Die “Bild am Sonntag” berichtet heute freundlicherweise über die T-Mobile-Tarife für das iPhone 3G (siehe Ausriss). Auf die Frage, wann das “Wunderhandy” in Deutschland auf den Markt kommt, lässt sie einen T-Mobile-Sprecher ganz im Sinne derbeliebtenRubrik “BamS-Leser wussten es zuerst!” sagen:
“Sie hatten in der BILD am Sonntag letzte Woche ja schon erste Bilder vom neuen iPhone gezeigt – und ab dem 11. Juli wird das Handy exklusiv bei T-Mobile erhältlich sein.”
Da soll doch noch mal einer behaupten, die Sanktionen des Presserats wirkten nicht. Im Sommer 2007 hatte der Beschwerdeausschuss nach einigem hin und her dann doch einen “Hinweis” gegen die “Bild”-Zeitung ausgesprochen, weil sie ein Jahr zuvor mit ihrem “WM-Knaller von Lidl und BILD” (siehe Ausriss) gegen die Ziffern sechs und sieben des Pressekodex verstoßen hatte (wir berichteten).
In der Begründung führte der Presserat aus:
Nach Meinung des Gremiums gerät im vorliegenden Fall das Ansehen der Presse (Ziffer 6 des Pressekodex) in Gefahr, wenn eine werbliche Veröffentlichung, die redaktionell gestaltet ist, den redaktionellen Aufmacher auf der Titelseite ersetzt. Der Leser erwartet dort weder einen Eigenmarketingbeitrag noch Werbung.
Dadurch, dass an einer Stelle, an der sonst redaktionell berichtet wird, ein Eigenmarketingbeitrag veröffentlicht wurde, wird zudem die in Ziffer 7 des Pressekodex geforderte klare Trennung von Werbung und Redaktion aufgehoben.
Das hat man sich bei “Bild” offenbar zu Herzen genommen. Statt eines “WM-Knallers” präsentiert “Bild” heute exklusiv das “Lidl-EM-Paket” (siehe Ausriss). Wer sich am kommenden Montag die “Bild”-Zeitung kaufe, den darin abgedruckten Coupon ausschneide und damit “zu einer der 2600 Lidl-Filialen” gehe, bekomme für “nur einen Euro” sechs Flaschen “Grafenwalder Premium Pils” und ein Paket Grillwürstchen (“Dulano, 350 Gramm”). Das sei “der Party-Hammer”.
Beim “WM-Knaller” gab’s noch für 99 Cent sechs Flaschen “köstliches Grafenwalder Premium-Pils”, “eine große Tüte knackige Erdnuß-Flips”, eine Deutschland-Fahne und keine Wurst. Und der heutige “Eigenmarketingbeitrag” ist, anders als der “WM-Knaller”, auch nicht der “Aufmacher auf der Titelseite” – sondern eine Titelgeschichte.
Eine Kennzeichung als “Anzeige”, deren Fehlen der Presserat beim “WM-Knaller” moniert hatte, sucht man indes auch hier vergeblich.
Aber vermutlich wird dort auf der “Bild”-Titelseite sonst ohnehin nicht redaktionell berichtet. Und der Leser wäre total überrascht wenn doch oder so.
Mit Dank an Steffen H. für den sachdienlichen Hinweis.
Nachtrag, 16.6.2008: “Bild” hat es geschafft, in ihrer heutigen, ähm, Berichterstattung über “Bier und Grillen für 1 Euro”, also das “Super-EM-Paket von Lidl und BILD”, bzw. “Die größte EM-Aktion aller Zeiten”, das Wort “Anzeige” unterzubringen. Sogar zwei Mal.
“Ich warte immer noch auf seinen Anruf. Schnüff.” (persoenlich.com, Matthias Ackeret) Bild-Klatschreporterin Annette Pawlu erzählt, wie sie von Wladimir Putin auf den Mund geküsst wurde und wie sich die Arbeit je nach Land unterscheidet: “In der Schweiz war alles ruhiger und beschaulicher. Man hat das Gefühl, man tuckert auf der Arbeits-Autobahn so mit Tempo 100 auf der rechten Spur. In Deutschland fahren alle plötzlich die 200-km/h-Bleifuss-Nummer. Huch!”
Oh, heile Fussballwelt – im TV (20min.ch)
“Sportminister Samuel Schmid sah am Sonntag das Spiel in Wien und zog danach ein erstaunliches Fazit: Das Spiel am Vortag in Basel habe ihm sicherheitsmässig besser gefallen – denn mit Rauchpetarden könne er nichts anfangen. Rauchpetarden? Das TV-Publikum stand vor einem Rätsel.”
17 Fragen an… Christian Spannagel von “Chrisp’s Virtual Comments” (wissenschafts-cafe.net) Dr. Christian Spannagel plädiert dafür, mutig und vorab zu bloggen: “Mich stört die weit verbreitete Einstellung, man müsse seine Ideen möglichst bis zu dem Zeitpunkt unter Verschluss halten, bis sie in einem peer-reviewed Journal veröffentlicht sind, und zwar aus Angst, jemand könnte die Ideen klauen und vorab veröffentlichen.”
Marketingjournalismus (medienspiegel.ch, Martin Hitz)
Der Medienspiegel macht ein kleines Quiz mit Werbetexten im redaktionellen Teil von Zeitungen.
Der Journalismus lebt – Essay (welt.de, Mathias Döpfner)
“Die Presse hat immer Krisen erlebt. Auch neben dem Internet wird die Zeitung bestehen – bald ohne Papier. Ihren Lesern muß sie exklusive Neuigkeiten bieten, eigenständige Meinung und begeisternde Sprache.”
Fernsehkritik TV, Folge 13 (fernsehkritik.tv, Video, 48 Minuten)
Im Visier diesmal: “Quoten, Klicks und Kohle” von Thomas Leif, das Model und der Fake, Germanys next Flopmodel, Margarethes letztes Aufbäumen und Fady & Thomas: Alles nur Trick.
Nein, das ist kein Sehtest, den die “Bild”-Zeitung heute ihren Lesern in Berlin und Brandenburg auf Seite 8 als Service anbietet. Es handelt sich um eine Gegendarstellung.
Und vermutlich muss Meret Becker schon froh sein, dass “Bild” diese Klarstellung nur über den Stellenmarkt und nicht über die Kontaktanzeigen gestellt hat. Jedenfalls steht da, in Groß- und Kleinschreibung übersetzt:
Gegendarstellung zu “Ich suche einen Mann” vom 20.5.2008: Ich suche keinen Mann. Ich habe auch nicht gesagt: “Ich bin reif für eine neue Beziehung” oder “Aber ich bin leider schon lange wieder Single!”
Berlin, den 20.5.2008
RA Eisenberg für Meret Becker.
Und dahinter hat die Redaktion geschrieben:
Meret Becker hat Recht.
“Bild” muss die Gegendarstellung sogar auf den sogenannten Händlerschürzen vor den Kiosken bewerben:
Am vergangenen Dienstag hatte “Bild” in großer Aufmachung und exklusiv berichtet:
Single-Männer, diese Zeilen könnten euch brennend interessieren…
Berlins schöne Chansonsängerin und Schauspielerin Meret Becker (39) verrät in BILD: “Ich bin reif für eine neue Beziehung.”
[etc. pp.]
Wie “Bild”-Klatschreporterin Esther Hofmann vergangene Woche darauf kam, Meret Becker habe “in BILD” etwas gesagt, was sie laut “Bild” heute gar nicht gesagt hat, wissen wir nicht. Aber in einer “Stern-TV-Reportage” gab Hofmann vor zwei Jahren Einblicke in ihre Arbeit. Angekündigt wurde sie damals so:
Um knackige Storys aus der Welt der Reichen und Schönen zu bekommen, braucht es schon Know-How und spezielle Kniffe. Esther kennt sie alle nach 15 Jahren Berufserfahrung, in denen sich die 40-Jährige nicht immer beliebt gemacht hat. Die Frau, die weiß: “Wenn ich eine Geschichte haben will, dann kriege ich sie”, gilt allgemein als gefürchtet.
Vielen Dank an Tommi R. und Nina H. für die Hinweise!
Als wollte man sich bei “Bild” mit Daums “überraschender Wende” und seinem “Rücktritts-Rückzieher” (wir berichteten) nicht so recht abfinden, findet sich der obige “Bild”-Artikel(entwurf?)* mit Datum vom gestrigen Freitag aktuell verlinkt auf Bild.de.
Mit Dank an Lasse P., Max S., Benno K. und Stefan J.
*) Nachtrag, 20.28 Uhr: Wo vorhin noch die “Daum geht”-Meldung stand, steht jetzt nixxx mehr.
Es steht zwar nicht “Gegendarstellung” über einem “Bild”-Artikel von gestern, der sich mit dem Grünen-Justizexperten Benedikt Lux beschäftigt, aber eigentlich ist es eine:
Die angebliche Affäre um Grünen-Rechtsexperte Benedikt Lux (26): Die Justizvollzugsanstalt Tegel hatte behauptet, Lux sei von einem Wärter ertappt worden, als er einem Häftling Baller-Spiele übergeben wollte. Jetzt stellt sich heraus: Diese Behauptung war falsch!
Und diese Behauptung war von “Bild” verbreitet worden – in einem Artikel am 7. März. Gestern schrieb “Bild” dazu:
Zuerst hatte Justizstaatssekretär Hasso Lieber (62) den Grünen im Rechtsausschuss gemaßregelt. Dann hatte JVA-Sprecher Lars Hoffmann (42) in BILD gesagt: “Videospiele sind nur in Ausnahmefällen erlaubt. Abgesehen davon gab es weder einen Antrag eines Insassen noch eine Genehmigung. Erst in der Anstalt, als Herr Lux die Spiele einem Insassen übergeben wollte, fiel das einem Wachhabenden auf.” Dabei war es ganz anders! Wie aus einer internen Erklärung des damals Wachhabenden, die BILD vorliegt, hervorgeht, teilte Lux dem Knast-Bediensteten von selbst mit, dass er die Spiele dabeihabe und sie gerne einem Insassen geben würde.
Nun ist es überhaupt kein Wunder, dass “Bild” diese vermeintlich “interne Erklärung des damals Wachhabenden” vorliegt. Und auch wenn “Bild” diesen Eindruck erweckt: Eine Exklusiv-Info im herkömmlichen Sinn ist das keineswegs. Die Erklärung war nämlich Beweismittel in einem Gegendarstellungs-Verfahren gegen “Bild”, das Lux nach dem Artikel vom 7. März angestrengt hatte – und zwar mit Ansage, wie Lux uns erzählt. Er habe “Bild” schon vor Erscheinen des Artikels angekündigt, dass er klagen werde, sollte “Bild” in ihrer Berichterstattung den falschen Eindruck erwecken, er habe versucht, die “Ballerspiele” ins Gefängnis zu schmuggeln.
“Bild” ließ Lux zwar unter der Überschrift “Grüner Abgeordneter bringt Knackis Ballerspiele in Knast” (der Artikel wurde bei Bild.de gelöscht) auch mit seiner Version zu Wort kommen (siehe Ausriss), doch die in “Bild” zitierten Aussagen des JVA-Sprechers, dass es keinen Antrag gegeben hätte und Lux von einem Wachhabenden mit den Video-Spielen quasi erwischt worden wäre, sind nun mal falsch.
Mitte April entschied das Gericht deshalb, dass Lux einen Anspruch auf Gegendarstellung hat. Da “Bild” die Gegendarstellung jedoch nur ungern habe abdrucken wollen, so Lux, habe er sich mit “Bild” geeinigt, das in einem weiteren Artikel richtig zu stellen. Mit dem von gestern sei er “zu etwa 70 bis 80 Prozent zufrieden”.
Offen bleibt, inwieweit neben dem “Knast-Chef” auch “Bild” den “Wirbel um Grünen-Politiker” bedauert. Den hat “Bild” zwar nicht von sich aus verursacht, aber ihm durch die Verbreitung der falschen JVA-Informationen den nötigen Aufwind gegeben.
Toll, die Mitarbeiter von Bild.de scheuen wirklich keine Kosten und Mühen, um ihre Leser exklusiv und umfassend zu informieren.
Laut Bild.de lacht momentan “ganz Deutschland” über eine Frau mit starkem Dialekt, die vor drei Jahren bei der Polizei anrief, um sich über ihren Nachbarn zu beschweren. Ein Mitschnitt des Telefonats sei schon “mehr als 100.000 Mal” bei YouTube abgerufen worden und Bild.de verkündet stolz:
Wobei diese Rechercheleistung vielleicht etwas dadurch geschmälert wird, dass die Frau am Telefon ihre volle Adresse nennt und mehrmals ihren Namen. Ihr starker Dialekt stellt kein Problem dar, denn die hochdeutsche Übersetzung wird mitgeliefert:
Und weil Bild.de das Video auch auf der eigenen Seite zeigt, können sich jetzt zusätzlich zu den YouTube-Nutzern auch noch ein paar Millionen Bild.de-Leser darüber informieren, wie eigentlich der Nachbar heißt und wo genau er wohnt. Echt toll:
Mit Dank an Christian R., Alexander, Falk R. und Nogger für den Hinweis.
Es ist nicht sehr abwegig, dass “Bild.de”, vermutlich inspiriert durch diese Ausgrabung von “vanityfair.de”, über ein Musikvideo schreibt, in dem die damals sechzehnjährige Angelina Jolie mitspielt:
Lange vor dem Oscar, Brad Pitt und den (bald) sechs Kindern verdiente sich die heute gefeierte Kinoschönheit Angelina Jolie (32) mit kleineren Jobs ihr erstes eigenes Geld. So übernahm die Bellissima aus Hollywood im Jahr 1991 die Hauptrolle in einem Musikvideo des italienischen Schmusesängers Antonello Venditti.
“Jetzt ist dieses Musik-Video aus den neunziger Jahren aufgetaucht.”
O-Ton Bild.de
Es ist angesichts der Tatsache, dass dieses Video in der Internet Movie Database, seit mehr als einem Jahr in Vendittis Wikipedia-Eintrag, seit dem 7. Januar 2007 in Jolies deutschsprachigem und dem 21. Oktober 2006 in ihrem englischsprachigen Wikipedia-Eintrag erwähnt wird, und überhaupt angesichts der Tatsache, dass das Video selbst seit dem 5. Februar 2006 bei YouTube zu finden ist und mehr als 500.000 mal angesehen wurde, aber außerordentlich abwegig, den Text ausgerechnet so beginnen zu lassen:
Schon oft haben wir hier darüber berichtet, dass die “Bild”-Zeitung wieder und wieder die Persönlichkeitsrechte von Menschen verletzt, indem sie ihrem Millionenpublikum Fotos präsentiert, die – irgendwo aufgetrieben – kaum oder gar nicht anonymisiert (mutmaßliche) Täter und Opfer von Straftaten zeigen.
Dabei es ist ja nicht so, dass “Bild” nicht wüsste, dass und wie man anonymisieren muss. Im Gegenteil. Wir zeigen hier mal beispielhaft die gängigsten Versionen:
Neuerdings jedoch benutzt “Bild” beim Herzeigen von Menschen, für deren Herzeigen es keinerlei Notwendigkeit gibt, auch eine neue Art der Nachbearbeitung.
Aktueller Fall: Eine Frau soll vor knapp 20 Jahren drei Babys zur Welt gebracht, möglicherweise nach der Geburt getötet und in der Tiefkühltruhe eingefroren haben. Ihr 18-jähriger Sohn habe die Babyleichen nun durch Zufall entdeckt. Da sei die Frau zur Polizei gegangen und festgenommen worden. Sie befinde sich in psychiatrischer Behandlung. Aus Ermittlerkreisen heißt, die Tat sei “im Grunde aufgeklärt” – evtl. sogar verjährt.
Und “Bild” hat ein Foto der Frau. Seit gestern vormittag zeigt sie es online. Als Quelle wird der “Bild”-Fotograf Stefano Laura genannt. Nachdem er das Exklusiv-Foto offenbar bei Nachbarn/Freunden/Verwandten beschafft hatte (auch das gehört zu den Aufgaben von “Bild”-Fotografen), war die “Bild”-Redaktion am Zug, musste entscheiden, ob sie die Abgebildete bei der Veröffentlichung unkenntlich macht oder nicht. Und entschied mal wieder: nicht.
Irgendwann im Laufe des Tages jedoch kam jemand bei “Bild” auf die Idee, das Foto auf Bild.de doch noch einmal grafisch nachbearbeiten zu lassen. Das Ergebnis wollen wir nicht zeigen, nur die Methode:
Die Nachbearbeitung fand also offensichtlich nicht aus Menschlichkeit statt, sondern aus unternehmerischem Kalkül: Wer das Foto aus dem Online-Angebot von “Bild” klaut benutzt, zeigt auch gleich die Quelle.
Immerhin: Wir haben verstanden und empfehlen daher allen, die unbedingt private Fotos von sich onlinestellen wollen, dies:
Mit Dank an die Hinweisgeber – und Philipp Neuhaus fürs Symbolfoto.
P.S.: Die gedruckte “Bild” zeigt das Foto der Frau auf der Titelseite und noch einmal groß im Artikel.