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“Focus Online” klaut einen erfundenen Asteroiden

Wissenschaftler der Columbia University und des staatliche französischen Forschungsinstituts Inria haben neulich untersucht, wie sich Nachrichten in Sozialen Netzwerken verbreiten. Zusammengefasst sagt ihre Studie “Social Clicks: What and Who Gets Read on Twitter?” (PDF): 59 Prozent der Links, die Leute bei Twitter retweeten, wurden von der Person, die sie verbreitet, zuvor nicht gelesen. Oder anders gesagt: Für viele reicht eine knackige Überschrift, um einen Link bei Twitter verbreiten zu wollen.

Elizabeth Bromstein vom “Yackler Magazine” hat dieses Ergebnis auf eine charmante Art veranschaulicht:

Scientists have discovered a massive asteroid that is on course to hit the Earth next week, and are scrambling to find a way to divert the object.

The asteroid has been named 2016-FI and measures approximately 1 km across. If it strikes a populated area is could wipe out entire cities and potentially devastate an entire continent or … nah. I’m totally messing with you. There’s no asteroid (at least not about to strike next week).

But there is a new study by computer scientists at Columbia University and the French National Institute that has found that 59 percent of links shared on social media have never actually been clicked, meaning that most people who share news on social media aren’t actually reading it first. […]

RTFA, of course, and don’t share things you haven’t read. Being informed is being responsible.

Bei “Focus Online” muss jemand auf Bromsteins Text gestoßen sein. Idee geklaut, kurzerhand übersetzt und schnell einen eigenen Artikel veröffentlicht:

Wissenschaftler haben kürzlich einen Asteroiden entdeckt, der sich auf Kollisionskurs mit der Erde befindet. Nun versucht man herauszufinden, wie die Katastrophe abgewendet werden könnte. Ein Einschlag könnte einen ganzen Kontinent verwüsten.

Wissenschaftler haben einen massiven Asteroiden von einem Kilometer Durchmesser entdeckt, der in der kommenden Woche die Erdumlaufbahn kreuzen könnte. Solche und vergleichbare Nachrichten erregen Aufmerksamkeit und werden im Netz tausendfach geklickt.

Allerdings haben Wissenschaftler der Columbia Universität und des Französisch Nationalen Instituts nun herausgefunden, dass 59 Prozent der geteilten Links in den sozialen Netzwerken nur in den seltensten Fällen angeklickt werden. Das bedeutet, dass sich die meisten Menschen geteilte Neuigkeiten zuvor gar nicht richtig durchlesen und sie einfach blind teilen. […]

Es ist also ratsam einen Artikel zunächst aufmerksam zu lesen und erst dann zu teilen oder sich an einer Diskussion zu beteiligen. Informiert sein heißt nämlich auch Verantwortung übernehmen.

Die Redaktion hat sich auf ihrem Raubzug nicht mal die Mühe gemacht, sich einen eigenen Namen für den Fantasie-Asteroiden auszudenken.

Blöderweise hat “Focus Online” eine ganz entscheidende Stelle hingegen nicht vom “Yackler Magazine” übernommen: Die eindeutige Auflösung, dass es sich bei der bedrohlichen Lage um eine bewusste Falschmeldung handelt. Besorgte Leser bitten nun die “Gute Frage”-Community um Aufklärung. Und auch unter dem “Focus Online”-Artikel herrscht Verwirrung:

Was hat der Bericht nun mit dem Asteroiden zu tun ?? Anstatt über ihn zu berichten und Fakten mitzuteilen wird über das Verhalten der Leute im Netz gelabert. […]

wow gerade mal 5sec bekam der Asteroid am Aufmerksamkeit — er sollte vielleicht doch mal die Erde aufsuchen – dann ist er in den Topnachrichten für die nächsten Wochen

Ist das euer Ernst? Eine solche Nachricht und dann der Großteil des Berichts über das teilen von Links? Stimmt die Sache mit dem Kometen überhaupt oder soll das nur verdeutlichen, dass meistens nur die Überschrift gelesen wird? Ist auf jeden Fall nicht witzig.

Mit Dank an Christian D. und Heiko S.!

Nachtrag, 15. Juli: Neben “Focus Online” haben auch die Seiten “Macwelt”, “Gulli” und “Yahoo Nachrichten” die Geschichte vom Asteroiden, der auf die Erde prallen wird, geklaut. Im Gegensatz zu “Focus Online” haben sich die drei Portale immerhin Mühe gegeben, den Fake im Artikel aufzulösen.

“Focus Online” hat seinen Artikel inzwischen geändert. Die Überschrift lautet nun:

Mit Dank an @Wasserbanane!

“Unsinnig und frei erfunden”

Unter dem Slogan „Die Toten kommen“ werden seit ein paar Tagen an verschiedenen Stellen in Berlin symbolische Gräber ausgehoben, um an die im Mittelmeer gestorbenen Flüchtlinge zu erinnern. Gestern fand die Aktion auch vor der Hamburger Uni statt.

Dazu schreibt die „Hamburger Morgenpost“ in ihrer Online-Ausgabe:

Die Teilnehmer hoben mit selbst mitgebrachten Schaufeln Gräber aus. Anschließend stellten sie Kreuze auf und legten Blumen auf die Grabstätten. Die Aktion wurde vom Uni-Präsidenten Prof. Dr. Dieter Lenzen geduldet. Entstandene Schäden würden jedoch von Mitteln der Studiengebühren beglichen.

Tatsächlich erklärt der Präsident in einer heute veröffentlichten Stellungnahme, die Gedenkveranstaltung sei …

aus Sicht der Universität absolut angemessen und wird insofern begrüßt.

Allerdings:

Die Meldung „entstandene Schäden würden aus Mitteln von Studiengebühren beglichen“ ist unsinnig und frei erfunden. Dieses ist schon daran erkennbar, dass in Hamburg seit Jahren gar keine Studiengebühren mehr erhoben werden.

Mit Dank an @mahatma_django.

Nachtrag, 24. Juni: Die “Mopo” hat die Passage unauffällig korrigiert:

Nach einer Information vor Ort hieß es anfänglich, dass entstandene Schäden aus Mitteln der Studiengebühren beglichen würden. Dem ist nicht so: Die Universität betrachtet die Aktion vielmehr als “Bestandteil des Auftrags der Universität.”

Wer hat’s erfunden?

“Bild” beschäftigt sich heute mit Haris Seferović, dem neuen Spieler bei Eintracht Frankfurt. Und weil der aus der Schweiz kommt, klingt die Überschrift (Ausgabe Frankfurt) so:

Auch im Text taucht die kleine Spielerei mehrfach auf:

Eintracht wünscht sich Törli Törli unaufhörli!

Jetzt ist Seferovic doch in Frankfurt. Und sorgt hoffentlich unaufhörli für Törli Törli Törli anstatt für Ärger.

Zur Erklärung schreibt “Bild” noch:

Törli ist ein liebevoller Begriff in der Schweiz für Tore.

Ja, das stimmt auch.

Allerdings — wir haben extra bei unseren Schweizer Freunden nachgefragt — nur für solche. Und nicht für solche.

Oder, wie der Schweizer “Blick” schreibt:

Den Eintracht-Fans wird’s egal sein, dass in der ganzen Schweizer Fussballgeschichte noch nie jemand das Wort “Törli” in den Mund genommen hat. Hauptsache, Seferovic schiesst seine Tore…

Mit Dank an Alexander M. und Hannes S.

Bild  

Heinos erfundener Rocker-Krieg

Es ist selbst für “Bild”-Verhältnisse eine etwas überraschende Überschrift:

Weil er DIE ÄRZTE und RAMMSTEIN nachmacht: Rocker-Krieg gegen Heino! Deutsche Rocker sauer auf Volksmusik-Star Heino: "Ich lasse mir von niemandem das Singen verbieten"

Anders als sonst geht es in diesem “Rocker-Krieg” nicht um irgendwelche Motorrad-Gangs, sondern um Rockmusiker:

Wüste Beschimpfungen, Anwälte, verbotene Videos! Die deutsche Rock-Szene ist in Aufruhr: Ausgerechnet Heino singt Hits von “Rammstein” oder “Die Ärzte” nach – obwohl die ihm KEINE Genehmigung dafür gaben.

Dass Heino gar keine, Verzeihung: gar KEINE Genehmigung gebraucht hätte, erklärt “Bild” im Artikel eigentlich sogar selbst:

Heino nutzt ein rechtliches Schlupfloch. Solange er Komposition und Text des Original-Songs nicht verändert, können die Rocker nichts machen.

Details dazu entnehmen Sie bitte einfach der Wikipedia.

Das viele Gerede von Gesetzen wirkt überhaupt sehr kalkuliert — immerhin nennt die Plattenfirma Heinos (zufälligerweise nächste Woche erscheinende) CD offiziell “Mit freundlichen Grüßen — Das verbotene Album”, obwohl nichts an dem Album “verboten” ist.

Auch sonst wirkt der “Bild”-Artikel wie genau geplante Krawall-PR:

Kein großes Plattenlabel traute sich an die Veröffentlichung, weil die Multimillionen-Rocker den Firmen mit Kündigung drohten.

… weswegen das Album jetzt bei Sony Music erscheint, einer der drei größten Plattenfirmen der Welt, wo es zuvor schon für Oktober 2012 angekündigt gewesen war.

Aber zurück zum “Rocker-Krieg”, der für “Bild” sogar ein “irrer Rocker-Krieg ist:

“Diesen Dreck muss man sofort löschen, das ist respektlos!”

“Das Letzte, dass dieser A…. unsere Lieder singt!”

“Was denkt sich dieser Schunkel-Opa, der soll seine Rentner-Schnulzen trällern!”

Reaktionen deutscher Rockstars. Die Namen sind der Redaktion bekannt.

Nun würde man ja von einem “Krieg” irgendwie erwarten, dass beide Seiten öffentlich auftreten und die eine nicht so seltsam von der “Bild”-Redaktion gedeckt wird.

Andererseits nennt die Zeitung ja dann doch noch Ross und Rocker:

Aus dem “Rammstein”-Umfeld heißt es, die Band fände das “zum Erbrechen!” Und: “Wir könnten kotzen.”

Wobei “Bild” da offensichtlich aufs falsche Pferd gesetzt hat. Die Band Rammstein sah sich nämlich auf ihrer Website und bei Facebook zu einer Richtigstellung verpflichtet:

Rammstein haben mit Befremden die heutige Berichterstattung der Bild-Zeitung zur Kenntnis genommen, die Band befände sich in einer Auseinandersetzung mit Heino zu seiner Coverversion des Rammstein Titels “Sonne”.

Das ist nicht der Fall. Rammstein hat sich hierzu nicht geäussert. Die im Text genannten Zitate, die der Band in den Mund gelegt werden, spiegeln ausdrücklich nicht das Meinungsbild von Rammstein wieder.

Auch eine andere Band wusste offenbar noch nichts von ihrer Verwicklung in den “Rocker-Krieg”, wie dpa schreibt:

Auch die Plattenfirma der Ärzte, Hot Action Records in Berlin, widersprach dem Artikel. Dass Heino auf der Platte den Ärzte-Hit “Junge” zum Besten gibt, habe bei den Punk-Rockern nicht für Aufregung gesorgt, hieß es am Donnerstag. Die Band habe Heino auch nicht mit rechtlichen Schritten gedroht, sollte er ein Video seiner “Junge”-Version herausbringen, wie die Zeitung berichtet hatte.

“Bild”-Reporter Mark Pittelkau hatte geschrieben:

Heino-Manager Jan Mewes: “‘Die Ärzte’ drohten Heino mit einer sechsstelligen Schadenersatz-Klage, falls er sein bereits produziertes Musik-Video ‘Junge’ veröffentlicht.”

Ein solches Video können Sie natürlich bei Bild.de sehen.

Mit Dank auch an die vielen, vielen Hinweisgeber!

Und was hat dann DJ Bobo erfunden?

Die Tatsache, dass Jürgen Trittin an Eierbrötchen erinnert wird, wenn er die Musik der Bee Gees hört, ist selbst im Sommerloch eher eine Null-Nachricht. Die Internetseite des Kölner “Express” tat dem Musikmagazin “Rolling Stone” dennoch gerne den Gefallen, diese Vorabinformation aus dem morgen erscheinenden Interview mit Trittin weiterzuverbreiten:

Ganz schön gaga: Trittin: Bei Disco-Musik denkt er an Eierbrötchen

Statt sich nur über Trittin lustig zu machen, hätte Express.de aber auch bei dieser Geschichte ein bisschen Wert auf Fakten legen können:

Das komme davon, dass zu seiner Bundeswehrzeit in der Kantine immer solche Musik gespielt worden sei, sagte der ehemalige Umweltminister und Erfinder des Dosenpfands dem Magazin “Rolling Stone”.

Zwar steht in der Pressemitteilung des “Rolling Stone” auch, dass sich Trittin “DJ Dosenpfand” nennt, wenn er irgendwo auflegt, aber “erfunden” hat das Dosen- oder Einwegpfand im Jahr 1991 der damalige Umweltminister Klaus Töpfer.

Mit Dank an Jens N.

neu  

Presserat rügt teils frei erfundenen “Bild”-Bericht

Der Presserat hat aufgrund einer Beschwerde von BILDblog eine Rüge gegen die “Bild”-Zeitung ausgesprochen. Der Artikel der “Bild Bremen” (Ausriss rechts) habe gegen das Persönlichkeitsrecht zweier Kinder, das Wahrheitsgebot und die Sorgfaltspflicht verstoßen.

Das Gremium erklärte:

BILD (Bremen) erhielt eine nicht-öffentliche Rüge wegen eines Verstoßes gegen die Ziffern 8, 2 und 1 des Pressekodex. Die Zeitung hatte berichtet, dass zwei Mädchen im Alter von eins und vier Jahren auf Veranlassung ihrer Mutter zur Beschneidung nach Afrika gebracht werden sollten, was aber durch den Vater und einen Polizeieinsatz habe verhindert werden können. Ausschlaggebend für die Rüge war ein beigestelltes Foto, das beide Kinder ungeblendet zeigte. Hierfür gab es nicht die Einwilligung beider Eltern. Die Veröffentlichung dieses Fotos verletzt die Persönlichkeitsrechte der Kinder nach Ziffer 8 des Pressekodex.

Einen Verstoß gegen das Wahrheitsgebot aus Ziffer 1 des Pressekodex sah der Ausschuss zudem im Einstieg des Beitrages, wonach in einer dunklen Hütte in Afrika bereits ein Medizinmann auf die Mädchen gewartet habe. Dies war offenbar frei erfunden.

Die Zeitung verletzte außerdem die Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressekodex. Als Quellen für den Bericht wurden neben der Polizeimeldung und den Aussagen des Vaters nicht auch die Aussagen der Mutter berücksichtigt. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Mutter Beschneidungen ablehnt und ihre Kinder nicht zu diesem Zweck nach Afrika bringen wollte. Der Ausschuss hält es zwar für zulässig, dass die tagesaktuelle Berichterstattung im Wesentlichen auf der Polizeimeldung beruhte. Dies hätte jedoch für den Leser deutlich erkennbar sein müssen.

Aus Opferschutzgründen verzichtete der Ausschuss darauf, die Zeitung zum Abdruck der Rüge zu verpflichten.

Mehr über die gerügte “Bild”-Berichterstattung:

neu  

“Frei erfunden”: Bizarre Mohnhaupt-Entlassung

Nun ja, dass die Ex-Terroristin Brigitte Mohnhaupt in der Nacht zum Sonntag bei ihrer Entlassung aus dem Frauengefängnis Aichach von Journalisten angesprochen worden sei und gesagt habe, “dass sie keine Interviews geben und in Ruhe gelassen werden wolle”, ist offenbar nicht wahr. Behauptet hatte das die Nachrichtenagentur dpa (und u.a. auch “Süddeutsche Zeitung”, süddeutsche.de, heute.de und stern.de). In den “Aichacher Nachrichten” heißt es dazu unter Verweis auf den Gefängnisdirektor Wolfgang Deuschl:

Kann schon sein, dass da jemand fotografiert oder angesprochen wurde (…): Aber sicher nicht die ehemalige Gefangene.

Das “Bild”-Märchen von der Mohnhaupt-Entlassung:

1.40 Uhr: Durch die Sicherheitsschleuse an Gefängnistor 2 fährt ein weißer VW Golf in die JVA.
1.50 Uhr: Der Wagen verlässt die JVA wieder durchs Haupttor, parkt außerhalb des Geländes.
1.57 Uhr: Ein blauer VW-Bus (…) rast (…) aus dem Knast. BILD-Reporter Sigi Kiener: “Auf der Rückbank saß zusammengekauert eine Frau. Sie versteckte sich unter einer Decke. Ich konnte nur ein paar blonde Strähnen sehen.” Die wartenden Journalisten sind sich sicher: “Das ist die Mohnhaupt” und nehmen die Verfolgung auf.
1.57 Uhr: Ein JVA-Beamter fährt mit dem weißen Golf unbemerkt vor die Wohnung des Knastchefs auf dem Gefängnisgelände.
1.58 Uhr: JVA-Beamte führen Mohnhaupt von ihrer Zelle in den Garten des JVA-Chefs. Durch eine Gartenpforte verlässt sie den Vorgarten, steigt zu dem JVA-Beamten in den Golf. Der fährt sie zu einem Parkplatz bei Aichach. Dort wartet eine Freundin der Ex-Terroristin in einem dunklen Wagen. Versteckt bewachen und beobachten LKA-Personenschützer alles – um einzugreifen, falls doch ein Fotograf auftaucht.
2.15 Uhr: Mohnhaupt steigt in das Auto ihrer Bekannten. Die Frauen umarmen sich kurz. Dann fahren sie auf die Autobahn A 8 München–Stuttgart. (…)

Ausrisse und O-Ton: “Bild” vom 26.3.2007

Aber kommen wir zur “Bild”-Zeitung, die (Augenzeugen zufolge) “eine Art ‘Schichtdienst’ zur Überwachung rund um die JVA eingerichtet”, 20 Zimmer angemietet und in der fraglichen Nacht rund zehn Reporter mit mehreren Autos vor Ort hatte. Denn auch “Bild” berichtet heute natürlich groß über Mohnhaupts Haftentlassung. Beziehungsweise:

BILD dokumentiert die letzten bizarren Stunden in Gefangenschaft.

Es folgt eine detaillierte und überaus komplizierte Geschichte, zu der uns Gefängnisdirektor Deuschl auf Anfrage sagt:

Am “Bild”-Bericht stimmen drei Dinge. Erstens: Es ist (wenngleich nicht um 1.40 Uhr wie “Bild” behauptet, sondern um 1.20 Uhr) ein weißer Golf auf das Gelände der JVA gefahren. Zweitens: Um 1.57 Uhr hat ein VW-Bus das JVA-Gelände verlassen. Und drittens: Am Sonntagmittag gab es Eintopf mit Wursteinlage.

Was “Bild” darüber hinaus noch so “dokumentiert”, ist laut Deuschl “frei erfunden”. Und Deuschl meint damit nicht nur das eigentliche Märchen der Mohnhaupt-Entlassung (siehe Kasten), sondern auch viele andere “Bild”-Details. So habe Mohnhaupt z.B. weder um Mitternacht geweckt werden müssen, noch habe sie anschließend “die blaue Sträflingskleidung” abgelegt, weil es in der JVA Aichach nicht nur keine “blaue”, sondern “gar keine Sträflingskleidung” gebe. Und auch, dass der VW-Bus aus dem Knast gerast sei, will Deuschl nicht bestätigen. Der Wagen habe die JVA langsam verlassen — gerast sei da höchstens einer der “Bild”-Reporter bei seinem offenbar erfolglosen Versuch, einen Blick ins Wageninnere zu erhaschen…

Nachtrag, 27.3.2007: In einem weiteren, ausführlichen Artikel zitieren die “Aichacher Nachrichten” Gefängnischef Deuschl zur “Bild”-Version der Mohnhaupt-Entlassung mit den Worten: “Schlichtweg völliger Blödsinn.”

Finder erfunden

"Nachts in Mitte fand dieser Fußballer die Leiche. Es ist eine gefesselte Frau!"

Es ist 21.40 Uhr als Hobby-Fußballer S.* (29, VFB Friedrichshain) vor einem aufgeschütteten, vier Meter hohen und 10 mal 10 Meter breiten Erdhaufen stehen bleibt. Er ist auf dem Weg nach Hause, aber was er dort im Mondlicht sieht, irritiert ihn. “Erst dachte ich, es sei eine Puppe, dann sah ich eine Hand und einen Schädel.” Zehn Minuten später sperren Polizeibeamte den Fundort ab (…)

Der Absatz aus der heutigen “Bild” (Berlin-Brandenburg) und die ganze Aufmachung der Seite (siehe Ausriss oben) erwecken den Eindruck, der junge Mann habe gestern in einem Berliner Park einen mumifizierten Leichnam entdeckt und die Polizei gerufen. Ein Eindruck, der in der Bildunterschrift noch verstärkt wird:

S. (29) fand die Frauen-Leiche im Monbijoupark in Mitte.

Es stimmt trotzdem nicht. Gefunden hat die Leiche eine “35-jährige Frau”, wie die Polizei mitteilte. Oder, noch genauer, deren Hund “Fritz”, wie beispielsweise die “Berliner Zeitung”, die “Berliner Morgenpost” und der “Berliner Kurier” zu berichten wissen. Und es ist auch kein Wunder, dass die Polizei in der “Bild”-Geschichte so schnell anrückte: Die Frau fand die Leiche schon “gegen 21 Uhr 25”. Der junge Mann war offenbar erst von der Frau auf den Fund aufmerksam gemacht worden und hatte dann gemeinsam mit ihr die Polizei gerufen.

*) Anonymisierung von uns.

“BILD-Informationen” frei erfunden

Zwei Tage nach der Freilassung der “deutschen Irak-Geiseln” René Bräunlich und Thomas Nitzschke stand auf der “Bild”-Titelseite:

"Nach der Befreiung verlangten sie ein Bier. Sie fragten: Wie hat die Bundesliga gespielt?"

“Nach BILD-Informationen” hieß es dann zudem:

“Als sie um 17.29 Uhr unserer Zeit dort ankamen, war ihr erster Wunsch an Botschafter Bernd Erbel: ‘Haben Sie ein kühles Bier, bitte?’ (…) Dann wollten die Sachsen den Stand der Fußball-Bundesliga (…) wissen.”

Soweit “Bild”. Doch was sagt der Entführte René Bräunlich selbst zu Bier und Bundesliga?

“Das Letztere ist eine freie Erfindung. Als wir in der Botschaft waren, hatten wir zunächst das tiefe große Gefühl der Dankbarkeit, vor allem auch für die vielen jungen Sicherheitskräfte aus Deutschland, die da waren, für den Botschafter und für all die anderen Leute. Die begrüßten uns so herzlich, das war richtig wohlig-warm. Als erstes wollten wir sofort mit unseren Familien in Kontakt treten. Das war aber ein wenig schwierig, weil die Verbindung nicht gleich zustande kam. Und dann war es, so glaube ich, der Botschafter Erbel, der meinte, Mensch, jetzt stoßen wir aber mit einem kühlen Bier auf ihre Freiheit an. So war das mit dem Bier. Und nach der Bundesliga haben wir uns überhaupt nicht erkundigt.”

(Zitiert aus einem Interview mit Bräunlich und Nitzschke in der “Leipziger Volkszeitung” vom vergangenen Samstag.)

Mit Dank an den Hinweisgeber.

KW 22/26: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Wochenendausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

***

1. Ist das NSDAP-Recherchetool des “Spiegel” wirklich verlässlich?
(uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 17:42 Minuten)
Holger Klein unterhält sich mit Eva-Maria Schnurr, Leiterin des “Spiegel”-Geschichtsressorts, über das breit beworbene, durchaus auch mit Fehlern behaftete NSDAP-Recherchetool (nur mit Abo nutzbar): “Warum hat sich die Redaktion trotzdem für die Veröffentlichung einer unfertigen Datenbank entschieden? Warum steht das Tool, das auf öffentlichen Daten basiert, hinter der Paywall? Und geht die Relevanz der NSDAP-Datenbank über die der eigenen Familiengeschichte hinaus?”

2. Macht, Medien, Midterms
(youtube.com, Gregor Peter Schmitz, Video: 53:51 Minuten)
“Ein gespaltenes Land, ein aufgeheizter Wahlkampf: Wie wird über die USA vor den Midterms berichtet – den Zwischenwahlen, die für den Präsidenten entscheidend sind?” Darüber unterhält sich “Stern”-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz mit der deutsch-amerikanischen Politologin Cathryn Clüver Ashbrook und den “Stern”-Korrespondenten Jan Christoph Wiechmann und Leonie Scheuble.

3. Jung, blond, rechts … & KI-generiert
(youtube.com, Katharina Nocun, Video: 34:41 Minuten)
Katharina Nocun zeigt in ihrem re:publica-Vortrag, wie KI-generierter Content das politische Vorfeld der extremen Rechten verändert. Sie beschreibt eine Flut aus KI-Videos, Fake-Influencerinnen, erfundenen Talkshows, manipulierten Straßenumfragen, Meme-Ästhetiken und KI-Bildern. Nocuns Kernthese: Social Media werde durch Künstliche Intelligenz immer stärker zu einem Raum, in dem Fakt und Fiktion verschwimmen, und davon profitiere vor allem die rechtsextreme Szene.

Bildblog unterstuetzen

4. Lob der Presseschau
(youtube.com, Dax Werner & Moritz Hürtgen, Audio: 31:32 Minuten)
Im “Bohnigen Wachmacher” sprechen Dax Werner und Moritz Hürtgen satirisch über die geplante Programmreform beim Deutschlandfunk (DLF). Sie zeigen Verständnis für Veränderung, fürchten aber, dass durch größere Programmstrecken und neue Formate wie eine Drive Time geliebte Nischenformate an Eigenständigkeit verlieren könnten. Besonders verteidigen sie die DLF-Presseschau als langsames, eigenwilliges und gerade deshalb wertvolles Format. Die Sorge der beiden: Der besondere Deutschlandfunk-Sound könnte durch Reformen glatter und beliebiger werden.

5. Zur Lage des Journalismus – Im Gespräch mit Heribert Prantl
(youtube.com, Alexander Warzilek, 1:00:20 Stunden)
In dem Gespräch mit Heribert Prantl geht es um die Zukunft des Journalismus und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Prantl verteidigt ein starkes öffentlich-rechtliches System und spricht sich gegen eine Budgetfinanzierung aus. Öffentlich-rechtliche Medien sollten aus seiner Sicht nicht ausgehungert, sondern journalistisch gestärkt werden. Zugleich warnt Prantl davor, junge Zielgruppen mit zu stark vereinfachten Formaten zu unterschätzen. Öffentlich-rechtlicher Journalismus müsse zugänglich sein, dürfe aber nicht banal werden.

6. Russland ohne Internet
(yotube.com, Masha Borzunova, Video: 20:01 Minuten)
Die russische Exiljournalistin Masha Borzunova beschreibt in ihrem Arte-Beitrag, wie Russland seine digitale Abschottung weiter verschärfe. Neben blockierten oder gedrosselten Plattformen wie Instagram, YouTube, Twitter/X, WhatsApp und Telegram komme es inzwischen in vielen Städten zu Internetabschaltungen. Offiziell geschehe dies aus Sicherheitsgründen gegen Drohnenangriffe. Aber selbst regierungsnahe Blogger und Propagandisten würden an diesen Erklärungen zweifeln und einen Kurs Richtung “souveränes” russisches Internet fürchten.

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