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Fotos aus Tralien

Es gibt Nachrichten, da fragt man sich, wie es dazu kommen konnte.

Nehmen wir zum Beispiel eine Meldung aus der Rubrik “Vermischtes”, die AFP heute Mittag verschickte, und die wie folgt begann:

Nach einem Streit hat ein 18-jähriger Australier Nacktfotos von seiner Mutter im Internet zum Verkauf angeboten. Der junge Mann namens Michael hatte sich geärgert, weil er die Garage sauber machen sollte, berichtete die Zeitung “Herald on Sunday”.

Dabei soll es weniger darum gehen, dass ein 18-Jähriger Nacktfotos seiner Mutter im Internet verkaufen wollte (obwohl man sich auch dort natürlich fragt, wie es dazu kommen konnte), sondern um das Wort “Australier”.

Die Zeitung, aus der AFP im Verlauf der Meldung noch mehrfach zitiert, beginnt ihren Bericht nämlich mit den Sätzen

Die meisten Menschen würden bei dem Gedanken erschaudern, Fotos ihrer Mutter in Reizwäsche und Strumpfhaltern zu sehen.

Nicht so der Schüler/Student Michael aus Auckland — der zweimal versucht hat, solche flotten Bilder bei Trade Me zu verkaufen.

Und dass damit offenbar tatsächlich das neuseeländische Auckland gemeint ist, kann man ganz gut davon ableiten, dass die Zeitung mit vollem Namen “The New Zealand Herald” heißt.

(Gegenprobe: Die australische “Herald Sun” spricht von einem “KIWI teenager”, wobei “Kiwi” ein gebräuchlicher Spitzname für Neuseeländer ist.)

Wie gesagt: Wir haben keine Ahnung, wie AFP bei dieser Ausgangslage auf die Idee kommen konnte, der junge Mann sei Australier. Und dass man die Nachricht dann trotzdem mit der Ortsmarke “Wellington” (das ist die Hauptstadt Neuseelands) versendete, macht die Sache nicht logischer.

So gesehen ist es vermutlich fast eine Verbesserung, dass “Spiegel Online” die Geschichte in “Sydney” spielen lässt …

Mit Dank an Clem für den Hinweis.

Nachtrag, 18:45 Uhr: Um 17:49 Uhr verschickte AFP eine korrigierte Meldung, in der es nun um Neuseeland geht, und auch “Spiegel Online” hat seinen Artikel korrigiert und mit einem entsprechenden Hinweis versehen.

Eine Welt voller Kinderschänder

Vielleicht liegt es ja an der allgemeinen Aufregung um das Thema, dass man in Redaktionen inzwischen nahezu alles für denkbar hält, was mit Kinderpornographie zu tun hat. Sogar, dass es sich dabei in den allermeisten Ländern der Welt um etwas handelt, was nicht einmal strafbar ist. Jedenfalls schreibt die Nachrichtenagentur AP in ihrer Berichterstattung über eine europäische Konferenz zum Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt in den Medien:

Denn eines der größten Probleme sei die weltweite Verfügbarkeit kinderpornografischer Bilder. Die Ministerin [von der Leyen] wies darauf hin, dass Kinderpornografie in 95 Prozent der Länder weltweit noch kein Straftatbestand sei.

Und auch “Spiegel Online” plappert munter und unreflektiert nach:

Die Ministerin wies darauf hin, dass Kinderpornografie in 95 Prozent der Länder weltweit noch kein Straftatbestand sei.

95 Prozent aller Länder weltweit? Das wäre dann in der Tat skandalös — und ebenso erstaunlich, dass dies bisher noch nirgends thematisiert worden ist. Was aber auch daran liegen könnte, dass nicht mal Ursula von der Leyen so etwas behaupten würde. Mitgeteilt hat die Bundesregierung stattdessen:

Sie [von der Leyen] machte darauf aufmerksam, dass es weltweit knapp 100 Länder gebe, in denen Kinderpornographie kein Straftatbestand sei.

Und selbst diese Zahlen — die dann noch ziemlich weit von “95 Prozent aller Länder” entfernt sind — könnte man übrigens noch massiv anzweifeln.

Mit Dank an Gerd K. und andere Hinweisgeber!

Nachtrag, 3.7.: “Spiegel Online” hat den Text korrigiert — und erklärt auch, warum.

Alle fünf mal grade weglassen

Der Lissabon-Vertrag, über dessen Rechtmäßigkeit heute das Bundesverfassungsgericht entschieden hat, hatte bei der Abstimmung im Bundestag im vergangenen Jahr eine breite Mehrheit gefunden. Aber ganz so dramatisch, wie es “Spiegel Online” heute darstellt, ist es dann doch nicht. Dort hieß es zunächst:

Die CSU-Abgeordneten Gauweiler und Willy Wimmer hatten als einzige gegen den Lissabon-Vertrag gestimmt.

Dabei hat die Fraktion der “Linken”, die auch gegen den Vertrag geklagt hat, schon damals fast geschlossen gegen den Gesetzesentwurf der Bundesregierung gestimmt. Offenbar hat das irgendwann auch jemand bei “Spiegel Online” gemerkt und nebenbei die Parteimitgliedschaft von Willy Wimmer korrigiert. Nun lautet die Passage:

Die Unions-Abgeordneten Gauweiler (CSU) und Willy Wimmer (CDU) hatten als einzige aus ihrer Fraktion im April 2008 im Bundestag gegen den Lissabon-Vertrag gestimmt.

Doch auch das stimmt nicht. Übersehen hat “Spiegel Online” noch fünf weitere Unionsabgeordnete, darunter auch den heutigen CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, die gegen den Vertrag stimmten. Was übrigens gar nicht schwer herauszufinden gewesen wäre, schließlich sind alle namentlichen Abstimmungen auf der Webseite des Bundestags fein säuberlich dokumentiert.

Als die Nachrichtenagentur AFP dann aber um 11.35 Uhr eine Meldung absetzte, die sich weitgehend auf “Spiegel Online” beruft, kam es (womöglich beim Kopieren) zu einer nicht nur faktisch, sondern auch grammatisch unglücklichen Formulierung:

Wimmer hatte zusammen mit Gauweiler als einzige Abgeordnete der Unionsfraktion im April 2008 gegen den EU-Verfassungsvertrag im Bundestag gestimmt.

Mit Dank an Fabian L.

Nachtrag, 20:30 Uhr. “Spiegel Online” hat sich korrigiert.

Polenflugwarnung

Weil Prinz Fürst Albert von Monaco in einem Interview gesagt hat, dass er erst dann heiraten wird, wenn er heiraten wird, schenkt “Spiegel Online” uns einen vielteiligen Blick in das Fotoalbum der Familie — und den Bio- und Erdkunde-Lehrern der Nation wieder einmal frisches Material für das beliebte Spiel: “Was stimmt hier nicht?”

Im April 2006 nahm Albert II. an einer Nordpolexpedition teil, die anlässlich des 100. Jahrestages der Arktisexpedition seines Ururgroßvaters, Fürst Albert I., veranstaltet wurde.

(Natürlich ist bei Fürstens nicht ausgeschlossen, dass ein Pinguin für ein spektakuläres Foto um die halbe Welt geflogen wurde. In diesem Fall war es dann aber doch nicht so.)

Mit Dank an Uwe M. und Steffen S.

Nachtrag, 30. Juni. “Spiegel Online” hat sich in einer “Anmerkung der Redaktion” korrigiert:

In dieser Fotostrecke befand sich ein Bild von Albert mit einem Pinguin, versehen mit dem Text, der Fürst sei auf einer Nordpolexpedition gewesen. Tatsächlich gibt es am Nordpol keine Pinguine. Wir haben das Bild entfernt und bitten den Fehler zu entschuldigen.

Das Foto einfach mit dem passenden Text zur Südpol-Expedition Alberts zu versehen, war den Kollegen wohl zu riskant.

“Kein falscher Eindruck entstanden”

Aus dem Pressekodex (Ziffer 2 und 3):

Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden. (…) Symbolfotos müssen als solche kenntlich sein oder erkennbar gemacht werden.

(…) Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtig zu stellen.

Soweit die Theorie. Und jetzt zur “Welt am Sonntag”. Nach dem Amoklauf von Winnenden war dort nämlich ein Artikel des “WamS”-Chefs Thomas Schmidt erschienen, (zu dem sich vieles sagen lässt und) den die “WamS” wie folgt präsentierte:

Weil das große Foto neben der überschrift aber nicht, wie sich hätte vermuten lassen, den Amokläufer, sondern einen namenlosen, trauernden Jungen in Winnenden zeigt (und BILDblog sich deswegen beim Presserat beschwerte), wurde die “WamS”-Veröffentlichung nun als Verstoß gegen o.g. Ziffern des Pressekodex beanstandet — und vom Presserat ein sog. “Hinweis” erteilt.*

“WamS” laut Presserat:

“Die Redaktion habe Trauer und Hilflosigkeit bebildern wollen, die die Tat hinterlassen habe und die in dem Gesichtsausdruck des gezeigten jungen Mannes zum Ausdruck komme. Die Bebilderung sei unglücklich gewählt bzw. hätte mit einer separaten Bildunterschrift versehen werden müssen, um jeden noch so geringen Zweifel an der Identität der gezeigten Person auszuschließen. Dies sei bedauerlicherweise nicht geschehen.”

Die “WamS” selbst zeigt sich in ihrer Stellungnahme zur Beschwerde übrigens zunächst einsichtig (siehe Kasten). Laut Presserat versuchte das Blatt jedoch auch zu begründen, warum die Redaktion sich selbst nicht wenigstens nachträglich korrigierte:

Ein Hinweis in der darauffolgenden Ausgabe sei allerdings verworfen worden, da die Redaktion davon überzeugt gewesen sei, dass Mediennutzer das Aussehen des Amokläufers Tim K. bereits vor Erscheinen der WELT AM SONNTAG gekannt hätten. Insofern gehe man (…) davon aus, dass mit der Seitenoptik kein falscher Eindruck entstanden sei und der deshalb auch nicht habe korrigiert werden müssen. Der Redaktion lägen auch bis heute keine gegenteiligen Erkenntnisse vor, insbesondere seien keine rechtlichen oder sonstigen Beschwerden des jungen Mannes bekannt geworden (…).

Es klingt, als wolle die “WamS” damit sagen: Eigene Fehler müssen nur grob und offensichtlich genug sein, um sie nicht selbst korrigieren zu müssen — “insbesondere” dann nicht, wenn sich niemand beschwert oder rechtlich dagegen vorgeht, oder?

*) Ein “Hinweis” ist die schwächste Sanktionsform des Presserates — und für das betroffene Medium folgenlos.

Prantl, Nerds, Resolutionen

1. “‘Das Internet’ gibt es nicht”

(spiegel.de, Christian Stöcker)

“Es wird viel geschimpft auf ‘das Internet’ in diesen Tagen. Es macht dumm, es ist der Feind des Geistes, es tut demokratisch, ist es aber nicht, behaupten seine Kritiker. Alles Quatsch, findet Christian Stöcker – ‘das Internet’ existiert gar nicht.”

2. “Leidenschaft statt Larmoyanz, Haltung statt Beliebigkeit”

(sueddeutsche.de, Heribert Prantl)

Der anlässlich der Jahrestagung von Netzwerk Recherche gehaltene Vortrag von Heribert Prantl (pdf, 48kb) wurde in einen lesenswerten Text gegossen. Prantl hält Zeitungen wie FAZ, Spiegel, Zeit, Welt, Frankfurter Rundschau und die taz für “systemrelevant”. Dennoch spricht er sich ausdrücklich gegen Staatsfinanzierungen aus: “Keine Solidaritätsabgabe für die Presse, keine Staatsbürgschaft, kein Hilfspaket und keinen Notgroschen. Den Zeitungen fehlte es gerade noch, dass es bei ihnen zugeht wie beim ZDF (…).”

3. “Die korrigierte Resolution im Wortlaut”

(blogbar.de, Don Alphonso)

Schutz im Internet” fordern die deutschen Verleger, unter anderem Axel Springer, Bauer, Gruner + Jahr, der Spiegel- und der Zeitverlag. Don Alphonso kommentiert die einzelnen Sätze der Resolution.

4. “10 Sätze zur Zukunft des Journalismus”

(agorazein.de)

“10 Sätze zur Zukunft des Journalismus, auf die ich beim Netzwerk-Recherche-Tag 09 vergebens gehofft habe.”

5. “Schlechte Quoten für das RTL-Special zur Becker-Hochzeit”

(meedia.de, Stefan Winterbauer)

“Die Hochzeitsvorbereitungen von Ex-Tennisspieler Boris Becker und seiner Verlobten Lilly Kerssenberg interessierten am Sonntag nur 1,29 Millionen 14- bis 49-jährige Zuschauer. (…) Der Fall Becker ist ein Lehrstück für Selbstvermarktung, die an ihre Grenzen stößt.”

6. “Can Computer Nerds Save Journalism?”

(time.com, Matt Villano)

“A cadre of newly minted media whiz kids, who mix high-tech savvy with hard-nosed reporting skills, are taking a closer look at ways in which 21st century code-crunching and old-fashioned reporting can not only coexist but also thrive.”

dpa  etc.

Piratenpartei bringt Medien zum Kentern

In Schweden hat die Piratenpartei auf Anhieb einen Sitz im Europaparlament erobert. Auch in Deutschland stimmten gestern bemerkenswerte 0,9 Prozent für diese junge Partei, die von der “Bild”-Zeitung “Gaga-Verein” genannt wird.

Eigentlich war es also eine gute Idee von der deutschen Nachrichtenagentur dpa, kurz zu erklären, wer diese Piraten sind. Wenn sie es denn getan hätte. Stattdessen veröffentlichte sie gestern Abend um 21.22 Uhr und noch einmal um 22.50 Uhr folgenden Text:

Schwedische Internet-Piraten im EU-Parlament

Bei den Europawahlen in Schweden hat die für kostenlose Downloads aus dem Internet eintretende Piratenpartei aus dem Stand 7,4 Prozent der Stimmen geholt. (…) Hintergrund für die Kandidatur war die Verurteilung von vier Verantwortlichen der Internet-Tauschbörse The Pirate Bay wegen Verletzung des Urheberrechts. Die Börse ermöglicht das kostenlose Herunterladen von Musik, Filmen und Computersoftware aller Art. (…)

Richtig ist, dass die Piratenpartei für eine radikale Änderung des Urheberrechts kämpft. Das auf “kostenlose Downloads aus dem Internet” zu reduzieren, ist schon gewagt. Eindeutig falsch ist aber die Behauptung, dass das Pirate-Bay-Urteil Hintergrund der Kandidatur war. Das ist schon zeitlich unmöglich, weil es erst am 17. April 2009 fiel. Die Piratenpartei wurde am 1. Januar 2006 gegründet und hatte noch im selben Jahr angekündigt, bei der Europawahl antreten zu wollen. Piratenpartei und Pirate Bay entstammen derselben Bewegung, sind aber nicht direkt miteinander verbunden.

Weil sich die professionellen deutschen Online-Medien auf die ungeprüfte Weitergabe solcher Meldungen spezialisiert haben, stehen die Fehler von dpa heute überall: Auf den Online-Seiten von “Focus Online”, der “Frankfurter Neuen Presse”, der “Kieler Nachrichten”, der “Gießener Allgemeine”, der “Leipziger Volkszeitung”, der “Welt”, der “Süddeutschen Zeitung” und vielen anderen.

Die meisten haben auch gleich Foto und Bildtext von dpa übernommen, in dem es schlicht und falsch heißt:

Nachtrag, 15 Uhr. Um 13:21 Uhr hat dpa die Meldung teilweise korrigiert. In einer Berichtigung heißt es nun: “Hintergrund für den Erfolg der Kandidatur war die Verurteilung von vier Verantwortlichen der Internet-Tauschbörse The Pirate Bay wegen Verletzung des Urheberrechts. ”

Eine halbe Stunde später veröffentlichte die Nachrichtenagentur eine neue, differenziertere Meldung “Schwedische Piratenpartei auf Erfolgswelle”, mit der die meisten der oben genannten Online-Medien die alte Meldung ersetzt haben. “Focus Online” hat stattdessen eine etwas kryptische Korrektur veröffentlicht.

Die Online-Redaktion der “Frankfurter Neuen Presse” reagiert angesäuert auf die Kritik an der falschen Meldung:

Als ob wir diese Meldung wider besseres Wissen veröffentlicht hätten. Wie sollen Kunden von Nachrichtenagenturen, also Zeitungen, jede einzelne Meldung überprüfen? Hunderte, tausende täglich. Die Agenturen sind dazu da, dass sie uns korrekt recherchierte Meldungen und Artikel zukommen lassen. (…)

Mit Dank an David K. und Michi!

Bild  

No Son Of Mine

Im Berliner Abgeordnetenhaus ist kürzlich eine Abgeordnete gebeten worden, ihr Baby in einem Nebenraum oder doch wenigstens in einer der hinteren Reihen des Plenarsaals zu stillen.

Diese Episode nimmt “Bild” zum Anlass, um sich in der Berliner Ausgabe unter der etwas übergeigten Überschrift

Baby-Zoff im Parlament - Spielgruppe Abgeordnetenhaus. Berlins Politikerinnen stimmen zwischen Windelwechsel und Stillen ab

nicht nur über die “Krabbelgruppe Parlament” lustig zu machen, sondern auch “Abgeordnete und ihre Sprösslinge” vorzustellen.

Wie egal der Zeitung dabei die konkreten Personen waren, zeigt der Fall von Fabian, Sohn der Grünen-Abgeordneten Lisa Paus:

Krabbelgruppe Parlament. Der kleine Fabian zieht seinen Papa Olaf Reimann (Grüne) an der Nase

Die Namen der Abgebildeten stimmen, doch ein entscheidendes Detail ist falsch.

Fabians Mutter Lisa Paus zu BILDblog:

Olaf Reimann ist unser Mitarbeiter für IT-Fragen — aber mitnichten der Vater des Kindes. Der tatsächliche Vater will trotz dieser “Enthüllungen” auf einen Vaterschaftstest verzichten. Sein Name ist Dietmar Lingemann.

Nachtrag, 31. Mai: Während Fabian bei Bild.de immer noch einen falschen Vater hat, hat “Bild” den Fehler in der Berliner Printausgabe inzwischen ausführlich korrigiert:

Reimann nicht Vater vom kleinen Fabian (4 Monate).

JFK, die Praktikantin und das verflixte 6. Jahr

Wir haben lange kein falsches Alter mehr korrigiert …

Also: Marion “Mimi” Fahnestock, die Bild.de heute als “60-jährige Mitarbeiterin einer Kirche” bezeichnet, ist in Wirklichkeit schon 66 Jahre alt.

Das hätte man auch ganz leicht selbst überschlagen können, denn Bild.de berichtet über sie, weil sie als 19-jährige Praktikantin im Weißen Haus eine Affäre mit John F. Kennedy hatte, die “im Juni 1962” begonnen haben soll. Wenn Fahnestock also tatsächlich erst 60 wäre, wäre sie zum Zeitpunkt der Affäre maximal 14 Jahre alt gewesen, was wirklich mal eine Meldung wäre.

So ist die Meldung nicht ganz so sensationell und wie folgt überschrieben:

John F. Kennedy und seine Affären: Er hatte Sex mit einer 19-jährigen Praktikantin

41 Jahre lang hat Marion “Mimi” Fahnestock ihre Liebesbeziehung im Weißen Haus für sich behalten. Weder ihre Ehemänner, noch ihre Töchter wussten bis jetzt, dass Mimi über ein Jahr die Geliebte des US-Präsidenten John F. Kennedy war!

Das mit den 41 Jahren stimmt, aber es ist eher unwahrscheinlich, dass Ehemänner und Töchter “bis jetzt” nicht wussten, dass Marion Fahnestock als 19-jährige Praktikantin im Weißen Haus eine Affäre mit John F. Kennedy hatte. Denn das Buch “John F. Kennedy, 1917-1963”
von Robert Dallek, in dem die Affäre erstmals erwähnt wurde, ist bereits im Jahr 2003 erschienen. Zufälligerweise zu einer Zeit, als Fahnestock tatsächlich 60 Jahre alt war.

Insofern ist natürlich das ganze Bild.de-Gerede von “jetzt” und “nun” ziemlicher Quatsch:

Nun bekennt sich die 60-jährige Mitarbeiterin einer Kirche öffentlich zu dem Sex-Geheimnis: “Ja, ich hatte eine sexuelle Beziehung mit dem Präsidenten. Ich bin froh, dass ich meinen erwachsenen Kindern endlich die ganze Wahrheit sagen kann.”

Denn bekannt hatte sich die Frau schon vor sechs Jahren, und damals sagte sie auch, was Bild.de als “nun” zitiert.

Dass Bild.de über den Fall jetzt noch einmal berichtet, lässt sich leicht erklären: Die ehemalige Praktikantin und Geliebte hat vergangene Woche angekündigt, ein Buch über ihre Zeit im Weißen Haus zu schreiben.

Die Mimi-Ur-Enthüllung in “Bild”:

“Auch Kennedy liebte Praktikantin
Der Ur-Clinton …”
15. Mai 2003

“Kirchenfrau gesteht Affäre mit Kennedy”
16. Mai 2003

“Sie kam 17 Monate zu Kennedy ins Bett. Amerika staunt! Immer neue Details über den ersten Praktikanten-Sex im Weißen Haus”
17. Mai 2003

“Die Sex-Akte Kennedy …”
19. Mai 2003

“Mimi vergaß den Slip in Kennedys Bett”
24. Mai 2003

Warum Bild.de sich so sehr zwischen Gegenwart und Vergangenheit verheddert, lässt sich nicht ganz so leicht erklären. Vielleicht war der Redaktions-Praktikant einfach überfordert mit der Aufgabe, die Sache als sensationelle Neuigkeit darzustellen, nachdem er die fünf Artikel im Archiv entdeckt hatte, die “Bild” dem Thema im Mai 2003 gewidmet hat (siehe Kasten rechts).

Mit Dank auch an Robert.

Das Phantom der Oper

Man könnte es positiv formulieren und sagen: Die bei Bild.de machen Dinge halt nicht auf den letzten Drücker. So einen Text für den Reiseteil über die Taufe eines umgebauten Kreuzfahrtschiffes zum Beispiel, den kann man gepflegt im Voraus schreiben und einfach so programmieren, dass er später automatisch publiziert wird. Kein Grund, Überstunden zu machen. Was soll bei so einer Schiffstaufe schließlich schon Unvorhergesehenes passieren?

Opern-Star Anna Netrebko sang zur Taufe

Ach ja. Dies:

Pollen-Allergie: Anna Netrebko sagt Auftritt ab

Schon um 13.56 Uhr hatte das “Hamburger Abendblatt” gestern berichtet, dass der Opern-Weltstar nicht singen werde; eine halbe Stunde später meldete das auch die Nachrichtenagentur dpa. Der zuständige Bild.de-Redakteur muss also richtig früh ins Wochenende gegangen sein — oder geschlafen haben.

Und er kann nicht sagen, dass er nicht gewarnt gewesen wäre:

Mit Dank an Hartmut M., Linus G. und Lars F.

Nachtrag, 12.05 Uhr. Bild.de hat Überschrift und Artikel geändert und schreibt darin nun nicht mehr, das Netrebko zur Taufe “sang”, sondern “kam” (was stimmt).

Vermutlich weil es sonst zu konsequent wäre, behauptet Bild.de nun aber in einem Bildtext: “Opern-Star Anna Netrebko sang die feierliche Hymne ‘Ocean of Love'”. Denselben Fehler machten bis vor wenigen Minuten auch die Kollegen von “Spiegel Online”, denen es außerdem gelungen war, in eine korrekte dpa-Meldung den falschen Satz zu redigieren, dass Netrebko “für die musikalische Unterhaltung der Gäste” gesorgt hätte (inzwischen korrigiert).

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