„Bild“ weiß kaum etwas und schreit: Alarm in „unserem Freibad“

Auf der „Bild“-Titelseite ist heute wieder Alarm:

Ausriss Bild-Titelseite - Deutschlands Chef-Bademeister klagt an - Das ist nicht mehr unser Freibad!

… was bei uns gleich mehrere Fragen aufwirft: Wer bildet das „Wir“ in dieser Schlagzeile — wessen Freibad soll nicht mehr so sein, wie es mal war? Und wer ist das „Die“ — wer soll es so zugerichtet haben, wie es laut „Bild“ jetzt sein soll, mit „+++ Schlägereien +++ Pöbeleien +++ Messer +++ Tränengas +++ Polizei +++“? Es gibt aus unserer Sicht nicht viele Möglichkeiten, wie man die „Bild“-Schlagzeile von heute verstehen kann, und die erste, auf die wir kommen, ist: „Die Ausländer haben uns Deutschen unser Freibad kaputtgemacht!“

Auf der kompletten Seite, die die „Bild“-Redaktion zu dem Thema veröffentlicht hat, bietet sie erstaunlich wenig, was die These des veränderten Freibads belegen könnte.

Ausriss Bild-Zeitung - Früher war baden gehen irgendwie anders - Freibad-Report Sommer 2019

Der „Freibad-Report“ startet schon komplett vage:

Planschen, Pommes rot-weiß und Schlange stehen am Sprungturm — die Freibadsaison läuft bei Temperaturen von über 39 Grad auf Hochtouren.

Doch in diesem Jahr scheint die Stimmung in vielen Freibädern Deutschlands auffällig aggressiv zu sein.

„scheint“? Das ist ernsthaft die Grundlage, auf die sich die „Bild“-Redaktion beruft, wenn sie schreit: „In deutschen Freibädern wird es immer schlimmer!“? Sie hat offenbar null belastbaren Zahlen, die belegen könnten, dass es wirklich gefährlicher geworden ist in den Freibädern. Jedenfalls nennt sie keine. Stattdessen geht es schwammig weiter:

Zahlreiche Badegäste berichten von unangenehmen Erlebnissen, die Polizei von spektakulären Einsätzen!

„zahlreiche“ — sehr präzise!

Und auch Rainer Wendt, der Bundesvorsitzende einer Polizeigewerkschaft, der bei so einem Thema natürlich nicht fehlen darf, scheint keinerlei Ahnung zu haben, wie es genau aussieht, darf aber auch was sagen:

„Jeder versteht etwas anderes unter Spaß“, erklärt Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG).

„Der eine will mit seiner Familie in Ruhe baden, andere wollen Kräfte messen und laut Musik hören. Da ist Stress programmiert. Gefühlt gibt es immer mehr Polizeieinsätze in den Bädern.“

„Gefühlt“ reicht also inzwischen als Maßstab (was übrigens bestens zum Wochenmagazin „Bild Politik“ passt, bei dem laut „Bild“-Politikchef Nikolaus Blome der Grundsatz gelte: „Gefühle schaffen Fakten“).

„Bild“ liefert in dem Text dann noch ein paar Vorkommnisse („Pfefferspray“, „Belästigung“, „Messer-Attacke“, „Familien-Streit“, „Beißangriff“), die angeblich „zeigen: Das Miteinander im Freibad hat sich verändert.“ Aber auch hier: Exakt keine Details dazu, dass es mehr und/oder heftiger geworden ist.

Bei den meisten dieser Beispiele nennt die Redaktion nicht die Nationalitäten der Personen, die dort für Randale gesorgt haben sollen. Bei manchen aber schon: ein Mann aus dem Iran, ein Jugendlicher aus Syrien, ein Jugendlicher aus Deutschland — wobei der Deutsche das Opfer des beißenden Syrers sein soll. Das ist dann vermutlich die Antwort auf unsere Fragen, wer das „Wir“ und wer das „Die“ sein sollen.

Neben dem Haupttext präsentiert „Bild“ ein Gespräch mit „Deutschlands oberstem Bademeister“, dem Präsidenten des Bundesverbandes Deutscher Schwimmmeister Peter Harzheim. Allerdings klagt Harzheim gar nicht an, wie von „Bild“ auf der Titelseite behauptet, dass das „nicht mehr unser Freibad“ sei. Und er sagt auch nichts zu Schlägereien, Pöbeleien, Messern, Tränengas oder der Polizei. Stattdessen erzählt er, dass man immer häufiger geduzt werde, dass manche Freibadbesucher Mitarbeiterinnen des Bads nicht als Autoritätspersonen akzeptieren, und dass Leute immer wieder mit normaler langer Kleidung ins Wasser wollen (Burkinis oder UV-Kleidung seien für ihn hingegen völlig in Ordnung, so Harzheim, solange sie aus Schwimmtextilien bestehen). Also auch hier kein Hinweis darauf, dass an der „Bild“-Schlagzeile irgendetwas dran ist.

Der absurde Höhepunkt der „Bild“-Freibad-Seite ist aber sowieso der Besuch eines Reporters im Prinzenbad, Pardon, „im berüchtigten Prinzenbad“. Und wo, wenn nicht im berüchtigten Berlin-Kreuzberg, sollte „Bild“ auf die Abgründe des deutschen Freibads stoßen?

Das Prinzenbad in Berlin-Kreuzberg ist wohl das berühmteste Freibad Deutschlands. Auf jeden Fall ist es das berüchtigtste. Immer wieder wird es Schauplatz von Krawallen. (…)

BILD verbrachte einen Tag im Prinzenbad während der Hitzewelle

… und hat wirklich nichts gefunden. (Möglichst unspektakuläre Reportagen von angeblich gefährlichen Orten sind sowieso eine Spezialität der „Bild“-Medien.)

Die Schlimmsten Vorkommnisse:

7 Uhr: Bei Öffnung stehen rund 100 Menschen vor dem Tor. Darunter auch ein Security-Mann (25) und ein Siemens-Ingenieur (23), die vor ihrer Schicht ins Wasser wollen. Wenig später stehen sie im Wasser am Beckenrand und rauchen Zigaretten. Hinter ihnen ein Schild: „Rauchen verboten“.

7.30 Uhr: Die ersten Jugendlichen fangen an, am Ende des Beckens Arschbomben zu üben.

Und das heftigste Ereignis um 15:03 Uhr:

15.03 Uhr: 37 Grad. Die Security hält einen Mann aus Bulgarien fest. Er soll über den Zaun geklettert sein, ohne zu zahlen.

Hui!

Ansonsten: „Ein paar Oberschüler“, die sagen: „‚Dicker, heute wird Sonne böse, guck mal, wie blass ich bin, ja'“, drei Rentner, die „unter einem Sonnenschirm Rommé“ spielen, zwei Polizisten, die „durch das Bad“ laufen, aber „nur Präsenz“ zeigen, zwei Männer, die sich küssen, was aber niemanden interessiert außer den „Bild“-Reporter, und ein Junge, der zu einem anderen sagt: „‚Walla, du bist der größte Hurensohn, wenn du noch einen Schluck nimmst'“, denn, so der Autor: „Bei der Hitze ist Wasser ein kostbares Gut.“ Das Fazit des Besuchs:

Am Ende des Tages kamen 8300 Menschen. Ein guter Tag für das Prinzenbad. Keine Diebstähle, keine Krawalle.

Aber davon lassen sie sich bei „Bild“ selbstverständlich nicht ihre Stimmungsmache vermiesen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!