Suchergebnisse für ‘spiegel online’

Rechte Hetze beim Kirchenschloss, Balders Abschied, Erzwingungshaft

1. Duldet das Bistum Augsburg völkisches Denken?
(br.de, Johannes Reichart)
BR-Reporter Johannes Reichart ist einem äußerst verstörenden Fall nachgegangen: Ein im Besitz der katholischen Kirche befindliches Schloss werde zur Verbreitung von rechter Hetze und völkischem Denken genutzt. Unter anderem werde dort das sogenannte “Schloss-Kultur-Magazin” publiziert. Darin mische sich unter allerlei Artikel über Gartenarbeit und Strickkleidung auch abstruses Gedankengut und Esoterik, das Magazin verbreite Weltverschwörungserzählungen und traditionalistisch-religiöse Extrempositionen: Ein Erzbischof warnt vor dem “Great Reset”, der von den “Dienern Satans” betrieben werde, Priester der erzkonservativen Piusbruderschaft hetzen gegen Abtreibung, Homosexualität und Klimaschutz. Das Bistum bemühe sich als Vermieterin der Immobilie seit Längerem “um Klärung”.

2. “Viel konsequenter digital ausrichten”
(journalist.de, Anna Paarmann)
Anna Paarmann ist Online-Chefin bei der “Landeszeitung” für die Lüneburger Heide und dort für Redaktionsprojekte zuständig. In einem Gastbeitrag für den “journalist” macht sie sich Gedanken darüber, wie der Journalismus widerstandsfähiger gemacht werden kann. Wer noch nicht auf “Digital First” setze, möge dies schleunigst tun: “Es gilt, historisch gewachsene Strukturen und Denkweisen ad acta zu legen: feste Ressortgrenzen, Einzelbüros, die Skepsis gegenüber Online, autonome Themenplanung, den Anspruch, dass ein guter Redakteur von 10 bis 19 Uhr ‘den Laden hüten muss’.”

3. Neues aus der Anstalt
(taz.de, Steffen Grimberg)
Bei den Gegnern des Rundfunkbeitrags wird derzeit ein Mann gefeiert, der seit drei Monaten in Erzwingungshaft sitzt. Dort befinde er sich jedoch nicht wegen ausstehender Gebühren, sondern wegen einer verweigerten Vermögensauskunft, erklärt Steffen Grimberg. Derlei Details scheinen den Leuten, die immer noch auf die (längst abgeschaffte) GEZ schimpfen oder die sich, wie die AfD, mit der Forderung “ARD abschaffen” an den Fall hängen, jedoch egal zu sein. Grimberg rät: “Damit endlich Ruhe im Erzwingerclub einkehrt, müssen alle Anstalten und die Vollstreckungsbehörden zu besseren Lösungen kommen. Denn pro 100 Euro, die ARD, ZDF und Deutschlandradio geschuldet werden, entsteht ein Imageschaden von locker 100.000 Euro.”

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4. Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 198 vom 24.6.2021
(netzwerkrecherche.org, Daniel Drepper & Albrecht Ude)
Pflichtlektüre, nicht nur für Journalistinnen und Journalisten aus dem Investigativbereich: der Newsletter des “Netzwerk Recherche”. Die neueste Ausgabe liefert wie immer einen guten Überblick über aktuelle Nachrichten, Veranstaltungen Seminare, Stipendien und Preise. Im Pressespiegel gibt es zudem wertvolle Lesetipps zu ausgesuchten Themen.

5. Gute Medienpraxis für städtische Quartiere der Vielfalt
(netzwerk-medienethik.de, Jessica Heesen)
Das “Netzwerk Medienethik” weist auf einen interessanten Forschungsbericht der Initiative “Migration und Sicherheit in der Stadt” hin. In dem Papier geht es um “Aspekte einer guten Medienpraxis für städtische Quartiere der Vielfalt” (PDF). Der Forschungsbericht gebe einen Überblick “über die rechtlichen und normativen Anforderungen an den Journalismus, die mit dem öffentlichen Integrationsauftrag der Medien verbunden sind.”

6. “Sender in die Grütze gefahren”: Hugo Egon Balder nimmt Abschied von Sat.1
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
Hugo Egon Balder kann auf eine lange Zusammenarbeit mit dem TV-Sender Sat.1 zurückblicken. Anfang der 2000er-Jahre fing es für Balder dort mit “Genial daneben” an, einer Sendung, die sich erstaunlich lange hielt und nach einer Sendepause 2017 neu aufgelegt wurde. Doch nun steigt der mittlerweile 71-jährige Balder aus. Im Interview spricht er offen über seine Gründe und erzählt, welche Versäumnisse er beim Sender sieht. Außerdem kommentiert er den angestrebten Imagewandel des Sat.1-Konkurrenten RTL: “Es scheint mir so, als wollte man hier eher den Öffentlich-Rechtlichen Konkurrenz machen. Vermutlich kein ganz falscher Schritt: Zuletzt war die Devise bei den Sendern immer ‘Wir müssen verjüngen’. Das ist aus meiner Sicht aber ein Trugschluss. Von den Jungen kommt keiner mehr zurück. Wer seinen Sender verjüngt, hat irgendwann gar keine Zuschauerinnen und Zuschauer mehr.”

“Zeit” mit Zeit für Putin, Dresdner “Corona-Quark”, Klick zur Krake

1. Heuler
(sueddeutsche.de, Nils Minkmar)
Die “Zeit” hat einen Gastbeitrag des russischen Präsidenten Wladimir Putin veröffentlicht. Eine verständliche Entscheidung, findet Nils Minkmar, wenn man etwas Entscheidendes beachte: “Bei einem Text gibt es eine Sorgfaltspflicht, wie sie auch für andere Produkte gilt, und zu so einem Artikel gehört in diesem Fall der Warnhinweis, das hier lupenreine Propaganda enthalten ist.”
Weiterer Tipp: Im Deutschlandfunk bezeichnet Samira El Ouassil die Veröffentlichung des Putin-Beitrags als “verstörendes Signal” und kommt zu folgendem Vergleich: “Es ist, als schriebe der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro in der ‘Süddeutschen Zeitung’ einen Essay über die Geschichte Brasiliens oder Trump einen Artikel über Wahlurnen im ‘Spiegel’ – oder als würde Alexander Gauland in der FAZ einen Gastbeitrag über Populi… – ach, Moment, Entschuldigung, das war ja tatsächlich passiert.”

2. Bekannte Corona-Leugner von Anonymous brutal vorgeführt
(watson.ch, Oliver Wietlisbach)
Eine “schweizerisch-europäische Facebook- & YouTube-Alternative” sollte es werden, was Corona-Verschwörungserzähler und sogenannte “Querdenker” vollmundig unter dem Titel “Ignorance” angekündigt hatten. Doch es kam anders: Hacker bemächtigten sich der Website und veröffentlichten auf ihrer Enthüllungsplattform diverse Interna des mutmaßlichen Hauptdrahtziehers und Profiteurs des Projekts, darunter diverse E-Mails und Rechnungen.

3. Mit einem Klick zur Krake
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Als ein schwuler Buchhändler aus Stuttgart eine lange LGBT-Literaturliste in der Online-Ausgabe der “Stuttgarter Zeitung” entdeckt, ist die Freude zunächst groß. Doch sie währt nicht lange: Die Regionalzeitung empfiehlt nicht etwa den Erwerb der Bücher im lokalen Buchhandel, sondern hat stattdessen Empfehlungslinks zu Amazon gesetzt, schreibt Josef-Otto Freudenreich: “Und das verträgt sich seines Erachtens nicht mit der bisherigen Fürsorge des Stuttgarter Pressehauses, den lokalen Einzelhandel betreffend. In großformatigen Anzeigen werben die StZN und das Wochenblatt für den ‘Kauf vor Ort. Weil Deine Stadt alles hat’, nicht müde werden sie, darauf hinzuweisen, wie bedrohlich die Corona-Krise für die kleinen Läden ist, dass die Verödung der Innenstädte verhindert werden müsse.”

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4. Der “Corona-Quark” der Dresdner Stadtschreiberin
(mission-lifeline.de, Matthias Meisner)
Mit Kathrin Schmidt hat Dresden nicht nur eine neue Stadtschreiberin, sondern, wie sich erst jetzt herausstelle, auch eine engagierte Corona-Leugnerin und Anhängerin der “Querdenker”-nahen Partei “Die Basis”. Die Stadt Dresden wolle die Auszeichnung (ein halbes Jahr Mietfreiheit zuzüglich 1500 Euro je Monat) nicht zurücknehmen und biete an, “die unterschiedlichen Auffassungen insbesondere zur Coronapandemie in einem öffentlichen Diskurs mit anderen Autor:innen zu erörtern”. Matthias Meisner kommentiert: “So würden dann die Coronaverharmloser:innen doch noch eine weitere Bühne bekommen – quasi ergänzend zu den Protesten von Pegida und ‘Querdenken’. Typisch Dresden, möchte man sagen.”

5. Chinakritische “Apple Daily” stellt Betrieb ein
(spiegel.de)
Vergangene Woche gab es bei der wichtigsten Oppositionszeitung Hongkongs, der “Apple Daily”, eine Großrazzia: Etwa 500 Polizisten rückten an, nahmen mehrere Angestellte der Zeitung fest und beschlagnahmten Computer, Mobiltelefone sowie journalistische Aufzeichnungen. Außerdem erfolgte die Ankündigung, die Vermögenswerte des Medienunternehmens einzufrieren. Nun teilte die Muttergesellschaft mit, man werde das Blatt einstellen. Der Gründer und Besitzer von “Apple Daily”, Jimmy Lai, sitzt übrigens bereits seit Dezember 2020 im Gefängnis.
Weiterer Lesehinweis: Auf Twitter kritisiert Mario Sixtus eine Formulierung des hier verlinkten “Spiegel”-Beitrags: “Was heißt ‘knickt ein’? Was ist das für eine tendenziöse Formulierung? Jimmy Lai und andere Köpfe der Zeitung wurden unter fadenscheinigen Vorwürfen inhaftiert und die Konten eingefroren. ‘Peking zerstört größte Pro-Demokratie-Zeitung Hongkongs’ wäre passender als ‘einknicken’!”

6. Werbekennzeichnung in Online-Medien – neuer Leitfaden
(blmplus.de, Nele Heins)
Mit dem Inkrafttreten des Medienstaatsvertrags gelten auch neue Spielregeln zur Kennzeichnung von Werbung in Online-Medien. Hilfreich ist dabei der überarbeitete “Leitfaden der Medienanstalten zur Werbekennzeichnung bei Online-Medien” (PDF).

Jugendschützer vs. Pornoportal, PR vs. Journalismus, Letzte Reporter

1. In der Pandemie zahlen mehr Menschen für Inhalte im Netz
(faz.net)
Das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Yougov hat sich im Auftrag eines Zahlungsdienstleisters umgehört, wie sich die Bereitschaft der Menschen entwickelt hat, für Bezahlinhalte im Netz Geld auszugeben. Die Corona-Pandemie habe die Ausgabebereitschaft in Deutschland wachsen lassen. Im internationalen Vergleich seien die Deutschen jedoch eher zurückhaltend, was Bezahlinhalte im Internet angeht.

2. Filmtipp: “Die letzten Reporter”
(verdi.de, Thomas Klatt)
Im 95-minütigen Dokumentarfilm “Die letzten Reporter” kann man drei Zeitungsjournalistinnen und -journalisten bei ihrer Arbeit bei der “Schweriner Volkszeitung”, der “Landeszeitung” aus Lüneburg und den “Osnabrücker Nachrichten” zusehen. Thomas Klatt hat sich den Film, der morgen in ausgewählte Kinos kommt, vorab angeschaut und hat gemischte Gefühle: Der Film wolle “zwar die guten alten Zeiten des Lokaljournalismus zeigen, die schwierigen Seiten des zu nahen Miteinanders von Reporter*innen und Reportierten werden aber nicht mal angerissen.”

3. Europäische Medien und die Covid-19-Impfstoffe
(de.ejo-online.eu)
Verschiedene europäische “EJO”-Redaktionen haben untersucht, wie in den Medien unterschiedlicher Länder über die Covid-19-Impfstoffe berichtet wurde: “Mit welchen Attributen werden bestimmte Impfstoffe verknüpft und beschrieben? Lassen sich mit Blick auf die Entwicklung der Impfkampagnen bestimmte zeitliche Zusammenhänge erkennen? Und welche Themen standen im Mittelpunkt der Berichterstattung?”

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4. PR vs. Journalismus – wie viel Club-TV ist gut fürs Fernsehen?
(dwdl.de, Manuel Weis)
Der unabhängige Sportjournalismus bekommt in den vergangenen Jahren immer stärkere Konkurrenz durch Club-TV und eigene Youtube-Formate der Sportvereine. Dieses Jahr würden nahezu alle großen Vereine eigene Inhalte produzieren und vermarkten. Der Pay-TV-Sender Sky habe die unliebsame Konkurrenz früher noch stark kritisiert. Heute zeige Sky mehrere Vereinsproduktionen in seinem Programm.

5. Jugendschützer wollen xHamster sperren
(spiegel.de)
Laut der Kommission für Jugendmedienschutz wollen deutsche Behörden den Hosting-Provider einer Pornowebsite zwingen, deutsche Nutzer und Nutzerinnen künftig auszusperren. Dem vorausgegangen sei der (gescheiterte) Versuch, einige Pornoportale dazu zu bewegen, Jugendschutzmaßnahmen nach deutschen Standards zu etablieren.

6. Gericht hält YouTube nicht verantwortlich für Urheberrechtsverstöße
(zeit.de)
Laut Europäischem Gerichtshof haften Youtube und andere Internetplattformen nicht automatisch für dort illegal hochgeladene Inhalte, sie müssten jedoch fragliche Inhalte löschen, wenn sie vom Rechteinhaber auf deren Existenz hingewiesen werden. Außerdem müssten Betreiber technische Vorkehrungen treffen, wenn bekannt sei, dass auf ihrer Plattform häufig geschützte Werke verbreitet werden.

BMI vs. Linksextremismus-Definition, Islam-Umfrage, Geldregen in MV

1. Seehofers Haus diktierte Definition
(taz.de, Volkan Ağar)
In der Einleitung des Linksextremismus-Onlinedossiers der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) stand ein Satz, mit dem bestimmte konservative Kreise ihre Probleme hatten. Ein renommierter Wissenschaftler hatte wie folgt geschrieben: “Im Unterschied zum Rechtsextremismus teilen sozialistische und kommunistische Bewegungen die liberalen Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – interpretieren sie aber auf ihre Weise um.” Auf Anweisung des Bundesinnenministeriums sei dieser Satz durch eine unwissenschaftliche Linksextremismusdefinition des Verfassungsschutzes ersetzt worden, schreibt Volkan Ağar. Der “taz” liegt die Mailkorrespondenz zwischen Bundeszentrale und Bundesministerium vor: “Aus dieser Kommunikation geht einerseits hervor, welch zentrale Rolle die Bild-Zeitung und der Bundestagsabgeordnete Thorsten Frei, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Vorsitzender des bpb-Kuratoriums, beim Eingriff des BMI gespielt haben.”

2. Schlecht angelegt: Was aus zwei Millionen Euro Corona-Hilfe für die Presse wurde
(uebermedien.de, Anne Haeming)
Vergangenen August schüttete das Bildungsministerium von Mecklenburg-Vorpommern zwei Millionen Euro aus dem Corona-Schutzfonds an die “Ostsee-Zeitung”, die “Schweriner Volkszeitung” und den “Nordkurier” aus. Was ist mit dem Geld geschehen, und was hat es bewirkt? Anne Haeming hat sich bei den zuständigen Stellen auf Verlags- und Ministeriumsseite erkundigt und zieht ein ernüchterndes Fazit: “Die Geschichte von der Presseförderung in Mecklenburg-Vorpommern ist damit ein Paradebeispiel dafür, wie es eben nicht funktioniert. Die Verlage nutzen das Geld nicht nachhaltig für die eigene Zukunft.”

3. Umfrage von Islamgegnern: Wer nicht islamfeindlich ist, wird islamfeindlich gemacht
(schantall-und-scharia.de, Fabian Goldmann)
Fabian Goldmann hat sich eine neue Umfrage zum Thema Islam und Islamismus angeschaut und ist einigermaßen entsetzt. Die Erhebung zeige, wie man durch manipulative Fragen und Antwortvorgaben zum gewünschten Ergebnis kommt: “Frageformulierungen und Antwortvorgaben, die ein islamkritisches Setting erzeugen, ziehen sich durch den ganzen Fragebogen. Manche Passagen der Umfrage erinnern fast schon an Polemiken rechter Politiker als eine wissenschaftliche Untersuchung, deren Ziel es sein sollte, die Befragten möglichst unbeeinflusst zu lassen.” Leider hätten viele Medien kritiklos die aus seiner Sicht fragwürdigen Ergebnisse und Deutungen übernommen und damit den Auftraggebern der Studie geholfen, “unter dem Deckmantel (pseudo)empirischer Meinungsforschung ihre islamfeindliche Lobbyarbeit zu betreiben.”

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4. Viel Angstmache, wenig Aufklärung
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 4:40 Minuten)
Als der “Spiegel” vor 40 Jahren über Aids berichtete, sei dies in einer äußerst apokalyptischen Weise geschehen, erklärt Medienjournalist Stefan Niggemeier im Deutschlandfunk. Aids sei als eine Krankheit beschrieben worden, die mit Sicherheit zum Tod führe und gegen die nichts helfe. “Und das in Kombination mit Geschichten, auch wirklich mit einer merkwürdigen Lust erzählten Geschichten, Schauergeschichten von der Promiskuität von Schwulen, die diese Seuche verbreiten.” Laut dem aktuellen “Spiegel”-Ressortleiter, denke man darüber nach, diese Phase noch einmal aufzuarbeiten.

5. Herr Rosemann, was haben Sie vor mit Sat.1 und ProSieben?
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
ProSieben-Senderchef Daniel Rosemann hat im Mai auch die Leitung über Sat.1 übernommen. In der kurzen Zeit musste er bereits zweimal eingreifen, einmal beim neuen Trash-Format “Plötzlich arm, plötzlich reich”, einmal bei “Promis unter Palmen”. Beide Formate sind seitdem Sendergeschichte. “DWDL”-Chefredakteur Thomas Lückerath hat sich mit Rosemann über die künftige Ausrichtung der Sender unterhalten.

6. “Kleber hat was Cooles”
(spiegel.de, Alexander Kühn, Video: 4:07 Minuten)
Gestern wurde bekannt, dass Claus Kleber zum Ende des Jahres die Moderation des “heute Journals” abgibt. Für “Spiegel”-Redakteur Alexander Kühn ein willkommener Anlass, Kleber eine Video-Hommage zu widmen.

Emcke absichtlich missverstanden, Regie-Versagen, Jebsen-Podcast

1. Carolin Emcke wird gezielt verunglimpft
(sueddeutsche.de, Ronen Steinke)
Die Autorin Carolin Emcke hat auf dem Parteitag der Grünen eine kurze Gastrede gehalten, die von CDU und “Bild”-Redaktion kritisiert und skandalisiert wurde: Angeblich habe Emcke Klimaforscher mit Holocaust-Opfern verglichen. “SZ”-Redakteur Ronen Steinke widerspricht: “Nirgends in ihrer Rede hat sie vom Holocaust gesprochen. Auch nicht indirekt. Die Idee, Kritik an heutigen Virologen oder Klimaforschern ernsthaft mit dem Holocaust gleichzusetzen, ist Carolin Emcke, soweit ersichtlich, auch nicht ansatzweise in den Sinn gekommen, und auch beim Zuhören konnte man auf diese Idee nur kommen, wenn man denn wirklich, wirklich einen ‘Eklat’ konstruieren wollte. Zum Beispiel, weil Wahlkampf ist.”
Judith Liere kommt in ihrem Kommentar bei “Zeit Online” zu einer ähnlichen Feststellung: “Man muss nicht einmal laut ‘Kontext, Kontext!’ rufen, um klarzustellen, dass sie nie gemeint hat, was ihr da unterstellt wird. Sie hat es nämlich nicht nur nicht gemeint, sondern schlichtweg nicht gesagt.”
Weiterer Lesehinweis: In einem Twitter-Thread erklärt Matthias Meisner: “Was den von BILD, WELTAMSONNTAG, CDU, Generalsekretär Paul Ziemiak, Martenstein und anderen angezettelten Shitstorm gegen Carolin Emcke so bösartig und perfide macht: Die Kritiker vermischen unzulässig Vergleich und Aufzählung.”
Weiterer Hinweis: Wer die entsprechenden Passagen nachhören will: Der “Spiegel” hat ebenfalls über den Nicht-Skandal berichtet und Emckes Rede in einem eingebundenen Video dokumentiert.

2. Bange Minuten bei der EM: Das Regie-Versagen der UEFA
(dwdl.de, Alexander Krei)
Am Samstag konnten Millionen Menschen vor dem Fernseher mit anschauen, wie in der Fußball-EM-Partie zwischen Dänemark und Finnland der Däne Christian Eriksen auf dem Spielfeld reanimiert werden musste. Alexander Krei kommentiert: “Dass diese Bilder mehr als nur einmal in den weltweiten Live-Übertragungen gezeigt wurden, ist ein krasses Versagen der UEFA, deren Zentralregie in diesen bangen Minuten komplett daran scheiterte, Eriksens Privatsphäre zu schützen. Stattdessen gingen sogar noch die Bilder der weinenden Ehefrau des Fußballstars um die Welt. Die fehlende Empathie des europäischen Fußballverbands ist nichts weniger als ein handfester Skandal – erst recht, wenn man bedenkt, dass in der Vergangenheit schon harmlose Flitzer genügten, um dafür zu sorgen, dass die großen Verbände blitzschnell den Blick abseits des Spielfelds lenkten.”
(Ergänzender Hinweis auf einen Beitrag bei uns im BILDblog: Bild.de zeigt kollabierten Christian Eriksen.)
Weiterer Lesehinweis: Das übertragende ZDF weist Vorwürfe zurück: “Wir mussten auch dem Informationsbedürfnis der Zuschauer gerecht werden.”
An anderer EM-Stelle gibt es positive Nachrichten: Die russischen Behörden haben eingelenkt und den ARD-Journalisten Robert Kempe auch für St. Petersburg akkreditiert (faz.net).

3. Des Schwurblers Kern
(zeit.de, Daniel Hornuff)
Ab heute sind die ersten zwei Teile einer Podcast-Produktion über den Werdegang des Verschwörungserzählers Ken Jebsen verfügbar (zum Beispiel in der ARD-Audiothek: “Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?”). David Hornuff ist begeistert. Der Podcast sei fantastisch gemacht, erzeuge dennoch Unbehagen: “So bewundernswert sorgfältig der Podcast arrangiert und inszeniert ist: Der Fokus auf die eine ausgewählte Person erzeugt eine unfreiwillige Stilisierung, eine überhöhende Psychologisierung – was wiederum eine seltsam umschmeichelnde Aufwertung nach sich zieht, die passagenweise ins Heroisierende kippt.”
Weiterer Lesehinweis: Anonymous hackt Ken-Jebsen-Website: “Anonymous hat Ken Jebsen ins Visier genommen: Der ehemalige Journalist gilt als Schlüsselfigur der ‘Querdenker’-Szene. Jetzt wollen Hacker die Namen seiner Spender erbeutet haben.” (spiegel.de, Frank Patalong)

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4. Ist der Begriff “Doku” noch immer nicht ausgehöhlt genug?
(medienkorrespondenz.de, Christian Bartels)
Der Medienexperte Christian Bartels hat sich die ARD-Doku “Der Milliardenraub” angeschaut. Missfallen hat ihm, dass die 45-minütige “Doku” rund zur Hälfte aus nachgestellten (wenn auch gekennzeichneten) Szenen bestanden habe: “Bedenken ‘Doku’-Autoren überhaupt noch, dass nachgestellte Szenen die Glaubwürdigkeit ihrer Filme immer beeinträchtigen und zumindest alle im Publikum, die die Überzeugungen der Autoren nicht von vornherein teilen, skeptisch machen? Wenn Reenactments in einem Ausmaß eingesetzt werden, das günstigenfalls ermüdet oder gar lächerlich erscheint, müsste Mut, auch mal unbewegte Bilder zu zeigen, leichtfallen.”

5. Wieso ich nicht mehr über “Querdenken” berichten werde
(gaebler.blog, Paul Gäbler)
“Ein Jahr lang ‘Querdenken’ hieß für mich: einmal pro Woche auf eine Demo, Gespräche führen, Fotos machen – und mich beschimpfen lassen. Damit ist jetzt Schluss.” Paul Gäbler zieht ein nachdenkliches Fazit seiner journalistischen Beobachtung unzähliger “Querdenker”- und Coronaleugner-Demos, bei dem er sich auch unangenehmen Fragen stellt: “Heute, wo ‘Querdenken’ massiv an Zulauf verliert, frage ich mich: habe ich das ganze von Anfang an überschätzt? Ist ‘Querdenken’ nur ein Misthaufen in der Geschichte – und ich habe sie mit meiner Twitter-Reichweite auch noch bekannter gemacht?”

6. Georg Thiel: Der Mann, der ins Gefängnis ging, um “GEZ-Rebell” zu werden
(uebermedien.de, Susanne Lang)
Als “GEZ-Rebell” feiert die “Bild am Sonntag” den 53-Jährigen Georg Thiel, der “lieber in den Knast ging, als jeden Monat 17,50 Euro GEZ-Gebühren zu zahlen”. Eine Behauptung, die zwar nicht ganz falsch sei, bei der aber eine wichtige Information ausgeblendet werde: “Thiel hätte seine Inhaftierung selbst verhindern können. Er hätte dafür nicht einmal die Beiträge plus Bußgelder begleichen, sondern bloß seine Vermögensverhältnisse offenlegen müssen.” Susanne Lang hat den Vorgang aufgearbeitet, der von verschiedenen Seiten – vor allem von rechtsaußen – für die eigene Agenda instrumentalisiert wird.

Wahlforschungs-Debakel, Exodus bei “Tagesschau” und Co., Ärgermacher

1. Ganz weit daneben
(zeit.de, Christian Endt)
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war ein Debakel für einen Großteil der Wahlforschung: Mehrere Institute hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD vorhergesagt, am Ende lag die CDU mit mehr als 16 Prozentpunkten vorne. Um festzustellen, wie es zu dieser eklatanten Diskrepanz kam, hat sich “Zeit Online” die Zahlen der Institute etwas genauer angeschaut. Christian Endt vermutet: “Die nachlassende Verlässlichkeit von Umfragen könnte mit dem Erfolg der AfD und der zunehmenden Zersplitterung des Parteienspektrums zusammenhängen. Zugleich fällt es den Demoskopen immer schwerer, Menschen für die Teilnahme an Telefonumfragen zu gewinnen. Außerdem haben die Institute lange auf Festnetzanschlüsse gesetzt und tun sich mit der Verbreitung von Mobiltelefonen schwer”.
Weiterer Lesehinweis: Beim “Spiegel” erklärt der Wahlforscher Rüdiger Schmitt-Beck: “Ostdeutschland ist einfach ein Sonderfall” (spiegel.de, Sophie Garbe).

2. Anja Reschke: “‘Panorama’ muss auch Ärger machen”
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Die ARD-Sendung “Panorama” ist das älteste politische Magazin im deutschen Fernsehen: Sie wird dieses Jahr stolze 60 Jahre alt. Seit zwanzig Jahren wird “Panorama” von Anja Reschke moderiert. Bei “DWDL” spricht Reschke darüber, wie die Sendung auch intern hinterfragt wird, auf welche Erfahrung sie gerne verzichtet hätte und worin sich “Panorama” von anderen Polit-Magazinen unterscheidet.

3. Wenn die Polizei Berichterstattung behindert
(deutschlandfunk.de, Antje Allroggen, Audio: 5:58 Minuten)
Immer wieder werfen Redaktionen der Polizei vor, an der Berichterstattung über Umweltproteste gehindert zu werden, ob im Hambacher Forst, am Steinkohlekraftwerk Datteln oder bei den jüngsten Protesten gegen den Ausbau der Autobahn 100 in Berlin. Dort sollen rund ein Dutzend Medienschaffende eingekesselt und mit Platzverweisen sowie Anzeigen wegen Hausfriedensbruch überzogen worden sein. Wie konnte es dazu kommen? Und wie ist das Vorgehen der Polizei zu bewerten? Darüber hat sich Antje Allroggen mit ihrem Kollegen Sebastian Engelbrecht unterhalten.

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4. Der dezentrale Newsroom
(journalist.de, Kathi Preppner)
Die Corona-Pandemie hat viele Journalistinnen und Journalisten ins Home-Office gezwungen. Die Arbeit von zu Hause wird von ihnen sehr unterschiedlich empfunden: Die einen schätzen sie, den anderen fehlt der direkte Austausch mit den Kollegen und Kolleginnen. Die Medienjournalistin Kathi Preppner hat ein Stimmungsbild eingeholt und geht dabei auch auf die Frage ein, ob und wie sich die redaktionelle Arbeit verändern wird.

5. Exodus bei “Tagesschau” und “Tagesthemen”: Was zieht Linda Zervakis, Jan Hofer und Pinar Atalay zu RTL und Pro7?
(rnd.de, Imre Grimm)
Nach Linda Zervakis und Jan Hofer zieht es mit Pinar Atalay nun das dritte prominente Team-Mitglied von “Tagesschau” und “Tagesthemen” ins Privatfernsehen. Imre Grimm kommentiert: “Drei Abgänge in wenigen Monaten – es ist schon ein vergleichsweise spektakulärer Exodus, den das Team von ‘ARD Aktuell’ verkraften muss. Man darf zweifellos von schwierigen Wochen für das ARD-Nachrichtenteam in Hamburg-Lokstedt sprechen.” Bei der Motivlage der Wechselwilligen vermutet Grimm schlicht zwei Dinge: “Geld und Glamour.”

6. Hildmann-Hetze auf Apple- und Android-Geräten gesperrt
(t-online.de, Lars Wienand)
Seit Dienstag sind sowohl auf Apple- als auch auf Android-Geräten in der Telegram-App bestimmte Inhalte nicht mehr sichtbar. Von den Sperren betroffen ist auch der Kanal von Attila Hildmann (circa 100.000 Abonnenten). Dieser hatte dort über einen beunruhigend langen Zeitraum Hass und Hetze betrieben, Bilder mit Hakenkreuzen gepostet und zum Umsturz aufgerufen. Hildmann soll sich Anfang des Jahres in die Türkei abgesetzt haben.

“Vorzensur” beim “Presseclub”?, Sat.1 räumt auf, “Corona-Infobox”

1. Nichts als Schweigen? Jörg Schönenborn, die AfD und der Vorwurf der “Vorzensur”
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Bei “Presseclub nachgefragt” (ARD) können Menschen anrufen und sich zum Thema der gerade stattgefundenen Hauptsendung, dem “Presseclub”, äußern. Als sich dort jüngst ein Herr Fischer meldete, startete dieser mit einer “grundsätzlichen Anmerkung”: Er werde nie durchgestellt, wenn er sich positiv zur AfD äußern wolle. Deshalb habe er mit einem Trick gearbeitet und sich als AfD-Kritiker ausgegeben. Boris Rosenkranz hat sich angeschaut, wie Moderator Jörg Schönenborn auf diese Vorhaltung reagiert hat: “Jörg Schönenborn hat Herrn Fischer viel Raum gegeben, Vorwürfe zu formulieren, um diese dann unwidersprochen so stehen zu lassen. Aber wie wirkt das, wie sieht das aus? Es sieht so aus, als hätte es Schönenborn kalt erwischt – und Herr Fischer recht.”

2. Rosemann räumt auf: “Promis unter Palmen” ist Geschichte
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Nach heftigen Vorwürfen eines Protagonisten (“Gewissenlose Quotenjagd”) hat sich Sat.1 erst neulich von seinem TV-Format “Plötzlich arm, plötzlich reich” getrennt. Nun ist das nächste Reality-Format dran: Daniel Rosemann, der neue Chef des Senders, schmeißt “Promis unter Palmen” aus dem Programm. Das sei eine wirtschaftlich weitaus gewichtigere Entscheidung, findet Thomas Lückerath.
Weiterer Lesehinweis: Peer Schader hat sich das RTLzwei-Format mit Daniela Katzenberger angeschaut und stellt gleich zu Beginn fest: “Wenn sich das deutsche Fernsehen irgendwann selbst einen Preis für Effizienz verleiht, wird der unweigerlich in Grünwald bei München landen: Daniela Katzenberger hat sich die Brüste straffen, die Haare ein klitzekleines bisschen weniger blond färben lassen – und RTLzwei hat’s geschafft, alleine daraus eine komplette Staffel ihrer Dokusoap zu machen.” Der Beitrag ist aber auch darüber hinaus lesenswert, weil er das Phänomen Katzenberger gut entschlüsselt.

3. Die FAZ im Krieg der Sterne
(queer.de, Jan Bambach)
Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” macht nach Jan Bambachs Beobachtung immer häufiger und heftiger Stimmung gegen eine geschlechtergerechte Sprache. Bambach hat die “FAZ”-Berichterstattung des vergangenen Jahres ausgewertet und 37 Artikel ausgemacht, bei denen es sich mehr oder weniger um das Konzept des Genderns drehe. Die absolute Mehrheit der Artikel stehe dem Thema ablehnend gegenüber und, so eine weitere Erkenntnis Bambachs, stamme weitgehend aus männlicher Feder.

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4. Corona-Infobox, 20-Uhr-tagesschau schneller online und andere neue Features auf tagesschau.de
(blog.tagesschau.de, Juliane Leopold)
Juliane Leopold, Chefredakteurin Digitales bei der ARD, erzählt im “Tagesschau”-Blog von den kürzlich durchgeführten Neuerungen, darunter die “Corona-Infobox”: “Seit wenigen Tagen haben wir nun für unsere Nutzerinnen und Nutzer in Web und App ein neues Feature im Angebot: die Corona-Infobox. Sie beantwortet auf einen Blick Fragen wie: Wie hoch ist die Sieben-Tage-Inzidenz in einer Stadt oder in einem Landkreis? Wie viele Menschen sind dort gestern positiv gemeldet worden? Gab es neue Todesfälle, die sich auf Covid-19 beziehen? In die Corona-Infobox können Sie einfach eine Postleitzahl eingeben und diese Informationen ‘auf Knopfdruck’ erhalten.”

5. Weglassen für mehr Freiraum
(taz.de, Leonie Gubela)
In Münster sorgt seit etwas mehr als einem Jahr ein neues Digital-Angebot namens “Rums” für mehr journalistische Vielfalt in der Region. Vor einiger Zeit hat das Stadtmagazin den Sprung vom Gratisangebot zum Abo-Modell gewagt. Die “taz” hat sich mit Redaktionsleiter Ralf Heimann über die bisherigen Erfahrungen mit dem Münsteraner Lokaljournalismus-Projekt unterhalten.
Transparenzhinweis: Die “Rums”-Redaktion wird von Ralf Heimann und Constanze Busch geleitet. Ralf Heimann ist auch BILDblog-Autor und hat bei uns beispielsweise die Serie “Kleine Wissenschaft des Fehlers” über die Fehlerkultur in Medien veröffentlicht.

6. Wie ich einmal 5.000 Menschen mein Doppelkinn zeigte
(zeit.de, Vicky Isabelle Bargel)
“Immer wieder klatsche ich mit der Hand auf die Selfiekamera meines Smartphones. Das macht man jetzt so, die Hand als Blende. Im Hintergrund dudelt ein Sound: BUMM, BUMM, BUMM, BUMM, BUMM, BUMMBUMMBUMMBUMM”. Vicky Isabelle Bargel hat versucht, einen Viral-Hit für TikTok zu produzieren und ist, nun ja, gescheitert.
Weiterer Lesehinweis: Warum TikTok in den USA biometrische Daten sammeln dürfen will: “TikToks Datenschutz-Richtlinie für die USA erwähnt jetzt die Erhebung biometrischer Daten von Gesichtern und Stimmen. Hintergrund dürfte ein juristischer Streit sein, der das Unternehmen 92 Millionen Dollar kostet.” (spiegel.de, Patrick Beuth)

Maaßen vs. “Kontraste”, Presse-Plattmacher Putin, Sportrechte

1. Anmerkungen der Kontraste-Redaktion zur Recherche über Hans-Georg Maaßen
(rbb-online.de)
In der “Kontraste”-Sendung vom 3. Juni sowie in einem Artikel auf tagesschau.de gibt es einen Bericht über den ehemaligen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Thüringer CDU-Bundestagskandidaten Hans-Georg Maaßen. Im Vorfeld hatte die Redaktion Maaßen die Gelegenheit gegeben, sich zu den aufgeworfenen Fragen zu äußern. Statt einer Antwort kam ein Anwaltsschreiben im scharfen fordernden Ton und mit seltsamen Ausführungen zurück. Die “Kontraste”-Redaktion hat den Vorgang öffentlich gemacht und kommentiert: “Wir werden uns jedoch dem Druck von Politikern, die – wie im konkreten Fall – eben nicht mit uns reden, sondern uns per Anwalt unter Androhung von juristischen Schritten diktieren lassen wollen, was wir wann, wo und wie zu veröffentlichen haben, nicht beugen.”

2. Mitteldeutschen Medientage: Wie steht es um das Vertrauen in die Medien?
(ardmediathek.de, Peter Stawowy, Video: 3:25 Minuten)
Bei den diesjährigen Mitteldeutschen Medientagen ging es unter anderem um moderne politische Kommunikation, internationale Entwicklungen in der Medienwelt und die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Peter Stawowy, Redakteur beim MDR-Medienportal 360G, berichtet von einigen weiteren dort diskutierten Themen: dem Vertrauen in die Medien, dem Umgang mit Hate-Speech und Haltung im Journalismus.

3. Putin macht die Presse platt
(faz.net, Friedrich Schmidt)
Vor zwei Tagen verlinkten wir in den “6 vor 9” einen “taz”-Beitrag, der sich mit dem Rückzug des unabhängigen russischen Onlineportals newsru.com beschäftigte. Wie die “FAZ” berichtet, geht der Kampf des Kremls gegen unabhängige Medien weiter. Das Onlinemagazin “VTimes” habe gestern erklärt, seine Arbeit einzustellen. Friedrich Schmidt schildert den Hintergrund: “Mitte Mai war VTimes auf die Liste ‘ausländischer Agenten’ des Justizministeriums gesetzt worden, mit der Putins Regime gegen missliebige Kräfte in der Zivilgesellschaft und in den Medien vorgeht. Dieser Schritt, der kurz zuvor schon das führende, aus dem lettischen Exil betriebene Newsportal Medusa getroffen hatte, war nun laut einer Erklärung der VTimes-Redaktion der Sargnagel für das Projekt.”

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4. Höhere Rechtekosten, niedrigeres Produktionsbudget?
(dwdl.de, Manuel Weis)
Sportrechte haben sich in den vergangenen Jahren massiv verteuert. Und dann gibt es, etwa bei der Übertragung von großen Fußballturnieren, ja noch die Produktionskosten für Personal, Reisen und technischen Aufwand. Das setze Fernsehanbieter unter Druck und erfordere cleveres Wirtschaften. Manuel Weis fragt sich, ob Reporter deshalb seltener im Stadion seien, und hat sich in der Branche erkundigt, was von dieser Annahme zu halten ist.

5. Wie es um die Datensicherheit bei deutschen Verlagen bestellt ist
(deutschlandfunk.de, Audio: 5:25 Minuten)
Im vergangenen halben Jahr wurden drei deutsche Medienhäuser von Cyber-Kriminellen attackiert: die Funke Mediengruppe, die Verlagsgesellschaft Madsack und Radio Energy Hamburg. Das wirft die Frage nach der Datensicherheit bei deutschen Verlagen auf. Der Deutschlandfunk hat sich bei Sicherheitsberatern umgehört, was die Schwachstellen sind und ob es sich um ein branchentypisches Problem handelt.

6. Noch ein letzter Blick auf den Tweet? Macht 2,40 Euro!
(spiegel.de)
Der Kurznachrichtendienst Twitter bietet in zwei Testländern ein Abo-Modell an: In Kanada und in Australien kann man sich für umgerechnet 2,40 Euro beziehungsweise 2,80 Euro im Monat den Zugang zu bestimmten Funktionen erkaufen. Dazu zählen das Setzen von Lesezeichen, ein Lesemodus für lange Texte und das sogenannte “Undo-Tweet”, mit dem sich Tweets nachbessern lassen. Das ist jedoch weit entfernt von der vielfach gewünschten Editiermöglichkeit, denn das “Undo” gelte nur für einen Zeitraum von maximal 30 Sekunden.

Relotius-Interview, Kein “Klima vor Acht”, Mutig in Minsk

1. Zweifel und Neugierde – über den Umgang mit einem Fälscher
(deutschlandfunk.de, Henning Hübert, Audio: 9:06 Minuten)
Der frühere “Spiegel”-Reporter Claas Relotius hat sich in einem 90 Fragen umfassenden Interview mit dem Magazin “Reportagen” erstmals zu seinen gefälschten Texten geäußert. Der Deutschlandfunk hat mit “Reportagen”-Chefredakteur Daniel Puntas Bernet über die Entstehungsgeschichte gesprochen. Im Text zum Deutschlandfunk-Beitrag gibt es darüber hinaus einige Einschätzungen Dritter (darunter auch die des “6-vor-9”-Kurators).
Weiterer Lesehinweis: Der Journalist Armin Wolf stellt in einem Blog-Beitrag eine bezeichnende Stelle des Relotius-Interviews heraus: “Irgendwo in dem Interview schildert er eine rührende Episode, wie er auf einer Dienstreise ins irakische Kriegsgebiet 4.500 Euro von seinem Spesenkonto einer Flüchtlingsfamilie schenken wollte, die dann aber nie am vereinbarten Treffpunkt eingetroffen sei. Die Anekdote endet mit dem Satz: ‘Es kann auch sein, dass alles ganz anders war und ich mir Teile davon nur eingebildet habe.’ Ja, so könnte es auch sein.”

2. Mehr Klimathemen? Noch keine Einigung zwischen ARD und Klima vor Acht
(rnd.de)
Die Initiative “Klima vor Acht” hat sich mit ARD-Verantwortlichen getroffen, um für eine Klimasendung vor der “Tagesschau” zu werben. Das Gespräch sei “in guter, konstruktiver Atmosphäre” verlaufen, wenn es auch keine Einigung gegeben habe. In diesem Zusammenhang eine vielsagende Aussage des ZDF-Intendanten Thomas Bellut auf den Medientagen Mitteldeutschland: “Ich würde es nicht machen. Klima ist wichtig, aber danach kommt das nächste Thema. Themen ändern sich ständig. Ich finde es falsch, so etwas vorzugeben, denn damit macht man Politik. Ist das unsere Aufgabe? Nein.” “Klima vor acht” kommentiert das mit einem knappen “Wer sagt’s ihm?”

3. Mutig in Minsk – wenn die Polizei das TV-Studio stürmt
(youtube.com, Zapp – Das Medienmagazin, Video: 17:02 Minuten)
(Achtung: Trigger-Warnung! Im verlinkten Video sind Gewaltszenen zu sehen.) Für Alexander Lukaschenko, das Staatsoberhaupt von Belarus, scheinen unabhängige Medien Staatsfeind Nummer eins zu sein. Jeder Mensch mit einer Kamera in der Hand riskiere eine Festnahme. Seit August 2020 seien mehr als 400 Journalisten und Journalistinnen festgenommen worden. Das neueste, prominente Opfer ist der regierungskritische Blogger Roman Protasevich, den Lukaschenko über den Umweg einer Flugzeugentführung festnehmen ließ. Roman Schell berichtet seit mehr als zehn Jahren aus Osteuropa. Für “Zapp” hat er die jüngsten Ereignisse zusammengefasst.
Weiterer Lesetipp: Die Deutsche Welle meldet, dass ihr Korrespondent Alexander Burakow nach 20 Tagen aus dem Untersuchungsgefängnis entlassen wurde. Es muss eine furchtbare Zeit für Burakow gewesen sein: “Sie haben mich jede Nacht zweimal geweckt, mich aus der Zelle geholt und mir befohlen, mich komplett auszuziehen, auch die Unterwäsche”. Außerdem habe man ihm in seiner Haftzeit Bettlaken, Decke und Kissen verwehrt (dw.com, Irina Filatova).

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4. “Man muss sich als Journalist vor zu viel Nähe hüten”
(fachjournalist.de, Florian Beißwanger)
Der “Fachjournalist” hat sich mit Michael Schlieben unterhalten, der als politischer Korrespondent bei “Zeit Online” tätig ist. In dem Gespräch geht es unter anderem um Schliebens Arbeitsalltag, den bevorstehenden Bundestagswahlkampf und die Frage, warum Politikjournalismus in Deutschland vergleichsweise höflich ist. Die Tendenz der Politik, eigene Newsrooms einzurichten, sieht Schlieben mit gemischten Gefühlen: “Wenn die Ministerien und Parteien ihre Kommunikation nicht professionalisieren würden, wäre es nicht zeitgemäß. Trotzdem nervt es natürlich manchmal, wenn die Pressestellen darauf verweisen, dass ihr Chef vom Dienst heute Morgen schon um neun Uhr eine Pressemitteilung herausgegeben hat und der Minister für ein Statement leider nicht zur Verfügung steht – oder nur für den eigenen Hauskanal.”

5. Achtzig Millionen für ostdeutsches Programm
(faz.net, Anna Schiller)
Wenn es nach dem Willen von Linkspartei und MDR-Rundfunkrätin Nicole Anger geht, sollen künftig ein Prozent der Beitragseinnahmen, rund 80 Millionen Euro jährlich, an ostdeutsche Programmangebote von NDR, RBB und MDR fließen. Der Deutsche Journalisten-Verband sieht in dem Vorstoß einen “ernst zu nehmenden Diskussionsansatz” und fordert: ARD braucht Ost-Talkshow (djv.de, Hendrik Zörner).

6. Lesen, was sonst nur der Verfassungsschutz liest
(uebermedien.de, Klaus Ungerer)
Klaus Ungerer ist Leser der vom Verfassungsschutz beobachteten “jungen Welt” geworden. Er schildert es ironisch als eine Mutprobe der besonderen Art: “Damit das Ganze noch etwas verschwörerischer wird, abonniere ich nicht direkt beim Blatt, sondern gehe täglich zu einem der verbliebenen Zeitschriftenläden – und kaufe das Ding. Anonym. An der Kasse. Das wird den Schlapphüten zu denken geben! Wer ist der Typ, was führt er im Schilde, läuft da eine ganz große Sache, sollten wir rasch mehr Mittel beantragen?”

7. Clubhouse-Tipp: Die Writers Pub diskutiert über das “Bild”-Buch “Ohne Rücksicht und Verluste”.
(turi2.de, Tatjana Kerschbaumer)
Zuletzt ein siebter Link, da in eigener Sache: Heute Abend diskutiert das “Writers Pub” der “Reporterfabrik” über das “Bild”-Buch “Ohne Rücksicht auf Verluste” meiner BILDblog-Kollegen Moritz Tschermak und Mats Schönauer. Neben Moritz unter anderem auf dem virtuellen Podium: “Reporterfabrik”-Gründer Cordt Schnibben, der Politiker Kevin Kühnert und die TV-Moderatorin Aline von Drateln. Um 18:30 Uhr geht es auf Clubhouse los, ihr seid alle herzlich eingeladen.

Gruner + Jahr schrumpft, Elend der Medien, Medien der Impfskeptiker

1. G+J verkauft Prisma Media an Vivendi
(meedia.de)
Gestern hatten wir an dieser Stelle Wolfgang Michals Analyse zum Niedergang des Gruner-+-Jahr-Verlags empfohlen, der einstmals als Europas größter Zeitschriftenverlag galt. Michal hatte darin einen Blick in die Zukunft geworfen: “Wird demnächst auch das Frankreich-Geschäft verscherbelt, ist Gruner + Jahr vollständig auf den deutschen Markt zurückgeworfen. Dann droht im Herbst der Todesstoß. Die RTL-Group, der umsatzstarke Fernsehboulevard-Riese, könnte den angeschlagenen Verlag übernehmen, inhaltlich ausschlachten und schließlich liquidieren.” Einen Tag später wird nun bekannt, dass sich Gruner + Jahr tatsächlich von seiner französischen Magazinsparte trennt. Es bleibt abzuwarten, ob Michal auch mit seinen weiteren Befürchtungen Recht behält, was die Übernahme Gruner + Jahrs durch die RTL-Group anbelangt.

2. Auf Kosten der Qual
(sueddeutsche.de, Nicolas Freund)
Der Bewegtbild-Markt ist ein Wachstumsmarkt, der jedoch nicht unproblematisch ist: Die Streamingdienste machen einander heftig Konkurrenz, das Kinogeschäft ist coronabedingt geschwächt, und die Zuschauer würden wieder vermehrt auf illegale Plattformen ausweichen. Nicolas Freund stellt dazu fest: “Die Anbieter saugen sich gegenseitig aus, die illegal streamenden Zuschauer betrügen sich selbst um ihre künftigen Inhalte, die wegen der Einnahme-Ausfälle nicht produziert werden können, und die Filmschaffenden stehen schon jetzt zwischen den Fronten”.

3. Ermuntern oder entmutigen? Die Medienkanäle der Impfskeptiker
(de.ejo-online.eu, Joachim Trebbe)
An einer britischen Universität hat man untersucht, welche Rolle Medien bei der Verbreitung von Impfskepsis und Impfbereitschaft spielen. Joachim Trebbe fasst die Ergebnisse zusammen: “Impfbereitschaft ‘erzeugt’ man nicht mal eben über ein paar Werbespots, Plakate oder Anzeigen mit aufgerollten Hemdsärmeln.”

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4. “Das Elend der Medien” ist da
(medienblog.hypotheses.org, Michael Meyen)
Für ihr Buch “Das Elend der Medien” haben Alexis Mirbach und Michael Meyen mit 40 Menschen aus dem Medienumfeld gesprochen – ob Medienpraktikerinnen, Medienpolitiker, professionelle Medienbeobachterinnen oder Laien. “Wie unser Vorbild Bourdieu (1997) haben wir diese Sammlung zwischen zwei Buchdeckel gepackt und veröffentlichen hier das Fazit, um Lust zu machen auf den großen Rest.”

5. Die “NZZ” stockt in Deutschland personell auf
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Die “NZZ” investiert in ihr Deutschland-Geschäft und stockt ihr Personal auf. Timo Niemeier schreibt bei “DWDL” über die Neuzugänge: “[Hannah] Bethke kommt von der ‘FAZ’, wo sie seit 2018 als Berlin-Korrespondentin für das Feuilleton arbeitet. [Oliver] Maksan ist seit 2016 Chefredakteur der katholischen Wochenzeitung ‘Die Tagespost’. Von 2012 bis 2016 berichtete er als Nahost-Korrespondent aus Israel unter anderem für ‘Die Tagespost’, ACN International und ‘Cicero’. Fatina Keilani ist seit mehr zwanzig Jahren Redakteurin für Justiz- und Rechtspolitik-Themen beim ‘Tagesspiegel’. Und [Kalina] Oroschakoff kommt von ‘Politico Europe’ aus Brüssel, das sie mitgegründet hat.”

6. Grande Dame der Lottozahlen: Karin Tietze-Ludwig wird 80
(rnd.de)
Karin Tietze-Ludwig startete ihre Fernsehkarriere, als das Bild noch in Schwarz-Weiß flimmerte und es nur drei Kanäle gab. Über Jahrzehnte hinweg war sie die “Lottofee”, die die Ziehung der Lottozahlen moderierte. Gestern ist Tietze-Ludwig 80 Jahre alt geworden.

7. Buchtipp: Geistige Brandstifter
(verdi.de, Tilman Gangloff)
In eigener Sache und deshalb als zusätzlicher Link: Der Medienjournalist Tilman Gangloff hat das Buch meiner BILDblog-Kollegen gelesen: “‘Der Aufmacher’ von Günter Wallraff, 1977 erschienen, war viele Jahre lang eines der wichtigsten deutschen Journalismus-Bücher. Schonungslos hatte der Undercover-Autor die menschenverachtenden Machenschaften der ‘Bild’-Zeitung aufgedeckt. 44 Jahre später weist das Autorenduo in seinem Buch ‘Ohne Rücksicht auf Verluste’ auf 270 gleichermaßen fesselnden wie erschreckenden Seiten nach, dass sich an den von Wallraff angeprangerten fragwürdigen Methoden nichts geändert hat.”
Dazu noch ein Hinweis von uns: Weil wir wissen, dass sich nicht alle das Buch leisten können, haben wir den BILDblog-Lesefonds eingerichtet, über den wir eine gewisse Anzahl von Büchern unentgeltlich abgeben. Einfach dort eintragen, wenn ihr derzeit knapp bei Kasse seid, und wir schauen, was sich machen lässt.

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