Wir erzählen keine Märchen.
Peter Bachér im Leitartikel der “Bild”-Zeitung am 24. Dezember 2005.
Danke an Stephan D. für die Anregung.
Wir erzählen keine Märchen.
Peter Bachér im Leitartikel der “Bild”-Zeitung am 24. Dezember 2005.
Danke an Stephan D. für die Anregung.
Am vergangenen Mittwoch berichtete die dänische Zeitung “Frederiksborg Amts Avis”, dass es in dem Schloss Kronborg, das Shakespeare als Vorlage für den Sitz seines Hamlet gedient hat, spuken soll. Eine Hellseherin sei zur Hilfe gerufen worden, die zahlreiche Gespenster vertrieben habe.
Ja. Schöne Geschichte. Die Nachrichtenagentur AP sorgte dafür, dass sie in der ganzen Welt bekannt wurde — mit der nötigen seriösen Distanz natürlich: “Angestellte sagen, in Gebäude spukt es”.
Ja. Warum nicht. Am Tag darauf berichtete die dänische Zeitung “Ekstra Bladet” über die erstaunlichen Ereignisse und ließ die Geisterjägerin Birgitte Graae (“Bild” wird sie Brigitte nennen) ausführlich zu Wort kommen.
Ja nun. Für eine Zeitung, die sich “Bild” nennt, fehlte der Geschichte allerdings noch etwas Elementares: Bilder. Fotos von Gespenstern. Und jetzt sagen Sie nicht, das sei unmöglich — “Bild” hat die Fotos. Und zwar gleich drei.
Unter dem ersten steht:
Zum Erschrecken: Als Schatten geistert diese Dame durchs Wohnzimmer.
Unter dem zweiten:
Zum Gruseln! Dieses Gespenst stürzt sich die Treppe runter. Immer wieder.
Und unter das Dritte schreibt “Bild”:
Zum Spuken! Ist das der deutsche Diener? Sogar im Schloßgarten treiben sich Geister herum.
Zumindest die Frage, ob das der deutsche Diener ist, können wir klar mit Nein beantworten. Er treibt sich auch nicht im Schlossgarten von Kronborg herum. Das Foto zeigt einen Friedhof in Everett, Washington. Es handelt sich nämlich um dieses Foto der Agentur Getty Images, die u.a. für fast jeden Zweck Symbolfotos zum Kauf anbietet — auch zum Thema weiblicher Schatten im Wohnzimmer oder Frauenfigur stürzt sich Treppe hinunter. “Bild” hat offenbar im Archiv der Firma einfach nach dem Begriff “ghost” gesucht, sich drei Ergebnisse herausgepickt und einfach behauptet, es handele sich um Aufnahmen aus dem Schloss.
Offen ist jetzt nur die Frage, ob der Redakteur, der die Fotos betexten musste, womöglich wirklich gedacht hat, es handele sich dabei um echte Gespenster.
Manchmal weiß man bei “Bild” wirklich eine ganze Menge. So wie im Fall des sogenannten “S-Bahn-Schubsers” von Hamburg. Mit Datum vom 13.05.2004 etwa kann man bei Bild.de dies nachlesen:
Anja B. (Name von der Redaktion geändert) und ihre Freundin sind auf dem Weg nach Hause.
Hervorhebung von uns
Nun gut, das ist soweit ja nichts besonderes. Da hat man eben, um die Identität des Opfers zu schützen, dessen Namen geändert.
Mit Datum vom 17.05.2004 allerdings steht bei Bild.de über dasselbe Mädchen:
Ugur I. (19) stieß Studentin Anja (21) vor einen einfahrenden Zug
Hervorhebung von uns
OK, möglicherweise heißt Anja also doch Anja, der Hinweis auf eine Namensänderung fehlt jedenfalls.
Möglicherweise heißt Anja aber auch doch nicht Anja. Jedenfalls steht mit Datum vom 1.9.2004 über denselben Fall folgendes bei Bild.de:
Silvia steigt trotz des Horrors von damals jeden Tag erneut in die Bahn.
Hervorhebung von uns
Mehrfach wird “Anja” in diesem und in einem weiteren Text Silvia genannt, wieder ohne Hinweis auf eine Namensänderung (außerdem wird sie als Schülerin bezeichnet, obwohl sie doch zuvor noch Studentin war). Vielleicht heißt Anja also Silvia.
Vielleicht aber auch nicht. Mit Datum vom 15.9.2004 jedenfalls steht bei Bild.de über denselben Fall und dasselbe Mädchen dies:
Jennifer D. hatte einen Schutzengel: Ihre Cousine reagierte blitzschnell, riss sie zurück. Gerettet!
Hervorhebung von uns
Aha. Möglicherweise heißt “Anja” also weder Anja, noch Silvia, sondern Jennifer. Der Hinweis auf eine mögliche Namensänderung fehlt hier jedenfalls auch. Und im jüngst (21.12.2005) erschienenen Text über den “S-Bahn-Schubser” heißt Anja/Silvia immer noch Jennifer.
Und sie ist übrigens auch noch immer 21, obwohl doch seit der ersten Berichterstattung über den Fall schon mehr als ein Jahr vergangen ist. Aber das nur nebenbei.
Interessanter erscheint uns da schon die Frage, ob Anja/Silvia/Jennifer eigentlich tatsächlich von ihrer Cousine zurückgerissen wurde. So wie es in den neueren Texten auf Bild.de steht. Oder ob es vielmehr so war, dass Anja/Silvia/Jennifer im letzten Moment von ihrer Freundin gerettet wurde, wie zwischendurch zu lesen war.
Am wahrscheinlichsten scheint uns allerdings, dass Anja/Silvia/Jennifer sich in Wahrheit im letzten Moment selbst an ihrer Freundin (oder Cousine) festhalten konnte. So, wie es im Text vom 13.5.2004 und in der Bildergalerie steht.
In der Bildergalerie heißt die Anja B. vom Anfang übrigens Anja M. was wiederum …
Aber lassen wir das. Manchmal “weiß” man bei “Bild” einfach zu viel.
Mit Dank für die Hinweise an Rosi R., Hendrik und Niels L.
Die “Bild”-Zeitung hatte sich in der Schuldfrage und Unfallursache schnell festgelegt. Am ersten Tag ihrer Berichterstattung über den tragischen Tod der Schauspielerin Julia Palmer-Stoll fragte sie noch: “Achtete sie nicht auf den Verkehr?” Aber schon am folgenden Tag nannte Bild.de den Fahrer des Autos in der Adresszeile “todraser”. Später berichtete “Bild” von einem Gutachten, das der Vater der Toten in Auftrag gegeben haben soll, wonach “der Unfallfahrer mindestens 70 km/h, eventuell noch schneller gefahren sein muß”. “Bild am Sonntag” legte nach: “Der Todesfahrer war viel zu schnell!”
Bewahrheitet hat sich das nicht. Nach einem Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft hätte der Fahrer zwar bremsen können, aber, so “Bild” im Oktober:
Das Gutachten hält auch fest, daß sich der Unfallfahrer an die vorgeschriebene Geschwindigkeit (50 km/h) hielt.
Heute nun berichtet die “Bild”-Zeitung, wie andere Zeitungen auch, dass die Staatsanwaltschaft gegen den Autofahrer wegen fahrlässiger Tötung einen Strafbefehl über 150 Tagessätze beantragt hat. Anders als andere Zeitungen schließt “Bild” daraus, dass das Leben von Julia Palmer-Stoll “nur 7.500 Euro wert” gewesen sei. In anderen Zeitungen steht, dass der Unglücksfahrer “mit etwa 50 Stundenkilometern” gefahren sei, also nicht schneller als erlaubt. In “Bild” steht das nicht. “Bild” nennt den Fahrer heute stattdessen:
Danke an BUG für den Hinweis.
“Bild” bringt eine Reihe von Fotos, die die vom Tsunami betroffenen Küsten Asiens zeigen — zum einen unmittelbar nach der Zerstörung und zum anderen heute, ein Jahr danach.
Bei Bild.de kam jemand auf die schlechte Idee, das so zusammenzufassen:
Alois Riehl ist — laut “Bild” — “Deutschlands beliebtester Politiker”. Einen Beleg für diese Behauptung, eine Umfrage oder ähnliches, liefert die Zeitung nicht. Unsere Vermutung wäre, dass den meisten Deutschen der hessische Wirtschaftsminister gar nicht bekannt ist.
So wie offenbar auch der “Bild”-Zeitung. Sie schreibt seinen Namen konsequent falsch. Der Mann heißt Rhiel.
Danke an Jens P.!
Nachtrag, 22. Dezember. Inzwischen hat Bild.de den Namen (inklusive der URL des Artikels) geändert.
Es gibt nichts, was sich nicht per USB anschließen ließe.
Schreibt Bild.de — und glaubt das auch. Punkt 4 in der Liste der “verrückten Geräte für den USB-Anschluss” ist ein Fondue-Set, mit dem man am Computer stilvoll Käse oder Schokolade schmelzen lassen kann (zum Frittieren reicht die Energie noch nicht aus). Das Gerät nennt sich im Original “Fundue” und ließe sich bei “Think Geek” für 29,99 Dollar kaufen…
…wenn es sich nicht nur um einen Aprilscherz handeln würde.
Danke an Marco S. für den Hinweis!
Nachtrag, 17.23 Uhr: Der Bild.de-Qualitätsbeauftragte hat inzwischen das USB-Fondue-Set durch ein USB-Mikroskop ersetzen lassen [genauer gesagt: das Fondue-Set einfach aus der Reihe gelöscht]. Allerdings war er offenbar sehr in Eile. Im eigentlichen Artikel fragt Bild.de immer noch: “(…) kennen Sie auch das Fondue-Set mit USB-Anschluß (…)?”
Nachtrag, 19.18 Uhr: Ach so, na klar, in der Überschrift steht’s natürlich auch noch:
Nachtrag, 22. Dezember: Der Qualitätsbeauftragte hat sich dann doch noch mal blicken lassen und nun alle Spuren von dem USB-Fondue-Set beseitigt.
Aus gegebenem Anlass heißt’s auf Bild.de seit ein paar Tagen:
“Alle wollen die E-Gitarre von Tokio Hotel ersteigern!”
(Hervorhebung von uns.)
Aus demselben Anlass schreibt uns BILDblog-Leser chakamoto:
“Dazu stelle ich fest: Ich nicht.”
(Hervorhebung von uns.)
Liebe Bild.de-Redaktion,
könntet Ihr in Eurer Rubrik “Top-Themen” bitte endlich die Behauptung korrigieren, auf der Erde gebe es ab heute “6,5 Millionen Menschen”, die dort seit gestern abend steht?
Nachtrag, 15:58:
Naja, so geht’s natürlich auch…
Zunächst ein paar Links zur Einstimmung.
Aber natürlich ist’s nicht weiter tragisch, wenn sich so ein Papst–Experte wie Andreas Englisch nicht mit künstlicher Besamung oder, sagen wir, mit der Geschichte der Primatenforschung auskennt. Muss er ja auch nicht, steht ja alles in der Zeitung. Genauer gesagt stand am Sonntag in der italienischen Zeitung “La Repubblica”, dass zuvor in der russischen Zeitung “Moskowskij Komsomolez” gestanden habe, was sich anderntags unter Englischs Namen auch in “Bild” wiederfand – nämlich (um es mit “Bild” zusammenzufassen):
Die Sache an sich ist nicht uninteressant (vor allem wo doch gerade “King Kong” im Kino läuft), wie erst jüngst die schweizerische “Le Temps” belegte, die ihrerseits wiederum durch die “New York Times” auf das Thema gekommen sein dürfte.
Ob das mit Stalin und den Affen-Menschen also tatsächlich die “Repubblica” “enthüllte”, wie “Bild”-Reporter Englisch gestern schrieb, wagen wir zu bezweifeln. Ob das darüber hinaus alles “jetzt” passierte, ist zumindest Auslegungssache. Die ZDF-Sendung “aspekte” jedenfalls berichtete schon im Juli 2004 über den russischen Forscher Ilja Iwanow bzw. darüber, “wie die Sowjetunion den idealen Sozialisten züchten wollte”, das US-Magazin “Fate” immerhin im April diesen Jahres, und der russische Wissenschaftler Kirill Rossiianov hat sich bereits Jahre vorher mit Iwanows Arbeit befasst und seine Forschungsergebnisse 2002 in einem 39-seitigen, aufschlussreichen Fachaufsatz veröffentlicht.
Machen wir’s also kurz: Laut Rossiianov kam es aus verschiedensten Gründen nie zur Züchtung irgendwelcher “Affen-Menschen”, andere Behauptungen in “Bild” erscheinen verglichen mit Rossiianovs Erkenntnissen zumindest abwegig.
Und dass Iwanow, wie “Bild” behauptet, “1931 in einem Arbeitslager in Kasachstan” starb, ist schlicht falsch. Wie man in der Encyclopædia Britannica, aber auch in “La Repubblica” (also der “Bild”-Vorlage) nachlesen kann, starb er erst 1932, genauer, am 20. März 1932, sechs Wochen nach seiner Entlassung aus dem Arbeitslager, einen Tag vor seiner Rückreise nach Moskau. Das ist tragisch.
PS: Den “Bild”-Artikel (nach einer “Repubblica”-Idee) mit einen Foto aus einem der “Planet der Affen”-Filme aus den 60er/70er Jahren zu illustrieren (siehe Ausriss oben) und direkt danebenzuschreiben, “Stalins perverse Träume nahmen vorweg, was der Hollywood-Streifen ‘Planet der Affen’ 2001 inszenierte”, ist hingegen einfach nur komisch.
Mit Dank an Daniel S., Thomas H. und Ron für die Hinweise sowie Michael B. für die Unterstützung.