Georgine Kellermann ist eine mutige Frau. Im Alter von 62 Jahren hatte die Leiterin des WDR-Studios in Essen ihr Coming-out als Transgender. In einem Beitrag der WDR-Sendung “Aktuelle Stunde” spricht Kellermann über diesen großen persönlichen Schritt und nennt dabei auch ihren Beruf als einen der Gründe, warum das Coming-out für sie erst jetzt möglich war:
Um die Welt fliegen und Geschichten erzählen — meine Angst war, dass das nicht mehr passieren würde. Ich war so glücklich in dem, was ich tat, dass meine Sorge einfach war: Wenn ich jetzt werde, wer ich bin, dass ich dann nicht mehr tun kann, was ich liebe.
Auch die “Bild”-Redaktion berichtet heute in ihrer Bundesausgabe über Kellermann:
Und nennt die Person, die klarmacht, dass sie als Frau leben möchte, “TV-Mann”, “TV-Moderator” und schreibt konsequent nur “er”:
Er wollte sein wahres Ich nicht mehr verstecken.
In der WDR-Sendung “Aktuelle Stunde” hat TV-Moderator Georg Kellermann (62) erklärt, dass er nun offiziell als Georgine Kellermann lebt.
Schon in der Pubertät habe Kellermann, der mittlerweile das WDR-Studio in Essen leitet, gespürt, dass er im falschen Körper stecke.
Trotzdem lebte er nur im Privaten als Frau.
Wenn Georgine Kellermann über sich selbst schreibt, benutzt sie Worte wie “Journalistin” oder “Korrespondentin”, also die weibliche Form. Die “Bild”-Redaktion interessiert es aber natürlich nicht, was andere Menschen wollen.
Wir wünschen entspannte und besinnliche Feiertage und ein erfolgreiches, gesundes Jahr 2020.
So lautet der Spruch in der Grußkarte von “Bild”, “Bild am Sonntag” und “B.Z.”, die die Medienjournalistin Ulrike Simon heute bei “Horizont” präsentiert. Aber fehlt da nicht was? Wo steckt denn “das wichtige Wort: Weihnachten”? Will Julian Reichelt, der als Chef der Chefredakteure für alle drei Blätter verantwortlich ist, etwa eines der zentralen christlichen Feste abschaffen?
Eigentlich wäre das alles nicht der Rede wert, wenn es für die “Bild”-Medien vor ziemlich genau einem Jahr nicht der Rededer Aufregungder Kampagne wert gewesen wäre, dass in einer Weihnachtskarte der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung Annette Widmann-Mauz das aus “Bild”-Sicht “wichtige Wort: Weihnachten” fehlte.
Mehrere Tage versuchten sie bei “Bild” und Bild.de, Widmann-Mauz fertigzumachen und aus dem Amt zu schreiben:
Filipp Piatov und Franz Solms-Laubach regten sich über die “peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt” auf. Solms-Laubach kommentierte zusätzlich: “Instinktloser Unsinn!” Briefonkel Franz Josef Wagner schrieb an die “Liebe Integrationsministerin”. Und die Redaktion ließ den selbst initiierten “Kritik-Sturm wegen beschämender Weihnachts-Karte” über Widmann-Mauz ziehen. Es war eine typische “Bild”-Kampagne, in der Julian Reichelt und sein Team aus purer Lust auf Krawall eine Kleinigkeit zum großen Skandal aufbliesen. Und für alle ganz Rechten, die das Abendland untergehen sehen, war es ein gefundenes Fressen für Hass und Hetze.
Ulrike Simon schreibt bei “Horizont”, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Axel-Springer-Verlags das fehlende “Weihnachten” noch bemerkt haben sollen:
Glück gehabt, dass Bild den eigenen Faux-pas in diesem Jahr rechtzeitig erkannte. Pech, dass HORIZONT eine von mehreren tausend Karten vor dem Einstampfen retten konnte.
1. Soziale Medien müssen Hasspostings künftig dem BKA melden (spiegel.de, Wolf Wiedmann-Schmidt)
Betreiber Sozialer Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Youtube müssen Hasspostings künftig dem Bundeskriminalamt melden. So sehen es jedenfalls die Änderungen des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes vor, auf die sich Bundesjustiz- und Bundesinnenministerium verständigt haben. Das Löschen allein reicht nicht mehr aus. Die Betreiber sind verpflichtet, die IP-Adresse und Portnummer herauszugeben, mit denen man zumindest das verwendete Endgerät ermitteln kann. Beleidigungen seien jedoch nicht von der Regelung betroffen. Der Strafverteidiger Udo Vetter kommentiert bei Twitter: “Soziale Netzwerke werden jetzt zu Denunziationsmaschinen umgebaut. Freut euch, wenn ihr eure erste polizeiliche Vorladung bekommt, z.B. weil weder der hochqualifizierte Melder bei Twitter noch die Polizei Ironie verstehen.”
2. Ermittlungen gegen Journalisten eingestellt (lto.de)
Nach der Veröffentlichung des “Ibiza-Videos” hatte der frühere österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache zwei Journalisten, eine Journalistin und zwei Chefredakteure der “Süddeutschen Zeitung” angezeigt. Die Staatsanwaltschaft München hat die Ermittlungen nun jedoch eingestellt. Es habe ein “überragendes Interesse an der Berichterstattung über die thematisierten Missstände” gegeben.
3. Presserat: bild.de als Werkzeug des Attentäters von Halle (stefan-fries.com)
Der Deutsche Presserat hat Bild.de für die Veröffentlichung von Videomaterial gerügt, das von dem Attentäter von Halle stammt. Der Presserat erkläre dazu: “In dem Video unter dem Titel ’35 Minuten Vernichtungswahn’ ordnete ein Reporter die gezeigten Sequenzen zwar ausführlich ein. Jedoch übernahm die Redaktion die Dramaturgie des Täters, indem sie seine Vorgehensweise chronologisch vom Laden der Waffen bis hin zu den Sekunden vor und nach den Mordtaten zeigte. Bei beiden Szenen konnten die Zuschauer aus der Perspektive des Täters quasi live dabei sein. Diese Darstellung geht über das öffentliche Interesse hinaus und bedient überwiegend Sensationsinteressen.”
4. Zeitungswende in Italien (faz.net, Tobias Piller)
“FAZ”-Wirtschaftskorrespondent Tobias Piller kommentiert die Übernahmeschlacht um die italienische “La Republiucca”: “Ausgerechnet diejenige Zeitung, die einst als Stimme gegen das italienische Establishment gegründet worden war, wird nun von denen übernommen, die wie sonst niemand die etablierten Mächte in Italien repräsentieren — von der Familie Agnelli.”
5. NZZ: «Transparenz ist durchaus gegeben» (infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Der “NZZ” lag eine zwölfseitige Verlagsbeilage zur Immuntherapie bei (“Wie unser Körper Krebs bekämpfen kann”). Die Beilage habe sich auf den ersten Blick nicht vom unabhängigen Redaktionsteil der “NZZ” unterschieden, sei jedoch vom Pharmakonzern MSD (Merck Sharp & Dohme) in Auftrag gegeben worden. Urs P. Gasche hat bei der Zeitung nachgefragt, ob es für die Leserinnen und Leser nicht transparenter gewesen wäre, statt “Verlagsbeilage” etwa zu titeln: “Beilage des Pharmakonzerns MSD”? Gasche hat eine Antwort auf seine Frage bekommen, die ihn jedoch nicht zufriedenstellt.
6. Und jetzt? Zoff! (taz.de, Erica Zingher & Peter Weissenburger)
Seit einem Vierteljahr existiert das neue Streit-Ressort der “Zeit”. Erica Zingher und Peter Weissenburger haben sich das Ressort genauer angeschaut und ziehen eine vorläufige Zwischenbilanz: “‘Streit’ verdeutlicht, dass die Debatte über die Meinungsfreiheit im Kern an einer Grundannahme hängt: Wer glaubt, dass Deutschland drauf und dran ist, in der Mitte auseinanderzureißen, wird viel in Kauf nehmen, um dies zu verhindern, womöglich eine folgenschwere Öffnung nach rechts. Wer das anders sieht, muss davor warnen. Das alles ist, Sie ahnen es, eine Streitfrage.”
Es gibt Redaktionen, die haben so ihre Probleme damit, Studienergebnisse korrekt wiederzugeben, und mit der Prozentrechnung klappt es bei ihnen auch nicht so recht. Und es gibt …
Es gibt Hotelgäste, die der Meinung sind, dass alles, was in ihrem Zimmer ist, ihnen gehört. Und nach ihrer Abreise fehlen plötzlich Kissen, Kleiderbügel und anderes.
Manchmal finden die einen und die anderen zusammen:
Bild.de berichtet über die Ergebnisse einer Studie des Reiseportals “Wellness Heaven”, das bei 1157 Hoteliers unter anderem gefragt habe, “welche Gegenstände am häufigsten geklaut werden”. Die Auflösung im Artikel:
77,5 Prozent der gestohlenen Gegenstände sind Handtücher, gefolgt von Bademänteln (65,1 Prozent), Kleiderbügeln (49,3 Prozent), Stiften (39,1 Prozent), Besteck (33,6 Prozent) und Kosmetik (32,8 Prozent). Deutlich seltener landen zum Beispiel Kunstwerke (20,2 Prozent), Decken (15,6 Prozent) und Tablet-PCs (12 Prozent) im Koffer. Aber damit hört der Klau nicht auf: Auch Föhne, Kaffeemaschinen, Fernsehgeräte und Telefone werden mitgenommen, und mancher schleppt sogar seine Matratze aus dem Hotelzimmer!
Das ist erstens mathematisch völliger Murks, schließlich gäbe so 345,2 Prozent gestohlene Gegenstände (und da wären die Föhne, Kaffeemaschinen, Fernsehgeräte, Telefone und Matratzen noch nicht mal eingerechnet); und zweitens nicht das, wonach “Wellness Heaven” gefragt hat. “Zur Methodik der Umfrage” erklärt das Portal:
Die Multiple-Choice Antworten wurden randomisiert dargestellt, eine Mehrfachnennung war möglich.
Zum Beispiel “Handtücher” in Abb. 1: 77,5% der befragten Hoteliers haben angegeben, dass Handtücher in ihrem Hotel gestohlen wurden.
Allerdings schafft es auch “Wellness Heaven”, das Ergebnis der eigenen Studie (anders) falsch zusammenzufassen:
Das Hauptergebnis der Studie: die erdrückende Mehrheit der Gäste klaut Handtücher und Bademäntel
Nachdem ein Richter die Unterbringung eines Mannes in einer Psychiatrie in Hamburg angeordnet hatte, wollte der Zuführdienst des Bezirksamts Altona am Dienstagvormittag diesen Mann in seiner Wohnung abholen. Der Schilderung der zwei Bild.de-Autoren Jan-Henrik Dobers und Marco Zitzow zufolge soll dieser Einsatz ziemlich eskaliert sein:
Am Vormittag hat sich in einem Mehrfamilienhaus mit sechs Stockwerken ein junger Mann in seiner Wohnung verschanzt, der vom Zuführdienst des Bezirksamts Altona abgeholt und in eine Psychiatrie gebracht werden sollte.
Weil die Mitarbeiter des Bezirksamts Altona an der Wohnungstür abgewiesen wurden, riefen sie die Polizei. Diese rückte mit einem Hundeführer, Schutzschildern und einer Ramme an, stürmte die Wohnung.
Um kurz nach 11 Uhr nehmen die Beamten den renitenten Mann dann fest.
In einer früheren Version muss der Beitrag noch eine Spur mehr Drama geboten haben, zumindest in der Dachzeile. Denn in der URL des Artikels steht noch immer, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bezirksamts sogar das SEK riefen.
Doch auch ohne Spezialeinsatzkommando enthalte der Text “mehrere grobe Fehler”, wie uns Sebastian Schilling sagt, der als zuständiger Betreuer des Betroffenen “an der Planung und Durchführung des Einsatzes beteiligt” war: “Zunächst ist die Überschrift fehlerhaft”, so Schilling. Der Mann habe sich nicht in seiner Wohnung verschanzt, “vielmehr schlief er auf der Couch im Wohnzimmer”, als die Polizei die Wohnung betrat. Den Zugang zur Wohnung hätten sich die Beamten auch nicht mit einer Ramme verschafft — die sie zwar vorsorglich dabei hatten, aber nicht einsetzten –, sondern ganz normal mit einem Schlüssel, den Schilling den Beamten vorher ausgehändigt habe. Daher sei auch die Behauptung, die Wohnung sei gestürmt worden, “zumindest eine Übertreibung”. Außerdem sei der Mann nicht renitent gewesen, so Schilling, “er verhielt sich, nachdem er von den Beamten geweckt und für den Transport ins Krankenhaus vorbereitet worden war, sogar ziemlich freundlich und kooperativ”. Und überhaupt: Dass der Zuführdienst des Bezirksamts an der Wohnungstür abgewiesen worden sei und dann die Polizei gerufen habe, stimme auch nicht. Polizei, Zuführdienst und Schilling hätten sich morgens in der Polizeiwache getroffen und seien dann gemeinsam zur Wohnung gefahren. Die Polizisten hätten dann direkt und ohne vorheriges Klingeln die Wohnung aufgeschlossen und betreten.
Wir haben bei der Polizei Hamburg nachgefragt. Die bestätigte all diese Angaben.
Nachtrag, 29. November: Die Bild.de-Redaktion hat den Artikel inzwischen überarbeitet. Dachzeile und Überschrift lauten nun: “IN LURUP — Zuführdienst holt Bewohner aus Wohnung”. Im Text ist auch nicht mehr die Rede davon, dass die Wohnung von der Polizei gestürmt worden sei. Und am Ende des Artikels gibt es einen Korrekturhinweis:
Korrektur: In einer vorherigen Version des Artikels hatte BILD geschrieben, dass der “renitente Mann” in Lurup die Beamten an der Wohnungstür abgewiesen und sich verschanzt hätte. Das ist falsch: Die Polizei und Zuführdienst fanden den Mann schlafend im Appartement vor, er leistete keinen Widerstand. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
Als vergangene Woche das Bundesverfassungsgericht entschieden hat, dass die bisherigen Hartz-IV-Sanktionen teilweise verfassungswidrig sind, und die Kürzungen zum Teil gegen die Menschenwürde verstoßen, legten sie bei “Bild” los. Am Tag nach dem Urteil auf der “Bild”-Titelseite:
Einen Tag später an gleicher Stelle:
Und noch mal einen Tag später ein Nachklapp auf der Bild.de-Startseite:
Die Nachricht, die die “Bild”-Medien mit Nachdruck verbreiten: Faul, faul, faul sind sie, diese Hartz-IV-Empfänger. Dass es nur wenige Prozent von ihnen sind, die überhaupt sanktioniert werden — zum größten Teil übrigens wegen Terminversäumnissen und nicht, weil sie sich aus Faulheit weigern, eine Arbeit aufzunehmen –, schreibt selbst “Bild”. Und dennoch sind Hartz-IV-Empfänger auf “Bild”-Titelseiten zu 100 Prozent faul.
Als Beleg präsentiert die “Bild”-Redaktion den angeblich “faulsten Hartz-IV-Empfänger” Deutschlands und dessen Tagesablauf. Wobei er so faul gar nicht sein kann, schließlich beziehe der Mann “DEN HARTZ-IV-REGELSATZ IN HÖHE VON 424 EURO” pro Monat. Also ohne Sanktionen. Das spricht dafür, dass er seinen Pflichten durchaus nachkommt. Bei der Schilderung seines Alltags erzählt er auch, dass er mitunter um 6 oder um 7 Uhr aufstehe, wenn er einen Termin beim Jobcenter habe. Außerdem verdiene er mit einem Minijob zusätzliche 100 Euro im Monat. Und nach Stellenangeboten suche er auch, aber natürlich nur “gemütlich”, wie Bild.de betont.
“Angst vor drastischen Sanktionen des Jobcenters muss er nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts nicht mehr haben”, schreibt “Bild” über den Mann. Schließlich hätten die Richter entschieden, dass eine Kürzung von 60 oder gar 100 Prozent nicht zumutbar sei, und im Höchstfall “jetzt 30 Prozent gestrichen werden.” Hartz IV soll das Existenzminimum sichern. Mögliche Sanktionen von 30 Prozent bedeuten: Es droht ein Leben mit 70 Prozent des Existenzminimums. Aber: Hartz IV gäbe es jetzt “‘auf dem Silbertablett'”.
Bevor durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts so etwas wie eine Debatte über soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde entstehen kann oder etwas wie Solidarität mit den Personen, die durch Hartz-IV-Sanktionen nicht mal das Existenzminimum zur Verfügung haben, schieben sie bei “Bild” einen Hartz-IV-Empfänger vor: Seht her, dieser Faulpelz steht erst gegen Mittag auf. Welches andere Ziel verfolgt eine solche Kampagne als: spalten?
Seit ein paar Wochen versuchen die “Bild”-Medien, ihre Leserinnen und Leser zu Wettsüchtigen zu Profi-Wettern zu machen. Vor allem einer soll dabei helfen: “Quotenwilly”. In einem Artikel hat die Redaktion erklärt, wie dieser Mann “mit Sport-Wetten 20.000 Euro im Monat” verdient. In einem anderen verriet “Quotenwilly”: “Mit diesen fünf Schritten wurde ich zum Wett-Profi”. Und dann gab es noch die “TRICKS & TABUS VON QUOTENWILLY” mit dem “häufigsten Fehler beim Wetten”.
Seit gestern dürfte klar sein, dass der allergrößte “Fehler beim Wetten” ist, auf Tipps zu vertrauen, die bei Bild.de erscheinen:
Geld futsch. Die Dortmunder verloren das Spiel gestern Abend.
Geld futsch. Die Münchner gewannen 4:0 — also über 3.5 Tore im Spiel.
Geld futsch. Es gab insgesamt nur drei Gelbe Karten.
Geld futsch. Der BVB bekam nur eine Ecke.** Diese Wette ging auf.
Besonders interessant ist die fünfte Wette, bei der das eingesetzte Geld ebenfalls futsch gewesen wäre, wenn man entsprechend getippt hätte*: Man findet sie nicht mehr in dem Bild.de-Artikel. Dabei schaffte sie es anfangs sogar noch in die Überschrift:
Nun wird sie in dem Beitrag überhaupt nicht mehr erwähnt. Vielleicht war es für eine Redaktion, die sich beim Thema Fußball selbst gern als die am besten informierte inszeniert, dann doch etwas zu peinlich, dass der empfohlene Torschütze Paco Alcácer gar nicht von Anfang an spielte und erst in der 61. Minuten eingewechselt wurde.
Die Anleitung zum Geldverlieren gab es übrigens nur für zahlenden “Bild plus”-Kunden. Oder anders gesagt: Bei Bild.de muss man erst für ein Abo Geld aus dem Fenster werfen, um erfahren zu können, wie man beim Wetten am besten Geld aus dem Fenster werfen kann.
*Korrektur, 11. November: Mehrere Leser haben uns darauf hingewiesen, dass die Wette auf Paco Alcácer als Torschütze so konstruiert ist, dass sie nur zählt, wenn der jeweilige Spieler von Anfang an auf dem Platz steht. Tut er das nicht, gibt es den Wetteinsatz zurück — das Geld wäre also nicht futsch, wie von uns fälschlicherweise behauptet.
Mit Dank an Christian L., Sebastian und @crimsonceo für die Hinweise!
**Korrektur 2, 11. November: Den Wett-Tipp mit den BVB-Ecken haben wir offenbar falsch verstanden: Gemeint soll eine sogenannte Handicap-Wette gewesen sein — und nicht eine sogenannten Over/Under-Wette, was wir angenommen hatten. Handicap-Wette bedeutet in diesem Fall: Man wettet darauf, dass der BVB am Ende des Spiels insgesamt mehr Ecken hat als der FC Bayern München, wenn man ihm virtuelle 4,5 Ecken hinzurechnet. Da Borussia Dortmund eine Ecke hatte (mit den virtuellen 4,5 Ecken also 5,5 Ecken) und Bayern München zwei Ecken, ist dieser Wett-Tipp tatsächlich aufgegangen.
Wir bitten, die zwei Fehler zu entschuldigen.
Auch wenn nicht, wie wir anfangs geschrieben haben, alle fünf Wetten in die Hose gingen, sondern drei, finden wir es weiterhin recht problematisch, dass eine Redaktion mit einer so enormen Reichweite wie Bild.de ihre Leserschaft mit Wett-Tipps versorgt — und das alles eingebettet in eine Geschichte eines Mannes, der im Monat 20.000 Euro mit Wetten verdienen soll. Dass auch die Redaktion von einer gewissen Gefahr auszugehen scheint, zeigt ein Hinweis ganz am Ende desselben Artikels:
Spielsucht? Hier bekommen Sie Hilfe!
Wenn Sie Probleme mit Spielsucht haben oder sich um Angehörige oder Freunde sorgen, finden Sie Hilfe bei der “Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung”. Unter der kostenlosen Hilfe-Hotline 0800 1 37 27 00 erhalten alle Informationen zu Hilfsangeboten rund um das Thema Spielsucht!
“Oliver Welke hat DROGEN-ÄRGER mit der Polizei” titelten sie vorgestern Abend bei Bild.de. Hui!
Doch das, was nach Redaktionsexzessen und Koks auf dem Teleprompter klingt, ist bei genauerer Betrachtung viel, viel unspektakulärer: In der ZDF-Sendung “heute-show” vom vergangenen Freitag ging es unter anderem um die Legalisierung von Cannabis. Dazu zeigte Moderator Welke in einer Fotomontage einen Polizisten, der einer Frau einen Joint anzündet. Die Aufnahme des Beamten (ohne Feuerzeug in der Hand und auch ohne Frau mit Joint neben sich) hatte sich die “heute-show” nach eigener Aussage bei einer Fotodatenbank besorgt.
Einem Heilbronner Polizeisprecher gefiel das überhaupt nicht, denn er ist derjenige, der auf dem Bild als Feuerspender zu sehen ist. Informiert war er über die Verwendung des Fotos nicht, schon gar nicht in diesem Kontext. Die Polizei Heilbronn prüfte rechtliche Schritte gegen das ZDF, genauso der Polizeisprecher selbst. Inzwischen hat er eine Entschuldigung des Senders angenommen.
Über den Zwist berichtete Bild.de und brachte dazu eben diese irreführende Schlagzeile auf der Startseite, die eigentlich nur die Assoziation zulässt, dass Oliver Welke Drogen verkauft, Drogen nimmt oder sonst irgendwas mit Drogen am Hut hat:
Der Bild.de-Artikel hat aber nicht nur eine ziemlich verrenkte Überschrift, die es locker mit jenen in den Knallblättern der Regenbogenpresse aufnehmen kann — er wartet auch mit einer Überraschung auf: Die “Bild”-Redaktion ist technisch in der Lage und willens zu verpixeln. Zu diesem Screenshot aus der “heute-show” …
… steht in der Bildunterschrift:
Ein Screenshot der Sendung: BILD hat den Beamten auf der ZDF-Fotomontage gepixelt, die “Heute Show” zeigte sein Gesicht erkennbar
Sind die “Bild”-Medien nun also die Hüter des heiligen Persönlichkeitsrechts? Nur zur Erinnerung:
Mit einem einzigen Tweet versetzt er Fans und TV-Zuschauer in Sorge.
… schreibt Bild.de über den TV-Moderator Walter Freiwald. Auf der Startseite steht:
Bei Twitter hat Freiwald seine Followerinnen und Follower über seine Krebserkrankung informiert. Er sagt, er werde die Krankheit nicht überleben. Die “Bild”-Redaktion zitiert den Tweet dann auch wörtlich im Artikel:
Auf Twitter postete der RTL-Moderator Walter Freiwald (65) am Mittwochabend: “Bevor irgendwelche Unwahrheiten über meine Person verbreitet werden, will ich selbst mitteilen, dass ich unheilbar krank geworden bin und diese Krankheit nicht überleben werde.”
Und weiter: “Der Krebs ist ein Arschloch und wird mich töten. Ich liebe meine Frau und meine Kinder.”
Allerdings fehlt da was — Freiwalds Tweet ist noch ein bisschen länger. Und es kann kein Zufall sein, dass sie bei Bild.de genau die Stelle rausgelassen haben, in der Freiwald klar sagt, von wem er mögliche “Unwahrheiten über meine Person” erwartet:
Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!
Nachtrag, 21:18 Uhr: Die Redaktion hat ihren Artikel inzwischen überarbeitet und die Stelle mit dem Zitat von Walter Freiwald geändert. Sie lautet nun:
Auf Twitter postete der RTL-Moderator Walter Freiwald (65) am Mittwochabend, dass er selbst mitteilen wolle: “… dass ich unheilbar krank geworden bin und diese Krankheit nicht überleben werde.”
Die eventuellen “Unwahrheiten” sind nun kein Thema mehr. Und die Leserinnen und Leser von Bild.de erfahren auch nicht, dass der Artikel mal anders aussah: Einen Hinweis auf die Änderung gibt es nicht.
1. Wirbel um Flugreisen an Schulen in Hamburg (t-online.de, Tim Ende)
Werden an Hamburger Schulen tatsächlich zu viele Klassenfahrten mit dem Flugzeug unternommen, wie “Bild” mit einem Verweis auf die Schulbehörde berichtete? Es ist zumindest nicht die ganze Wahrheit, wie Tim Ende auf t-online.de schreibt. So handele es sich bei einer der kritisierten Schulen beispielsweise um eine interkulturelle Schule, und viele Flüge seien Austauschprogrammen geschuldet. “Wenn es zeitlich geht, nehmen wir die Bahn, zum Beispiel nach Kopenhagen oder Sylt”, so der Schulleiter. “Aber nach Shanghai oder Neu-Dehli, wo wir einen Austausch pflegen, geht es nicht anders. Wir können keine tagelangen Bahnreisen dorthin unternehmen.”
2. Bundesregierung will Whistleblower schützen lassen (sportschau.de, Anne Armbrecht & Hajo Seppelt)
Bei der ARD-Dopingredaktion ist eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Thema Whistleblowerschutz im Sport aufgetaucht. Anne Armbrecht und Hajo Seppelt haben sich angeschaut, was dort geschrieben und was dort vor allem nicht geschrieben steht.
3. “Bild” findet den deutschen Rechtsstaat unerträglich (uebermedien.de, Eckhard Stengel)
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entscheidet demnächst über den Asylantrag eines in Abschiebehaft sitzenden, mehrfach vorbestraften Mitglieds eines kurdisch-libanesischen Clans aus Bremen. Für “Bild” eine unerträgliche Vorstellung. Die Redaktion wolle aus dem Rechtsstaat Deutschland lieber einen “Ruckzuck-Staat” machen, so Eckhard Stengel in seiner Aufarbeitung des Falls.
4. Leugnen, Twittern, Panik schieben? Klimadebatten im Netz sind vielschichtiger als ihr Ruf (berlinergazette.de, Sabine Niederer)
Onlinedebatten zum Klimawandel haben in erheblichem Umfang zur Bewusstwerdung des Problems und der Entstehung einer Bewegung beigetragen. Die Medienwissenschaftlerin Sabine Niederer beobachtet seit mehr als zehn Jahren diese Entwicklung und weiß um Auslöser und Verstärker. Dabei geht es ausdrücklich um beide Seiten, also auch um die Klimawandelleugner und “Klimaskeptiker”.
5. Die CDU hat mich nicht verklagt (zeit.de, Rezo)
In seiner aktuellen Kolumne beschäftigt sich Rezo mit der Art und Weise, wie die AfD das Thema Meinungsfreiheit für sich ausbeutet, eine angebliche Bedrohung herbeikonstruiert, und wie Medien darauf reinfallen: “Wenn große Zeitungen auf ihre Titelseiten nun Slogans wie “Ist die Meinungsfreiheit in Gefahr?” schreiben und dann das Tun und Lassen der AfD in einen Kontext setzen mit der Tatsache, dass Vorlesungen des AfD-Gründers Bernd Lucke von Antifa-Aktivistinnen gestört werden, kann man natürlich behaupten, dass man doch nur eine spannende Frage in den Raum stellt. Aber der Effekt ist, dass sich nun ein paar mehr Leser fragen, ob sie noch alles sagen dürfen und ob die über 20 Prozent Feinde der Meinungsfreiheit, die nun aus einigen Landtagen heraus die Verrohung der Debatte betreiben, nur ein Problem unter vielen sind.”
6. “Das amerikanische Publikum ist fürchterlich falsch informiert” (deutschlandfunk.de, Sinje Stadtlich, Audio: 4:47 Minuten)
Neue Studien belegen den verzerrten Blick von US-Medien auf das Thema Abtreibung. Teilweise werde mit hanebüchenen Falschbehauptungen und Zuspitzungen operiert, um Stimmung gegen Abtreibungen zu machen. Der Deutschlandfunk zitiert die Forscherin Katie Woodruff von der University of California mit den Worten: “Das amerikanische Publikum ist fürchterlich falsch informiert über Abtreibungen. Unsere Medienlandschaft ist — wie unsere Politik — extrem parteiisch und gespalten. Und Fox News erzählt seinen Zuschauern die Geschichte, die sie hören wollen. Eine Geschichte von Bedrohung, Zwang und allen möglichen düsteren Praktiken, von denen keine einzige in diesem Land wirklich stattfindet.” Leider werden die Studienergebnisse wohl geringe Auswirkungen haben, denn keines der großen US-Medienhäuser habe darüber berichtet.