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Friends, ein Clan, Cyborgs

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “BILD & Co – zu blöd zum Abschreiben?”
(gutjahr.biz, Richard Gutjahr)
Das alljährlich wiederholte Gerücht über eine Neuauflage der US-Serie “Friends” macht die Runde in deutschen Medien — mit angeblicher Bestätigung des Senders NBC. Quelle ist ein Bericht vom April, der längst dementiert wurde.

2. “Der zornige Wortarbeiter”
(magda.de, Ilona Jerger)
Porträt des Kabarettisten im Ruhestand Georg Schramm und die von ihm geschaffenen Charaktere: “Früh am Morgen kauft er als erstes die ‘Bild’-Zeitung und schaut, wer vorne drauf ist. Je nachdem hängt er die Titelseite später in seinem Schrebergarten auf. Und zielt. Mit dem Luftgewehr.”

3. “Ein Bild und seine Geschichte: Der Wulff-Kuss”
(blog.stratenschulte.de, Julian Stratenschulte)
Alltag eines Fotojournalisten: Ein DPA-Fotograf erklärt, wie er das verbreitete Foto von Ex-Bundespräsident Christian Wulff und seiner Ex-Frau im Landgericht Hannover geschossen hat.

4. “Liebeserklärung an meinen Clan”
(dasnuf.de, Patricia Cammarata)
Das Nuf beschreibt Twitter und Co als Familie, als Clan, die mit ihrer Interaktion ein Gefühl der Zusammengehörigkeit schaffen. “Mein Mann sagt öfter, dass er es seltsam findet, dass in unserer Wohnung, in unserer Beziehung immer noch jemand mit dabei ist: das Internet oder besser gesagt, die Menschen aus dem Internet.”

5. “Wie ich zum Cyborg wurde”
(carta.info, Enno Park)
“Viele finden Cyborgs gruselig: Der Eingriff in den Körper wird als Grenzüberschreitung gesehen. Gestattet sei die Frage, warum eigentlich?” Enno Park erklärt zur Gründung des Cyborg-Vereins in Berlin, was es bedeutet mit Technik im Körper zu leben und welche Herausforderungen es gibt.

6. “Ein Remix-Aufruf für das Urheberrecht!”
(dirkvongehlen.de, Dirk von Gehlen)
Dirk von Gehlen schreibt Beiträge zur Urheberrechtsdebatte aus dem Jahr 2012 um: Nicht die Abschaffung des Urheberrechts stehe an, sondern die Deligitimation durch die Abmahnindustrie.

Österreich, Andreas Voßkuhle, Christian Wulff

6 vor 9

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1. “Offener Brief des österreichischen Fußball-Nationalteams an die Tageszeitung ‘Österreich'”
(oefb.at)
Das österreichische Fußball-Nationalteam schreibt in einem offenen Brief: “Die Fülle an schlecht bis gar nicht recherchierten Artikeln in der Tageszeitung ‘Österreich’, die häufig als ‘Exklusiv-Interviews’ bezeichneten Berichte, für die niemand von uns jemals interviewt worden ist, die reißerischen Texte, die nicht selten in Beleidigun­gen gipfeln (so wurde z. B. zuletzt unser Teamtrainer Marcel Koller als ‘Verräter’ bezeich­net, den man als ‘Packerl an die Schweizer schicken soll’) – wollen wir nicht mehr unkommentiert hinnehmen.”

2. “Journalimus darf sich nicht nur an Quote und Auflage orientieren”
(medienpolitik.net, Andreas Voßkuhle)
Zunehmend tauge jede kritische Äußerung eines Amtsträgers zur Nachricht, stellt der Präsident des Verfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, korrekt fest, wie diese Notiz beweist. “Da damit zugleich die Bereitschaft öffentlicher Amtsträger, inhaltliche Aussagen zu treffen, permanent abnimmt, befinden wir uns in einem circulus vitiosus: In Reaktion auf die Inhaltsleere vieler Äußerungen müssen zunehmend Aussagen, die eigentlich keinen Nachrichtenwert haben, zu Meldungen stilisiert werden.”

3. “Das konnte man als Drohung verstehen”
(faz.net, Julian Staib)
Eine Auseinandersetzung um die Entlassung von “zwei langjährigen freien Mitarbeitern der bulgarischen Redaktion” der Deutschen Welle.

4. “Bloggen: 10 gute Gründe, noch heute damit anzufangen”
(t3n.de, Timo Stoppacher)
“1. Die Öffentlichkeit weiß (spätestens) jetzt, was ein Blog ist. 2. WordPress: Die Standardsoftware zum Bloggen. 3. Lasst euer Blog lesen. 4. Verdient Geld mit dem Bloggen. 5. Keine Lust zu schreiben? 6. Mach ein E-Book draus. 7. Inspiration kommt von selbst oder von anderen. 8. Noch mehr Leser mit Blogparaden. 9. Von wegen keine langen Texte. 10. Nutzt die Schwarmintelligenz.”

5. “Die mit dem Wulff tanzten”
(zapp.blog.ndr.de, Steffen Grimberg)
Steffen Grimberg schreibt: “Falls es noch niemand bemerkt haben sollte: Der völlig grundlos zurückgetretene Bundespräsident Christian Wulff muss sich ab dieser Woche vor einem Gericht unserer Bananenrepublik verantworten, obwohl man die übrig gebliebenen Vorwürfe locker weglachen könnte.” Siehe dazu auch “Medialer Exzess: Wulff vor Gericht” (ndr.de, Video, 4:11 Minuten).

6. “Journalisten!”
(titanic-magazin.de)

Das gottverdammte Gottesteilchen

Hurra, es gibt wieder Nobelpreisträger in Physik! Wie heute verkündet wurde, sind es diesmal der Belgier François Englert und der Brite Peter Higgs, die vor allem mit der Entdeckung eines neuen Elementarteilchens Bekanntheit erlangten. “Higgs-Boson” wird dieses Teilchen genannt, zumindest von denen, die sich damit auskennen. Journalisten nennen es viel lieber das “Gottesteilchen”.

... aber was haben diese Teilchen eigentlich mit Gott zu tun?

fragte Bild.de heute und gab auch gleich eine Antwort:

Jahrzehntelang fahndeten Physiker nach dem “Gottesteilchen”. Es spielte nach der Teilchentheorie eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Universums nach dem Urknall. Deshalb auch der Name – Gottesteilchen.

Ah ja.

Die tatsächliche Entstehungsgeschichte des Begriffes liest sich, wenn man sich denn die Mühe macht, allerdings ein wenig anders. Und weil Sie dem “Gottesteilchen” in diesen Tagen wahrscheinlich wieder öfter begegnen werden — zum Beispiel bei Tagesspiegel.de, “Focus Online”, Stern.de, den Online-Auftritten von n-tvMDR“manager magazin”, “Handelsblatt”, “Berliner Zeitung”, “FAZ” und so weiter — wollen wir die Geschichte mal kurz zusammenfassen.

Gewissermaßen erfunden wurde der Begriff von dem Physiker Leon Lederman, der ihn in seinem 1993 veröffentlichten Buch “The God Particle: If the Universe ist the Answer, what is the Question?” erstmals benutzte.

Dort schreibt er:

Dieses Boson ist so bedeutend für die heutige Phsyik, so wesentlich für unser Verständnis von der Struktur der Materie und doch so schwer fassbar, darum habe ich ihm einen Spitznamen gegeben: das Gottesteilchen. Warum Gottesteilchen? Zwei Gründe. Erstens, weil der Verleger uns nicht erlaubt hat, es das Gottverdammte Teilchen zu nennen – obwohl das ein viel passenderer Name wäre, angesichts seines niederträchtigen Wesens und des Aufwands, den es verursacht. Und zweitens, weil es da eine Art Verbindung gibt zu einem anderen Buch, einem viel älteren …

(Übersetzung von uns.)

Die Medien finden den Namen auf jeden Fall auch heute noch total super. Die Wissenschafts-Kollegen und die Kirche dagegen eher so mittel.

Und dem frisch nobelbepreisten Peter Higgs ist es inzwischen sogar “peinlich”, dass sich der Begriff so eingebürgert hat. “Ich glaube nicht an Gott”, sagt er, “aber ich habe immer gedacht, dass dieser flapsige Begriff einige Menschen beleidigen könnte.”

Lederman, der mit der Einführung des Begriffs den ganzen Schlamassel erst ausgelöst hat, sieht es aber gelassen. 2006 schrieb er in einer neuen Auflage des Buches:

Was den Titel angeht – The God Particle – , so hat mein Co-Autor Dick Teresi zugestimmt, die Schuld auf sich zu nehmen (ich habe ihn ausbezahlt). Ich habe den Begriff einmal als Scherz in einer Rede benutzt. Er erinnerte sich daran und benutzte ihn als Arbeitstitel für das Buch. “Keine Sorge”, sagte er, “kein Verleger benutzt jemals den Arbeitstitel für das fertige Buch”. Der Rest ist Geschichte. Der Titel verärgerte letztlich zwei Gruppen: 1) die, die an Gott glauben und 2) die, die es nicht tun. Von jenen in der Mitte wurden wir herzlich empfangen.

Aber damit müssen wir leben. Ein Teil der Physikergemeinschaft hat den Namen aufgegriffen, und sowohl die Los Angeles Times als auch der Christian Science Monitor haben das Higgs-Boson als “Gottesteilchen” bezeichnet. Das erhöht unsere Hoffnung auf eine Verfilmung.

Mit Dank an ex00r und Bernd H.

Deutschlandfunk, Stuttgarter Zeitung, Bezos

6 vor 9

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1. “Bloggen, weil man muss”
(brandeins.de, Jens Tönnesmann)
Fünf Blogger im Porträt: Christoph Kappes, Sylvia Oberstein, Enno Park, Meike Lobo und Patricia Cammarata.

2. “R.I.P. Tageszeitung”
(spiegel.de, Thomas Knüwer)
Es gebe “kein einziges Indiz, dass wir derzeit eine Zeitungskrise durchleben”, schreibt Thomas Knüwer: “Nein, wir erleben das Sterben der Zeitung. Wer zum Beispiel die Auflage von Deutschlands größter Tageszeitung, der ‘Bild’, extrapoliert, landet so ungefähr 2028 auf der Nulllinie – und glaubt irgendwer, das Blatt würde noch gedruckt, wenn ein paar tausend Stück verkauft werden?”

3. “Absicht oder Gewohnheit? Die Linke kommt im Deutschlandfunk deutlich seltener zu Wort als andere Parteien”
(wirtschaftundgesellschaft.de, Thorsten Hild)
Thorsten Hild wertet Interviewpartner des “Deutschlandfunk” aus und meint feststellen zu können, dass Politiker von “Die Linke” selten befragt werden – grüne Politiker dagegen oft.

4. “Netanjahu als Friedensvergifter”
(juedische-allgemeine.de, Philipp Peyman Engel)
Eine Karikatur der “Stuttgarter Zeitung” löst Kritik aus. “Die Stuttgarter Zeitung hingegen kann in der Karikatur keine antisemitischen Vorurteile erkennen. Dennoch bereut das Blatt inzwischen den Abdruck ihrer Zeichnung.”

5. “Jeff Bezos and his journalists”
(blogs.reuters.com, Felix Salmon, englisch)
Felix Salmon beurteilt den Kauf der “Washington Post” durch Jeff Bezos: “Bezos is not the kind of man who worries about losing a few million dollars here or there: he has his eye on building long-term value and relevance, which is exactly how the best newspaper owners behave.”

6. “Stell dir vor, Mollath ist frei – und dann passiert nichts”
(onlinejournalismus.de, Fiete Stegers)
Live-Ticker, die vom Warten auf Ereignisse berichten.

Boston Globe, Penis-Skulptur, Geheimdienste

6 vor 9

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1. “Extrabyte! Extrabyte!”
(freitag.de, Jakob Augstein)
Jakob Augstein beschäftigt sich mit den heftigen Reaktionen auf den Verkauf von Zeitungen durch den Axel-Springer-Verlag: “Wie viele von denen, die Springers Ausverkauf kritisierten, fürchten in Wahrheit, dass Mathias Döpfner recht haben könnte? Dass Blätter, mit denen sich heute noch Millionen verdienen lassen, schon übermorgen praktisch wertlos sein könnten. Und damit auch die eigene Arbeit, die eigene Bedeutung, das eigene Leben.”

2. “Die Zeitungskrise ist bislang Regional- und Boulevardkrise”
(konradlischka.info)
Konrad Lischka wertet die verkaufte Auflage deutscher Zeitungen von 2000 bis 2013 aus.

3. “Qualitätsjournalismus in Amerika”
(blogs.faz.net/fazit, Patrick Welter)
FAZ-Wirtschaftskorrespondent Patrick Welter wundert sich, dass US-Journalisten klar und unverblümt berichten, und das in eigener Sache: “Die New-York-Times-Journalisten zitieren dann die Sprecherin des eigenen Verlages, die den Verkaufspreis von 70 Millionen Dollar bestätigt – und ziehen zugleich den Vergleich mit 1993, als die New York Times Company für den Boston Globe 1,1 Milliarden Dollar gezahlt hatte. Als ‘staggering’ – atemberaubend – bezeichnen die Journalisten den Wertverfall.”

4. “Die LousyPennies-Umfrage: Das verdienen Journalisten im Netz”
(lousypennies.de, Karsten Lohmeyer)
Die Auswertung einer Leserumfrage zeigt, dass man als Journalist im Netz Geld verdienen kann: “Aber oft ist es nur ein Zubrot. (…) Selbst größere Seiten mit bis zu 75.000 Besuchen im Monat können nicht immer die Umsätze erwirtschaften, die eine Familie zum Leben braucht.”

5. “Penis-Skulptur ist ein Blickfang”
(blogs.taz.de, Jan Feddersen)
Rund 500’000 Euro hätte die “taz” schon einnehmen können, wenn sie das Kunstwerk “Friede sei mit Dir” konsequent monetarisiert hätte, rechnet Jan Feddersen aus. “Nach grober Zählung haben nämlich – einerlei ob Sommer, Winter, Frühling oder Herbst – bisher durchschnittlich knapp 400 Personen pro Tag das, sagen wir: Mahnmal fotografiert.”

6. “Meine Akte. Deine Akte.”
(stern.de, Holger Witzel)
In seiner Kolumne “Schnauze, Wessi!” denkt Holger Witzel nach über Geheimdienste: “Viele feiern Edward Snowden zwar wie einen Bürgerrechtler, aber gleichzeitig fehlt ihnen noch der Mut, die Dienststellen ihrer Überwachungsbehörden einfach zu besetzen und die Akten selbst zu lesen. Aus der Erfahrung von 1989 kann man nur raten: Macht das!”

Der Kokain-Skandal-Skandal

Am Nachmittag des 30. Juni klingelte bei Dieter Schroth, dem Lebensgefährten des Modedesigners Harald Glööckler, das Telefon. Der Anrufer war ein Reporter von der “Bild”-Zeitung. Er konfrontierte Schroth damit, dass Harald Glööckler in einen Kokain-Skandal verwickelt sei. Schroth reagierte verdutzt und erklärte, dass dies mit Sicherheit nicht stimme. Er bat den Anrufer, sich an die Presseagentur von Glööckler zu wenden. Doch das tat der Anrufer nicht. Er meldete sich überhaupt nicht mehr.

Stattdessen erschien am nächsten Morgen diese Titelgeschichte:

Harald Glööckler - KOKAIN-SKANDAL! Strafverfahren gegen Modezar

Nach BILD-Informationen ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft gegen Modezar Harald Glööckler (48). Es geht um den Verdacht von Drogenbesitz – möglicherweise sogar Drogenhandel! […] Der Verdacht: Bei den Lieferungen soll es um mehr als zehn Gramm Kokain gegangen sein.

[…] Ein Zeuge hatte detailliert gesagt, wann und wo der Modedesigner das Kokain gekauft haben soll. […] Glööckler erklärte gestern über seinen Lebensgefährten Dieter Schroth, die Vorwürfe seien “an den Haaren herbeigezogen”.

Noch am selben Tag gab Harald Glööckler eine Pressekonferenz und dementierte die Vorwürfe. Spätestens jetzt stiegen neben den (Noch-)SpringerBlättern auch andere Medien in die Berichterstattung über den “Kokain-Skandal” ein. Und die “Bild”-Zeitung nutzte den von ihr selbst entfachten “Wirbel” gleich für eine weitere Titelgeschichte:So verkokst ist die Promi-Welt - Was hinter den Kulissen wirklich abgeht +++ Wie die Droge gehandelt wird +++ Warum Modezar Glööckler von Rufmord spricht

Fast eine komplette Seite widmete “Bild” dem Thema:hier erklärt Glööckler, dass er kein Köökser ist - Der Weg der Droge nach Deutschland - Wie glaubwürdig ist der Zeuge, der Glööckler belastet? - Kokain - die Droge der Stars - In BILD berichtet ein insider, was hinter den Kulissen wirklich abgeht. Er tut es anonym, er will ja weiter eingeladen werden

Auch am Tag darauf bekam es einen Platz im Blatt:Für 3,98 Euro könnte Glööckler seine Unschuld beweisen - [...] DAS LIESSE SICH GANZ EINFACH ÜBERPRÜFEN! Wer z.B. bei seinen Kindern aufklären will, ob Drogen konsumiert wurden, kann einen sogenannten "Drogenschnelltest" in der Apothkee kaufen. Das Ergebnis liegt in wenigen Minuten vor [...]

Bild.de zeigte unterdessen eine Infografik zu den beliebtesten Schmuggel-Routen, listete bekannte Koks-Skandale auf und fragte: “Ist das Glööckler-Imperium in Gefahr?”

Tagelang wurde der “Skandal” ausgeschlachtet. Er sei “DAS Gesprächsthema”, verkündete das Blatt am dritten Tag stolz. Womit es nicht ganz unrecht hatte: Insgesamt zählten Glööcklers Anwälte später etwa 3.000 Medienberichte zu dem Fall – jeder davon beruhte einzig auf den “Enthüllungen” der “Bild”-Zeitung. Denn die Staatsanwaltschaft schwieg.

Zwei Wochen später erklärte das Landgericht Köln die Berichterstattung von “Bild” und Bild.de per einstweiliger Verfügung für unzulässig. Unter Androhung eines Ordnungsgeldes von bis zu 250.000 Euro wurde den Springer-Medien verboten, die wesentlichen Aussagen zum angeblichen “Kokain-Skandal” weiter zu veröffentlichen. Bild.de hielt sich daran und löschte alle betreffenden Artikel und Textpassagen.

Mit seiner Entscheidung folgte das Gericht einem Antrag von Glööcklers Anwälten. Die hatten argumentiert, die Berichterstattung sei “insgesamt rechtswidrig, weil sie gegen die höchstrichterlichen Grundsätze der sogenannten Verdachtsberichterstattung” verstoße.

In der Tat gelten in solchen Fällen besonders strenge Regeln für Journalisten. Um über angebliche Straftaten berichten zu dürfen, müssen zunächst ausreichende Verdachtsmomente vorliegen. Der Bundesgerichtshof verlangt daher einen “Mindestbestand an Beweistatsachen, die für den Wahrheitsgehalt der Information sprechen.” Ein solcher Mindestbestand liegt zum Beispiel vor, wenn ein Haftbefehl erlassen worden ist oder die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben hat. Die bloße Einleitung eines Ermittlungsverfahrens genügt in der Regel jedoch nicht, um eine Berichterstattung zu rechtfertigen.

Im Fall Glööckler gab es weder einen Haftbefehl noch eine Anklage, sondern lediglich ein Ermittlungsverfahren, das auf einer anonymen Anzeige beruhte. Schon aus diesem Grund hätte die “Bild”-Zeitung nach Ansicht von Glööcklers Anwälten nicht über das Ermittlungsverfahren berichten dürfen. Dass sie es dennoch getan hat, sei eine Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts. Außerdem habe der Reporter dem Beschuldigten “keine hinreichende Möglichkeit” eingeräumt, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Der Reporter habe weder mit der Presseagentur noch mit dem Management noch mit Glööckler selbst gesprochen. Stattdessen habe man Glööcklers Lebensgefährten an einem Sonntagnachmittag mit den Vorwürfen überrumpelt, nicht mal 24 Stunden vor der geplanten Veröffentlichung. Der Reporter habe mit unterdrückter Nummer angerufen und Angaben gemacht, die sich im Nachhinein zum Teil als nachweislich falsch herausgestellt hätten.

Auch die Berichterstattung von “Bild” und Bild.de sei “in wesentlichen Teilen unwahr”, heißt es im Antrag auf die einstweilige Verfügung:

So befindet sich in der gesamten Strafakte kein einziger Hinweis darauf, dass es um größere Mengen von “mehr als zehn Gramm Kokain” gehen […] soll. Ebenso falsch ist der mehrfach geäußerte Verdacht, dass es in dem Verfahren […] auch um Handel mit der Droge ging.

Tatsächlich zeigten sich selbst die Ermittlungsbehörden überrascht von den Erkenntnissen, über die die Reporter angeblich verfügten: In einem Vermerk schrieb die ermittelnde Kriminalkommissarin, es sei “unbekannt”, woher “die Informationen der BILD-Zeitung stammen”. In dem anonymen Anzeigenschreiben seien die “Angaben über die Menge, die Zeit sowie den Ort des Erwerbs” jedenfalls nicht enthalten.

In der vergangenen Woche stellte die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen Harald Glööckler mangels Tatverdacht schließlich ein.

Glööckler teilte am Montag mit, er wolle auch weiterhin gegen die Springer-Medien vorgehen. Der “angebliche Kokain-Skandal” sei “in Wirklichkeit ein Medien-Skandal”. Sein Anwalt Christian-Oliver Moser kündigte an, Schadenersatz in einer “historischen Höhe” zu fordern und “notfalls bis zur höchsten europäischen Instanz” zu gehen.

Es geht uns darum, die bewusst in Kauf genommene wirtschaftliche und soziale Vernichtung von Existenzen zugunsten der verkauften Auflage endlich gestoppt wird. Das funktioniert aber nur, wenn die wirtschaftlichen Folgen eines derartigen Rufmordes auch für einen der größten Verlage Europas tatsächlich spürbar sind.

Und schon jetzt zeigt die Ankündigung offenbar Wirkung: Die “Bild”-Zeitung berichtete gestern über die Einstellung des Verfahrens genauso prominent wie über dessen Eröffnung:

Harald Glööckler - Staatsanwalt fegt Koks-Verdacht vom Tisch!

PS: Die “Rheinische Post” hat vergangene Woche in der Düsseldorfer Print-Ausgabe und online eine Gegendarstellung veröffentlicht:

In der “Rheinischen Post” vom 08.07.2013, Seite 8, verbreiten Sie unter der Überschrift “Harald Glööckler lässt in Düsseldorf bitten” im Zusammenhang mit einer Berichterstattung über meinen PR-Auftritt auf der Messe “Little Gallery” am 07.07.2013 über mich Folgendes:

“Glööckler (…) sprach von Verleumdung durch die ‘Bild’-Zeitung, der er in Düsseldorf vor der Veranstaltung ein Exklusiv-Interview gewährte.”

Hierzu stelle ich fest: Ich habe der “Bild” kein Interview gegeben.
Harald Glööckler

Korruptionsbarometer, Girls, Leberwurst

6 vor 9

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1. “Globales Korruptionsbarometer 2013: Medien werden erstmals als korrupter wahrgenommen als Öffentliche Verwaltung und Parlament”
(transparency.de)
Für den Report “Transparency International’s Global Corruption Barometer 2013” (PDF-Datei, englisch) wurden zwischen September 2012 und März 2013 je etwa 1000 Menschen aus 107 Ländern befragt (“Five hundred people were surveyed in countries with a population of less than 1,000,000”). “Auffällig ist das vergleichsweise schlechte Abschneiden der Medien (3,6) in Deutschland. Sie rangieren erstmals hinter der Öffentlichen Verwaltung (3,4) und dem Parlament (3,4).”

2. “Nach Lügengeschichte um getötetes Kind: Neues Leben von Axel L. in Scherben”
(rhein-zeitung.de, Ulf Steffenfauseweh und Lars Wienand)
Nach Protesten von Angehörigen liefert “Bild” einen zweiten Artikel zu einem Obdachlosen auf Mallorca. “In einem Zusatz erklärt die Zeitung, dass sie aus edlen Motiven bisher nicht berichtet habe. Um ‘keine alten Wunden aufzureißen’ und ‘aus Rücksichtnahme auf die Familie’ habe man darauf zunächst verzichtet. Dabei war es den Angehörigen ja gerade auf eine Richtigstellung angekommen, sie gratulieren sich jetzt zu ihrer Beharrlichkeit.”

3. “Internetdörfer”
(rotebrauseblogger.de)
Die Berichterstattung zu einem “von der Tiroler Polizei wegen Sicherheitsbedenken” abgesagten Testspiel zwischen Energie Cottbus und Maccabi Tel Aviv, das mit Maccabi Haifa verwechselt wird. Siehe dazu auch “Kapitulation vor dem Inferno” (dradio.de, Olaf Sundermeyer).

4. “Stirbt die wöchentliche Serie? ZDFneo zeigt ‘Girls’ im Schnellsendeverfahren “
(ulmen.tv, Peer Schader)
ZDF Neo zeigt die ersten fünf Folgen der ersten Staffel von “Girls” “am Samstag von 22 Uhr bis 0.20 Uhr, und die zweiten fünf am Sonntag von 22 Uhr bis 0.15 Uhr. Mitten im Sommer, wenn die jungen Leute natürlich nix anderes zu tun haben, als am Wochenende abends zuhause abzuhängen, um ihre neue Lieblingsserie zu entdecken.”

5. “Neue Dimension der Auflagen-Akrobatik”
(derstandard.at, fid)
Der Gesundheitsverlag “Der Neue Apotheker Verlags GmbH” “nannte Inserenten 80.000 Stück für Hefte wie ‘Vitale Senioren’, ‘Apotheken Journal’, ‘Diabetes Journal’, ‘Praxis’ – und ließ je 100 bis 200 Stück drucken.”

6. “Müsli predigen, Leberwurst essen”
(topfvollgold.de, Moritz Tschermak)

WISO, Andrea Bleicher, Kai Diekmann

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1. “Kostendrücken leicht gemacht: Der Spartipp zum ZDF-Geburtstag”
(ulmen.tv, Peer Schader)
Das ZDF-Verbrauchermagazin WISO bringt Peer Schader auf Spartipps für das ZDF: “Anstatt mit einem ungeheuren Aufwand Erkenntnisse zu verfilmen, auf die auch ein demenzkrankes Eichhörnchen noch von alleine käme, und unnötig Kohle in Baumärkten oder bei Internetversandhändlern zu versenken, die man schon vorher ‘dubios’ findet, könnte der Sender künftig montags von 19.25 Uhr bis 20.15 Uhr Infotafeln einblenden, auf denen die Ergebnisse der Sendung, die dort gelaufen wäre, in angemessener Länge zusammengefasst sind.”

2. “Die verlorene Ehre der Jenny Elvers-Elbertzhagen und die Hinterfotzigkeit der BILD-Zeitung”
(mediensalat.info, Ralf Marder)
“Hier kauft Jenny Elvers Bier”, die “Bild”-Titelgeschichte vom 30. März 2013.

3. “Der XX-Blick”
(blog.tagesanzeiger.ch, Michèle Binswanger)
Mit Andrea Bleicher hat der “Blick” seit dem 7. Februar eine Chefredakteurin. Michèle Binswanger zieht ein erstes Fazit: “Plötzlich finden wir Porträts erfolgreicher Unternehmerinnen auf der Front des ‘Blicks’, wir lesen Geschichten über Kinderkrippen, die dem Auflagenwahnsinn der Behörden zum Opfer zu fallen drohen, über Politiker von rechts und links, die vor Vaterstolz glühend mit ihren Babys vor dem Bundeshaus posieren und Eltern, die die Gefahren des Internets für ihre Kinder unterschätzen.”

4. “Quotencheck: ‘Die schönsten Bahnstrecken'”
(quotenmeter.de, Kevin Kyburz)
Die Einschaltquoten des ARD-Füllprogramms “Die schönsten Bahnstrecken …”: “Mit Blick auf die mitunter ordentlichen Marktanteile beim jungen Publikum sollte Das Erste einen Einsatz im Vorabendprogramm ernsthaft in Erwägung ziehen; sowohl dem Unterhaltungswert als auch den Zuschauerzahlen des Sendeplatzes dürfte eine solche Maßnahme zu Gute kommen.”

5. “Vorher – nachher”
(spiegel.de)
Zum Porträt von “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann bietet der “Spiegel” ein Extra zur Veränderung seines Aussehens.

6. “Liebe Baltische Rundschau”
(plus.google.com/+postillon)

Frührente, Sprachgerechtigkeit, Marken

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1. “Die Medien im Zeitalter der Erregbarkeit”
(faz.net, Michael Naumann)
“Der politische Journalist will nicht regieren”, schreibt Michael Naumann: “Manche Hauptstadtjournalisten schnuppern an der Macht, aber streben sie nicht an, sondern wollen sich allenfalls in ihrem Glanz ein wenig sonnen und – beraten. Ansonsten warten sie geduldig auf die nächste Beute: Dummköpfe und Charaktermasken, davon sind sie überzeugt, wachsen auch in der Politik immer wieder nach.” Siehe dazu auch “Irrsinn? Oder doch Methode?” (stern.de/blogs, Hans-Martin Tillack)

2. “Medien vermehrt an die Kandare nehmen – zum Schutz der Verbrecher?”
(nzz.ch, Brigitte Hürlimann)
Brigitte Hürlimann berichtet von einem Prozess mit strengen Auflagen zum Persönlichkeitsschutz des Angeklagten: “Bei Zuwiderhandlung gegen die Auflagen stellte das Gericht einen Antrag auf Entzug der Akkreditierung und eine Bestrafung wegen Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen in Aussicht; Letzteres kann mit einer Busse von bis zu 10 000 Franken bestraft werden.”

3. “Verdrehte Rentendebatte”
(demografie-blog.de, Björn Schwentker)
Björn Schwentker kritisiert den Beitrag “Trend zur Frührente – trotz Einbußen” der “Süddeutschen Zeitung”: “Politisch dreht sich der SZ-Text um die Frage, ob die kommenden Rentner immer häufiger in Altersarmut leben müssen. Entsprechende Ängste aus dem linken Spektrum benennt und zitiert Öchsner in seinem Artikel. Ich bin sehr beunruhigt, wie unkritisch Deutschlands beste Qualitätszeitung sich hier zum politischen Sprachrohr machen lässt. ”

4. “Die Marke Journalist: 10 Schritte zur journalistischen Selbstvermarktung”
(lousypennies.de, Karsten Lohmeyer)
Karsten Lohmeyer gibt Tipps, wie Journalisten sich selbst als Marke aufbauen können.

5. “Hört auf mit dem Krampf”
(welt.de, Ingrid Thurner)
“Drei Jahrzehnte sprachlicher Gleichbehandlung haben bloß unschöne Texte, aber keine gesellschaftliche Gleichstellung gebracht”, schreibt Ingrid Thurner zu den Versuchen, Sprachgerechtigkeit zwischen den Geschlechtern herzustellen.

6. “For 40 Years, This Russian Family Was Cut Off From All Human Contact, Unaware of World War II”
(smithsonianmag.com, Mike Dash, englisch)

Superlative, Übergriffe, Affen

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1. “Der kritischste Artikel über Superlative aller Zeiten”
(sportsaal.de, Derhatschongelb)
Der Sportjournalismus neigt zu Superlativen. Dabei wäre Aufmerksamkeit auch bei einer nüchternen Anpreisung sicher: “Ich würde die Videos und Geschichten auch anklicken, wenn sie einfach mit ‘Mittelfeldspieler trifft aus 78 Metern’ oder ‘Torwart schießt Abstoß ins eigene Toraus’ betitelt wären.”

2. “Qualitätsmedien im Web: Artikel werden zur Trägermasse für Klick-Fabriken”
(onlinejournalismusblog.com, Stephan Dörner)
Die Auswirkungen von Page Impressions als Währung für Werbung im Netz: “Der für mich wichtigste Schritt, Qualitätsjournalismus ins digitale Zeitalter zu holen, ist, ihn endlich auch im Onlinejournalismus stattfinden zu lassen. Sobald das passiert ist, können alle Medienhäuser auch über eine Monetarisierung beispielsweise über Paywalls nachdenken. Vorher nicht.”

3. “Analyse: Der typische Bild-Leser”
(meedia.de, Jens Schröder)
“Der typische Bild-Leser” ist “ein Mann im Alter von 40 bis 59 Jahren”, schreibt Jens Schröder. “Er ist zur Haupt- oder Realschule gegangen, arbeitet als Facharbeiter und verfügt über ein Haushalts-Nettoeinkommen von 1.500 bis 2.500 Euro.”

4. “Wahrlich, keine Sternstunde”
(saarbruecker-zeitung.de, Bernard Benrarding)
Bernard Benrarding kommentiert die Vorwürfe einer “Stern”-Journalistin gegen Rainer Brüderle: “Was für eine Heuchelei: Ausgerechnet jene, die permanent mit grellem Sex Auflage machen, schüren die Erregung über angeblichen Sexismus.” Siehe dazu auch “‘Anzügliche Blicke gibt es überall'”, ein Interview mit Wibke Bruhns (tagesspiegel.de, Sonja Pohlmann).

5. “Normal ist das nicht!”
(kleinerdrei.org, Maike)
Maike versammelt verschiedene Erlebnisse sexueller Übergriffe im Alltag: “Solche Erlebnisse prägen – dabei kann ich noch von Glück sprechen, denn mir ist keine körperliche Gewalt widerfahren. Aber die Angst bleibt und geschürt wird sie immer wieder mit alltäglichen Sexismen, die ich und viele andere Menschen – meist Frauen – auf der Straße erleben.”

6. “Bildunterschrift der Affen”
(juliane-wiedemeier.de)

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