Archiv für Bild

Ist „Bild“ doch egal, was Richter entscheiden

Es ist beunruhigend, wie wenig die Leute bei „Bild“ für die Rechtssprechung deutscher Gerichte übrig haben. Und es ist beunruhigend, wie stolz sie darauf auch noch sind.

Ausriss Bild-Titelseite mit Artikel Gericht verbietet Bilder von G20-Plünderin
(Unkenntlichmachung durch uns.)

So sieht die heutige „Bild“-Titelseite aus. Im Text mit der Überschrift „Gericht verbietet Bilder von G20-Plünderin“ schreibt das Blatt:

DIESE Fotos von den G20-Ausschreitungen in Hamburg darf BILD so nicht mehr zeigen — wenn es nach dem Landgericht Frankfurt/Main geht. Sie zeigen Szenen der schweren Ausschreitungen beim G20-Gipfel am 7. Juli 2017 in Hamburg. Vor einem zerstörten und geplünderten Drogeriemarkt hebt eine Frau im pinkfarbenen T-Shirt Waren auf, geht mit ihrer Beute davon. BILD zeigte Nachrichtenfotos der Plünderer, auf denen Täter klar zu sehen waren. Die Frau klagte dagegen, und die Richter gaben ihr recht: Die Bilder würden das Persönlichkeitsrecht der Frau verletzen, wenn sie erkennbar ist — weil allenfalls, so die Begründung, ein „Diebstahl geringwertiger Sachen“ darauf erkennbar sei.

BILD zeigt die Fotos dennoch, ohne die Personen zu verfremden — weil die Abbildung von Straftaten, gerade im Zusammenhang mit schweren Krawallen, Plünderungen und Landfriedensbruch bei einem so wichtigen Ereignis wie dem G20-Gipfel, zum Auftrag der Presse gehört.

Nach dem G20-Gipfel in Hamburg und all den Protesten, Ausschreitungen, Krawallen und Plünderungen ernannten sich die „Bild“-Medien selbst zu Staatsanwälten und gleichzeitig zu Richtern: „GESUCHT! Wer kennt diese G20-Verbrecher?“ titelten sie am 10. Juli 2017.

Das Landgericht Frankfurt am Main entschied bereits Mitte Dezember, dass Fotos dieser Berichterstattung, die eine Frau bei einem Diebstahl während der Krawalle zeigen, nicht wieder veröffentlicht werden dürfen. Heute stellen sich die „Bild“-Medien über dieses — noch nicht rechtskräftige — Urteil und sagen: Ist uns doch egal, was irgendwelche Richter entscheiden!

Nur nebenbei: Ganz so gesetzlos, wie die Mitarbeiter von „Bild“-Zeitung und Bild.de hier sein wollen, sind sie dann doch nicht. In den beiden Entscheidungen des Frankfurter Landgerichts (eine zu „Bild“, eine zu Bild.de) geht es um zwei Fotos, die die „Bild“-Medien nicht mehr zeigen dürfen. Sie stammen zwar aus derselben Serie wie die vier heute veröffentlichten Fotos; sie sind aber nicht dabei. Ob das Zeigen dieser sehr ähnlichen Fotos der einstweiligen Verfügung widerspricht, müsste wiederum ein Gericht entscheiden.

Aber zurück zum Urteil aus Frankfurt und dem schaurigen Rechtsstaatsverständnis der „Bild“-Redaktion.

Das Landgericht stellt in seinem 13-seitigen Urteil fest, dass die Frau im pinkfarbenen T-Shirt offensichtlich keinen Landfriedensbruch begangen hat, erst recht keinen schweren. Auch das Material, das „Bild“ bei der Verhandlung vorgelegt hat, lässt nur den Schluss zu, dass sie Gegenstände gestohlen hat, die bereits vor der zerstörten Drogerie lagen. Zudem würde es sich laut Landgericht um einen „Diebstahl geringwertiger Sachen“ handeln. „Bild“ schrieb selbst im Juli: „Der Wochenend-Einklau? Wasser, Süßigkeiten und Kaugummis erbeutet die Frau im pinkfarbenen T-Shirt im Drogeriemarkt“, wobei „im Drogeriemarkt“ falsch ist. Weiter stellt das Landgericht fest, dass „aus Sicht der Allgemeinheit mit einer Serientäterschaft“ der Frau nicht zu rechnen sei, schließlich habe es sich bei den Krawallen um eine Ausnahmesituation gehandelt. Man mag den Diebstahl der Frau für ganz fürchterlich halten — aber dafür ein Fahndungsaufruf in Millionenauflage?

Zu diesem Fahndungsaufruf durch die „Bild“-Medien hat das Frankfurter Landgericht in seinem Urteil ebenfalls etwas gesagt. „Bild“ und Bild.de seien …

zu einem frühen Zeitpunkt und ohne Abwarten oder Überprüfen behördlicher Maßnahmen mit einem „eigenen Fahndungsaufruf“ an die Öffentlichkeit gegangen.

Dass dabei die abgebildeten Personen pauschal als „Verbrecher“ bezeichnet und „in einen Zusammenhang gestellt [wurden] mit schweren Straftaten, wie dem Beschuss von Polizisten oder anderen Personen mit lebensgefährlichen Kugeln, Pyrotechnik, Steinen oder Flaschen“ spreche laut Gericht gegen die Zulässigkeit der Berichterstattung. „Bild“ habe schließlich auch die Frau im pinkfarbenen T-Shirt, der die Redaktion „lediglich den Diebstahl geringwertiger Sachen vorwirft“, „sichtlich an den (Fahndungs)Pranger“ gestellt, so das Landgericht.

Aber all das interessiert die „Bild“-Redaktion offenbar nicht. Es ist schon putzig: Beim Netzwerkdurchsetzungsgesetz rufen Oberchef Julian Reichelt und seine Kollegen aktuell danach, dass Gerichte und nicht private Unternehmen entscheiden müssen, was veröffentlicht werden darf und was nicht. Tut ein Gericht das, setzen sich Reichelt und „Bild“ darüber hinweg.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Aber was verstehen Sie als „Bild“-Redakteur von Respekt vor Frauen?

Eva-Maria Federhenn lächelt. Was soll man auch anderes machen als lächeln, wenn einem ein „Bild“-Redakteur gegenübersitzt und Fragen stellt, die zeigen, dass dieser mit seinem Frauenbild in den 80er-Jahren steckengeblieben ist? Aufstehen, das Interview abbrechen, diesem Chauvi klarmachen, dass er ein Chauvi ist?

Klar, könnte man auch machen. Eva-Maria Federhenn hat sich aber fürs Lächeln und fürs Durchhalten entschieden. Die Juristin will Vorsitzende des 1. FSV Mainz 05 werden. Die Fußballer des Vereins spielen in der Bundesliga, und Federhenn wäre bei einem Wahlerfolg die erste Frau an der Spitze eines Bundesligaklubs.

Vor der Abstimmung in neun Tagen hat „Bild“-Redakteur Peter Dörr mit ihr gesprochen:

Ausriss Bild-Titelseite - Bundesliga-Revolution - Ich will erste Mainz-Chefin werden

Die zweite Frage, die Dörr Federhenn unbedingt stellen wollte, lautet:

Ausriss Bild-Zeitung - Aber was verstehen Sie als Frau von Fußball?

Es will eben nicht in die „Bild“-Köpfe: Ja, doch, Frauen können auch andere Dinge verstehen als Kochrezepte oder Waschanleitungen. Zum Beispiel Fußball.

Eva-Maria Federhenn lächelt nach dieser Frage von Peter Dörr eben und antwortet tapfer:

Federhenn (lächelt): „Ich war im Handball schnell, durfte deshalb in der Schule beim Fußball als einziges Mädchen mitspielen … Dennoch kann ich nicht Fußball spielen. Aber, ich weiß was der Unterschied zwischen einer 5er- und einer 3er-Kette ist.

Ich bin keine Expertin, kenne mich aber ganz gut aus. Ich bin schon als Kind mit meinem Vater zum Fußball, habe viel mit vorm Fernseher gesessen — und inzwischen seit vielen Jahren eine Dauerkarte bei 05.“

„Bild“-Mitarbeiter Dörr scheint es immer noch nicht so recht glauben zu können — eine Frau beim Fußball, und dann auch noch in einer Führungsposition? Also fragt er direkt im Anschluss:

Ausriss Bild-Zeitung - Trotzdem -- trauen Sie sich wirklich zu, einen Bundesligisten zu führen?

Weiter hinten im Interview will Peter Dörr dann noch wissen:

Ausriss Bild-Zeitung - Das Erkennungs-Merkmal des zurückgetretenen Vorsitzenden Kaluza war die rote Hose. Tragen Sie dann rote Pumps?

Eva-Maria Federhenn antwortet auch auf diese Frage. Laut „Bild“-Zeitung „lächelt“ sie dabei.

Julian Reichelt und die Fakten? „Und gute Nacht.“

Begeht man den großen Fehler, einfach das zu glauben, was „Bild“-Oberchef Julian Reichelt so behauptet, könnte man meinen, die Redaktion der „Tagesthemen“ hat kollektiv den Verstand verloren:

Screenshot vom Tweet von Julian Reichelt - Um den Mord von Kandel aufzuarbeiten, führen die Tagesthemen jetzt Interviews mit der NPD. Die NPD-Vorsitzende darf den Rücktritt des Bürgermeisters fordern. Und gute Nacht.

Aber es handelt sich eben um Julian Reichelt, bei dem hinlänglich bekannt sein sollte, dass er sich für ordentliches Informieren nicht allzu sehr interessiert, und bei dem Skepsis immer angebracht ist. Konnte in den „Tagesthemen“ also eine „NPD-Vorsitzende“ mir nichts, dir nichts den Rücktritt des Bürgermeisters von Kandel fordern? Nein.

Die „Tagesthemen“ machten gestern Abend mit einem großen Block zum Mord an einer 15-Jährigen in dem rheinland-pfälzischen Ort auf. Die Anmoderation von Caren Miosga, der Beitrag aus Kandel, ein Interview mit einem „Konflikt- und Gewaltforscher“, ein Kommentar zum Thema — all das nahm 10:32 Minuten der insgesamt 30-minütigen Sendung ein.

Julian Reichelt pickte sich für seinen Tweet aus diesen 10:32 Minuten neun Sekunden heraus, in denen die stellvertretende Vorsitzende der NPD Rheinland-Pfalz in eine ARD-Kamera sagt:

„Also, dass der Bürgermeister dieser Kritik ausgesetzt ist, da habe ich kein Mitleid mit ihm. Normalerweise müsste dem sein Kopf rollen. Der hätte, der müsste sofort sein Amt enthoben werden.“

Nun ist es ein riesiger Unterschied, ob dieses Zitat von den „Tagesthemen“ als eine von vielen ganz normalen Aussagen aus Kandel dargestellt wird oder ob es für die Redaktion als Beispiel dafür dient, auf welch eklige Weise Rechtsextreme die schreckliche Tat für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Caren Miosga moderierte den Beitrag, in dem das Zitat der NPD-Vizevorsitzenden vorkommt, mit folgenden Worten an:

Der Mord an einer 15-Jährigen gehört zu jenen Verbrechen, die so sehr erschüttern, dass Orte, an dem sie geschehen, fortan zum Synonym für die Tat werden. Die rheinland-pfälzische Kleinstadt Kandel ist so ein Synonym. Seitdem am 27. Dezember ein afghanischer Flüchtling ein Mädchen erstochen hatte, steht dieser Ort auch jenseits seiner Grenzen für die schaurige Tat.

Er steht aber auch für den Umgang mit derselben. Und der ist gleichsam schaurig. Denn noch bevor die Behörden das Verbrechen haben aufklären und die Einwohner um den Verlust des Mädchens haben trauern können, kaperten vor allem Rechtsextreme Trauer und Gedenken und schürten offenbar so viel Angst, dass kaum noch jemand über die Ereignisse zu sprechen wagt; geschweige denn über die anderen etwa 200 Flüchtlinge, die auch in diesem Ort leben. So hat es Peter Sonnenberg erfahren, der mehrere Tage in Kandel verbrachte.

Und Peter Sonnenberg sagt in seinem Beitrag:

Kandel ist geschockt. Viele Menschen möchten trauern, doch kurz nach der Tat erwacht bei anderen der Hass. Die Tragödie wird zur Bühne für Parolen. (…)

Auch die NPD hofft, dass ihre Parolen in diesen Tagen in Kandel auf fruchtbaren Boden fallen. „Also, dass der Bürgermeister dieser Kritik ausgesetzt ist, da habe ich kein Mitleid mit ihm. Normalerweise müsste dem sein Kopf rollen. Der hätte, der müsste sofort sein Amt enthoben werden.“ Und bei manchen Zuhörern fällt es auf fruchtbaren Boden.

Viel klarer kann die Redaktion der „Tagesthemen“ das Zitat der NPD-Vertreterin nicht einordnen. Viel bewusster kann Julian Reichelt es nicht aus dem Zusammenhang reißen.

Natürlich handelt es sich nur um einen Tweet. Er zeigt aber einmal mehr, mit was für Methoden der Mann arbeitet, der am Ende entscheiden kann, worüber und wie Deutschlands größte Tageszeitung berichtet.

„Bild“ fällt auf Satire-Nahles rein

Rolf Kleine ist bei „Bild“ der Experte für die SPD. Und was für einer! Er wusste vor allen anderen falsch, dass Frank-Walter Steinmeier nicht als Bundespräsident kandidieren wird (was dieser dann tat). Kleine wusste ebenfalls vor allen anderen falsch, dass Sigmar Gabriel als SPD-Kanzlerkandidat bei der Bundestagswahl antritt (was dieser dann nicht tat).

Gut, man kann ja mal danebenliegen, es ist schon ziemlich peinlich gleich zweimal derart danebenzuliegen. Aber Rolf Kleine, immerhin leitender „Bild“-Politik-Redakteur und einst Sprecher von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück im Bundestagswahlkampf 2013, wird es doch wenigstens hinbekommen, einen Twitter-Account einer SPD-Politikerin von einem Satire-Twitter-Account über eine SPD-Politikerin unterscheiden zu können? Wird er doch, oder? Oder?

Nein.

Kleine heute in „Bild“:

Ausriss Bild-Zeitung Überschrift - In der SPD-Zentrale - Groko-Gespräche bei Kartoffelsalat, Würstchen und saulahmem Internet
Ausriss Bild-Zeitung - Erstaunlich: Die vereinbarte Vertraulichkeit hielt den ganzen Tag, auch an das Twitter-Verbot hielten sich die Sondierer. SPD-Fraktionschefin Andreas Nahles beklagte sich nur einmal über saulahmes Internet

Und auch bei Bild.de schrieb Rolf Kleine über die vermeintliche Nahles-Aussage:

Screenshot Bild.de - Erstaunlich: Die vereinbarte Vertraulichkeit hielt den ganzen Tag, auch an das Twitter-Verbot hielten sich die Sondierer. SPD-Fraktionschefin Andreas Nahles beklagte sich nur einmal über saulahmes Internet

Tatsächlich gab es gestern einen Tweet, der das angeblich „saulahme Internet“ bei den Sondierungsgesprächen thematisierte:

Screenshot Twitter - Saulahmes Internet hier! Danke, Dobrindt! Hashtag Sondierungen

In der sogenannten Twitter-Bio des Accounts @FraktionsNahles steht:

Hier twittert die Chefin der SPD-Bundestagsfraktion. Zukünftige Kanzlerin und Twitterkönigin. ACHTUNG: Satire.

Immerhin: Das mit der Kartoffelsuppe und den Würstchen hat Rolf Kleine korrekt hinbekommen.

Nachtrag, 13:26 Uhr: „Bild“-Oberchef Julian Reichelt findet den Fehler „wirklich ärgerlich“ (übrigens auch schon, bevor wir hier darüber geschrieben haben), hat den Bild.de-Artikel korrigieren lassen und verspricht auch eine Korrektur in der morgigen „Bild“-Ausgabe.

Das Jahr in „Bild“

Das war’s für 2017 beim BILDblog — im Januar geht es weiter.

Bevor wir uns nun für ein paar Tage in eine Höhle verziehen, in der uns nicht mal das „Bild plus“-Abo erreicht, wollen wir ganz herzlich allen Unterstützerinnen und Unterstützern (ohne die es dieses Projekt nicht gäbe), allen Hinweisgeberinnen und Hinweisgebern (ohne die es hier viel weniger zu lesen gäbe) und allen Leserinnen und Lesern danken. Ihr seid die Besten!

Zum Jahresabschluss soll es noch einen Jahresrückblick geben: falscher Toter, falscher „Sex-Mob“, falscher Adenauer im Puff — eine kleine Auswahl von all dem, was bei den „Bild“-Medien Monat für Monat schiefgelaufen ist.

Januar

Keine SPD-Kanzlerkandidatur - Martin Schulz tritt nicht an

Der SPD-Chef hat sich entschieden - Gabriel tritt gegen Merkel an

Nun, wer das Jahr nicht in irgendeiner Höhle verbracht hat, weiß: Das war falsch.

Februar

37 Tage nach Silvester reden die Opfer - Sex-Mob tobte in Frankfurter Restaurant-Meile

Auch diese Geschichte: falsch.

Zu viel Blei! EU verbietet Buntstifte und Wasserfarben

Falsch.

März

Neun Monate nach EM-Überraschung - Baby-Boom auf Island

Falsch.

Tag des Down-Syndroms - BILD fragt Fragen, die sich keiner zu stellen traut - Darf man Mongo zu Ihnen sagen?

Nein, verdammt.

April

Gott sei Dank - BVB-Bomben zündeten eine Sekunde zu spät

Falsch.

Deutschlands bester Golfer - Kaymer: Trump ist ein Geschenk für uns

Aus dem Kontext gerissen.

Mai

Explosion traf die Schutzlosen - Viele Teenager nach Konzert vermisst

Falsche Fotos geklaut.

Zu Saison-Beginn - Orakel Streich sah Europa voraus

Falsch.

Juni

Hitlers Silberschatz gefunden

Längst nicht sicher.

Wixxer und Steinewerfer! - Grünen-Politikerin rechnet mit Links-Chaoten ab

Falsch.

Juli

Händler und Wirte haben genug vom Links-Terror - Aufstand der Nachbarn gegen Rote Flora

Falsch.

Verliert er sein Augenlicht? - Randalierer wirft Polizist Böller ins Gesicht [inkl. Foto]

Falschen Mann zum Täter gemacht.

SEK erschießt Kalaschnikow-Mann! [inkl. Foto]

Falschen Mann für tot erklärt.

EXKLUSIV - Dortmund-Superstar wechselt - Aubameyang ab Januar in China

Falsch.

August

Erster Fußball-Star fordert Knast für Ultras

Falsch.

September

Gestern, 19.36 Uhr, startete die Boeing 737 von Düsseldorf nach Kabul - ABSCHIEBE-FLIEGER VOLLER SEX-TÄTER!

Maßlos übertrieben.

Putins hybrider Großangriff zur Bundestagswahl 2017 - Propaganda-Feldzug sogar mit Sexmobs

Verschwörungstheorie.

Olympia-Held Christoph Harting - SUFF-UNFALL

Falsch.

Oktober

ARD macht Adenauer zum Sadomaso-Freier!

Falsch.

November

30000 abgelehnte Asyl-Bewerber spurlos verschwunden!

Falsch.

Dezember

Astronom sicher - »Asteroid ist Alien-Raumschiff mit kaputter Steuerung

Aber sicher doch.

„Nach BILD-Informationen“

Bei dieser Nachricht vom vergangenen Freitag …

Screenshot Bild.de - JVA Heidering - U-Bahn-Treter im Knast verprügelt

… johlte das Volk mal wieder los:

Und das, liebe Freunde, nennt man Karma. Da hats mal den/die richtigen getroffen

der sollte jeden Tag Prügel bekommen, Täterschutz geht mir schon lange auf den …… wer schützt in Deutschland die Opfer

Wenn der Staat bei der Gerechtigkeit versagt kümmern sich halt die Häftlinge darum 👍 finde ich klasse und hoffe, dass es nicht das letzte mal war.

Und das sind noch die harmloseren der rund 4000 Kommentare unter dem Facebook-Post der „Bild“-Redaktion. Das Problem dabei, abgesehen von der breiten Zustimmung zur Selbstjustiz: Die Berichte von „Bild“ und Bild.de sind ziemlich fehlerhaft — es ist auch heute nicht ganz klar, ob wirklich der „U-Bahn-Treter im Knast verprügelt“ wurde, auf jeden Fall wurde er nicht „krankenhausreif geprügelt“, wie die „Bild“-Medien behaupten.

Am Freitagabend berichtete Bild.de, dass ein Mann in der Justizvollzugsanstalt Heidering von anderen Häftlingen zusammengeschlagen worden sei. Am Samstag gab es dazu auch in der Berlin/Brandenburg-Ausgabe der „Bild“-Zeitung einen Artikel:

Ausriss Bild-Zeitung - U-Bahn-Treter von Häftlingen krankenhausreif geschlagen

Es soll sich dabei laut „Bild“-Redaktion um jenen Mann handeln, der im Oktober 2016 auf dem Berliner U-Bahnhof Hermannstraße einer Frau in den Rücken trat. Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen. Nach einer Öffentlichkeitsfahndung wurde der Mann wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt.

Bild.de schreibt zu dem angeblichen Vorfall in der JVA:

Nach BILD-Informationen soll der Angriff auf S[.] in Haus 1 der Berliner Haftanstalt passiert sein. Offenbar hatten die Angreifer die sogenannte Laufzeit abgewartet — Zeit, in der die Gefangenen zu ihren Arbeitsstellen, oder anderen Abteilungen in der JVA — gehen dürfen. […]

Pikant: S[.] wurde offenbar erst gestern nach Großbeeren gebracht, weil er in der JVA-Tegel nicht mehr „sicher“ war. Wie es hieß, soll er „sicherungsverlegt“ worden sein. […]

Meldepflichtig sind solche Angriffe auf Mithäftlinge spätestens dann, wenn das Opfer in ein Krankenhaus zur stationären Behandlung gebracht werden musste. Das soll gestern der Fall gewesen sein.

Wir haben bei der Berliner Senatsverwaltung für Justiz nachgefragt. Pressesprecher Sebastian Brux sagte uns, dass er zu einzelnen Häftlingen keine Informationen geben dürfe, allerdings sei allgemein festzustellen, dass „am Freitag in der JVA Heidering kein Gefangener krankenhausreif geschlagen“ worden sei. Es habe auch keine Verlegung „in das Justizvollzugskrankenhaus Berlin oder in ein öffentliches Krankenhaus“ stattgefunden. Brux bestätigte, dass es am Freitag „eine gewalttätige Auseinandersetzung zum Nachteil eines Gefangenen“ gegeben habe. Allerdings sei dieser Insasse „zuvor nicht von der JVA Tegel in die JVA Heidering, sondern von der JVA Moabit in die JVA Heidering verlegt“ worden. Es habe sich dabei auch nicht, wie von der „Bild“-Redaktion behauptet, um eine Sicherheitsverlegung gehandelt. Außerdem habe sich der Vorfall „nicht in einem Arbeitszusammenhang“ ereignet.

Die „Bild“-Geschichte ist mit all ihren Fehlern bei vielen anderen Medien gelandet. „Der Westen“ hat sie zum Beispiel übernommen:

Screenshot derwesten.de - Berliner U-Bahn-Treter im Knast krankenhausreif geprügelt

Genauso tz.de, immerhin mit einem Fragezeichen:

Screenshot tz.de - Wurde Berliner U-Bahn-Treter im Gefängnis krankenhausreif geschlagen?

t-online.de:

Screenshot t-online.de - Trotz Sicherheitsverlegung - U-Bahn-Treter in Gefängnis verprügelt

… wurde der 28-jährige Svetoslav S[.] von anderen Insassen attackiert und krankenhausreif zugerichtet.

rtl.de:

Screenshot rtlnext.de - Berliner U-Bahn-Treter in JVA-Heidering von Mithäftlingen krankenhausreif geprügelt

oe24.at:

Screenshot oe24.at - U-Bahn-Treter von Häftlingen verprügelt

Der 28-Jährige wurde am Freitag attackiert und krankenhausreif geprügelt.

Krone.at:

Screenshot krone.at - Berliner U-Bahn-Treter krankenhausreif geprügelt

Die Kommentare unter dem eingangs erwähnten Facebook-Post wurden irgendwann so grässlich, dass es selbst der „Bild“-Redaktion zu viel war. Sie schrieb:

Liebe User, diese Geschichte hat uns alle sehr schockiert. Aber der Täter wurde verurteilt und verbüßt seine Strafe. Es gibt ein Rechtssystem in Deutschland. Und auch, wenn manche Urteile einem persönlich nicht fair erscheinen, ist das trotzdem keine Berechtigung, Selbstjustiz zu verüben. Auch nicht im Gefängnis. Auch eine JVA ist kein rechtsfreier Raum. Darum bitten wir euch, bei euren Kommentaren sachlich zu bleiben. Hetzerische, beleidigende oder diskriminierende Aussagen werden moderiert und bei Bedarf gelöscht.

„Bild“ lässt BVB-Trainer Peter Bosz im ewigen Endspiel antreten

Ein Endspiel zeichnet sich normalerweise dadurch aus, dass es in einer Partie um alles oder nichts geht. Bei Bild.de ziehen sich Endspiele über mehrere Wochen, und nach dem einen Endspiel gibt es dann noch ein weiteres und dann noch eins und noch eins und dann vielleicht noch eins.

Los ging es am 18. November — da begannen die „Bild“-„Endspiel“-Wochen für BVB-Trainer Peter Bosz:

Screenshot Bild.de - Dortmund in der Mega-Krise - Wird das Derby schon zum Bosz-Endspiel?

Einen Tag später war es für die „Bild“-Medien schon keine Frage mehr:

Screenshot Bild.de - Wie sich der BVB-Trainer rettet - Zwei Endspiele für Bosz

Die „zwei Endspiele“ sollten die Champions-League-Partie gegen Tottenham Hotspur und „das Derby“ gegen den FC Schalke 04 sein. Gegen Tottenham verloren die Fußballer des BVB und Bosz 1:2, gegen Schalke gab es ein 4:4, nachdem der BVB bereits 4:0 geführt hatte.

Nach der Niederlage gegen Tottenham fragte die „Bild“-Redaktion noch einmal:

Screenshot Bild.de - Ist Bosz schon am Ende?

Und bereits am selben Abend stand für sie fest:

Screenshot Bild.de - Bosz vor dem Aus!
Denkt Dortmund an Hitzfeld?

Auch wenn das Team von Bild.de sich gut vorstellen konnte, dass Ottmar Hitzfeld zum BVB zurückkehrt …

Wer weiß, was ein lukratives Millionen-Angebot bei Hitzfeld kurzfristig bewegen kann?

Denkbar: Hitzfeld kommt als Spiritus Rector und die tägliche Arbeit lenkt ein BVB-Vertrauter, z.B. aus dem Nachwuchs.

… musste das Team von Bild.de nur einen Tag später vermelden, dass Ottmar Hitzfeld nicht zum BVB zurückkehrt:

Screenshot Bild.de - Hitzfeld-Absage - Darum gehe ich nicht zurück zum BVB

Dann kam das bereits angesprochene 4:4 gegen den FC Schalke 04 — und wieder fragten die „Bild“-Experten, ob es das nun für Peter Bosz gewesen ist:

Screenshot Bild.de - Nach 4:4 gegen Schalke - Kostet ­dieses Tor Bosz den Job?

Die Vereinsführung des BVB entschied sich allerdings dafür, an Bosz festzuhalten. Und schon gab es laut Bild.de das nächste „Job-Endspiel“, dieses Mal in der Bundesliga gegen Bayer 04 Leverkusen:

Screenshot Bild.de - BVB-Trainer von Job-Endspiel - Bosz packt seine Stars hinter Plastik

Der BVB spielte in Leverkusen 1:1. Und obwohl seine Mannschaft im Endspiel nach dem Endspiel nach dem Endspiel nich gewonnen hat, durfte Peter Bosz Trainer in Dortmund bleiben.

Für die „Bild“-Medien bedeutet das: Die Bundesliga-Partie des BVB am kommenden Samstag ist das „Endspiel“ für Bosz (während das heutige Champions-League-Spiel gegen Real Madrid lediglich als „Endspiel-Training“ durchgeht):

Screenshot Bild.de - Gegen Ronaldo und Real - Endspiel-Training für Wackel-Peter BVB testet das Bosz-Finale gegen Werder

Auch im Sportteil verbreitet „Bild“ immer wieder ziemlichen Unsinn. Gerade beim Fußball und auffallend oft über die Dortmunder Fußballer. Wir erinnern gern noch mal an den Sicher-nein-ja-oder-doch-nicht-Wechsel von BVB-Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang nach China im vergangenen Sommer.

Über BVB-Verteidiger Neven Subotic schrieb Bild.de vergangene Woche, dieser habe „keine Chance mehr“ bei seinem Klub:

Vor 5 Jahren war Subotic in Dortmund noch gefeierter Double-Held, gesetzt als Abwehr-Bank bei Ex-Coach Jürgen Klopp (50). Unter Neu-Trainer Peter Bosz (53) muss der Innenverteidiger froh sein, wenn er überhaupt im Kader ist.

Vier Tage später stand Subotic in der Startelf gegen Bayer 04 Leverkusen.

Ebenfalls vergangene Woche behauptete die Bild.de-Redaktion, es gebe beim BVB einen „Not-Plan“ mit Trainer Armin Veh, falls „Endspiel“-Trainer Peter Bosz nicht bald gewinne:

BILD weiß: Armin Veh (56) ist Kandidat als Not-Nagelsmann bis zum Saisonende.

Heute meldete auch Bild.de, dass Armin Veh neuer Sportdirektor beim 1. FC Köln ist.

Mit Dank an Patrick B. für den Hinweis!

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst durcheinandergebracht hast

So sieht ein heilloses Durcheinander aus:

Ausriss Bild-Zeitung - Jeden Tag 1558 Straftaten - Die Hauptstadt ist auch die Hauptstadt des Verbrechens! Jeden Tag werden im Schnitt 1558 Straftaten angezeigt. Auf die Bevölkerung gerechnet ist das mehr als in jedem anderen Bundesland. Es werden die meisten Raube (5146) begangen, es wurden 44722 Taschendiebstähle angezeigt und die meisten Autos (7349) geklaut. Letztes Jahr ermittelte die Polizei in 61 Fällen gegen Täter aus dem Bereich Organisierte Kriminalität. In allen Verbrechensfeldern wurden laut Polizeistatistik Berlin 148042 Tatverdächtige ermittelt. Aber: Nicht einmal jede zweite Tat wurde aufgeklärt, die Quote lag bei 42 Prozent. Quelle: BKA-PKS 2016, Straftaten pro 100000 Menschen

In diesen 27 Zeilen plus Überschrift stecken gleich mehrere Fehler.

Erstmal grundsätzlich, um das Wirrwarr etwas zu ordnen: Die Zahl 1558 (die auch nicht ganz richtig ist — dazu gleich mehr) bezieht sich auf die durchschnittlich täglich angezeigten Straftaten im Jahr 2016. Die Zahlen zu den Rauben (5146), Taschendiebstählen (44.722) und Kfz-Diebstählen (7349) beziehen sich hingegen auf das komplette Jahr 2016. Völlig falsch sind die Sternchen an den jeweiligen Zahlen, die darauf hinweisen sollen, dass es sich um „Straftaten pro 100.000 Menschen“ handelt. Das stimmt nicht — es sind die in Berlin insgesamt angezeigten Straftaten pro Tag beziehungsweise Raube, Taschen- und Kfz-Diebstähle pro Jahr.

Gehen wir der Reihe nach durch. Die Überschrift:

Jeden Tag 1558 Straftaten

Wenn die „Bild“-Redaktion den Anspruch hätte, exakt zu berichten, müsste sie schreiben: „Jeden Tag 1554 Straftaten“. In Ordnung wäre auch noch „Jeden Tag 1559 Straftaten“. „Jeden Tag 1558 Straftaten“ ist rechnerisch jedenfalls falsch. Die „Polizeiliche Kriminalstatistik 2016“ des Bundeskriminalamts, auf die sich „Bild“ bezieht, gibt für Berlin 568.860 „erfasste Fälle“ an (PDF, Seite 25). 2016 war ein Schaltjahr mit 366 Tagen. Demnach gab es durchschnittlich gerundet 1554 angezeigte Straftaten pro Tag. Lässt man die Sache mit dem Schaltjahr weg und rechnet mit 365 Tagen, kommt man — wenn man richtig rundet — auf 1559 täglich angezeigte Straftaten.

Die Hauptstadt ist auch die Hauptstadt des Verbrechens

… und …

Auf die Bevölkerung gerechnet ist das mehr als in jedem anderen Bundesland.

Beides stimmt — wenn man es wie „Bild“ „auf die Bevölkerung“ rechnet. In Berlin gab es 2016 pro 100.000 Einwohner 16.161 angezeigte Straftaten (PDF, Seite 25). In Bremen waren es mit 13.687 am zweitmeisten, Hamburg lag mit 13.384 auf Platz 3. Absolut lag Nordrhein-Westfalen ganz vorne: Im bevölkerungsreichsten Bundesland gab es 2016 1.469.426 angezeigte Straftaten. Nimmt man nicht die Bundesländer, sondern die Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern, hat Berlin immer noch die höchste Quote, allerdings ist der Vorsprung deutlich geringer als bei den Bundesländern: In Leipzig waren es 15.811 angezeigte Straftaten pro 100.000 Einwohner, in Hannover 15.764 und in Frankfurt am Main 15.671 (PDF, Seite 27).

Es werden die meisten Raube (5146) begangen

Das ist doppelt falsch. Tatsächlich waren es laut „Polizeilicher Kriminalstatistik 2016“ für Raubdelikte (PDF, Seite 28) 5156 Raube. Die Statistik zeigt auch, dass Berlin weder bei den absoluten Zahlen noch bei der 100.000-Einwohner-Quote auf Platz 1 liegt: In Nordrhein-Westfalen gab es 2016 12.647 angezeigte Raube. In Bremen gab es pro 100.000 Einwohner 172,9 Raub-Anzeigen — und damit mehr als in Berlin (146,5).

es wurden 44 722 Taschendiebstähle angezeigt

Das ist richtig (PDF, Seite 84).

und die meisten Autos (7349) geklaut.

Das ist wiederum falsch. Die Zahl stimmt zwar, es waren aber nicht „die meisten Autos“. In Nordrhein-Westfalen (7518) wurden 2016 mehr Kfz-Diebstähle angezeigt als in Berlin (PDF, Seite 76).

Der Rest müsste stimmen, wobei es in anderen Bundesländern 2016 mehr Ermittlungen „gegen Täter aus dem Bereich Organisierte Kriminalität“ gab (Nordrhein-Westfalen: 107, Bayern: 76, Niedersachsen: 66) als in Berlin (PDF, Seite 7) und es in anderen Bundesländern 2016 mehr Tatverdächtige gab (Nordrhein-Westfalen: 494.885, Bayern: 446.433, Baden-Württemberg: 251.141, Niedersachsen: 222.092, Hessen: 178.260) als in Berlin (PDF, Seite 48).

Bild  

Keine „Bild“ in der Kantine

Ein BILDblog-Leser braucht unsere Hilfe. Er arbeitet in einem großen deutschen Unternehmen und ärgert sich jedes Mal, wenn er in die Kantine kommt — weil dort die „Bild“-Zeitung verkauft wird. Und zwar nur „Bild“, keine andere Zeitung.

Nachdem er darum gebeten hatte, sie nicht mehr zu verkaufen oder zumindest nicht mehr als einzige Zeitung, wurde er prompt zum Betriebsrat einbestellt. Dort muss er in dieser Woche erscheinen, offenbar um zu erklären, warum er die „Bild“-Zeitung denn so schlimm findet.

Nun hat er uns gebeten, ihm Links zu BILDblog-Artikeln zu schicken, mit denen er belegen kann, dass „Bild“ alles andere als Journalismus ist. Weil wir aber viele Schandtaten der letzten Jahre inzwischen erfolgreich verdrängt haben, würden wir die Bitte gerne an Euch weitergeben, also: Welche unserer Artikel zeigen Eurer Meinung nach am eindrucksvollsten das wahre Gesicht der „Bild“-Zeitung?

Postet die Links bei Facebook und Twitter unter dem Hashtag #KeineBILDinderKantine — dann können wir ihm ein Worst-of zusammenstellen, damit er für das Gespräch beim Betriebsrat gerüstet ist. (Und falls sonst noch jemand versuchen möchte, seine Kantine, seinen Friseur oder seine Arztpraxis von „Bild“ zu befreien, leiten wir die Sammlung natürlich gerne weiter.)

Bringt Julian Reichelt die Familien anderer Menschen in Gefahr?

Julian Reichelt will nicht über Geld reden. Über sein eigenes jedenfalls nicht. Über das Geld anderer Leute reden und schreiben Reichelt und seine „Bild“-Kollegen liebend gern: So viel verdient Bundesliga-Star XY, das bekommt DAX-Manager Soundso, lesen Sie mal, wie viel Moderator Trallala kassiert. Kaum eine Woche, in der „Bild“, „Bild am Sonntag“ und Bild.de nicht über das hohe Einkommen und das immense Vermögen einzelner Personen berichten.

Geht es allerdings um seine eigenes Gehalt, findet Julian Reichelt dieses Verhalten hochgradig gefährdend. Als das Medienmagazin „kress pro“ in der Titelgeschichte seiner Oktoberausgabe über die Jahresgehälter von Verlagsmanagern und Chefredakteuren schrieb, kam darin auch der „Bild“-Oberchef vor:

Im nationalen Geschäft liegt die Schallmauer inzwischen bei 500.000 Euro, die aber nur eine Handvoll erreichen. „Spiegel“-Chef Klaus Brinkbäumer dürfte geschätzt in dieser Liga spielen, auch „FAZ“-Digitalchef Mathias Müller von Blumencron gilt als Kandidat. „Stern“-Chef Christian Krug und die „SZ“-Doppelspitze liegen geschätzt 50.000 bis 100.000 Euro darunter. Deutlich darüber liegen müssten Julian Reichelt, Chef der „Bild“-Gruppe, und „Zeit“-Chef Giovanni di Lorenzo. Reichelt verantwortet den umsatzstärksten Titel und offenbar zahlt Springer mit einem guten Anteil variabler Vergütung. Reichelts Vorgänger Kai Diekmann soll nach seinem Abgang eine deutlich siebenstellige Summe bekommen, was auf ein siebenstelliges Gehalt hinweist. Diekmann dürfte jahrelang der bestbezahlte Chefredakteur gewesen sein. Reichelt müsste also irgendwo zwischen 500.000 Euro und 1 Million liegen.

Diese wenigen, nüchtern gehaltenen Zeilen passten Reichelt offenbar überhaupt nicht. In der November-Ausgabe von „kress pro“ schreibt Chefredakteur Markus Wiegand über „die Widersprüche des ‚Bild‘-Chefs“:

Einige der Betroffenen kommentierten die Schätzung informell, die meisten verzichteten jedoch auf einen Kommentar.

Julian Reichelt war der einzige Chefredakteur, der uns bat, auf eine Schätzung zu verzichten. Er argumentierte, dass eine Schätzung seines Gehalts das Risiko finanziell motivierter Straftaten gegen seine Familie erhöhen würde.

Wir konnten die Argumentation nicht nachvollziehen, boten aber ein informelles Gespräch an, um den Fall zu klären. Reichelt lehnte dies ab.

Die Logik hinter Reichelts Argumentation scheint zu sein: Kriminelle, die bisher dachten, dass der Chef von „Bild“, „Bild am Sonntag“, Bild.de und „B.Z.“ vielleicht 3000 oder 4000 Euro im Monat verdiene, dürften durch die Veröffentlichung einer groben Schätzung seines Gehalts verstanden haben, dass bei ihm deutlich mehr zu holen sein könnte.

Sollte dieser Gedanke stimmen, ergibt sich automatisch die Frage: Bringen Julian Reichelt und die „Bild“-Medien seit Jahren regelmäßig die Familien anderer Menschen in Gefahr?

Zum Beispiel die Familie von WDR-Intendant Tom Buhrow. Vor etwas mehr als zwei Monaten titelte Bild.de:

Screenshot Bild.de - Hammergehalt! Lesen Sie mal, was ein ARD-Boss verdient

Im dazugehörigen Artikel steht:

Angeführt wird die Liste von WDR-Intendant Tom Buhrow. Sein Verdienst: 399 000 Euro im 2016 — umgerechnet auf 12 Monate wären das 33 250 Euro!

Auf den folgenden Plätzen liegen:

• Ulrich Wilhelm, der Intendant des BR, mit 367 000 Euro
• NDR-Intendant Lutz Marmor, welcher 348 000 Euro verdiente.
Das niedrigste Gehalt der ARD-Bosse bezog bei 237 000 Euro Jahresvergütung der SR-Chef Thomas Kleist.

Oder die Familie von „Radio Bremen“-Intendant Jan Metzger.

Screenshot Bild.de - Kleinster Sender, großes Geld - Das verdient der Radio-Bremen-Intendant wirklich

Als Sender ist Radio Bremen der kleinste unter den neun ARD-Anstalten. Doch sein Chef ist beim Verdienen ganz vorne mit dabei.

242 000 Euro erhielt Intendant Jan Metzger im Jahr 2011. So zumindest steht es im Branchen-Nachrichtendienst „Funkkorrespondenz“.

Oder die Familie von TV-Moderator Günther Jauch.

Screenshot Bild.de - In der eigenen Sendung wurde er angegriffen - Verdient Jauch wirklich so viel mehr als die Kanzlerin?

Und wie viel verdient Jauch wirklich? Fakt ist: Ein Vielfaches vom jährlichen Bruttogehalt der Kanzlerin. Angela Merkel erhält 194 000 Euro im Jahr.

Die ARD überweist Jauchs Produktionsfirma „I & U“ nach BILD-Informationen allein für die Talk-Sendungen 10,5 Mio. Euro im Jahr. Nach Branchenschätzungen sollen ihm davon mehr als 1 Million bleiben. Dazu kommen TV-Honorare für die RTL-Shows „Wer wird Millionär?“ und „5 gegen Jauch“. Außerdem produziert er mit seiner Firma bis zu 130 weitere Sendungen im Jahr.

Oder die Familien verschiedener BBC-Moderatoren und -Moderatorinnen.

Screenshot Bild.de - BBC-Gehälterliste - Was man als Moderator so verdient

Das höchste Gehalt bei der BBC bezieht demnach der Moderator Chris Evans: Er bekam im vergangenen Jahr ein Gehalt von umgerechnet rund 2,5 Millionen Euro.

Der ehemalige Fußballstar und Sportmoderator Gary Lineker verdiente umgerechnet rund 2 Millonen Euro.

Die am besten verdienende Frau bei der BBC ist die TV-Moderatorin Claudia Winkleman — sie erhält ein jährliches Salär zwischen umgerechnet rund 509 000 und 565 000 Euro.

Oder die Familie von Fußballer Matija Nastasic.

Screenshot Bild.de - Schalkes neuer Star - Das verdient Nastasic im Monat

Schalkes Neuer verdient 250 000 Euro im Monat!

BILD enthüllt die Details des Nastasic-Vertrages:
► Der Nationalverteidiger erhält ein monatliches Grundgehalt von exakt 250 000 Euro, für das halbe Jahr also fixe 1,5 Mio Euro.
► Dazu kommt noch eine Prämie, wenn er mit Schalke die Champions League erreicht.

Oder die Familie von Daimler-Boss Dieter Zetsche.

Screenshot Bild.de - Gehaltserhöhung für Zetsche - So viel verdient der Daimler-Boss

Erfolg zahlt sich für ihn buchstäblich aus: Daimler-Chef Dieter Zetsche streicht erneut mehr Gehalt ein.

Nach mehr als 8,2 Millionen Euro im Vorjahr kassiert der Konzernlenker für 2014 knapp 8,4 Millionen Euro.

Oder die Familie von Zetsches Pendant bei BMW, Harald Krüger.

Screenshot Bild.de - BMW-Chef Harald Krüger - 6,2 Millionen Euro Einstiegsgehalt!

Oder die Familie von Tennisspieler Alexander Zverev.

Screenshot Bild.de - Karriere-Preisgelder verdreifacht - Rekord-Jahr! Zverev hat schon 3,7 Mio verdient

Oder die Familie von Fußballer Franck Ribéry.

Screenshot Bild.de - Ribery verdient 312500 Euro im Monat netto

Oder die Familie von Burkhard Jung, Oberbürgermeister in Leipzig.

Screenshot Bild.de - 148361,40 Euro brutto im Jahr - Das verdient OB Jung wirklich!

Oder die Familie von Fußballtrainer Jürgen Klopp.

Screenshot Bild.de - Jürgen Klopp beim FC Liverpool - 10 Millionen Gehalt! Nur Mourinho verdient mehr

Oder die Familie von Sängerin Taylor Swift.

Screenshot Bild.de - Bestbezahlter Popstar - Das verdient Taylor Swift am Tag

Oder die Familie von SAP-Chef Bill McDermott.

Screenshot Bild.de - SAP-Chef McDermott - So viel Geld verdient sonst keiner

Wir könnten diese Liste noch ewig weiterführen. Mit Bundesliga-Torwart René Adler, mit „Deutschlands Top-Managern“, mit HSV-Profi Bobby Wood, mit Fußballtrainer Carlo Ancelotti, mit den „wichtigsten Berlin-Managern“, mit „Promis in Politik, Wirtschaft, Show und Sport“ und mit vielen, vielen anderen.

Einen Widerspruch zwischen dem, was er für sich selbst einfordert, und dem, was er und seine Kollegen Tag für Tag, Woche für Woche produzieren, scheint Julian Reichelt nicht erkennen zu können.

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