Bloghasser in der Schweiz, Kehrtwende beim Handelsblatt, Welt am Sonntag mit Aprilscherz.
Bruno Habegger vom PC Tipp schrieb eine Kolumne, “um wenigstens einmal im Leben im Medienlese-Blog erwähnt zu werden”. In einem surrealen Versuch, seine Leser zu verwirren mit Fenstern, die man fallen lässt, um sie anderen an die Wange zu klatschen (gemeint waren gecopypastete Meinungen), outete er sich als Bloghasser (obwohl es keine Rolle spiele, ob man Zeitungspapier oder Bildschirme mit Buchstabenmist bestreiche). Mit seiner Abneigung gegen dieses Medium war er nicht alleine. Auch Annina Haab (16) nannte sich blogophob, wie das slug-Blog kolportierte. Warum auch nicht: Ich halte es für rechtmässig, etwas nur seiner Form wegen zu hassen. Read On…
“Wer sein Privatleben privat lebt, bleibt privat.” (Kai Diekmann, “Bild”-Chefredakteur und
Herausgeber von “Bild” und “Bild am Sonntag”)
Gestern machte die “Bild”-Zeitung ja öffentlich, dass F., Kandidat der RTL-Show “Deutschland sucht den Superstar”, schwul und “mit einem Mann verheiratet” sei:
Heute berichtet die “Bild am Sonntag” über die Folgen des Outings:
Und obwohl die “BamS” heute noch einmal referiert, was dafür verantwortlich ist, dass der Sänger “um sein Leben bangen” müsse*, verschweigt die “BamS”, wer dafür verantwortlich ist – und schreibt stattdessen nur:
Am Samstag wurde bekannt (…)
*) Die “BamS” lässt übrigens keinen Zweifel daran, dass “Bild” den gebürtigen Libanesen ohne sein Einverständnis geoutet hat: “Gestern Nachmittag verweigerte F. jedes Gespräch über sein Schwulen-Outing. Einziges Statement: ‘Diese Geschichte interessiert mich nicht. (…)'” Aber dass das “Bild”-Outing für F. lebensgefährlich sein könnte, hätte laut “Bild am Sonntag” auch “Bild” wissen können: “(…) im Gespräch mit BILD am SONNTAG hatte F. seine Angst vor Racheakten geäußert, falls radikale Libanesen von seiner Homosexualität erfahren sollten.”
Hinweis, 14.4.2008: Während “Bild” heute abermals detailliert über das Privatleben des Sängers berichtet, haben wir uns nachträglich entschieden, seinen Namen unkenntlich zu machen und die Links zu den “Bild”-Artikeln zu entfernen.
Nicht weniger als vier “Bild”-Reporter haben mitrecherchiert und -geschrieben, um heute F., einer der Kandidaten von “Deutschland sucht den Superstar” (DSDS), als schwul zu outen.
Man weiß natürlich nicht, wie die sich das aufteilen. Wer von ihnen sich zum Beispiel ausgedacht hat, dass es irgendwie treffend wäre, über den Artikel zu schreiben:
Ausgerechnet der Frauen-Schwarm
Und ob einer von ihnen allein für die Großbuchstaben zuständig war:
Er ist DER Herzensbrecher bei “Deutschland sucht den Superstar”. Seine samtweiche Stimme bezaubert die Frauen. Doch das Herz von F. (28) gehört einem MANN!
DIE BEIDEN SIND SOGAR VERHEIRATET!
Nur wer von ihnen Grundwissen über homosexuelle Lebenspartnerschaften in Deutschland recherchiert hat, das kann man beantworten: keiner. “Bild” schreibt:
Am 19. Oktober 2006 schloss das Paar eine Lebenspartnerschaft in einem Standesamt in Niedersachsen. Das bedeutet: gemeinsamer Familienname, Unterhaltspflicht — alles wie bei einer Ehe zwischen Mann und Frau!
Von wegen. Lebenspartner haben zwar etwa dieselben Pflichten, aber deutlich weniger Rechte als Ehepartner. Sie sind unter anderem steuerlich in vielfacher Weise benachteiligt, erhalten teilweise als Beamte weniger Zuschläge und können nicht gemeinsam ein nicht leibliches Kind adoptieren.
Aber wen interessieren schon solche Details.
PS: Die gemeinsame Wohnung von F. und seinem Mann enthält, wie “Bild” recherchiert hat, “lila Tapeten, goldene Verzierungen, eine Katze”.
Hinweis, 14.4.2008: Während “Bild” heute abermals detailliert über das Privatleben des Sängers berichtet, haben wir uns nachträglich entschieden, seinen Namen unkenntlich zu machen und die Links zu den “Bild”-Artikeln zu entfernen.
Bloggen, bis der Arzt kommt (brandeins.de, Steffan Heuer)
Sich im Netz einen Namen zu machen ist eine Leistung. Und eine Gefahr: Blogs neigen dazu, ihre Macher aufzufressen.
It’s the links, stupid (economist.com)
Blogging is just another word for having conversations.
Dies ist ein Blog (nzz.ch, S. B.)
“Manche Blogger schreiben für Geld und schneller, als sie denken können, um ihren Verdienst zu steigern. Andere schreiben in der Hoffnung, dass, wenn sie nur lange genug weiterschreiben, Gedanken schon allmählich sich verfertigen werden.”
Üben Sie den Spagat? (medienspiegel.ch, Rolf Hürzeler)
Von all den «Kostenexplosionen», den «Eldorados» und «Leuchtenstädtern» im Schweizer Journalismus quält uns der «Spagat» am meisten. Die akrobatische Übung durchzieht kluge Analysen, muntere Boulevard-Geschichten und clevere Reportagen gleichermassen. Der Spagat ist die liebste Verrenkung der Schreibenden.
Kritische Masse, digitale Elite, Markus Bleckebach.
Unter dem Motto “die kritische Masse” fand zum zweiten Mal in Berlin die Konferenz re:publica statt. Nicht nur der Ort war der Gleiche, sondern auch auf den Podien sassen oft die gleichen Leute wie im Jahr zuvor, die dann auch oft noch die gleichen Themen wie im Jahr zuvor behandelten. Für Benedikt Köhler beispielsweise war vieles selbstgefällig, ihm fehlte die Kontroverse und der Blick in die Zukunft: “Es ist schon etwas merkwürdig: Einerseits neigen die Blogger dazu, sich als Gegenveranstaltung darzustellen. Andererseits ist aber jeder zur PR in eigener Sache unterwegs.” Über die kritische Masse vermochte immerhin dieser per SMS verschickte und an der SMS-Wand hinter dem Podium im grossen Saal publizierte Beitrag aufzuklären. Read On…
Die Nachrichtenagentur dpa hat ein kurzes Interview mit Markus Beckedahl von newthinking communications geführt, einem der Veranstalter der Weblog-Konferenz re:publica. Hier die erste Frage im Original-dpa-Wortlaut bei Welt.de:
Auch Bild.de veröffentlicht das dpa-Interview. Sogar mit Links auf die angesprochenenBlogs – und leicht gekürzt:
Beim Fußballzweitligisten FC Erzgebirge Aue ist so einiges los. Zwar scheint es nicht ganz so sicher, wie “Bild” schreibt, dass Torwart Axel Keller tatsächlich rausgeworfen wurde, “weil er bei der Geburt seiner Tochter war!” Aber dieser Teil der heutigen “Bild”-Berichterstattung beruht ohnehin fast ausschließlich auf einem Artikel der “Freien Presse”. Ausgedacht hat “Bild” sich aber offenbar den letzten Satz der Geschichte:
Beim FC Erzgebirge sieht man das anders. In einer Mitteilung auf der Internetseite heißt es dazu:
– Die ersten Glückwünsche erhielt Axel Keller bereits in der Halbzeitpause des Spiels gegen Freiburg. Hier wurde ihm und seiner Freundin vor 10.500 Zuschauern per Durchsage im Stadion gratuliert. Zu diesem Zeitpunkt war Axels Tochter etwa eine Stunde auf der Welt.
– Persönliche Glückwünsche gab es einen Tag später, also zum Training am Ostermontag von Spielern und Trainern.
– Weiterhin gratulierte der Verein über die Homepage, was auch als Presseinformation an die Medien ging.
– Zudem gratulierte der FC Erzgebirge Axel Keller und seiner Freundin Ulrike zur Geburt von Tochter Marlene auch 28. März im Vereinsjournal ‘VEILCHENECHO’ zum Spiel gegen Mainz.
Nun ja. Was beim Training am Ostermontag passierte, können wir nicht beurteilen, und zur Durchsage im Stadion müsste man wohl die 10.500 Zuschauer befragen. Die Meldung auf der Vereins-Homepage indes haben wir gefunden (“Keller stolzer Papa”). Und die Glückwünsche im “Veilchenecho” hat uns ein Sprecher des Vereins vorgelesen. In der Rubrik “Geburtstage” war dort zu lesen:
Axel ist seit Ostersonntag Vater der kleinen Marlene. Auch dazu herzlichen Glückwunsch.
Mit Dank an Eagleeye für den sachdienlichen Hinweis.
Es ist im Grunde ganz einfach. Da schreibt man über einen Text “Dita von Teese drehte Hardcore-Lesben-Porno” und schon hat man einen Artikel, der bestimmt ganz viel geklickt wird. Wenn man dann, wie Bild.de, noch “Britische Zeitung enthüllt” drüber schreibt, kann man ja gar nichts falsch machen:
Der “Sun”-Artikel, auf den Bild.de sich bezieht, ist erstaunlicherweise sogar direkt bei Bild.de verlinkt. Und die “Sun” selbst schreibt schließlich unter der Überschrift “Dita has a secret porn flick past”:
BUSTY new Wonderbra model DITA VON TEESE has a secret hardcore porn past, The Sun can reveal.
Allerdings sollte jemand, der bei Bild.de arbeitet, eigentlich wissen, dass manche Zeitungen es mit Begriffen wie “geheim” oder “enthüllt” nicht immer so genau nehmen – und vielleicht mal kurz recherchieren, was denn eigentlich dran ist an der Enthüllung der “Sun”.
Nämlich nichts. Dass Dita von Teese in Porno-Filmen mitgespielt hat, ist bekannt. Um es zu wissen, muss man nicht mal Porno-Experte sein oder sich mit Dita von Teese besonders gut auskennen. Ein Blick in die Filmdatenbank imdb.com genügtvöllig. In ihren Wikipedia–Einträgen steht’s schon seit dem Jahr 2005.
Mit Dank an Frank, David K., Marcel H. und Jens B..
“Schweini: Ich steht zu Poldi” lautete diese Woche eine Schlagzeile der Bild-Zeitung über “Prinz Peng”. Wer das jetzt nicht verstanden hat, muss das auch gar nicht, wenn es nach Medienwissenschaftler Norbert Bolz geht. Er sagte: “‘Bild’ ist ein Gesamtkunstwerk und hat einen unglaublichen Einfluss auf die Politik”. Die Belegschaft der Zeitung zog von Hamburg nach Berlin und stellte gleich mal einen Werbewagen auf, um bei der Nachbarredaktion der taz auf sich aufmerksam zu machen. Wie dieses Bild zeigt, wurde die Zeitung von der Stadt Berlin in ihrer gewohnt herzlichen Art, ja man möchte fast schon sagen, überschwänglich empfangen. Read On…
Es hat funktioniert. Im letzten November hatten wir beschlossen, ein «Blogwerk Jahrbuch 2007» mit den besten Blogwerk-Beiträgen des vergangenen Jahres herauszugeben. Auf Papier, denn unsere Überlegung war: So besteht eine grössere Chance, dass auch Journalisten und Werber es lesen.
Vor Weihnachten haben wir es versandt; auf den Verteiler habe ich unbekannterweise auch Stefan Betschon, Ressortleiter «Medien und Informatik» bei der NZZ genommen. Und tatsächlich, schon nach drei Monaten hat er es gelesen und publiziert in der Ausgabe von gestern die Replik. (Das ist wohl der übliche Vorlauf bei der NZZ für alles, was nicht tagesaktuell ist; der Blogger-Artikel von Matthias Daum, für den ich Mitte Januar interviewt wurde und Anfang Februar die Zitate autorisiert habe, ist auch noch nicht erschienen. Ist allerdings nicht für das Medien-Ressort.)
Betschon nennt seine Betrachtungen originellerweise Web 2.0. Vom Leistungsdruck, dass diese Überschrift einen weiten Fokus verspricht, befreit sich der Autor sogleich mit etwas Ironiegeschwurbel, bei dem man nicht genau versteht, worauf er hinaus will, sowie etwas am unpassenden Ort angebrachtem Typografie-Detailwissen. Vielleicht kommt das ja in der gedruckten Zeitung gut. In der wird man im übrigen auch nicht abgelenkt dadurch, dass der Text durchbrochen ist von einem grossen, quadratischen Banner, das wechselweise für eine Fluglinie oder «Schnäppchen bei Neckermann» wirbt. (Ja, Blogwerk hat auch Banner, aber nicht in der Mitte des Lauftexts.)
Nach dem Geblinke geht’s aber endlich los mit dem Inhalt. Read On…