“Was muss endlich mal über BILD gesagt werden?”, fragt “Bild” heute, meint damit aber bloß Ideen für eine neue Werbekampagne.
Das Blatt hat seine Leser aufgerufen, Spots und Anzeigen für sich zu entwerfen. Gegenüber dem “Spiegel” sagte “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann, wie er auf diese Idee gekommen sei:
Wir hatten — die Älteren werden sich erinnern — vor fast vier Jahren zum ersten Geburtstag von BILDblog unsere Leser aufgerufen, Motive für Werbepostkarten zu entwerfen (die man sich hier noch ansehen kann).
Ob sich die “Bild”-Zeitung von BILDblog mit angemessener Zeitverzögerung auch zur Übernahme so gewagter Ideen wie dem Respekt vor der Privatsphäre und der Wahrheit inspirieren lassen könnte, war nicht in Erfahrung zu bringen.
Davon, dass “Bild” (links) noch großspurig behauptet hatte, die Baupläne würden “auch die allerletzten Holocaust-Leugner” widerlegen und eine Gaskammer zeigen, in der “Menschen vergast werden sollten”, steht in “Bild” (rechts) nichts mehr.
Als “Bild” die Baupläne (die ihr nach Eigenaussage “zugänglich gemacht” wurden, laut “Welt” jedoch von “Bild” gekauft worden waren) im vergangenen November abdruckte und Nachrichtenagenturen und Medien die ebenso voreiligen, wie eitlen und offensichtlich falschen “Bild”-Behauptungen um die Welt trugen, sagte der renommierte Auschwitz-Forscher Robert Jan van Pelt der jüdischen Nachrichtenagentur JTA:
“Jeder verbreitet denselben Unsinn, und die [Holocaust-]Leugner haben großen Spaß, weil es zeigt, wie leichtgläubig die Leute sind.”
Nachtrag, 21 Uhr: Bei der heutigen Eröffnung der von “Bild” und “Welt” präsentierten Ausstellung in der Berliner Axel-Springer-Passage wurde die Entlausungsanlange mit “Gaskammer”, um die “Bild” sträflicherweise noch im November so viel Aufhebens gemacht hatte, mit keinem Wort erwähnt. Robert Jan van Pelt sagte, als er die kleine Ausstellung anschaute, über den Bauplan der Entlausungsanlage: Dies sei “eines der am wenigsten interessanten Exponate der ganzen Ausstellung”.* Seine Frage an “Bild”-Chef Kai Diekmann, von wem und für welche Summe “Bild” die Pläne gekauft hatte, wollte Diekmann nicht beantworten.
*) Historisch richtig heißt es nun im Begleittext des “Gaskammer”-Plans:
Plan einer Entlausunganlage vom November 1941. Schon in den ersten Plänen für das KZ Birkenau sind zwei Entlausungsanlagen eingezeichnet, mit je einer mehr als hundert Quadratmeter großen Gaskammer. Für die Desinfektion der Kleidung von KZ-Insassen ist das zuviel. Der Plan weist auf den systematisch geplanten Massenmord hin. Denn für die Entlausung der Kleidung von hundertausenden Ermordeter ist die Kapazität richtig berechnet. (…)
Mal abgesehen davon, dass die “Bild”-Zeitung Karl-Theodor zu Guttenberg heute in goldenen Lettern feiert, als wäre er Bundespräsident geworden (siehe Ausriss), korrigiert sie auch noch ihre peinliche Namens-Schlagzeile von gestern, in der sie Guttenberg einen falschen zusätzlichen Vornamen gab, der aus einem manipulierten Wikipedia-Eintrag stammte (wir berichteten).
Wie es so die Art der “Bild”-Zeitung ist, korrigiert sie das heute ganz nebenbei und so, dass nicht unbedingt alle es verstehen. Unter der Überschrift “Minister Guttenberg erklärt seine vielen Vornamen” heißt es:
Ach. Uns fielen da ja spontan noch viele weitere Vornamen ein, die Guttenberg in Wirklichkeit auch gar nicht hat – aber die standen nicht auf der “Bild”-Titelseite von gestern. Dass der “Wilhelm” dort stand, verschweigt “Bild”.
Andere Medien, die den “Wilhelm” (wie “Bild”) aus dem manipulierten Wikipedia-Eintrag übernommen hatten, sind selbstkritischer. Manche aber auch nicht, und einige haben den falschen “Wilhelm” offenbar noch immer nicht bemerkt:
Die “taz” hat den “Wilhelm” online korrigiert und findet, dass “solche Täuschungsversuche (…) nicht zur Regel werden” dürften, denn dann sei “auf Wikipedia gar kein Verlass mehr”.
Sueddeutsche.de hat den überzähligen Vornamen inzwischen entfernt und eine Glosse zum Thema veröffentlicht.
Das Satiremagazin “Titanic”, das eigentlich schon mal wusste, wie die Informationsgesellschaft funktioniere, hatte den falschen “Wilhelm” auch übernommen und inzwischen durchgestrichen.
usw. usf.
Mehr zu den merkwürdigen Reaktionen von “Spiegel Online” und “taz” nebenan beim Niggemeier.
Nachtrag, 12.2.2009: Heute berichtet auch “Bild” über die “Wilhelm”-Posse und schreibt:
Der neue Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (…) wurde Opfer einer Fälschung.
Im Online-Lexikon Wikipedia dichtete der anonyme Fälscher dem Minister den Namen “Wilhelm” an – und viele Medien (auch BILD) fielen darauf herein.
Dies ist ein Beispiel einer statischen WordPress-Seite. Du kannst sie bearbeiten und Infos über dich oder das Weblog eingeben, damit die Leser wissen, woher du kommst und was du machst.
Du kannst entweder beliebig viele Hauptseiten (wie diese hier) oder Unterseiten, die sich in der Hierachiestruktur den Hauptseiten unterordnen, anlegen. Du kannst sie auch alle innerhalb von WordPress ändern und verwalten.
1. Die NZZ will den Newsdesk noch 2009 einführen (werbewoche.ch, Pierre C. Meier und Urs Schnider)
CEO Albert Stäheli im Interview: “Es wird hier bei uns im 2. Stock des Hauptgebäudes das Newsdesk-Konzept eingeführt. Die Schulung der Leute läuft bereits, auch die Mitarbeitenden der NZZ-Printredaktion durchlaufen die Schulung im Onlinebereich. Die Idee ist, die Dossierkompetenz, die in allen Bereichen unseres Printproduktes hervorragend vorhanden ist, auch in den Onlinebereich zu bringen und umgekehrt.”
2. “Abschied von der Tante” (weltwoche.ch, Kurt W. Zimmermann)
Während Roger Köppel im Editorial den Ringier-Verlag angreift, verabschiedet sich Kurt W. Zimmermann von der “Tante” NZZ, doch es sei noch ein langer Weg, “denn das alte Prinzip der Verantwortungsscheu und Führungsskepsis ist erst auf der kommerziellen Etage verschwunden, nicht aber in der Redaktion.” Die als “unaufgeregte Reflexion” verklärte Langsamkeit sei oft nur Bequemlichkeit. “Allzu häufig hält das Blatt mit dem Tempo einer sich immer schneller drehenden Informationsindustrie nicht mehr mit.”
3. “Journalismus als Charity-Projekt” (cicero.de, Alexander Görlach)
Der Ressortleiter Online bei Cicero, Alexander Görlach, macht sich Gedanken über den Verfall der klassischen Medien: “Denn mit der Verlagerung auf Newsportale, die dem Marktführer Spiegel Online nacheiferten und deshalb überall gleich aussahen, wurden bei gleichzeitiger Entlassung von guten journalistischen Köpfen das Deutungs- und Kommentierungspotenzial aus den Redaktionen ausgelagert und den freischaffenden Künsten zugeschlagen.”
Kurz vor dem DFB-Pokalspiel zwischen Borussia Dortmund und Werder Bremen am vergangenen Mittwoch verunglückte im Dortmunder Stadion ein 21-Jähriger Dortmund-Fan tödlich, nachdem er offenbar “beim Überklettern eines Geländers/ Brüstung über dem Aufgang zur Stehtribüne im Bereich des Blocks 13 abgestürzt und ca. sieben Meter in die Tiefe gefallen” war.
Und natürlich berichtete nach Bekanntwerden des tragischen Unfalls auch “Bild” – und hatte dazu versucht, sowohl im privaten und beruflichen Umfeld des Toten als auch in Internet-Communities wie StudiVZ Details über ihn in Erfahrung zu bringen. Anders alsandereMedien veröffentlichte “Bild” anschließend Einzelheiten aus seinem Privatleben und zu seinen tödlichen Verletzungen – und druckte sogar ein Porträtfoto, das von der Homepage seines Arbeitgebers stammt.
Für “Bild” ist das alles nicht ungewöhnlich (siehe Kasten).
Ungewöhnlich ist vielleicht nur die Reaktion der Dortmund-Fans, die am vergangenen Samstag beim Spiel Dortmund : Leverkusen öffentlich an den tragischen Unfall erinnerten – mit Schweigeminuten, Kerzen am Unfallort, “In Gedanken an”-Spruchbändern und… folgendermaßen:
P.S.: Die “Bild am Sonntag” berichtete gestern quasi ganzseitig über die Gedenkaktionen von Verein und Fans – und zeigte ohne Quellenangabe ein weiteres Foto des Verstorbenen (diesmal aus seinem Profil in einer Online-Community). Obiges Transparent indes blieb unerwähnt.
Mit Dank an die Hinweisgeber und Tommy von schwatzgelb.de fürs Foto.
Klar: “Die Redakteurinnen und Redakteure der Axel Springer AG sind sich der Verantwortung bewusst, die sie für die Information und Meinungsbildung in Deutschland haben.” Und deshalb steht in Springers “Leitlinien der journalistischen Unabhängigkeit” auch:
Man sollte meinen, das sei eindeutig. Ist es aber nicht, wie das NDR-Medienmagazin “Zapp” herausfand. “Zapp”berichtete vor der HSV-Aufsichtsratswahl vom vergangenen Wochenende von einer Kampagne der “Bild”-Hamburg zugunsten des HSV-Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann – und fand heraus*, dass sich der Hamburger Sportchef der “Bild”-Zeitung, Jürgen Schnitgerhans, unlängst vom HSV-Vorstand eine über 1000 Euro teure Armbanduhr hatte schenken lassen.
Heute nun veröffentlicht “Zapp” dazu die komplette Stellungnahme des “Bild”-Sprechers Tobias Fröhlich, die zeigt, wie man bei “Bild” den “Anschein, die Entscheidungsfreiheit von Journalisten könne durch Gewährung von (…) Geschenken beeinträchtigt werden”, vermeidet:
Hr. Schnitgerhans hat sich keine Uhr vom HSV-Vorstand “schenken lassen”. Sondern vielmehr wurde ihm diese Uhr vom gesamten HSV-Vorstand zum 60. Geburtstag als Würdigung und Anerkennung für seine 37-jährige Tätigkeit als Sportreporter für verschiedene Medien und speziell als journalistischer und kritischer Begleiter des Vereins überreicht. Dies wurde auch so in der Ansprache des Vorstands artikuliert.
Er wurde also für seine Gesamtleistung als langjähriger Sportjournalist und nicht als BILD-Reporter ausgezeichnet. Schnitgerhans schrieb über den HSV 1971 beim Sportmegaphon Lübeck, ab 1973 bei der Hamburger Morgenpost, seit 1980 für BILD. Aus diesem Grund sehen wir diese Auszeichnung nicht im Widerspruch zu unseren Leitlinien. (Hervorhebungen von uns.)
*) Nachtrag, 17.23 Uhr: Aus der “Spiegel”-Redaktion wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass der “Spiegel” bereits wenige Tage vor der “Zapp”-Sendung berichtet hatte, dass HSV-Chef Hoffmann “im März vergangenen Jahres dem Hamburger Sportchef von ‘Bild’ eine Uhr im Wert von über 1000 Euro zu einem Dienstjubiläum geschenkt hat und auch die Laudatio hielt”. Das hatten wir bedauerlicherweise übersehen. Korrektur: An dieser Stelle hatten wir dem “Spiegel” zunächst ganz nebenbei unterstellt, das Magazin hätte in seiner eigenen Berichterstattung unerwähnt gelassen, dass zu den HSV-Aufsichtsratskandidaten auch ein “Spiegel”-Redakteur zählte. Das war falsch. Wir bitten um Entschuldigung.
Es ist nicht so, dass sich die “Bild”-Zeitung um sonderlich große Objektivität bemüht hätte, als sie gestern über den Gerichtsprozess eines Mannes berichtet, der im März 2008 mit einem Schulbus wegen defekter Bremsen einen Unfall verursachte, bei dem 14 Kinder z.T. schwer verletzt wurden.
Der “Bild”-Artikel über den “Schulbus-Horror” im “Horror-Bus” beginnt mit den Worten:
Ihr hübsches Gesicht ist für immer entstellt: Melissa R. (14) saß im Horror-Bus von Friedersreuth!
Weiter heißt es:
Beim Prozess gestern in Weiden sah sie zum ersten Mal den Mann wieder, der sie und 13 Mitschüler ins Verderben fuhr:
(…) Doch vor Gericht redete er sich raus: “Von defekten Bremsen hab ich nix gemerkt, da brannte nie ein Licht. Für die Kinder tut es mir leid.”
Das hilft Melissa nichts mehr: Mit Salben verdeckt sie notdürftig ihre Narben. Zu BILD sagte sie: “Die Wunden tun noch immer weh. Ich verstehe nicht, wie man mit kaputten Bremsen fahren kann.”
“Bild” nennt den Angeklagten “Senior-Chef” des Bus-Unternehmens, kürzt seinen Namen jedoch als “Anton M.” ab und macht auch sein Gesicht mit einem schwarzen Balken halbwegs unkenntlich…
… um dann aber direkt daneben ein Foto des verunglückten Busses zu zeigen, auf dem in großen Lettern der komplette Name des Bus-Unternehmers nebst Ort und Telefonnummer steht.
Wer “Bild”-Leser kennt, weiß, dass das keine gute Idee ist.
P.S.: Auch Bild.de zeigte gestern das Busfoto mit Namen und Telefonnummer ohne jede Unkenntlichmachung. Erst nachdem wir die Bild.de-Redaktion auf den mangelhaften Schutz der Identität des Mannes aufmerksam gemacht und um Stellungnahme gebeten hatten, wurde die Busbeschriftung nachträglich verpixelt. Eine Antwort erhielten wir (wir kennen das) nicht.
Mit Dank an Marcus F. für den sachdienlichen Hinweis sowie an Birgit S. und Nicole K. für den Scan!
Soweit wir das überblicken, nennen ausnahmslos alle Medien, die heute über das Urteil gegen den sogenannten Münchner “U-Bahn-Schubser” berichten, ihn entweder Ludwig D., Ludwig Joachim D. oder lassen seinen Namen gleich ganz weg.
Auch Bild.de nennt ihn Ludwig Joachim D., verfuhr allerdings mal wieder nach dem, insbesondere bei Anonymisierungen, äußerst fragwürdigen Prinzip “einmal ist keinmal” und nannte* seinen vollen Nachnamen:
*) Nachdem wir Bild.de auf den offenbar mangelhaften Schutz der Identität des Mannes aufmerksam gemacht und um Stellungnahme gebeten hatten, erhielten wir (wir kennen das) zwar keine Antwort, aber: Inzwischen heißt der Mann an der fraglichen Stelle nur noch “D.”
Mit Dank an Philipp E., Marcus F., Carsten F., Tobi, Tronx und Rüdiger T. für den sachdienlichen Hinweis.
Unter der Überschrift “13-Jährige ins Auto gezerrt – Wollte Michelles Mörder auch dieses Mädchen holen?” berichtet “Bild” heute groß und detailliert über ein Mädchen aus Leipzig und zeigt auch ein Foto. “Bild” hat darauf das Gesicht des Mädchens durch Verpixelung unkenntlich gemacht und nennt es:
Peggy (Name geändert)
Bild.de wiederum hat den “Bild”-Artikel übernommen und das Gesicht noch vehementer anonymisiert. Es scheint also, als hätten sich “Bild” und Bild.de in diesem Fall tatsächlich Mühe gegeben, die Identität des Mädchens zu schützen…
…wenn man mal davon absieht, dass sich bis in den Nachmittag hinein auf verschiedenen Bild.de-Übersichtsseiten Teaser fanden, in denen “Peggy (Name geändert)” einen ganz anderen Namen trug*:
*) Ob es sich bei dem Namen im Teaser um “Peggys” richtigen Namen handelte, wissen wir nicht. Vermutlich ja. Denn nachdem wir Bild.de auf den mutmaßlich mangelhaften Schutz der Identität des Mädchens aufmerksam gemacht und um Stellungnahme gebeten hatten, erhielten wir (wir kennen das) zwar keine Antwort, aber: Inzwischen heißt das Mädchen auch in den Teasern “Peggy”.