In gewisser Weise war der Aufmacher der “Bild”-Titelseite selten so wahr wie gestern:
Ja, das ist Irrsinn. Und die “Bild”-Redaktion beweist eindrucksvoll, dass sie überhaupt keinen Durchblick hat.
Aber der Reihe nach:
Mehr als 1000 Gütesiegel gibt es in Deutschland, BILD zeigt die 50 wichtigsten für Lebensmittel. Jetzt kommt raus: Auch Produkte, die Pferdefleisch enthielten, waren mit Qualitätssiegeln ausgezeichnet. Wer die Siegel vergibt, welchen Siegeln Sie vertrauen können — Seite 2.
Bevor Sie auf Seite 2 lesen, wer die Siegel vergibt, zeigt “Bild” auf Seite 1 erst mal “die 50 wichtigsten [Gütesiegel] für Lebensmittel — oder das, was die Redaktion dafür hält. Neben offiziellen Gütesiegeln (etwa vom TÜV oder Bundesministerium für Verbraucherschutz) zeigt “Bild” nämlich auch diese Logos:
“Bild” war mit dem gelegentlich verwendeten Wort “Eigenmarke” eigentlich schon auf dem richtigen Weg — und ist dann doch irgendwie falsch abgebogen: Diese Logos sind keine Gütesiegel, sondern Markenlogos. Netto etwa bezeichnet “BioBio” explizit als “Eigenmarke”, Aldi “GutBio” als “Marke”. Das “Greenpeace-Magazin” hat das vor ein paar Jahren mal ein bisschen genauer erklärt.
Oder, in den Worten von “Bild”:
Zahlreiche Supermarktketten und Händler haben eigene Siegel, vergeben diese nach eigenen Kriterien, zeichnen sich damit also selbst aus!
IRRSINN!
Die Worte “unabhängig” und “überparteilich” hat der Axel-Springer-Verlag auch eigenständig ins rote “Bild”-Logo eingefügt, das ist kein Prüfsiegel irgendeiner journalistischen Aufsichtsbehörde.
Andererseits: Was hat der aktuelle “Skandal” um Pferdefleisch in Rindfleischprodukten überhaupt mit irgendwelchen Bio-Lebensmitteln zu tun — oder gar mit den Siegeln für Fisch aus umweltgerechter Fischerei und für koschere Lebensmittel, die “Bild” ebenfalls auf der Titelseite zeigt? Im Prinzip gar nichts, wurde das Pferdefleisch doch bisher ausschließlich in konventionellen Produkten gefunden.
Der Bundesverband Naturkost Naturwaren ist entsprechend empört, dass sein Logo ebenfalls auf der “Bild”-Titelseite zu sehen ist:
Anders als im Beitrag suggeriert, sind der BNN und seine Mitgliedsunternehmen weit entfernt vom Skandal um Pferdefleisch, das ausschließlich in konventionellen Produkten gefunden wurde. Die Logos der Eigenmarken aus dem konventionellen Lebensmittelhandel, die tatsächlich vom Pferdefleischskandal betroffen waren, tauchen in der Berichterstattung der BILD nicht auf.
Außerdem handelt sich beim BNN-Logo gar nicht um ein Siegel, denn es wird niemals auf Lebensmittel gedruckt. Es ist vielmehr das Logo eines Bundesverbandes, der die Herstellungs- und Handelsstufen der Wertschöpfungskette in der Naturkost-Fachbranche vertritt. […]
Der in der BILD hergestellte Zusammenhang von “Siegelflut” und Lebensmittelskandalen wird durch die Auswahl der Abbildungen klar mit der ökologischen Lebensmittelwirtschaft in Verbindung gebracht. Das ist sachlich falsch und aus unserer Sicht eine Verleumdung, die vor allem die Biobranche diskreditiert.
Vielleicht sollte “Bild” in Zukunft also doch lieber über Siegel berichten, mit denen sich die Zeitung auskennt. Also zum Beispiel über Ralph.
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1. “Falsch berichtet: Ex-Amazon-Zeitarbeiterin wirft ARD-Reportern Verfälschung vor” (kreisanzeiger-online.de, Jan Philipp Ling)
Eine Protagonistin der ARD-Doku “Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon” fühlt sich teilweise falsch dargestellt: “Die Reporter hätten aber offenbar nur das Negative sehen wollen und in dem Bericht dann ihre Sätze aus dem Zusammenhang gerissen und mit weiteren, eigenen Erklärungen versehen: ’Oft war das dann das Gegenteil von dem, was ich gesagt habe.’ Zum Beispiel, als sie beim Schlafen auf der Couch gezeigt wurde, angeblich, weil sie in ihrem Bett nicht schlafen könne: ‘In Wahrheit habe ich dort meine Siesta gemacht. Das Wohnzimmer hat ein großes Fenster mit Blick auf den Wald, man hört die Vögel, das fand ich sehr schön.’ Auch hätten die Reporter mehrmals direkt gefragt, ob sie die Lebensverhältnisse nicht zu beengt fände. ‘Ich habe immer geantwortet: Nein, das ist kein Problem, es gefällt mir gut hier. Aber das wurde im Fernsehen nicht gezeigt.'”
2. “Leben im Transit · Dürfen Journalisten Politiker beraten?” (carta.info, Birgit Wentzien)
“Um sich Journalismus als Leidenschaft leisten” arbeiten viele jüngere Menschen nebenbei als PR-Berater und Werbetexter, “was die Älteren mit einer Mischung aus Empörung, Unkenntnis, Festanstellungs-Luxus und auch Lamento von sich weisen”.
3. “Die Mär von der Partnerschaft zwischen PR und Journalismus” (prreport.de, Adrian Peter)
Adrian Peter von “Report Mainz” hält die Erwartung von “Solidarität unter Kollegen” im professionellen Verhältnis zwischen Journalisten und Pressesprechern fehl am Platz: “Wer als Pressesprecher erwartet, von den ‘Kollegen’ geschont zu werden, geht von einem falschen Rollenverständnis aus. Dies gilt übrigens gleichermaßen für Journalisten, die glauben, Pressesprecher vertreten neben den Interessen ihres Auftraggebers journalistische Ideale.”
4. “Schmeißfliegen: Journalistenbild im ‘Tatort'” (ndr.de, Video, 5:37 Minuten)
Wie Journalisten im “Tatort” dargestellt werden: “Meistens machen Journalisten im Tatort vor allem eins: Stören, nerven und im Weg rumstehen.”
5. “Free Rainer – Vergesst die TV-Quoten” (medienblog.blog.nzz.ch, Rainer Stadler)
Seit dem 1. Januar 2013 verfügt die TV-Branche in der Schweiz über keine Einschaltquoten – aufgrund technischer Probleme. “Statt sich über versagende Fernsehforscher zu empören, hätten die Branchenangehörigen nun Zeit, ein bisschen genauer nachzudenken über das, was Medienqualität ausmacht. Und sich zu fragen, ob besserer Journalismus gelingt, wenn man laufend auf die Einschaltquoten starrt.”
6. “How I Meteored Your Motherland” (thedailyshow.com, Video, 4:19 Minuten, englisch)
Ereignisse, die von in russischen Fahrzeugen installierten Kameras aufgenommen werden. Und die Reaktionen darauf.
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1. “Pressefreiheit: Journalisten auf Abwegen” (novo-argumente.com, Brendan O’Neill)
Brendan O’Neill identifiziert drei Trends, die den Journalismus korrumpieren: Konspiratives Denken, Kreuzrittermentalität, Konformismus.
2. “Ich habe das alles nicht gewollt” (spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo bereut seine Mitschuld am Einzug des Begriffs “Shitstorm” in die deutsche Sprache: “Ich habe, ohne es zu beabsichtigen, die Welt ein bisschen schlechter gemacht.”
3. “Der Autismus unserer Zeit. Zur Popularität einer Metapher” (gedankentraeger.de, Monika Scheele Knight)
Ein Text zur inflationären Verwendung der Begriffe “Autismus” und “Autist”: “Wie und wo kann ich uns als Familie mit einem autistischen Kind in einer Gesellschaft verorten, die dem Autismus in der Metapher jeden Tag negative Züge zuspricht, und die anhand des Syndroms ihre zeitgenössischen Krisen verhandelt?”
4. “Schluss mit dem Fragezeichenjournalismus” (netzwertig.com, Martin Weigert)
“Kaum etwas signalisiert deutlicher geringe Substanz und geringe Wichtigkeit von Texten als der Abschluss der Überschrift mittels Fragezeichen.”
5. “Kündigungs-Kommunikation beim Handelsblatt: Was zwischen den Zeilen steht” (wuv.de, Frank Zimmer)
Frank Zimmer analysiert eine Pressemitteilung, in der die Handelsblatt-Gruppe unter anderem die Entlassung von 80 Mitarbeitern kommuniziert: “Zwei Leute mehr und es wäre eine so genannte Massenentlassung gewesen. Häßliches Wort.”
6. “Zum Hype um das Krisen-Bullshit-Bingo” (schalkefan.de, Matthias in der Weide)
Der Blogbeitrag “Das große Schalker-Krisen Bullshit-Bingo” wird von den Medien aufgegriffen, die darin Hohn, Spott, Häme, gar eine Abrechnung sehen. Matthias in der Weide dagegen schreibt, er sei “im Gegenteil sogar ein extrem loyaler Fan. Einer, der sich in jeder Diskussion über Schalke wie eine Löwenmutter vor ihr Kind wirft und es bedingungslos verteidigt.”
Der Eurovision Song Contest rückt näher. Wird mal wieder Zeit für:
Es ist eine seit Jahrzehnten fast schon liebevoll gepflegte ESC-Tradition. Und in diesem Jahr geben sich die “BamS”-Reporter besonders viel Mühe bei dem Versuch, den deutschen ESC-Teilnehmern ein Plagiat nachzuweisen. Es geht um die Band “Cascada”, die Deutschland beim diesjährigen ESC in Malmö mit ihrem Song “Glorious” vertreten wird, der für viele, nun ja, gewisse Ähnlichkeiten mit dem Sieger-Song aus dem letzten Jahr aufweist.
Die letzten Takte des Siegertitels perlten noch in der Luft, da musste sich die Gewinnerin schon Plagiatsvorwürfe anhören. Klingt “Glorious”, also unser Lied für Malmö, nicht genau wie “Euphoria”, also der ESC-Siegertitel von 2012?
Um diese Frage zu beantworten, holt sich “BamS” diesmal sogar professionelle Unterstützung:
BILD am SONNTAG übergab “Euphoria” und “Glorious” als Musikdateien dem Institut für Sprachwissenschaften der Christian-Albrechts-Universität in Kiel.
Vermutlich waren alle Musikwissenschaftler Deutschlands gerade auf einem gemeinsamen Musikwissenschaftlerausflug, weshalb “BamS” auf ein sprachwissenschaftliches Institut zurückgreifen musste. Aber was soll’s – es sind ja Wissenschaftler. Und die kennen sich aus. Es klingt zumindest so:
Ein Sprachanalyse-Programm warf den ESC-Sieger von 2012 und den deutschen Beitrag von 2013 als Oszillogramm und Sonagramm in dreidimensionaler Frequenzdarstellung aus: ein akustischer Fingerabdruck, bei dem sich Laustärke, Grundfrequenz und Spektraldaten penibel genau vermessen und vergleichen lassen.
Scheinbar hat sich der ganze Aufwand gelohnt, denn:
Das Ergebnis ist eindeutig. “‘Glorious’ wirkt wie eine Kopie von ‘Euphoria’ mit kleinen, raffinierten stilistischen Änderungen”, sagt die Phonetikerin Dr. Tina John, 31.
Aufbau der Beats, Gesangsdynamik und Pausensetzung stimmten in weiten Teilen überein. “Am Anfang ist der Gesang absolut identisch, der Refrain benutzt die gleiche Akzentuierung, der Schluss gipfelt in einer identischen Kombination. Die Sängerinnen benutzen sogar die gleiche Atemstylistik.”
Kurz: ein Plagiat in einem Atemzug! ESC-Experte Jan Feddersen, 55: “Wenn es sich bei ‘Glorious’ um eine Kopie von ‘Euphoria’ handelt, dürfte Cascada nicht antreten.”
Andere Medien fanden das alles offenbar schlüssig und griffendieNachrichtraschauf. Dabei macht die “Bild am Sonntag” allein mit dem lieblos drangeklatschten Schlusssatz ziemlich deutlich, worauf sie hier hinauswill: Auch dem letzten Skeptiker soll klar werden suggeriert werden, dass es auf die in der Überschrift gestellte Frage letztlich nur eine Antwort gibt. Und die steht für “BamS” längst fest.
Jan Feddersen “bereut” es derweil, dem “BamS”-Reporter diesen “banalen, immerwahren Satz” gesagt zu haben, wie er im Eurovision-Blog des NDR zugibt. Laut seinen Angaben hatte der Reporter ihm gegenüber behauptet, die Analyse gehe auf “eine Kieler musikwissenschaftliche Abteilung” zurück.
Ich antwortete jedenfalls, ich hielte die Debatte für Unfug, schwachsinnig und doof – weil Loreen und Natalie Horler [Sängerin von “Cascada”] möglicherweise sich der gleichen überlieferten Tonfolgen bedienten, wie die meisten Musiker auch. Aber die Titel hörten sich für mich ähnlich an, allerdings einschränkend, dass ich persönlich kaum in der klassischen Musik differenzieren könne, ebenso wenig im Techno oder im Bereich der Dancegeschichten.
“Glorious” klinge “für dance-ungeübte Ohren wie alle Musik, die in Großdissen so gespielt wird” — ebenso wie sich für Menschen, “die kein Gefühl für Jazz oder Blues haben”, alle “Blues-Songs oder Jazzdinger vollständig gleich” anhörten.
Insofern: In der Frage der “Bild am Sonntag” steckt bereits eine dümmliche Unterstellung, die naiv tut und doch nur Skandal will.
Davon mal abgesehen ist die Methode, mit der “BamS” hier auf vermeintlich wissenschaftliche Weise ein Plagiat nachgewiesen haben will, natürlich mehr als fragwürdig.
Wir haben den Musikwissenschaftler Dr. Klaus Frieler gefragt, was er von der in “BamS” beschriebenen Untersuchungsmethode hält. Frieler ist seit Jahren als musikwissenschaftlicher Gutachter tätig, insbesondere wenn Plagiatsverdacht erhoben wird. Derzeit ist er für ein Forschungsprojekt an der Hochschule für Musik “Franz Liszt” in Weimar tätig. Er hat uns unter anderem beschrieben, wie er im Fall eines offiziellen Plagiatsgutachtens vorgeht. Er schreibt etwa:
Ein Sonagramm ist kein adäquates Mittel, um Musikwerke zu vergleichen, dazu sind die dort enthaltenen Informationen bei einem komplexen Musikstück mit einem Mix vieler Instrumente viel zu sehr miteinander verschränkt, als dass eine einfache Zuordnung der spektralen Anteile zu den einzelnen Instrumenten möglich wäre. (…)
Für ein Plagiatseinschätzung bedarf es viel musikwissenschaftliches Hintergund- und Fachwissen, sorgfältige Abschätzung der Werkteile im jeweiligen musikalischen und stilistischen Kontext usw. Kurz, ein seriöses Plagiatsgutachten basiert immer auf menschlichem Expertenwissen, mit manueller, maximal semiautomatischer Transkription der melodischen Anteile. Diese Arbeit kann zwar durch die Hilfe des Computers im Einzelfall erleichtert, aber bisher (und wahrscheinlich auch in Zukunft) durch diese nicht ersetzt werden.
Frieler hat sich die beiden Songs selbst mal angehört. Für eine “hieb- und stichfeste Einschätzung” müsste er zwar erst “eine genauere Analyse (vor allem der Melodien)” durchführen, doch nach einem ersten Höreindruck schreibt er:
Ich denke mittlerweile, wenn ich das noch weiter analysieren würde, käme ich wohl eher zu dem Schluss, dass es sich **nicht** um ein Plagiat handelt, sondern wahrscheinlich um ein Soundalike. Ein Soundalike ist ein Werk, das einen sehr ähnlichen Gesamteindruck wie ein Original bewirken soll, aber in den entscheidenden, geschützten musikalischen Details abweicht. Sehr üblich in der Werbung, um Lizenzgebühren zu sparen. Hier wahrscheinlich mit der (bewussten oder unbewussten) Absicht geschehen, an dem Vorjahreserfolg von Loreen anzuknüpfen.
(Die ausführliche Version dieser Einschätzung ist hier nachzulesen.)
Der NDR hat nach Aufkommen der Vorwürfe mittlerweile ein eigenes Gutachten in Auftrag gegeben, wie ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber am Wochenende mitteilte. Er fügte hinzu:
Im Übrigen gehören Versuche, den ESC zu skandalisieren und Plagiatsvorwürfe nach den Sendungen zur Folkore des ESC: Im vergangenen Jahr wurde Loreen und ihren Produzenten vorgeworfen, dass “Euphoria” bei drei verschiedenen Titeln “geklaut” sei, unter anderem bei Rihanna und David Guetta.
Diese Anschuldigungen hätten sich aber als haltlos erwiesen. So wie im Übrigen fast alle Plagiatsvorwürfe, die bisher im Rahmen des ESC erhoben wurden. Dem Jagdfieber im Hause Springer tut das aber keinen Abbruch. Schon am Tag nach dem Vorentscheid stöhnte Bild.de:
Und liebäugelte am selben Tag noch mit den Zweitplatzierten des Vorentscheids, mit den “verrückten Jungs” von “LaBrassBanda”, die für viele ja die “Sieger der Herzen” seien. Die Leser werden ohne große Umschweife gefragt: “Hätten Sie lieber LaBrassBanda beim ESC 2013 gesehen?” Das Ergebnis — mal wieder eindeutig:
Wobei die Umfrage doch ein wenig an Überzeugungskraft verliert, wenn man sieht, wie viele Leute sich an ihr beteiligt haben:
Mit Dank an Dennis, Holger K. und Monika G.
Nachtrag, 26. Februar: Inzwischen ist auch der vom NDR beauftragte Gutachter zu einem Ergebnis gekommen. Auf der deutschen ESC-Seite heißt es:
Cascadas ESC-Song “Glorious” ist kein Plagiat von Loreens Vorjahres-Siegertitel “Euphoria” – das hat ein vom NDR in Auftrag gegebenes Gutachten ergeben. “Es lässt sich zusammenfassen, dass ‘Glorious’ und ‘Euphoria’ keine urheberrechtlich bedeutsamen Übereinstimmungen aufweisen. Sie sind lediglich stilistisch ähnlich und zeigen nur im Arrangement eine oberflächliche Berührung ohne urheberrechtlichen Belang”, so das Fazit von Matthias Pogoda, der seit 1992 als Musikgutachter und Sachverständiger für Plagiatsfragen tätig ist und unter anderem Musikverlage und Urheberrechtskammern als Gerichtsgutachter berät.
(…) In seiner Bewertung schreibt der Musikexperte abschließend: “Für einen begründeten Plagiatsvorwurf müssten meines Erachtens detaillierte Übereinstimmungen einer längeren Begleitpassage vorliegen und weitere Arrangementbestandteile passgenau übereinstimmen. Dies ist hier nicht der Fall.”
Wir haben den Musikgutachter Dr. Klaus Frieler bezüglich des “Bild am Sonntag”-Artikels gefragt, ob es stimmt, dass man mit Hilfe von Oszillogramm und Sonagramm ein Lied daraufhin prüfen kann, ob es ein Plagiat ist und wie solche Verfahren aussehen, wenn ein offizielles Plagiats-Gutachten erstellt werden soll. Er schrieb uns:
(…) Ihre Intuition trügt Sie nicht, das ist nicht unbedingt das übliche Vorgehen bei einem Plagiatsverdacht. Ein Sonagramm ist kein adäquates Mittel, um Musikwerke zu vergleichen, dazu sind die dort enthaltenen Informationen bei einem komplexen Musikstück mit einem Mix vieler Instrumente viel zu sehr miteinander verschränkt, als dass eine einfache Zuordnung der spektralen Anteil zu den einzelnen Instrumenten möglich wäre. Dies ist aber notwendig, denn bei einem Musikwerk sind vor allem die Melodien geschützt (der sogenannte “starre Melodienschutz”, §24 Abs.2 UrhG), diese lassen sich aber aus einem Frequenzspektrum nicht unmittelbar ablesen, dazu bedarf es etwa aufwändigerer Computeranalysen, das ist heutzutage teilweise machbar, aber recht fehleranfällig, oder klassischer Transkriptionen (Übertragung in Notenschrift) per Ohr. Nur wenn man eine einzelne Stimme hätte, wäre dies zum Teil möglich, aber auch dann führt eigentlich kein Weg an einer Transkription vorbei.
Sekundäre Elemente wie Harmoniefolge, Drumgroove, Tempo, Klangfarben, Arrangement etc. lassen sich ebenfalls nur sehr beschränkt mit Programmen direkt aus einer Audiodatei extrahieren. Diese Elemente müssen dann jeweils einzeln und in Kombination miteinander verglichen werden. Diese Vergleiche können auch nur teilweise mit Computerprogrammen vorgenommen werden. Mein Kollege Dr. Müllensiefen und ich haben z.B. eine Software zur Berechnung von Melodieähnlichkeiten entworfen, die wir an psychologischen Experimenten geeicht haben, das also versucht, die mögliche Einschätzung von Experten vorherzusagen, was auch ganz gut funktioniert. Doch auch dieses Programm muss mit Bedacht benutzt werden, da es nicht in jedem Kontext 100% verlässliche Ergebnisse liefert, es kann aber zumindest nützliche Hinweise auf gewisse “objektiv” vorhandene Ähnlichkeiten zweier Melodien liefern. Dieses Programm hat aber mit einer Spektralanalyse herzlich wenig zu tun, es arbeitet mit einer notenartigen Darstellung von Melodien.
Letztlich sind all diese Programme immer nur unterstützend und können keinesfalls eine klassische musikwissenschaftliche Analyse ersetzen. Dazu kommt meistens noch die nötige Einschätzung der Schöpfungshöhe eines Werkteils. Hier gilt die sogenannte “kleine Münze”, die auch eher trivialen Melodien noch Schutz gewährt. Musikalisches Allgemeingut, wie Akkorde, genretypische Begleitmuster, Instrumentierungen und Drumgrooves, Tempo, Taktart, Tonart etc. sind per se nicht schützenswert, können aber im Kontext durchaus als Indizien herangezogen werden, ob eine ungenehmigte Bearbeitung (denn das ist ein Plagiat im Auge des Gesetzes) vorliegt oder nicht. Interpretatorische Elemente, wie in dem BamS-Artikeln angesprochen, sind z.B. auch nicht schützbar.
Für ein Plagiatseinschätzung bedarf es viel musikwissenschaftliches Hintergund- und Fachwissen, sorgfältige Abschätzung der Werkteile im jeweiligen musikalischen und stilistischen Kontext usw. Kurz, ein seriöses Plagiatsgutachten basiert immer auf menschlichem Expertenwissen, mit manueller, maximal semiautomatischer Transkription der melodischen Anteile. Diese Arbeit kann zwar durch die Hilfe des Computers im Einzelfall erleichtert werden, aber bisher (und wahrscheinlich auch in Zukunft) durch diese nicht ersetzt werden.
Ich hoffe, meine Ausführungen waren Ihnen etwas nützlich und nicht zu fachchinesisch.
Mit freundlichen Grüßen,
Klaus Frieler
P.S.: Ich habe mir aber gerade die beiden Songs mal angehört und in der Tat sind beim ersten Hören Ähnlichkeiten vorhanden (sonst wäre der Fall auch wohl nicht hochgekocht). Diese beziehen sich erstmal auf Genre (Euro Dance), Präsentation (eine einzelne “glamouröse” Sängerin mit ähnlichem, eher souligem Gesangstil, auch wenn Cascade schon deutlich mehr ins Rockige geht als Loreen, beide artikulieren auch recht unsauber), Dramaturgie (kontrastierende Strophen/Refrain-Teile), ähnliches Tempo sowie weitere genretypische Grooves, Begleitfiguren und Sounds. Da ist aber, wie gesagt, vieles bereits vom Genre ableitbar und bestimmt. Wegen der vielen Parallelen könnte man schon vermuten, dass die Produzenten von Cascada sich von Euphoria zumindest haben inspirieren lassen (vgl. Samsung / Apple o.ä.), aber für eine hieb- und stichfester Einschätzung müsste ich erst eine genauere Analyse (vor allem der Melodien) machen, diese Einschätzungen basieren nur auf einem Höreindruck, der nach meiner Erfahrung durchaus trügen kann.
Zweites Hören: Jenseits der oben genannten oberflächlichen Parallellen sind aber vor allem die melodischen Ähnlichkeiten entscheidend, und die sind nur bedingt gegeben. Da fällt zum einen “Glo-ri-ous” und “Eu-phor-ia” in den jeweiligen Refrains auf, bei beiden Phrasen steht ein langer Ton im Mittelpunkt, der dann mit zwei kürzeren Tönen weitergeführt wird. Aber die Melodie von “Glorious” geht an dieser Stelle nach unten, die von “Euphoria” nach oben. Danach kommen Phrasen, die sehr unähnlich sind. Außerdem wird das “Glorious” bei Cascada noch durch eine zusätzliche Phrase eingeleitet, die bei “Euphoria” fehlt. Des Weiteren weist die Strophe von “Glorious” gewisse strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Refrain von “Euphoria” auf, die einzelnen Tonfolgen sind aber jeweils sehr verschieden.
Ich denke mittlerweile, wenn ich das noch weiter analysieren würde, käme ich wohl eher zu dem Schluss, dass es sich **nicht** um ein Plagiat handelt, sondern wahrscheinlich um ein Soundalike. Ein Soundalike ist ein Werk, das einen sehr ähnlichen Gesamteindruck wie ein Original bewirken soll, aber in den entscheidenden, geschützten musikalischen Details abweicht. Sehr üblich in der Werbung, um Lizenzgebühren zu sparen. Hier wahrscheinlich mit der (bewussten oder unbewussten) Absicht geschehen, an dem Vorjahreserfolg von Loreen anzuknüpfen.
Um keine Nachahmer zu animieren, sind die Medien angehalten, zurückhaltend über Suizide zu berichten. So sollten sie jede Bewertung von Suiziden als “heroisch, romantisch oder tragisch” vermeiden, keine Details über die Betroffenen und ihre Tat nennen und vor allem keine Informationen über die Motivation, die äußeren und inneren Ursachen des Suizides andeuten. Auch sollten sie auf “romantische Überhöhungen” verzichten, beispielsweise auf Formulierungen wie “ihre Liebe war stärker als der Tod”, “jetzt auf ewig vereint” oder “nun hat sie erreicht, was sie schon immer wollte”. Die Medien halten sich häufig nicht an diese Empfehlungen.
Das, was stern.de da heute veröffentlich hat, wirkt allerdings ein bisschen, als habe ein Mitarbeiter die Empfehlungen, was man bei der Suizid-Berichterstattung unterlassen solle, als Aufforderung verstanden, möglichst viel davon aufzuschreiben. Und so schreibt er schon im Vorspann, der Suizid einer in Deutschland weitgehend unbekannten US-Country-Sängerin sei “das traurige Ende einer verkorksten Karriere”.
Er beschreibt einigermaßen minutiös die (mutmaßliche) Auffindesituation und Todesursache, referiert dann kurz den Aufstieg und Fall der Sängerin, ihre Krankengeschichte und ihre Familiensitation.
Dann wird es richtig schlimm:
Warum sie den Freitod wählte, darüber kann derzeit nur spekuliert werden. Offenbar haben zahlreiche private Probleme die Sängerin in den Selbstmord getrieben: Drogensucht und ein Ex-Ehemann, der sie misshandelte und psychisch unter Druck gesetzt haben soll. Kurz vor ihrem Tod habe er [ihr] das Sorgerecht für ihren gemeinsamen Sohn entziehen wollen. Als dann im Januar der Vater ihres zweiten Kindes, der Produzent […], tot aufgefunden wurde – er soll ebenfalls Selbstmord begangen haben – , zerbrach offenbar ihr Lebensmut.
Der Tod ihres Partners brach den Lebensmut
“Er war mein Leben. Jeder war ein Teil des anderen. Ich kann gar nicht sagen, wo einer von uns begann und der andere endete. Wir sind jeden Abend Händchen halten zusammen eingeschlafen”, sagte [sie] im Januar in einem Fernsehinterview mit dem Sender NBC. Jetzt sind sie wieder vereint.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Der ‘Blick’ von innen” (dasmagazin.ch, Daniel Ryser)
Die Boulevardzeitung “Blick” macht einen Taxifahrer zu Unrecht zu einem “Taxivergewaltiger”. “Kunden, die mich seit Jahren kannten, liefen plötzlich weiter, stiegen in andere Taxis ein. Taxifahrer zeigten auf mich, sagten: Das ist der Vergewaltiger. Jugendliche pöbelten mich an.”
2. “Jeder Satz falsch: Kein Bug, sondern Feature!” (blogs.taz.de/hausblog, Sebastian Heiser)
Sebastian Heiser entfernt alle Vereinfachungen in einem eigenen Artikel und fragt darauf die Leser, ob sie das wirklich so wollen.
3. “Widerspruch zwecklos” (derbund.ch, Daniel Di Falco)
Schweizer Medien verkaufen der Öffentlichkeit bekannte Dokumente als neu: “Der breiten Öffentlichkeit unbekannt – das ist der Satz, in dem sich beide Seiten fanden. Für die Medien heisst er: Also sind die Bilder eine Entdeckung. Für den Experten dagegen: Aber uns sind sie bekannt. Die Medien: neu! Der Experte: nicht neu.”
4. “Die Strategie für die Zeitung von Morgen, Teil 1: Das Modell HBO” (blog.tagesanzeiger.ch, Constantin Seibt)
Das Vorgehen des Pay-TV-Senders HBO könnte ein Vorbild für die Zeitungsbranche sein, findet Constantin Seibt: “Im Business der Zukunft geht es zunehmend nicht mehr um Nicht-Enttäuschung, sondern um die Erzeugung von Begeisterung.”
Das war’s dann also. Der Asteroid “2012 DA14” hat unseren Planeten gestern Abend planmäßig passiert. Höchste Zeit für die Medien, mal rückblickend festzuhalten, wie verdammt knapp wir da einer kosmischen Katastrophe entkommen sind.
Wir leben noch! Der Asteroid “2012 DA 14” ist an der Erde vorbei gerast, verschwindet jetzt wieder in der Tiefe des Alls.
Um 20.24 Uhr am Freitagabend erreichte der Himmelskörper seinen erdnächsten Punkt: In 27 357 Kilometern Entfernung sauste er an uns vorbei. (…)
Zu sehen war er allerdings nur mit guten Ferngläsern. Dennoch ist in der Geschichte der modernen Astronomie noch kein Himmelskörper der Erde so nahe gekommen wie “2012 DA14”.
Dass uns noch nie zuvor ein Asteroid so nahe gekommen sei, hatten auch einige Agenturen vermeldet. Viele Medien übernahmen die Info, einige hübschten sie im Sinne der Knalligkeit auch gleich noch ein wenig auf:
Zu sehen war er allerdings nur mit guten Ferngläsern. Dennoch war in der Geschichte der modernen Astronomie noch kein Himmelskörper der Erde so nahe gekommen wie “2012 DA14”.
Der Himmelskörper bewegte sich um 20.24 Uhr deutscher Zeit in 27.357 Metern Abstand an unserem Planeten vorbei, wie die Nasa am Freitag mitteilte. Dies war soweit bekannt die bisher kürzeste Distanz eines Asteroiden zur Erde.
Wahrscheinlich werden da draußen und auf dem Boulevard der Hysteriker Entfernungen anders gemessen, tatsächlich kommt 2012 DA14 der Erde nur so nahe wie noch kein anderer Himmelskörper zuvor, nahe, das sind in diesem Fall 27 500 Kilometer.
So dicht wie nie zuvor in der Geschichte der Astronomie ist ein Himmelskörper an der Erde vorbeigerast.
Um es kurz zu machen: Das ist falsch.
Wie etwa die “Near Earth Object”-Datenbank der NASA belegt, war “2012 DA14” bei weitem nicht der erste vorhergesagte Asteroid, der uns so nahe gekommen ist. “2011 MD” zum Beispiel war zwar deutlich kleiner, doch er rauschte — mit einer Distanz von knapp 12.000 Kilometern — viel dichter an unserem Planeten vorbei. Und nur der Vollständigkeit halber: Die Behauptung, “kein anderer Himmelskörper” sei der Erde jemals so nahe gekommen, ist natürlich der völlige Unsinn.
“Spiegel Online” macht sich heute per Video mal ein bisschen über das russische Staatsfernsehen lustig:
In der Beschreibung heißt es:
Das russische Staatsfernsehen ist in der Berichterstattung zu dem Meteoriten-Hagel im Ural offenbar einem betagten Internetvideo auf den Leim gegangen.
Die Off-Sprecherin ergänzt in süffisant-seriösem Ton:
Der Moderator sagt in der aktuellen Berichterstattung: “Sie sehen hier den Krater, der sich dort gebildet hat.” Dann werden Bilder gezeigt, die erstmals vermutlich schon 2007 ins Netz gestellt wurden. Für den TV-Sender hagelt es nun Spott. Denn mit dem aktuellen Meteoritenphänomen hat diese Einschlagsstelle nichts zu tun.
Gut erkannt, “Spiegel Online”! Mit dem aktuellen Meteoritenphänomen hat diese Einschlagsstelle nichts zu tun.
Sie hat sogar mit überhaupt keinem Meteoritenphänomen zu tun. Es ist nämlich gar keine Einschlagsstelle. Das Video zeigt vielmehr den als “Tor zur Hölle” bekannten Krater in Turkmenistan, der 1971 bei der Suche nach Erdgas entstanden ist.
Wenn da mal nicht jemand einem betagten Internetvideo auf den Leim gegangen ist.
Mit Dank an Lukas.
Nachtrag, 16.27 Uhr: Das ging schnell: “Spiegel Online” hat das Video gelöscht.
Nachtrag, 16.31 Uhr:Hier ist es aber noch zu sehen.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Schränkt der deutsche Staat die Pressefreiheit ein?” (zeit.de, Martin Kotynek)
Martin Kotynek fürchtet aufgrund eines noch ausstehenden Gerichturteils eine Einschränkung der Pressefreiheit in Deutschland. “Bundesbehörden sollen nicht mehr länger verpflichtet sein, Journalisten nach den Pressegesetzen Auskunft zu erteilen. Das will das Innenministerium vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig durchsetzen. Gelingt es, wäre die Pressefreiheit stark beschnitten.”
2. “Richtig, aber altbekannt” (spiegel.de, Carsten Holm)
“Bild” schreibt, RAF-Mitglied Verena Becker habe mit dem Verfassungsschutz zusammengearbeitet. “Das ist alles richtig – aber schon seit Jahren im Detail bekannt.”
4. “Die einvernehmliche Täuschung des Publikums” (journalist.de, Jens Bergmann)
PR-Termine im Journalismus: “Für Journalisten, die noch nicht total verdrängt haben, warum sie den Beruf einst ergriffen haben, ist der Job des Werbe-Onkels für Berühmtheiten natürlich sehr unbefriedigend, von der Bezahlung ganz abgesehen.”