Tja, schwer zu sagen, ob “Bild” den Mann nun anonymisieren wollte, der am Freitagabend gemeinsam mit seiner Schwiegermutter von dem Amokläufer im Regierungsviertel angegriffen wurde, oder nicht. Im Artikel ist sein Nachname abgekürzt, in der daneben stehenden Karte ausgeschrieben:
Aber die Karte ist ohnehin falsch. Denn das, was da als “Bundeskanzleramt” bezeichnet wird, sind in Wahrheit Parlamentsgebäude: das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus und das Paul-Löbe-Haus. Das Bundeskanzleramt befindet sich links außerhalb der Karte.
Nachtrag, 29. Mai. Nein, die Leute von Bild.de haben da noch nichts korrigiert. Dabei könnten sie sich die richtige Grafik einfach aus der “Bild am Sonntag” kopieren. Die hat es gestern (zumindest in einigen Ausgaben) geschafft, die Karte korrekt zu beschriften.
Nachtrag, 29. Mai, 21.30 Uhr. Nach fast zwei Tagen hat jemand bei Bild.de endlich den Nachnamen des Opfers entfernt. Nur wo das Bundeskanzleramt liegt, hat Bild.de immer noch nicht begriffen.
Nachtrag, 5. Juni. Irgendwann hat Bild.de dann auch einen Weg gefunden, den Fehler aus dem Bild zu entfernen: Es wurde einfach das ganze Bild entfernt.
Danke an Christoph L., Hendrik B., Frank F. und Martin S. sowie Dirk E. und Bastian V.!
Die Startseite des “Spiele”-Ressorts bei Bild.de, die am Wochenende plötzlich vollständig (und vermutlich zutreffend) als Werbung gekennzeichnet war, präsentiert sich heute wieder als redaktioneller Inhalt. Die beiden kleinen Worte “Anzeige”, die rechts oben und unten standen, sind ersatzlos verschwunden:
Danke an Thorsten L.!
Nachtrag, 16.05 Uhr. Die Entscheidung, ob über einer Seite “Anzeige” steht oder nicht, wird bei Bild.de nun offenbar nach dem gleichen Prinzip getroffen wie die, ob jemand anonymisiert wird und welche Altersangabe er hinter seinen Namen bekommt: zufällig. Aktuell ist die Startseite des Spiele-Ressorts wieder komplett als Werbung markiert.
Es ist 21.40 Uhr als Hobby-Fußballer S.* (29, VFB Friedrichshain) vor einem aufgeschütteten, vier Meter hohen und 10 mal 10 Meter breiten Erdhaufen stehen bleibt. Er ist auf dem Weg nach Hause, aber was er dort im Mondlicht sieht, irritiert ihn. “Erst dachte ich, es sei eine Puppe, dann sah ich eine Hand und einen Schädel.” Zehn Minuten später sperren Polizeibeamte den Fundort ab (…)
Der Absatz aus der heutigen “Bild” (Berlin-Brandenburg) und die ganze Aufmachung der Seite (siehe Ausriss oben) erwecken den Eindruck, der junge Mann habe gestern in einem Berliner Park einen mumifizierten Leichnam entdeckt und die Polizei gerufen. Ein Eindruck, der in der Bildunterschrift noch verstärkt wird:
S. (29) fand die Frauen-Leiche im Monbijoupark in Mitte.
Es stimmt trotzdem nicht. Gefunden hat die Leiche eine “35-jährige Frau”, wie die Polizei mitteilte. Oder, noch genauer, deren Hund “Fritz”, wie beispielsweise die “Berliner Zeitung”, die “Berliner Morgenpost” und der “Berliner Kurier” zu berichten wissen. Und es ist auch kein Wunder, dass die Polizei in der “Bild”-Geschichte so schnell anrückte: Die Frau fand die Leiche schon “gegen 21 Uhr 25”. Der junge Mann war offenbar erst von der Frau auf den Fund aufmerksam gemacht worden und hatte dann gemeinsam mit ihr die Polizei gerufen.
Es ist ja nicht so, dass der Name der Journalistin, die vor wenigen Tagen offenbar gemeinsam mit einem befreundeten Arzt in einem Kölner Hotelzimmer Selbstmord beging, nicht aus verschiedenen Medienberichten bekannt wäre. Dennoch könnte man es durchaus begrüßenswert finden, dass “Bild” gestern ein Foto der Toten unkenntlich machte und sie zudem “Silke L.”nannte (siehe Ausriss). Schließlich heißt es ja in Richtline 8.5 des Pressekodex ausdrücklich:
“Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. (…)”
Noch begrüßenswerter allerdings wäre das Bemühen um Zurückhaltung gewesen, wenn “Bild” die zunächst als “Silke L.”anonymisierte Frau — gerade mal 15 Zeilen später — nicht doch noch (siehe Ausriss) bei vollem Namen genannt hätte…
Bild.T-Online.de AG & Co. KG
Herrn Gregor Stemmle
Axel-Springer-Straße 65
10888 Berlin
Rechnung 1/06
Sehr geehrter Herr Stemmle,
wir freuen uns, dass Sie die Möglichkeit nutzen, die Leser von Bild.de ein wenig besser zu informieren.
Wir betreiben die Internetseite BILDblog.de, ein journalistisches, tagesaktuelles Angebot, das sich kritisch mit der Berichterstattung der “Bild”-Zeitung auseinandersetzt. Als wir damit begonnen haben, einige der vielen sachlichen Fehler im Online-Angebot der “Bild”-Zeitung öffentlich aufzuführen, hatten wir gehofft, dass Ihnen dies ein Ansporn sein könnte, genauer zu arbeiten. Viele dieser Fehler ließen sich schon mit einem Mindestmaß an Sorgfalt vermeiden. Leider können wir nicht feststellen, dass ein solcher Effekt eingetreten ist und dass bei Bild.de heute besser gearbeitet wird als früher.
Stattdessen stellen wir seit einiger Zeit aber fest, dass Fehler, auf die wir hinweisen, in kürzester Zeit von Ihnen korrigiert werden. Selbst Artikel, die schon mehrere Tage unverändert online waren, werden nur Minuten nach einem entsprechenden BILDblog-Eintrag verändert. Unter uns: Auch das gelingt nicht immer, oft genug wird ein Fehler durch einen anderen ersetzt, manchmal müssen wir ganz explizit formulieren, was an welcher Stelle falsch ist und wie es richtig lauten müsste, häufig vermeiden Sie auch eine Korrektur und entfernen stattdessen fehlerhafte Sätze ersatzlos. Überhaupt beschränken Sie sich meist auf Detail-Fehler, lassen aber fundamental falsche Artikel, die Sie zum Beispiel aus der gedruckten “Bild”-Zeitung übernommen haben, unverändert. Darüber hinaus bleiben ganz offenkundige Fehler auf Bild.de unkorrigiert, wenn wir nicht auf sie hinweisen (auf Anfrage liefern wir Ihnen dafür gerne Beispiele).
Offenbar haben Sie sich entschieden, BILDblog als eine Art externe Schlussredaktion oder Korrektorat zu benutzen. Wir freuen uns, wie gesagt, darüber, auf diese Weise einen kleinen Beitrag zur Qualitätsverbesserung von Bild.de leisten zu können und zum Beispiel in vielen Fällen zu verhindern, dass Menschen, über die Sie berichten und die eigentlich anonym bleiben sollen, aufgrund einer Nachlässigkeit mit ganzem Namen genannt oder unverfremdeten Gesicht gezeigt werden.
Wir glauben aber, dass dies eigentlich in Ihrer Verantwortung als Online-Angebot mit Millionen Lesern läge. Wir investieren Zeit und Energie, die eigentlich Sie selbst aufbringen müssten. Da Sie unser Angebot inzwischen als Dienstleistung in Anspruch nehmen, halten wir eine entsprechende Honorierung für angemessen.
Anbei finden Sie eine Auflistung aller Bild.de-Artikel, die Sie seit Anfang des Jahres korrigiert haben, nachdem wir über die in ihnen enthaltenen Fehler berichtet oder Sie per Mail darauf hingewiesen haben. Die zeitlichen Zusammenhänge und die Art der Richtigstellung lassen in aller Regel keinen Zweifel daran, dass diese Korrekturen direkte Reaktionen auf die Berichterstattung unter Bildblog.de waren. Einige der Korrekturen waren für uns mit größerem Rechercheaufwand verbunden, andere Fehler so offensichtlich, dass nur wenige Minuten Arbeit entstanden. Um die Rechnungsstellung nicht unnötig kompliziert zu machen, schlagen wir bis auf weiteres eine pauschale Honorierung von 40 Euro pro korrigiertem Artikel vor:
45 Korrekturen à 40 Euro
EUR 1800,00
16 % MWSt
EUR 288,00
Summe brutto
EUR 2088,00
Bitte überweisen Sie diesen Betrag innerhalb von zwei Wochen auf unser Konto (…) .
Na, bravo. Wie gut die Idee ist, sich mit einem Brief an “Bild” zu wenden, sei mal dahingestellt. Für “Bild” immerhin lohnt sich die Sache, sie kann dann Sätze schreiben wie diese:
“Von Mitschülern gefesselt und gedemütigt! Klassenkameraden deckten in einem Brief an BILD alles auf”
Oder diesen:
“Erst ein Brief von Schulkameraden an BILD brachte alles ans Licht.”
Oder diesen:
“Seine Mutter erfuhr erst durch BILD von dem Vorfall”
Oder diesen:
“Die Mutter des Jungen erfuhr erst durch BILD davon.”
Und “Bild” kann ausführlich aus dem “langen Brief, den ‘Eine Gruppe besorgter Schüler’ an BILD schickte”, zitieren, kann ihn faksimilieren und abbilden (siehe Ausriss).
Was “Bild” hingegen nicht kann, ist anonymisieren.
Zwar hat sich die Zeitung entschieden, den Namen des “Opfers”, wie die “besorgten Schüler” ihren Mitschüler nennen, im Artikel zu ändern und in dem “Brief an BILD” die Namen der “Täter” zu schwärzen. (Und das ist gewiss schon deshalb eine gute Idee, weil “Bild” jeglichen Beweis für die Anschuldigungen schuldig bleibt.)
Nachwievor haben wir nicht geschafft herauszufinden, nach welchen Kriterien die “Bild”-Zeitung entscheidet, einen Verdächtigen, einen Täter oder ein Opfer nicht beim vollen Namen zu nennen.
Vielleicht ist das aber auch egal — denn “Bild” schafft es nachwievor nicht, eine solche Anonymisierung überhaupt durchzuhalten.
Manchmal nicht einmal einen einzigen Artikel lang.
Unter der etwas irreführenden Überschrift “Darf ein Polizist mit seiner Pistole tanzen?” nannte “Bild Thüringen” am 22. Februar einen Polizisten, gegen den ermittelt wird, weil er bei einem privaten Besuch in einer Bar seine Dienstwaffe gezogen haben soll, immerhin viermal “Thomas F.”. Und zweimal beim vollen Namen (siehe Ausrisse, gelbe Balken von uns).
Angela M. (51)?
Joschka F. (57)?
Boris B. (38)?
Hugo M.-V. (58)?
Nein, irgendeinen Sinn wird es schon haben, dass “Bild” nicht jeden Namen, den sie in die Zeitung druckt, abkürzt. Schließlich ist so eine Abkürzung ein halbwegs probates Mittel zur Anonymisierung von Personen (meist Privatpersonen) zum Schutz vor unangemessen viel Öffentlichkeit — auch, wenn das im Hause “Bild” nichtimmeranstandslosgelingt.
Im Fall der Schülerin “Jacqueline K. (17)” allerdings, die ihren Lehrer offenbar wüst beschimpft hatte und dafür nun von einem Gericht zu 30 Stunden gemeinnütziger Arbeit in einem Altenheim “verdonnert” wurde, hat “Bild” sich die Mühe gemacht und Jacquelines Nachnamen verschwiegen. Auch Jaquelines Lehrer heißt in “Bild” nur “Lehrer Achim J. (45)”, “Klassenlehrer Achim J. (45)”, “Herr J.” oder “beleidigter Pauker” — außer in der von “Bild” am Samstag dokumentierten “Anklageschrift”. Dort nämlich wurden zwar der Nachname der Schülerin, ihr Wohnort und der Nachname ihrer gesetzlichen Vertreter unkenntlich gemacht, der Nachname des “beleidigten Paukers” allerdings steht gut lesbar und unverfremdet dort…
PS: Auch bei Bild.de gab es noch bis gestern Nacht ein Faksimile der Anklageschrift “zum Großklicken” (siehe Ausriss). Nachdem wir die Bild.de-Redaktion auf die Tatsache der unterlassenen Verfremdung des Lehrernamens aufmerksam gemacht hatten, bekamen wir zwar keine Antwort, der “Zum Großklicken”-Link ist jedoch mittlerweile aus dem Bild.de-Text entfernt.
Hinweis: Der folgende Eintrag wirft “Bild” nichts vor. “Bild” hat, soweit wir das erkennen können, alles richtig gemacht. Kein handwerklichen Fehler, keine falschen Behauptungen, nüscht!
ZurZeitgehteineMeldungdurchdieMedien, dass ein 17 Monate alter Junge unter anderem mit Rotkohl so brutal gefüttert worden sei, dass er am vergangenen Mittwoch nach elftägigem Todeskampf an “Hirnversagen durch Sauerstoffmangel” starb.
Und natürlich steht diese Meldung heute auch in “Bild”.
Anders als in anderen Medien hat “Bild” die Meldung aber nicht nur mit einem RotkohlRotkohl–Foto illustriert. Nein, “Bild” zeigt — neben der Schlagzeile “Mit Rotkohl erstickt!” — auch das Foto eines blonden Jungen. Daneben steht:
“Das Kind hatte unter anderem Schwellungen, Schürfwunden und eine Hirnschaden Fotos: Getty Images, Stock Food“
Das Foto selbst hat “Bild” stark verfremdet, wie es Medien gelegentlich zur Anonymisierung von Tätern, Zeugen oder Opfern tun, um ihre Identität zu schützen: das Gesicht verpixelt, das Foto nur als Negativ abgedruckt (siehe Ausriss).
Grafisch bearbeitet sieht die Meldung übrigens ungefähr so aus:
Und dann kann man gut erkennen, dass es sich bei dem Foto nur um ein x-beliebiges, stark verfremdetes Kleinkindporträt aus einem Symbolfoto-Archiv handelt (siehe hier), wie heute ganz bestimmt jedem der über 11 Millionen “Bild”-Leser auf Anhieb klar gewesen sein dürfte, zumal “Bild” ja auch nirgends ausdrücklich behauptet, dass es sich bei dem abgebildeten Kind in der Meldung um das Kind aus der Meldung handelt…
Mit Dank an Robert B. für den sachdienlichen Hinweis.
Guten Tag, hier spricht der Teufel. Vielen Dank für Ihren Anruf. Meine Nummer hat sich geändert. Wählen Sie bitte in Zukunft statt der 666 die Durchwahl 616. Vielen Dank und auf Wiederhören. Piep.
Jawohl, in großer Aufmachung auf Seite 1 und mit der Ortsmarke “Vatikan” informiert die “Bild”-Zeitung heute ihre Leser über eine “Neuigkeit”. Andreas Englisch, der “Vatikan-Experte” von “Bild” hat herausgefunden:
Nicht 666, sondern 616 ist die Zahl des Satans!
Im 2. Jahrhundert schrieben Theologen die 666 dem Teufel zu. (…) Die Theologen beriefen sich auf das “Buch der Apokalypse” des Evangelisten Johannes. Wie sich jetzt herausstellte, ein Übersetzungs- und Abschreibfehler!
Forscher fanden nun im griechischen Originaltext die richtige Satanszahl: Es ist die 616 und nicht die in jeder Bibel genannte 666!
Wir haben keine Ahnung, wie “Bild” jetzt auf diese Geschichte kommt. In der britischen Tageszeitung “The Independent” erschien bereits am 1. Mai 2005 ein Artikel mit der Überschrift: “Revelation! 666 is not the number of the beast (it’s a devilish 616)” Ein entsprechendes Papyrus-Fragment aus dem 3. Jahrhundert ist bereits 1999 veröffentlicht worden. Am 4. Mai 2005 berichtete “Die Zeit” über technische Fortschritte bei der Entschlüsselung der Papyrus-Fragmente aus Oxyrhynchus und erzählte auch die 616/666-Geschichte.
Schon vor über 120 Jahren diskutierte ein gewisser Friedrich Engels, wie man die “sehr alte Lesart” der Offenbarung/Apokalypse des Johannes erklären könne, wonach 616 die “Zahl des Tiers” sei. Und schon vor über 1800 Jahren wusste Irenäus von Lyon, dass in vielen Schriften statt der 666 die 616 zu lesen war — nur entschied er sich damals, die 616 für einen Schreibfehler zu halten und nicht die 666.
Genau umgekeht entschied sich übrigens der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli. Deshalb steht auch nicht “in jeder Bibel” die 666 als Satanszahl, wie “Bild” behauptet, sondern in der auf Zwingli zurückgehenden “Zürcher Bibel” die Zahl 616.
Tja. Und nun? Fragen wir Andreas Englisch, und der hat anonymen “Vatikan-Experten” die bahnbrechende Zusage entlockt:
“Wenn die Zahl 666 falsch ist, wird das in den kommenden Bibelausgaben geändert.”
Unsere Prognose aber lautet: Wenn diese ganze Geschichte Humbug ist, wird “Bild” das nie zugeben.