Suchergebnisse für ‘Afd’

Reichelts nächtliche Nachrichten, Belarus-Präsenz, Höcke-Interview

1. Sind ARD und ZDF in Belarus präsent genug?
(uebermedien.de, René Martens)
Der stellvertretende “Bild”-Chefredakteur Paul Ronzheimer ist für seine Berichterstattung aus Belarus teilweise sehr gelobt worden, gerne auch verbunden mit der Kritik an anderen Medien, die angeblich nicht ausreichend präsent seien beziehungsweise zu wenig berichten würden. Sind Lob und Kritik berechtigt? René Martens sortiert die vielschichtige Debatte um die Belarus-Berichterstattung – ein Sortiervorgang, bei dem die Öffentlich-Rechtlichen besser wegkommen, als es ihr Image in manchen Kreisen erwarten lässt.

2. Kein Interesse an “Deeskalationsteams”
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 5:15 Minuten)
Am Wochenende wird in Berlin erneut eine Demo gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung stattfinden. Der Veranstalter fordert Medienschaffende dazu auf, sich vor dem Besuch der Proteste bei ihm zu akkreditieren. Man würde ihnen zum besseren Schutz sogenannte Deeskalationsteams zur Seite stellen. Jörg Reichel, Landesgeschäftsführer der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union Berlin-Brandenburg, rät von dieser Form des “Embedded Journalism” ab: “Wenn die Polizei die Journalistinnen und Journalisten nicht unterstützt in ihrer Arbeit und nicht für einen aktiven Schutz sorgt, wird nur eine Berichterstattung aus der Distanz möglich sein.”

3. “Ach, Herr Sänger”
(sueddeutsche.de, Ulrike Nimz)
Trotz einiger Kritik im Vorfeld hat der MDR das Sommerinterview mit dem Thüringer AfD-Chef Björn Höcke durchgeführt. Ulrike Nimz hat sich das 36-minütige Gespräch angeschaut: “Der Moderator ist vorbereitet, kennt die Corona-Fallzahlen ebenso wie aktuelle Umfragen zur Akzeptanz der Maskenpflicht. In seiner Ruhe bietet er Höcke kaum Anlass zur selbstgerechten Empörung, treibt ihn aber auch nicht in die Ecke.”

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4. Letzte Woche war …
(twitter.com, Christian Miele)
Christian Miele, Präsident des Bundesverbands Deutsche Startups, hat es gewagt, “Bild” zu kritisieren und zwar für eine, seiner Ansicht nach, “in jederlei Hinsicht unglückliche und zumindest als rassistisch interpretierbare” Überschrift. Damit hat er sich ein Telefonat mit “Bild”-Chef Julian Reichelt, ein Treffen mit einem Springer-Vorstand und eine ganze Kaskade nächtlicher Nachrichten eingehandelt, in denen Reichelt eine offizielle Entschuldigung gefordert habe. Miele in seinem Twitter-Thread dazu: “Ich kann das erst einmal nicht glauben. Ist das hier wirklich der Chefredakteur von Deutschlands größtem Medium? Woher kommt diese emotionale Reaktion zu später Stunde?”

5. TikTok reicht Klage gegen Trump-Dekret ein
(zeit.de)
Um einem eventuellen Verbot entgegenzuwirken, haben die Betreiber der chinesischen Video-App TikTok Klage gegen die USA beim Bundesgericht in Los Angeles eingereicht. Sorgen mache dem Unternehmen ein von Donald Trump unterzeichnetes Dekret, das mit der baldigen Stilllegung drohe, sollte der chinesische Mutterkonzern nicht zumindest seine US-amerikanische Dependance abstoßen.

6. Lucas Teuchner: Das ist der Macher hinter Apache 207, Bausa und Loredana
(omr.com, Roland Eisenbrand)
Im Podcast der “Online Marketing Rockstars” ist der 26-jährige Musikmanager Lucas Teuchner zu Gast, der bereits aus einigen Musikern und Musikerinnen Stars gemacht hat, darunter Apache 207, Bausa und Loredana. Im Podcast spricht der Chef von mittlerweile 37 Personen über seine steile Karriere, das Besondere am Geldverdienen in der Musikbranche und absatzfördernde Maßnahmen in Zeiten von Youtube-Views und Spotify-Klicks.

Höcke-Interview, Abgemahnt, Skrupellose Revolverblätter

1. MDR kündigt Höcke-Interview an
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Sollen öffentlich-rechtliche Sender mit einem AfD-Vertreter sprechen, der für seine extremen Positionen sowie seine rassistische und antidemokratische Agenda bekannt ist? Hat der Grundsatz der Ausgewogenheit seine Grenzen und sollte man deshalb darauf verzichten, derartigen Personen eine Bühne zu geben? Oder müssen wir das in einer Demokratie schlicht aushalten? Das sind ungefähr die Fragen, die sich anlässlich des bevorstehenden Sommerinterviews des MDR mit AfD-Landes- und Fraktionschef Björn Höcke stellen.

2. Radio Bremen verklagt Medienkritiker wegen Urheberrechtsverletzung
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
TV-Kritiker Holger Kreymeier hat sich in einem Videobeitrag einen Film von Radio Bremen vorgeknöpft und wenig später eine Abmahnung des Senders erhalten. Hat sich Kreymeier falsch verhalten und, wie von der Gegenseite behauptet, das Zitatrecht überreizt? Oder will da ein übermächtiger Sender einen Kritiker juristisch in die Knie zwingen? Matthias Schwarzer ist dem Konflikt nachgegangen, der Mitte November vor dem Landgericht Berlin verhandelt wird.

3. Der Duden im Kreuzfeuer identitärer Sprachpolitik. Eine Randbemerkung
(scilogs.spektrum.de, Henning Lobin)
Kaum etwas steht für die deutsche Sprache wie das Nachschlagewerk Duden. Leider wird es von Ultrarechten gerne für deren nationalidentitäre Politikagenda instrumentalisiert. Sprachwissenschaftler Henning Lobin zeigt anhand von drei markanten Beispielen, dass dafür keine Unterstellung zu grob sein kann.

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4. Embedded Berichterstatter
(djv.de, Hendrik Zörner)
Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union hat bereits von der Akkreditierung zur Corona-Demo, die am Wochenende in Berlin stattfinden soll, abgeraten (siehe gestrige “6 vor 9”). Nun äußert sich auch der Deutsche Journalisten-Verband in einem Kommentar: “Kein Journalist und keine Journalistin muss sich in Deutschland zu einer Demonstration im öffentlichen Raum anmelden. Und ‘Deeskalationsteam’ stinkt geradezu nach ‘Embedded Journalism’. Wir sind aber nicht im Irak, wo Kriegsberichterstattung lebensgefährlich war, sondern in Berlin. Für die Sicherheit von Journalisten ist hierzulande immer noch die Polizei verantwortlich. Wer sich auf diesen Unsinn einlässt, ist selber schuld.”

5. Verleger Ippen übernimmt Buzzfeed Deutschland
(sueddeutsche.de, Aurelie von Blazekovic)
Nach Monaten der Ungewissheit ist nun klar: Bei “Buzzfeed Deutschland” kann es weitergehen, es wird Teil des Redaktionsnetzwerks Ippen Digital. Das Verlagskonglomerat von Dirk Ippen ist mit Publikationen wie dem “Münchner Merkur”, der “Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen”, der “tz” und der “Frankfurter Rundschau” die fünftgrößte Zeitungsgruppe in der Bundesrepublik. Anmerkung des “6 vor 9”-Kurators: Das Beitragsbild zeigt rechts Karsten Samland (vormals Schmehl), der bereits Mitte vergangenen Jahres “Buzzfeed” verlassen hat und zu TikTok gewechselt ist.
Weiterer Lesehinweis: Auf Twitter feiert Redaktionsleiter Daniel Drepper die Nachricht: “Wir sollen unter gleichen Bedingungen weiter unsere Unterhaltung und unseren Journalismus machen. Alle Mitarbeiter*innen behalten ihre Jobs und Verträge, ohne Einbußen.”

6. Burda-Zeitschrift retuschiert sich Michael Schumacher zurecht
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer berichtet von einem perfiden Geschäftsmodell: In einer Mischung aus Skrupellosigkeit und nahezu krimineller Energie versuchen Blätter wie “Die Aktuelle” (Funke Mediengruppe), “Woche heute” (Bauer Verlag) und “Freizeit Revue” (Burda), mit dem Ex-Rennfahrer Michael Schumacher Geld zu verdienen.

Studie kritisiert Sondersendungen, Twitternde Abgeordnete, Radiopreis

1. Studie kritisiert Sondersendungen von ARD und ZDF
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 5:42 Minuten)
Wissenschaftler der Universität Passau haben über 90 Corona-Nachrichtensondersendungen von ARD und ZDF ausgewertet und in ihrem Fazit die Sender deutlich kritisiert. Hauptkritikpunkte: In der Berichterstattung sei ein permanentes Krisen- und Bedrohungsszenario vermittelt worden, außerdem seien die Regierungsmaßnahmen zu wenig hinterfragt worden. ARD und ZDF weisen die Kritik zurück.
Weiterer Lesehinweis: Haben ARD und ZDF die Corona-Angst geschürt? Sender wehren sich gegen Medienstudie (rnd.de, Imre Grimm).

2. “Für junge Kollegen ist Corona eine Katastrophe”
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Der 68-jährige Helge Timmerberg gilt als einer der schillerndsten Reiseschriftsteller Deutschlands. Der Journalist und Autor zahlreicher Bücher ist für seine subjektiven Reisereportagen in Ich-Form bekannt (“Gonzo-Journalismus”). Welche Eigenschaften sollte man als Reisejournalist mitbringen? Was sollte man vermeiden? Wie wirkt sich Corona auf den Reisejournalismus aus? Im Magazin “Fachjournalist” gibt Timmerberg Antworten auf all diese Fragen und beklagt die zunehmende Konkurrenz: “Im Prinzip fühlt sich jeder zum Reisejournalisten berufen, alle möglichen Leute schreiben von unterwegs, jeder kann reisen, Fotos und Texte fabrizieren. Das ist eine Riesen-Konkurrenz für uns ausgebildete Journalisten. Social Media ist ein Grab für den Journalismus.”
Weitere Guckempfehlung: Noch mehr Helge Timmerberg gibt es zum Beispiel in diesem Videointerview von “Weltwach TV” aus dem Jahr 2018 (Erik Lorenz, 1:39 Stunden).

3. Wer wir sind und was wir wollen
(medieninsider.com, Marvin Schade & Matthias Bannert)
Mit “Medieninsider” startet heute ein neues, unabhängiges Informationsangebot für Medienschaffende. Hauptaufmacher (aber hinter der Paywall): ein Bericht über die Dreharbeiten einer Amazon-Doku über “Bild”. Hinter dem “Medieninsider” stehen mit Marvin Schade (früher unter anderem bei “Meedia”) und Matthias Bannert (früher unter anderem bei “Bild”) zwei Kenner der Branche.

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4. Boom für die Gaming-Branche in der Pandemie
(spiegel.de)
Es gibt nicht nur Corona-Verlierer: Die Pandemie hat der Gaming-Branche einen wahren Boom beschert. Immer mehr Deutsche verbrächten seit Beginn der Corona-Krise mehr Zeit mit Videospielen und gäben dafür auch mehr Geld aus. Das habe jedenfalls eine Umfrage des Digital-Branchenverbandes Bitkom ergeben. Demnach hätten mehr als 55 Prozent der Befragten erklärt, mehr zu spielen als zu Vor-Corona-Zeiten. Die deutsche Spielewirtschaft profitiere davon jedoch nur wenig. Lediglich fünf Prozent des Umsatzes stamme von deutschen Spieleherstellern.

5. Erste Nominierungen für den Deutschen Radiopreis stehen fest
(meedia.de)
Am 10. September wird in Hamburg der Deutsche Radiopreis 2020 verliehen. Die Veranstaltung werde von mehr als 50 deutschen Radiosendern übertragen, komme jedoch coronabedingt ohne Gala und ohne Gäste aus. Die unabhängige Jury des Grimme-Instituts hat bereits die ersten Nominierungen bekanntgegeben in den Kategorien “Beste*r Newcomer*in”, “Beste Innovation am Morgen”, “Beste Programmaktion”, “Beste Reportage” sowie “Bestes Nachrichten- und Informationsformat”.

6. Die kleine Welt des Populismus
(de.ejo-online.eu, Gerret von Nordheim)
Gerret von Nordheim und Jonas Rieger haben untersucht, zu welchen Themen Bundestagsabgeordnete auf Twitter Links teilen, und das ist recht spannend, insbesondere, was das Social-Media-Verhalten von AfD-Zugehörigen betrifft. Bei ihnen gehe es vor allem um die vier Kernthemen Migration, Kriminalität, Rechtsextremismus und Minderheiten. Viele andere Themenbereiche wie Daten-, Klima- und Umweltschutz oder Fragen des Mietmarktes spielen in AfD-Tweets, die auf Medieninhalte verweisen, keine Rolle.

Hochgekochtes Satirevideo, Namensnennung, Kotzender Kühnert

1. Polizisten als Mörder: Wie “Bild” aus einer Satire einen ARD/ZDF-Skandal macht
(rnd.de, Imre Grimm)
Ein rund zweieinhalbminütiges Satire-Video beim öffentlich-rechtlichen Jugendportal Funk zum Thema Rassismus bei der Polizei lässt die Emotionen hochkochen. Imre Grimm hält das Filmchen nicht für besonders gelungen, aber daraus ein Generalversagen von ARD und ZDF abzuleiten, sei falsch: “Der Clip ist blöd und beleidigend. Ihn aber – wie mancher Zeuge der Anklage – als weiteren Baustein einer linksgrünmedialen Diffamierungskampagne gegen die Polizei zu brandmarken, schießt weit über das Ziel hinaus.”

2. RBB schafft Sommerinterview-Reihe ab
(sueddeutsche.de)
Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) kassierte wegen seines weitgehend unkritischen Sommerinterviews mit Brandenburgs früherem AfD-Chef Andreas Kalbitz viel Kritik. Nun stellt der Sender seine Sommerinterview-Reihe mit brandenburgischen Spitzenpolitikern ein.
Weiterer Lesehinweis: “Das Sommerinterview des RBB mit Andreas Kalbitz sorgte für einen Skandal. Nun hat der MDR den nächsten AfD-Rechtsaußen eingeladen: Björn Höcke. Und will alles besser machen.” Anne Hähnig und Martin Machowecz fragen in der “Zeit”: “Gehört er ins Fernsehen?”

3. Mit Verlaub: Ich kotze im Strahl.
(twitter.com, Kevin Kühnert)
Der SPD-Politiker Kevin Kühnert hat der Newsseite “Watson” ein Interview gegeben, aus dem sich die “Welt”-Redaktion einen Teilaspekt herausgepickt und zugespitzt hat (genauer: eine dpa-Überschrift weitergedreht hat). Entsprechend frustriert reagiert Kühnert auf Twitter: “Wenn der Versuch, differenzierte Antworten zu geben, in solch bewusstem Missverstehen mündet, dann braucht sich niemand wundern, dass Politiker*innen in Interviews nur Blabla von sich geben.” Kühnert weiter: “Diese ‘Zuspitzung’ ist leider auch ein erneutes Beispiel für das verbreitete Desinteresse an politischen Inhalten. Wer mit wem? Wer gegen wen? Welche Koalition hätten’s denn gern? Welches Ministerium wollen Sie führen? Das alles klickt sich leider besser als Steuern/Rente/Klima.”

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4. So geht die tagesschau mit der Nennung von Namen in Gerichtsprozessen um
(blog.tagesschau.de, Marcus Bornheim & Helge Fuhst & Juliane Leopold)
“Tagesschau” und “Tagesthemen” gelten als “Dokumente der Zeitgeschichte”, wodurch den Sendungen eine besondere Verantwortung in der Berichterstattung zukommt: Sie dürfen unbegrenzt online gestellt werden und bleiben unter Umständen Jahrzehnte sichtbar. Ein besonders sensibler Bereich ist die Nennung von Namen in Berichten über Gerichtsprozesse. Für den Verzicht auf Namensnennung kann der Schutz des Persönlichkeitsrechts sprechen, aber auch das Bestreben, sich von einem Angeklagten nicht instrumentalisieren zu lassen, wie ein aktueller Fall zeige. Die Chefredaktion von ARD-aktuell schreibt über das Spannungsfeld dieses Teilbereichs ihrer Arbeit.

5. Aktivisten wollen Facebooks Falschmeldungs-Spreader “bändigen”
(spiegel.de, Max Hoppenstedt)
Die Online-Bewegung Avaaz hat zahlreiche Facebook- und Webseiten untersucht, die falsche oder irreführende Informationen zu medizinischen Themen verbreiten. Avaaz fordert Facebook auf, nicht nur Warnhinweise, sondern auch Richtigstellungen zu veröffentlichen. Studienautor Christoph Schott dazu: “Facebook hat bis heute jenen Nutzerinnen und Nutzern keine spezifischen Korrekturen angezeigt, die die Falschinformation gesehen hatten, dass es als Covid-19-Test ausreiche, zehn Sekunden die Luft anzuhalten. Das ist schon grob fahrlässig aus unserer Sicht.”

6. Vom Newsroom zum Newszoom
(deutschlandfunk.de, Samira El Ouassil, Audio: 3:44 Minuten)
Coronabedingt sind derzeit viele Newsrooms verwaist. Wie kann unter diesen Bedingungen Journalismus gelingen? Können virtuelle Treffen das persönliche Gespräch ersetzen? Samira El Ouassil hat eine einfache Antwort: “Journalismus wird nicht an Orten gemacht, sondern von Menschen”. Außerdem erzählt sie die hübsche Anekdote, wie sie einmal in einem vollbesetzten Newsroom einen O-Ton vom Konsul von Georgien einholen wollte, aber jemanden aus den USA an der Strippe hatte …

Kurz-Bilder, Bolsonaro-System, Sobessernicht-Interview mit Meuthen

1. Warum Sebastian Kurz beim EU-Gipfel auf den Fotos in Österreichs Medien so gut aussieht
(moment.at, Tom Schaffer)
Wenn der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz auf Fotos eine gute Figur abgibt, liege dies oft an seinem Mitarbeiter, dem Fotografen Arno Melicharek, der seinen Chef und Auftraggeber geschickt in Szene setze. Und daran, dass Agenturen und Redaktionen die Bilder des Kanzleramts-Fotografen nur allzu gern übernähmen, weil es Geld und Aufwand spare: “Wohlgemerkt ist all das kein Fehler von Melicharek, sondern einer von weiten Teilen der österreichischen Medienlandschaft. Die hat nicht nur keine journalistischen FotografInnen mitgeschickt, keine vor Ort beauftragt und viel zu oft auch keine anderen Bilder von anderen Agenturen übernommen, sondern uns dann auch noch (einmal mehr) PR-Fotos als unabhängige Berichterstattung verkauft.”

2. “Bild”, “Welt” und “FAZ” brechen ein, “Zeit” mit Rekord
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Die Print-Auflagenentwicklung im zweiten Quartal dieses Jahres verlief einmal mehr unerfreulich für viele Verlage: Zum generellen Abwärtstrend sei bei manchen Titeln der coronabedingte Wegfall der “Bordexemplare” hinzugekommen, die kostenfrei auf Flügen verteilt werden. Beim “Focus” seien allein durch den “Bordexemplar”-Effekt über 65.000 Exemplare, nun ja, abhanden gekommen, was das gewaltige Auflagen-Minus von 30,5 Prozent zumindest teilweise erkläre. Auch die Auflagen von “Bild”, “Welt” und “FAZ” seien eingebrochen, während die “Zeit” einen neuen Allzeit-Rekord aufgestellt habe.

3. Mehr als aus der Zeit gefallen
(deutschlandfunkkultur.de, Timo Grampes, Audio: 6:51 Minuten)
Bei Deutschlandfunk Kultur geht es um den ersten Kinofilm des Komikers Otto Waalkes aus dem Jahr 1985. “Otto – Der Film” wirke “mehr als aus der Zeit gefallen” und enthalte Szenen, die von vielen als rassistisch empfunden würden. Der Politikwissenschaftler und Menschenrechtsaktivist Joshua Kwesi Aikins erklärt, warum das so sei: “Rassismus soll und muss thematisiert werden. Er darf gerne auch persifliert werden, denn er ist ja nicht nur tödlich und gewaltvoll, sondern auch extrem lächerlich.” Dies müsse jedoch passieren, ohne den Rassismus “einfach nur plump zu wiederholen”.

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4. Prozessauftakt gegen Stephan B. – Die Verantwortung der Medien
(mdr.de, Roland Jäger)
Gestern hat der Prozess gegen Stephan B. begonnen, der am ersten Prozesstag unter anderem den Anschlag auf eine Synagoge in Halle gestanden hat. Während andere Angeklagte die öffentliche Aufmerksamkeit eher scheuen, wolle der von rechtsextremen Gedanken getriebene B. mit vollem Namen genannt werden und dürfe gern unverpixelt gezeigt werden. Auf diese Selbstinszenierung und politische Vermarktung der Tat sollten sich die Medien nicht einlassen, findet Roland Jäger vom MDR: “Weil er diese Theorien und Einstellungen nach wie vor versucht weiterzutragen, dauert das Attentat an. Es liegt in der Verantwortung von uns Prozessberichterstattern, den Opfern und Betroffenen gerecht zu werden – und die Ansichten des Angeklagten nicht weiterzuverbreiten. Nur so kann das Attentat wirklich enden.”

5. RSF-Quartalsbericht: Hetze und Desinformation
(reporter-ohne-grenzen.de)
Dass Brasilien in der Rangliste der Pressefreiheit lediglich auf Platz 107 von 180 Staaten steht, hat laut Reporter ohne Grenzen mit dem sogenannten Bolsonaro-System zu tun: “Während Brasilien so schwer von der Corona-Krise getroffen ist wie kaum ein anderes Land der Welt, sehen sich Journalistinnen und Journalisten mit einer beispiellosen Welle des Hasses konfrontiert. Anfang des Jahres hetzte vor allem Präsident Jair Bolsonaro selbst gegen Medienschaffende, in den vergangenen drei Monaten taten sich vor allem seine Familie, seine engsten Regierungsmitglieder und seine treue Online-Anhängerschaft hervor.”

6. Sommerinterview mit Jörg Meuthen: So besser nicht
(ndr.de, Sebastian Friedrich)
“Das Sommerinterview mit Jörg Meuthen ist ein Lehrstück, wie man besser nicht mit einem AfD-Politiker spricht”, so Sebastian Friedrichs Urteil über das 25-minütige Gespräch der ARD mit dem Bundessprecher der AfD. Der Interviewer habe es Meuthen zu leicht gemacht, zu wenig nachgefasst und ihm altbekannte Zitate von Parteikollegen vorgelegt, die ihn zu wenig herausgefordert hätten.

Spannervideos, Rechtsextreme auf Imagesuche, Maskenfreies Fernsehen

1. Spannervideos – das heimliche Verbrechen
(ardmediathek.de, Patrizia Schlosser, Video: 42:57 Minuten)
Das Thema ist unerfreulich und abstoßend, doch der Beitrag darüber ist herausragend und unbedingt sehenswert: Patrizia Schlosser hat sich für ihre Investigativreportage mit bewundernswerter Courage in die Welt der Spanner begeben, die Frauen heimlich auf Klos oder unter der Dusche filmen und die Videos auf Pornoportalen veröffentlichen. Dabei geht es auch um die politische und juristische Dimension, denn manchen Tätern sei bei der derzeitigen (lückenhaften) Gesetzeslage nicht beizukommen.

2. Blanker Hass
(sueddeutsche.de, Willi Winkler)
Donald Trumps Lieblingssendung bei Fox News sei “Tucker Carlson Tonight”, eine Sendung, die vom “paleokonservativen” politischen Kommentator Tucker Carlson moderiert wird. Nun sei bekannt geworden, dass der Chefautor der Sendung offenbar jahrelang unter Pseudonym im Internet Hetze, Rassismus und Frauenfeindlichkeit verbreitet habe. Das war anscheinend selbst Fox News zu viel: Sender und Autor haben sich getrennt. Tucker Carlson wolle sich erst in seiner Sendung am Montagabend zu dem Fall äußern.

3. Warum in Fernsehserien keine Masken getragen werden
(deutschlandfunk.de, Pia Behme, Audio: 4:53 Minuten)
Unser Alltag in Corona-Zeiten ist von Schutzmaßnahmen, Distanzregeln und Atemschutzmasken bestimmt. In der TV-Unterhaltung ist die Zeit jedoch meist vor der Pandemie stehengeblieben. Pia Behme hat bei Branchenvertreterinnen und -vertretern nachgefragt, warum die Corona-Thematik in fiktionalen Filmen oder Serien derzeit so gut wie keine Rolle spiele.

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4. Entlang der roten Linien in China
(mmm.verdi.de, Günther Herkel)
Der freie Journalist Marcel Grzanna lebte und arbeitete neun Jahre lang in China. Seine Erfahrungen und Eindrücke hat er in einem Buch zusammengefasst: “Eine Gesellschaft in Unfreiheit. Ein Insiderbericht aus China, dem größten Überwachungsstaat der Welt”. Im Interview spricht Grzanna über die schwierige Situation des Journalismus in dem asiatischen Land, das nahezu unmögliche Berichten über Missstände und den Vorwurf des “China-Bashings”.

5. Wie sich Rechtsextreme ein neues Image geben
(belltower.news, Stefan Lauer)
Vor Kurzem hat Twitter mehrere Accounts der “Identitären Bewegung” (“IB”) beziehungsweise aus dem dazugehörigen Umfeld gelöscht. Von der Löschaktion betroffen ist auch das prominente “IB”-Aushängeschild Martin Sellner, dem auf Twitter 40.000 Menschen folgten. Stefan Lauer hat sich die Reaktionen von Sympathisanten der Bewegung angeschaut, darunter auch Parteimitglieder von AfD und FPÖ.

6. BILD-Zweigstelle direkt in Söders Arsch eröffnet
(der-postillon.com)
Wie erklärt sich die obsessive Liebe der “Bild”-Redaktion für Bayerns Ministerpräsident Markus Söder? Was vielen Branchenkennern bislang ein Rätsel war, haben die Kollegen vom “Postillon” nun endlich gelöst: Es müsse mit der regionalen Nähe zu tun haben.

Kalbitz im Sommerinterview, “Zapp”, Liebesinvest bei ProSiebenSat.1

1. Bühne frei für den Feind der Demokratie
(spiegel.de, Ann-Katrin Müller)
In bestechender Beweisführung erklärt die “Spiegel”-Redakteurin Ann-Katrin Müller, warum es keine gute Idee des RBB war, dem nachgewiesenen Rechtsextremisten Andreas Kalbitz ein komplettes Sommerinterview zu widmen. “Warum aber sollte der RBB, ein öffentlich-rechtlicher Sender, der selbstverständlich dem Grundgesetz verpflichtet ist, dem Spitzenpolitiker einer Partei Sendezeit geben, über die der dortige Verfassungsschutzchef sagt: ‘Es liegen hinreichend wichtige tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass von ihm Bestrebungen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung ausgehen’? Kalbitz steht wie kaum ein anderer für die Gefahr, die von der AfD für unsere Demokratie ausgeht. Warum soll der RBB ausgerechnet ihm eine Bühne bieten?”

2. Die Willkür muss ein Ende haben
(netzpolitik.org, Constanze Kurz)
netzpolitik.org hat sich mit der Juristin Jacqueline Neumann über Social-Media-Accounts von Amtsträgern und Behörden unterhalten. In dem Interview geht es unter anderem um die Frage, warum die Regierung ihre Kritikerinnen und Kritiker nicht auf Facebook oder Twitter sperren darf. Ein hochinteressantes Gespräch, weil es Licht auf einen bislang nur lückenhaft geregelten Bereich wirft. Und weil es mit dem Fall des thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow und dessen Twitter-Blockade eines ihn kritisierenden Accounts typische Argumentationsmuster und Abläufe nachzeichnet.

3. “Zapp” und die große Frage: Braucht man einen Sendeplatz, um Programm zu machen?
(uebermedien.de, Jürn Kruse)
Für das Medienmagazin “Zapp” brechen schwierige Zeiten an: Laut eines internen NDR-Papiers werde es zukünftig nur “in reduziertem Umfang produziert”. “Zapp”-Redaktionsleiterin Annette Leiterer befürchte eine Etatkürzung von einem Drittel. “Übermedien”-Redakteur Jürn Kruse ordnet den schmerzhaften Schritt ein und überlegt, wie ein Ausweg aus dem Dilemma aussehen könnte.

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4. Rasender Reporter
(faz.net, Sandra Kegel)
Die “FAZ” erinnert an den am vergangenen Donnerstag verstorbenen Schauspieler Tilo Prückner und dessen Rolle im “Willi-Busch-Report” (1979). Darin spielte Prückner einen Reporter, der mit zweifelhaften Methoden um das Überleben seiner Provinz-Postille “Werra-Post” kämpft. (“Die von ihm, zwecks Auflagensteigerung, provozierten Sensationen nehmen ein unkontrollierbares Eigenleben an, dem ihr Urheber nicht gewachsen ist. Eine vielschichtige Tragikomödie, klug entworfen und souverän inszeniert, mit präziser Information über die damalige deutsche Wirklichkeit.”, Lexikon des internationalen Films.)

5. Was machen ARD und ZDF im Sommer?
(deutschlandfunk.de, Michael Meyer, Audio: 5:43 Minuten)
Dieses Jahr fallen verschiedene Sport-Großereignisse wie die Fußball-Europameisterschaft und die Olympischen Spiele, die im Programm der Öffentlich-Rechtlichen fest eingeplant waren, coronabedingt aus. Es müssen also unzählige Programmstunden gefüllt werden, doch womit? Zu befürchten sei: vor allem mit Wiederholungen statt mit neuen Inhalten.

6. Kartellamt sagt Ja zu ProSiebenSat.1 und Lovoo
(wuv.de, Annette Mattgey)
Das Medienunternehmen ProSiebenSat.1 wird immer mehr zum Datingunternehmen. Der Konzern, dem bislang schon die Dating-Plattformen Parship und Elite Partner gehören, verleibt sich aller Voraussicht nach auch Lovoo ein. Das Kartellamt habe bereits grünes Licht gegeben, nun fehle nur noch die Zustimmung aus den USA.

Reichelts Attacken, Tichys Sieg, Trumps Drohungen

1. Bloß nicht vernünftig
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo geht in seiner Kolumne der Frage nach, warum die “Bild”-Redaktion eine Kampagne gegen den Virologen Christian Drosten fährt und kommt dabei schnell auf “Bild”-Chef Julian Reichelt zu sprechen: “Man muss feststellen, dass Julian Reichelt die sicher geglaubte Deutungshoheit der ‘Bild’-Zeitung über das politische und gesellschaftliche Geschehen in Deutschland entgleitet, vielleicht längst entglitten ist. Wenn ein Chefredakteur derart strategielos in sozialen Medien agiert und vor allem unsouverän reagiert, ist das ein Warnsignal der Schwäche. Die ‘Bild’-Zeitung hat katastrophal unterschätzt, dass und wie man Social Media als medial attackierte Person heute nutzen kann.”

2. Der Allesversteher
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Mit “Der Allesversteher” hat Josef-Otto Freudenreich sein Interview mit dem vormaligen ARD-Nachrichtenchef und jetzigem SWR-Intendanten Kai Gniffke überschrieben. Eine spitze Zuschreibung, die sich wahrscheinlich auf Gniffkes Umgang mit Rechtspopulisten und Rechtsradikalen wie Björn Höcke beziehen soll. Und die durch den Umstand unterstützt wird, dass Gniffke sich mit den Interviewern nicht darauf verständigen konnte, “dass die AfD im Grundtenor nationalistisch, völkisch, rassistisch und fremdenfeindlich” sei.

3. Tichy siegt gegen “Correctiv” vor Gericht
(faz.net)
Das Recherchezentrum “Correctiv” hatte im Rahmen seiner Zusammenarbeit mit Facebook einen Beitrag der rechtslastigen Online-Zeitung “Tichys Einblick” mit einem “Teils falsch”-Stempel versehen. Dagegen hatte sich Roland Tichy juristisch gewehrt, war jedoch vor dem Landgericht Mannheim unterlegen. Nun hat die höhere Instanz, das Oberlandesgericht Karlsruhe, das Urteil der Vorinstanz revidiert und Tichy Recht gegeben.

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4. Regierungs-PR als Konkurrenz für Journalisten?
(ndr.de, Daniel Bouhs & Caroline Schmidt)
Für Hauptstadtkorrespondentinnen und -korrespondenten sei die Berichterstattung deutlich schwieriger geworden. Viele Pressekonferenzen würden per Chat und ohne direkten Kontakt ablaufen, viele Ansprechpartner seien nicht verfügbar, da im Homeoffice. Und auch der Regierungspodcast zur Corona-Pandemie werde mit gemischten Gefühlen gesehen, da eine “unschöne Konkurrenzsituation” um Expertinnen und Experten entstehen könne, so die Gesundheitspolitik-Reporterin Rebecca Beerheide.

5. Trump droht Twitter mit Schließung
(tagesschau.de)
Nachdem Twitter erstmals Tweets des US-Präsidenten Donald Trump als inhaltlich irreführend kennzeichnete, droht dieser: “Die Republikaner sind der Meinung, dass Social-Media-Plattformen die Stimmen der Konservativen völlig zum Schweigen bringen. Wir werden sie stark regulieren oder schließen, bevor wir dies jemals zulassen können …” Die verborgene Pointe: Trumps Drohung, Twitter zu schließen, veröffentlicht er ausgerechnet auf dem Kanal, den es betrifft und von dem er fast abhängig zu sein scheint: Twitter.
Weiterer Lesehinweis: Lesenswert ist in diesem Zusammenhang Patrick Beuths Kritik an Twitters Faktencheck, der Defizite des Unternehmens im Kampf gegen Falschinformationen deutlich mache (spiegel.de).

6. “Es geht auch um den Austausch”
(taz.de, Peter Weissenburger)
Das Hamburger Straßenmagazin “Hinz&Kunzt” musste seinen Straßenverkauf coronabedingt für zwei Monate stoppen. Peter Weissenburger hat sich mit “Hinz&Kunzt”-Chefredakteurin Birgit Müller darüber unterhalten, wie sich der Verkaufsstopp für das Projekt und die Obdachlosen ausgewirkt hat. Man habe zunächst um Spenden gebeten, um jedem Verkäufer 100 Euro Soforthilfe auszahlen zu können, “dafür hätten wir 53.000 Euro benötigt. Aber durch die großartige Hilfe der Hamburger sind sogar 390.000 Euro zusammengekommen, sodass wir vier Mal Geld ausbezahlt haben und heute ein Starterset für jeden bereit hatten — mit 20 geschenkten Magazinen, Maske und Visier und Desinfektionsmittel.”

Zerstörtes Vertrauen, Statistischer Corona-Unsinn, Latent voyeuristisch

1. “Als Wissenschaftler schafft man keine Fakten”
(sueddeutsche.de, Kathrin Zinkant)
Der Chefvirologe der Berliner Charité Christian Drosten äußert sich im Interview mit der “Süddeutschen Zeitung” unter anderem zur Kampagne, mit der die PR-Firma “Storymachine” das “Heinsberg Protokoll” medial vermarktet: “Ich finde das alles total unglücklich — und ich finde es noch schlimmer, wenn ich dann den Bericht im Wirtschaftsmagazin Capital darüber lese, dass diese PR-Firma Geld bei Industriepartnern eingesammelt hat, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Da geht es auch um ein internes Dokument, demzufolge Tweets und Aussagen des Studienleiters Hendrik Streeck in Talkshows schon wörtlich vorgefasst waren. Da weiß ich einfach nicht mehr, was ich noch denken soll. Das hat mit guter wissenschaftlicher Praxis nichts mehr zu tun. Und es zerstört viel von dem ursprünglichen Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft.”

2. Mutiert die taz zum Regierungsblatt?
(taz.de, Malte Kreutzfeldt & Ulrich Schulte)
Verkehrte Welt: Derzeit muss sich die “taz”-Redaktion vor manchen Leserinnen und Lesern dafür rechtfertigen, dass sie gelegentlich die Arbeit der Regierung lobt. Sie sei dennoch weit von einem “Regierungsblatt” entfernt, wie sie nun in einem Brief an die Leserschaft erklärt: “Wir schauen gerade sehr genau hin, egal ob es um die Kontaktbeschränkungen in den verschiedenen Bundesländern geht (Wo und warum darf man nicht auf einer Parkbank sitzen?), um die Einschränkungen des Versammlungsrechts oder die Folgen der Pandemie für marginalisierte, arme oder geflüchtete Menschen.”

3. AfD trennt sich von Fraktionssprecher wegen Faschismusvorwürfen
(zeit.de, Christian Fuchs & Jan Aleksander Karon)
Die AfD hat sich überraschend von ihrem langjährigen Partei- und Fraktionspressesprecher Christian Lüth getrennt — oder um präzise zu sein: Sie “hat ihn mit sofortiger Wirkung freigestellt”. Grund für den Rauswurf soll Lüths politisches Weltbild gewesen sein: Er soll von sich selbst wiederholt als “Faschist” gesprochen und auf seine “arische Abstammung” hingewiesen haben.

4. Corona: Medien verbreiten weiter unbeirrt statistischen Unsinn
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Viele Medien lieben Ranglisten. Die zahlenbasierten Übersichten ermöglichen einen schnellen Vergleich und eine entsprechende Einordnung. Schwierig sei dies jedoch bei den Ländertabellen zur Corona-Thematik, deren Zahlen in vielen Fällen nicht vergleichbar seien. Urs P. Gasche erklärt das Problem und verrät, wie es aus seiner Sicht besser gehen könnte.

5. “Der Zuschauer ist wahrscheinlich relativ überfordert”
(deutschlandfunk.de, Susanne Luerweg, Audio: 4:37 Minuten)
In einem ARD-Extra zum Coronavirus gab es Bilder aus einem bayerischen Krankenhaus zu sehen, die auf einige Zuschauer und Zuschauerinnen wegen ihrer Nähe zu Leid und Tod verstörend wirkten. Was ist aus medienethischer Sicht von dieser Art Berichterstattung zu halten? Der Deutschlandfunk hat sich darüber mit Alexander Filipović unterhalten, der als Professor für Medienethik in München lehrt. Seine vorsichtige Einschätzung: “Wenn die Kamera im Spiel ist, dann gibt es immer so etwas latent Voyeuristisches, und ich glaube, das sieht man so auch an diesen Beitrag.”

6. Burdas “Freizeit Revue”: Nachruf zum Geburtstag
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer ist der offizielle Regenbogenpressebeauftragte des medienkritischen Portals “Übermedien”. Dort ruft er regelmäßig zum “Schlagzeilenbasteln” auf: “Wir geben Ihnen eine Nachricht, und Sie dürfen raten, welche Schlagzeile die deutsche Regenbogenpresse daraus gebastelt hat.”

Bei Mordverdacht macht “Bild” einen Deutschen wieder zum Flüchtling

Wann ist man eigentlich Deutscher? Also so richtig deutsch, akzeptiert sogar von der “Bild”-Redaktion? Braucht man dafür einen deutschen Namen, deutsche Vorfahren, ein irgendwie geartetes deutsches Aussehen? Muss man in Deutschland geboren sein? Oder reicht die deutsche Staatsbürgerschaft?

In Leipzig soll ein Mann seine Ex-Freundin getötet haben. Der 30-Jährige ist Deutscher mit deutschem Pass und lebt seit knapp 25 Jahren in Deutschland. Als 6-Jähriger flüchteten er und seine Familie aus Afghanistan, was bei dieser Geschichte eigentlich keine Rolle spielen sollte. “Bild” und Bild.de sehen das offenbar anders. Denn wenn man möglicherweise zum Straftäter geworden ist, dann kann man noch so lange schon in Deutschland leben und einen noch so deutschen Pass haben. Dann ist man direkt: einstiger “Vorzeigeflüchtling”, wie die “Bild”-Redaktion in einem Facebook-Teaser schreibt.

Mehrere Tage berichteten die “Bild”-Medien in der vergangenen Woche über den Fall. In ihrer Leipzig-Ausgabe titelte die “Bild”-Zeitung am Mittwoch:

Ausriss Bild-Zeitung - Myriams Killer war mal ein Musterbeispiel gelungener Integration

Man kann nur mutmaßen, was der Leserschaft eine solche Überschrift sagen soll — hängen bleibt aber irgendein Zusammenhang zwischen Migration und Gewaltverbrechen. Und dann noch nicht mal von irgendeinem sowieso schon kriminellen Dahergelaufenen verübt, sondern von einem “Musterbeispiel gelungener Integration”. Wenn jetzt die sogar schon …

Die Onlineversion des Artikels wurde über 4000 Mal bei Facebook geteilt, von AfD-Politikern und -Ortsverbänden, von der NPD, von “Pegida”, von Facebookgruppen mit Namen wie “Büdingen wehrt sich — Asylflut stoppen”, “Klartext für Deutschland — FREI statt bunt” und “Aufbruch deutscher Patrioten”. Sie alle stürzen sich auf die Bezeichnungen “Vorzeigeflüchtling” und “Musterbeispiel gelungener Integration”. Die “Bild”-Redaktion weiß sehr genau, für wen sie schreibt.

Den viel passenderen größeren Zusammenhang lässt sie hingegen außen vor: Gewalt gegen Frauen. Der Tod der Frau in Leipzig reiht sich ein in die zahlreichen Frauenmorde, die hierzulande und überall auf der Welt eine traurige Alltäglichkeit haben. Wegen Fällen wie diesem gab es in letzter Zeit Debatten zu verharmlosenden Bezeichnungen in Medien wie “Beziehungsdrama”: Gewalttaten in Beziehungen sollen nicht mehr als einzelne “Tragödien” beschrieben werden, sondern als strukturelles Problem. Die dpa kündigte beispielsweise an, künftig auf Begriffe wie “Familientragödie” verzichten zu wollen.

Anders Bild.de. Als die genauen Hintergründe der Tat in Leipzig noch nicht bekannt waren, titelte die Redaktion:

War der Mordversuch eine Beziehungstat?

Kolumnistin Katja Thorwarth schrieb vergangenes Jahr in der “Frankfurter Rundschau” darüber, “warum Mord keine ‘Beziehungstat’ ist”. Solche Überlegungen scheinen an “Bild” spurlos vorbeizugehen.

Das gilt auch für Überlegungen zu Persönlichkeitsrechten: Regelmäßig veröffentlichen die “Bild”-Medien unverpixelte Fotos von Tatopfern und von bisher nicht verurteilten Tatverdächtigen. Die Unschuldsvermutung ist der Redaktion eher lästig. Und so lässt “Bild” auch diese Gelegenheit nicht aus und zeigt sowohl ein Foto der Getöteten als auch eines des mutmaßlichen Täters ohne jegliche Unkenntlichmachung.

Das Foto der Getöteten hat “Bild” vom Facebook-Account der Frau:

Screenshot Bild.de - Foto: Facebook

Dabei hatte der Deutsche Presserat schon vergangenen Dezember festgestellt:

Facebookeintrag kein Freibrief für Verwendung von Opferfotos

Konkret ging es damals um einen Fall, bei dem Bild.de ein Foto einer getöteten Frau von Facebook gezogen und veröffentlicht hatte — für den Presserat ein Verstoß gegen den Opferschutz. Der Ehemann des Opfers sei in den Sozialen Netzwerken zwar offen mit dem Tod seiner Frau umgegangen, so das Gremium, trotzdem hätte die “Bild”-Redaktion eine Erlaubnis zur Veröffentlichung der Bilder einholen müssen:

Die Veröffentlichung von Fotos und Angaben zu Opfern durch die Angehörigen in sozialen Netzwerken ist nicht gleichzusetzen mit einer Zustimmung zu einer identifizierenden Darstellung in den Medien.

Gab es für die “Bild”-Berichterstattung aus Leipzig so eine Zustimmung? “Bild”-Sprecher Christian Senft wollte sich dazu nicht äußern: Man kommentiere, “wie üblich”, keine redaktionellen Entscheidungen. Nach unserer Anfrage hat die Redaktion die Fotos des Opfers bei Bild.de verpixelt.

Mit Dank an Maria T. und anonym für die Hinweise!

Nachtrag, 23:24 Uhr: Mit dem Herauskramen der Bezeichnung “Vorzeigeflüchtling” ist die “Bild”-Redaktion nicht allein. Auch Sächsische.de bezeichnet den Tatverdächtigen in einem später erschienenen Artikel so.

Mit Dank an @doestrei für den Hinweis!

Nachtrag, 21. April: Auch die “Leipziger Volkszeitung” berichtet von dem Fall und schreibt über den Tatverdächtigen, er sei ein “Musterbeispiel gelungener Integration” gewesen.

“Tag24” bekommt es hin, den Mord an der Frau sprachlich auf ganz besondere Weise zu verharmlosen: Die Redaktion schreibt vom “dramatischen Höhepunkt einer toxischen Liebe im Sozialarbeiter-Milieu”.

Mit Dank an @RASSISMUSTOETET für den Hinweis!

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