Suchergebnisse für ‘erfunden’

Movie2k, Bundestagswahl, Intellektuelle

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “The man behind the great Dickens and Dostoevsky hoax”
(guardian.co.uk, Stephen Moss, englisch)
Stephen Moss besucht AD Harvey, der ein angebliches Treffen zwischen Charles Dickens und Fjodor Michailowitsch Dostojewski im Jahr 1862 erfunden hatte. Siehe dazu den sehr ausführlichen Artikel “When Dickens met Dostoevsky” (the-tls.co.uk, Eric Naiman, 10. April, englisch).

2. “Sehnsucht nach dem guten König”
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Was passiert eigentlich, wenn der Intellektuelle überrascht, fragt Gregor Keuschnig. “Klopfen dann nicht die gleichen, die das Engagement des Intellektuellen mit Verve gefordert haben, die entsprechenden Äußerungen auf ihre eigene Meinung ab? Und was passiert, wenn dies dann nicht mit dem längst vorgebildeten Urteil der Redaktion, der Partei, der NGO übereinstimmt? Mindestens winkt dann das Etikett ‘umstritten’, wenn nicht gar noch Schlimmeres: Der Ausstoß aus dem mehr oder weniger exklusiven Club der gutmeinenden Welterklärer.”

3. “‘Kate: Das Baby ist da!'”
(tagesspiegel.de, Fritz Habekuß)
Schlagzeilen der deutschsprachigen Regenbogenpresse: “Als ‘der neue Mann an Heidi Klums Seite’ wurde Ralf Höcker Lesern einmal vorgestellt. Was daran stimmte: Höcker ist ein Mann. Und neu an der Seite der Moderatorin. Unterschlagen wurde: Er war nur ihr neuer Medienanwalt.”

4. “movie2k-Aus: Diese Portale protifieren”
(meedia.de, Jens Schröder)
Die Streaming-Website Movie2k.to hatte etwa so viele Besucher wie Bild.de oder Spiegel.de. Jens Schröder versucht herauszufinden, wer davon profitierte, als die Plattform im Mai offline ging. “Die Fans der illegalen Portale werden im Umkehrschluss nicht auf legale Plattformen wechseln, so lang es dort eben nicht die neuesten Filme gibt.”

5. “Endlich raus aus dem Sachsensumpf”
(taz.de, Michael Bartsch)
Thomas Datt und Arndt Ginzel werden rechtskräftig freigesprochen: “Beide Journalisten waren 2008 wegen übler Nachrede angeklagt worden. Es ging um zwei Beiträge in Spiegel und in Zeit online, in denen in Frageform die möglichen Verstrickungen sächsischer Justizbeamter in Leipziger Korruptionsnetzwerke beleuchtet wurde.”

6. “protestwahl”
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Die Bundestagswahl 2013: Felix Schwenzel hat sich entschieden, “das erste mal in meinem leben nicht wählen zu gehen”. “dann habe ich aber weiter drüber nachgedacht und mich erinnert, dass die enthaltung meistens genau die falschen stärkt. (…) deshalb wähle ich am 22. september die piratenpartei. nicht weil ich ihnen zutraue wirklich etwas zu ändern oder zu entern, nicht weil ich glaube, dass sie bald zu sinnen kommen und sich nicht mehr selbst oder gegenseitig zerreiben, sondern weil sie ein symbol dafür sind, dass sich etwas ändern muss und wir uns auf unsere demokratischen wurzel zurückbesinnen sollten. wer glaubt dass das naiv ist hat möglicherweise recht.”

Werbeblocker, Süddeutsche Zeitung, ZDF

6 vor 9

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1. “Bitte schalte deinen Adblocker aus!”
(golem.de, Jens Ihlenfeld)
In einer “konzertierten Aktion” bitten mehrere deutsche Nachrichtenportale ihre Leser darum, den Werbeblocker auszuschalten. “Seiten wie Golem.de haben also ein doppeltes Problem: Sie verzichten aus Rücksicht auf die eigenen Nutzer auf besonders nervige, aber dadurch auch besonders gut bezahlte Werbeformen, dennoch ist der Anteil der Adblock-Nutzer besonders hoch, was sich ebenfalls negativ auf die Einnahmen auswirkt.”

2. “Sie nutzen einen Werbeblocker, my ass”
(fraumeike.de)
Frau Meike wird ihren Werbeblocker nicht ausschalten, denn “Werbung wurde dafür erfunden, Menschen zu manipulieren”: “Liebe Onlinemagazine, die ich zum Teil seit Jahren lese oder gelesen habe: Ihr habt in all der Zeit noch nie versucht, auch nur einen Cent Geld von mir für Euer Onlineangebot zu bekommen. (…) Ihr habt mich nicht ein einziges Mal gefragt, ob ich Euer Angebot gratis oder gegen Geld nutzen möchte, Ihr habt es mir einfach gratis vorgesetzt!”

3. “Topfvollgold oder komm mit ins Regenbogenland …”
(onlinejournalismus.de, Thomas Mrazek)
Thomas Mrazek spricht mit Mats Schönauer und Moritz Tschermak vom Regenbogenpresse-Watchblog Topfvollgold.de: “Die tatsächliche Geschichte ist völlig egal. Wichtig ist allein, dass ein Prominenter oder irgendjemand aus der Nähe irgendeines Königshauses darin vorkommt. Die Wahrheit muss dann so verdreht werden, dass die Redaktion am Ende die Worte ‘Skandal’, ‘Drama’, ‘Enthüllung’, ‘pikant’, ‘geheim’, ‘Alkohol’ oder ‘Baby’ in die Überschrift packen kann. Je mehr dieser Begriffe in der Schlagzeile vorkommen, desto besser.”

4. “How the 2013 World Press Photo of the Year was faked with Photoshop”
(extremetech.com, Sebastian Anthony, englisch)
Dem World Press Photo of the Year 2013 von Paul Hansen wird Manipulation vorgeworfen: “Now, the event itself isn’t a fake — there are lots of other photos online that show the children being carried through the streets of Gaza — but the photo itself is almost certainly a composite of three different photos, with various limbs spliced together from each of the images, and then further manipulation to illuminate the mourners’ faces.”

5. “Wie kleine Tricks die Botschaft vergrößern”
(faz.net, Michael Hanfeld)
“Kann das ZDF erklären, warum ein Resümee über eine Veranstaltung nebst Bewertung ihres Ablaufes bereits kurz nach deren Eröffnung erfolgt?”, fragt CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt in einem Brief an ZDF-Intendant Thomas Bellut. “Das kann das ZDF nicht wirklich: Das Interview mit dem ‘Eventmanager’ habe in der Eröffnungsphase des Konvents stattgefunden, sich aber ‘lediglich um Fragen der Inszenierung’ gedreht, sagte ein ZDF-Sprecher auf Anfrage dieser Zeitung. (…)”

6. “‘SZ-Leaks’ – Die Suche nach einem Skandal”
(dagmar-woehrl.de)
Politikerin Dagmar Wöhrl stellt ihre Korrespondenz mit der “Süddeutschen Zeitung” online: “Ich werde auch weiterhin die Fragen der Süddeutschen Zeitung mitsamt deren Androhung rechtlicher Schritte gegen mich, sowie meine Antworten und die damit im Zusammenhang stehenden Dokumente veröffentlichen.”

Apple, Bassem Youssef, Obrigkeit

6 vor 9

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1. “‘Die Aussagen der BILD-Zeitung sind allesamt frei erfunden.'”
(mediensalat.info, Ralf Marder)
Das Management von Gaby Köster reagiert auf einen “Bild”-Bericht über ein mögliches “Show-Comeback”: “Die Aussagen der BILD-Zeitung sind allesamt frei erfunden.”

2. “Der Gott heißt Big Brother”
(de.ejo-online.eu, Kurt W. Zimmermann)
Kurt W. Zimmermann fragt sich anlässlich der Offshore-Leaks, was aus der Abwehrhaltung der Journalisten gegen die Obrigkeit geworden ist. “Zu meiner aktiven Zeit in den achtziger und neunziger Jahren waren wir Journalisten der Staatsmacht gegenüber äußerst skeptisch eingestellt. Man verbrüderte sich nicht mit Staatsbeamten, Staatsanwälten und Staatssekretären.”

3. “So schnell es geht”
(jetzt.sueddeutsche.de, Johannes Boie)
Johannes Boie schreibt zu den vielfältigen Falschmeldungen nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon: “Die Grenze verläuft nicht zwischen den Millionen Nutzern auf Twitter und den Nachrichtenredaktionen, sie verläuft zwischen sauberer Recherche und Unsinn. Doch nur von professionellen Journalisten kann man letztlich verlangen, alles zu tun, um Unsinn zu vermeiden, egal, ob sie ihrem Job gerade auf Twitter, im TV oder in einer Zeitung nachgehen.”

4. “Die irrationale Jagd auf Apple”
(heute.de, Giesbert Damaschke)
Apple meldet Milliardengewinne, “doch ganz gleich, welche Zahlen Apple meldet – die Analysten und Experten nörgeln, mäkeln und sehen das Ende schon in greifbarer Nähe”.

5. “Bassem Youssef Extended Interview”
(thedailyshow.com, Video, 7:49 Minuten, englisch)
Jon Stewart spricht mit dem ägyptischen Satiriker Bassem Youssef, gegen den ein Haftbefehl wegen Präsidentenbeleidigung, Verleumdung des Islams und Verbreitung falscher Behauptungen ausgesprochen wurde.

6. “Die ganze Vielfalt des deutschen Fernsehens – in Sendungstiteln”
(ulmen.tv, Peer Schader)

Boston-Marathon, RTL II News, Niederbrüllen

6 vor 9

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1. “Digitaler Katastrophentourismus”
(lampiongarten.wordpress.com)
Sebastian Baumer ärgert sich darüber, wie zum Teil in Sozialen Medien über den Anschlag auf den Boston-Marathon berichtet wird.

2. “Debatte: Wie kann sich Onlinejournalismus finanzieren?”
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Nachdem deutlich geworden ist, dass netzpolitik.org viel mehr Geld verbraucht als bisher eingenommen hat, wägt Markus Beckedahl ab, welche Aktionen ergriffen werden müssen, um das Bugdet wieder auszugleichen.

3. “ZDF schummelt bei ‘heute’-Nachrichten”
(stern.de, Rolf-Herbert Peters)
Ein ZDF-Sprecher räumt ein, dass ein in der Nachrichtensendung “Heute” ausgestrahltes Statement schon vor Eintreffen des betreffenden Sachverhalts aufgezeichnet wurde: “Nach Rückfrage bei den zuständigen Kolleginnen und Kollegen können wir Ihnen mitteilen, dass die Frage bei einem Dreh für die ZDF-Sendung ‘Forum am Freitag’ in Erwartung einer entsprechenden Entscheidung vorab gestellt und aufgezeichnet wurde.”

4. “‘Köln 50667’ – Beanstandung gegen RTL 2 News”
(die-medienanstalten.de)
Die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) rügt RTL II News: “In der Sendung am 8. Januar 2013 wurde ein fiktionales Statement einer Schauspielerin des Scripted-Reality-Formats ‘Köln 50667’ ausgestrahlt ohne einen Hinweis, dass das Interview von einer frei erfundenen Figur stammte.”

5. “Wenn der konservative Journalisten-Mob gegen Andersdenkende wütet”
(hogymag.wordpress.com, almasala)
Zur Meinungsäußerungsfreiheit kann auch Niederbrüllen gehören, findet almasala: “Man kann seinen Standpunkt nicht nur durch Sachargumente, sondern auch durch Karikaturen, Kabarett, Musik, Polemik, ständiges Unterbrechen, leeren Worthülsen und eben auch rabiates Niederbrüllen mehr oder weniger direkt zum Ausdruck bringen. Das alles ist zulässig und durch die Meinungsfreiheit gedeckt.”

6. “Böser, böser Toaster”
(golem.de, Alexander Merz)
Entwickler Alexander Merz geht dem Quellcode nach, der auf einem Symbolfoto zu sehen ist, das für Nachrichten über Hackerangriffe verwendet wird.

Geheimnisträger, Konklave, Hipster

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1. “About those 2005 and 2013 photos of the crowds in St. Peter’s Square”
(washingtonpost.com, Emi Kolawole, englisch)
Der im Netz vielgeteilte Vergleich zwischen zwei Fotos von 2005 und 2013 trifft eher nicht, schreibt Emi Kolawole. Das Bild von 2005 wurde während der Zeremonie zur Beisetzung von Papst Johannes Paul II. gemacht – “a very different mood and event type”.

2. “The Times: Exklusive Qatar-Dream-Football-League-Geschichte war exklusiv erfunden”
(jensweinreich.de)
“The Times” räumt ein, dass die dreiseitige Geschichte zur “Dream Football League” nicht stimmt. “Es brauchte einen kleinen Shitstorm auf Twitter und wenige hartnäckige Blogger, um die vermeintliche Exklusivgeschichte der Londoner Times als das zu entlarven, was sie ist: Bullshit. Eklatantes Versagen von Journalismus.”

3. “Die Nichtgenanntseinwollenden”
(bundesplatz.blog.nzz.ch, René Zeller)
René Zeller wundert sich über Parlamentarier, die gegenüber Journalisten nicht offen reden wollen. Er will ihnen nun den Kampf ansagen, in dem er sich “eisern an folgende drei Prinzipien” hält: “1. Wer im Bundeshaus etwas zu sagen hat, soll auch dazu stehen. 2. Ich zitiere keinen Politiker zwischen Anführungs- und Schlusszeichen, der nicht namentlich genannt werden will. 3. Ich bevorzuge Politiker, die akzeptieren, dass wir Journalisten nicht Geheimnisträger, sondern Öffentlichkeitsarbeiter sind.”

4. “‘Schrill’: BILD erklärt, was uns Alexander Dobrindt sagen wollte”
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
Was “Bild” als die “schrillste Hochzeit des Jahres” einstuft – eine Analyse.

5. “Gezeichnete Satire zum Konklave schmäht weder Glaube noch religiöse Überzeugungen”
(mainpost.de, Anton Sahlender)
“Leseranwalt” Anton Sahlender verteidigt eine satirische Zeichnung zur Papstwahl. Die “Main-Post” berichte “nicht nur für Katholiken. Und als unabhängiges Medium kann sie sich satirisch oder kritisch mit Religion und Kirche auseinandersetzen.”

6. “Eklat nach Hochzeit: Hipster meinte Ja-Wort nur ironisch”
(kojote-magazin.de, Satire)

Habemus tumultum

Als der weiße Rauch am gestrigen Abend, kurz nach 19 Uhr, den Schornstein der Sixtinischen Kapelle verließ, war klar: Die Katholische Kirche hat einen neuen Papst. Rund eine Stunde spekulierten die Kommentatoren der Fernsehanstalten darüber, wen die Wahl getroffen haben könnte, dann trat Kardinalprotodiakon Jean-Louis Tauran auf den Balkon des Petersdoms und sprach folgende Worte:

Annuntio vobis gaudium magnum; habemus Papam:

Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Georgium Marium Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Bergoglio qui sibi nomen imposuit Franciscum

Nicht gesagt hat Tauran “Franciscum primum”, was “Franziskus der Erste” gewesen wäre. Der neue Papst trägt also – anders als Johannes Paul I., der sich als erster Papst überhaupt direkt für die Ordnungszahl in seinem Papstnamen entschieden hatte – “nur” den Namen Franziskus. Und das bist zu dem Tag, an dem vielleicht irgendwann einmal ein Papst Franziskus II. gewählt werden sollte, wie Vatikan-Sprecher Federico Lombardi noch einmal klarstellte.

Und das war offenbar auch bitter nötig:


(“Süddeutsche Zeitung”)


(“Frankfurter Allgemeine Zeitung”)


(“Die Welt”)


(“Handelsblatt”)


(“Berliner Zeitung”)


(“Hamburger Abendblatt”)


(“Hamburger Morgenpost”)


(“Express”)

Aber gut: Das kann im Eifer des Gefechts schon mal passieren. Die letzte Wahl eines Papstes ohne Ordnungszahl liegt 1100 Jahre zurück, da waren die Zeitungspressen noch nicht erfunden.

Noch etwas länger liegt das 8. Jahrhundert zurück, in das die Pontifikate von Johannes V., Sisinnius, Konstantin und Gregor III. fallen. Sie alle stammten aus Syrien, was insofern entscheidend ist, weil Syrien nicht zu Europa gehört und der Agentinier Jorge Mario Bergoglio damit nicht mehr der “erste nicht-europäische Papst” sein kann.

Außer in den Medien, natürlich:

  • Zum ersten Mal ein Papst, der nicht aus Europa stammt!
    (“Die Welt”)
  • Ein historischer Moment: Zum ersten Mal ist ein Nichteuropäer zum Papst gewählt worden.
    (“Hamburger Abendblatt”)
  • Die katholische Kirche beschreitet mit Franziskus I. – dem argentinischen Kardinal Jorge Bergoglio – neue Wege. Unter 265 Nachfolgern des Heiligen Petrus ist er der erste Nicht-Europäer.
    (“Stuttgarter Nachrichten”)
  • Und er ist der erste Papst, der nicht aus Europa kommt, ihn wollten die Kardinäle[.]
    (“Süddeutsche Zeitung”)
  • Der erste Papst in der Geschichte der katholischen Kirche, der nicht aus Europa kommt, ist auch der erste, der sich nach dem Heiligen Franz von Assisi benannt hat, dem Heiligen der Armen.
    (“Frankfurter Rundschau”)
  • Zum ersten Mal in der Geschichte haben die Katholiken einen Papst, der nicht aus Europa stammt. Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, wurde zum 266. Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt.
    (“Frankfurter Rundschau”)
  • Der neue Papst ist nicht nur der erste Nicht-Europäer auf dem Heiligen Stuhl – er wählte auch einen Papstnamen, den keiner seiner Vorgänger trug. Der argentinische Jesuit Jorge Mario Bergoglio heißt künftig Franziskus I.
    (AFP)
  • Historische Entscheidung im Vatikan: Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio ist am Mittwoch zum neuen Papst Franziskus I. gewählt worden. Damit steht erstmals in der Geschichte ein Nicht-Europäer an der Spitze der römisch-katholischen Kirche.
    (AFP)
  • Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) erwartet neue Impulse durch das erste nicht-europäische Oberhaupt der Kirche.
    (hr-online.de)
  • Er ist der erste Nicht-Europäer auf dem Stuhl Petri.
    (n-tv.de)
  • Es ist das erste Mal, dass der Papst nicht aus Europa kommt.
    (AFP, Bild.de, abendblatt.de, mdr.de, derwesten.de, stern.de, …)

Wobei sich auch die katholischen Würdenträger offenbar nicht ganz in der Frühgeschichte ihrer Kirche auszukennen scheinen:

  • Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, erklärte: “Der lateinamerikanische Kontinent darf stolz sein, erstmals in der Geschichte der Kirche einen Nichteuropäer als Papst zu stellen.”
    (Evangelischer Pressedienst)
  • [Der Münchner Kardinal] Marx sagte, dass der bisherige Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, ein Papst der “vielen ersten Male” sei: der erste Jesuit, der erste Nicht-Europäer und der erste Franziskus.
    (Evangelischer Pressedienst)

Die Katholische Nachrichtenagentur KNA, der man bei diesem Thema wohl eine gewisse Kompetenz unterstellen darf, verbreitete heute extra eine eigene Meldung:

Papst Franziskus ist der erste Nichteuropäer auf dem Stuhle Petri seit 1.272 Jahren. Damals war mit Gregor III. (731- 741) ein aus Syrien stammender Papst Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche.

Die KNA erwähnt unter anderem noch die Päpste Victor I. und Miltiades, die aus Afrika stammten, und zählt zusammen:

So gab es bis Mitte des 8. Jahrhunderts acht in Asien und zwei in Afrika geborene Päpste. Mit Petrus und Evaristus waren zwei Päpste Juden. Fünf – und noch dazu ein Gegenpapst – stammten aus Syrien.

Mit Dank an Jonathan K., Fuchs, Marcus H., Matthias M. und Laszlo J.

Die grausamen grausamen Details

Wenn die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) einen Bericht herausbringt, schalten sie bei “Bild” reflexartig in den Katastrophen-Modus um. Als wäre das Schlimmste passiert, was hätte passieren können. Hätte ja passieren können! In der “Bild”-Sprache tragen solche Vorfälle dann Namen wie “Horrorflug”, “Beinahe-Crash”, “Beinahe-Absturz”, “Beinahe-Katastrophe”, “Beinahe-Unfall”, “Beinahe-Zusammenstoß”, “Fast-Katastrophe”, “Fast-Absturz” oder “Fast-Unfall”.

Richtig schlimm wird es aber, wenn bei einem Zwischenfall tatsächlich etwas passiert ist. Wenn Menschen zu Schaden gekommen sind.

Anfang Dezember sind bei einem Flugzeugunglück in Hessen acht Menschen ums Leben gekommen. Damals waren zwei Kleinflugzeuge bei klarem Himmel in der Nähe von Wölfersheim kollidiert und abgestürzt. Die BFU kündigte kurz nach dem Unglück an, frühestens Anfang Februar einen ersten Untersuchungsbericht vorzulegen. Doch “Bild” veröffentlichte schon am vergangenen Dienstag “erste Details aus dem Flugunfall-Bericht”:

EXKLUSIV - So grausam starben die Wölfersheimer Absturzopfer. Erste DETAILS aus dem Flugunfall-Bericht

(Natürlich verzichtet “Bild” nicht darauf, drei große unverpixelte Fotos — hier abgeschnitten — von einigen der Opfer zu zeigen.)

Im Artikel heißt es:

Am 8. Dezember krachen zwei Kleinflugzeuge am Himmel der Wetterau zusammen. Acht Menschen sterben, darunter 4 Kinder.

Mitte Februar soll das Unfallgutachten veröffentlicht werden. BILD liegen schon jetzt erste Details vor.

Es sind schreckliche Einzelheiten, die die Ermittler in ihr Unfall-Gutachten schreiben müssen.

Die “Bild”-Autoren schildern unter anderem, dass sich die beiden Erwachsenen in einer der Maschinen “von den Kindern (…) ablenken” ließen, dass das eine Flugzeug das andere “von hinten im 30-Grad Winkel” traf, dass das Hauptfahrwerk “in die Kabine” schoss und dabei das 4-jährige Mädchen sofort tötete und dass “die tiefstehende Sonne (…) anscheinend nicht der Grund für die Kollision” war.

All diese Details aus dem Bericht der BFU hat “Bild” exklusiv. So “exklusiv”, dass nicht mal die BFU sie kennt.

Die Behörde reagierte noch am selben Tag, an dem der “Bild”-Artikel erschienen war und schrieb auf ihrer Website:

Im Umlauf befindliche Berichte der Boulevardpresse basieren nicht auf den vorliegenden Untersuchungen.

Normalerweise kommentiere die Bundesstelle Presseberichte nicht, teilte uns Klaus-Uwe Fuchs von der BFU auf Anfrage mit. Diesmal sah sie sich aber offenbar gezwungen: Die Details, die in dem “Bild”-Artikel geschildert werden, seien “reine Spekulation”, erklärte Fuchs, der die Untersuchung des Unglücks von Wölfersheim leitet. Mit den Ermittlungen der BFU stünden sie jedenfalls nicht im Einklang.

Andere Medien indes waren misstrauisch genug, die erfundenen exklusiven “Bild”-Informationen nicht weiter zu verbreiten. Immerhin.

Mit Dank an Torsten L., M.H. und an Paul C. für den Scan.

Nachtrag, 22. Januar: Die Pressemitteilung der BFU ist mittlerweile nicht mehr erreichbar. Sie habe die Funktion gehabt, schrieb uns Klaus-Uwe Fuchs, “(…) Presseagenturen und Nachrichtenredaktionen darüber zu informieren, dass die gemachten Angaben in dem besagten Presseorgan nicht mit den Untersuchungen der BFU im Einklang stehen”. Diesen Zweck habe sie nun erfüllt und sei deshalb wieder gelöscht worden.

Jakob Augstein, Jens Oliver Haas, Talkshows

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Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Mit fettarschiger Selbstzufriedenheit”
(taz.de, Deniz Yücel)
Bei “Freitag”-Verleger Jakob Augstein “findet sich alles, was den zeitgenössischen Antisemitismus ausmacht”, schreibt Deniz Yücel. “Besser: Das Simon-Wiesenthal-Center behält Jakob Augstein im Auge. Und wirft einen Blick auf einige seiner Verteidiger in den deutschen Medien.”

2. “Die trügerischen Argumente für das Leistungsschutzrecht der Presseverleger in der Schweiz”
(andreasvongunten.com)
Der Text “Trittbrettfahrer im Visier der Verleger” (nzz.ch) des Geschäftsführers des Verbands Schweizer Medien, Urs F. Meyer, versucht, Argumente zu finden für ein Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Andreas von Gunten erklärt, warum das dargebrachte Wochenmarkt-Beispiel so nicht stimmt.

3. “Humor ist sein Handwerk”
(faz.net, Thiemo Heeg, 1. Januar)
Jens Oliver Haas schreibt die Moderationstexte für die RTL-Sendung “Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!”. Anfang der 1990er-Jahre arbeitete er als Polizeireporter für “Bild”: “Bild ist ein hartes Brot, es verlangt, dass man seine moralischen Grenzen sehr oft verschiebt. (…) Man fängt an, Leute zu beeinflussen, zu indoktrinieren. Man sorgt dafür, dass der Fotograf alleine im Raum bleibt, damit er ein Foto von der Wand abfotografieren kann.”

4. “Good science vs. bad science”
(macleans.ca, Julia Belluz, englisch)
6 Punkte, die ein Journalist bedenken sollte, wenn er eine medizinische Studie verwerten möchte.

5. “Investigating Investigative Journalism”
(thedailyshow.com, Video, 5:59 Minuten)
Realer und virtueller investigativer Journalismus.

6. “Laber Rhabarber”
(tagesspiegel.de, Oliver Welke und Dietmar Wischmeyer)
Fantasien, was sich bei den Redaktionskonferenzen der fünf ARD-Talkshows abspielen könnte.

Falsche Kamellen

Die “Süddeutsche Zeitung” beschäftigt sich auf ihrer heutigen Titelseite mit der steigenden Bürokratie in deutschen Jobcentern:Papier-Wut: Zahllose neue Weisungen erzürnen Mitarbeiter in Jobcentern

So beginnt der Text:

Die Zehn Gebote Gottes enthalten 279 Wörter, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung enthält 300, die EU-Verordnung über den Import von Karamellbonbons exakt 25 911. Das zeigt: Was wirklich wichtig ist, lässt sich prägnant zusammenfassen. Die Realität sieht in vielen Unternehmen und Behörden meist anders aus.

Doch so schön die Einleitung auch ist, falsch ist sie trotzdem. Und sogar ein bisschen peinlich.

Gut, das mit den 279 Wörtern der Zehn Gebote kommt noch so einigermaßen hin. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung hingegen ist nicht 300, sondern mindestens 1.300 Wörter lang. Okay, kann passieren.

Die “EU-Verordnung über den Import von Karamellbonbons” aber, die umfasst deutlich weniger als 25.911 Wörter – um genau zu sein: exakt 25.911 weniger. Es gibt sie nämlich gar nicht.

Die kuriose, aber frei erfundene Verordnung geht auf den Unternehmer Alwin Münchmeyer zurück und wird (gemeinsam mit den angeblichen Wörterzahlen für die Zehn Geboten und der Unabhängigkeitserklärung) so oft zitiert, dass sie es sogar schon zu einem eigenen Wikipedia-Artikel gebracht hat. Nur echt ist sie eben nicht.

Schon bei der Vorstellung des Sommersemesterprogramms der Münchener Volkshochschule (!) hatte die “Süddeutsche Zeitung” im Januar 2010 geschrieben:

“Die zehn Gebote Gottes enthalten 172 Wörter, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung enthält 300 Wörter, die Verordnung der Europäischen Gemeinschaft über den Import von Karamellbonbons aber exakt 25 911 Wörter”, soll sich einst Ministerpräsident Franz Josef Strauß beschwert haben.

In einem Punkt muss man der Zeitung also tatsächlich recht geben:

Was wirklich wichtig ist, lässt sich prägnant zusammenfassen. Die Realität sieht in vielen Unternehmen und Behörden meist anders aus.

In Redaktionen auch.

Mit Dank an Theo M.

Nachtrag, 23.30 Uhr: Auf sueddeutsche.de steht nun eine geänderte Version des Artikels. Mit folgender “Anmerkung der Redaktion”:

Eine frühere Version dieses Artikels enthielt Zahlen zum Inhalt einer angeblichen EU-Verordnung. Diese Verordnung existiert allerdings nicht, sondern geht auf ein lediglich ironisch gemeintes Zitat zurück. Wir haben diesen Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Kruschel, Frank Stronach, Bewerbungen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Die grosse Glitzer-Show”
(nzz.ch, Michael Furger)
Erfundene Zitate, Blumen ans Krankenbett, inszenierte Schnappschüsse – ein Artikel über People-Journalismus in der Schweiz.

2. “Plagiate gibt es nicht nur in China oder: Warum selbst entwickeln, wenn man etwas auch einfach kopieren kann”
(lerg.de)
Die “Schwäbische Kinderpost” kopiert das Konzept von “Kruschel – Deine Zeitung”. Andreas Lerg schreibt: “Die Schwäbische Post scheint hier sämtliche Standesregeln und Gesetze wie das Urheberrecht einfach zu ignorieren. Zuerst holt man sich nicht nur Inspirationen und Informationen, sondern auch ‘Daten und Dateien’, wie wir lesen und dann wird das Ganze nicht lizenziert sondern schamlos kopiert.”

3. “Frank Stronach: Die Freiheit, die er meint”
(datum.at, Stefan Kaltenbrunner)
Obwohl Frank Stronach “ausdrücklich” festhält, “dass er die Freiheit des Journalismus respektiert”, fordert er totale Kontrolle über ein Gespräch mit der Zeitschrift “Datum”, die in der Folge darauf verzichtet: “Natürlich steht es jedem frei, sich interviewen zu lassen, ein Gespräch kann auch an Bedingungen geknüpft werden. Wie Medien und Journalisten mit solchen Einschränkungen umgehen, können und müssen sie selbst entscheiden. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass zahlreiche heimische Medien, die mit Stronach in den vergangenen Monaten gesprochen haben, diese Erklärung anscheinend unterzeichnet haben.” Siehe dazu auch “Über Interview-Autorisierung sollte grundsätzlich diskutiert werden” (derstandard.at, Daniela Kraus).

4. “Thilo S.: Klarstellung”
(blogs.taz.de/hausblog, Deniz Yücel)
Eine Klarstellung von Deniz Yücel zu seiner eigenen Kolumne vom 6. November, in der er unter anderem über “die oberkruden Ansichten des leider erfolgreichen Buchautors Thilo S.” schreibt.

5. “Wieso wir Leserclubs brauchen”
(ploechinger.tumblr.com)
Stefan Plöchinger schlägt vor, das Wort Paywall zu streichen und stattdessen von Leserclubs zu reden. Zeitungs- und Zeitschriftenleser würden für einen guten Service zahlen, nicht für einzelne Artikel. Allerdings gibt es ein Problem mit der Boulevardisierung, “die viele Seiten jetzt zehn bis 15 Jahre lang getragen hat”: Wenn die meisten einfach aufgesexte News auf Agenturbasis machen und sonst wenig bieten, wo ist dann der berühmte Unique Content?” Siehe dazu auch “Zeitungssterben: Meine (sprichwörtlichen) 5 Cent” (gutjahr.biz), “Warum gerade linke Zeitungen so große Probleme haben” (carta.info, Wolfgang Michal) und “Mein Lob der Tageszeitung!” (dirkvongehlen.de).

6. “Wer blickt durch auf dem Stellenmarkt?”
(faz-community.faz.net, Hans Ulrich Gumbrecht)
Selbst- und Fremdbild bei Bewerbungen: “Die Welt, die man live erlebt, ist jener der Bewerbungsmappen krass entgegengesetzt und kippt zwischen Castingshow und Familientherapie.”

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