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Spiegel Online, Rudelbildung, Trolle

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Spiegel Online, abgesoffen”
(freischreiber.de)
Die Freischreiber fragen sich, warum neben einer offensichtlich redaktionell erarbeiteten Meldung im Wirtschaftsressort von Spiegel.de, in der es um eine Unterwasserleitung von ABB geht, der Button “powered by ABB” steht.

2. “Fall Polanski: Warten, frieren und sich im Rampenlicht aufwärmen für den grossen Tag”
(binz-krisenblog.blogspot.com, Roland Binz)
Falls Sie sich fragen, was Journalisten gerade tun – sie sitzen in Gstaad und warten in der Kälte auf einen vielleicht bald mal erscheinenden Chaletbesitzer: “Seit mehr als einer Woche belagern Journalisten aus aller Welt das Umfeld des Anwesens von Roman Polanski, der in Auslieferungshaft sitzt und nun vorerst in den Hausarrest verschoben werden soll.”

3. “Mit Macht auf Sendung”
(freitag.de, Walter van Rossum)
Walter van Rossum kritisiert die Rudelbildung von Journalisten. “Wer die Routinen medialer Betriebe ein wenig aus der Nähe kennt, weiß, dass Konformismus die sicherste Währung ist: Rudelbildung bietet den größten Schutz.”

4. “Post von den ‘Interview People'”
(interviewsfuehren.wordpress.com, Christian Thiele)
Christian Thiele hat Post erhalten von den “Interview People” aus Freising: “Auf gut Deutsch würde ich sagen: Die übersetzen und verhäkseln und vermanschen und verpanschen Interviews aus deutschen Medien und verticken sie ins Ausland. Und andersherum.”

5. “How Google Can Help Newspapers”
(online.wsj.com, Eric Schmidt, englisch)
Google-CEO Eric Schmidt bietet den Zeitungen seine Hilfe an.

6. “Trollforschung aktuell”
(saschalobo.com)
Sascha Lobo wird spätabends überraschend von Trollen heimgesucht. Seine Analyse: “Es handelt es sich bei den meisten Trollereien um eine Fortsetzung des Klingelstreichs mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts.”

Longchamp, Winkler, Technologiekritik

6 vor 9

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1. “Die Illusion vom paid content”
(ndr.de, Video, 6:17 Minuten)
Ein kurzer Überblick über die bisherigen Bezahlangebote der Printverlage im Internet. Weiterhin unbeantwortet bleibt die Frage, für welche Form von Journalismus Leser bereit sind, online Geld auszugeben. Klar ist: “Die fetten Jahre sind vorbei.”

2. “Hau den Blocher”
(tagesanzeiger.ch, Simone Matthieu)
Das linksliberale Boulevardportal Tagesanzeiger.ch behandelt die (eigene) Verhaltensweise, Aussagen von Prominenten gegen die rechtskonservative Partei SVP und deren Aushängeschild Christoph Blocher aufzubauschen. Der “altbekannte PR-Trick” sei eine “Win-Win-Situation”: “Die Medien machen gute Quote und der Blocher-Verunglimpfer wird – egal wie unbekannt er ist und wie unbedeutend seine Aussagen sind – zum Mann der Stunde.”

3. “Wie ein 20-Jähriger einen Verlag demontiert”
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz über den hyperlokalen Sportjournalismus von Michael Wagner, dem Macher von fussball-passau.de: “Jede Liga, jedes Spiel wird dort inzwischen ausführlich geschildert. Es gibt Spielerbörsen, Tabellen, Statistiken, kurzum: Wagner hat ein hyperlokales (Fußball-)Medium gemacht — und die User dort sind glücklich.”

4. “Falscher Prophet”
(blog.persoenlich.com, Stefan Bühler)
Stefan Bühler fordert wegen der “katastrophalen Fehlleistung” des Prognostikers Claude Longchamp bei der Vorhersage der Ergebnisse der Minarett-Initiative für das Schweizer Fernsehen Konsequenzen.

5. “Willi Winkler und der Mann der Tat”
(perlentaucher.de, Thierry Chervel)
Thierry Chervel kritisiert einen Artikel von Willi Winkler in der “Süddeutschen Zeitung” über Dieter Kunzelmann: “Winklers Artikel repräsentiert eine Tendenz in der kulturellen, intellektuellen und auch politischen Linken in Deutschland – eine Tendenz zur Leugnung der Geschichte.”

6. “Standardsituationen der Technologiekritik”
(online-merkur.de, Kathrin Passig)
Kathrin Passig schreibt über den “öffentlich geäußerten Missmut über das Neue” und stellt einen stets wiederkehrenden Argumentationsverlauf fest. 1. Wofür soll das gut sein? 2. “Wer will denn so was?” 3. Das ist nur etwas für “zweifelhafte oder privilegierte Minderheiten”. 4. Das ist nur “eine Mode, die vielleicht wieder vorbeigeht”. 5. Das wird auch nichts ändern. 6. Es ist gut, aber nicht gut genug. 7. “Schwächere als ich können damit nicht umgehen!”. 8. So sollte man aber es nicht nutzen. 9. Es verändert unsere “Denk-, Schreib- und Lesetechniken zum Schlechteren”.

Heckhoff, Regividerm, Schlagzeilen

6 vor 9

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1. “Versteckspiel”
(berlinonline.de, Annika Joeres)
Die “Berliner Zeitung” versucht Licht in den Fall Michael Heckhoff zu bringen und glaubt, “entweder ein Polizeibeamter oder aber der Anwalt des Inhaftierten” habe “zwischen der Redaktion und Heckhoff vermittelt”. “Dass der inzwischen in einem Bochumer Sicherheitstrakt einsitzende Heckhoff persönlich mit dem Skandalblatt geredet hat, ist nahezu ausgeschlossen.”

2. “Bild Dir Deine Meinung im Knast”
(sueddeutsche.de, Christina Maria Berr)
Auch Sueddeutsche.de kann sich das kaum vorstellen: “Vermutlich wurden Teile des Vernehmungsprotokolls wiedergegeben.”

3. “Journalismus heute: knackiger Titel um jeden Preis?”
(marcelwidmer.ch)
Marcel Widmer beschäftigt sich mit einem “Stylecheck” des Schweizer Innenministers Didier Burkhalter auf Tagesanzeiger.ch mit dem Titel “Ohne Frisur, dafür mit vorbildlicher Kravatte”.

4. “Sollen freie Journalisten twittern? Zehn Antworten”
(medialdigital.de, Ulrike Langer)
Ulrike Langer antwortet dem Blogbeitrag des “DJV freienblog” von Anfang Woche: “Natürlich gibt es keine Garantie, dass Freie über das Twittern neue Auftraggeber finden (das kommt auch auf die Art des Twittern an), aber vor allem die Kombination von Bloggen und Twittern schafft Öffentlichkeit. Es macht freie Journalisten für potenzielle neue Kunden sichtbar und unkompliziert ansprechbar – ohne den Umweg über eine Redaktion.”

5. “Regividerm im Selbstversuch – ein Erfahrungsbericht”
(scienceblogs.de/frischer-wind)
“Ist etwas dran an dem Hype um das Neurodermitis-Wundermittel Regividerm? Meine Frau hat die Salbe vier Tage lang getestet und ihre (eher ernüchternden) Erfahrungen für den ‘Frischen Wind’ zusammengefasst.”

6. Interview mit Klaus Hillenbrand
(hausblog.taz.de, Luise Strothmann)
Der Chef vom Dienst der “taz” gibt Auskunft über Schlagzeilen auf der Titelseite. Für eine schämt er sich: “‘Badeunfall erweist sich als rassistischer Mord’. Da ist ein Kind in Sachsen ertrunken, und die Mutter – und eine Zeit lang auch die Polizei – glaubte, es sei von Neonazis ertränkt worden. Aber es stimmte nicht.”

Tages-Anzeiger, N24, Anklam

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1. “Dürfen Zeitungen von Bloggern klauen?”
(teczilla.de, Bernd Kling)
Tagesanzeiger.ch schreibt einen Artikel offensichtlich aufgrund eines Blogeintrags von Teczilla.de: “Die Übernahmen durch den Tages-Anzeiger aber sind nicht etwa als Zitate gekennzeichnet, sondern erscheinen als eigene Leistung. Wenigstens eine freundliche Verlinkung zurück zur offensichtlich benutzten Quelle? Fehlanzeige, der anonyme (Um-)Schreiber lässt es einfach als sein ‘Werk’ erscheinen.”

2. “Offener Brief an den Vorstandsvorsitzenden Thomas Ebeling”
(nachrichtensindwichtig.blogspot.com)
Journalisten des TV-Senders N24 wenden sich gegen die Pläne von ProSiebenSat.1-Chef Thomas Ebeling, das Nachrichtenangebot drastisch zu kürzen, weil Nachrichten “nicht unbedingt” allen Zuschauern wichtig seien: “Diese Auffassung lehnen wir entschieden ab. Wir fordern, dass die größte private TV-Sendergruppe in Deutschland auch weiterhin ihrer Informationspflicht im Sinne des Rundfunkstaatsvertrages gerecht wird.”

3. “Sollten freie Journalisten auf Twitter aktiv werden?”
(frei.djv-online.de)
Ein frischer, allerdings von einer gewissen Twitter-Ängstlichkeit geprägter Beitrag im “DJV freienblog”. Freiberufler würden beim Twittern Gefahr laufen, “durch das offenherzige Freigeben der eigenen Bezugsquellen (die angezeigten Tweets, denen man folgt) wie auch der Abonnenten (derjenigen, die einem folgen) schnell kopierbar zu werden.”

4. “Ideologie statt Recherchen”
(nzz.ch, ras.)
Rainer Stadler glaubt, dass die Annahme der Volksinitiative “Gegen den Bau von Minaretten” teilweise den mehr ideologischen als genau recherchierenden Schweizer Medien geschuldet sei: “Die Medien schauten nicht so genau hin, weil sie annahmen, die Vernunft würde in dieser politischen Auseinandersetzung sowieso obsiegen.”

5. “Deutschland, entblättert”
(zeit.de, Anita Blasberg und Götz Hamann)
Journalismus unter Druck: “Etwas Grundlegendes geschieht, nicht nur in Anklam, sondern im ganzen Land. In bislang nicht gekanntem Umfang entlassen Zeitungsverlage ihre Leute, schließen ganze Redaktionen, lagern sie aus, ersetzen fest angestellte Redakteure durch billige Leihkräfte.”

6. “Information goes out to play”
(news.bbc.co.uk, David McCandless, englisch)
Man muss Statistiken nicht immer in Balken darstellen – hier ein paar Ideen, wie man das auch machen kann.

Sternestunden des Journalismus

Kennen Sie das “Burj al Arab” in Dubai?

Sicher kennen Sie:

Ein grosser Hafen, eine internationale Airline und das weltweit einzige Sieben-Sterne-Hotel Burj Al Arab waren Ausdruck der Vision und sind teilweise wirtschaftliche Erfolgsgeschichten.
(“NZZ am Sonntag”, 29. November 2009)

Binnen weniger Jahre mauserte sich die Berichterstattung über seine künstlichen Inseln, die glitzernden Hochhaustürme (darunter selbstverständlich das demnächst höchste Gebäude der Welt) und natürlich ganz besonders das welterste “Sieben-Stern-Hotel” zu so etwas wie einem eigenständigen journalistischen Topos.
(“Kurier”, 28. November 2009)

[A]n Dubais Topstrand also, nicht viel mehr als einen Wasserpistolen-pumpstoß entfernt vom bisherigen Wahrzeichen des Emirats, dem weißen, segelförmigen Siebensternehotel Burj al Arab, das gerade zehn Jahre alt geworden und schon ein Mythos ist und höher aus dem Wasser ragt, als es der Eiffelturm tun würde.
(“Die Presse”, 27. November 2009)

Pünktlich zur Jahrtausendwende wurde in Dubai mit dem “Burj al Arab” das erste Sieben-Sterne-Hotel der Welt eröffnet;
(“Süddeutsche Zeitung”, 14. Oktober 2009)

Das Fotoprojekt von Lamya Gargash dokumentiert die Ein-Sterne-Hotels eines Landes, das vor allem für das Burj al Arab bekannt ist: das einzige Sieben-Sterne-Hotel der Welt.
(“Spiegel Online”, 15. Juni 2009)

Im berühmten 7-Sterne-Hotel Burj al Arab gab es am Montagabend einen Empfang für die deutschen Gäste. Vielleicht trösten Glanz und Pracht des Bauwerks ein wenig über die Strapazen der Reise hinweg.
(stern.de, 2. Juni 2009)

Jetzt ist es raus: Der 96 m hohe gläserne Hotelturm im Palais Quartier wird ein Juwel. Gepachtet und gemanagt von der Luxushotelgruppe Jumeirah. Die betreibt auch das Burj Al Arab in Frankfurts Partnerstadt Dubai, das einzige 7-Sterne-Hotel der Welt.
(“Bild”, 30. April 2009)

Aber wissen Sie auch, wie viele Sterne das “Burj al Arab” in Dubai hat?

Der General Manager verrät es Ihnen gerne in einem Werbetext, den die Deutsche Presseagentur anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Hotels verbreitet hat (und unter anderem bei n-tv.de, “RP Online”, “Welt Online” und Sueddeutsche.de veröffentlicht wurde):

“Das Hotel hat einen eigenen Mythos. Wir haben nie behauptet, dass wir ein Sieben-Sterne Hotel sind. Das hat man uns nachgesagt”, erzählt Heinrich Morio, der General Manager des “Burj Al Arab”.

Nun könnte man natürlich sagen, dass so ein bisschen Understatement den ganzen Luxus des Hotels noch mal ein bisschen mehr strahlen lässt. Andererseits gibt es aber tatsächlich ein “weltweit einziges” und “welterstes” Sieben-Sterne-Hotel.

Das Schweizer Zertifizierungsunternehmen SGS hat im März 2007 eine neue Klasse eingeführt und die “Town House Galleria” in Mailand im darauf folgenden Dezember mit sieben Sternen ausgezeichnet.

Zumindest bei “Spiegel Online” und Bild.de hätte man das wissen können — zumal man dort bereits im Oktober 2008 berichtete, dass sich “mehr und mehr Luxushotels” mit sieben Sternen schmückten.

Damals schrieb Bild.de übrigens:

Weltweit gibt es offiziell nur einen bis fünf Sterne.

Diese Aussage ist weder falsch noch richtig, denn “weltweit” gibt es gar keine weder eine zentrale Sternvergabestelle noch einheitliche Qualitätskriterien. Letzteres hat die Welt der Hotels mit der des Journalismus gemein.

Mit Dank an Mario Z.!

PR, Tagesschau, Greenpeace

6 vor 9

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1. “Die PR-Branche und ihre Tricks”
(ndr.de, Video, 8:32 Minuten)
Wie Bürgerinitiativen von Politikern initiiert und von PR-Büros organisiert werden, wie die PR-Beauftragte der Deutschen Bahn in Foren als Kommentatoren aktiv sind und wie Ursula von der Leyen einen Preis für PR-Leistungen kriegte.

2. “Zehn Jahre sind genug!”
(georgholzer.at)
“Dies hier ist ein öffentliches Posting, in dem ich von ALLEN Presseverteilern dieser Welt gelöscht werden will. Ein Link zu diesem Blogpost geht als Auto-Reply an alle, die mir künftig Presseaussendungen zukommen lassen.”

3. “Tagesschau: So macht man Politik mit Schaubildern”
(carta.info, Robin Meyer-Lucht)
Robin Meyer-Lucht vergleicht von der ARD-Tagesschau gezeigte Grafiken zum Fall Brender und sieht darin “eine deutlich geschönte Darstellung der Verhältnisse im ZDF-Verwaltungsrat”.

4. “Greenpeace jetzt für Gentechnik?”
(blogs.taz.de/saveourseeds)
Der taz-Blogger saveourseeds kauft sich aufgrund der Pressemitteilung “Neuer Greenpeace-Chef kündigt Strategiewechsel an” den “Spiegel”, sieht das dann aber aufgrund des konkreten Interviews nicht bestätigt – “von Strategiewechsel (ausser dass er jetzt öfter mal hungerstreiken will) ist wenig zu erkennen”.

5. “Der Glückliche”
(faz.net, Michael Hanfeld)
Michael Hanfeld glaubt, dass “Bild”-Chef Kai Diekmann mit seinem Blog “Ihr alle seid ‘Bild'” aufzeigen will – und damit auch teilweise Erfolg hat, zum Beispiel in der Auseinandersetzung mit der “taz”: “Die Posse mag noch so peinlich scheinen, sie erschüttert die linke ‘taz’ in ihren Grundfesten. So humorlos, dumm und selbstgefällig erschien sie lange nicht. Den ‘taz’lern hätte Böses vielleicht schwanen sollen, als ihr Intimfeind Diekmann im Mai Anteile der Genossenschaft kaufte.”

6. “Themenpark: Meinungsmacher”
(dctp.tv, Videos)
Stefan Niggemeier, Sascha Lobo, Markus Beckedahl, Johnny Häusler und Jakob Augstein im Gespräch.

Bild  

Ein exklusiver Entführungsfall

In Frankfurt am Main ist in der Nacht zum vergangenen Samstag ein 22-jähriger Amerikaner verschwunden. Weil “Bild” ihn für den “Sohn eines vermögenden Top-Bankers” (“und somit ein lohnendes Entführungsopfer”) hält, fragt die Zeitung heute in ihrer Regionalausgabe und online:

Seit 7 Tagen ist Devon Hollahan spurlos verschwunden: Sohn eines US-Bankers in Frankfurt entführt?

Kidnapping, Unglücksfall oder gar Mord? Seit 7 Tagen fehlt vom US-Millionärssohn Devon Hollahan (22), der in Frankfurt das Pink-Konzert besuchte, jede Spur. Im Polizeipräsidium klingeln alle Alarmglocken!

Der Artikel ist derart merkwürdig, dass wir am Besten mit einer (vermeintlichen) Kleinigkeit beginnen: Devon Hollahan war nicht beim Pink-Konzert. Er hatte auch nie vor, das Pink-Konzert zu besuchen, denn er war in Frankfurt, um sich die amerikanische Rockband “Portugal. The Man” anzusehen. Die Band beteiligt sich bei Facebook an der Suche nach Devon und fügt hinzu, dass sie beim Konzert in Frankfurt noch mit ihm “rumgehangen” habe.

Das mag ein unwichtiges Detail sein, bedeutet aber auch, dass Devon nicht in der Festhalle am Messegelände war, wie “Bild” schreibt (und der Hessische Rundfunk abschreibt), sondern in der “Batschkapp” im Stadtteil Eschersheim — was ja doch einen Unterschied macht, wenn es etwa um Zeugen geht, die ihn gesehen haben könnten.

Kommen wir nun zu den “Alarmglocken” im Polizeipräsidium:

Mittlerweile scheint aus dem “normalen Vermisstenfall” ein Kriminalfall zu werden!

Diese Meldung scheint “Bild” mal wieder weltexklusiv zu haben, denn uns sagte die Polizei, was sie auch der dpa (die “Bild” im Bezug auf das Pink-Konzert blind glaubt) erzählt hatte: Man behandle die Suche “wie einen normalen Vermisstenfall”.

Aber “Bild” weiß noch mehr:

“Morgan Stanley”-First Vice President Jeffrey Hollahan ist bereits in Frankfurt gelandet, sucht selbst nach seinem Sohn

Sagen wir es so: Es gibt Gründe zu bezweifeln, dass Jeffrey Hollahan tatsächlich einen derart hohen Posten bekleidet, wie “Bild” seine Lesern glauben lassen will. Zwar bezeichnet er sich auf seiner Profilseite beim Geschäftsnetzwerk Linkedin als “VP at Morgan Stanley”, aber schon ein Klick auf das Unternehmensprofil deutet an, dass es bei der US-Bank (auf deren offizieller Website der Name Hollahan nicht einmal auftaucht) viele, viele “Vice Presidents” gibt.

Oder, wie die Wikipedia schreibt:

In großen Brokerunternehmen und Investmentbanken gibt es üblicherweise mehrere Vice Presidents in jeder örtlichen Zweigstelle, der Titel ist dann eher eine Absatzmethode für Kunden als die Bezeichnung für eine tatsächliche leitende Position innerhalb des Unternehmens.
(Übersetzung von uns)

Die Frankfurter Polizei wollte die berufliche Position des Vaters weder dementieren noch bestätigen, aber er selbst wird von der Nachrichtenwebsite “The Local” mit den Worten zitiert, er sei kein berühmter Banker oder Manager, sondern Finanzberater. All das hielt die Deutsche Presseagentur freilich nicht davon ab, in einer Meldung zu schreiben:

Laut “Bild”-Zeitung handelt es sich bei dem Vermissten um den Sohn eines Top-Managers der US-amerikanischen Bank Morgan-Stanley. Die Polizei wollte das nicht bestätigen.

Auch die Behauptung von “Bild”, Jeffrey Hollahan sei bereits in Frankfurt, wollte die dortige Polizei nicht kommentieren. Allerdings berichtet ein lokaler Fernsehsender (dessen Website die “Bild”-Redakteure besucht haben, um an ein Bild des Vaters zu kommen), dass er erst am Sonntag nach Deutschland aufbrechen wolle, wenn Devon nicht bald gefunden werde.

Noch mehr Exklusivmeldungen aus “Bild”?

Die hohe Brisanz des Falles zeigt, dass sogar die US-Bundespolizei “FBI” im “Fall Devon” ermittelt, die Hessen-Landesregierung eingeschaltet ist und über die Ermittlungen informiert wird.

Das FBI ist nach Auskunft der Polizei Frankfurt zwar noch nicht eingeschaltet, aber die luxemburgische Zeitung “L’Essentiel”, die französische Nachrichtenagentur “AFP” und der US-Finanznachrichtendienst Bloomberg scheint der deutschen Boulevardzeitung voll zu vertrauen:

Die deutsche Zeitung “Bild”, die zuvor über den Fall berichtet hatte, sagt, dass das FBI das Verschwinden ebenfalls untersuche.
(Übersetzung von uns)

Nun könnte man natürlich auch noch einwenden, dass es schon recht präziser Planung bedürfe, den Sohn eines “vermögenden Top-Bankers” (oder eines einfachen Finanzberaters), der für einen Tag von seinem Wohnort Prag nach Frankfurt gereist ist, um drei Uhr nachts in der dortigen Innenstadt zu entführen. Aber das wäre vielleicht zu vernünftig.

Ach, und dann ist da noch das Foto, von dem man glauben könnte, dass es zeigt, wie Kripo und FBI in der Taunusanlage ermitteln:

Interessanterweise scheinen dieselben Beamten in denselben Klamotten und mit demselben Wagen an derselben Stelle vor einem Monat schon in einem anderen Fall ermittelt zu haben:

Mit Dank an Matthias F.

Nachtrag, 23. Dezember: Nachdem “Bild” zunächst noch nach den vermeintlichen Entführern gefahndet hatte, ist jetzt klar, dass Devon Hollahans Leiche vergangene Woche in Boppard aus dem Rhein geborgen wurde.

Die Frankfurter Polizei stellt dazu fest:

Hinweise auf ein Gewaltverbrechen wurden im Rahmen der Obduktion nicht gefunden, so dass die Vermisstenstelle der Frankfurter Kriminalpolizei davon ausgeht, dass Devon Hollahan in den Morgenstunden des 21.11.2009 unter Alkoholeinfluss in den Main gestürzt und ertrunken ist.

Dönhoff, Newsroom, Wagner

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1. “Thema: Marion Dönhoff”
(zeit.de)
Ein Dossier von Zeit.de zum 100. Geburtstag von Marion Gräfin Dönhoff.

2. “Merkwürdige Verzweiflungsfotos”
(internetausdrucker.wordpress.com)
Der Internetausdrucker denkt nach über die “Verzweiflungsfotos”, die derzeit neben Minister Franz Josef Jung abgebildet werden: “Sie sind Momentaufnahmen aus anderen Situationen, sie können Wochen und Monate alt sein.”

3. “Der Newsroom als Alarmzentrale einer panischen Gesellschaft”
(woz.ch, Kaspar Surber)
Über 10 Milllionen Franken (ca. 7 Millionen Euro) kostet der neue Newsroom der “Blick”-Gruppe. “Im oberen Stock wird in der Mitte ein ‘Decision Place’ zu liegen kommen. Hier werden die Chefredaktoren arbeiten. Gleich anschliessend sitzen auf der einen Seite die RessortleiterInnen, dann folgt ein ‘Content Place’ mit den JournalistInnen.'” Projektkoordinator Edi Estermann: “Je weiter weg einer vom Zentrum sitzt, desto eher ist er ein Praktikant.”

4. Interview mit Peter Kruse
(sueddeutsche.de, Johannes Kuhn)
Psychologe Peter Kruse zum neuen Buch von FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher über die von ihm erlebte Überforderung mit der Informationsflut im Internet: “Mit seinem Buch outet sich Herr Schirrmacher als fremdelnder Netzwerk-Besucher, als Zaungast, der einer wilden Party gleichermaßen neugierig wie irritiert aus der Ferne zuschaut.”

5. “Das Geheimnis F. J. W.”
(kaidiekmann.de, Video, 7:51 Minuten)
“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann besucht den “Bild”-Kolumnisten Franz Josef Wagner, der es bedauert, ungekämmt zu sein und seine Zeilen zwar noch schreibt, aber nicht mehr in der Zeitung liest. Verfasst wird die tägliche Kolumne auf einem “Laptop” (so nennt Diekmann Wagners Computer) – und von dort abgelesen wird sie wohl, wie 2006 und 2009 berichtet, der Redaktion telefonisch durchgegeben.

6. “(NZZ-)Online-User bringen nur Peanuts ein”
(medienspiegel.ch, Martin Hitz)
Albert P. Stäheli, CEO der NZZ, sagt, wie tief der Graben der Einnahmen zwischen Online- und Printwerbung ist: “Jährl. Werbeumsatz pro Print-Leser: Fr. 175.-. Jährl. Werbeumsatz pro Online-User: Fr. 6.50”.

Savelberg, Kochsendungen, Federer

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1. Interview mit Rob Savelberg
(blogsprache.de, Torben Friedrich)
Journalist Rob Savelberg spricht über die Auswirkungen einer Frage an einer Pressekonferenz zum Koalitionsvertrag. “Die Qualität meiner Frage war ganz normal. Es fiel mir nur auf, dass von 300 Journalisten in der Bundespressekonferenz niemand nach der Personalie Schäuble weitergefragt hat. Den Spendenskandal hat niemand vergessen, aber danach fragen, öffentlich, bei der ‘feierlichen’ Präsentation des neuen Koalitionsvertrag, das hat keiner gemacht.”

2. “Die Risiken der Risiko-Berichterstattung”
(tagesschau.de, Fiete Stegers)
Eine Zusammenstellung von weiterführenden Links zur “krass überzogenen” Berichterstattung vieler Medien zur Schweinegrippe.

3. “Veröffentlichte Namen im Wettskandal”
(ndr.de, Video, 5:14 Minuten)
Fußball: Obwohl noch nicht klar ist, wer vom Wettskandal betroffen ist, nennen “Welt Online” und “Bild” Namen.

4. “10 Kochsendungen zum Kotzen”
(fernsehkritik.tv, Video, ca. 15 Minuten)
Fernsehkritik-TV kümmert sich um die inflationär ausgestrahlten Kochsendungen am Fernsehen. Zitat aus dem Beitrag: “Früher hat das ZDF am Nachmittag niveauvolles Kinderfernsehen gezeigt. Heute gibt es dort niveauloses Erwachsenenfernsehen. Denn das hier dürfte sogar Kindern wahrlich zu blöd sein.”

5. “Text jetzt, Dessous später”
(woz.ch, Susan Boos)
Susan Boos schreibt über die sich zunehmend auflösenden Grenzen zwischen Journalismus und PR – “sechzig Prozent aller Beiträge in den Medien sind auf Pressekonferenzen oder -mitteilungen zurückzuführen” – “Die Medienschaffenden haben immer weniger Zeit, in der Folge kommen sie oft unvorbereitet an Interviews und kennen ihre Dossiers nur ungenügend oder gar nicht. So können die PR-Beauftragten sie mit Informationen füttern. Und sie nehmen das Futter dankbar an.”

6. “Roger Federer Behind Scenes CNN Interview”
(youtube.com, Video, 4:54 Minuten, englisch und spanisch)
CNN bittet den Tennisspieler Roger Federer zum Interview. Aufgezeichnet werden auch spanische Fragen, die sich Federer mit ernster Miene anhören soll.

Bild  

Erinnerungslücken

Es geht um Terror. Nein, nicht um den Raucher-Terror und auch nicht um die schöne Terror-Anwältin. In der Berliner Brunnenstraße wurde gestern ein Haus geräumt, das vor 16 Jahren besetzt wurde und in dem “Bild” ein linkes Terror-Nest vermutete.

Eine Woche zuvor hatte die Zeitung die Räumung eben dieses Hauses gefordert und dabei an eine alte Bekannte erinnert:

Nach BILD-Informationen wohnte der mutmaßliche Auto-Brandstifter Tobias P., dessen Vater für "Die Linke" in der BVV Lichtenberg sitzt, dort mit Alexandra R. (21) zusammen. Zur Erinnerung: Sie saß fünf Monate in U-Haft, weil sie ein Auto angesteckt haben soll. Anfang November war sie trotz vieler Indizien freigesprochen worden.

Diese Interpretation darf “Bild” exklusiv für sich beanspruchen.

Zur Erinnerung: Alexandra R. wurde Anfang November freigesprochen, weil es nach Ansicht des Amtsgerichts “durchgreifende Zweifel” an ihrer Schuld gab. Die Richter sagten, am “sicheren Wiedererkennen” der Angeklagten durch den Hauptzeugen gäbe es Zweifel. Und bei Alexandra R. seien keinerlei Spuren festgestellt worden, “die etwas mit Grillanzünder zu tun haben”.

Zum damaligen Richtersspruch schrieb der “Tagesspiegel”:

Innerhalb der Justiz wird unter der Hand zugestanden, dass die Festnahmen nach zwei Jahren ohne jeden Ermittlungserfolg die “erste Chance” waren – und die sollte genutzt werden. Möglichst harte Strafen sollten vor dem nächsten 1. Mai die Krawalllust dämpfen, Presse, Öffentlichkeit und Opposition hatten schließlich reichlich Druck gemacht.

Aber die Realität kann “Bild” nicht viel anhaben — die Deutungshoheit über die Schuld von Angeklagten gibt die Zeitung nicht her.

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