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Bei Mordverdacht macht “Bild” einen Deutschen wieder zum Flüchtling

Wann ist man eigentlich Deutscher? Also so richtig deutsch, akzeptiert sogar von der “Bild”-Redaktion? Braucht man dafür einen deutschen Namen, deutsche Vorfahren, ein irgendwie geartetes deutsches Aussehen? Muss man in Deutschland geboren sein? Oder reicht die deutsche Staatsbürgerschaft?

In Leipzig soll ein Mann seine Ex-Freundin getötet haben. Der 30-Jährige ist Deutscher mit deutschem Pass und lebt seit knapp 25 Jahren in Deutschland. Als 6-Jähriger flüchteten er und seine Familie aus Afghanistan, was bei dieser Geschichte eigentlich keine Rolle spielen sollte. “Bild” und Bild.de sehen das offenbar anders. Denn wenn man möglicherweise zum Straftäter geworden ist, dann kann man noch so lange schon in Deutschland leben und einen noch so deutschen Pass haben. Dann ist man direkt: einstiger “Vorzeigeflüchtling”, wie die “Bild”-Redaktion in einem Facebook-Teaser schreibt.

Mehrere Tage berichteten die “Bild”-Medien in der vergangenen Woche über den Fall. In ihrer Leipzig-Ausgabe titelte die “Bild”-Zeitung am Mittwoch:

Ausriss Bild-Zeitung - Myriams Killer war mal ein Musterbeispiel gelungener Integration

Man kann nur mutmaßen, was der Leserschaft eine solche Überschrift sagen soll — hängen bleibt aber irgendein Zusammenhang zwischen Migration und Gewaltverbrechen. Und dann noch nicht mal von irgendeinem sowieso schon kriminellen Dahergelaufenen verübt, sondern von einem “Musterbeispiel gelungener Integration”. Wenn jetzt die sogar schon …

Die Onlineversion des Artikels wurde über 4000 Mal bei Facebook geteilt, von AfD-Politikern und -Ortsverbänden, von der NPD, von “Pegida”, von Facebookgruppen mit Namen wie “Büdingen wehrt sich — Asylflut stoppen”, “Klartext für Deutschland — FREI statt bunt” und “Aufbruch deutscher Patrioten”. Sie alle stürzen sich auf die Bezeichnungen “Vorzeigeflüchtling” und “Musterbeispiel gelungener Integration”. Die “Bild”-Redaktion weiß sehr genau, für wen sie schreibt.

Den viel passenderen größeren Zusammenhang lässt sie hingegen außen vor: Gewalt gegen Frauen. Der Tod der Frau in Leipzig reiht sich ein in die zahlreichen Frauenmorde, die hierzulande und überall auf der Welt eine traurige Alltäglichkeit haben. Wegen Fällen wie diesem gab es in letzter Zeit Debatten zu verharmlosenden Bezeichnungen in Medien wie “Beziehungsdrama”: Gewalttaten in Beziehungen sollen nicht mehr als einzelne “Tragödien” beschrieben werden, sondern als strukturelles Problem. Die dpa kündigte beispielsweise an, künftig auf Begriffe wie “Familientragödie” verzichten zu wollen.

Anders Bild.de. Als die genauen Hintergründe der Tat in Leipzig noch nicht bekannt waren, titelte die Redaktion:

War der Mordversuch eine Beziehungstat?

Kolumnistin Katja Thorwarth schrieb vergangenes Jahr in der “Frankfurter Rundschau” darüber, “warum Mord keine ‘Beziehungstat’ ist”. Solche Überlegungen scheinen an “Bild” spurlos vorbeizugehen.

Das gilt auch für Überlegungen zu Persönlichkeitsrechten: Regelmäßig veröffentlichen die “Bild”-Medien unverpixelte Fotos von Tatopfern und von bisher nicht verurteilten Tatverdächtigen. Die Unschuldsvermutung ist der Redaktion eher lästig. Und so lässt “Bild” auch diese Gelegenheit nicht aus und zeigt sowohl ein Foto der Getöteten als auch eines des mutmaßlichen Täters ohne jegliche Unkenntlichmachung.

Das Foto der Getöteten hat “Bild” vom Facebook-Account der Frau:

Screenshot Bild.de - Foto: Facebook

Dabei hatte der Deutsche Presserat schon vergangenen Dezember festgestellt:

Facebookeintrag kein Freibrief für Verwendung von Opferfotos

Konkret ging es damals um einen Fall, bei dem Bild.de ein Foto einer getöteten Frau von Facebook gezogen und veröffentlicht hatte — für den Presserat ein Verstoß gegen den Opferschutz. Der Ehemann des Opfers sei in den Sozialen Netzwerken zwar offen mit dem Tod seiner Frau umgegangen, so das Gremium, trotzdem hätte die “Bild”-Redaktion eine Erlaubnis zur Veröffentlichung der Bilder einholen müssen:

Die Veröffentlichung von Fotos und Angaben zu Opfern durch die Angehörigen in sozialen Netzwerken ist nicht gleichzusetzen mit einer Zustimmung zu einer identifizierenden Darstellung in den Medien.

Gab es für die “Bild”-Berichterstattung aus Leipzig so eine Zustimmung? “Bild”-Sprecher Christian Senft wollte sich dazu nicht äußern: Man kommentiere, “wie üblich”, keine redaktionellen Entscheidungen. Nach unserer Anfrage hat die Redaktion die Fotos des Opfers bei Bild.de verpixelt.

Mit Dank an Maria T. und anonym für die Hinweise!

Nachtrag, 23:24 Uhr: Mit dem Herauskramen der Bezeichnung “Vorzeigeflüchtling” ist die “Bild”-Redaktion nicht allein. Auch Sächsische.de bezeichnet den Tatverdächtigen in einem später erschienenen Artikel so.

Mit Dank an @doestrei für den Hinweis!

Nachtrag, 21. April: Auch die “Leipziger Volkszeitung” berichtet von dem Fall und schreibt über den Tatverdächtigen, er sei ein “Musterbeispiel gelungener Integration” gewesen.

“Tag24” bekommt es hin, den Mord an der Frau sprachlich auf ganz besondere Weise zu verharmlosen: Die Redaktion schreibt vom “dramatischen Höhepunkt einer toxischen Liebe im Sozialarbeiter-Milieu”.

Mit Dank an @RASSISMUSTOETET für den Hinweis!

Naidoos Aus bei “DSDS”, Politiker raus, Woody Allens Autobiographie

1. Xavier Naidoo: Endgültiges Aus bei DSDS
(rtl.de)
Das Tischtuch zwischen Xavier Naidoo und dem Sender RTL scheint nun endgültig zerschnitten. Hieß es in der vorangegangenen Stellungnahme noch, Naidoo werde bei der nächsten Sendung von “Deutschland sucht den Superstar” als Juror ausgeschlossen, bezieht sich der Ausschluss nun auf die gesamte Staffel: “Xavier Naidoo ist auf unser Angebot, seine missverständlichen und widersprüchlichen Aussagen plausibel zu erklären, bis heute nicht eingegangen. Wir sehen an den vielen Reaktionen, dass das Thema bewegt, deshalb hätten wir eine unmittelbare, öffentliche Diskussion mit ihm gut gefunden. Das ist für uns Meinungsfreiheit. Dazu ist es aber nicht gekommen. Deshalb wird es für ihn keine Rückkehr zu DSDS geben.”

2. Politiker raus aus den Talkshows
(fr.de, Katja Thorwarth)
Katja Thorwarth, Kolumnistin der “Frankfurter Rundschau”, hat die Nase voll von den derzeitigen Talkshow-Zusammensetzungen: “Praktiziert wird das Gegenteil von intellektuellem Austausch, vielmehr wirkt die gesellschaftliche Polarisierung auf der Wohnzimmercouch weiter. Daher mein Vorschlag: Alle (!) Politiker raus aus den Talkshows. Stattdessen besprechen Menschen, die weder vom parteipolitischen noch vom Profilierungsdruck gesteuert sind, die relevanten Themen.”

3. Klage gegen “Zeit-Magazin” abgewiesen
(faz.net, Emeli Glaser)
Die Schauspielerin Jany Tempel berichtete der “Zeit” zunächst anonym, der Regisseur Dieter Wedel habe sie angeblich sexuell missbraucht. Nach der Veröffentlichung wurde sie jedoch in gewisser Weise zum Gesicht der Auseinandersetzung und geriet in einen Konflikt, den sie ursprünglich habe vermeiden wollen. Ein Irrtum bei der Beurteilung der Verjährungsfristen spielt dabei eine zentrale Rolle: “Die Münchner Staatsanwaltschaft nahm nach Erscheinen des Artikels ein Ermittlungsverfahren gegen Wedel auf und machte Tempel zur wichtigsten Belastungszeugin. Tempels Anwalt warf daraufhin der ‘Zeit’ vor, sie bezüglich der Verjährung schlecht beraten und anschließend, anders als angeblich zugesichert, nicht unterstützt zu haben. Er verklagte die Zeitung auf Schadensersatz in Höhe von 30.000 Euro, das entspricht der Höhe seines Anwaltshonorars. Nun hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass die ‘Zeit’ nicht zahlen muss.”

4. “An erster Stelle steht für mich die Unterhaltung”
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Im Interview mit dem “Fachjournalist” erzählt der Biologe Dr. Mario Ludwig von seiner Arbeit als “Experte für alles Tierische”. Seine Medien-Karriere habe mit einem Buch über Sex im Tierreich begonnen: “Mit dem Thema Sex wurde ich auch für das Fernsehen interessant. Zunächst hat mich Frank Elstner 2006 in seine Talkshow eingeladen, es folgten ‘3 nach 9’, ‘TV total’ und andere. Danach kamen dann Anfragen wie: ‘Wollen Sie nicht mal eine kleine Radiosendung machen, Herr Ludwig?’ Oder Angebote wie: ‘Es wäre schön, wenn Sie eine kleine Kolumne für uns schreiben könnten, Herr Ludwig …'”

5. Der “Perlentaucher” ist uns lieber denn je
(freitag.de, Michael Angele)
Das Online-Kulturmagazin “Perlentaucher” feiert seinen zwanzigsten Geburtstag — Anlass für den “Freitag”-Chefredakteur Michael Angele auf die vergangenen beiden Jahrzehnte des “grundsympathischen” Projekts zurückzuschauen.

6. Rowohlt bringt Woody Allens Autobiographie
(buchreport.de)
Es bleibt dabei: Woody Allens Autobiographie wird wie geplant im Rowohlt-Verlag erscheinen. Daran hat auch der offene Brief einiger Rowohlt-Autorinnen und -Autoren nichts ändern können. Rowohlt-Verleger Florian Illies äußert sich in einem “In eigener Sache” zur Entscheidung des Verlags: “Wir stehen zu der Entscheidung, die Autobiographie von Woody Allen, dessen Erzählungen seit 1980 im Rowohlt Taschenbuch Verlag erscheinen, im April in einer deutschen Übersetzung zu veröffentlichen.” In einem direkten Gespräch mit einigen Autorinnen und Autoren des Offenen Briefs seien die kontroversen Positionen ausgetauscht worden, so die Rowohlt-Presseerklärung: “Dabei wurde deutlich, dass der Brief nicht als Angriff auf die Meinungsfreiheit zu verstehen ist. Wir sehen den Offenen Brief als Zeichen der Verbundenheit der Autorinnen und Autoren mit dem Verlag.”

Björn bricht, Snowden-Interview, Morenos Erlebnisse

1. Höcke bricht ZDF-Interview ab und droht
(zdf.de, David Gebhard & Dominik Rzepka)
Der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke hat ein Interview mit dem ZDF abgebrochen. In dem Gespräch ging es unter anderem um Höckes Bedeutung für die Bundes-AfD und um seine Sprache. Das ZDF hatte AfD-Abgeordneten Höcke-Äußerungen vorgelegt und sie gefragt, ob es Höcke- oder Hitler-Zitate seien. Nach zehn Minuten unterbrach Höckes Sprecher: “Das geht so nicht. Sie haben jetzt Herrn Höcke mit Fragen konfrontiert, die ihn stark emotionalisiert haben” und schlug vor, das Interview “noch mal von vorne” zu wiederholen. Das abgebrochene Interview mit Björn Höcke in voller Länge gibt es hier zu sehen, das Interview in Schriftform hier.
Weiterer Lesehinweis: Katja Thorwarth hat für die “Frankfurter Rundschau” das ARD-Sommerinterview mit dem AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland besprochen: “Gauland hätte im Vorfeld eigentlich Zuschauerfragen beantworten sollen, hatte darauf aber keine Lust. “Warum muss ich sozusagen in ein schwarzes Loch gucken?”, sollte sich der AfD-Mann später rechtfertigen, den erzürnte, dass er die Fragen nicht im Vorfeld zur Einsicht bekam. Wohl, damit er sich seine Phrasen zurecht legen kann, doch es sind ja gerade die spontanen Antworten gefragt — offensichtlich eine Überforderung für Gauland. Allerdings ist “Fragt selbst!” fester Bestandteil der Sendung, und konsequenterweise hätte das Erste den AfD-Fraktionsvorsitzenden ausladen müssen, immerhin hatten sich alle anderen Politiker bislang jenem Part gestellt.”
Außerdem lesenswert Philipp Peyman Engel von der “Jüdischen Allgemeinen”: Warum wir nicht mit der AfD sprechen: “Mit Politikern, die den Holocaust als »Vogelschiss der Geschichte« und das Holocaustmahnmal in Berlin als »Schande« bezeichnen, gibt es für uns nichts zu besprechen. Eine Partei mit einem gefährlichen Scharfmacher samt bester Neonazi-Kontakte als Landeschef disqualifiziert sich ohnehin von ganz alleine — und hat alle Fragen damit bereits selbst beantwortet.”

2. Was wäre die Gesellschaft ohne Whistleblower?
(deutschlandfunk.de, Stefan Fries & Stefan Koldehoff, Audio: 67:42 Minuten)
Der Deutschlandfunk hat ein längeres Interview mit Edward Snowden geführt. Darin geht es unter anderem um staatliche Überwachung, die Notwendigkeit von Aufklärung und Whistleblowing sowie Snowdens Lebensgeschichte: “Erst, nachdem ich immer tiefer in die Regierung gekommen bin, nachdem ich die Leiter nach und nach hinaufgestiegen bin, erst nachdem ich zur CIA und NSA gegangen bin, nachdem ich mit diesen Systemen lange gearbeitet habe, hatte ich denn die Perspektive, hatte ich die Möglichkeit zur Selbstreflexion, dass ich mich fragen konnte: Was habe ich eigentlich mit dieser Arbeit gemacht? Was macht meine Regierung? Es hat nicht den Zweck, die Menschen zu befreien, sondern zu unterdrücken. Es ging um die Kontrolle. Es ging nicht darum, die Demokratie zu schützen, sondern leider eigentlich, die Demokratie zu gefährden im Endeffekt. Wenn wir uns unsere Werte anschauen: Wir zerstören genau das, was wir gerne schützen möchten.”

3. Der Stoff, der den Journalismus verändert hat
(sueddeutsche.de, Ralf Wiegand)
Dem Journalisten und freien Autor des “Spiegel” Juan Moreno ist es zu verdanken, dass die Fälschungen von Claas Relotius aufgedeckt wurden. Nun hat Moreno ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben. Der Fälschungsskandal ist das eine, der Umgang damit das andere: Man möchte nicht in Morenos Haut gesteckt haben, als man ihm beim “Spiegel” durchaus brutal und arrogant zu verstehen gab, dass man ihn jederzeit feuern könne.

4. “Das ist kein Spaß mehr”: Klenk stellt Entschädigungsantrag gegen Jeannée und “Krone”
(derstandard.at)
“Falter”-Chefredakteur Florian Klenk wehrt sich nun auch gerichtlich gegen den gedruckten Hass-Post des österreichischen “Krone”-Kolumnisten Michael Jeannée. Siehe dazu auch Klenks Tweet: “Ich bringe Klage gegen Jeanne und die Krone ein. Ich beantrage eine strafrechtliche Verurteilung von Jeannee wegen übler Nachrede und den höchsten Entschädigungsbetrag, den das MedienG hergibt. Je 50.000 € von Krone Verlag und Krone Multimedia. Ja, wird bei Obsiegen gespendet.”

5. Presserat rügt Sensationsberichte über Schwertmord
(stuttgarter-nachrichten.de)
Der Deutsche Presserat hat Berichte der “Bild”-Medien über den sogenannten Stuttgarter Schwertmord als übertrieben sensationell und respektlos gerügt. Vor allem die Täterperspektive wird kritisiert: “So habe die Redaktion auf der Titelseite ein Foto des mutmaßlichen Mörders mit erhobenen blutigen Armen gezeigt und sei damit Gefahr gelaufen, sich zum Werkzeug des Verbrechers zu machen. Auch die identifizierende Darstellung des Opfers sei nicht vom Informationsinteresse der Öffentlichkeit gedeckt. Zu sehen war ein Porträtfoto des Mannes vor der Tat, daneben ein verpixeltes Bild des Sterbenden in einer Blutlache.”

6. “Angry German Kid”: Wie ein Internetvideo das Leben eines Teenagers zerstörte
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
Matthias Schwarzer erzählt die tragische Geschichte eines Jugendlichen nach, der auf Youtube als “Angry German Kid” bekannt wurde. Sie beginnt 2006, als der damals 13-Jährige ein gespieltes Brüllvideo von sich aufnimmt und auf die Plattform hochlädt, das bei “Focus TV” landet — der Startpunkt einer für den Youtuber äußerst unheilvollen Entwicklung.

Datenspendedienst, Filmbranche mit Nachwuchssorgen?, Nationalitäten

1. Blutspendedienst übermittelte heikle Daten an Facebook
(sueddeutsche.de, Matthias Eberl)
Der Blutspendedienst des Bayerischen Roten Kreuzes hat auf seiner Website gesundheitsbezogene Daten abgefragt und diese, ob bewusst oder unbewusst, Facebook zugänglich gemacht. Matthias Eberl von der “Süddeutschen Zeitung” erklärt, wie das technisch geschehen konnte. Auf das Problem angesprochen, habe der Sprecher des Spendedienstes bestritten, dass sich aus den Daten Rückschlüsse auf Krankheiten einzelner Personen ziehen lassen. Die “SZ”-Recherche zeige jedoch, dass dem nicht so sei: “Unklar bleibt, warum der BSD Facebooks Überwachung einsetzte, wie lange diese aktiv war und wie viele Menschen die Umfrage mitmachten. Sie lief mindestens seit dem Frühjahr. Jährlich spenden beim BSD 250 000 Personen Blut, sodass erhebliche Mengen Krankheitsdaten bei Facebook liegen könnten. Der Blutspendedienst machte keine Angaben zu Dauer und Nutzerzahl der Umfrage.”

2. Security by Obscurity: Nach dreieinhalb Jahren vor Gericht
(fragdenstaat.de, Arne Semsrott)
Das Transparenzportal “FragdenStaat” wollte vom Gesundheitsministerium wissen, welche Domains die Behörde betreibe. Eine einfache Frage, die mit einer kurzen Mail eigentlich beantwortet sein müsste, meint man. Doch weit gefehlt: Das Ministerium verweigert die Information und hat sich deshalb sogar verklagen lassen. Seitdem sind über drei Jahre ins Land gegangen. Eine unerträgliche Situation, wie Arne Semsrott von “FragdenStaat” findet: “Hätten wir die Ergebnisse der Klage damals etwa journalistisch oder für Forschung nutzen wollen, wäre die Klage absolut nutzlos gewesen. Die Überlastung der Justiz führt dazu, dass das Recht auf Informationsfreiheit vielerorts nicht effektiv in Anspruch genommen werden kann.”

3. Frankfurter PR-Berater hetzt auf CDU-Seite gegen “Wilde”
(fr.de, Katja Thorwarth & Daniel Dillmann)
Der berühmt-berüchtigte PR-Berater Moritz Hunzinger hat auf Facebook Flüchtlinge als “Wilde” bezeichnet. Die “Frankfurter Rundschau” kommentiert: “Es ist erschreckend, dass ein prominenter Geschäftsmann tatsächlich glaubt, solche Äußerungen als seriös getätigte Meinung in den sozialen Netzwerken zu verbreiten, ohne dass sein Ruf Schaden nehme. Und es ist bedenklich, dass ein Bundestagsabgeordneter und langjähriger CDU-Politiker wie Matthias Zimmer diesem schäbigen Rassismus nur dezent widerspricht, statt die Hetze von seiner Facebook-Seite zu nehmen.”

4. Ein Jahr Projekt Orange – was wir geschafft haben
(medium.com, Susanne Amann & Birger Menke)
Es hört sich einfach an, aber es stecken mehr Anstrengungen dahinter, als man ahnt: Beim “Spiegel” werden die Print- und die Onlineabteilung zusammengelegt. Nach einem Jahr Vorlaufzeit soll es nun am 1. September in den “Gemeinschaftsbetrieb” gehen. Im “Spiegel”-Blog erklären Susanne Amann und Birger Menke von der “Projektleitung Orange” die Auswirkungen auf Ressorts, Strukturen und Arbeitsabläufe.



5. Polizei in NRW soll künftig Nationalität aller Tatverdächtigen nennen
(faz.net)
Das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen hat die Pressestellen der Polizei angewiesen, generell Angaben zur Nationalität von Tatverdächtigen zu machen, sofern diese bekannt ist. Andere Bundesländer handhaben dies nicht so, und auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hat eine andere Sichtweise: Die Nationalität von Tatverdächtigen spiele bei der polizeilichen Ermittlungsarbeit immer eine Rolle, Ermittlungsergebnisse würden aber nur begrenzt in die Öffentlichkeit gehören: “Deshalb kann es eine generelle Transparenz bei der polizeilichen Pressearbeit in diesem Zusammenhang nicht geben.”
Weiterer Lesehinweis: NRW als Vorbild für ganz Deutschland? (deutschlandfunk.de, Sören Brinkmann).

6. Film & Fernsehen: Eine Branche mit großen Nachwuchssorgen
(blmplus.de, Lisa Priller Gebhardt)
Die Filmproduktionsbranche leidet unter Fachkräftemangel, die Produzenten jammern über Nachwuchssorgen. Teilweise müssten Produktionen verschoben werden, weil kein komplettes Team zur Verfügung stehe. Was im Artikel leider nicht thematisiert wird, sind die teilweise unterirdischen Einstiegsgehälter der Branche, die ein Überleben an Medienstandorten wie Köln nahezu unmöglich machen.

Prahlheinz Strache, Mathematischer Clusterfuck, Vergifteter Tee

1. “Prahlerisch wie ein Teenager” – Jetzt erst recht!
(arminwolf.at)
Der österreichische Journalist und Moderator Armin Wolf kennt den FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache bereits seit dem August 2005. In dieser Zeit führte er mit Strache das sogenannte Sommergespräch, das zu Straches erstem großen medialen Auftritt wurde. In Vorbereitung auf die Sendung schaute sich Wolf die Homepage seines Interviewpartners an und stolperte dort über eine Kurzrezension eines Ernst-Jünger-Bandes. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei Straches angeblicher Jünger-Rezension um eine gekürzte Version eines Textes einer rechtsextremen “Heimatseite”. Dies ist nur eine der vielen interessanten Aspekte des lesenswerten Berichts über den Menschen und Politiker Strache.

2. Wenn Journalisten angegriffen werden, sind wir alle das Ziel
(fr.de, Bascha Mika)
Bei einer Gedenkfeier von kroatischen Nationalisten im österreichischen Bleiburg wurde Danijel Majic, Reporter bei der “Frankfurter Rundschau”, beschimpft, bespuckt, geschlagen und getreten. “FR”-Chefredakteurin Bascha Mika kommentiert: “In wenigen Tagen ist die Europa Wahl. Wenn, was sich abzeichnet, die Nationalisten und Rechtsextremen stärker werden, können wir uns ausrechnen, was daraus folgt. Nicht nur für den kritischen Journalismus.”
Zum Hintergrund: Angriff von rechtsextremem Moderator — Keine Anzeige gegen FR-Reporter (fr.de).

3. Seltsamer “Tagesschau”-Bericht: Beherrscht die AfD das halbe Internet?
(vice.com, Sebastian Meineck)
Als “mathematischen Clusterfuck” bezeichnet Sebastian Meineck die Berichterstattung der “Tagesschau” über die angebliche AfD-Dominanz in den Sozialen Medien (war hier auch bei uns in den “6 vor 9” verlinkt). Die Schlussfolgerungen seien stark vereinfacht und würden ein irreführendes Bild zeichnen. Sein Resümee, nachdem er mit dem Team der Analyse-Firma gesprochen hat, auf deren Daten der “Tagesschau”-Bericht basiert: “[W]as Alto Data Analytics herausgefunden hat, ist einfach zu speziell, um es im Stil der Tagesschau zu vereinfachen. Das Kuchendiagramm der Tagesschau erweckt den Anschein, als würde in sozialen Medien jede zweite politische Äußerung über die AfD getätigt werden — eine zu stark vereinfachte Nachricht, über die sich vor allem die AfD freuen dürfte.”

4. “Das Urheberrecht verteilt Vermögen von den Lebenden zu den Toten”
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Martin Kretschmer leitet an der Universität Glasgow das Forschungszentrum CREATe für Urheberrecht und Kreativwirtschaft und ist ein profunder Kenner der EU-Urheberrechtsreform. Im Interview spricht er über Spielräume bei der Umsetzung, die berühmt-berüchtigten Upload-Filter und den Einfluss von Unternehmen auf das Gesetz. So richtig optimistisch ist der Experte nicht, was die Zukunft angeht. Doch eine Sache könne Mut machen: “Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass öffentlicher Druck hilft. Die SPD hat nachweislich anders verhandelt, weil der Widerstand in Deutschland so laut und deutlich wurde. Der Koalitionsvertrag schließt verpflichtende Upload-Filter aus. Es ist wichtig, die Parteien beim Wort zu nehmen. Es ist noch so viel Spielraum bei der Umsetzung vorhanden, dass sich die Mühe lohnt.”

5. 23 Milliarden für Flüchtlinge? Die Geschichte einer Zahl
(zdf.de, Florian Neuhann)
Alice Weidel (AfD) ließ ihrer Empörung freien Lauf: Im Jahr 2018 seien 23 Milliarden Euro Asylkosten aufgelaufen. Auch die “Bild”-Zeitung schrieb von einem Rekord: “Flüchtlingskosten 2018 hoch wie nie”. Das Problem: Die Zahl stammt zwar aus dem Finanzministerium, fasse jedoch Positionen zusammen, die nicht dorthin gehören würden, so Florian Neuhann. Für das ZDF hat er näher hingeschaut und siehe da: “Bei genauerem Betrachten schrumpft die ursprüngliche Rekordzahl immer weiter in sich zusammen.”

6. Journalistische Verantwortung am Beispiel Bubble Tea
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer führt drei Beispiele für schlampige bis verantwortungslose Berichterstattung an: die Berichte über Angela Merkels angeblichen Wechsel auf eine EU-Position, die bereits etwas zurückliegende Berichterstattung zu angeblich giftigem Bubble-Tea und die mindestens irreführende Überschrift über ein angebliches Aufeinandertreffen von Verena Bahlsen und Kevin Kühnert. Knüwers Kommentar: “Früher waren solche Halb- und Unwahrheiten dem Boulevard und den Klatschblättern vorbehalten — heute darf jeder mal, weil er glaubt, dass sich alles versendet.”

Julian Reichelts Auflagen-Märchen

Was Print angeht, ist unser Ziel, das bei Kaufzeitungen marktübliche prozentual zweistellige Auflagenminus auf das zu beschränken, was strukturell bedingt ist. Das bedeutet für uns als Redaktion, um jenen Anteil am Rückgang zu kämpfen, der nicht markt-, sondern journalistisch bedingt ist. Das scheint uns zu gelingen, denn Bild hat rund drei Prozentpunkte weniger an Auflage verloren als der Verlag prognostiziert hat und ist dazu hochprofitabel.

… sagte “Bild”-Chef Julian Reichelt neulich im Interview mit “Horizont”. Wir haben uns mal genauer angeschaut, was an dieser Aussage dran ist: Gelingt es “Bild” wirklich, den Rückgang der Auflage auf den “strukturell bedingten” Anteil zu beschränken?

So sieht die Auflagenentwicklung von “Bild” und “Bild am Sonntag” aus:

Aber wie gering oder stark verlieren “Bild” und “BamS” im Vergleich zur Konkurrenz?

Erstmal wäre die Frage, welchen Markt Julian Reichelt genau meint. Er könnte den Boulevardmarkt meinen. Dort nimmt “Bild” als einzige überregionale Tageszeitung eine Sonderstellung ein. Alle andere deutschen Boulevardblätter erscheinen nur regional: die “Mopo” in Hamburg, die “B.Z.” und der “Berliner Kurier” in Berlin, der “Express” in Köln, die “tz” und die “Abendzeitung” in München und die “Morgenpost” in Sachsen.

Dies ist die relative Auflagenentwicklung der deutschen Boulevardzeitungen seit 1998 (soweit reicht das Archiv der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) zurück):


(zum Knick bei der “Abendzeitung” siehe hier)

Bei allen Blättern geht es dramatisch runter, nur die “tz” kann sich noch einigermaßen halten. “Bild” (-67,6 Prozent) verliert, nach “Abendzeitung” (-73,5), “Express” (-72,9) und “B.Z.” (-70,6) am viertstärksten. Schaut man sich nur die Entwicklung seit 2017 an, also seit Julian Reichelt Vorsitzender der “Bild”-Chefredaktionen ist, liegt “Bild” (-9,0) ebenfalls auf dem viertletzten Platz: Nur der “Express” (-17,3), die Hamburger “Mopo” (-17,2) und die ebenfalls von Reichelt verantwortete “B.Z.” (-9,6) haben noch stärker verloren. Wirklich positiv ragt Reichelts Blatt also nicht aus dem Boulevardmarkt heraus.

Nun haben wir aber sowieso Zweifel, dass Julian Reichelt “Bild” auf einem Level mit der “Morgenpost” aus Sachsen oder dem “Berliner Kurier” sieht. Zumal er in einem anderen Interview behauptete, “Bild” halte sich in einer Liga mit “Washington Post” und “New York Times”:

Wir sind da, wo die “Post” oder die “New York Times” sind, oder umgekehrt: Die sind da, wo wir sind. In dieser Liga halten wir uns

Werden wir mal nicht völlig größenwahnsinnig: Wie macht sich “Bild” im Markt der überregionalen Tageszeitungen in Deutschland? Noch schlechter:


(die Auflage der “Welt” ab 2005 zusammen mit “Welt kompakt”; die “Frankfurter Rundschau” fehlt hier, da die Auflage seit 2013 nicht mehr gesondert gemeldet wird)

Auch hier verlieren alle, aber niemand verliert so stark wie “Bild”. Nicht annähernd. Und dabei ist es völlig egal, welchen Bezugspunkt man nimmt: ob seit 1998 (-67,6 Prozent), seit 2001 (-66,4), als Kai Diekmann die Chefredaktion übernahm, seit 2010 (-50,8), seit 2016 (-15,5), als Tanit Koch die Chefredaktion übernahm, oder seit 2017 (-9,0) — immer liegt “Bild” auf dem letzten Platz.

Genauso schlecht sieht es bei der “Bild am Sonntag” im Vergleich mit anderen Wochen- und Sonntagszeitungen aus:


(“der Freitag” ohne IVW-Angaben für 2009 und 2010; die “FAS” gibt es erst seit 2001)

Was sagte “Bild”-Chef Julian Reichelt noch mal im Interview mit “Horizont”?

Das bedeutet für uns als Redaktion, um jenen Anteil am Rückgang zu kämpfen, der nicht markt-, sondern journalistisch bedingt ist.

Das scheint ihm und seinem Team ganz offensichtlich nicht zu gelingen.

Dazu auch:

Ende der Drohbriefe, AfD-Maier muss zahlen, Reporter gegen die Mafia

1. Keine Drohbriefe mehr
(faz.net, Constantin von Lijnden)
Medienrechtsanwälte haben eine pfiffige Strategie entwickelt, um ihre prominenten Mandanten vor Erwähnungen in der Presse zu schützen: Vorauseilende Drohbriefe, die sie euphemistisch als “presserechtliche Informationsschreiben” bezeichnen. Allein bei der “FAZ” seien von der bekannten Medienrechtskanzlei Schertz Bergmann zwischen Ende 2012 und Mitte 2016 mehrere Dutzend solcher Schreiben eingegangen, ungefragt und zuletzt ausdrücklich unerwünscht. Die “FAZ” hat sich gegen diese Praxis juristisch gewehrt — bis zum Bundesgerichtshof (BGH), der die “Informationsschreiben” grundsätzlich für zulässig hält. Anders sieht es der BGH, wenn ein solches Schreiben “keine Informationen enthält, die dem Presseunternehmen die Beurteilung erlauben, ob Persönlichkeitsrechte durch eine etwaige Berichterstattung verletzt werden.” Das Faxen derartiger Schreiben ist mit dem Urteil des BGH nun untersagt.

2. AfD-Rechtsaußen muss Noah Becker Schmerzensgeld zahlen
(spiegel.de, Ansgar Siemens)
Vor einem Jahr erschien auf dem Twitter-Profil des AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier ein Tweet, in dem der Künstler Noah Becker wegen dessen dunkler Hautfarbe rassistisch beleidigt wurde. Maier, selbst gelernter Richter, gab sich unschuldig: Ein Mitarbeiter habe den Tweet ohne Absprache veröffentlicht, was der Mitarbeiter auch offiziell zugab. Becker verklagte den AfD-Politiker daraufhin auf 15.000 Euro Schmerzensgeld. Sein vorheriges Angebot, 7.500 Euro an eine karitative Organisation zu spenden und den Streit damit zu beenden, hatte Maier abgelehnt. Nun hat das Landgericht Berlin Becker Recht gegeben und Maier zur Zahlung der vollen 15.000 Euro plus Zinsen verurteilt.

3. Re: Der Tod im Auge – Reporter gegen die Mafia
(arte.tv, Chiara Sambuchi, Video: 30 Minuten)
Wer in Italien über die Mafia berichtet, muss sehr mutig sein und setzt unter Umständen sein Leben aufs Spiel. Die Arte-Reportage “Re: Der Tod im Auge” begleitet den unter permanenter Bewachung stehenden Journalisten Paolo Borrometi bei dessen Arbeit für den Fernsehsender TV2000, bei dem er mit Staatsanwälten, Richtern und Kronzeugen Interviews über die Mafia führt.

4. „Politik setzt gezielt auf Framing“
(fr.de, Ruth Herberg)
Die “Frankfurter Rundschau” hat sich mit den beiden “Floskelwolke”-Betreibern Sebastian Pertsch und Udo Stiehl über Wortmacht, Medienkompetenz und politisches Framing unterhalten.

5. Hoher Anspruch, rote Zahlen
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 5:32 Minuten)
Unglaubliche 3,5 Millionen Franken sammelten der Journalist Constantin Seibt und seine Kollegen an Spendengeldern ein, um vor etwa einem Jahr mit dem Schweizer Online-Magazin “Republik” starten zu können. Die Medienjournalistin Brigitte Baetz gibt dem Startup durchwegs gute Noten. Allein finanziell laufe es nicht so gut: Laut Geschäftsbericht sei das Online-Magazin im ersten Jahr auf ein Minus von rund 2,5 Millionen Euro gekommen.

6. Wann Ihr einen Blogbeitrag als Werbung kennzeichnen müsst
(fitfuerjournalismus.de, Bettina Blaß)
Viele Youtuber, Instagrammer, Facebooker und Blogger sind verunsichert, ob sie ihre Beiträge als Werbung kennzeichnen müssen, wenn sie dort zum Beispiel mit Markenware zu sehen sind oder ein Produkt empfehlen. Zum Glück gibt es die Kennzeichnungsmatrix der Landesmedienanstalten und Bettina Blaß, die Licht ins Kennzeichnungsdunkel bringen.

Identitäre Plakate, Erfolgsfaktor Niveaumangel, Marktplatz Instagram

1. taz-Mitarbeiterin bei Aktion von Identitären angegriffen
(blogs.taz.de)
Die rechtsgerichtete “Identitäre Bewegung” hat gestern Aktionen bei unterschiedlichen Redaktionen und Organisationen in verschiedenen Städten Deutschlands durchgeführt, unter anderem bei der “Frankfurter Rundschau”, am ARD-Hauptstadtstudio und bei den Grünen. Auch das “taz”-Verlagsgebäude war Ziel der Aktion. Als eine Gruppe von etwa sechs Personen der “Identitären Bewegung” mit Pflastersteinen, Plakaten und Flugblättern anrückte, kam es zu Tätlichkeiten gegen eine couragierte “taz”-Mitarbeiterin.

2. Wenn Männer über Männer schreiben
(deutschlandfunk.de, Anne Baier)
Beim Medienforum des Journalistinnenbundes wurde auch nach Abschluss der Veranstaltung fleißig weiterdiskutiert. Dabei ging es vorwiegend um das Ungleichgewicht der Geschlechter im Politikjournalismus, Denkfallen, typische Stereotype und Rollenzuschreibungen sowie das sich daraus entwickelnde Framing.

3. Journalisten im Visier
(djv.de, Hendrik Zörner)
Hendrik Zörner kommentiert die Wut der französischen Gelbwesten gegen Journalistinnen und Journalisten, die angeblich nicht im Sinne der Protestbewegung berichten würden: “Ach, wirklich? Französische Zeitungen und Rundfunksender als verlängerter Arm von Emmanuel Macron? Wahrscheinlicher dürfte sein, dass im Zuge der Radikalisierung der Gelbwesten jegliches Verständnis für Ausgewogenheit in den Medien auf der Strecke geblieben ist. In Deutschland kennen wir das von Pegida.”

4. Die Kommentare sind tot, lang leben eure inhaltlichen Ergänzungen!
(netzpolitik.org)
netzpolitik.org steht vor einem Problem, vor dem auch viele Nachrichtenseiten stehen: Wie der wachsenden Zahl von beleidigenden und unsachlichen Kommentaren Herr werden? Mit gewaltigem Aufwand moderieren oder den Kommentarbereich ganz abschalten? Man hat sich für einen Mittelweg entschieden: In Zukunft werden nur noch Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltliche Ergänzungen zu den Artikeln stehen gelassen.

5. Blaulicht, Flutlicht, Rotlicht: Mit Niveaumangel zum Online-Spitzenplatz
(journalismus.online, Hektor Haarkötter)
Der Online-Chef der Münchner Tageszeitungen “tz” und “Merkur” hat Grund zum Feiern: Die Zugriffszahlen steigen beständig. Wenig feierlich ist jedoch die Methode, die auf Niveaumangel und Stillosigkeit beruht. Hektor Haarkötter hat einige typische Clickbaiting-Beispiele herausgesucht, bei denen man sich fragt, wie diese Masche immer noch so gut ziehen kann.

6. Wie sich Instagram zum Marktplatz wandelt – und wer schon jetzt auf der Plattform verkauft
(omr.com, Roland Eisenbrand)
Viele sehen in Instagram nur die Bilder-Abwurfhalde der Generation Selfie, doch die Plattform wird zunehmend für Verkaufszwecke genutzt. Instagram könnte sich gar zur echten Handelsplattform entwickeln. Roland Eisenbrand in seiner spannenden Analyse: “Weil die Plattform durch ihren visuellen Charakter deutlich produktfixierter ist als Facebook selbst, ist es durchaus vorstellbar, dass eine Erweiterung um einen Marktplatz von Erfolg gekrönt sein könnte. Facebook würde mit diesem Schritt eine komplett neue Erlösquelle erschließen. Als potenzieller “Man in the Middle” bei allen Käufen könnte das Unternehmen dann nicht nur wie bisher durch Werbeeinnahmen einen Anteil am gesamten Business, dass über die Plattform läuft, für sich abzuzwacken, sondern auch durch Provisionen.”

“Bild”s Renten-Sabotage, Handyfreie Schule, Bouffiers Presseboykott

1. Riester wirft Bild-Zeitung vor, allgemeine Zusatzrente verhindert zu haben
(deutschlandfunk.de)
Der frühere Arbeitsminister Walter Riester wirft der “Bild”-Zeitung vor, eine allgemeine und verpflichtende Zusatzrentenversicherung verhindert zu haben. Riester habe alle Arbeitnehmer und Selbstständige zur Rentenzahlung verpflichten wollen, darauf habe “Bild” eine Kampagne zu seiner Ablösung angedroht und gegen sein Vorhaben angeschrieben.

2. Ohne Smartphone in die Schule – ja, das geht
(zeit.de, Annika Joeres)
Seit September sind an Frankreichs Schulen Handys verboten. Und das funktioniert erstaunlich gut, wie Annika Joeres in ihrer Reportage für “Zeit Online” berichtet. Die Schülerinnen und Schüler würden wieder mehr spielen, weniger mobben und seien konzentrierter. Ihre Eindrücke vom südfranzösischen Collèges Paul Langevin könnten einen über eine ähnliche Regelung in Deutschland nachdenken lassen: “Am Tag, als die Handys verboten wurden, fingen die Schülerinnen und Schüler wieder an, über den Hof zu rennen, Fangen zu spielen, lauthals zu quatschen. Und inzwischen, so erzählt es der Schulleiter Eric Clausen mit ernstem Erstaunen, spielten die Schüler sogar wieder Karten. ‘Wahnsinn. Das haben wir hier seit Jahren nicht mehr gesehen.'”

3. Hinter den Beschimpfungen: Medienstrategie des FC Bayern
(ndr.de, Daniel Bouhs & Inga Mathwig)
Reibereien zwischen dem Fußballklub FC Bayern München und Journalisten gab es schon immer. Der peinliche Auftritt der Bayern-Bosse auf der letzten Pressekonferenz läute dennoch ein neues Zeitalter ein: Der Zugang für klassische Medien werde zunehmend eingeschränkt. Die Bayern seien ein eigener Medienkonzern geworden, der in Konkurrenz zu den etablierten Medien stehe. Das Ergebnis könne eine weitgehend kritikfreie Berichterstattung über die eigenen Hausmedien sein.

4. Bouffiers Presseboykott
(taz.de, Christoph Schmidt-Lunau)
Eigentlich würde der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) gerne Interviews geben, sagen seine Mitarbeiter. Doch ausgerechnet einer der wichtigsten Zeitungen in Hessen verweigert der Ministerpräsident jedes Gespräch: der linksliberalen “Frankfurter Rundschau”. Und das sei so, seit das Blatt über einen Prozess gegen Bouffiers Neffen berichtet habe, vor sechs Jahren …

5. Millionenklage abgewiesen
(sueddeutsche.de, Claudia Henzler & Annette Ramelsberger)
Erleichterung bei der “Süddeutschen Zeitung”: Das Landgericht Nürnberg-Fürth hat eine Schadensersatzklage in Höhe von 78 Millionen Euro abgewiesen, die ein Geschäftsmanns gegen das Blatt angestrengt hatte. Ein Unternehmer hatte der “SZ” vorgeworfen, durch ihre Berichterstattung ein Geschäft vereitelt zu haben, das ihm “nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge” 78 Millionen Euro Gewinn eingebracht hätte. Der Anwalt der “SZ” hatte die Klage als Einschüchterungsversuch und Angriff auf die Pressefreiheit bezeichnet.

6. Wie “The Daily” zum erfolgreichsten News-Podcast der Welt wurde
(horizont.net, Sebastian Moll)
Während des US-Wahlkampfs 2016 startete die “New York Times” ihren Podcast “The Daily”. Zwei Jahre später erreicht die Redaktion damit täglich bis zu eine Million Hörerinnen und Hörer, “The Daily” ist der erfolgreichste News-Podcast der Welt. In den USA machen derartige Formate mittlerweile sogar dem Radio und dem populären Frühstücksfernsehen Konkurrenz.

Richtige Worte, Journalistenmord, Ronaldo und das lange Schweigen

1. Liebe @fr
(twitter.com/berufslesbe, Friederike Wenner)
Friederike Wenner kritisiert auf Twitter die Wortwahl eines Beitrags der “Frankfurter Rundschau” über den Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege und dessen Arbeit. Dabei findet sie Worte, die von so grundsätzlicher Natur sind, dass sie in das Handbuch einer jeden Redaktion gehören. Die “FR” hat sich zu dem Vorgang wiederum vorbildhaft selbstkritisch geäußert und eine Überarbeitung der Formulierungen vorgenommen.

2. Wurde Kashoggi in Istanbul ermordet?
(tagesschau.de)
Der regierungskritische saudische Journalist Jamal Khashoggi wollte sich im Istanbuler Konsulat seines Landes nur kurz Unterlagen für seine anstehende Hochzeit besorgen und tauchte anschließend nicht mehr auf. Medien berichten von einem Mordkomplott.
Weiterer Lesehinweis: In Bulgarien wurde die TV-Journalistin Wiktorija Marinowa vergewaltigt und ermordet. Sie soll zu Korruption und Betrug mit EU-Geldern recherchiert haben. (zeit.de)

3. ARD und ZDF prüfen rechtliche Schritte gegen AfD
(t-online.de, Jonas Mueller-Töwe)
Nach Recherchen von t-online.de nutzt die AfD offenbar systematisch urheberrechtlich geschütztes Material der öffentlich-rechtlichen Sender für Parteiwerbung. Dabei gehe es vor allem um Videos von Interviews und Talkshows der öffentlich-rechtlichen Medien, die die Partei mit eigenen Botschaften und oft mit dem AfD-Logo versehe. t-online.de hat die AfD zu den möglichen Urheberrechtsverstößen befragt. Dort gibt man sich unwissend: Bislang hätten sich keine Sender an die AfD mit der Aufforderung gewandt, Inhalte zu löschen. Dies widerspricht jedoch Angaben von WDR und RBB.

4. Zum Beitrag des „heute journals“ über die geplante Änderung der rumänischen Verfassung zur bzw. gegen die „Ehe für alle“
(twitter.com/SebMeineck, Sebastian Meineck)
Sebastian Meineck beschäftigt sich in einem Twitter-Thread mit einem “heute Journal”-Beitrag über die geplante Änderung der rumänischen Verfassung zur bzw. gegen die “Ehe für alle”. Der Beitrag sei “ein Beispiel dafür, wie die scheinbar neutrale Gegenüberstellung von extremen und liberalen Standpunkten zu einem diskriminierenden Ergebnis führt.”

5. Cristiano Ronaldo und das lange Schweigen der dpa
(morgenpost.de, Kai-Hinrich Renner)
Als der “Spiegel” über Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Fußballer Cristiano Ronaldo berichtet, ist von der Nachrichtenagentur dpa erstmal nichts zu hören. Das Schweigen könnte mit weiterer Recherche zu tun haben, aber auch mit einem einschüchternden Medienanwalt, der für seine Mandanten gerne “Informationsschreiben” verschickt, welche eine Berichterstattung verhindern sollen. dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger hat Kai-Hinrich Renner in einem Twitter-Thread öffentlich geantwortet: “Lieber Herr Renner, nein, Schertz war kein entscheidender Grund dafür, dass wir erst nach mehreren Tagen auf die Vorwürfe gegen Ronaldo eingestiegen sind. Wir hätten auch ohne das presserechtliche Informationsschreiben nicht anders gehandelt.”

6. Dann nennt uns doch Lügenpresse!
(spiegel.de, Ferda Ataman)
“Spiegel Online”-Kolumnistin Ferda Ataman denkt über Deutschlands Medienlandschaft und seine Lügenpresse-Rufer nach: “Der Lügenpresse-Vorwurf kommt entweder von Leuten, die nicht wissen, was Meinungsfreiheit ist. Oder von Leuten, die finden, dass alle Medien ihre Ansicht verbreiten müssen. Tun sie das nicht, ist das ein Beweis dafür, dass die Meinungsfreiheit unterdrückt wird.” Und sie macht auf einen geradezu absurden Umstand aufmerksam: “Nicht wenige von denen, die sich heute als Opfer angeblicher Zensur inszenieren, würden die ihnen unliebsame Presse am liebsten selbst zensieren.”

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