Na sowas: Am 2. August meldete “Bild” auf Seite 1: “Bewiesen! Alkohol macht schlau” – und unter Verweis auf eine britische Studie hieß es, dass regelmäßige Trinker bei Intelligenztests “deutlich besser als Abstinenzler” abgeschnitten hätten. “Die besten Resultate”, so “Bild” weiter, “erreichten diejenigen, die eine halbe Flasche Wein oder rund einen Liter Bier pro Tag trinken”. Die Meldung begann mit dem Satz: “Na denn: Prost!”
Am 8. September wiederum meldete “Bild” auf Seite 1: “1 Liter Bier täglich ist gesund” – und unter Verweis auf eine österreichische Studie hieß es: “Männer können täglich 1 Liter Bier trinken, Frauen die Hälfte.” Denn Bier, so “Bild” weiter, beuge Schlaganfälle, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Knochenschwund vor und “mache nicht dick”. Die Meldung begann mit dem Satz: “Na dann Prost!”
Zwischendurch, am 30. August, hieß es auf Seite 1 sogar: “Ein ganzes Leben ohne Alkohol kann tödlich sein!” Und jetzt das:
Da meldet “Bild” doch tatsächlich mit Datum vom 5. November 2004, “daß die tägliche Trinkmenge, bei der langfristig keine Schäden drohen, viel niedriger liegt als zumeist angenommen”! Nachdem nämlich die “Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen” (DHS) und die Barmer Ersatzkasse vorgestern eine Pressekonferenz zum “Umgang mit Alkohol” abhielten, ist Schluss mit lustig. Denn “Bild” hat nicht nur mit einem “Alkoholforscher” gesprochen (“Problematisch ist, daß sich Alkoholkranke durch Meldungen über die Schutzwirkungen bestätigt fühlen könnten.”), sondern auch einen DHS-Experten. Der sagt:
“Der Risikokonsum beginnt bei Frauen mit ca. 20 Gramm und bei Männern mit ca. 30 Gramm reinen Alkohols täglich. Ein Glas Rotwein (0,2 Liter) enthält circa 19 Gramm Alkohol, dieselbe Menge Weißwein nur 18 Gramm. Eine Flasche Bier (0,5 Liter) enthält 20 Gramm reinen Alkohol.”
Endlich tut einmal jemand was gegen den Skandal, dass sogar Schwule, die ihre Perversion demonstrativ zur Schau stellen, einfach unsere Kinder unterrichten dürfen! Abnormale Lehrer können jetzt der “Bild”-Zeitung gemeldet werden, die sich dann um die Sache kümmert.
Ganz so unverblümt ist die neue Aktion Pranger von “Bild” natürlich nicht organisiert. Vorgeblicher Anlass ist der Auftritt eines Berliner Lehrers in der ARD-Show “Das Quiz”, in der er die Frage “Was wird mithilfe von Lackmus-Papier bestimmt?” falsch mit “Cholesterinwert” beantwortete, was ihn in den Augen der “Bild”-Zeitung von gestern zum “total blamierten” “Depp-Lehrer”, zum “Ahnungslosen” und zum “Skandal-Lehrer” macht. Wobei in dem Artikel dezent die Grenzen verwischen, worin genau der Skandal besteht: In der falschen Antwort oder in der Tatsache, dass der Lehrer schwul ist, eine Punk-Frisur trägt und sich geschminkt hat, bevor er ins Fernsehen gegangen ist.
Das ist ein Berliner Lehrer
steht in großen, fassungslosen Buchstaben über dem androgynen Gesicht des Kandidaten. Immer wieder betont der Artikel, dass der Referendar Alexander G. einen Freund hat und Augen und Lippen geschminkt sind.
Der junge Mann ist Berliner Lehrer! Er darf Kinder unterrichten!
In der Druckausgabe wird ihm auch noch Schwänzen vorgeworfen:
Unfaßbar, daß so ein Ahnungsloser unsere Kinder unterrichtet. Eigentlich — wie BILD erfuhr — ist er seit vier Wochen krank geschrieben!
Später “erfuhr” “Bild” noch eine Information, die es allerdings nur in die Online-Version der Geschichte geschafft hat:
Immerhin: Die Sendung wurde vorher aufgezeichnet.
“Immerhin”: Irgendwer bei “Bild” hat gemerkt, dass das in diesem Zusammenhang kein ganz unwesentliches Detail ist.
Heute dreht “Bild” die Geschichte weiter, und die Sache mit der falschen Antwort taucht nur noch in einem einzigen Satz am Rande auf. Wohin die Reise geht, macht die Überschrift neben einem weiteren Bild des Lehrers klar:
Kein Wunder, daß wir bei der PISA-Studie ganz hinten liegen… Warum darf so ein Lehrer unsere Kinder unterrichten?
Weiter im Text:
Wie BILD erfuhr, tritt der Punk-Lehrer in seiner Freizeit bundesweit auch als Travestiekünstler “Loulou La Rouge” in Frauenkleidern auf! Warum darf so ein schriller Typ Kinder unterrichten?
Warum nicht, könnte man zurückfragen, aber das haben die Beschützer “unserer” Kinder, die “Bild” zitiert, natürlich nicht getan:
“In diesem speziellen Fall ist es ein schlechtes Image für die Schule, die Grenze der Individualität scheint hier überschritten.”
“Durch dieses Auftreten wird der Schulfrieden massiv gestört. In jeder Firma würde dieser Mann umgehend gefeuert!”
“Ein Lehrer muß nicht täglich im Anzug zum Unterricht kommen. Aber eine saubere Jeans und ein gebügeltes Hemd sollten schon sein.”
(Dass der Referendar seine Hemden nicht bügelt oder die Jeans nicht wäscht, hatte bislang nicht einmal “Bild” behauptet.)
Also, klar ist: Solche Lehrer gehören ins Kino, aber nicht in die Schulen. Und deshalb endet der Artikel mit dem folgenden Aufruf:
Haben Sie auch so einen schrillen Typen an der Schule? Kennen Sie Lehrer, die sich gehen lassen?
Und wenn einer von den so Vorgeführten dann seine Existenz verliert oder sich etwas antut, wird “Bild” in seiner ausführlichen Nachberichterstattung zu mehr Toleranz aufrufen. Versprochen!
Was meint die “Bild”-Zeitung eigentlich, wenn sie “geheim” schreibt? Was versteht man unter einem “Nippel-Alarm”? Wie gefährlich ist ein “Balkon-Monster”? Wer ist “Klümchen”? Und welche “Hupen” machen kein Geräusch?
Solch elementare Fragen für den “Bild”-Zeitungsleser beantwortet jetzt das große, kontinuierlich aktualisierte BILDblog-“Bild”-Wörterbuch.
Neulich lobte “Bild” die 18-jährige Landtagsabgeordnete Julia Bonk für ihre “Zivilcourage”, druckte große Fotos der “sexy Sächsin” mit “Schmollmund, roter Mähne, bauchfreiem T-Shirt” und verkniff sich sogar, die PDS, für die Bonk im Landtag sitzt, als “SED-Nachfolgepartei” zu bezeichnen.
Anderthalb Wochen darauf sagte Bonk gegenüber “Focus”, sie setze sich für eine Freigabe von Drogen wie Cannabis und “härterem Stoff” (“Focus”) ein. “Bild” gefiel das gar nicht. Prompt machte das Blatt die 18-Jährige zum “Verlierer des Tages”, weil ihre Forderung “sogar die Ex-SED-Genossen erschrecken” dürfte. Da war sie wieder, die “SED”-Keule.
Am Montag fragte “Bild”: “Was geht bloß in ihrem hübschen Köpfchen vor?”, druckte Bonks “Drogenverherrlichung” noch mal ausführlich und als Schlagzeile das “Geständnis” “Ja, ich nehme Drogen!” (obwohl Bonk im Text mit den Worten “Ja, ich habe Drogen genommen” zitiert wird) und verwies bei dieser Gelegenheit online nochmal auf die Bildergalerie, äh: die Bildergalerie “So schön kann Politik sein”.
Klar! Es ist ja nicht so, dass “Bild” einen anderen Grund gehabt hätte, “Deutschlands schönste Politikerin” nicht mehr so sympathisch zu finden wie noch vor zwei Wochen. Oder?
“Ich habe nichts gegen die Berichte über meine Person. Aber ich will als Politikerin wahrgenommen werden”,
zitierte die “Badische Zeitung” Julia Bonk, die “allzu persönlichen Interviewanfragen eine Abfuhr” erteilt, am vergangenen Donnerstag, also noch vor der ganzen Aufregung. Und schreibt ganz nebenbei:
“So hätte die ‘Bild-Zeitung’ gerne auch etwas freizügigere Fotos geschossen, doch es blieb bei Worten wie ‘sexy Sächsin’ oder ‘Schmollmund’.”
“BILD bleibt die mit Abstand wichtigste deutsche Tageszeitung! Keine andere Tageszeitung wurde im dritten Quartal häufiger mit Exklusivmeldungen zitiert”,
meldet “Bild” auf Seite 1 unter Berufung auf das “renommierte Bonner Medienforschungsinstitut Medien Tenor”.
Das ist erst einmal nicht weiter ungewöhnlich, weil auch andere Zeitungen gerne drucken, wie wichtig sie sind – wohl, um es selbst nicht zu vergessen.
Für den Hinweis, dass das stetsrenommierte Forschungsinstitut zuletzt gar nicht mehr so arg renommiert, sondern, ganz im Gegenteil, eherumstrittenwar, blieb in der knappen Meldung sicher einfach kein Platz mehr. Medien-Tenor-Beiratsmitglied Mathias Döpfner, nebenberuflich Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, hätte das sowieso nicht gefallen.
Himmel: Die Erdachse kippt, auf unseren Autobahnen lungern mörderische Afrika-Büffel herum, und jetzt wird Deutschland auch noch von mutierten Riesennagern bedroht!
Angst vor Monster-Ratten
Sie werden 60 Zentimeter lang, neun Kilo schwer und tauchen immer häufiger in Südhessen auf
Mit dieser Schlagzeile schockierte heute die “Bild” Frankfurt.
Monster-Ratten-Alarm am Rhein! Straßenbahnfahrer Joachim Jüngling (43) machte die schockierende Entdeckung mitten in Mannheim. Bei der Fahrt mit der Linie 4 fand er einen riesigen toten Nager auf den Gleisen und fotografierte ihn. Der Fund: 60 Zentimeter groß, lange rötliche Zähne und ein nackter Schwanz. Straßenbahnfahrer Jüngling: “Ich hatte furchtbare Angst.”
Na, kein Wunder. Wenn uns so eine mutierte Riesenratte mit ihren rötlichen Zähnen und dem fiesen nackten Schwanz anspringen würde …
… Moment, von anspringen kann natürlich keine Rede sein: Die Ratte war zwar Monster, aber tot. Und was ihre lebenden Freunde angeht, fassen wir zusammen, was bei “Bild” im Kleingedruckten steht:
Es handelt sich um Sumpfbiberratten (Nutria). Das sind Vegetarier. Sie sind sehr friedlich. Sie übertragen keine Krankheiten. Sie dringen nicht in Wohnungen ein wie normale Ratten. Sie scheuen den Menschen. Es gibt sie seit über 200 Jahren in Deutschland. Sie sind nicht auf mysteriöse Weise eingewandert, sondern wurden zunächst für Pelze gezüchtet und dann einfach freigelassen.
Mit anderen Worten: Jede Wollmaus ist gefährlicher.
Wir erwarten jetzt in “Bild” Frankfurt die Überschriften: “Panik wegen Riesen-Grashalm”, “Rückkehr der Killer-Küken” und “Angst vor Monster-Linealen”.
Wir freuen uns: Wir sind nominiert für die Weblog Awards der Deutschen Welle in der Kategorie “Best Journalistic Blog / German”! Über die Vergabe der insgesamt elf “BOBs” (“Best of Blogs”) entscheiden die Leser: Bis zum 5. Dezember kann jeder hier abstimmen; hier geht’s direkt zu uns und den anderen neun Nominierten in unserer Kategorie.
Und täglich grüßt das Murmeltier: “Bild” ist Gewinner des Tages in “Bild”. Weil die Sportredaktion mit dem “Paralympic Media Award” für ihre Berichterstattung über die Paralympics ausgezeichnet wurde. Und was meint “Bild” dazu?
BILD meint: Die Ehre gebührt den Athleten!
Ja, genau. Deshalb steht oben neben “Gewinner des Tages” ja auch “BILD Sportredaktion” und nicht “Die Athleten der Paralympics”.
Übrigens hat “Bild” den Preis nicht alleine bekommen. Ausgezeichnet mit dem “Paralympic Media Award 2004” wurden außerdem: ARD, ZDF, Radio Aktiv Hameln, Bayer Leverkusen und die Deutsche Bahn. Deren Namen passten halt nur nicht mehr neben das fette Eigenlob.
Und falsch geschrieben (“Paralympics”) hat “Bild” den Namen des Preises auch noch.
Vor kippenden Erdachsen, den Flegeljahren der Sonne und Killerkeimen aus dem Weltall müssen wir uns also, wie gesagt, trotz Riesenschlagzeilen in “Bild” womöglich nicht akut fürchten. Aber diese Achs-Kippung klingt ja doch irgendwie beunruhigend. Von was für Zeiträumen reden wir da eigentlich, bis der “Äquator kocht”? Kann ich vorher noch die Wäsche reinholen?
“Bild” beantwortet diese Frage erstaunlich widersprüchlich. Online heißt es: “in Millionen Jahren”. In “Bild” Berlin-Brandenburg lautet die Angabe “in Million Jahren”, als hätte da jemand hastig noch etwas korrigiert. Und “Bild” München warnt: “in den nächsten zehn Jahren”.
Huch!
Wie kommen die darauf? Durch die “Süddeutsche Zeitung”. Dort stand am Mittwoch ein Artikel im Ressort “Wissen” mit der Überschrift “Die Erdachse kippt”. Im ersten Satz hieß es, das Klima werde sich in den “kommenden zehn Jahren” ändern. Im weiteren Text stand zwar die korrekte Angabe: in den “kommenden zehn Millionen Jahren”, und am Donnerstag brachte die SZ auch eine Korrektur des Fehlers. Aber das bemerkte die “Bild”-Zeitung anscheinend erst, nachdem sie schon auf der ersten Seite reichlich Platz für das (scheinbar dringliche) Thema freigeräumt und die Münchner Ausgabe gedruckt hatte.
Unser blauer Planet – rauben ihm jetzt Ur-Kräfte des Weltalls die Balance? Droht Chaos? Alarmsignale:
Die Erdachse kippt. (…) Noch rechnen Forscher “nur” mit einer Achs-Kippung von 0,4 Grad, in Millionen Jahren.
Und wenn’s doch schneller geht? Auf die Frage hat “Bild” sich offenbar von dem Forscher Jacques Laskar erzählen lassen:
“Das Verhalten unseres Planeten ist chaotisch, nicht berechenbar”.
So was ähnliches steht auch im ersten Absatz der dem “Bild”-Artikel zu Grunde liegenden Untersuchung, allerdings in anderem Zusammenhang. Und eigentlich rechnen Forscher damit, dass diese 0,4 Grad bereits eine ungewöhnlich rasant ablaufende “Achs-Kippung” darstellen.
Ja, aber:
Die Sonne steckt in den Flegeljahren. Seit Jahrtausenden war sie nicht so “nervös” wie heute, schreiben renommierte Wissenschaftler in der Zeitschrift “Nature”.
Das stimmt. So ähnlich stehts jedenfalls in einer Veröffentlichung in “Nature” vom 28. Oktober 2004. Dort prognostiziert ein internationales Forscherteam allerdings auch einen Rückgang der Sonnenaktivität in wenigen Jahrzehnten.
Und was ist hiermit?
Der Astrobiologe Prof. Chandra Wickramasinghe hat in 41 Kilometern Höhe Massen von bisher unbekannten Mikroorganismen entdeckt: “Das könnten Killerkeime sein!”
Die Theorie von Wickramasinghe, dass die Lungenkrankheit SARS aus dem Weltraum kam, hat “Bild” zwar vergangenes Jahr schon einmal als Sensation präsentiert, unterstützt wird sie aber nur von wenigen Wissenschaftlern. Manche halten sie für einen “Scherz” oder auch für ziemlich unwahrscheinlich.
Ansonsten wertet “Bild” noch Erdbeben, Meteoritenschwärme, derzeit aktive Vulkane und theoretisch mögliche Vulkanausbrüche als Alarmsignale. Was dann auch schon für eine riesige “Bild”-Schlagzeile auf Seite eins und eine große Geschichte auf Seite 12 reicht.