Kai Diekmann hat das geleugnet. Im Jahr 2005 forderte er von der “Zeit” eine Gegendarstellung, in der es heißen sollte, “Bild” habe “niemals ein Foto so beschnitten”, dass ein Seil als Schlagstock angesehen werden konnte: Der Fehler von “Bild” habe darauf beruht, “dass allein aufgrund der schlechten Bildqualität eine verfälschende Bildunterschrift zugeordnet wurde”.
Diekmann ging vorübergehend sogar so weit, gegenüber der Pressekammer des Landgerichts Hamburg im August 2005 in einer eidesstattlichen Versicherung über das beschnittene Foto zu behaupten:
“Das Foto (…) ist in keiner Weise ‘beschnitten’ worden.”
Komisch. Die wirklich lustigen Sachen stehen gar nicht in Diekmanns neuem Spaßblog.
PS: Anders als “Kai Diekmann” behauptet (und “Welt Online” unbesehen glaubt, siehe links) ist das hier gezeigte Motiv nicht auf BILDblog zu finden. Diese “Schmähung” stammt nicht von uns, sondern vom Pantoffelpunk.
Die deutsche Ausgabe der Kulturzeitschrift “Lettre International” hatte in den vergangenen Wochen soviel Aufmerksamkeit wie selten — dank eines Interviews mit Thilo Sarrazin, das zum Skandal wurde. Viele Reaktionen der Medien auf die Veröffentlichung legen für Chefredakteur Frank Berberich den Schluss nahe: “Die Alphabetisierung von Journalisten nimmt rapide ab”.
Die Sensationalisierung und Skandalisierung wurde vor allem von Medien inszeniert, die damit Geld verdienen wollten. (…) BILD hat die Stadt tagelang mit Sarrazin-Titeln zugepflastert und das Thema dramatisiert und hochgeputscht. An einem Tag behauptete die Schlagzeile “Sarrazin beleidigt die Berliner” am anderen “die Türken”, und am dritten wurde gefragt: “Hat Sarrazin doch Recht?” (…)
BILD ONLINE hat das Interview eingescannt und ohne unsere Einwilligung komplett veröffentlicht und erst nach einer einstweiligen Verfügung wieder aus dem Netz genommen. (…)
Wenn BILD ein so großes Interesse am Thema hatte – warum war man nicht originell genug und hat es selbst bearbeitet? Die Möglichkeiten dazu hätte sie doch. Man muss Leuten wie Diekmann auch mal unter die Nase halten: Sie geben sich als Anstandsdamen, wenn es passt, und wenn nicht, gehen sie auf Beutezug in fremden Revieren. Abgesehen davon ist es eine groteske Heuchelei, Sarrazin Rassismus vorzuwerfen und diese üblen “Beleidigungen” gleichzeitig soweit wie möglich zu verbreiten, indem man sie unter Verletzung des Urheberrechts auf die eigene Homepage stellt, um deren “traffic” zu erhöhen.