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Milch, 11 Freunde, Zeitungssucht

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Vom Regen in die Traufe”
(merkur.de, Markus Collalti)
Markus Collalti stellt fest, dass im Web “die altvertraute Physis traditioneller Medien” nicht mehr existiert und sieht die Milch (= die produzierten Inhalte) im Internet unrückholbar ausgeschüttet. Es habe “etwas Bigottes, einen Eimer Milch in diesen Fluss zu schütten und dann vom Gesetzgeber zu verlangen, er möge doch bitte dafür Sorge tragen, dass diese Milch als Eigentum geschützt bleibe.”

2. Interview mit Phillip Köster
(meedia.de, Alexander Becker)
Chefredakteur Phillip Köster blickt zurück auf hundert Ausgaben des Fußballmagazins “11 Freunde”: “In Wahrheit waren wir nach 2,5 Jahren so gut wie pleite. Ob Marketing, Anzeigenakquise oder Vertrieb: Wir haben am Anfang in den verlegerischen Dingen fast alles falsch gemacht.”

3. “Die Leiden des Zeitungssüchtigen”
(freitag.de, Michael Angele)
“Wer, so muss man fragen, ersetzt uns dieses Rascheln, wenn es keine Zeitung mehr gibt?”, fragt Michael Angele, der eine Sucht nach beschriebenem Papier beschreibt. Dirk von Gehlen antwortet darauf: “Zeitungssucht rettet die Zeitung nicht”.

4. “Es schnüffelt”
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier hat “einige winzige Anmerkungen zur aktuellen Schlammschlacht zwischen ‘Stern’ und ‘Bunte'”.

5. “Kommentieren Sie unter Ihrem richtigen Namen!”
(badische-zeitung.de)
Das Online-Portal der “Badischen Zeitung” will keine Kommentare mit Fantasienamen mehr zulassen: “Jeder Kommentar-Autor wird darüber explizit auf badische-zeitung.de informiert und gebeten, dieser Änderung der Netiquette zuzustimmen. Ohne diese Zustimmung können keine weiteren Kommentare veröffentlicht werden.”

6. “Wie alles begann vor 29 Jahren”
(kalender-fel.blogspot.com, Markus Felber)
Markus Felber ist nun schon 29 Jahre als Berichterstatter am Bundesgericht in Lausanne akkreditiert. Er stellt Veränderungen fest: “Während ich früher schon mal zur Kopfwäsche zitiert wurde, mich anschliessend aber auch verteidigen oder entschuldigen konnte, erfahre ich heute nur noch um mehrere Ecken herum, welcher Richter über mich lästerte und gegenüber welchem Kollegen, der dann seinem Mitarbeiter darüber berichtete, der das Büro gleich neben einem anderen hat, der wiederum …”

Bild  

Verwirbelte Verantwortung

Eine Woche vor dem Traditions-Derby des FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund bemüht sich “Bild” weiterhin redlich, die Stimmung auf ein ungesundes Niveau anzuheizen. Nachdem “Sportbild” dem Dortmunder Profi (und erklärtem BVB-Fan) Kevin Großkreutz in einem Fragebogen einen Seitenhieb auf den Gelsenkirchener Konkurrenten untergejubelt hatte und sich daraus eine Schlagzeile zurechtbog (BILDblog berichtete), kann “Bild” heute in der Ruhrgebietsausgabe folgendes berichten:

KLOPP SCHÜTZT GROSSKREUTZ: "Ich habe schallend darüber gelacht"

Wirbel um den Kinderheim-Spruch von Kevin Großkreutz. Gestern schaltete sich sogar BVB-Trainer Jürgen Klopp (42) ein…

Das ist natürlich auch eine Art von Journalismus: Erst Windmaschinen aufstellen und dann den “Wirbel” beschreiben — fast so wie Feuerwehrmänner, die selber Brände legen.

“Eingeschaltet” hat sich Klopp übrigens gestern, als er auf einer Pressekonferenz auf den “Fall Großkreutz” angesprochen wurde. Und sich alsbald die Pressevertreter selbst vornahm:

… und die Freunde hier schaffen es tatsächlich, heute so’n Ding draus zu machen, um anschließend uns alle dazu aufzufordern, Ruhe zu bewahren, damit die Zuschauer sich nicht gegenseitig rund um so’n Spiel auf den Kopf hauen. (…)

Dann schafft Ihr’s jetzt tatsächlich, da so’n Thema draus zu machen — find ich beeindruckend, weil wir müssen anschließend dafür sorgen: “Ja, so war’s doch gar nicht gemeint …” (…) Bin ich gespannt, wie wir das hinkriegen.

“Bild” tut unterdessen so, als falle der Veröffentlichungstermin eines “Sportbild”-Fragebogens in den Zuständigkeitsbereich des Spielers:

Jetzt der dritte Großkreutz-Akt – nur eine Woche vorm nächsten Revier-Derby.

So richtig erfolgreich scheint “Bild” beim Anheizen aber nicht zu sein: Den Satz

Was für Klopp ein Scherz ist, empfinden viele Schalke-Fans als erneute Provokation von Großkreutz

untermauert “Bild” mit keinem einzigen Beispiel — dabei hätte sich in Schalker Fan-Foren sicherlich der ein oder andere böse Kommentar über Großkreutz gefunden.

Allerdings auch Einschränkungen wie diese:

Wobei man hier mal wieder sehr schön die perfide Stimmungsmache der BLÖD sehen kann: Sie titeln “Peinlicher Spruch von Großkreutz… der BxB-Profi heizt die Stimmung an, hat er denn nix gelernt?” , obwohl es sich um eine VORFORMULIERTE ANTWORTMÖGLICHKEIT in einem Sportblöd-Fragebogen handelt! Erst locken sie erwiesene geistige Tiefflieger auf derlei Aussagen und dann zündeln sie, um dann hinterher “unschuldig” auf Großk*** zu verweisen… Wahrscheinlich hoffen sie insgeheim auf “richtig schöne” Derbyausschreitungen, die sie dann genüßlich ausschlachten können.

Bei derlei Methoden kann ich gar nicht so viel essen, wie ich k**zen möchte! Und weder Schalker noch Dortmunder Fans sollten darauf reinfallen.

Offenbar wollte man nicht mal beim FC Schalke selbst auf den Zug aufspringen, den “Bild” so schön ins Rollen zu bringen versucht:

Die Königsblauen schütteln ob des neuen Vorfalls nur mit dem Kopf. Neuer: “Dazu sage ich nichts mehr…”

Das stand jedenfalls so ähnlich auch schon gestern in der Zeitung:

Nun der provozierende Heim-Spruch. Und Neuer? Der gibt sich cool: “Dazu sage ich nichts mehr.”

Drei Mal bezeichnet “Bild” im Artikel die von Kevin Großkreutz angekreuzte Antwortmöglichkeit im “Sportbild”-Fragebogen als “Kinderheim-Spruch”. So auch im letzten Satz des Artikels:

Großkreutz und der Kinderheim-Spruch – gestern hat Klopp ihm ein striktes Interview-Verbot erteilt. Bis zum Derby…

Und was das für ein Interview-Verbot war, erklärt Klopp vielleicht am Besten selbst im Wortlaut auf der Pressekonferenz:

Ich werde [Kevin] raten, einfach mit niemandem mehr über dieses Spiel zu sprechen. Sollten irgendwelche Interviews abgemacht sein, sind die in diesem Moment abgesagt, zum Thema Schalke. Weil er anscheinend machen kann, was er will, es wird anschließend ‘ne Riesengeschichte draus gemacht, weil er nun mal ‘n Dortmunder ist. Und deswegen wird’s keine Geschichte geben. Und ich bin am Überlegen, ob wir meine Termine, die in diesem Bereich abgeschlossen wurden, ob wir die nicht auch absagen. Es ist einfach zu gefährlich: Man kann nicht oft genug drüberlesen, um nicht anschließend ‘ne Geschichte zu machen, die man vier Tage wieder glattbügeln muss.

Und ich finde es so wichtig, dass es in diesem Spiel nur um Fußball geht und um nichts anderes; dass jeder dafür in der Verantwortung steht. Und ich werde meine Spieler darauf hinweisen, dass sie dieser Verantwortung gerecht werden. Ich werde ihr gerecht werden — und dann gibt’s Menschen, die wir nicht beeinflussen können, die müssen ihr aber auch gerecht werden. Und das ist anscheinend nicht so leicht.

Offensichtlich steht dem verantwortungsbewussten Verhalten von “Bild” vor allem eines im Wege: das Fehlen von Verantwortungsbewusstsein.

Jeder nur ein Großkreutz

Sie sind Sportjournalist, es sind nur noch zehn Tage bis zum Derby zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund und es liegt noch nicht genug Spannung in der Luft? Nichts, worüber Sie berichten könnten?

Kein Problem, bauen Sie sich einfach Ihre Schlagzeile selbst — “Sportbild”, “Bild” und Bild.de zeigen in einer konzertierten Aktion, wie es geht:

  • Gehen Sie zu dem Dortmunder Spieler, von dem überliefert ist, dass er “Schalke wie die Pest hasst” und der schon beim letzten Derby für Diskussionen gesorgt hatte.
  • Legen Sie ihm einen Fragebogen vor, dessen Antwortmöglichkeiten möglichst großes Konfliktpotential bieten, und hoffen Sie auf das Beste:
    2. Wenn mein Sohn Schalke-Fan wird ... dann kommt er ins Heim
  • Übergeben Sie das Thema an Deutschlands meistgeklicktes “Nachrichten-Portal” und drehen Sie richtig auf:

    BVB-Star Großkreutz in einem Fragebogen: Wenn mein Sohn Schalke-Fan wird, kommt er ins Heim. KEVIN GROSSKREUTZ: Dortmund-Profi ledert wieder gegen Schalke. Dortmunds Kevin Großkreutz ist schon länger das Hass-Objekt aller Schalke-Fans. 10 Tage vor dem Revier-Derby gießt der Jung-Profi erneut Öl ins Feuer.  mehr ...

    Peinlicher Spruch von BVB-Star Kevin Großkreutz (21)!

    10 Tage vor dem Derby Schalke gegen Dortmund macht sich Großkreutz bei den königsblauen Anhängern richtig unbeliebt.

    Verzichten Sie nicht auf selbsterfüllende Prophezeihungen:

    Großkreutz heizt die Stimmung an. Hat er denn nichts gelernt?

    Im letzten Sommer machte sich der Dortmunder schon zum Hass-Objekt aller Schalke-Fans.

    Für den Fall, dass der Artikel komplett gelesen wird, können Sie gegen Ende auch noch Ihre Hände in Unschuld waschen:

    Jetzt die nächste überflüssige Provokation in Richtung Schalke. Übrigens: Mit “Stimme ich ihn um” und “Gibt es keinen Fußball-Gott” gab es zwei viel harmlosere Alternativen.

  • Am nächsten Tag übernimmt dann einfach die regionale Print-Ausgabe:

    Großkreutz spottet: Wenn mein Sohn Schalke-Fan wird, dann kommt er ins Heim!

    Erinnern Sie die Leser auch noch mal daran, um wen es da eigentlich geht:

    Die nächste Anti-Königsblau-Aktion von Großkreutz (stand vor seiner Karriere als Fan auf der Dortmunder Südtribüne), der sich offen zu seiner Schalke-Allergie bekennt: “Die sind mein Feindbild Nr. 1. Ich hasse Schalke wie die Pest!”

  • Wenn die ersten anderen TrashPortale auf das Thema anspringen (und dabei dankenswerterweise die Information unterschlagen, dass “kommt er ins Heim” eine vorgegebene Antwortmöglichkeit war), können Sie sich entspannt zurücklehnen und bis zum Derby über die “angeheizte Stimmung” schreiben.

Mit Dank an Marcus H.

Airen, NWZonline, Gagasein

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. Interview mit Airen
(faz.net, Tobias Rüther)
Nochmals zum in den Feuilletons gefeierten Plagiatsfall Axolotl Roadkill. Im Anschluss auf ein langes Gespräch mit dem Blogger Airen findet sich eine ebenso lange Liste von “Parallelstellen, die sich aus einem Abgleich der Bücher ‘Strobo’ und ‘Axolotl Roadkill’ sowie des Blogs mit Hegemanns Buch ergeben (Warnung: Die Zitate sind teilweise sexuell sehr explizit und könnten die Gefühle der Leser verletzen)”.

2. “Von Visits, PageImpressions, NWZ und fremden Federn”
(medienfloh.de, Florian Schuster)
Florian Schuster präsentiert eine Liste von URLs, die NWZonline, der Internetauftritt der “Nordwest-Zeitung”, der IVW auf einer Local-Liste meldet – Klicks, die so mit in die Zählung der Visits und Page Impressions einfliessen. Auf der Liste finden sich unter anderem Websites wie studivz.net/oldenburg oder partner.hanseatreisen.de/nwz.

3. “Zeitungen feiern den 10jährigen Geburtstag der Verbraucherinsolvenz”
(finblog.de, Andreas Kunze)
Die Presseagentur dpa feiert zehn Jahre Verbraucherinsolvenz und die Online-Portale feiern mit. Nur: Die Insolvenzordnung trat am 1.1.1999 in Kraft – und ist also schon über 11 Jahre alt.

4. “Im Glashaus und so …”
(nachgetragen.wordpress.com)
Das Magazin der “Süddeutschen Zeitung” zeichnet in einer “Anleitung zum Gagasein” die Sängerin Lady Gaga mit einer Roten Schleife und folgert: “Lady Gaga ist eine Schwulenikone”.

5. “DFB-Kicker ganz bei Trost”
(n-tv.de, Christoph Wolf)
Christoph Wolf beobachtet den Umgang von Fußball-Nationalspielern mit “Bild”.

6. “Auslese-Gewinner 2009”
(wissenschafts-cafe.net, Lars und Marc)
“Die besten wissenschaftlichen Blogposts des Jahres.”

Axolotl Roadkill, Vancouver, Burkina Faso

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. Interview mit Deef Pirmasens
(sueddeutsche.de, Lisa Sonnabend)
Deef Pirmasens, der mit seinem Blogeintrag zum Buch “Axolotl Roadkill” von Helene Hegemann eine Flut von Berichten ausgelöst hat, äussert sich zur Literaturkritik: “Ein Buch von einem 28-jährigen Blogger aus einem Untergrundverlag ist offensichtlich nicht so interessant wie eine Veröffentlichung in einem Großverlag von einer Jugendlichen, deren Vater in der Kulturszene bekannt ist. Hegemann wird ja gelobt als das Wunderkind der Literaturszene, das den großen Generationenroman geschrieben hat.”

2. “Die Unfähigkeit, zu googlen”
(begleitschreiben.twoday.net, Gregor Keuschnig)
Gregor Keuschnig nennt Helene Hegemann das “Hätschelkind des deutschen Feuilletons” und freut sich, dass nun wohl dem netten Mädchen kein Buchpreis von alten Männern übergeben werde. “Das Buch wurde über den grünen Klee gelobt – die Gründe liegen natürlich darin, weil den Rezensenten hier eine Welt gezeigt wird, die sie gar nicht kennen und für exotische Jugendliche hat man doch immer ein Ohr, zumal wenn sie Authentizität, die Krücke aller Lebensfremden, suggerieren.”

3. “IOC und Internet”
(dradio.de, Jens Weinreich)
Die Sportler der bevorstehenden Winterspiele in Vancouver dürfen nun doch publizieren, aber nur in engen Grenzen: “Sie dürfen nur Tagebuch führen und sich auf ihre Erlebnisse beschränken, nicht aber über Konkurrenten schreiben, schon gar nicht olympische Betriebsgeheimnisse verraten und Sicherheitsrisiken eingehen, was immer das heißen mag.” Die Vorschriften sind in den IOC Blogging Guidelines nachzulesen.

4. “Oli Kahn und das … äh, Fußball”
(print-wuergt.de, Michalis Pantelouris)
Michalis Pantelouris ist die “Bereitschaft von Medien, falsche Informationen zu verbreiten”, nicht egal.

5. “Polish newspaper claims ‘Pedobear’ is 2010 Vancouver Olympic mascot”
(telegraph.co.uk, Matthew Moore, englisch)
Eine polnische Zeitung druckt eine vor Monaten veröffentlichte und vermutlich über eine Bildersuche aufgefundene Zeichnung, die nicht die offiziellen Olympia-Maskottchen zeigt. Künstler Michael R. Barrick zeigt in einem Blogeintrag, wie die Nachricht darauf um die Welt geht.

6. “Die Grundsteinlegung am 8.2.2010 hat stattgefunden!”
(schlingenblog.posterous.com, Christoph Schlingensief)
Christoph Schlingensief bloggt über die Grundsteinlegung der Oper, die er in Burkina Faso plant.

Nur in Begleitung Erwachsener

Bild.de hat einen neuen schockierenden, brutalen, ja gar perversen Trend entdeckt:

Sie schlagen sich, prügeln brutal aufeinander ein: Junge Mädchen in Amerika liefern sich gnadenlose Kämpfe und stellen die Prügel-Videos ins Internet – ein lebensgefährlicher Trend.

Illustriert wird das – wie sollte es auch anders sein? – mit einem Video aus der Bild.de-Redaktion: Einem Zusammenschnitt der besten brutalsten Szenen, in denen Mädchen hemmungslos aufeinander einschlagen, sich ins Gesicht treten, sich auf dem Boden wälzen.

Brutaler Trend in den USA - Prügelmädchen in Netzvideos

Mit sonorer Stimme betont der Off-Sprecher die Gefährlichkeit dieser Netz-Videos — denn die Mädchen sind nicht aus eigenem Antrieb so brutal:

Meist wollten sie damit Aufmerksamkeit erhaschen, so die Experten. Und spätestens im Netz bekommen die Ausrasterinnen das auch. Millionen Klicks verstärken damit den Trend.

Wie recht diese Experten haben, kann man derzeit auf der Startseite von Bild.de betrachten:

Meistgeklickte Videos

Warum Bild.de bei diesem offensichtlich so perversen Trend mitmacht? Es liegt nicht etwa an den Millionen Klicks, die man damit ergattern kann — Nein, die Kinderfreunde haben alleine pädagogische Gründe:

Für Kinder und Jugendliche sind brutale, gewalttätige Szenen heute leicht zugänglich. Deshalb rät Dr. Jennifer Harstein: Eltern sollten wissen, was sich ihre Kinder ansehen und offene Gespräche darüber führen. Stellen sie viele Fragen, forschen sie, statt sofort zu bestrafen oder kategorisch zu verbieten. Eltern sollten ihre Kinder ermutigen, verstörende Videos anzuzeigen, möglicherweise auch anonym. Internet-Experten halten diese Methode für die beste, um den gefährlichen Trend abzuwenden.

Diesem Rat können wir uns nur anschließen. Sollten Eltern ihre Kinder beim Ansehen der “meistgeklickten Videos” auf Bild.de ertappen, sollten sie nicht sofort mit Strafen und Verboten, sondern mit Verständnis und penetranter Neugier reagieren.

Sprechen Sie mit ihnen darüber, wie sie auf die Webseite gelangt sind. Wollten sie vielleicht nur sehen wie ein weiblicher Fußball-Fan “blank zieht”, sich den “voll krassen” Redaktionsbesuch von Bushido anschauen? Oder hofften sie Nachrichten, wenn nicht gar verantwortungsvollen Journalismus auf der Webseite zu finden?

Reden Sie darüber! Denn nur so können wir unsere Kinder vor den Perversionen des Internets bewahren.

Apple, Binnen-I, Le Canard enchaîné

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Kostenlos-Werbung für Apple”
(ndr.de, Video, 6:24 Minuten)
Ein Video-Bericht, der danach fragt, warum die Medienwelt, allen voran “Bild” und “Bild am Sonntag”, eine “Fanmeile für Apple-Produkte” geworden ist.

2. “Das iPad ist nur eine Fernbedienung”
(faz.net, Jörg Kantel)
Blogger Jörg Kantel ist “ein begeisterter Nutzer der Apple-Computer”. Er glaubt aber, dass das Internet anders aussähe, “hätte es die App-Stores schon in den neunziger Jahren gegeben: keine alternativen Browser wie Firefox, keine Wikipedia, keine Weblogs und kein YouTube, und auch Google wäre mit seiner spartanischen Suchmaschine sicher nicht am Torwächter der App-Stores vorbeigekommen.”

3. “Zur Karriere eines missbrauchten Buchstabens”
(heise.de/tp, Marcus Hammerschmitt)
Marcus Hammerschmitt begrüsst das Verschwinden des Binnen-I: “Wie alle anderen Formen von Politial Correctness handelt es sich bei der orthographischen um eine Ersatzstrategie, die mangelnde Erfolge in der Hauptsache durch Stellvertreterkriege auf Nebenschauplätzen kaschieren will.”

4. “Zehn gute Gründe, warum man 2009 Blogs lieber gelesen haben sollte”
(carta.info)
Carta antwortet Nico Lumma und nennt seinen Text eine “oberflächliche Provokation”: “Man könnte von Stern bis Welt kompakt sehr viele Medien aufzählen, die man nicht gelesen haben muss, um keinen wichtigen Beitrag zu verpassen. Im Vielgeschrei des Medienbetriebs ist das ein fast schon strukturell verankertes Phänomen: Es gibt ohnehin fast nichts, was man unbedingt gelesen haben muss.”

5. “Die süsse Revanche des Volkes”
(tagesanzeiger.ch, Oliver Meiler)
Oliver Meiler schreibt über die werbefreie Zeitung “Le Canard enchaîné”: “Unbeeindruckt von den Entwicklungen in der Branche. Unverändert seit bald 100 Jahren. Relevanz auf nur 8 Seiten in einem anachronistischen Layout mit einem lustigen Mix von Schriften auf etwas dickerem Zeitungspapier. Immer am Mittwoch, 1.20 Euro.”

6. “Kritik an der Kritik: Aufmerksamkeitsdefizitstörung”
(katrinschuster.de)
Katrin Schuster beobachtet Literaturkritiker, die Bücher überschwänglich loben. Sie glaubt, es rühre daher, “dass sie sich bewusst oder unbewusst auch als Agenten der Literatur im Allgemeinen – und damit auch des Buchmarktes – sehen. Dass sie also glauben, sie müssten ihre Leser vom Lesen (i.e. Kaufen) an sich überzeugen, weil das ja keiner mehr tue (im Gegensatz zum Fußballspielegucken und Autofahren).”

Verletzung der Rückpassregel

Zoran Tosic spielt ab sofort für den 1. FC Köln. Die Verhandlung zwischen dem serbischen Nationalspieler, dem Bundesligaverein und Tosics Club Manchester United, der ihn bis Saisonende ausleiht, waren allem Anschein nach kompliziert und langwierig — und somit Anlass für allerlei Spekulationen. Und an denen beteiligten sich die Medien mal wieder, als gehe es im Journalismus ausschließlich um Schnelligkeit und nicht um Zielgenauigkeit.

Es begann vergangenen Montag damit, dass klar war, dass nichts klar war. So meldete der Kölner “Express” in seinem Internetauftritt:

Der Serbe mit dem lustigen Spitznamen “Bambi” (so tauften ihn in Belgrad einst die Mitspieler, weil er Kekse in Form der Disney-Figur verschenkte) soll sich Gerüchten zufolge schon in Köln aufhalten.

Bestätigen will das beim FC aber noch niemand. Co-Trainer Michael Henke beim Training zum EXPRESS: “Nein, dazu gibt es noch nichts zu sagen.”

Am Dienstag vermeldete Bild.de dann “exklusiv“:

Köln klar mit Tosic: BILD.de exklusiv: Der 1. FC Köln wird Zoran Tosic (22) von Manchester United ausleihen. Der serbische Nationalspieler wird bis Saisonende für 500 000 Euro ausgeliehen. Die Kölner haben sich eine Kaufoption für Tosic gesichert.

Während Express.de auf den Zug aufsprang, taten die im selben Verlag und selben Haus arbeitenden Kollegen des Kölner Stadtanzeigers etwas sehr Ungewöhnliches — und befragten einfach die Verantwortlichen des 1. FC Köln zum Stand des Tosic-Transfers.

Das Ergebnis des Gesprächs klang dann auch gleich – wie vor Vertragsunterzeichnungen allgemein üblich – ein bisschen weniger euphorisch als die Meldungen von Bild.de und Express.de:

“Es wird noch immer zäh verhandelt”, sagte ein Sprecher des 1. FC Köln dem “Kölner Stadt-Anzeiger”. Einer der umstrittenen Punkte ist offenbar die Kauf-Option. Falsch seien Berichte, wonach Tosic 500.000 Euro Leihgebühr bis zum Saisonende koste.

Auch die Deutsche Presse-Agentur bekam vom FC eher zurückhaltende Antworten, berichtete unter Berufung auf den “Express” aber schon mal:

Nach Informationen der Zeitung “Express” wechselt Fußball-Profi Zoran Tosic von Manchester United zum Bundesligisten 1. FC Köln. FC-Vereinssprecher Christopher Lymberopoulos sagte am Dienstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur dpa allerdings, das könne nicht bestätigt werden.

Diese Meldung landete ironischerweise auch bei Bild.de, wo man den Wechsel ja ursprünglich als Erstes und “exklusiv” verkündet hatte:

Zeitung: Fußball-Profi Tosic kommt nach Köln

Am Mittwoch schließlich bestätigte der 1. FC Köln den Transfer tatsächlich.

Die Erleichterung bei den Mitarbeitern von Express.de muss groß gewesen sein — im Gegensatz zum Schuldbewusstsein jedenfalls. Denn aus Sicht des “Express” hatte das Hin- und Her über den Transfer von Tosic nichts mit der unbedingten Jagd nach der schnellsten Schlagzeile zu tun.

Und so hieß es auf Express.de:

Das Verwirrspiel um Zoran Tosic – Mittwoch hatte es ein Ende. Um 14.03 vermeldete der FC das Leihgeschäft offiziell. Bis zuletzt wurde um eine Kaufoption im Sommer gefeilscht – die Manchester aber letztlich ablehnte.

Oder wie Express.de selbst am Vortag gemeldet hatte:

FC-Manager Michael Meier sicherte sich zudem eine Kaufoption für das Balkan-Juwel.

Mit Dank an Dominik H. und Christoph W.

Focus, iPad, Frage-Phrase-Schema

6 vor 9

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1. “Die arschlochfreie Kette – oder: Was der Focus nicht hat”
(print-wuergt.de, Michalis Pantelouris)
Gar keine Freude am neuen “Focus” hat Michalis Pantelouris: “Wenn dies die besten Ideen von drei verschiedenen Teams zusammenführt, die neun Monate Zeit hatten, sich Gedanken zu machen, dann ist das Ende der Zeitschriften in diesem Land besiegelt. Zumindest die erste Ausgabe ist eine unvorstellbar preiswert anmutende Mischung aus Designelementen der Mitbewerber – aber nicht einmal gut geklaut.”

2. “Apple iPad ab 499,- Euro bei Media Markt: ‘Tut mir leid, ist ein super Fake.'”
(basicthinking.de/blog, André Vatter)
Die Website netbooknews.de beruft sich auf einen (inzwischen gelöschten) Tweet und schreibt, die Firma Media Markt verkaufe ab dem 1. März 2010 ein Apple iPad – was eine Media-Markt-Sprecherin dementiert; beim besagten Twitter-Konto handle es sich nicht um ein firmeneigenes. “Die News verbreitete sich wie ein Lauffeuer und schaffte in Windeseile auch den Sprung über den Atlantik, so dass kurze Zeit später sogar MacRumors und CrunchGear darüber berichteten. ‘Media Markt kündigt Apple iPad für 899 Euro an’, titelte auch Golem.”

3. “Freie sind die, die es geschafft haben …”
(freischreiber.de)
Gabriele Fischer, Chefredakteurin von “Brand Eins”, sagt, wie viel ihr Magazin freien Journalisten zahlt und glaubt, dass es viele Freie geschafft haben – nämlich unternehmerisch zu arbeiten. “Das kann nicht jeder. Viele unserer Freien bei ‘Brand Eins’ sind auch Überzeugungstäter, die feste Jobs ablehnen, wenn man sie ihnen anbietet. Und: Freie sind meist unabhängige Köpfe. Sie schielen nicht ständig auf ihren Chef, sondern haben eine Vielzahl von Auftraggebern. Diese Unabhängigkeit ist gut für sie – und für uns. ”

4. “Hat gesagt und hat passiert”
(spox.com, wunderkind)
Ein Blogeintrag zu den Interviews mit professionellen Fußballern: “Die meisten Interviews führen nun mal kein Eigenleben mehr, sondern folgen statt dem Frage-Antwort-Schema eher dem Frage-Phrase-Schema. Aussagen haben ihre Aussage verloren, weil man als Zuschauer genau so schlau ist wie vorher, wenn Spieler X oder Trainer Y sagt, dass man nur auf sich und von Spiel zu Spiel schauen müsse. Das wurde ihm im Interviewtraining eingeprügelt und daran hält er sich, nicht ohne verschmitzt zu lächeln, weil er weiß, dass alle wissen: Er hat keine Wahl, etwas anderes zu sagen.”

5. “Unsere Pressevielfalt oder: Der vierfache Stefan Raab”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Ein Vergleich von vier Interviews mit Stefan Raab in den Zeitschriften “TV Digital”, “TV Spielfilm”, “TV Movie” und “TV Direkt”.

6. “Blogg besser”
(fr-online.de, Marin Majica)
Marin Majica empfiehlt einem eifrigen Leserbriefschreiber, zu bloggen oder zu twittern.

Wintersport, Photoshop, Hertha

6 vor 9

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1. “Wintersport-Fernseh-Test – Werbung am laufenden Band”
(faz.net, Christian Eichler)
Christian Eichler schaut sich auf ARD acht Stunden Wintersport an und stösst auf viel Werbung: “12.50 Uhr, Innsbruck, Skeleton der Frauen, endlich ein deutscher Erfolgssport. Er wird auf dem Bauch betrieben, weswegen die Werbung am Gesäß klebt.”

2. “Wein-Presse: Gibt es noch einen Ausweg?”
(weinakademie-berlin.de, Michael W. Pleitgen)
Ein langer Artikel zum aktuellen Zustand des Weinjournalismus: “Die Öffentlichkeit fragt sich nicht, warum Weinzeitschriften so oft über in unseren Landen unbedeutende Herkünfte wie Griechenland und Portugal schreiben. Haben die Zeitschriften etwas Neues entdeckt? Gilt es sensationelle neue Weine aufzuspüren? Viel einfacher: meist stand am Anfang eine PR Agentur und eine bezahlte Journalisten-Reise!”

3. “Unsinn”
(pixelfehler.nicolas-neubauer.de)
Nicolas Neubauer analysiert den “Spiegel Online”-Artikel “Wunderflunder mit Schnick und Schnack”, in dem über die Ankündigung eines neuen Produkts der Firma Apple spekuliert wird.

4. “In Haiti werden Journalisten selbst zu Helfern”
(evangelisch.de, Corinna Blümel)
“Helfen oder Berichten – vor diesem Dilemma stehen Journalisten bei jeder Katastrophenlage, seien es Erdebeben wie jetzt in Haiti oder der Tsunami von 2004, seien es Hungersnöte, kriegerische Auseinandersetzungen oder das Flüchtlingselend in Darfur.”

5. “Zu digital, um wirklich schön zu sein”
(tagesspiegel.de, Sonja Pohlmann)
Sonja Pohlmann über den Einsatz von Photoshop und anderen die Realität verändernden Techniken: “In der Regel wird kein Bild unbearbeitet in Magazinen und auf Plakaten abgedruckt.”

6. “Entschiedenes Dementi”
(herthabsc.de)
Werner Gegenbauer, Präsident des Fußballvereins Hertha BSC Berlin, “dementiert entschieden, dass ein Präsidiumsbeschluss gefasst worden sei, wonach die Hertha-Profis Arne Friedrich, Gojko Kacar und Raffael im Fall einer Niederlage im Heimspiel am kommenden Samstag gegen den VfL Bochum verkauft werden sollen. Dies hatte die Berliner Boulevard-Zeitung B.Z. am Sonntag auf ihrer Internet-Seite berichtet.”

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