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Der Bestätigungsfehler: Die Erwartung macht das Ergebnis

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 3: der Bestätigungsfehler.

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Der Arzt und Naturwissenschaftler Samuel Morton vermaß Mitte des 19. Jahrhunderts mehrere Tausend Schädel und zog daraus Rückschlüsse auf die Intelligenz von Menschen. Er behauptete, Belege für die Überlegenheit der “weißen Rasse” gefunden zu haben. 140 Jahre später untersuchte der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould die Ergebnisse und urteilte, sie seien ein “Mischmasch aus Pfusch und Mogelei”.

Ulrich und Johannes Frey schildern das Beispiel in ihrem Buch “Fallstricke – die häufigsten Denkfehler in Alltag und Wissenschaft”. Interessant ist es vor allem wegen der Pointe: Gould selbst fand in den Daten keinerlei Beweise für die These, dass Menschen verschiedener “Rassen” unterschiedlich intelligent sein könnten. Mortons Fehler erklärte er nicht durch Vorsatz oder Unaufmerksamkeit, sondern durch “durchgängige, einseitige Verzerrungen”. Später stellte sich allerdings heraus: Fehlerfinder Gould war genau der gleiche Fehler unterlaufen. Auch er hatte sich durchgängig verrechnet. Er selbst führte das auf seine Erwartungshaltung zurück. In einer späteren Auflage seines Buchs schrieb er, der Fehler “veranschaulicht auf meine Kosten das Kardinalprinzip des Buches”.

Und es gibt noch eine Pointe, um die wir den Text nach der Veröffentlichung ergänzt haben (hier in kursiver Schrift – Danke an Marc U. für den Hinweis), denn möglicherweise ist die Tatsache, dass dieses Beispiel sich verbreitet hat, Ergebnis des gleichen Denkfehlers.

Für eine Studie aus dem Jahr 2011, die im Buch von Ulrich und Johannes Frey (3. Auflage, 2011) noch nicht erwähnt ist, haben Wissenschaftler die Schädelsammlung von Samuel Morton neu vermessen und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass seine Daten korrekt waren. Sie stellen zwar in Frage, dass seine Erwartungen die Messungen verzerrt haben. Doch in einem Beitrag für das Magazin “New Scientist”, der im gleichen Jahr erschien, schreiben David DeGusta and Jason E. Lewis, zwei der Wissenschaftler, die an der Untersuchung beteiligt waren: “Goulds Studie und seine Ansicht, dass die Wissenschaft unweigerlich voreingenommen ist, wurde zur Konsensversion in der Wissenschaftsforschung. Goulds Behauptungen wurden selten oder nie in Frage gestellt.”

Das zeigt, wie tückisch dieses Phänomen ist: Wenn etwas gut ins Bild passt, werden wir schnell unkritisch. So schwer wäre es nicht gewesen, die Studie aus dem Jahr 2011 zu finden. Sie ist verlinkt in Samuel Mortons Wikipedia-Eintrag.

Das zugrundeliegende Prinzip nennt sich Bestätigungsfehler (Confirmation bias). Menschen bevorzugen Informationen, die zu ihren Überzeugungen passen. In einem “Geo”-Essay beschreibt Jürgen Schaefer eine Untersuchung des Neurowissenschaftlers Kevin Dunbar, der diese Verzerrung in Gehirnscans sichtbar gemacht hat: Informationen, die zu den eigenen Überzeugung passen, dürfen den frontalen Kortex passieren, alle übrigen werden abgewiesen.

Das führt dazu, dass Menschen immer neue Belege dafür finden, was sie eh schon denken — und sich dieses Wissen verfestigt. Das Phänomen ist unter Journalistinnen und Journalisten bekannt, und genau das ist Teil des Problems. Menschen, die den Bestätigungsfehler kennen, denken, sie wären vor ihm sicher (Bias blind spot). Doch das ist nicht der Fall. Er wirkt auch dann, wenn man ihn kennt. Samuel Morton ist also nicht allein mit dieser Schwäche.

Der Bestätigungsfehler ist allgegenwärtig. In den USA haben Untersuchungen zu verzerrten Darstellungen im Journalismus (Media bias) gezeigt, dass liberale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Medien tendenziell eher ein Übergewicht von konservativen Positionen ausmachen, während konservative Forscherinnen und Forscher eine Verzerrung hin zu liberalen Ansichten erkennen können.

Der deutliche Effekt der Erwartungshaltung zeigt den großen Einfluss vorgefasster Meinungen auf neutrale Daten

… schreiben Ulrich und Johannes Frey. Die Erwartung beeinflusst das Ergebnis. So funktioniert auch der Placebo-Effekt.

Menschen scheinen zudem eine Präferenz für Vertrautes zu haben. Das beschreibt der Besitztumseffekt (Endowment-Effekt). Wir schätzen den Wert von Gegenständen höher ein, wenn wir sie besitzen. Es deutet einiges darauf hin, dass das bei Informationen ähnlich ist.

Wir bevorzugen vertraute Informationen. Eine vertraute Information wird von uns als “wahre Information” behandelt

… schreiben Frey und Frey. Wenn wir eine neue Information erhalten und diese einer schon vorhandenen widerspricht, legen wir an die neue Information einen höheren Maßstab an als an die uns bekannte. Wir erinnern uns auch länger an all das, was unsere Meinungen stützt. Tests zeigen, “dass jeder Mensch bestätigende Daten bis zu drei Mal häufiger im Gedächtnis behält als falsifizierende”, so Frey und Frey.

Das begünstigt die Tendenz, bei einer Meinung zu bleiben, obwohl längst einiges gegen sie spricht. Im Journalismus verstärkt es die Neigung, an Thesen festzuhalten, wenn schon vieles darauf hindeutet, dass sie so nicht zutreffen können.

Studien zeigen, dass es nicht einmal hilft, Menschen darauf hinzuweisen, dass eine Information falsch ist (Conservatism bias). Unbewusst halten sie trotzdem an ihr fest. Die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai-Thi Nguyen-Kim beschreibt in einem Video ein Experiment, in dem Probandinnen und Probanden Abschiedsbriefe vorgelegt werden. Sie sollen einschätzen, ob die Briefe echt oder gefälscht sind. Unabhängig davon, ob sie wirklich richtig liegen, bekommen einige von ihnen die Rückmeldung, dass sie ein sehr gutes Gespür haben, während man anderen signalisiert, dass sie so gut wie immer falsch lagen. Im Anschluss klären die Versuchsleiter die Teilnehmerinnen und Teilnehmer darüber auf, dass alles nur inszeniert war, und bitten sie, einzuschätzen, wie gut sie wirklich waren. Das Ergebnis ist: Die Probandinnen und Probanden mit den positiven Rückmeldungen halten ihre wirkliche Leistung für überdurchschnittlich gut, die übrigen glauben, sie hätten eher unterdurchschnittlich abgeschnitten.

Das lässt Rückschlüsse auf die journalistische Arbeit zu. Es ist zum Beispiel ein Hinweis darauf, dass falsche Informationen nicht vollkommen dadurch aus der Welt geschafft werden können, dass man sie richtigstellt. Menschen korrigieren ihr Denken nur sehr langsam.

Der Bestätigungsfehler wirkt im Journalismus an vielen Stellen. Es fängt schon mit der Google-Recherche an. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen erzählt in seinem Buch “Die große Gereiztheit – Wege aus der kollektiven Erregung” von einer Untersuchung mit dem sperrigen Namen “Personal Web Search in the Age of Semantic Capitalism – Diagnosing the Mechanisms of Personalisation”. Forscher wollten herausfinden, wie der Google-Algorithmus die Recherche-Ergebnisse beeinflusst. Dazu legten sie Profile der Philosophen Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche und Michel Foucault an und trainierten Google jeweils mit Begriffen aus deren Büchern. Das Ergebnis:

Google personalisiert schon nach kurzer Zeit ziemlich radikal, vor allem jedoch im Feld der ersten zehn Suchergebnisse, die einem Nutzer angezeigt und aller Wahrscheinlichkeit nach geklickt werden. Im Durchschnitt waren 64 Prozent der Suchergebnisse spezifisch (…).

Personalisierte Suchergebnisse sind allerdings noch nicht einmal nötig, um Menschen zu den Ergebnissen zu führen, die sie suchen. Wer schon mal versucht hat, mithilfe von Google eine bestimmte Krankheit zu diagnostizieren, weiß: Mit so gut wie jedem Symptom lässt sich so gut wie jede Krankheit nachweisen. Und ungefähr so ist es bei der Recherche auch.

Das zeigt sich mitunter auch im Ergebnis. Die Medienwissenschafter Hans Mathias Kepplinger und Richard Lemke haben untersucht, wie Medien die Reaktorkatastrophe von Fukushima dargestellt haben (PDF). Eines ihrer Ergebnisse ist:

Je negativer sich Journalisten in den Meinungsformen äußerten, (…) desto eher kamen dort Politiker und Experten zu Wort, die die Kernenergie ablehnten und einen Ausstieg aus der Kernenergie verlangten.

Der Bestätigungsfehler wirkt natürlich auch beim Publikum, und das verstärkt den Effekt. Menschen sind zugänglicher für Nachrichten, die ihren Erwartungen entsprechen. Der Fehler ist eine Erklärung für den Erfolg von “Fake News”, Falschmeldungen oder falsch verstandenen Meldungen.

Das war zum Beispiel im April dieses Jahres zu beobachten, als die Nachricht “Die meisten Messerangreifer heißen Michael” aufgrund eines Missverständnisses die Runde machte. Die AfD hatte im saarländischen Landtag eine Anfrage gestellt, um zu erfahren, ob es auffällige Häufungen von bestimmten Vornamen bei Verdächtigen im Zusammenhang mit Messerattacken gibt. Es sah so aus, als hätte die Partei sich bei dem Versuch, ein rassistisches Vorurteil zu belegen, selbst entlarvt: Auf Platz 1 der Liste stand kein arabischer Name, sondern “Michael”. Viele teilten die Nachricht, weil sie wiederum AfD-Gegnern sehr gut ins Bild passte.

Später wies Stefan Niggemeier bei “Übermedien” darauf hin, dass es in der Liste nur um die Namen der deutschen Verdächtigen ging. Das stand zwar mitunter in den Meldungen. Aber viele hatten nur die Überschrift gelesen oder die Information ignoriert. Der Wunsch, die eigene Überzeugung bestätigt zu sehen, war stärker als der Zweifel.

Die Frage ist: Was kann man gegen den Bestätigungsfehler machen?

Zuallererst: sich bewusst machen, dass man ihm ausgeliefert ist. Sich zwingen, Dinge zu überprüfen, auch wenn sie offensichtlich erscheinen. Zweifeln. Der Philosoph und Publizist Daniel-Pascal Zorn schlägt vor:

Um der “Confirmation Bias” zu entgehen, muss man darauf achten, die eigene Vorannahme als Annahme und nicht schon als Tatsache zugrunde zu legen. Eine Annahme kann sich immer noch als falsch erweisen — eine Tatsache nicht mehr.

Für Journalistinnen und Journalisten bedeutet das: Sie sollten sich auch während ihrer Recherche immer wieder die Frage stellen: Stimmt meine These überhaupt? Kann es nicht auch anders sein? Und sie sollten bewusst auch nach Argumenten suchen, die gegen die Vermutung sprechen.

Immer wieder das eigene Handeln zu hinterfragen, schaltet den Bestätigungsfehler zwar nicht vollkommen aus, aber in vielen Fällen kann es Fehlschlüsse verhindern. Und für den Fall, dass der Bestätigungsfehler sich trotzdem durchsetzt, können Journalistinnen und Journalisten noch etwas anderes machen: offenlegen, was zu einer Verzerrung führen könnte. Kritische Verbindungen verraten. Dafür sorgen, dass Transparenz besteht.

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Teil 1 unserer “Kleinen Wissenschaft des Fehlers” gibt es hier. Und Teil 2 hier.

Heuristiken: Riskante Schleichwege fürs Denken

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 2: Heuristiken.

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Als Anfang des Jahres private Daten von Prominenten auf einer Internetseite auftauchten, war “Bild”-Chef Julian Reichelt sich sehr schnell sicher, wie alles gewesen sein musste. In Gabor Steingarts Podcast sagte er damals:

Ich glaube, was relativ klar ist: Das waren nicht ein oder zwei Jungs, die bei Pizza und Cola light im Keller gesessen haben, bisschen Computerspiele, bisschen Youtube und dann bisschen was gehackt haben und das dann aufbereitet haben. Das muss eine größere Struktur gewesen sein.

Am Ende stellte sich heraus: Reichelt hatte recht. Es waren tatsächlich nicht zwei Jungs gewesen, die ein bisschen was gehackt und dann aufbereitet hatten, es war nur einer.

Julian Reichelt ist dabei ein Fehlschluss unterlaufen, der Menschen immer wieder passiert — Journalistinnen und Journalisten sehr häufig, weil sie oft in Situationen geraten, in denen sie wenig wissen, aber trotzdem irgendetwas sagen müssen.

Wenn wichtige Informationen fehlen, um zu einer guten Einschätzung kommen zu können, müssen Menschen sich an etwas orientieren. Die verschiedenen Techniken, mit denen sie versuchen, im Nebel Halt zu finden, nennt man Heuristiken.

Menschen versuchen, sich in so einer Situation mit einer Handvoll Puzzleteilen ein vollständiges Bild zu machen. In sehr vielen Fällen gelingt das auch. Wenn man auf einem Puzzleteil eine Nase erkennen kann, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass auf den übrigen Mund und Augen zu sehen sein werden.

Wahrnehmungspsychologen nennen diese Methode Repräsentativitätsheuristik, weil Menschen dabei von einer einzelnen repräsentativen Information auf die Gesamtheit schließen. Im Falle des Puzzlestücks kann das Gesamtbild natürlich auch aus eintausend Nasen bestehen. Aber um das herauszufinden, müsste man das gesamte Bild erst zusammenzusetzen. Die Heuristik macht es möglich, sich schnell zu entscheiden.

Menschen, die “Fake News” verbreiten möchten, machen sich dieses Prinzip zunutze. Sie entwerfen Websites, die auf den ersten oberflächlichen Blick aussehen wie Nachrichtenseiten. Sie spekulieren darauf, dass die Menschen sich auf ihren ersten Eindruck und ihre Intuition verlassen und nicht ganz so genau hinschauen. Darauf fallen auch Journalistinnen und Journalisten ganz gern herein.

Als der heutige “Titanic”-Chefredakteur Moritz Hürtgen im Juni 2018 bei Twitter meldete, Horst Seehofer wolle die Fraktionsgemeinschaft zwischen CDU und CSU auflösen, hätten wenige Klicks genügt, um herauszufinden, dass der Twitter-Account @hrtgn nichts mit dem Hessischen Rundfunk zu tun hat. Aber Hürtgen hatte die Journalistinnen und Journalisten schon richtig eingeschätzt: Er hatte lediglich sein Profilbild geändert und in den Tagen zuvor ein paar Meldungen vom Hessischen Rundfunk gepostet. Die Nachrichtenagentur Reuters verließ sich darauf, dass der Account den Anschein einer seriösen Quelle hatte. Danach machte die satirische Falschmeldung die Runde.

Das Problem ist: Heuristiken liefern in der Tendenz gute Ergebnisse, sind aber recht anfällig für Fehler — vor allem dann, wenn Menschen nicht ahnen, dass ihr Urteil durch eine Heuristik zustande kommt.

In Gabor Steingarts Podcast erklärt “Bild”-Chef Reichelt seine Einschätzung so:

Ich glaube nach allem, was wir an Hacks in den letzten Jahren gesehen und erlebt haben, ist das Wahrscheinlichste immer noch, dass es zumindest staatliche Unterstützung, von welcher Seite auch immer, für diesen Hack gab.

Reichelt schaut, wie gut die Situation in ein Muster passt — wie repräsentativ sie also für eine bestimmte Situation ist. Danach bemisst er die Wahrscheinlichkeit.

In solchen Situationen machen Menschen auch oft einen anderen Fehler: Sie schätzen Wahrscheinlichkeiten falsch ein, wenn sie sich von logischen Zusammenhängen blenden lassen. Die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky nennen das Phänomen das Linda-Problem. Herausgefunden haben sie es mit einem Experiment, in dem sie Probandinnen und Probanden eine Frau beschrieben und ihnen dann Fragen stellten. Sie charakterisierten die Frau zunächst mit Merkmalen, die zu einer Feministin passen, und fragten anschließend: Was ist wahrscheinlicher:

  • Die Frau ist Bankangestellte?

Oder:

  • Die Frau ist eine feministische Bankangestellte?

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer entschieden sich mehrheitlich für die zweite Antwort, weil es logisch erscheint, dass eine feministische Frau auch eine feministische Bankangestellte ist. Allerdings ist jede feministische Bankangestellte auch einfach nur eine Bankangestellte. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau zu dieser viel größeren Gruppe gehört, ist also deutlich höher.

Diese falsche Einschätzung nennt sich Basisratenfehler: Wenn etwas offensichtlich erscheint, neigen Menschen dazu, nicht auf die tatsächlichen statistischen Wahrscheinlichkeiten zu schauen.

Julian Reichelt muss die Wahrscheinlichkeit recht hoch vorgekommen sein, dass irgendein Geheimdienst bei der Veröffentlichung der Prominenten-Daten seine Finger im Spiel gehabt haben könnte. Und nun gäbe es zwei Möglichkeiten: Entweder ist ein recht unwahrscheinliches Ereignis eingetreten — oder Reichelt hat die Wahrscheinlichkeiten falsch eingeschätzt.

In beiden Fällen ist ihm möglicherweise noch ein anderer Denkfehler unterlaufen, den Kahneman mit der sogenannten WYSIATI-Regel (What you see is all there is) beschreibt: Wenn Menschen eine Situation einschätzen, schauen sie auf die Informationen, die vor ihnen liegen. Sie bewerten das Sichtbare und unterschätzen den Einfluss des Unsichtbaren — sogar dann, wenn sie wissen, dass unbekannte Faktoren eine wichtige Rolle spielen.

Das kann dazu führen, dass Menschen Zusammenhänge konstruieren, wo keine sind — dass sie zum Beispiel davon ausgehen, dass ein außergewöhnlicher Fußballtorwart auch ein zuverlässiger Ratgeber in Finanzfragen sein muss, oder ein sympathischer Moderator auch ein guter Bundeskanzler wäre (Halo-Effekt). Dieses Prinzip nutzt die Werbung sehr gerne.

Umgekehrt kann es auch zur Folge haben, dass bekannte negative Eigenschaften einen Verdacht auf Menschen lenken, die im konkreten Fall nichts damit zu tun haben (Teufelshörner-Effekt). Mit diesem Effekt arbeiten auch Krimi-Autoren: Wenn eine Figur in einer Szene zu sehen ist, in der sie unfreundlich zu anderen Menschen ist, lenkt das auch den Verdacht im Mordfall auf sie (wobei es am Ende doch immer die Figur war, die zu Beginn von allen am sympathischsten erschien).

Es gibt noch eine Reihe weiterer Denkabkürzungen, mit denen Menschen sich behelfen, wenn sie schnell Entscheidungen treffen müssen. Zum Beispiel die Verfügbarkeitsheuristik: Wenn Menschen nicht alle relevanten Faktoren kennen, um zu einer guten Entscheidung zu kommen, überlassen sie die Bewertung ihrer Erinnerung. Das führt dazu, dass sie besonders präsente Informationen bevorzugen — also all das, was ihnen sofort in den Sinn kommt.

Im Fall der geleakten Prominenten-Daten hätten die Täter natürlich Aktivisten von irgendwoher sein können. Weil Julian Reichelt und sein “Bild”-Team die Russen aber ohnehin hinter so gut wie allem vermuten, lag wohl auch hier die Annahme nahe, dass der russische Geheimdienst etwas mit der Sache zu tun haben muss.

Die Verfügbarkeitsheuristik spielt im Journalismus an verschiedenen Stellen eine Rolle. Wenn Journalistinnen und Journalisten einen Experten suchen, der etwas zu einem Thema sagen kann, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie nicht den anrufen, der sich am besten auskennt, sondern den, der ihnen als Erstes einfällt.

Außerdem beeinflussen Medien sich bei der Auswahl von Themen gegenseitig. Berichten mehrere Redaktionen über etwas, kommt schnell die Frage auf: Warum haben wir das nicht? So gewinnt die Verbreitung an Dynamik. Und je präsenter ein Thema ist, zum Beispiel bei Twitter, desto schneller fällt es Redakteurinnen und Redakteuren in den Themenkonferenzen ein. Das führt zu einer Verzerrung, deren Ergebnis sein kann: Über ein wichtiges Thema wird nicht berichtet, weil über ein wichtiges Thema nicht gesprochen wird.

Die Verfügbarkeitsheuristik verzerrt auch die Wahrnehmung des Publikums. Wenn Meinungsforschungsinstitute Menschen fragen, wovor sie am meisten Angst haben, ist kurz nach Terroranschlägen eine häufige Antwort: vor Terroranschlägen — obwohl die Wahrscheinlichkeit, an einem Herzinfarkt, an Krebs oder bei einem Autounfall zu sterben, sehr viel größer ist.

Berichten Journalistinnen und Journalisten über diese Umfragen, führt das wiederum dazu, dass der Effekt sich verstärkt, weil beim Publikum der Eindruck entsteht: Wenn andere das auch so sehen, ist die Sorge ja offenbar nicht ganz unbegründet.

Ein weiterer Denkfehler, der in der Arbeit von Journalistinnen und Journalisten eine Rolle spielt, ist der fundamentale Attributionsfehler. Menschen neigen dazu, den Einfluss von Personen auf Ereignisse zu über- und den der Umstände zu unterschätzen. Dieser Fehler kommt zum Beispiel in der Sport- oder Wirtschaftsberichterstattung häufig vor, wenn Journalistinnen und Journalisten Erfolge der Taktik des Trainers oder der unkonventionellen Art des Vorstandsvorsitzenden zuschreiben. So ergibt sich eine stimmige Geschichte. Es kann allerdings sein, dass die unkonventionelle Art des Firmenchefs bei Rekordverlusten zwei Jahre später auch eine gute Erklärung für seinen Misserfolg ist. Tatsächlich hat der Zufall sehr großen Einfluss. Das ist allerdings eine Erklärung, von der man in der Berichterstattung nur sehr selten liest.

Gleichzeitig spielt dabei die Ergebnisverzerrung (Outcome-Bias) eine Rolle. Um die Qualität von Entscheidungen zu bewerten, schauen Menschen auf das Ergebnis. Hat eine Mannschaft gewonnen, hat der Trainer dem Anschein nach alles richtig gemacht. Es kann aber eben auch sein, dass eine Mannschaft gewonnen hat, obwohl der Trainer ihr mit seinen Entscheidungen alle erdenklichen Steine in den Weg gelegt hat.

Was aber lässt sich gegen diese Verzerrungen machen?

Das Herrschaftswissen der Verhaltensökonomie und Sozialpsychologie über Shortcuts und Fehler bei der Entscheidungsfindung (…) ist vielen Kommunikationsmanagern und -strategen, die die Medien für ihre Zwecke instrumentalisieren, inzwischen wohlvertraut. Dagegen kennen all das bisher viel zu wenige Journalisten

… schreibt der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl in seinem Buch “Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde”. Daher ist der erste Schritt: sich unbewusste Denkprozesse bewusst machen. Dann fällt man vielleicht immer noch auf sie herein, kann das aber in einem zweiten Schritt überdenken und korrigieren.

Janina Kalle hat einen interessanten Beitrag über Techniken geschrieben, mit deren Hilfe sich diese Verzerrungen entschärfen lassen. Um das Outcome-Bias auszuschalten, kann es zum Beispiel sinnvoll sein, eine andere Perspektive einzunehmen, sich zu fragen: Wäre unter den gleichen Umständen ein anderer Ausgang der Geschichte möglich gewesen?

Generell gilt: Wer sich die Wahrnehmungsverzerrungen bewusst macht, hat immerhin die Chance, sie zu erkennen. Auch Zeit ist immer von Vorteil, denn wenn das Gehirn schnelle Entscheidungen trifft, ist die Fehlerwahrscheinlichkeit hoch. Und je weniger Journalistinnen und Journalisten sich auf ihre Erinnerung und vor allem auf bloße Eindrücke verlassen, desto geringer ist die Gefahr, vom eigenen Gehirn überlistet zu werden.

Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zitiert in seinem Buch “Die große Gereiztheit” ein geflügeltes Wort us-amerikanischer Journalistinnen und Journalisten: “Wenn deine Mutter dir sagt, sie liebt dich, überprüfe es.” Für Julian Reichelt könnte man den Satz etwas abwandeln: “Wenn dein Gefühl dir sagt, es waren die Russen, recherchiere es.”

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Teil 1 unserer “Kleinen Wissenschaft des Fehlers” gibt es hier.

Bilanz der Pressefreiheit, China-Nähe der “Weltwoche”, Gelbkehlchen

1. Jahresbilanz der Pressefreiheit
(reporter-ohne-grenzen.de)
Zum Jahresende veröffentlicht Reporter ohne Grenzen die “Jahresbilanz der Pressefreiheit” (PDF). 2019 seien mindestens 49 Medienschaffende im Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet worden. Die gefährlichsten Länder für sie seien Syrien, Mexiko, Afghanistan, Pakistan und Somalia gewesen. 389 Medienschaffende hätten zum Stichtag 1. Dezember im Gefängnis gesessen, fast die Hälfte von ihnen in nur drei Ländern: China, Ägypten und Saudi-Arabien.

2. Ausufernde Jugendgewalt?
(community.beck.de, Henning Ernst Müller)
Strafrechtsprofessor Henning Ernst Müller berichtet über eine gerade veröffentlichte kriminalstatistische Studie zur Jugendkriminalität. Sein Resümee: “Die Jugend ist in der vergangenen Dekade nicht gewalttätiger geworden, sondern Jugendgewalt ist — im Gegenteil — deutlich zurückgegangen. Derzeit spricht viel dafür, dass dieser Trend anhält, auch wenn die Utopie einer gewaltfreien Gesellschaft wohl eine bleiben wird.”

3. Ein koksender Koch im TV, ein Joke in einem Nebensatz, eine Abmahnung der Kanzlei Höcker – und warum ich vielleicht ein bisschen Unterstützung gebrauchen könnte
(kraftfuttermischwerk.de, Ronny Kraak)
Blogger Ronny Kraak (“Kraftfuttermischwerk”) hat unangenehme Anwaltspost bekommen: Die in vielerlei Hinsicht bekannte Anwaltskanzlei Höcker hat ihm eine Abmahnung zukommen lassen, die er nicht unwidersprochen lassen will. Wenn da nicht die Sache mit dem Geld wäre: “Mein Problem: der Bums könnte mich am Ende um die 5000 Euro kosten, wenn ein Gericht dann halt für die Rechtsauffassung der Kanzlei Höcker entscheidet, was nicht sicher ist, denn mit dieser greifen auch die hin und wieder mal ins Klo. Auch mit anderen Dingen, aber um die soll es gerade nicht gehen.”

4. Unterwegs im Ausland: die Arbeit als Korrespondent/in
(anchor.fm, Levin Kubeth, Audio: 1:15:40 Stunden)
Levin Kubeth unterhält sich im Medienpodcast “Unter Zwei” mit Fabian Reinbold, Washington-Korrespondent von t-online.de, und mit Karoline Meta Beisel, EU-Korrespondentin der “Süddeutschen Zeitung” in Brüssel. Es geht unter anderem um die Schwierigkeiten und Besonderheiten derartiger Auslandseinsätze, ihre Arbeitsabläufe und die Frage, wie es ist, in einem kleinen Team über ein ganzes Land zu berichten.

5. Roger Köppels seltsame Nähe zu den chinesischen Kommunisten
(nzz.ch, Simon Hehli & Daniel Gerny)
Die “NZZ” berichtet über eine “bemerkenswerte Kooperation” der rechtslastigen Schweizer Wochenzeitung “Weltwoche” mit der chinesischen Botschaft. Der “NZZ” lägen Kopien von Mails vor, die darauf hindeuten würden, dass die “Weltwoche” für ihre chinafreundliche Berichterstattung mit Gegenleistungen belohnt werde: Die chinesische Botschaft habe chinesischen Firmen, die in der Schweiz tätig sind, die Übernahme der Kosten für Werbung in dem Blatt angeboten. Dabei gehe es um ganzseitige Anzeigen im Wert von jeweils über 10.000 Franken.

6. Gelbkehlchen
(sueddeutsche.de, Maresa Sedlmeir)
Maresa Sedlmeir erzählt von einem Synchronauftrag für die “Simpsons”. Bei dem interessanten Blick hinter die Kulissen geht es auch um Kulturunterschiede hinsichtlich Wertschätzung und Bezahlung: Während in den USA die “Simpsons”-Sprecher und -Sprecherinnen gefeierte und hoch bezahlte Stars seien, könne in Deutschland keine der “Simpsons”-Stimmen ausschließlich von dieser Arbeit leben.

7. Fehlerforschung: Jeder zweite Artikel hat Mängel
(bildblog.de, Ralf Heimann)
Ausnahmsweise ein (zusätzlicher) Link in eigener Sache: Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Hier Teil 1: die Fehlerforschung.



Fehlerforschung: Jeder zweite Artikel hat Mängel

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 1: die Fehlerforschung.

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In der Medizin gibt es ein seltenes neurologisches Phänomen, das bekannt ist als das Anton-Syndrom: Die Betroffenen sind blind, sie merken das aber nicht. Sie sind auch nicht der Meinung, dass ihr Sehvermögen eingeschränkt wäre. Wenn man ihnen einen Gegenstand zeigt, beschreiben sie ihn sehr genau und ausführlich, allerdings vollkommen falsch.

Wenn Journalistinnen und Journalisten über Fehler sprechen, die in ihren Redaktionen gemacht werden, erinnern ihre Einschätzungen manchmal an dieses Syndrom. Die Zeitungsforscher Donica Mensing and Merlyn Oliver haben für eine Studie im Jahr 2005 (PDF) eine Umfrage unter 113 Redakteurinnen und Redakteuren kleinerer Zeitungen in den USA durchgeführt. Knapp 60 Prozent der Befragten glaubten, dass faktische Fehler höchstens einmal in der Woche passieren.

Wenn Wissenschaftler in den vergangenen Jahren die Fehler in Zeitungen untersucht haben, kamen sie regelmäßig zu ganz anderen Ergebnissen.

Der Journalismus-Forscher Mitchell Charnley war im Jahr 1936 der Erste, der sich intensiv mit diesem Thema beschäftigte. Für seine Studie “Preliminary Notes on a Study of Newspaper Accuracy” untersuchte er etwa eintausend Texte aus drei lokalen Zeitungen. Das Ergebnis war: In fast jedem zweiten Artikel fand sich mindestens ein Fehler.

Eine naheliegende Vermutung wäre: Die Ergebnisse hängen stark mit der Zeit und vielleicht auch der schlechten Qualität dieser drei Zeitungen zusammen, die Charnley untersucht hat. Doch spätere Studien mit anderen Zeitungen kommen zu ganz ähnlichen Ergebnissen: In 40 bis 60 Prozent aller Artikel war mindestens ein Fehler.

Wie lässt sich das erklären? Dass Redakteure und Schlussredakteurinnen reihenweise Mängel übersehen und diese auch danach niemandem in den Redaktionen auffallen, ist auf den ersten Blick eher unwahrscheinlich. Doch genau so war es.

Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, muss man sich Charnleys Methodik ansehen. Für seine Studie schickte er die Artikel, die er analysierte, an die Protagonistinnen und Protagonisten oder die zitierten Quellen.

Sie fanden zum einen falsch geschriebene Namen, nicht korrekte Titel, typografische Patzer oder Ungenauigkeiten im Bedeutungsinhalt — also Dinge, die man objektiv als falsch bezeichnen kann. Aber sie bemängelten auch Darstellungen, die Journalistinnen und Journalisten gar nicht Fehler nennen würden: wichtige Informationen, die nicht im Text enthalten waren, Zitate in missverständlichen Zusammenhängen oder falsche Interpretationen.

In diese Gruppe von Fehlern gehören auch irreführende Überschriften, Über- und Untertreibungen, also Einschätzungen, die in einigen Fällen einfach in die Kategorie Meinung fallen, in anderen aber tatsächlich die Grenze dessen überschreiten, was man noch als richtig bezeichnen kann. In späteren Studien nannten Forscher diese Art von Mängeln subjektive Fehler — im Gegensatz zu den objektiven.

Vor allem, wenn Informationen fehlen, berufen sich Journalistinnen und Journalisten gern darauf, dass es ja nun einmal ihre Aufgabe sei, die verschiedenen Aspekte zu bewerten und auszuwählen — und dass dies eben dazu führen könne, dass manche Informationen sich später im Text nicht wiederfinden.

In vielen Fällen stimmt das, denn was Menschen als wichtig beurteilen, hängt sehr von der jeweiligen Perspektive und der Interessenlage ab. Klassischer Fall in der Lokalberichterstattung: Organisatoren einer Veranstaltung halten es für enorm wichtig, dass in einem Bericht auch die Sponsoren genannt werden. Für Journalistinnen und Journalisten ist das meist ein eher unwichtiges Detail.

Journalistinnen und Journalisten neigen allerdings auch dann dazu, sich auf ihre journalistische Freiheit zu berufen, wenn sie tatsächlich etwas objektiv Wichtiges unterschlagen haben. Das Bewusstsein für Fehler dieser Art ist nicht besonders ausgeprägt. Das zeigt auch die Studie von Mensing und Oliver: Über die Hälfte der befragten Redakteurinnen und Redakteure waren der Meinung, diese Art von Bedeutungsfehlern (falsche Interpretationen oder fehlende Informationen) kämen so gut wie nie oder allenfalls ein paar Mal im Jahr vor.

Dabei spielt diese Art von Fehlern in der Wahrnehmung des Publikums (oder zumindest der befragten Quellen) eine wichtige Rolle. Der Fehlerforscher Scott Maier hat für eine im Jahr 2002 erschienene Studie über 504 Quellen zu 553 lokalen Berichten befragt. In seiner Auswertung schreibt er:

Der am häufigsten zitierte subjektive Fehler betraf nicht das, was in der Zeitung berichtet wurde, sondern das, was weggelassen wurde: 25 Prozent der subjektiven Fehler machen das aus, was Nachrichtenquellen als “wesentliche Information fehlt” bezeichnen. Nachrichtenquellen hielten subjektive Fehler für gravierender als sachliche Fehler.

Genau die Fehler, die Quellen für schwerwiegend halten, sind also jene, die von Journalistinnen und Journalisten nicht als solche empfunden werden — oder von der Korrekturinstanz nicht gefunden werden können. Hinzu kommt, dass Leserinnen und Leser von Fehlern dieser Art nur selten erfahren, wenn sie selbst nicht fündig werden. Medien korrigieren nur selten Dinge transparent, die einfach nur missverständlich sind oder nicht vollständig.

Dabei hängt die Glaubwürdigkeit eines Artikels stark davon ab, ob er Fehler enthält. Auch das ist ein Ergebnis von Maiers Studie. Danach beeinflussen Fehler allerdings vor allem die Glaubwürdigkeit einzelner Texte, nicht die der gesamten Zeitung. Wobei sich zeigt: Am wenigsten glaubwürdig waren die Blätter — das ist keine so große Überraschung –, die sensationslustig berichten, Geschichten verzerrt darstellen und auch Fehler in Kauf nehmen, um viele Leserinnen und Leser zu erreichen.

Dabei gilt auch für seriöse Medien: Wenn Redaktionen diese Art von Ungenauigkeiten nicht ernst nehmen, befördert das nur einen Eindruck, der eh schon existiert: Der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl wertet in seinem Buch “Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde” eine Untersuchung der Medienforscherin Christine Urban aus dem Jahr 1999 aus. Russ-Mohl fasst zusammen:

Verblüffend war vor allem, dass die Publika mitunter deutlich realistischer als die Journalisten selbst bewerteten, wie fehleranfällig Redaktionsarbeit ist und wie leicht sie sich fremdsteuern lässt. Fast 80 Prozent der Befragten waren der Auffassung, dass sich Journalisten leicht manipulieren lassen; die Journalisten selbst teilten nur knapp zur Hälfte diese Meinung.

Es gibt viele Möglichkeiten, die Wahrscheinlichkeit von Fehlern zu senken. Die meisten haben allerdings den Nachteil, dass sie Geld kosten. Vor allem Schlussredakteurinnen und Schlussredakteure sind aus diesem Grund etwas aus der Mode gekommen. Auch Ombudsleute, also neutrale Ansprechpartner für das Publikum und auch intern für die Journalistinnen und Journalisten, sind selten. Sie können sinnvoll sein, wenn sie einen gewissen Grad an Unabhängigkeit von der Redaktion besitzen und nicht gerade Ernst Elitz heißen. Wichtig sind Ombudsleute vor allem — das zeigt zum Beispiel der Abschlussbericht zum Fall Relotius beim “Spiegel” –, weil innerhalb der Redaktion oft die Tendenz besteht, Hinweise auf Fehler nicht ganz so ernst zu nehmen. Und sie sind wichtig, weil Redaktionen auf diese Hinweise angewiesen sind.

Der erste Schritt aber wäre, sich Unvollkommenheit als Normalfall vorzustellen. Und dabei kann der Journalismus zum Beispiel von der Luftfahrt lernen, wo man sich verständlicherweise etwas intensiver mit Fehlern beschäftigt. “Wir sind weg von dem Gedanken, dass wir Fehler vermeiden können. Das können wir nicht”, sagt Jan Hagen. Der Berliner Wirtschaftsprofessor erforscht, wie Fluggesellschaften mit Fehlern umgehen. Nicht der Fehler sei das Problem, sondern der vertuschte Fehler, sagt er.

Die Tendenz, Fehler zu verheimlichen, ist auch ein kulturelles Problem. In individualistisch geprägten Ländern wie den USA oder Deutschland wird der Fehler als Versagen des Einzelnen verstanden; in kollektivistisch geprägten Kulturen gilt er hingegen eher als Funktionsschwäche des Systems. Daher ist es dort leichter, einen Fehler zuzugeben. Ihn zu verschweigen, schadet nach diesem Verständnis auch den übrigen Mitgliedern des Kollektivs. Deswegen kann der Umgang mit Fehlern auch in deutschen Redaktionen sich nur dann ändern, wenn klar ist: Es geht nicht darum, einen Schuldigen zu identifizieren.

Was genau damit gemeint ist, hat Brigitte Fehrle aus der “Spiegel”-Relotius-Kommission in einem Interview mit dem Medienmagazin “Zapp” erklärt:

Uns ist immer wieder begegnet hier im Haus, wenn wir mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesprochen haben, wenn wir gefragt haben: Ja, wenn ihr doch seht, dass da dies und dies schiefläuft, warum sagt ihr das nicht? Und dann kommt immer der Satz: Ja, wir wollen hier niemanden anschwärzen. Und ich glaube, darin liegt ein ganz, ganz grundlegendes Missverständnis — weil in einem Unternehmen ist man nicht privat, sondern man ist für das Produkt mitverantwortlich. Und da geht es nicht darum, dass man jemanden anschwärzt, sondern dass man einen Fehler benennt, der dem Unternehmen schaden könnte.

Damit sich dieses Denken etabliert, muss das bisherige aber zuallererst verschwinden. Wahrscheinlicher ist mit Blick auf die Vergangenheit allerdings ein anderes Szenario: Wenn etwas schiefgeht, ringt man sich zu ein paar kleineren Veränderungen durch. Ansonsten geht alles so weiter wie bisher.

“The Buzzard”, Versteckte TikTok-Videos, Böhmermanns Abschied

1. Ein merkwürdiges Verbrechen
(spiegel.de, Thomas Fischer)
Der frühere Bundesrichter und heutige “Spiegel Online”-Kolumnist Thomas Fischer schreibt über den Tötungsdelikt von Augsburg und geht auch auf die Berichterstattung darüber ein: “Auf der Stecke bleiben dabei die Betroffenen: Die Tatopfer, aber auch die Beschuldigten. Sie werden zu Spielbällen einer willkürlich, zufällig und zynisch erscheinenden Konstruktion von Medien-Wirklichkeit erniedrigt. Auch die Wahrheit bleibt auf der Stecke, wenn Kriminalität nurmehr als Abfolge von ‘Unfassbarem’, als Anlass sich steigernden ‘Abscheus’, als unterhaltsame Serie über die schlimmsten Täter, die ärmsten Opfer und die härtesten Knäste wahrgenommen wird.”

2. Den Blick auf die Welt weiten – mit rechtsradikalen Blogs?
(uebermedien.de, Felix Huesmann)
“Mit Buzzard bekommst du einen ganz neuen Zugang zur Nachrichtenwelt. Eine App, die deinen Blick weitet für Perspektiven des ganzen Meinungsspektrums”, verspricht das Medien-Startup “The Buzzard” und sammelte bei einem Crowdfunding rund 170.000 Euro ein. Nun gibt es aber reichlich Gegenwind: In einer Art Prototyp gehörte zum “ganzen Meinungsspektrum”, das “The Buzzard” abbilden will, auch das rechtsextreme und islamfeindliche Blog “PI-News”. Mehrere prominente “The Buzzard”-Unterstützerinnen und -Unterstützer sind inzwischen abgesprungen, die Rechtfertigungen der Projektverantwortlichen machen es eher nur schlimmer. Felix Huesmann schreibt bei “Übermedien”: “‘The Buzzard’ hat es nach zweieinhalb Jahren laufenden Betriebs des Prototyps nicht geschafft, ein funktionierendes Konzept für den Umgang mit rechtsextremen, rassistischen und verschwörungstheoretischen Seiten zu entwickeln.”

3. “Kollegen sind immer mehr Drohungen ausgesetzt”
(sueddeutsche.de, Oliver Das Gupta)
Oliver Das Gupta hat sich mit Jamie Angus, dem Direktor der BBC World Service Group, über Journalismus in Zeiten des britischen Wahlkampfs, Drohungen gegen BBC-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, sowie Boris Johnsons Weigerung, dem bekannten Journalisten Andrew Neil ein Interview zu geben, unterhalten.

4. TikTok: Ich habe China kritisiert, dann wurden meine Videos versteckt
(vice.com, Sebastian Meineck)
Bei “Vice” wollten wissen: “Was passiert, wenn wir auf TikTok China kritisieren?” Daher postete Tech-Redakteur Sebastian Meineck mehrere Videos mit Hashtags wie #freexinjiang, #chinacables oder #culturalgenocide in dem Sozialen Netzwerk. Das Ergebnis seines Experiments: Videos, die aus der Hashtag-Suche der Smartphone-App verschwinden, wofür laut TikToks PR-Abteilung natürlich nur ein “Bug” verantwortlich sein soll.
Weiterer Lesetipp: “TikTok ist die angesagteste Video-App unter Kindern und Jugendlichen. Doch manche Nutzer verleiten ihre Zuschauer in Livestreams zu virtuellen Geldgeschenken — mit fragwürdigen Versprechungen”: Die dubiose Seite der TikTok-Welt (spiegel.de, Markus Böhm).

5. Das Coming-out einer Transgender-Chefin im WDR
(wdr.de, Andrea Moos, Video: 4:16 Minuten)
Georgine Kellermann ist Chefin im WDR-Studio in Essen. Mit 62 Jahren hat sie ihr Coming-out als Transgender. Dass das für sie erst jetzt möglich ist, liege auch an ihrem Beruf: “Um die Welt fliegen und Geschichten erzählen — meine Angst war, dass das nicht mehr passieren würde. Ich war so glücklich in dem, was ich tat, dass meine Sorge einfach war: Wenn ich jetzt werde, wer ich bin, dass ich dann nicht mehr tun kann, was ich liebe.”

6. Böhmermanns Abschied: So war die letzte Ausgabe vom “Neo Magazin Royale”
(rnd.de, Imre Grimm)
Gestern lief die letzte Folge “Neo Magazin Royale” bei ZDFneo. Moderator Jan Böhmermann wechselt kommendes Jahr ins ZDF, also das richtige, große ZDF. Imre Grimm hat sich das “Neo Magazin Royale”-Finale angeschaut und überlegt, was Böhmermann fürs Hauptprogramm noch fehlt.

Bild  

Unfallursache: Frau

Im baden-württembergischen Gerlingen ist, hehe, in der Nacht zu Mittwoch ein Auto, prust, in eine Hauswand gekracht, und, gleich kommt die Pointe, am Steuer saß, zwinkerzwinker, eine Frau!

Oder wie “Bild” schlagzeilt:

Ausriss Bild-Zeitung - Morgens um 4 Uhr und eine Frau am Steuer - dazu ein Foto des zerstörten Unfallwagens

Ja, doch, die “Bild”-Redaktion bewegt sich noch immer auf dem Niveau von eigentlich längst eingemotteten Stammtischkloppern wie “Frau am Steuer, das wird teuer”: Es sei “keine Bombe” gewesen, die dort am Unfallort eingeschlagen ist, …

sondern ein BMW. Mit einer Frau (26) am Steuer, morgens um 4 Uhr.

In den 43 Zeilen, die der Artikel aus der Stuttgart-Ausgabe der “Bild”-Zeitung umfasst, war zwar Platz für eine Beschreibung der “großen Steinbrocken”, die nun “auf dem schönen, weißem Ledersofa liegen”, und für den Hinweis, dass die Fahrerin “in einer Linkskurve (…) die Kontrolle über ihren Wagen” verlor; die wahrscheinlichen Unfallursachen passten aber leider nicht mehr hinein. Neben zu hoher Geschwindigkeit dürfte das vor allem Alkohol gewesen sein. Das zuständige Polizeipräsidium Ludwigsburg schreibt in seiner Pressemitteilung jedenfalls:

Vermutlich infolge von Alkoholeinwirkung und nicht angepasster Geschwindigkeit ist die 26-jährige Fahrerin (…) von der Fahrbahn abgekommen (…)

Bei der Autofahrerin stellten Polizeibeamte Anzeichen von Alkoholeinwirkung fest und veranlassten die Entnahme einer Blutprobe.

Bei “Bild” machen sie daraus lieber: Unfallursache: Frau.

Mit Dank an @Medienfestival für den Hinweis!

Bedrohung durch Neonazis, Redaktion im Schleudergang, Esoterik-Murks

1. So bedrohen Neonazis kritische Journalisten
(blog.zeit.de, Jonas Miller & Jens Eumann & Henrik Merker)
Journalistinnen und Journalisten, die über Rechtsextremismus und Neonazis berichten, sind immer wieder Einschüchterungsversuchen und Angriffen ausgesetzt. Im “Störungsmelder”-Blog bei “Zeit Online” erzählen Jonas Miller, Jens Eumann und Henrik Merker, “wie es ist, im Fadenkreuz der Szene zu stehen.”

2. Daphne Caruana Galizia: Druck auf Maltas Regierung steigt
(ndr.de, Ellen Trapp, Video: 6:00 Minuten)
Zwei Jahre ist es her, dass die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia durch einen Anschlag mit einer Autobombe ermordet wurde. In den vergangenen Wochen ist wieder Bewegung in den Fall und die dazugehörigen Ermittlungen gekommen — bis hin zu einer Rücktrittsankündigung von Maltas Premierminister Joseph Muscat. Ellen Trapp fasst die Ereignisse im Medienmagazin “Zapp” zusammen.

3. Eine Redaktion im Schleudergang
(sueddeutsche.de, Verena Mayer & Jens Schneider)
Die frühere Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde Marianne Birthler und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk legten gestern ein Gutachten zur Stasi-Vergangenheit des Neu-Verlegers Holger Friedrich vor, der gemeinsam mit seiner Frau Silke den Berliner Verlag und damit auch die “Berliner Zeitung” gekauft hatte. Verena Mayer und Jens Schneider fassen die Ergebnisse des Gutachtens (und zusätzlich die weiteren Querelen rund um die Friedrichs) zusammen: “Die Gutachter betonen ausdrücklich ihren Respekt gegenüber den Redaktionen des Berliner Verlags, ‘die in einer schwierigen Situation versucht haben, trotz bestehender Abhängigkeitsverhältnisse so unabhängig wie irgend möglich vorzugehen und vor allem den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes Urteil zu bilden’.”
Weiterer Lesetipp: Die “Berliner Zeitung” richtet sich in einem “In eigener Sache” an die Leserinnen und Leser und veröffentlicht neben einem Brief des Gutachter-Duos Birthler und Kowalczuk auch dessen ausführlichen Bericht.

4. Medien wollen mehr
(taz.de, Christian Rath)
Ein Bündnis aus Journalistengewerkschaften und dem Deutschen Presserat, dem Netzwerk Recherche, Verlegerverbänden und dem Verband privater Medien sowie ARD und ZDF fordert vom Bundestag ein Presseauskunftsgesetz. Christian Rath erklärt: “Die Lücke, die ein derartiges Gesetz schließen soll, besteht seit 2013. Bis dahin galt für Medienanfragen an Bundesbehörden das Pressegesetz des jeweiligen Bundeslandes, in dem die Behörde ihren Sitz hatte. Für Anfragen an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Zirndorf galt zum Beispiel das bayerische Pressegesetz. Völlig überraschend stellte jedoch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig 2013 fest: Für Presseauskünfte gegen Bundesbehörden ist ein Bundesgesetz erforderlich. Ohne ein entsprechendes Bundesgesetz gelte nur ein ‘Minimalstandard’, der unmittelbar aus dem Grundrecht auf Pressefreiheit abzuleiten sei.”

5. Dieser Twitter-Account gibt sich als syrischer Flüchtling aus
(correctiv.org, Alice Echtermann)
“Dawuhd Nabil” ist angeblich “Syrian Refugee, Muslim, Activist” und twittert ziemlich provozierende Aussagen, die immer wieder für reale unverschämte Forderungen eines syrischen Flüchtlings gehalten werden. Alice Echtermann hat die Hintergründe des Accounts recherchiert und konnte keine Spuren eines echten “Dawuhd Nabil” finden. Ihr Fazit: Es handele sich “um einen Fake-Account”, der “Beiträge unter falscher Flagge veröffentlicht”.

6. Leuchtender Feind im Klassenzimmer
(kontextwochenzeitung.de, Jürgen Lessat)
In der SWR-Sendung “Marktcheck deckt auf” über “Das Geschäft mit LED-Lampen” gab es auch ein “Experiment” in einem Klassenzimmer: Können Schülerinnen und Schüler unter LED-Leuchten schlechter lernen als unter Halogenlampen? Jürgen Lessat hat sich den Beitrag für “Kontext” angeschaut und die Merkwürdigkeiten festgehalten, die Hintergründe der präsentierten “Lichtexperten” recherchiert und beim SWR nachgefragt: “Warum verschweigen die ‘Marktchecker’ das anthroposophische Weltbild der aufgebotenen Lichtexperten? Warum suggerieren sie Wissenschaftlichkeit, wo esoterische Maßstäbe angelegt werden? Das wollte Kontext vom SWR wissen.”

Herkunft von Tatverdächtigen, feindseliges Verhalten, DJV-Sexyness

1. Wie oft nennen Medien die Herkunft von Tatverdächtigen?
(mediendienst-integration.de, Jennifer Pross)
Die Hochschule Macromedia hat für eine Studie nachgeschaut, wie oft und in welchen Fällen Redaktionen die Herkunft von Tatverdächtigen in ihrer Berichterstattung nennen. Jennifer Pross fasst die Ergebnisse für den “Mediendienst Integration” zusammen: Die Herkunft werde “vor allem dann genannt, wenn die Tatverdächtigen Ausländer sind.” Außerdem hat Studienautor Thomas Hestermann für den “Mediendienst Integration” eine ausführliche “Expertise” erstellt (PDF). Er nennt darin teils erschreckende Zahlen, etwa: “Verglichen mit der Polizeilichen Kriminalstatistik, ergibt sich daraus ein stark verzerrtes Bild: Während die Polizei 2018 mehr als doppelt so viele deutsche wie ausländische Tatverdächtige erfasste, kommen in Fernsehberichten mehr als 8 und in Zeitungsberichten mehr als 14 ausländische Tatverdächtige auf einen deutschen Tatverdächtigen.”
Weitere Lesetipps: Keine “Lückenpresse” (deutschlandfunk.de, Gudula Geuther), Die Gefahr der Obsession (taz.de, Peter Weissenburger) und Bizarrer Fetisch: Mann wird nur von Verbrechen erregt, wenn sie von Ausländern begangen werden (der-postillon.com).

2. Impulse aus Straßburg zur grundrechtlichen Bewertung feindseligen Verhaltens Privater gegenüber Journalist*innen
(juwiss.de, Tobias Brings-Wiesen)
Nachdem die NPD zu einer Demonstration gegen drei Journalisten aufgerufen hatte, schreibt Jurist Tobias Brings-Wiesen darüber, “wie schwierig in der grundrechtlichen Bewertung die Abgrenzung zulässiger Opposition von grenzüberschreitender Oppression sein kann”: “Der Sachverhalt bietet daher Anlass zu grundsätzlichen Überlegungen, wie mit feindseligem Verhalten Privater gegenüber Journalist*innen — auch unterhalb der Schwelle physischer Attacken — auf Ebene der Grundrechte umzugehen ist.” Er bringt dazu die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ins Spiel, bei der es um ein “environment protective of journalism” geht.

3. Fehler im Atom-Kommentar
(blogs.taz.de, Malte Kreutzfeldt)
In einer “taz”-Beilage ist ein Text zum Thema Atomkraft erschienen (Überschrift: “Atomenergie als kleineres Übel”), der in einem Workshop von Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten entstanden ist. Malte Kreutzfeldt schreibt im “taz”-eigenen “hausblog” dazu: “Bei dem Text der beiden Workshop-Teilnehmer*innen handelt es sich um einen Kommentar, und natürlich kann man zum Sinn der Atomkraft unterschiedlicher Meinung sein. Aber auch in Kommentaren müssen die Fakten stimmen, auf denen die Meinungen beruhen. Und das ist in diesem Text, wie auch zahlreicher Leser*innen anmerkten, an mehreren Stellen leider nicht der Fall. Folgendes möchten wir darum an dieser Stelle klarstellen”.

4. Auf der Suche nach mehr Sexyness
(deutschlandfunk.de, Vera Linß)
Zum 70. Geburtstag des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) spricht Vera Linß über die “Attraktivitätsprobleme” der Gewerkschaft: “Die Mitgliederzahl ist seit 2003 um 10.000 gesunken — auf derzeit 32.000. Denn junge Leute bleiben fern. Früher ging man nach dem Volontariat direkt in die Gewerkschaft. Heute ist das nicht mehr so. Das hat zum einen finanzielle Gründe. Aber auch die Überalterung des DJV schreckt viele ab.”
Weiterer Hörtipp: Jörg Wagner und Daniel Bouhs hatten im Medienmagazin des rbb den DJV-Vorsitzenden Frank Überall zu Gast.

5. Werbe-Tracking: Datenschutzbeauftragte prüft Landesportal berlin.de
(heise.de, Stefan Krempl)
Berlins Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk sagt, “das offizielle Hauptstadtportal” Berlin.de handle “für das Land Berlin ‘rufschädigend'”, weil es über Werbetracker reichlich Daten der Benutzerinnen und Benutzer absaugt. Stefan Krempl erklärt bei heise.de: Die Betreiberfirma hinter Berlin.de, Berlin Online, gehöre zu 74,8 Prozent dem Berliner Verlag, der bekanntermaßen dem Neu-Verlegerpaar Silke und Holger Friedrich gehört.
Weiterer Lesetipp: Netzpolitik.org über “die wirre Geschichte einer Hauptstadt-Website”.

6. Wir müssen Autorinnen ermuntern
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jakob Buhre hat ein “Kurz-Interview” mit Jörg Schönenborn geführt. Gewohnt hartnäckig fragt Buhre bei dem Fernsehdirektor des WDR und Koordinator Fernsehfilm in der ARD nach, ob dieser Interesse daran habe, dass mehr Frauen die Drehbücher von “Tatort” und “Polizeiruf” schreiben (aktuell liege der Anteil bei unter 10 Prozent), und ob Schönenborn es in Ordnung finde, dass bei der ARD für Dokumentationen vergleichsweise wenige Gelder vorhanden sind (allein der “Tatort” erhalte beinahe so viel Budget wie alle Dokumentarfilme zusammen).

Schumachers Belästiger, Immer gehendes Blaulicht, Feinde des Sports

1. Gericht verbietet Luftaufnahmen von Schumachers Anwesen
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
“Das neue Blatt” aus dem Hause Bauer ist bekannt dafür, das Schicksal von Michael Schumacher besonders skrupellos auszuschlachten. Nun hat ein Gericht die Veröffentlichung von teilweise hochauflösenden Dronenaufnahmen eines Schumacher-Anwesens auf Mallorca verboten. Der Verlag gibt sich gewohnt hartleibig und uneinsichtig und will gegen den gerichtlichen Beschluss in Berufung gehen.

2. “In jedem Text lauert eine Relotius-Gefahr”: Warum Lead Awards-Macher Peichl ein Umdenken bei den Medien vermisst
(meedia.de, Gregory Lipinski)
Anlässlich der Verleihung der Lead Awards hat “Meedia” mit dem Lead-Award-Organisator Markus Peichl gesprochen. Es geht unter anderem um die Folgen der Relotius-Affäre und den Besitzerwechsel beim Berliner Verlag: “Die Übernahme der ‘Berliner Zeitung’ durch das Unternehmer-Ehepaar Silke und Holger Friedrich hat alle überrascht und baff gemacht. Doch man lernt: Macht es einen zuerst ‘baff’, kommt meist ein ‘Paff’ hinterher.”

3. Blaulicht-Themen gehen immer
(deutschlandfunk.de, Vanja Budde)
Die Auflage der “Märkischen Oderzeitung” ist in den vergangenen zehn Jahren um rund 20.000 Stück auf die derzeitige Gesamtauflage von etwa 77.000 Exemplaren zurückgegangen. Nun heißt das Motto: “online first”. Welche Themen besonders beliebt sind? Laut Online-Redakteurin Katrin Hartmann liefen die “Blaulicht”-Themen immer gut, aber auch Kitaplätze und -gebühren seien Dauerbrenner und, na klar, die Rückkehr des Wolfes.

4. Man hat den Sport durchkapitalisiert
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Der Journalist Hajo Seppelt ist für einige bemerkenswerte und folgenreiche Reportagen zu Manipulationen und Doping im Sport verantwortlich, in denen er illegale Praktiken aufdeckte. Nun hat er des Buch “Feinde des Sports” vorgelegt. Darin geht es um eine überaus spannende Thematik, über die sich Jakob Buhre von “Planet Interview” mit Seppelt unterhalten hat.

5. “Es wird nach wie vor nicht angemessen gezahlt”
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Als Vorsitzender des Bundesverbands der Fernsehkameraleute kritisiert Frank Trautmann die seiner Meinung nach zu niedrige Entlohnung von Kameraleuten. Im Gespräch mit “DWDL” geht es um Strategien, dies zu ändern, und die Frage eines Mindesthonorars für die Branche: “Wir haben uns lange dagegen gesträubt, ein Mindesthonorar zu nennen, weil wir dachten ein Minimum würde leicht als Standard missverstanden werden. Inzwischen haben wir festgestellt: Dieses Mindesthonorar ist oft noch mehr als das, was viele Kameraleute tatsächlich bekommen.”

6. Das Ende von “mehr, mehr, mehr”
(journalist-Magazin.de, Christian Lindner)
In der Serie “Mein Blick auf den Journalismus” äußern sich prominente Persönlichkeiten der Branche zu Gegenwart und Zukunft des Journalismus. Diesmal: Christian Lindner, ehemaliger Chefredakteur der “Rhein-Zeitung” und bis vor Kurzem stellvertretender “Bild am Sonntag”-Chef. Seine Vorstellung von der Zukunft: “Journalistische Kompetenz wird beim Aufspüren, Sammeln, Sichten, Sortieren, Übersetzen und Aufbereiten dieser Informationen weiter gefragt sein. Eine gewisse Klientel wird auch Fan-Freude an medialen Leitwölfen haben, die mit Verve oder gar Furor ihre Sicht der Welt unters Volk bringen. Die Zukunft aber wird nicht den Journalisten und Angeboten gehören, die vermitteln: ‘Das sollten Sie denken.’ In unsere auch durch das Digitale ebenso aufgeklärte wie verunsicherte Zeit werden vielmehr jene Medienmacher und Produkte passen, die ihrem Publikum aufzeigen: ‘Das haben wir für Sie gefunden, das könnte Folgendes für Sie, Ihr Leben und unser Land bedeuten, das sollten Sie kennen.'”

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