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Daum hält sich nicht an „Bild“-Wissen (Nachtrag)

"Abschied vom 1. FC Köln perfekt: Christoph Daum haut ab! -- Christoph Daum verlässt den 1. FC Köln! BILD hatte exklusiv schon am 13. Mai den Abschied des Trainers angekündigt. Jetzt einigte sich Christoph Daum (54) mit dem FC auf eine Vertragsauflösung! Der Trainer-Hammer in der 2. Liga. Daum geht!"

Als wollte man sich bei „Bild“ mit Daums „überraschender Wende“ und seinem „Rücktritts-Rückzieher“ (wir berichteten) nicht so recht abfinden, findet sich der obige „Bild“-Artikel(entwurf?)* mit Datum vom gestrigen Freitag aktuell verlinkt auf Bild.de.

Mit Dank an Lasse P., Max S., Benno K. und Stefan J.

*) Nachtrag, 20.28 Uhr: Wo vorhin noch die „Daum geht“-Meldung stand, steht jetzt nixxx mehr.

Daum hält sich nicht an „Bild“-Wissen

Über Christoph Daum, Trainer des 1. FC Köln, schrieben „Bild“ und Bild.de am Dienstag vergangener Woche überraschend dies:

"Daum -- Rücktritt!"
(…) Er wird zurücktreten. BILD weiß: Seine Entscheidung steht fest, auch wenn er sie (noch) nicht verkünden will.

(…) Spätestens Montag! Dann steht fest: Christoph Daum (54) wird den 1.FC Köln verlassen.

(…) Daum wird die Kölner trotz der Rückkehr in die Bundesliga zum Saisonende vorzeitig verlassen. Auch ein Vertrag bis 2010 kann Daum nicht halten (…). Der Absprung steht aufgrund seiner Ausstiegsklausel unmittelbar bevor.

Seit gestern abend steht wohl fest: Die „Bild“-Behauptungen sind falsch, Daum wird nicht zurücktreten. Oder, um’s mit der aktuellen „Bild“ zu sagen:

"Daum bleibt!"

Allerdings liegt dazwischen eine turbulente Woche.

Unmittelbar nach dem „BILD weiß“-Bericht nämlich erklärte Daum im Kölner „Express“:

An dieser Stelle muss ich alle irren Spekulationen beenden: Selbstverständlich will ich weiter beim FC bleiben. (…) Das ist jetzt keine Pokerei (…).

„Welt Online“ hielt Daums „Pokerei“-Dementi anschließend jedoch selbst für Pokerei und „eine Retourkutsche“ auf die Rücktrittsmeldungen. Und auf die Frage, ob denn möglich sei, „dass der Trainer des 1.FC Köln in der kommenden Saison nicht Christoph Daum heißt“, antwortete Daum im Interview:

Ich kann diese Möglichkeit nicht gänzlich ausschließen.

„Welt Online“ waren an diesem Tag nicht mal die einzigen mit einem Daum-Interview. Und als am selben Tag der „kicker“ fragte, ob denn wohl jemand überrascht sein dürfte, wenn er tatsächlich Trainer bliebe, orakelte Daum:

Einen* gibt es wohl. Denjenigen, der mich hier weghaben will. Der wird überrascht sein.

*) Einen Tag nach dem „kicker“-Interview wollte Daum seine Aussage ausdrücklich „auf einen Medienvertreter“ bezogen wissen.

Die „Bild“-Zeitung indes reagierte mit einer „BILD-Analyse“ zum „Daum-Dilemma“:

Christoph Daum in einem „Express“-Video:

„Dass andere Themen jetzt, bevor die Saison zuende ist, in den Mittelpunkt kommen, dafür kann ich nichts. Das liegt an der Kölner ‚Bild‘-Redaktion, das ist ’ne persönliche Sache.“

„Daum weg“, schrieb BILD nach dem Aufstiegs-Finale gegen Mainz. (…) Der Trainer reagierte sauer und sprach von einer „persönlichen Sache“ mit BILD-Köln [siehe Kasten].

Nun gut! (…) Gestern erklärte Daum in einem RPR1- Radio-Interview: „Es wird Gespräche (mit dem FC) geben, die vom Ergebnis her offen sind.“

Und später: „Es steht nichts fest…“

Daraus könnte man auch einen Rücktritt interpretieren.

Daraus, ähm, könnte man auch ein Zurückrudern interpretieren. Was allerdings das großspurige „BILD weiß“ betrifft, mit dem das Hin und Her begann, gibt es im Nachhinein drei Möglichkeiten:

  • A: „Bild“ hatte sich von irgendwem (oder Daum) irgendwas erzählen lassen und als Tatsache hinausposaunt.
  • B: „Bild“ hatte sich für Daums Pokerei (inkl. Dementis, Beschimpfen-Lassen und Doof-Dastehen) einspannen lassen.
  • C: „Bild“ hatte keine Ahnung und einfach irgendwas behauptet.

Unplausibel ist keine der Versionen. Nur…

…mit Journalismus haben sie alle drei nichts zu tun.

Oder auch nicht

Aus dem Strafgesetzbuch:

§ 223 Körperverletzung
(1) Wer eine andere Person körperlich mißhandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Aus einer Kolumne des „Bild“-Vize-Chefredakteurs Alfred Draxler:

Warum lassen wir zu, dass mittelmäßige Kicker bei uns abkassieren wie Weltmeister? Wenn ein Benny Lauth, Total-Versager und Ersatzspieler bei Hannover 96, wie James Bond mit einem Aston Martin V12 (528 PS) vorfährt, dann sollte er von seinen Vorgesetzten doch eigentlich auf die Fr… kriegen, oder?

Mit Dank an Daniel.

Zweitklassige Bundesliga-Tabelle

Man sollte nicht meinen, nur weil Bild.de Internet macht, würde dort mit modernen Methoden gearbeitet. Die Tabelle der Fußballbundesliga zum Beispiel wird immer noch aus einzelnen Zettelchen mit den Vereinsnamen zusammengelegt und dann abfotografiert.

Plötzlicher Durchzug ist da natürlich blöd.

Gladbach und Mainz wieder erstklassig

(Borussia Mönchengladbach und der 1. FSV Mainz 05 spielen in der zweiten Bundesliga, dafür fehlen hier Nürnberg und Duisburg. Und was die Nummerierung zu bedeuten hat, wissen wir leider auch nicht.)

Mit Dank an Dirk!

Nachtrag, 16.22 Uhr (mit Dank an Felix): Vielleicht sollte mal wieder jemand in der Tabellen-Abteilung von Bild.de aufräumen und die alten Zettel wegwerfen. Die Platzierungen und Punkte von Mainz und Gladbach entsprechen dem Stand des 28. Spieltags der Saison 2005/2006.

Kurz korrigiert (461)

Wir wollen das nicht dramatisieren. Aber da man sich bei „Bild“ rühmt, „näher dran“ zu sein, wollen wir doch anmerken, dass „Bild.de-Experte Ralf“ Schumacher, anders als „Bild“ gestern behauptete, am vergangenen Sonntag bei der DTM-Präsentation im Mercedes keine „Runden auf der abgesperrten ‚Kö'“ drehte und auf dem Foto nicht durch Düsseldorf „braust“. Das hat offenbar sein Team-Kollege für ihn erledigt, während Ralf Autogramme schrieb.

Mit Dank an Peter K. für den sachdienlichen Hinweis.

Wer’s glaubt, kann früher Mittag machen

Wenn „Bild“ heute im Sportteil über die Formel 1 in besonders großen Buchstaben schreibt, Michael Schumacher "Schumi: BMW kann Weltmeister werden!"meine, „BMW kann Weltmeister werden!“, ist das falsch.

Aber dafür kann „Bild“ nichts.

Michael Schumacher habe sich gestern „in großer Runde“ auf einer Pressekonferenz in Brüssel „missverständlich ausgedrückt“, sagt seine Sprecherin. Gemeint habe er eigentlich das, was er der Nachrichtenagentur Reuters in einem Gespräch auf derselben Pressekonferenz erzählte:

„BMW here and there will have a few highlights, maybe more than we think. But calculating all things, I believe, no, they cannot sustain it over the season,“ Schumacher told Reuters in an interview in Brussels (…). „I believe it is a straight fight between Ferrari and McLaren,“ he said „There will be no other team fighting realistically towards the end of the championship.“

Kurz gesagt: Schumacher meint, BMW wird nicht Weltmeister.

Schumi im „Bild“-Zitat

„Es sind drei Teams, die jetzt um die WM fahren. Neben Ferrari und McLaren kann auch noch BMW gewinnen. Das wird sehr spannend.“

Insofern ist es etwas unglücklich, dass „Bild“ ausgerechnet aus dem, was Schumacher nicht meinte, eine große Schlagzeile mit fast ganzseitigem Artikel gemacht hat. „20 Minuten“, die „Abendzeitung“ oder Sport1.de, waren nämlich offenbar so beeindruckt von der großen „Bild“-Schlagzeile, dass sie meinten, die vermeintliche Nachricht heute Vormittag weiterverbreiten zu müssen, und dabei (anders als etwa motorsport-total oder adrivo.com) die Reuters-Meldung wohl übersehen haben.

Sonst wären sie womöglich auf die Idee gekommen, mal kurz bei Schumachers Sprecherin nachzufragen, was er nun gesagt oder gemeint hat. Dauert keine fünf Minuten.

Mit Dank an Michael L. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 4. April 2008: „Bild“ interviewt heute Mario Theissen, den BMW-Motorsport-Direktor, zu den WM-Chancen von BMW Sauber:


Eine Korrektur der gestrigen Schlagzeile ist das nicht. Es sei denn, „Bild“ meint „Experten wie die beiden Schumis“ im Sinne von wie einer der beiden Schumis und nicht wie der andere. (Das Reuters-Interview mit Michael Schumacher gibt es übrigens bei „Spiegel Online“ als Video).

Na, herzlichen Glückwunsch…

Beim Fußballzweitligisten FC Erzgebirge Aue ist so einiges los. Zwar scheint es nicht ganz so sicher, wie „Bild“ schreibt, dass Torwart Axel Keller tatsächlich rausgeworfen wurde, „weil er bei der Geburt seiner Tochter war!“ Aber dieser Teil der heutigen „Bild“-Berichterstattung beruht ohnehin fast ausschließlich auf einem Artikel der „Freien Presse“. Ausgedacht hat „Bild“ sich aber offenbar den letzten Satz der Geschichte:

"Zur Geburt hat ihm vom Verein bis heute keiner gratuliert..."

Beim FC Erzgebirge sieht man das anders. In einer Mitteilung auf der Internetseite heißt es dazu:

– Die ersten Glückwünsche erhielt Axel Keller bereits in der Halbzeitpause des Spiels gegen Freiburg. Hier wurde ihm und seiner Freundin vor 10.500 Zuschauern per Durchsage im Stadion gratuliert. Zu diesem Zeitpunkt war Axels Tochter etwa eine Stunde auf der Welt.

– Persönliche Glückwünsche gab es einen Tag später, also zum Training am Ostermontag von Spielern und Trainern.

– Weiterhin gratulierte der Verein über die Homepage, was auch als Presseinformation an die Medien ging.

– Zudem gratulierte der FC Erzgebirge Axel Keller und seiner Freundin Ulrike zur Geburt von Tochter Marlene auch 28. März im Vereinsjournal ‚VEILCHENECHO‘ zum Spiel gegen Mainz.

Nun ja. Was beim Training am Ostermontag passierte, können wir nicht beurteilen, und zur Durchsage im Stadion müsste man wohl die 10.500 Zuschauer befragen. Die Meldung auf der Vereins-Homepage indes haben wir gefunden („Keller stolzer Papa“). Und die Glückwünsche im „Veilchenecho“ hat uns ein Sprecher des Vereins vorgelesen. In der Rubrik „Geburtstage“ war dort zu lesen:

Axel ist seit Ostersonntag Vater der kleinen Marlene. Auch dazu herzlichen Glückwunsch.

Mit Dank an Eagleeye für den sachdienlichen Hinweis.

Ptolemäisch

"Die Sonne schafft es in 365 Tagen einmal um die Erde – 361 Tage ist der letzte Auswärtssieg von Energie Cottbus her. Eine halbe Ewigkeit!"

Wäre die Sonne „Bild“-Zeitungsleser, sie würde sich wahrscheinlich im Grabe umdrehen.

Mit Dank an Christian K. und Branko F.

Ein Schlag ins Gesicht

Wenn ein Medium „exklusiv“ über ein Thema berichtet, kann das im Wesentlichen zwei Gründe haben: entweder die Redakteure nutzen einen Wissensvorsprung gegenüber der Konkurrenz, oder sie erzählen eine Geschichte, die sich so nie ereignet hat.

Am 5. Dezember 2007 berichtete „Bild“ exklusiv und bundesweit, der Eintracht-Frankfurt-Stürmer Ioannis Amanatidis habe eine Frau geohrfeigt, die ihm mit ihrem Auto den Weg versperrt habe — stilecht begleitet von einem Foto der Frau, die sich die „schmerzende Wange“ hält. Am nächsten Tag legte „Bild“ Frankfurt ausgiebig nach, sprach noch mal mit dem angeblichen Opfer (wieder inklusive Wangen-Foto), ließ einen „1. Zeugen“ „sprechen“, der allerdings nichts von einer Ohrfeige berichtete, wies auf Amanatidis‘ Position als Botschafter des hessischen Landespräventionsrates hin, ließ aber immerhin auch den Beschuldigten selbst zu Wort kommen:

Amanatidis erhebt schwere Vorwürfe gegen die Frau: „Es haben sich wieder einmal Leute bei mir gemeldet, die mit dieser Frau ähnliche Vorfälle erlebt haben. So etwas hat sie wohl nicht zum ersten Mal abgezogen.“ Er fürchtet offenbar, dass er mit Schmerzensgeld abgezockt werden soll.

Amanatidis‘ Version

„Kurz bevor später die Polizei kam, trat die Frau nochmals auf mich zu und sagte dann, nachdem sie mich wohl erkannt hatte, dass sie der Polizei sagen werde, dass ich sie eine Hure genannt hätte. Dann schlug sie sich selbst mit der eigenen Hand ins Gesicht und sagte mir, sie werde der Polizei angeben, dass ich sie geschlagen hätte. Ich hatte so etwas bislang nur in einem Film gesehen und war fassungslos.“
„Frankfurter Neue Presse“, 7.12.2007

Als die „Frankfurter Rundschau“ (FR) ebenfalls am 6. Dezember über die Anschuldigungen gegen den Fußballer berichtete, tat sie dies unter Berufung auf „Bild“ auch mit folgendem Satz:

„Als ich meinen Vater schützen wollte, hat er mir mit der vollen Handfläche auf die linke Gesichtshälfte geschlagen“, berichtete die Frau, die dafür persönlich am Dienstagabend die Frankfurt-Redaktion des Boulevardblattes aufsuchte (und ein Leserhonorar einstrich).

Und in einem Interview zitierte die „FR“ den griechischen Nationalspieler so:

Ich bin sauer auf dieses Schmuddelblatt (gemeint ist die Bild-Zeitung, Anm. d. Red.), das diesen Scheißdreck in die Welt setzt.

Gestern nun hat die Frankfurter Amtsanwaltschaft das Verfahren gegen Amanatidis eingestellt und ein neues „wegen des Verdachts der falschen Anschuldigung sowie Beleidigung“ gegen das angebliche Opfer und ihre Begleiter eingeleitet.

Und die „FR“ fügt hinzu:

Der Fall war seinerzeit von der Bild-Zeitung enorm hochgespielt worden. Gerüchte, dass die Frau für ihre Behauptungen möglicherweise bezahlt wurde, wollte die Amtsanwaltschaft nicht kommentieren.

Die „Bild“-Zeitung selbst berichtet heute online und offenbar in ihrer Frankfurter Ausgabe über die Einstellung des Verfahrens — nicht aber, wie bei der Verbreitung der unbewiesenen Vorwürfe, bundesweit. Und bei der Formulierung für die Gründe gibt es interessante Unterschiede:

„Frankfurter Rundschau“ „Bild“ Frankfurt
Der 26-jährige Amanatidis hatte den Streit eingeräumt, die Ohrfeige aber bestritten. Diese Aussage wurde auch von sämtlichen befragten Zeugen vor Gericht bestätigt. Daraufhin hatte die Frau Anzeige wegen Körperverletzung und Nötigung erstattet. Doch für den Schlag fanden sich keine Zeugen. Ihre Familienangehörigen, die mit im Auto saßen, waren nicht als Zeugen zugelassen.

Auf die Frage, ob es „klug“ sei, sich mit „Bild“ anzulegen, sagte Amanatidis im Dezember übrigens zur „FR“:

Das ist mir doch egal. Ich habe keine Angst vor diesen Leuten. Was will man erwarten von einem Blatt, das im Großen und Ganzen nur Dreck schreibt und so einer Person so viel Aufmerksamkeit schenkt.

Mit Dank an Johannes B., Tobias R., Florian Z., Arndt P., Henning K. und Markus für die Hinweise damals und jetzt.

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