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Julian Reichelt in der Champions League der Heuchler

Eine der großen Stärken von “Bild”-Chef Julian Reichelt war schon immer seine Doppelmoral. Er, der schlimmste Schläger auf dem Schulhof, zeigt sich regelmäßig völlig überrascht/entsetzt/angeekelt, sobald eine Keilerei mal ihn oder “Bild” betrifft. Die Maßstäbe, die Reichelt bei anderen anlegt, müssen ja keineswegs für ihn oder seine Redaktion gelten. Und damit herzlich willkommen zu Folge 3471 der Serie “Julian gefällt sich in der Opferrolle”.

Gestern, nach dem Bundesligaspiel zwischen der TSG Hoffenheim und Union Berlin, twitterte Holger Kliem, der in Hoffenheim für die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, folgendes (von ihm unkenntlich gemachtes) Foto:

Screenshot eines Tweets von Holger Kliem - Hier schwänzt Bild die Maskenpflicht! Auf allen Bundesliga-Pressetribünen herrscht weiterhin Maskenpflicht nur Bild macht es anders, trotz mehrmaligen Hinweises! - Dazu sieht man ein Foto eines Bild-Reporters, der seinen Mund-Nase-Schutz nicht über Mund und Nase trägt und dabei telefoniert.

Julian Reichelt fand es selbstverständlich gar nicht in Ordnung, dass Kliem öffentlich machte, dass ein “Bild”-Reporter “trotz mehrmaligen Hinweises” seinen Mund-Nase-Schutz lieber als Kinnschutz verwendete. Der “Bild”-Chef kommentierte bei Twitter:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Gleich zwei deutsche Volkssportarten in einem Stadion: Fußball und Denunziation.

Nun wäre dieser Reichelt-Tweet lediglich eine weitere Folge in der oben erwähnten Serie. Hätte der, der hier laut “Da ist eine Petze!” ruft, nicht mit seinem Team nur wenige Stunden zuvor selbst und verblüffend ähnlich gepetzt:

Screenshot Bild.de - In Berlin-Tegel - Hier sitzt Kretschmann ohne Mundschutz im Flughafen

In dem Bild.de-Artikel geht es um ein Foto, auf dem Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu sehen ist, wie er am Flughafen ein paar Süßigkeiten isst und dabei — wenig überraschend — keinen Mund-Nase-Schutz trägt. Laut einer Augenzeugin habe Kretschmann auch später keine Maske getragen. Ein Sprecher Kretschmanns sagt hingegen, dass die Maske nur für “ganz kurze Zeit” nicht aufgesetzt gewesen sei.

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Die Kombination aus Kretschmann-Artikel und Reichelt-Tweet lässt letztlich nur einen logischen Schluss zu: Julian Reichelt und seine “Bild”-Redaktion sind aus Sicht von Julian Reichelt Denunzianten.

Mit Dank an @the_real_urbsi und die vielen Hinweisgeber!

Darknet des kleinen Mannes, Post für Porno-Portale, Gegenrede wirksam

1. Neue Studie zeigt Wirksamkeit von Gegenrede im Netz
(netzpolitik.org, Daniel Laufer)
Viele erinnern sich noch an die von Jan Böhmermann initiierte Aktion “Reconquista Internet” zur Abwehr der rechten Trollarmee “Reconquista Germanica”. Nun haben US-amerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Aktion untersucht und festgestellt, dass organisierte Gegenrede tatsächlich ein wirksames Mittel gegen Hass im Netz sein könnte. Böhmermann fasst zusammen: “Die Studie belegt erstmals empirisch, was wir mit ‘Reconquista Internet’ praktisch erfahren haben: Wer organisierten Hass, rassistische Hetze oder die cleveren Diskursverschiebungskampagnen rechtsextremistischer Netzwerke im Internet erfolgreich bekämpfen will, muss wissen, wie diese verdeckten Manipulationsnetzwerke arbeiten, sie analysieren und gegen sie aktiv werden”.

2. Wenn Peking die Bilder liefert
(sueddeutsche.de, Lea Deuber)
Am 15. Juni soll die SWR-Dokumentation “Inside Wuhan” im Format “Story im Ersten” laufen, doch es gibt bereits im Vorfeld Kritik an der Produktion. Der Titel klinge, als habe sich der SWR für die Zuschauerinnen und Zuschauer auf Spurensuche in Wuhan begeben. Es sei jedoch kein eigenes Team entsendet worden, stattdessen sei mit Material der chinesischen Propagandabehörden gearbeitet worden.

3. Die schlimmste App der Welt
(youtube.com, Walulis, Video: 10:36 Minuten)
Als “die schlimmste App der Welt” und das “Darknet des kleinen Mannes” bezeichnet Philipp Walulis den Messengerdienst Telegram. Die WhatsApp-Alternative habe sich mittlerweile zu einem Spielplatz für Verschwörungserzähler wie Attila Hildmann und Xavier Naidoo entwickelt, die dort ungestört agieren könnten. Gegründet worden sei der Dienst von Pawel Durow, der zuvor bereits das in Russland meistgenutzte Soziale Netzwerk Vk.com gegründet habe, dann aber in Ungnade gefallen sei und heute seinen Geschäften von Dubai aus nachgehe.

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4. Das Milliardenspiel
(spiegel.de, Peter Ahrens & Jörn Meyn)
Derzeit liegen die Live-Rechte für die Fußball-Bundesliga vor allem beim Bezahlsender Sky, doch das könne sich bald ändern: Bis zum 19. Juni laufe die Ausschreibungsfrist für die TV-Rechte an den Spielzeiten 2021/2022 bis 2024/2025. Peter Ahrens und Jörn Meyn erklären, welche Rechtepakete zum Verkauf stehen, wer alles mitbietet, und welche Rolle Amazon dabei spielt. Außerdem geht es natürlich um die Frage, ob eine weitere Gewinnexplosion zu erwarten ist.

5. Bundesverfassungsgericht verrät vorab seine Urteile
(tagesspiegel.de, Jost-Müller Neuhof)
Es gibt Kritik an der Veröffentlichungspraxis des in Karlsruhe sitzenden Bundesverfassungsgerichts. Noch vor der offiziellen Verkündung der Urteile, teile das Gericht Informationen zu seinen Entscheidungen vor Ort einem kleinen Kreis ausgewählter Journalistinnen und Journalisten mit. In rund der Hälfte der Fälle würden diese Exklusiv-Infos an Vertreterinnen und Vertreter von ARD und ZDF gehen. Der Deutsche Journalisten-Verband kritisiert das Vorgehen des Gerichts als “befremdlich und nicht mehr zeitgemäß”.

6. Youporn, Pornhub und MyDirtyHobby bekommen Post
(faz.net)
Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) geht gegen drei reichweitenstarke Pornoportale vor, die in der gegenwärtigen Form nicht weiterbetrieben werden dürften. Die Websites würden gegen den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag verstoßen, indem sie Pornografie frei zugänglich machen würden, ohne sicherzustellen, dass Kinder keinen Zugang haben. Es dürfte ein zähes Ringen werden, denn das dahinterstehende Unternehmen hat seinen Sitz auf Zypern. Die KJM gibt sich jedoch kämpferisch und könne nötigenfalls auf das Mittel der Netzsperre zurückgreifen.

Fragwürdiger “Bild”-“Faktencheck” zu Karl Lauterbachs Aussagen

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben es nicht leicht in diesen Tagen. Laien behaupten, es besser zu wissen, oder kokettieren sogar damit, keine Ahnung zu haben, und lassen sich als Querköpfe feiern. Und dann schaltet sich, wenn’s ganz schlecht läuft, auch noch die “Bild”-Redaktion ein.

So erging es auch Karl Lauterbach, SPD-Politiker, Arzt und studierter Epidemiologe, nachdem er mal wieder in der Sendung von Markus Lanz zu Gast war:

Screenshot Bild.de - Faktencheck - Karl Lauterbach und seine fragwürdigen Aussagen

Der “Faktencheck” der beiden “Bild”-Redakteure Timo Lokoschat und Filipp Piatov ist bereits rund zwei Wochen alt. Aber ein genauerer Blick lohnt sich noch immer, denn der Beitrag zeigt, mit welch unsauberen Methoden die “Bild”-Medien arbeiten, wenn sie eine Person, in diesem Fall Karl Lauterbach, abschießen wollen: Sie zitieren falsch, sie reißen Studien aus dem Zusammenhang, sie überbetonen bestimmte Aspekte, lassen andere komplett weg.

Ein Check zum “Faktencheck”.

1. “Lockdown”

“Die Zahlen sind runtergegangen, weil der Lockdown kam”, behauptete Lauterbach im Talk bei Markus Lanz am Dienstag. Die Forscher der ETH Zürich widersprechen: In einer viel beachteten Studie schreiben sie, dass Ausgangssperren zu den “am wenigsten effektiven Maßnahmen” gehören. Auch den Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge sanken die Infektionszahlen bereits VOR dem Lockdown.

… schreibt “Bild”. Bereits in einem früheren Artikel (der auch aus anderen Gründen Unfug war) hat sich die Redaktion auf die Schweizer Studie berufen und sie, wie auch hier, falsch angewendet. In der Untersuchung der ETH Zürich (PDF) haben die Forscherinnen und Forscher genau definiert, was sie mit “Lockdown” meinen — nämlich nicht das, was in den meisten deutschen Bundesländern bis vor Kurzem galt. Die Definition der ETH:

Lockdown: Prohibition of movement without valid reason (e.g., restricting mobility except to/from work, local supermarkets, and pharmacies)

Nach dieser Definition gab es in Deutschland keinen flächendeckenden “Lockdown”. Klar, Karl Lauterbach nutzte den eigentlich unpassenden Begriff selbst, Lokoschat und Piatov griffen ihn letztlich nur auf. Aber die zwei “Bild”-Redakteure sind es, die ihn in den falschen Zusammenhang mit der Schweizer Studie bringen. Das, was dort unter “Lockdown” verstanden wird, die strikte Mobilitätseinschränkung, traf nur auf eine Handvoll Bundesländer zu, und das nicht mal die ganze Zeit. Die Maßnahmen, die hingegen tatsächlich bundesweit galten, unter anderem das Versammlungsverbot, Grenzschließungen, die Schließung von Kinos, Theatern und Konzertsälen sowie die Schließung von nicht systemrelevanten Betrieben, zählt die Studie zu den “effektivsten Maßnahmen”. Diese Maßnahmen dürfte Lauterbach auch mit “Lockdown” gemeint haben.

Die Behauptung von Lokoschat und Piatov, die Infektionszahlen seien laut RKI schon vor dem “Lockdown” gesunken, ist rein statistisch durchaus zutreffend. Aber erstens ist das kein Beweis dafür, dass die Maßnahmen nichts gebracht hätten. Und zweitens verkennen die “Bild”-Autoren einen wichtigen Punkt: Mit “Lockdown” müssten sie die am 22. März beschlossenen bundesweiten Kontaktbeschränkungen meinen, die am 23. März in Kraft traten. In den Zahlen des RKI erkennt man tatsächlich nach einem Höhepunkt am 16. März einen Rückgang der Erkrankungsfälle (allerdings nur einen leichten auf hohem Niveau), also eine Woche vor der Einführung der Kontaktbeschränkungen. Bloß: Auch schon vor dem 23. März gab es Maßnahmen, die später zum “Lockdown” gezählt wurden — etwa die Absage von Großveranstaltungen (9. März) oder das Schließen der meisten Schulen und Kitas (16. März). Auch die Mobilität der Menschen verringerte sich bereits vor den Kontaktbeschränkungen erheblich. All das hatte schon vor dem 23. März eine Wirkung, wie Ranga Yogeshwar in einem Video anschaulich erklärt.

2. Italienische Zustände

“80% unseres Erfolgs waren die Horrorbilder aus Italien!”, lobt Lauterbach die Vollalarm-Stimmung, die Deutschland im März in den Stillstand versetzte. Damit ist er nicht allein: Auch RKI-Chef Lothar Wieler (59) mahnte mehrmals, dass Deutschland “einfach nur 1–2 Wochen vor Italien” sei. Doch von italienischen Zuständen war in Deutschland glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt etwas zu sehen.

… schreibt “Bild”. Erstmal: Lokoschat und Piatov zitieren hier unsauber. Lauterbach sprach nicht von “Horrorbildern”, sondern von “bestürzenden Bildern”. Und er lobte damit auch nicht die “Vollalarm-Stimmung” in Deutschland, sondern versuchte, mit diesem Beispiel zu erklären, warum es aus seiner Sicht hier nicht so schlimm gekommen ist wie in anderen Ländern:

Wir haben diese Hotspots in Deutschland nicht gesehen. Haben wir ja nicht gesehen. Wir hatten Gangelt. Und wir hatten also Webasto in München. Aber wir haben zum Beispiel diese Hotspots in den Restaurants (…) nicht gesehen, haben bei uns keine Rolle gespielt. (…) Und zwar deshalb, weil wir zu dem Zeitpunkt, wo wir noch nicht viele Infektionen hatten, die Bilder aus Italien hatten. 80 Prozent unseres Erfolgs sind die Bilder, die bestürzenden Bilder aus Italien gewesen. Und dann haben wir sozusagen schon alles dicht gemacht, bevor viele infiziert waren.

Karl Lauterbach nennt als Grund dafür, dass die Situation in Deutschland nicht so dramatisch wurde wie in anderen Ländern, etwa in Italien, dass “wir” als Warnung “die Bilder aus Italien hatten.” Lokoschat und Piatov machen daraus: Was redet der Lauterbach denn von “Horrorbildern aus Italien”? Das war hier doch alles gar nicht so schlimm wie in Italien! Eigentlich stützen sie damit unfreiwillig Karl Lauterbachs These — sie liefern ein Beispiel für das Präventionsparadoxon: Greifen Maßnahmen und bleiben dadurch schlimme Folgen aus, entwickelt sich schnell eine Stimmung: Waren diese Maßnahmen, dieser “Vollalarm”, dieser “Stillstand” jetzt wirklich nötig? War doch alles gar nicht so schlimm!

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Lauterbach beschreibt etwas später in der Lanz-Sendung genau das, was “Bild” mit seinem Zitat anstellt (inklusive dem oben bereits zitierten “Lockdown”-Zitat):

Das höre ich oft und das sage ich jetzt, weil Sie es gesagt haben, das höre ich aber auch bei anderen oft: “Das, was ihr gesagt habt, ist doch alles nicht eingetreten.” Die Epidemiologen, die Wissenschaftler werden da so ein bisschen diffamiert, so nach dem Motto: “Ihr hattet Unrecht, es ist doch gar nicht so dick gekommen.” (…) Wir haben nie gesagt, dass die Katastrophe kommt, wenn wir den Lockdown machen. Wir haben gesagt, die Katastrophe kommt nicht, wenn wir den Lockdown machen. Genau das ist passiert. Wir haben sozusagen das erreicht, was wir wollten. Die Zahlen sind runtergegangen, weil der Lockdown kam. (…)

Daher darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Wissenschaftler etwas hier in Deutschland vorhergesagt hätten, was dann nicht gekommen ist. Es diffamiert die Arbeit, die wir gemacht haben. Das ist der Erfolg unserer Arbeit, dass das nicht gekommen ist. Es gibt diesen Spruch: Die Epidemiologie hat keine Helden. Weil ich den vermiedenen Tod nachher gratis nehme und nicht sehe, was sonst passiert wäre.

3. Schweden

“Völlig verantwortungslos”, urteilt Lauterbach über Schweden und wähnt sich damit in der Gesellschaft “aller Epidemiologen”. Hintergrund: Das Königreich verzichtete auf Ausgangsbeschränkungen, setzte auf Vernunft und Freiwilligkeit seiner Bürger. Ein Krankenhaus-Kollaps blieb in Schweden aus. Über die Bewertung der schwedischen Zahlen sind sich keineswegs “alle Epidemiologen” einig. Weltweit und mit unterschiedlichen Ergebnissen wird der Sonderweg des Landes auch von der Fachwelt debattiert.

… schreibt “Bild”. Und lässt hier mehrere Aspekte weg. Allen voran die hohen Todeszahlen in Schweden. So berichtete der “Tagesspiegel” am selben Tag, an dem auch der “Bild”-Artikel erschien:

Das Land [Schweden] verzeichnet pro eine Million Einwohner mit fast 289 Todesfällen deutlich mehr als beispielsweise die Nachbarländer Norwegen, Dänemark oder Finnland. Auch im Vergleich mit Deutschland (87,7) liegt die Sterberate mehr als dreimal so hoch.

Inzwischen liegt dieser Wert für Schweden bei über 360 Toten pro eine Million Einwohner (in Belgien, Spanien, Italien, Großbritannien und Frankreich ist er noch höher – für Deutschland liegt er aktuell bei ungefähr 96). Würde man den schwedischen Wert auf Deutschlands Einwohnerzahl übertragen, hätten wir hier nicht, wie aktuell, etwa 8000 Tote, sondern fast 30.000.

Dass in Schweden die Zahl der Verstorbenen pro eine Million Einwohner um ein Vielfaches höher ist als in Deutschland, argumentiert auch Karl Lauterbach bei Markus Lanz, wenn er von “völlig verantwortungslos” spricht. Timo Lokoschat und Filipp Piatov lassen das aber einfach unter den Tisch fallen.

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Auch das Scheitern des schwedischen Vorhabens, die Alten zu schützen, bleibt bei “Bild” unerwähnt: In Schweden starben besonders viele Menschen in Alten- und Pflegeheimen, wie die “Süddeutsche Zeitung” vergangene Woche konstatierte.

Die Schweden-Affinität der “Bild”-Redaktion in der Corona-Krise ist auch drüben bei “Übermedien” Thema.

4. Aerosole

Teil von Lauterbachs bedrohlichen Szenarien in der Lanz-Sendung sind “Aerosole” — Corona-Wölkchen, die bis zu sieben Stunden in der Luft schweben und Infektionen auslösen würden, wie der SPD-Politiker erläutert. Das steht zumindest im Widerspruch zu dem, was das Robert-Koch-Institut schreibt: Eine Übertragung über Aerosole sei im normalen gesellschaftlichen Umgang “nicht wahrscheinlich”, urteilen die RKI-Experten Ende April mit Verweis auf bisherige wissenschaftliche Untersuchungen.

… schreibt “Bild”. So sicher, wie Lokoschat und Piatov hier tun, war sich das Robert-Koch-Institut zu dem Zeitpunkt aber gar nicht:

Auch wenn eine abschließende Bewertung zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich erscheint, weisen die bisherigen Untersuchungen insgesamt darauf hin, dass eine Übertragung von SARS-CoV-2 über Aerosole im normalen gesellschaftlichen Umgang nicht wahrscheinlich ist.

“Eine abschließende Bewertung” erscheine “zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich”. So eine Nuancierung ins Ungewisse mag unerheblich wirken, gerade in diesem Fall stellt sie sich im Nachhinein aber als relevant heraus. Denn das RKI änderte seine Einschätzung inzwischen gewissermaßen ins Gegenteil, auch wenn “eine abschließende Bewertung zum jetzigen Zeitpunkt” immer noch “schwierig” sei. Mittlerweile heißt es:

Auch wenn eine abschließende Bewertung zum jetzigen Zeitpunkt schwierig ist, weisen die bisherigen Untersuchungen insgesamt darauf hin, dass SARS-CoV-2-Viren über Aerosole auch im gesellschaftlichen Umgang in besonderen Situationen (s. o.) übertragen werden können.

Diese Neubewertung veröffentlichte das RKI am 7. Mai. Also genau an dem Tag, an dem der “Bild”-Artikel über Karl Lauterbach erschien (bei Bild.de wurde er am Abend vorher veröffentlicht). Lokoschat und Piatov konnten beim Schreiben ihres Textes davon freilich nichts wissen. Aber schon da war das RKI beim Thema Aerosole nur eine unter mehreren Quellen: Der Virologe Christian Drosten nahm in seinem Podcast bei NDR Info bereits am 6. April Bezug auf eine Studie, auf die sich unter anderem auch die erste Einschätzung des RKI stützte. Drosten war hier eher unschlüssig (PDF):

Genau. Wir wissen nicht, wie das speziell bei diesem Virus ist. Also es gibt eine Studie zum Beispiel im “New England Journal”, die ist vor ungefähr drei Wochen schon erschienen. Die sagt, im Aerosol ist dieses SARS-2-Virus ungefähr drei Stunden lang noch infektiös. Dazu muss man aber dann auch sagen, dass die Autoren, die das publiziert haben, ein künstliches Virusaerosol mit einer ganz hohen infektiösen Viruskonzentration hergestellt haben. Da kann sich niemand sicher sein, ob das wirklich dem entspricht, was ein infizierter Patient wirklich von sich gibt.

Karl Lauterbach erwähnt bei Markus Lanz eine weitere Studie, nach der in einem Restaurant im chinesischen Guangzhou eine Person Menschen angesteckt habe, die gar nicht mit ihr an einem Tisch saßen. Das sei durch die Luftverteilung durch eine Klimaanlage begünstigt worden. Beide Studien werden in dem “Bild”-Artikel nicht erwähnt. Auch ein Beitrag der “Washington Post” von Ende April thematisierte die unsichere Faktenlage in Bezug auf Aerosole. Es ist also nicht so, als hätten Timo Lokoschat und Filipp Piatov beim Schreiben ihres Artikels nicht genügend Informationen für eine differenziertere Darstellung der Sachlage zur Verfügung gehabt.

Virologe Drosten ist in seiner Einschätzung zur Bedeutung von Aerosolen im Übrigen mittlerweile deutlicher, auch weil es einen neuen Report der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften zum Thema gibt. In der Podcast-Folge vom 12. Mai sagte er, dass er die Ansicht Lauterbachs, was die Aerosol-Infektionen angeht, teile (PDF):

Und die Infektiosität kann tatsächlich für mehrere Stunden bleiben. Da hat also Herr Lauterbach vollkommen Recht.

Auch das ist natürlich nicht in Stein gemeißelt — neue Studien können neue Erkenntnisse bringen.

5. Restaurants

Für Lauterbach ist in der Sendung von Markus Lanz klar: Restaurants wären “Brandbeschleuniger der Pandemie”, würden die Ausbreitung des Corona-Virus stark vorantreiben. Zweifel an den eigenen Aussagen? Keine.

Dabei hatte Hendrik Streeck (42), Professor für Virologie und Direktor des Instituts für Virologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn, vor vier Wochen bei Lanz erklärt: “Wir sehen, wie die Infektionen stattgefunden haben. Das war nicht im Supermarkt oder im Restaurant oder beim Fleischer. Das war auf den Partys beim Aprés (sic) Ski in Ischgl, im Berliner Club ‘Trompete’, beim Karneval in Gangelt und bei den ausgelassenen Fußballspielen in Bergamo.”

… schreibt “Bild”. Während Timo Lokoschaft und Filipp Piatov es so wirken lassen, als wäre Lauterbach generell gegen die Öffnung von Restaurants (was auch wunderbar zu ihrem Einleitungssatz passt: “Wenn es nach Karl Lauterbach (57, SPD) geht, haben alle Fragen eine einzige Antwort: Lockdown.”), sagt dieser in der Sendung von Markus Lanz, dass er es bei Beachtung von Hygieneregeln “schon für denkbar” halte, “dass die Gastronomie wieder öffnen kann.” Das verschweigen die “Bild”-Autoren allerdings.

Genauso wie sie in ihrem Artikel übrigens kein einziges Mal erwähnen, dass Karl Lauterbach Epidemiologe ist, dazu noch einer, der in Harvard studiert hat. Dieses Detail würde aber auch nicht so gut in ihre irreführende, als “Faktencheck” gelabelte Meinungsmache passen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Internetüberwacher BND, Corona-Daten, “Zensurheberrecht”

1. So überwacht der BND das Internet
(spiegel.de, Max Hoppenstedt & Wolf Wiedmann-Schmidt)
Heute urteilt das Bundesverfassungsgericht über die Rechtmäßigkeit der Internetüberwachung durch den Bundesnachrichtendienst (BND). Was bedeutet die Internetüberwachung durch eine der mächtigsten deutschen Behörden für unseren Alltag? Kann der BND auch verschlüsselte Kommunikation knacken? Und welche privaten Daten sind für den BND tabu? Max Hoppenstedt und Wolf Wiedmann-Schmidt geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.

2. Medien fordern bessere Corona-Daten vom RKI
(ndr.de, Daniel Bouhs)
45 Datenjournalisten und Datenjournalistinnen fordern vom Robert-Koch-Institut (RKI) die Herausgabe der detaillierten Corona-Daten. In ihrem “#OpenCoronaData-Appell” wenden sie sich an RKI-Präsidenten Lothar Wieler: “Bitte tragen Sie auch Sorge dafür, dass Ihre Behörde (und insbesondere Ihre Pressestelle) personell, technisch und inhaltlich in die Lage versetzt wird, diesem datenbezogenen Informationsinteresse der Medien Rechnung tragen zu können.”

3. Redaktionsstart unter genauer Beobachtung
(deutschlandfunk.de, Vera Linß, Audio: 5:55 Minuten)
Nun schwimmt es also tatsächlich auf der Spree im Berlinger Regierungsbezirk: Gabor Steingarts Redaktionsschiff “Pioneer One”. Rund 15 Journalistinnen und Journalisten sollen sich dort um Newsletter, Podcasts und Events kümmern — bezahlt von Abonnenten und Abonnentinnen. Der Deutschlandfunk stellt das Projekt vor und lässt dabei auch Wiebke Loosen zu Wort kommen, die als Professorin an der Universität Hamburg zu Pionierjournalismus forscht.
Weiterer Lesetipp: Der Erklärungsversuch von Stefan Niggemeier auf “Übermedien”: “Ich male mir das so aus, dass Gabor Steingart irgendwann zu Springer-Chef Mathias Döpfner gegangen ist und ihn überzeugt hat, Millionen in das neue Unternehmen zu stecken statt in sowas wie, sagen wir, die ‘Welt’, indem er es nicht als Schnäppchen, sondern absurd teure Sache verkauft hat. Je mehr es kostete, je absurder es wurde (und dann lassen wir ein eigenes Schiff bauen und fahren damit auf der Spree zwischen Friedrichstraße und Hauptbahnhof hin und her!), desto attraktiver schien die Investition.”

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4. Oberstes Gericht setzt Grenzen für “Message Control” durch Zensurheberrecht
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Die österreichische Regierung bemüht sich um die totale Kontrolle ihrer Außenwirkung. Das führte unter anderem dazu, dass ein unpassend erscheinendes Hintergrundbild noch zwei Jahre später durch eine Heimatlandschaft mit Kühen ersetzt wurde. Als Online-Medien darüber berichten wollten, verfiel man auf einen Trick: die Berichterstattung verletze angeblich das Urheberrecht des Fotografen. Dem habe nun letztinstanzlich der Oberste Gerichtshof widersprochen: Die Nutzung als Bildzitat sei zulässig gewesen. Leonhard Dobuschs Fazit: “Meinungsfreiheit schlägt hier also klar ein Urheberrecht, das für die Zwecke der Message Control instrumentalisiert werden sollte.”

5. Das sind die Podcast-Tipps im Mai
(sueddeutsche.de, Kathleen Hildebrand & Nicolas Freund & Carolin Gasteiger & Stefan Fischer & Theresa Rauffmann)
Die “Süddeutsche Zeitung” stellt einige empfehlenswerte Podcasts vor und zeigt, dass es jenseits unterhaltsamer Laber-Formate auch anspruchsvolle und aufwändige Produktionen gibt. Diesen Monat mit dabei: ein fünfteiliges Feature zum Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh, der unter zweifelhaften Umständen in der Gefängniszelle einer Polizeiwache in Dessau starb, ein amerikanisches Format über die Auswirkungen von Corona im Mississippi-Delta, eine Produktion zur Zukunft der Arbeit, ein Krimi sowie eine Chronologie der Pannen beim Bau des Berliner Flughafens.

6. Amazon steigt kurzfristig in Bundesliga ein – mit Pannen
(faz.net)
Amazon versuchte sich an einer Übertragung eines Bundesliga-Spiels, kämpfte jedoch mit technischen Problemen. Der Einstieg von Amazon in das Fußball-TV-Geschäft ist auch angesichts der Differenzen der bisherigen Rechteinhaber bemerkenswert. Dazu auch der weitere Lesehinweis: Bundesliga kurios: Eurosport produziert für Amazon (dwdl.de, Alexander Krei).

Bringt Julian Reichelt die Familien der Gewerkschafts-Bosse in Gefahr?

Würde man Julian Reichelt fragen, ob die Gehälter von einzelnen Personen öffentlich bekannt sein sollten, müsste der “Bild”-Chef zwei Antworten geben:

1) Wenn es alle Menschen betrifft, nur nicht ihn selbst: “Auf jeden Fall!”
2) Wenn es nur ihn betrifft: “Bloß nicht!”

Reichelt ist bekanntermaßen der Meinung, dass die Veröffentlichung einer Schätzung seines Gehalts das Risiko finanziell motivierter Straftaten gegen seine Familie erhöht. So argumentierte er jedenfalls gegen eine Veröffentlichung im Medienmagazin “kress pro”, als dieses über die Jahresgehälter von Verlagsmanagern und Chefredakteuren schreiben wollte.

Bei Familien anderer Personen ist der “Bild”-Chef hingegen nicht so rücksichtsvoll. Und so hat sich gestern, nach Julian-Reichelt-Logik, das Risiko finanziell motivierter Straftaten gegen die Familien deutscher “Gewerkschafts-Bosse” deutlich erhöht:

Screenshot Bild.de - Bild verrät es - Was kassiert eigentlich ein Gewerkschafts-Boss?

Schön in Gold gehalten und nicht “verdient”, “erhält” oder “bekommt”, sondern: “kassiert”.

Die Redaktion nennt hinter ihrer “Bild plus”-Bezahlschranke die Monats- beziehungsweise Jahresgehälter von Reiner Hoffmann (Deutscher Gewerkschaftsbund), Ulrich Silberbach (DBB Beamtenbund), Klaus-Dieter Hommel (Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft), Guido Zeitler (Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten), Oliver Malchow (Gewerkschaft der Polizei), Jörg Hofmann (IG Metall), Frank Werneke (Ver.di), Michael Vassiliadis (IG Bergbau, Chemie, Energie), Robert Feiger (IG Bauen-Agrar-Umwelt) und Marlis Tepe (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft). Sie schreibt, dass nur die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer nicht auf die Anfrage zum Gehalt des Vorsitzenden Claus Weselsky geantwortet habe.

Auffällig ist, dass einer, der sonst ständig in “Bild” und bei Bild.de auftaucht, in dieser Liste komplett fehlt: der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt. Merkwürdig.

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Wen Julian Reichelt nach Julian-Reichelt-Logik sonst noch in Gefahr gebracht haben könnte:

Mit Dank an Stefan E. für den Hinweis!

Medien in der Corona-Krise, Hass und Angriffe, Attila Hildmanns Medienspiel

1. ZAPP spezial: Medien in der Corona-Krise
(ndr.de, Annette Leiterer & Gudrun Kirfel & Daniel Bouhs & Tim Kukral & Caroline Schmidt & Sebastian Asmus & Andrea Brack Peña)
Das NDR-Medienmagazin “Zapp” widmet sich in einer halbstündigen Sendung den verschiedenen Auswirkungen der Corona-Krise auf die Medienbranche. Es geht unter anderem um Rekordreichweiten durch Corona, um Rettungspakete für Medien, um Kurzarbeit und um TV-Millionen für das Fußballgeschäft.

2. “Träumen Sie süß”
(sueddeutsche.de, Nadia Pantel & Nicolas Richter)
Die WDR-Journalistin Ann-Kathrin Stracke wirft dem früheren französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing vor, sie Ende 2018 nach einem Interview-Termin sexuell belästigt zu haben. Eine vom Sender beauftragte Kanzlei sei in ihrem Abschlussbericht zu dem Ergebnis gekommen, Strackes Schilderungen (und die ihres Kameramanns) seien “insgesamt glaubhaft und legen den Schluss nahe, dass der Sachverhalt sich genau so zugetragen hat wie beschrieben”.

3. Attila Hildmanns Krisenmanagement
(belltower.news, Thilo Manemann)
Der Koch und Verschwörungsideologe Attila Hildmann spielt bereits seit Jahren mit den Medien und weiß, mit welchen Provokationen und großspurigen Auftritten er Aufmerksamkeit generieren kann. Derzeit inszeniere er sich als martialischer Widerstandskämpfer, als “Hüter der Wahrheit in einer Welt der Lüge und Manipulation”. Thilo Manemann hat sich angeschaut, wie Hildmann seine “Desinformationen und Maulheldenpostings” unters Volk bringt und versucht, dabei Werbung für seine Produkte zu machen. Was mal mehr und mal weniger gelingt, denn ein großes Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen habe Hildmanns Produkte bereits ausgelistet.

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4. Hass und Angriffe auf Medienschaffende
(mediendienst-integration.de, Jennifer Pross)
Eine neue Studie des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung zu Hass und Angriffen auf Medienschaffende (PDF) berichtet von besorgniserregenden Zahlen. 62 Prozent der anonym befragten Journalisten und Journalistinnen sähen die Freiheit und Unabhängigkeit journalistischer Arbeit in Deutschland in Gefahr. Mehr als die Hälfte habe Verständnis dafür, wenn Kolleginnen und Kollegen aus Sorge vor Angriffen nicht über bestimmte Themen berichten würden.
Weiterer Lesehinweis: ARD-Kamerateam auf Demonstration angegriffen (spiegel.de). Siehe auch das etwa zweiminütige Video, das einen Angriff bei einer Anti-Corona-Demo von Verschwörungstheoretikern rund um Attila Hildmann dokumentiert (twitter.com/democ_de).

5. Sich schön inkorrekt durchamüsieren
(zeit.de, Johannes Schneider)
Johannes Schneider hat einen lesenswerten Beitrag über das Kabarett im Allgemeinen und die Kabarettistin Lisa Eckhart im Besonderen, der er “unmoralische Boshaftigkeit” vorwirft, verfasst: “Diese Grenzverletzungen fördern keinerlei Erkenntnis, demaskieren weder Macht noch kulturelle Vorurteile, reproduzieren sie vielmehr. Komisch finden kann das nur ein verklemmtes Publikum, das denkt: Hihi, darüber macht man doch keine Witze. Dieses verklemmte Publikum gibt es natürlich, und wer gelernt hat, seinen Erfolg in Applaus und Aufmerksamkeit zu messen, findet hier gewiss dankbare Goutanten von Gratismut. Satire darf ja schließlich alles, und also muss sie auch auf den Gräbern der Ermordeten und den Nerven der Lebenden rumtrampeln dürfen.”
Weiterer Lesetipp: Antisemitismus-Vorwürfe: WDR verteidigt Kabarettistin Lisa Eckhart (rnd.de).

6. Zeugen des Krieges – Kriegsfotografie im Wandel
(3sat.de, Christiane Schwarz, Video: 58:34 Minuten)
Die Art und Weise, wie Kriege geführt werden, hat sich über die Jahrzehnte verändert und parallel dazu auch die professionelle Kriegsfotografie. In einer 3sat-Doku berichten vier Kriegsfotografinnen und -fotografen über ihre Einsätze in Krisenherden und Kriegsgebieten rund um den Globus. Dabei geht es auch um die Fotografien von Augenzeugen in den Sozialen Medien: “Der Kampf um die Hoheit des Bildes ist entbrannt wie noch nie zuvor. Gehen damit der künstlerische Anspruch und die journalistische Neutralität verloren? Ersetzt das primäre Augenzeugen-Foto heute gewissermaßen den Blick der Fotojournalist*innen?”

Corona-Lexikon, Rücktritt oder auch nicht, Ruth Moschners Telefonterror

1. Corona-Lexikon
(journalist.de, Sebastian Pertsch)
Das kleine “Corona-Lexikon” wendet sich in erster Linie an Medienschaffende, die sich nicht im Dschungel der Begrifflichkeiten und Fachtermini verirren wollen. Es ist aber auch eine klare Empfehlung für alle, die sich in Sachen Corona-Krise auf dem Laufenden halten wollen und die Berichterstattung dazu verfolgen.

2. Fal­sche Worte in den Mund gelegt
(lto.de)
Es versteht sich eigentlich von selbst, dass man nur das zitiert, was gesagt wurde, und anderen Personen keine falschen Worte in den Mund legt. Dies gelte auch und insbesondere bei mehrdeutigen Äußerungen, bei denen man verpflichtet sei, die eigene Deutung durch einen “Interpretationsvorbehalt” kenntlich zu machen, so das Oberlandesgericht Frankfurt in seinem Beschluss zu einem mehrdeutigen Zitat von Renate Künast. Die Grünen-Abgeordnete hatte sich gegen ein Bild gewehrt, das ein Facebook-Nutzer gepostet und ihr dabei eine Aussage zur Zulässigkeit von Sex mit Kindern in den Mund gelegt hatte.

3. In Schleswig-Holstein ist gegebenenfalls jemand zurückgetreten. Weiß man aber nicht so genau. Können wir aber schon mal melden.
(stefan-fries.com)
In einer “Spiegel”-Eilmeldung informierte das Nachrichtenmagazin über den Rücktritt des schleswig-holsteinischen Innenministers. So richtig klar sei in der Meldung jedoch nicht rübergekommen, ob der Minister den Rücktritt angeboten habe, ob er ihn eingereicht habe oder ob er bereits zurückgetreten sei. Die korrekte Berichterstattung über Rücktritte scheint häufiger Probleme zu bereiten, wie Stefan Fries schon vor einem Jahr schrieb: Ein Rücktritt ist nicht immer ein Rücktritt.

4. VZ.net im Selbstversuch: So ist die neue Social-Media-Plattform
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
Das Netzwerk StudiVZ ist schon lange tot, feiert jedoch derzeit unter dem Namen VZ eine Art Wiederauferstehung, samt solch nostalgischer Elemente wie “Buschfunk”, “Plauderkasten” und “gruscheln”. Für Matthias Schwarzer fühlte sich der Besuch auf der Seite deshalb auch ein bisschen an wie eine Erstiparty von 2006. Kurzerhand importierte er seine alten Daten, was jedoch nur unzureichend beziehungsweise gar nicht gelang. Sein Fazit: “Das neue VZ läuft technisch einwandfrei, ist schick und übersichtlich. Zu übersichtlich. Denn ohne einen vollständigen Import der alten Daten dürften sich wohl die wenigsten zu einer Anmeldung im neuen Netzwerk entschließen.”

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5. Audio-Offensive mit FYEO: Leben im Ausland, epochale Ereignisse und jede Menge Fußball
(innovation.dpa.com, Niddal Salah-Eldin)
Die Sendergruppe ProSiebenSat.1 hat eine neue Audio-Plattform mit dem Namen “FYEO” gestartet (“For Your Ears Only”). Die Nachrichtenagentur dpa hat vier eigene journalistische Formate beigesteuert: den Podcast “Abseits des Tourismus”, das Format “Meine Liebe, mein Verein”, den Geschichtserinnerer “Damals genau heute” und das Fußballformat “Als der Ball im Netz war”. Die stellvertretende dpa-Chefredakteurin Niddal Salah-Eldin stellt die Audio-Produktionen aus dem eigenen Haus vor.

6. Kenntse, kenntse! Ruth Moschners Telefonterror bei “The Masked Singer”
(uebermedien.de, André Wieland, Video: 1:50 Minuten)
Gestern Abend endete die aktuelle Staffel der Musikshow “The Masked Singer” (ProSieben), ein Gesangswettstreit mit in Ganzkörperkostümen gekleideten Prominenten. Damit werden wir erstmal nicht mehr erfahren, wen Jury-Mitglied Ruth Moschner alles kennt und wem sie alles eine WhatsApp-Nachricht geschickt hat. “Übermedien” hat die schönsten Moschner-Momente in einem Zwei-Minuten-Clip zusammengefasst.

Heinsberg und die “Storymachine”, Corona-Stillstand, 100 Jahre Kicker

1. Offene Fragen: Sportmanager Mronz und die Heinsberg-Studie
(sportschau.de, Niklas Schenk)
Rund um die sogenannte “Heinsberg-Studie” von Hendrik Streeck, Chefvirologe der Uni Bonn, tauchen allerhand Fragen auf, die nichts mit den medizinischen Ergebnissen zu tun haben, sondern sich auf einen Nebenaspekt beziehen: “Warum ist eine PR-Agentur an einer wissenschaftlichen Studie beteiligt? Wer hat [Michael] Mronz und seine Firma ‘Storymachine’ beauftragt? Wer bezahlt diese?”
Weitere Lesehinweise: Kritik und Zweifel an Studie aus Heinsberg (sueddeutsche.de, Kathrin Zinkant) und auf “Meedia” hat sich einer der “Storymachine”-Betreiber geäußert: “Heinsberg Protokoll”: Zum ersten Mal spricht Philipp Jessen über ein Storymachine-Projekt.

2. Im Stillstand der Städte
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Stadt- und Kulturmagazine trifft die derzeitige Lage besonders hart, da kaum noch Werbung für Veranstaltungen, Restaurants, Partys oder sonstige Events geschaltet wird. Boris Rosenkranz hat sich bei einigen Magazinen umgehört, wie sie mit der Krise umgehen.

3. Corona-Falschmeldungen erreichen ein Millionenpublikum
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz & Hannes Munzinger)
Eine der “Süddeutschen Zeitung”, NDR und WDR vorliegende Analyse hat Videos und Artikel erfasst, die bei Faktenchecks als irreführend oder falsch gekennzeichnet wurden, und deren Ausbreitungswege ausgewertet. Die Corona-Krise mache Menschen besonders anfällig für Falschinformationen: Die betreffenden Videos würden millionenfach geklickt. Löschungen gälten in der Szene als besonderes Merkmal der Glaubwürdigkeit, und Faktenchecks könnten nur einen Bruchteil der Nutzerinnen und Nutzer erreichen.

4. Virale Propaganda
(netzpolitik.org, Daniel Laufer & Jan Petter)
Die rechte Szene habe ein Propagandaportal mit rechtsradikalen und rassistischen Botschaften gestartet, das sich vornehmlich an junge Leute richte und dabei auf die typischen Stilelemente wie Listen, Quizspiele und gut teilbare Grafiken setze. Recherchen von netzpolitik.org und “Bento” würden zeigen, dass der Gründer der Seite seit Jahren in der rechten Szene aktiv sei: “Er und seine Mitstreiter:innen haben nicht nur enge Verbindungen zu AfD-Politikern und der Jungen Alternative (JA), sondern auch ins rechtsextreme Milieu rund um die Identitäre Bewegung (IB) und zu anderen Medien, die teils vom Verfassungsschutz beobachtet werden.”
Weiterer Lesehinweis: Warum Rechtsextremisten Mythen zu Corona verbreiten (kattascha.de, Katharina Nocun).

5. Breitbart ist wieder da – und Facebook hilft tatkräftig mit
(nzz.ch, Marc Neumann)
Facebook stellt sich gern als Plattform dar, das alles Menschenmögliche gegen die Verbreitung von “Fake News” unternehme. Für Irritation sorgt da die Aufnahme des verschwörungstheoretischen und rechtsextremen Mediums “Breitbart” in das Nachrichtenangebot “Facebook News”. Wie immer hat man zur Verteidigung einen schön klingenden Grund zur Hand: Das Netzwerk wolle damit für “Standpunktdiversität” sorgen.

6. 100 Jahre Kicker: Ein Sportmagazin schreibt Geschichte
(ardmediathek.de, Andreas Kramer, Video: 41:24 Minuten)
Das Fußballmagazin “Kicker“ wird 100 Jahre alt. Anlässlich des runden Geburtstags berichtet eine TV-Doku über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der bekannten Fußballzeitschrift. Was sind die Konstanten, was hat sich verändert? Der Beitrag ist eine bunte und abwechslungsreiche Collage mit vielen Informationen und Anekdoten aus der langen Historie.

“Bild” fordert: Neues Wirtschaftswunder jetzt sofort!

So sieht es aus, wenn in einer Redaktion der Größenwahn herrscht:

Ausriss Bild-Titelseite - Nationaler Kraftakt gegen Corona - Bild sagt, was sofort passieren muss

Noch schlimmer als dieser Hochmut ist an der “Bild”-Titelseite vom vergangenen Dienstag nur der Eindruck, den die Redaktion dort vermittelt: dass die Politik, die Regierung, der Staat nichts mache in der derzeitigen Corona-Krise.

“Wir brauchen einen nationalen Kraftakt”, ist im Vorspann zu lesen, als würden so gut wie alle Politikerinnen und Politiker (und viele andere Menschen) in Deutschland nicht schon seit Wochen kraftakten; als würden sie nicht im Dauereinsatz daran arbeiten, diese Krise irgendwie zu bewältigen. Da muss schon die “Bild”-Redaktion kommen, damit das hier mal alles klappt:

BILD nennt zehn Maßnahmen, die wir JETZT angehen müssen.

Was im Umkehrschluss nur heißen kann: Die zehn Maßnahmen, die “Bild” nennt, sind bisher noch nicht angegangen worden — was gefährlicher Unsinn ist.

Zum Beispiel Maßnahme 3:

Ausriss Bild-Titelseite - Mit Technologie gegen Corona

In vielen Ländern helfen Handy-Apps beim Kampf gegen das Virus. Menschen können ablesen, ob sie in der Nähe einer infizierten Person waren. Freiwillig und anonym muss das auch in Deutschland möglich sein.

Das dürfte es auch bald sein. Das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut und das Robert-Koch-Institut arbeiten schon längst an einer solchen App. In der Politik gibt es dafür viele Fürsprecherinnen und Fürsprecher.

Oder Maßnahme 9:

Ausriss Bild-Titelseite - Antikörper-Tests auf den Markt bringen

Wir müssen dringend wissen, wie viele Deutsche bereits infiziert waren — und nun immun sind.

Auch hier: Passiert schon.

“Bild”-Maßnahme 2:

Ausriss Bild-Titelseite - Masken für die Massen produzieren

Deutschland braucht Hunderte Millionen Atemschutzmasken.

Jede Person, die in den vergangenen Tagen mal in eine Corona-Sondersendung geschaltet hat, dürfte dort ein Interview mit einem Politiker oder einer Politikerin gesehen haben, in dem es um die Anstrengungen geht, endlich an mehr Atemschutzmasken zu kommen — ob nun im Ausland bestellt oder in Deutschland selbstproduziert. Diese Leute schildern aus unserer Sicht glaubhaft, dass sie dabei ihr Bestes geben.

Ganz ähnlich “Bild”-Maßnahme 6:

Ausriss Bild-Titelseite - Risikogruppen besonders unterstützen

Alte und Vorerkrankte, aber auch medizinisches Personal brauchen den besten Schutz: die stärksten Masken, die modernsten Schutzanzüge. Virologe Kekulé: “Es muss eine nationale Anstrengung sein, Risikogruppen vor Covid-19 zu schützen.”

Die “Bild”-Redaktion will doch nicht ernsthaft behaupten, dass das nicht schon längst eines der wichtigsten Ziele aller handelnden Personen ist?

Neben diesen Maßnahmen, die “wir” dem Boulevardblatt zufolge “JETZT angehen müssen” und die schon längst angegangen sind, nennt “Bild” auch ziemlich bekloppte Maßnahmen, die zum Glück noch niemand angegangen ist. Etwa Maßnahme Nummer 1:

Ausriss Bild-Titelseite - Kanzlerin Merkel muss jeden Tag zum Volk sprechen

Wie nie zuvor in Angela Merkels Amtszeit kommt es auf politische Führung an. Historische Persönlichkeiten wie Winston Churchill schworen die Menschen auf schlimmste Entbehrungen ein, schrieben mit Reden Geschichte. Merkel muss jeden Tag zur Nation sprechen.

Täglich “zum Volk sprechen” würde allerdings auch bedeuten: weniger Zeit für wirklich wichtige Dinge und Entscheidungen — und damit weniger “Kraftakt”. Wir hätten außerdem zwei Gegenbeispiele, die zeigen, dass tägliche Auftritte nicht automatisch etwas Brauchbares hervorbringen:

1. US-Präsident Donald Trump tritt momentan täglich vor die Kameras.
2. “Bild live” läuft sogar mehrmals täglich.

Eine der aus Sicht der “Bild”-Redaktion aktuell zehn wichtigsten Maßnahmen lautet tatsächlich:

Ausriss Bild-Titelseite - Notfall-Plan für Bundesliga

Der Fußball gibt Menschen Halt. Sie brauchen ihn, um die Krise durchzustehen. “Wenn nötig, dann eben zunächst mit Geisterspielen”, so Rekordnationalspieler Lothar Matthäus zu BILD.

Besonders bescheuert aber ist die Forderung von Maßnahme 7:

Ausriss Bild-Titelseite - Neues Wirtschaftswunder

Ganze Branchen, Volkswirtschaften, Währungen taumeln. Um das zu überstehen, brauchen wir ein neues Wirtschaftswunder.

Ja, es wäre toll, wenn in dieser schweren Zeiten jetzt sofort etwas wirklich Gutes wie ein Wirtschaftswunder geschehen würde. Wie genau? Das weiß auch die “Bild”-Redaktion nicht, auch wenn sie sonst gern vorgibt zu wissen, “was SOFORT passieren muss”. Aber plump fordern kann man es ja mal. Das setzt die handelnden Personen auch so schön zusätzlich unter Druck, wenn die “Bild”-Leserschaft dann kräht: Los, lasst jetzt endlich das Wirtschaftswunder stattfinden!

Christian Drosten ist “schockiert” vom “Stern”. Zu Recht? Nein und ja.

Christian Drosten ist schockiert:

Screenshot eines Tweets von Christian Drosten - Christian Drosten im stern: Keine vollen Fußballstadien in den nächsten zwölf Monaten - Diese Zuspitzung und Selbstverkürzung durch den Stern ist mir peinlich und entspricht nicht dem Zusammenhang des Interviews. Ich bin schockiert - dazu ein Link zu einem Artikel von stern.de

Der Direktor der Virologie an der Berliner Charité hatte Stern.de ein längeres Interview gegeben. Mit dem, was die Redaktion daraus gemacht hat, war er offenbar überhaupt nicht zufrieden. Drosten bekam bei Twitter für seinen Vorwurf in Richtung “Stern” viel Zuspruch. Aber war seine Kritik berechtigt? Nein und ja.

In Christian Drostens Tweet geht es genau genommen nicht um das Interview selbst, sondern um einen Begleitartikel bei Stern.de, in dem die Redaktion das Interview zusammenfasst. Diesen Artikel hat Drosten auch in seinem Tweet verlinkt. Die Überschrift lautet:

Screenshot Stern.de - Virologe im Interview - Christian Drosten im stern: Keine vollen Fußballstadien in den nächsten zwölf Monaten

Nimmt man nur diese Überschrift, ist Drostens Ärger nicht so richtig nachzuvollziehen. Die entsprechende Passage im Interview sieht so aus:

Wann wird im öffentlichen Raum wieder so etwas wie Normalität einkehren können?

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube aber überhaupt nicht daran, dass wir in irgendeiner absehbaren Zeit wieder Fußballstadien voll machen. Das ist überflüssig. Das wird es bis nächstes Jahr um diese Zeit nicht geben. Auf Dinge, die schön sind, aber nicht systemrelevant, wird man lange verzichten. Bei Schulen wiederum wird man vermutlich relativ bald nachschauen, ob die Maßnahmen so relevant sind, oder ob man da den Druck wieder rausnehmen kann.

Die “Stern”-Redaktion hat also aus Drostens Aussage “Ich glaube aber überhaupt nicht daran, dass wir in irgendeiner absehbaren Zeit wieder Fußballstadien voll machen. (…) Das wird es bis nächstes Jahr um diese Zeit nicht geben.” gemacht: “Christian Drosten im stern: Keine vollen Fußballstadien in den nächsten zwölf Monaten”.

Klar, da fehlt das “Ich glaube” in der Überschrift, die leicht nach einer Forderung Drostens klingt. Und vielleicht ist es für einen Virologen, der in einem Interview viele schlaue Dinge sagt, auch etwas ärgerlich, wenn eine Redaktion sich aus diesen ganzen schlauen Dingen die zum Fußball rauspickt. Mit dem redaktionellen Recht, Schwerpunkte zu setzen, müssen aber schon immer alle Interviewten leben.

Deswegen also “schockiert” sein? Das klingt recht übertrieben.

Allerdings gibt es in dem Artikel ja noch mehr als die Überschrift. Und da hat die “Stern”-Redaktion tatsächlich so schlecht gearbeitet, dass man Drostens Ärger verstehen kann.

In seinem NDR-Podcast sprach er am Montag auch über die Sache mit dem “Stern” (ab Minute 26:17, auch im Skript der Folge (PDF) nachlesbar):

Und es besorgt mich ganz besonders, wenn ich sehe, dass das dann auch noch zusammenkommt mit dem Verkürzen von Aussagen. Beispielsweise was jetzt gerade am Wochenende passiert ist, ist, dass ich in einer großen Zeitschrift ein relativ differenziertes Interview gegeben habe, wo es über zwei, drei Fragen hinweg um das Thema ging: Wie kann es jetzt denn weitergehen? Also: Was macht man denn jetzt? Jetzt sind diese Maßnahmen alle in Kraft. Und wie sieht jetzt unsere Zukunft aus? Kann man da wieder raus?

Und dann habe ich schon so zum Beispiel gesagt: Naja, also wenn man sich mal anschaut: Fußballstadien mit Leuten füllen oder zur Schule gehen — da ist doch das Zurschulegehen wichtiger. Und deswegen glaube ich, dass wir so schnell nicht mehr volle Fußballstadien haben werden, aber dass wir relativ bald uns darauf konzentrieren müssen, Daten zu kriegen, um zu entscheiden, ob man vielleicht die ganze Schule oder auch nur einige Jahrgänge der Schule wieder zulassen kann. Denn das ist ja wirklich wichtig.

Es ging mir um diese Unterscheidung: Was ist hier eigentlich Spaßfaktor? Und was ist essenziell in der Gesellschaft wichtig? Und wo kann man jetzt drauf fokussieren, wenn man wieder aus diesen Kontaktmaßnahmen raus will? Und dann wurde das verkürzt. Und zwar von der Zeitschrift selber, im Internet. Natürlich um Aufmerksamkeit auf diesen Artikel zu sammeln. Und da wurde im Prinzip nur noch gesagt: “Drosten: Ein Jahr kein Fußball mehr.” Und dann wurde noch dazugeschrieben, was gar nicht in dem Interview vorkam, dass sich das wohl auch darauf erweitern lässt, selbst ohne Zuschauer Fußballspiele abzuhalten. Also: Selbst davon würde ich abraten. Was gar nicht stimmt. Das war gar nicht der Inhalt.

Tatsächlich verdrehte Stern.de die Aussage Drostens enorm. Schon im Teaser des Artikels steht:

Der Virologe Christian Drosten erwartet nicht, dass in den kommenden zwölf Monaten wieder Fußballfans in die Stadien dürfen. Auch Geisterspiele hält er nicht für richtig.

Während der Wissenschaftler von “wieder Fußballstadien voll machen” sprach, behauptet die Redaktion, er erwarte, dass ein Jahr lang überhaupt keine Fußballfans mehr ins Stadion dürfen. Das ist ein großer Unterschied: Bei Borussia Dortmund zum Beispiel liegen zwischen voll und gar keine Fans 81.364 Abstufungen. Und dann schriebt Stern.de auch noch, Drosten habe sich sogar gegen Spiele ohne jegliche Zuschauer ausgesprochen, was so schlicht nicht stimmt. Da kann man schon mal “schockiert” sein.

Besonders ärgerlich in diesem Fall: Während der Begleitartikel mit dem falschen Teaser für jeden lesbar war, steckte das Interview selbst hinter der Bezahlschranke. Wer sich nach dem Teaser also wütend dachte: “Will der Drosten jetzt meinen schönen Fußball verbieten?!”, konnte ohne Abo nicht überprüfen, ob Christian Drosten das wirklich so gesagt hat (was er nicht hat). Auch das ärgerte den Virologen, wie er im NDR-Podcast sagte:

Und dann kommt noch dazu, dass dieser Artikel zusätzlich auch noch hinter einer Paywall steht. Das heißt, wenn man dann auf diese Internetmeldung geht und dann sich das Interview anschauen will, dann muss man auch noch bezahlen. Und das ärgert mich dann schon, weil das war für mich ein ganzer Nachmittag meiner Zeit, den ich da investiert habe.

Inzwischen kann man das Interview auch ohne Abo komplett lesen. Außerdem hat die “Stern”-Redaktion den Teaser des Begleitartikels umgeschrieben — dort ist jetzt nicht mehr die Rede von leeren Stadien und “Geisterspielen”. Am Ende des Textes steht eine längere “Anmerkung der Redaktion”.

Noch einen Tick schlechter als Stern.de hat es übrigens Bild.de hinbekommen. Da war schon in der Überschrift alles falsch:

Screenshot Bild.de - Chef-Virologe Drosten warnt - Ein Jahr lang leere Bundesliga-Stadien!

Dass solche Verdrehungen nicht nur üble Fehler von Redaktionen sind, sondern reale Folgen haben für die, deren Worte verdreht werden, auch darüber spricht Christian Drosten im NDR-Podcast:

Das macht mir als Person auch Angst, weil ich merke natürlich, wenn so etwas verkündet wird. Das ging, glaube ich, irgendwann Sonntagnachmittag raus über die Server. Ich habe das daran gemerkt, dass in meinem E-Mail-Eingang plötzlich aggressive Kommentare auftauchen, die mich wirklich angreifen. Und wo ich merke: Da sind Leute, die ich nicht kenne, die mich nicht kennen, die aber meine E-Mail-Adresse rausgekriegt haben und die mich jetzt befeuern.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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