Archiv für Unsportliches

Lange Nase, kleine Ohr’n

Diverse Medien und Nachrichtenagenturen aus verschiedenen Ländern berichten, dass die UBS-Bank eine Prognose zum Ausgang der Fußball-EM 2008 erstellt hat, nach der Tschechien Italien im Endspiel im Elfmeterschießen besiegen wird. Also werde Tschechien Europameister.

Bild.de hingegen berichtet, dass die UBS-Bank eine Prognose zum Ausgang der Fußball-EM 2008 erstellt hat, nach der Italien Tschechien im Endspiel im Elfmeterschießen besiegen wird. Also werde Italien Europameister – und drehe „uns“, so Bild.de, „wieder eine Lange Nase“.

Mit Dank an Alexander W. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 20.30 Uhr (mit Dank an Florian R.): In der offiziellen Pressemitteilungsmail der UBS lautet die Überschrift übrigens:

"UBS Wealth Management Research prognostiziert: Tschechien wird Europameister"

Mitfahrzentralenjournalismus

Huub Stevens ist derzeit und noch etwa sechs Monate Trainer des Fußballbundesligisten Hamburger SV. Im Sommer wird er aus privaten Gründen den Verein verlassen. Folgerichtig sucht der HSV einen neuen Chefcoach. Aber welche Rolle spielt Stevens dabei? Die Hamburg-Ausgabe der „Bild“ meinte am Montag:

"Stevens hilft bei Trainersuche"
Kein Wunder, dass nach dem Test in Aachen (2:1) Stevens und Sportchef Dietmar Beiersdorfer in den Wagen sprangen, auf „Trainer-Tour“ in die Niederlande fuhren.

Gestern war sich dagegen das „Hamburger Abendblatt“ sicher:

"Trainer Huub Stevens über seinen Nachfolger: Ich suche nicht mit"

Im Artikel wird Stevens dann recht deutlich (siehe auch Kasten):

Fahrgemeinschaft
 
„Schmunzeln musste Stevens dagegen über Vermutungen, dass er dem HSV bei der Suche nach seinem Nachfolger helfen und bereits intensiv involviert sein soll. Tatsächlich nahm Stevens am Freitagabend auf dem Weg in seiner [sic] Heimat Sportchef Dietmar Beiersdorfer ein Stück mit dem Auto mit, bevor sich dieser zu einem Treffen verabschiedete — ohne Stevens.“
(Quelle: „Abendblatt“)

Ich bin bei der Trainerfrage weder einbezogen worden noch nach meiner Meinung gefragt worden und habe auch keine Tipps gegeben.

Laut „Abendblatt“ ging es bei Beiersdorfers Reise „offenbar ausschließlich um das Sichten von Spielern“. Aber Stevens Version ist ohnehin plausibler, denn kein Trainer wird sich die Blöße geben, seinen eigenen Nachfolger zu bestimmen. Dann könnte er nämlich gleich zurücktreten und dem Neuen das Feld auf der Stelle überlassen, so groß wäre der Autoritätsverlust — oder, wie man es heute beim HSV auf unsere Nachfrage hin formulierte:

Stevens würde ja wohl der Teufel reiten, wenn er nach dem neuen Chefcoach suchen würde.

Mit Dank an Lennart F. für Hinweis und Scans.

Erwischt: „Bild“ verkauft Leser für dumm

Fangen wir mal hinten an: Die „Bild“-Zeitung erklärt ihren Lesern heute, wie sich das so mit dem Abkupfern in der Formel 1 verhält. Dafür hat sie den Chef des BMW-Sauber-Formel-1-Teams Mario Theissen befragt und fasst seine Aussage so zusammen:

Abkupfern ist erlaubt (…).

Soweit, so uninteressant (wer sich ein wenig für die Formel 1 interessiert, weiß das sicher schon länger), hat man offenbar bei „Bild“ gedacht und sich alle Mühe gegeben, den Artikel darüber, dass BMW Sauber jetzt, genau wie Ferrari schon in der letzten Saison, auch mit Radabdeckungen fährt, etwas aufzupeppen.

Fragt sich nur, ob es wirklich notwendig war, den Leser deswegen für komplett dumm zu verkaufen:

"Erwischt: BMW klaut bei Ferrari"

Heute der nächste Mammut-Test der Formel 1. (…) Erstmals herrscht höchste Geheimhaltungsstufe. (…)

BILD weiß: BMW hat bei Ferrari geklaut!

Hoffentlich weiß „Bild“, dass BMW bei Ferrari „geklaut“ hat! Jeder Formel-1-interessierte Leser weiß es schließlich auch. Oder „erwischte“, um es im „Bild“-Jargon zu sagen, BMW schon bei der Präsentation ihres neuen Autos vor einer guten Woche mit den neuen Radabdeckungen. Da hat BMW das neue Auto nämlich offiziell der Öffentlichkeit vorgestellt. (Ein Video davon gibt es übrigens auch auf Bild.de direkt neben dem „Erwischt“-Artikel). Ganz ohne Geheimhaltungsmaßnahmen in der BMW-Welt in München. Eine dieser „geklauten“ Abdeckungen ist dabei auf einer Proberunde abgefallen.

P.S.: Wir wissen zwar nicht genau, ob Renault, wie „Bild“ schreibt, diese Saison auch mit den „geklauten“ Radabdeckungen fährt, aber Toyota tut das offenbar. Und war auch in der letzten Saison schon gelegentlich damit auf der Strecke unterwegs.

Mit Dank an B. S. für den sachdienlichen Hinweis.

Kurz korrigiert (449)

Bild.de kooperiert mit der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Leser von Bild.de können bis Mittwoch 13 Uhr per Online-Wahl die beiden Trainer für das DEL-All-Star-Game bestimmen, bei dem eine Auswahl der besten europäischen DEL-Spieler gegen eine Auswahl der besten nordamerikanischen DEL-Spieler antritt.

Mit was für einem kompetenten Partner die DEL da zusammenarbeitet, sieht man an der Anmoderation auf Bild.de:

"Was in der nordamerikanischen NHL schon lange Tradition ist, steigt jetzt auch im deutschen Eishockey – das All-Star-Game!"

Dass das DEL-All-Star-Game nicht zum ersten, sondern bereits zum zehnten Mal (also seit 1998 fast jährlich) stattfindet, geht bei Bild.de, äh, irgendwie unter.

Mit Dank an Florian E. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 14.34 Uhr: Der Eishockey-Beauftragte von Bild.de hat in der Anmoderation unauffällig ein „wieder“ ergänzt.

In die Tonne getreten (2)

FCB-Manager Uli Hoeneß:
 
„Das ist Zufall, denn man kann sich ja vorstellen, dass man nicht von Freitag bis Sonntag einen Transfer über die Bühne bringt.“
(Quelle: fcbayern.de)

Wenn Sportbild.de unter der Überschrift „Borowski-Transfer: Klinsmann nicht beteiligt“ berichtet, der Wechsel des Fußballspielers Tim Borowski von Werder Bremen zum FC Bayern München sei „nicht vom künftigen Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann angestoßen worden“, wenn Kicker.de vermeldet, Borowski Wechsel sei „keineswegs vom künftigen Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann eingefädelt worden“ und auch der FC Bayern (siehe Kasten) nichts davon wissen will, dass der Neuzugang „ein Verdienst des zukünftigen Bayern-Coaches gewesen sein könnte“…

… wie berichtete dann wohl „Bild“ darüber? — Na, so:

"Klinsi holt WM-Helden Borowski"

Mit Dank an Lorenz S.

In die Tonne getreten (1)

"BILD fand die Klinsi-Tonne"

Mann, das war bestimmt voll die kniffelige Recherche, bis „Bild“ das gute Stück endlich „in Stuttgart aufgespürt“ hatte, wie ein Blick ins Archiv* zeigt! Berichtete doch die „Stuttgarter Zeitung“ am 23.09.2006:

Rein zufällig sei er beim Internet-Auktionshaus E-Bay auf „die Tonne“ gestoßen, erzählt Dieter Fischer. Mit „Tonne“ meint der bekannte Weingroßhändler jene Werbesäule, an der Jürgen Klinsmann einst seine Spuren hinterlassen hat. (…) Die Agentur von Sanyo (…) stellte die Tonne bei dem virtuellen Auktionshaus ein. Als sie unvermutet im Netz auftauchte, bot Fischer unter dem Decknamen Barolo 1943 (sein Lieblingswein und sein Geburtsdatum) beherzt mit – „zumal das Geld ja an einen guten Zweck geht“.

Das Loch mitsamt der Klinsmann-Säule ist jetzt bei Fischer & Trezza in Wangen zu besichtigen. (…)

*) In der Online-Datenbank Genios zum Beispiel ist der Artikel bei einer Suche nach „Klinsmann Tonne Sanyo“ der dritte Treffer.

Die „Details und Formalitäten“ des Jens Lehmann

„BILD berichtete“ ist eine Formulierung, die sich quasi täglich in „Bild“ findet. Häufig bedeutet sie: „Bild“ berichtete falsch oder ahnungslos, will’s aber nicht zugeben.

In einem Artikel über den Fußballtorwart Jens Lehmann in der heutigen Ausgabe allerdings findet sich die „BILD berichtete“-Formulierung nicht. Das ist erstaunlich, denn: „Bild“ berichtete — erst vorgestern noch in großer Aufmachung, auf der Titelseite und im Sportteil. Und zeitgleich hatten die Nachrichtenagenturen und zahllose Medien die Meldung von Deutschlands meistzitierter Zeitung weiterverbreitet.

Die „Bild“-Meldung stand am Donnerstag unter der Überschrift „Lehmann sagt JA!“ und lautete:

Der National-Torhüter hat dem BVB jetzt sein Ja-Wort gegeben. Ab der Rückrunde will er in Dortmund zwischen den Pfosten stehen. Es fehlt nur noch seine Unterschrift. (…) Bevor ein Vertrag unterschrieben werden kann, muss Deutschlands Nummer 1 allerdings noch einige Details und Formalitäten klären.

Lehmann-Dementis
 
Dem kicker teilte Lehmann wörtlich mit, „dass ich dem BVB nicht zugesagt habe und es im Moment auch nicht danach aussieht“. Auch Bundestrainer Joachim Löw bestätigte (…): „Ich habe heute morgen kurz mit ihm telefoniert (…). Es ist definitiv noch keine Entscheidung gefallen. (…)“ Auch Borussia Dortmund dementierte Meldungen einer Einigung mit Lehmann: „Es gibt bislang keine definitive Zusage. (…)“
Kicker.de am 10.1.2008

Lehmann dementierte sein „JA!“ umgehend (siehe Kasten), und in deutlich kleiner Aufmachung und unter der Überschrift „Tritt Lehmann nach der EM zurück?“ hieß es am Freitag in „Bild“:

Jens Lehmann (38) und Dortmund – finanziell ist alles klar. Aber erst, wenn zufriedenstellend geregelt ist, wo seine zwei schulpflichtigen Söhne Lasse (11) und Mats (7) künftig zur Schule gehen, will Lehmann auch unterschreiben (BILD berichtete).
(Hervorhebung von uns.)

Kein Zweifel, „Bild“ hatte hoch gepokert — und verloren: „Lehmann sagt dem BVB ab!“ heißt es heute in „Bild“, aber einen Hinweis darauf, wer die angebliche Zusage exklusiv herausposaunt hatte, gibt es nicht.*

*) Auch auf Bild.de (wo man mit „Mehr zum Thema“-Kästen für gewöhnlich nicht geizt) verzichtet man auf irgendeinen Hinweis zur Lehmann-Ente.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Klinsmann hält sich nicht an „Bild“-Vorhersagen

Das ist die Sensation des Fußball-Jahres! Jürgen Klinsmann (43) wird neuer Bayern-Trainer.

„Bild.de“ kann es gar nicht fassen: Jürgen Klinsmann wird in der nächsten Saison neuer Trainer beim FC Bayern München. Eine Meldung, die selbst die meisten Fußball-Experten (und von denen gibt es in Deutschland 82 Millionen) überraschen dürfte.

Das wurde aber auch Zeit, denn vermutlich wären „Bild“ sonst langsam die Vereine und Nationalmannschaften ausgegangen, auf deren Trainerbänken die Zeitung Jürgen Klinsmann seit seinem Ausscheiden als Bundestrainer im Juli 2006 gesehen hat:

Die Möglichkeit, dass Klinsmann Bayern-Trainer werden könnte, bezifferte „Bild“ im August 2007 mit „fünf Prozent“.

Zé Robertos Geheimnisverrat „in BILD“

Der Brasilianer José Roberto de Olivera alias Zé Roberto spielt demnächst beim Fußballverein Schalke 04 und gab (so steht’s seit gestern beispielsweise im WAZ-Portal DerWesten) „am Montag sein erstes Interview“ und zwar (so steht’s seit gestern auf der Schalke-Homepage) „auf der Terrasse des Hotels Kempinski ‚The Dome‘ in Belek“, wo er (so steht’s seit gestern im Regionalportal westline) in einer „Fragerunde mit den Journalisten (…) bereitwillig alle Fragen zu seiner Person beantwortet“ hatte.

Kurzum: Zé Roberto gab in der Türkei eine Pressekonferenz, von der heute auch „Bild“ berichtet.

Und alles, wirklich alles, was sich heute dazu in „Bild“ nachlesen lässt, steht auch andernorts — allerdings nicht so, wie es sich in „Bild“ nachlesen lässt:

"Ze Roberto - In BILD verrät er seine 11 Geheimnisse (...) Aber BILD verriet er schon seine 11 Geheimnisse."

Mit Dank an Thomas S. und Mike S. für die Hinweise.

Kurz korrigiert (446)

Es ist nicht ganz einfach mit dem Zählen. Gerade im Dezember sind viele angehalten, kleine Papptürchen in der richtigen Reihenfolge zu öffnen. Da kann man bei komplexeren Sachverhalten schon mal den Überblick verlieren.

So wie der Mann, der gestern Abend noch schnell den News-Ticker bei Bild.de mit der Zweitliga-Spiel SC Freiburg gegen Borussia Mönchengladbach (1:3) füllen musste:
"Die Tore für die Gäste erzielten Rob Friend (6.) und Sascha Rösler (58./76.). Freiburg kam durch ein Eigentor von Patrick Paauwe (64.) zum zwischenzeitlichen Ausgleich."
Zählen wir noch einmal nach:
0:1 in der 6. Minute
0:2 in der 58.
1:2 in der 64.

Ausgleich?! Das gesuchte Wort war wohl eher „Anschluss“.

Im ausführlichen Spielbericht ging man deshalb wohl lieber auf Nummer sicher und formulierte das alles etwas unverfänglicher:

Da schien bereits alles gelaufen. Doch Paauwe nickte einen Matmour-Freistoß unglücklich ins eigene Netz (64.). Plötzlich war wieder Leben in der Bude.

Mit Dank an Daniel N. für den Hinweis.

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