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Wer hat Angst vor der Schock-Tabelle?

Darauf muss man erst einmal kommen: Anlässlich der Tatsache, dass Oliver Kahn seit 205 Minuten kein Gegentor in der Bundesliga kassiert hat und der FC Bayern Tabellenführer ist, aufzuschreiben, dass kein anderer Tabellenführer in Europa mehr Gegentore kassiert hat als Kahn und der FC Bayern — und dann „Schock-Tabelle“ drüberschreiben.

Dass die „Bild“-Rechnung dazu auch noch schief ist, zeigt Wilhelm Raspes Automat.

Wir müssen leider draußen bleiben VII (Nachtrag)

Heute berichtet auch die „Süddeutsche Zeitung“ aus Dubai über das dortige FC Bayern München-Training – bzw. über die eigenartige Berichterstattung deutscher Boulevardmedien und darüber, wie „ein geringstfügiger Anlass (…) in der teuflischen Maschinerie zur landesweiten Sensation geraten“ war. Mit anderen Worten: Irgendwie liest sich die Geschichte in der „Süddeutschen“ (S.27) ganz anders als gestern in „Bild“. Nämlich so:

„Tatsächlich, soviel lässt sich mit Bestimmtheit sagen, geht es ruhig und gelassen zu im Münchner Quartier. Keine besonderen Vorkommnisse. Warum auch?“

Denn über den „Pöbel-Fall Kahn“ („Bild“) – also darüber, dass Bayern-Torwart Oliver Kahn während des Trainings auf üble Weise seine Trainer beschimpft habe – müsse, so die „Süddeutsche“, „eigentlich nicht berichtet werden, denn es stimmt ja nicht.“ Dass Kahn seine Trainer „irgendwie beschimpft“ habe, wie verschiedene Boulevardzeitungen (die ihrerseits keine Korrespondenten vor Ort haben) unter Berufung auf zwei „Zeugen“ berichtet hatten, sei „wohl richtig“, doch:

„Zur Skandalgeschichte taugt das eigentlich nicht.“

Und hier kommt nun die „Bild“-Zeitung ins Spiel: „Kahn drohte dem Vertreter von ‚Bild‘, der die Geschichte aufgetan hatte, mit juristischer Gegenwehr“, schreibt die „Süddeutsche“ und fasst schließlich die „besonders perfide“ Berichterstattung in „Bild“ wie folgt zusammen:

„Die Zeitung, die für ihre Berichterstattung zuletzt von Kahn regelmäßig verklagt wurde, verfolgte die Story weiter, indem sie die Schlagzeilen der anderen Boulevardmedien präsentierte – die wiederum ihre Informationen ausschließlich vom örtlichen Bildreporter erhaltenen hatten.“

Mit Dank an Hendrik G. für den Hinweis.

Wir müssen leider draußen bleiben VII

Aber zitieren wir zuerst, wie „Bild“ heute andere Boulevard-Zeitungen zitiert:

„Die Münchner ‚AZ‘ titelte: ‚Ball vorm Kopf! Da flippt Kahn aus‘. Die ‚tz‘ druckte auf Seite 1: ‚Eklat beim FC Bayern. Kahn dreht völlig durch‘. (…) Der Kölner Express schreibt von ‚Worten, die EXPRESS nicht drucken will.‘ Im ‚Berliner Kurier‘ allerdings ist klar in der Überschrift zu lesen: ‚Wüste(r) Kahn pöbelt: Wichser!‘

Und jetzt zitieren wir FC-Bayern-Manager Uli Hoeneß, wie ihn „Bild“ zitiert:

„Da sieht man, was für ein ruhiges Trainingslager das hier ist, wenn schon solche Geschichten geschrieben werden.“

Nachdem das gesagt ist, schauen wir uns mal kurz die dazugehörige „Bild“-Seite an…

… und zitieren anschließend noch schnell, was Hans Meyer kürzlich im „Tagesspiegel“ über die „Bild“-Zeitung sagte:

„Die Journalisten fühlen sich mit ihrem Blatt im Rücken in einer unglaublichen Stärkeposition. Und sie glauben, dass sie Trainer und Spieler gottgleich abstrafen könnten.“

Zum Schluss aber wollen wir nicht unerwähnt lassen, was auch „Bild“ am Schluss ihrer „Pöbel-Fall Kahn“-Bericherstattung nicht unerwähnt lässt: dass nämlich Journalisten das Training des FC Bayern München derzeit nur noch von der Tribüne aus verfolgen, Fotografen und Kamera-Teams nur noch die erste halbe Stunde Aufnahmen machen und sich nicht mehr hinter Kahns Tor aufhalten dürfen.

Schall & Rauch

Der bild.de-Artikel, um den es hier geht, trägt die Autorenzeile „Von THOMAS KRALICEK und VIM VOMLAND“, aber so richtig wundern würde es uns nicht, wenn sich herausstellte, dass er eigentlich von Günther Kralitscheck und Wim Womland geschrieben wurde.

Es geht darin um Reiner Calmund, der aufregende neue Fernsehpläne haben soll. Es wäre allerdings erstaunlich, wenn die Angaben des Artikels über die angebliche neue Show stimmen würden, denn im übrigen stimmt ungefähr nichts in dem Stück.

Mal abgesehen davon, dass die Casting-Show „Big Boss“ mit Calmund alles andere als ein Erfolg ist (kein Wort davon bei „Bild“). Und dass das Zitat eines anonymen Pro-Sieben-Menschen, man sehe in ihm „einen Erfolgstypus“, weil der Dicke Volksnähe ausstrahle, doch nicht ganz nach einem konkreten Job-Angebot klingt. Und dass das gleiche für das Zitat des RTL-Unterhaltungschefs gilt, der gesagt haben soll: „Wir können uns mit Herrn Calmund sehr gut eine weitere Zusammenarbeit vorstellen.“

Also mal abgesehen davon, heißt der RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger und nicht „Senger“, wie bild.de schreibt. Und der Deutschland-Chef von Endemol heißt Borris Brandt und nicht „Boris Brandt“, wie bild.de schreibt. Und die Produktionsfirma der ARD-Talkshow „Sabine Christiansen“ heißt TV21 und nicht „Sabine Christiansen Production“.

Und jetzt sind wir sehr gespannt, wann der Selbstverständliche-Standards-Beauftragte bei bild.de seinen Dienst antritt und die schlimmsten Fehler korrigiert. (Ach so, und ob es die beschriebene neue Show mit „Calli“ je geben wird, natürlich.)

Update, 11.25 Uhr: Sämtliche Fehler stehen auch in der gedruckten „Bild“. Und immer noch online.

Update, 14.35 Uhr: Der Selbstverständliche-Standards-Beauftragte von bild.de hat offenbar immer noch nicht seinen Dienst angetreten. Womöglich ist er mit Burn-Out-Syndrom krank geschrieben. Allerdings verbreitet inzwischen die Nachrichtenagentur ddp die „Bild“ Meldung mitsamt der darin enthaltenen Fehler weiter. Das muss Chefredakteur Kai Diekmann meinen, wenn er „Bild“ als „DAS LEITMEDIUM“ bezeichnet: „Bild“ schreibt die Fehler auf, und alle anderen schreiben sie ab.

Update, 20.10 Uhr: Ts. Alle Fehler wie gehabt. Schrecklicher Verdacht: Es gibt gar keinen Selbstverständliche-Standards-Beauftragten bei „Bild“.

Update, 9. Dezember, 0.00 Uhr: Was etwas beunruhigend ist: Der eine Autor des Fehler-Textes, Thomas Kralicek, 38, ist nicht irgendein unterbezahlter bild.de-Hilfsarbeiter, sondern neuer „Ressortleiter Show“ bei „Bild“. Vorher war er bei RTL Newmedia für die People-Berichterstattung veranwortlich. RTL Newmedia ist eine Tochter von RTL. RTL ist der Laden, bei dem Tom Sänger (nicht „Senger“) Unterhaltungschef ist. Und der andere Autor des Fehler-Textes, Vim Vomland, ist auch nicht irgendein unterbezahlter bild.de-Hilfsarbeiter, sondern — laut „Bild“-Schwesterblatt „Welt“ — eine „Bild“-Reporter-Legende. (Danke an Franz K. für den Hinweis!)

Bomben-Story mit Happy End

Was die Polizei am 28. Oktober in Block N des Cottbusser Fußballstadions fand, war keine Bombe und hat, so die Polizei Cottbus, „objektiv nichts mit einer solchen zu tun“.

Aber zurück zu „Bild“, obwohl Überschriften wie „Chemobombe in Fanblock“ (Blick Online) oder gar „Sprengstoff in Cottbusser Stadion gefunden – (…) Für einen Anschlag hätte die Menge gereicht“ (Netzeitung) sicherlich auch nicht besser sind als die „Giftbombe im Bundesliga-Stadion“ oder die „8-Kilo-Bombe im Fan-Block“ die Bild.de und „Bild“ gestern über diese „Horror-Meldung“ schrieben.

Schlimm genug auch, dass man von „Bild“ nicht erwartet, darüber so sachlich wie der betroffene Verein Energie Cottbus (siehe „News“ vom 08.11.04) zu berichten oder, wie etwa Spiegel Online, komplett auf das missverständliche Wort „Bombe“ zu verzichten. Natürlich schrieb „Bild“ es wiederholt („Giftbombe“, „8-Kilo-Bombe“, „Bombe“, „Bomben-Schock“, „Bombe“, „Gift-Bombe“) in ihre Meldung, bevor ihr zuletzt doch noch die vergleichsweise treffene „Rauchbombe“ einfiel. Gewiss, die Sache wurde erst am Sonntagnachmittag, zehn Tage nach dem Fund, bekannt. Da blieb wenig Zeit, um daraus eine Schlagzeile zu machen. Und „Rauchsatz in Zweitligisten-Stadion vor elf Tagen frühzeitig entdeckt“ wäre keine gewesen, weshalb auch „Bild“ fix über „Giftsubstanzen“ schrieb, „die vor allem Leber und Nieren schädigen“, und weiter:

„Die Folgen (…) wären dramatisch gewesen. Zwar hätte die Bombe keinen Krater gerissen, aber giftige Dämpfe hätten zu schweren Verätzungen und Vergiftungen geführt.“

Und abgesehen davon, dass es „hätten dramatisch sein können“ und „hätten (…) führen können“ hätte heißen müssen, ist es nach der überzogenen Meldung vom Vortag um so erfreulicher, dass „Bild“ die Sache heute, also 12 Tage nach dem Fund, weiterverfolgt und nachfragt:

Wie gefährlich war das 40×30 Zentimeter große Paket wirklich (…)?“

Ja, „BILD sprach mit Experten„, schreibt „Bild“ – auch wenn’s nur zwei Mitarbeiter von Pyrotechnikfirmen sind, von denen der eine sagt: „(…) Es wäre ein mächtiges bengalisches Feuer geworden, der Rauch hätte das ganze Stadion vernebelt. Furchtbar.“ Und der andere fügt hinzu: „(…) Theatergruppen und Feuerwehren nutzen zum Beispiel diese Mittel.“

Und siehe da: Anschließend heißt die „Bombe“ aus der Überschrift tatsächlich nur noch:

„das Paket“

Mit Dank an Götz G. für den Anstoß.

Ein Scoop

Ehre, wem Ehre gebührt. In der jetzigen Situation ein Exklusiv-Interview mit dem angeschlagenen Bundesliga-Spieler Sebastian Deisler zu bekommen, ist ein Hammer. Wir gratulieren den Kollegen von „Bild“ und bekunden unseren Respekt vor dieser journalistischen Leistung dadurch, dass wir das Gespräch in voller Länge dokumentieren:

BILD: Sebastian, wie geht es Ihnen? Sie hören sich gut an.
Deisler: „Danke, mir geht es auch gut.“

BILD: Wann werden wir Sie wieder bei Bayern sehen?
Deisler: „Dazu möchte ich noch nichts sagen.“

BILD: Wir wünschen Ihnen gute Besserung und freuen uns, Sie bald wieder zu sehen.
Deisler: „Danke, bis dann.“

Verdient!

In ihrer „Gehälter“-Reihe veröffentlichte „Bild“ am Freitag und am Samstag eine „Gehaltsliste der Bundesliga“. Unter anderem wurden da mindestens 11 Spielern, Managern und Trainern vom FC Bayern München, 8 vom 1. FC Kaiserslautern, 5 von Borussia Dortmund, 4 vom 1. FC Nürnberg sowie je 3 vom VfL Bochum und SC Freiburg allerhand stattliche „pro Jahr“-Gehälter zugeordnet – gefolgt von einem kleingedruckten Hinweis:

* Einige Angaben geschätzt.“

Der „Bild“-Liste folgte nach Erscheinen allerdings noch etwas ganz anderes – zum Beispiel auf der Internet-Seite des FC Bayern. Nämlich dies:

„Der FC Bayern München verwehrt sich gegen Teile der (…) in der ‚Bild‘-Zeitung veröffentlichten ‚Gehaltsliste der Bundesliga‘. (…) Sämtliche der veröffentlichten Gehälter von Spielern, sowie Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der FC Bayern München AG entsprechen nicht den Tatsachen.(…)“

Und nachdem wenig später nicht nur der 1. FCK, sondern auch die anderen o.g. Vereine halbwegs identische Erklärungen abgaben, sind bei „Bild“ mittlerweile mindestens 11* Abo-Kündigungen aus München, 8* aus Kaiserslautern, 5* aus Dortmund, 4* aus Nürnberg sowie je 3* aus Bochum und Freiburg eingegangen und allerhand* verantwortliche Redakteure rot geworden.
* Einige Angaben geschätzt.

Dank an Ralf K. und Alexander C. H. für diesen „sachdienlichen Hinweis“.

Nachtrag: Ja, wir wissen auch, dass man als Normalsterblicher die „Bild“ nicht abonnieren kann. Aber selbst wenn man es könnte, wüssten wir ja nicht, wieviele Abos gekündigt wurden. Oder?

Blind abgeschrieben

Außer auf seine Auflage ist „Bild“ ganz besonders stolz darauf, die meistzitierte deutsche Zeitung zu sein. Und warum ist „Bild“ die meistzitierte deutsche Zeitung? Weil sie so viele Exklusivmeldungen hat? Vielleicht. Vielleicht aber auch nur, weil alle anderen so blöd sind, bei ihr abzuschreiben. „Spiegel Online“ zum Beispiel:

„Das Mittelfeld ist nicht kreativ genug. Wir haben keinen Häßler und Littbarski mehr. Und wir sind nicht mehr schnell genug“, sagte [Klinsmann] der „Bild“-Zeitung, „da kann nur Lahm mithalten. Das ist zu wenig. Da ist einiges versäumt worden, das korrigiert werden muss.“

Ja, all das stand in „Bild“. Aber erzählt hat es „Klinsi“, wie gesagt, vor knapp drei Wochen dem Sport-Informations-Dienst (sid). Bei dem ist auch der „Spiegel“ Kunde. Obwohl er sich das Geld sparen könnte — er hat ja „Bild“ abonniert.

Geheimplan enthüllt

Jürgen „Klinsi“ Klinsmann wird neuer Bundestrainer. Und wer „enthüllt seinen Geheimplan für den DFB“? „Bild“ natürlich. Woher wissen die immer diese Geheimgeschichten?

Oliver Bierhoff (36) wird den neuen [Manager-]Job übernehmen. Bierhoff: „Jeder weiß, dass ich mit Jürgen gut kann und eine Nähe zum DFB und zur Nationalmannschaft habe.“

Ah, okay, das steht in der „Süddeutschen Zeitung“.

Klinsi: „Man braucht ein Team mit Fachleuten für jeden Bereich.“

Ja, das stand schon letzte Woche Freitag in der „SZ“.

„Man muss fragen, wer arbeitet mit den Jüngsten, wer mit den Mittleren, das muss man rauf bis zur U23 ansehen.“

Das stand auch letzte Woche Freitag schon in der „SZ“ (hier gibt „Bild“ sogar die Quelle knapp an, aber nicht das Datum).

„Das Mittelfeld ist nicht kreativ genug. Wir haben keinen Häßler und Littbarski mehr. Und wir sind nicht mehr schnell genug. Da kann nur Lahm mithalten. Das ist zu wenig. Da ist einiges versäumt worden, das korrigiert werden muss.“

Das ist nicht aus der „SZ“. Das ist aus einem über zwei Wochen alten Interview der Nachrichtenagentur sid.

Kahn wird sein starker Mann. … Kahn lobt: „Mit Jürgen habe ich noch selber zusammengespielt. Er ist ein intelligenter, sehr erfahrener Mann.“

Sagte Kahn. Ganz aktuell. Aber natürlich nicht der „Bild“-Zeitung, sondern Sat.1.

Ja, hallo? Sind denn die Toten die einzigen, die noch mit „Bild“ sprechen?

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