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Man muss sich schämen

In ihrem großen „LIVE-TICKER“ zum Coronavirus schrieb die „Bild“-Redaktion am vergangenen Freitag:

Webasto beklagt Ausgrenzung von Mitarbeitern
Die Angst vor dem Coronavirus führt offenbar zur Ausgrenzung von Webasto-Mitarbeitern und deren Angehörigen. „Uns erreichen vermehrt Meldungen von Mitarbeitern, die nicht zur Risikogruppe gehören, dass sie und ihre Familien von Institutionen, Firmen oder Geschäften abgewiesen werden, wenn bekannt wird, dass sie bei Webasto arbeiten“, sagte der Vorstandsvorsitzende Holger Engelmann am Freitag. „Wir verstehen, dass die aktuelle Situation Menschen verunsichert und auch ängstigt, aber das ist eine enorme Belastung für die Familien unserer Mitarbeiter.“

Einer Sprecherin zufolge haben Mitarbeiter unter anderem davon berichtet, dass ihre Eltern oder Ehepartner von deren Arbeitgebern nach Hause geschickt worden seien. Kinder seien von Kindergärten nicht mehr angenommen worden. In einem Fall habe es zudem eine Autowerkstatt mit Verweis auf das Virus abgelehnt, das Auto eines Mitarbeiters zu reparieren.

Diese Ausgrenzung ist natürlich völlig daneben. Gut, dass Bild.de dem Webasto-Vorstandsvorsitzenden die Möglichkeit gibt, deutlich zu sagen, dass diese Situation „eine enorme Belastung für die Familien unserer Mitarbeiter“ sei.

Einen Tag später beantwortete „Bild“ dann „DIE WICHTIGSTEN FRAGEN ZUM AUSBRUCH DER SEUCHE“. Darunter diese:

Screenshot Bild.de - Muss ich mich schämen, wenn ich aus Angst vor Ansteckung asiatisch aussehenden Menschen aus dem Weg gehe?

Anders als bei den Webasto-Angestellten, wies bei der Ausgrenzung „asiatisch aussehender Menschen“ niemand darauf hin, dass dies für die Betroffenen „eine enorme Belastung“ sei. Stattdessen lieferte ein „Angst- und Traumaforscher“ eine Rechtfertigung:

Christian Lüdke, Angst- und Traumaforscher: „Aus fachlicher Sicht ist die Angst absolut nachvollziehbar. Wir Menschen haben ein gleichbleibendes Angstniveau. Was sich ändert, ist die Angstrichtung. Und durch die aktuellen Realängste vor dem Corona-Virus bedeutet das, dass sich unsere gesamte Aufmerksamkeit auf die Chinesen richtet.“

Lüdke weiter: „Angst ist eine Grundbefindlichkeit und muss ernst genommen werden. Sie lässt uns in einen Überlebensmodus schalten. Und sie hilft uns letztlich, mit schwierigen Situationen wie dieser klarzukommen.“

Das ist die komplette Antwort auf die Frage. Keine weitere Einordnung, kein Hinweis auf Rassismus. Bei „Bild“ wird der Eindruck vermittelt, dass es völlig in Ordnung und sogar hilfreich wäre, um „mit schwierigen Situationen wie dieser klarzukommen“, wenn man Menschen nur aufgrund ihres Aussehens und ihrer (tatsächlichen oder vermeintlichen) Herkunft anders behandelt und Angst vor ihnen hat.

Beim „Tagesspiegel“ beschreibt Marvin Ku den Rassismus, den er erlebt, „seit sich das Coronavirus ausbreitet“. Und auch der „Express“ schreibt in seiner Sonntagsausgabe, „dass die ganz subjektive Sorge vor einer Ansteckung offenbar in generelle Ausgrenzung und Rassismus umschlagen kann“ — was sich auf einen Fall bezieht, bei dem eine Frau mit ihrer Tochter fluchtartig einen Kölner Asia-Markt verlassen hat. Auf Seite 1 macht die Redaktion so auf das Thema aufmerksam:

Ausriss Titelseite Kölner Express - Coronavirus-Panik - Angst vor Kölns Chinesen - Die wehren sich: Wir sind nicht krank. Das ist Rassismus.

Was bewirkt so eine Titelseite wohl (bei der Passanten, wenn sie am Kiosk vorbeigehen, nicht mal die Unterzeilen richtig sehen können): Dringt die Kritik an der falschen Angst durch? Oder befeuert sie sie?

Mit Dank an Barbara W. und Mario V. für die Hinweise!

„und entbehren aus Sicht der Ermittler jeglicher Grundlage“

Entgegen vereinzelt in den Medien verlautbarter Vermutungen haben Staatsanwaltschaft Dresden und Soko Epaulette keine Erkenntnisse dahingehend, dass tatverdächtige Personen mit dem Flix-Bus in Richtung Berlin geflohen sind. Die dahingehenden Veröffentlichungen finden in den Ermittlungen keinen Anhalt und entbehren aus Sicht der Ermittler jeglicher Grundlage.

Das schreibt die Staatsanwaltschaft Dresden heute in einer Pressemitteilung zum Einbruch in das historische Grüne Gewölbe des Residenzschlosses.

Und woher stammen diese jeglichegrundlagenentbehrenden Veröffentlichungen, von denen die Staatsanwaltschaft spricht?

Ausriss Bild-Zeitung Dresden - Neue Spur! Flohen die Juwelendiebe im Flixbus nach Berlin?
Ausriss Bild-Zeitung Bundesausgabe - Einbruch im Grünen Gewölbe - Flohen die Juwelenräuber im Flixbus?
Screenshot Bild.de - Flohen die Dresdner Juwelen-Diebe im Flixbus? 1200 Hinweise, eine neue Spur

Es sind die „Bild“-Medien, die gestern Abend (Bild.de) beziehungsweise heute („Bild“-Bundesausgabe und Dresden-Ausgabe der „Bild“-Zeitung) über „eine ganz neue Spur“ berichten:

Etwa 1200 Hinweise zum Juwelen-Raub im Grünen Gewölbe sind bei der Soko „Epaulette“ (40 Ermittler) aufgelaufen. Ein entscheidender Hinweis war bislang nicht darunter.

Doch wie BILD erfuhr, verfolgen die Fahnder eine ganz neue Spur: Flohen die Täter im Flixbus nach Berlin?

Blöd nur, dass die Fahnder davon nichts wissen. Die Dresdner Staatsanwaltschaft schreibt dafür aber noch einmal etwas Allgemeines zur „spekulativen Medienberichterstattung“:

Spekulative Medienberichterstattung ist bei der Aufklärung jeder Straftat — zumal eines derart komplexen Falles — wenig hilfreich und kann Ermittlungen im Einzelfall erschweren oder gar vereiteln. Gleiches gilt für die frühzeitige Veröffentlichung eines werthaltigen Hinweises oder Ermittlungsansatzes.

Mit Dank an @J_MkHk für den Hinweis!

Falscher Täter, aber mit Foto

Die Tatwaffe jemand anderem unterzuschieben, das versuchte schon die skrupellose Lady Macbeth. Nachdem ihr Gemahl Macbeth König Duncan ermordet hatte, drückte sie die blutigen Dolche den schlafenden Wachen des Königs in die Hände. So wollte sie den Verdacht von Macbeth lenken. Doch der Plan ging nicht auf: Macduff, Macbeths Widersacher, schöpfte Verdacht und brachte Macbeth schließlich zur Strecke.

Auch außerhalb des Shakespeareschen Universums kommen solche Dinge vor, so kürzlich in Starnberg. Der Unterschied zu Shakespeare: Damals gab es noch keine „Bild“-Zeitung, die aus einem irrtümlichen Anfangsverdacht eine Tatsache macht und den vermeintlichen Täter mit Foto anprangert. Auch der Landesdienst Bayern der dpa und die „Abendzeitung“ aus München sehen in diesem Fall nicht gut aus.

Am 12. Januar entdeckte die Polizei eine Familie tot in deren Wohnhaus in Starnberg: die beiden Eltern und deren 21-jährigen Sohn. Die Polizei fand den Sohn offenbar mit einer Pistole in der Hand und zog daraus ihre Schlüsse. In einer Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord vom 13. Januar heißt es:

Nach aktuellem Ermittlungsstand geht die Kripo davon aus, dass der 21-jährige Sohn am Wochenende zunächst seine Eltern (60 bzw. 64 Jahre) und dann sich selbst getötet hat. Vor Ort wurden zwei Faustfeuerwaffen als mutmaßliche Tatwaffen sichergestellt.

Zum Motiv der Tathandlung können derzeit keine Angaben gemacht werden. Die Ermittlungen stehen noch am Anfang.

Während die Kripo sich also noch zurückhält mit endgültigen Urteilen, von „mutmaßlich“ und vom „aktuellen Ermittlungsstand“ spricht, gibt es bei „Bild“ (am 14. Januar) und Bild.de (am 15.) Tatsachen:

Ausriss Bild-Zeitung - Drei tote im feinen Starnberg - Kinder-Psychologin und Ehemann von Sohn erschossen
Screenshot Bild.de - Familiendrama in Starnberg - ... schoss auf Eltern und auf Familienhund Rocco
(Die Unkenntlichmachung des Namens stammt von uns.)

Genauso sicher klingt es bei der „Abendzeitung“ und beim bayerischen Landesdienst der dpa:

Screenshot abendzeitung-muenchen.de - Drei Leichen gefunden - Starnberg unter Schock: Sohn tötet seine Eltern
Screenshot Welt.de mit einer Meldung der dpa - Sohn erschießt Eltern und tötete sich selbst mit Kopfschuss

Andere Redaktionen waren vorsichtiger. Süddeutsche.de etwa titelte: „Sohn soll Eltern und sich selbst erschossen haben“. Und auch der Basisdienst der dpa baute ein „soll“ in seine Überschrift.

Die „Bild“-Medien hatten das Urteil hingegen schon gefällt. Und sie schreckten auch nicht davor zurück, gleich noch ein Foto des 21-jährigen Sohnes zu veröffentlichen, unverpixelt versteht sich.

Gut eineinhalb Wochen später stellt sich allerdings heraus: Nicht der Sohn hat seine Eltern umgebracht, ein 19-jähriger Freund des Sohnes soll die Familie getötet haben. Der geständige Tatverdächtige legte dem 21-Jährigen offenbar eine Pistole in die Hand, um einen Suizid vorzutäuschen.

Der Pressekodex rät, in der Berichterstattung auch bei Tatverdächtigen die „schutzwürdigen Interessen von Betroffenen“ zu berücksichtigen. Bei der Abwägung sei unter anderem der Verfahrensstand einzubeziehen. Dieser war bei den Veröffentlichungen durch „Bild“, Bild.de, dpa-Landesdienst und „Abendzeitung“ wenige Tage nach der Tat noch nicht sehr weit fortgeschritten.

Der Fall aus Starnberg ist ein trauriges Beispiel dafür, warum es hochproblematisch ist, dass „Bild“ und Bild.de regelmäßig unverpixelte Fotos von Tatverdächtigen veröffentlichen. Hier zeigt sich die Wichtigkeit der Unschuldsvermutung: Auch bei einem Tatverdacht mit scheinbar klaren Indizien kann sich der Tatverdächtige als unschuldig erweisen, so wie nun geschehen. Den neuen Tatverdächtigen zeigen die „Bild“-Medien wieder unverpixelt.

Bei Opfern ist der Presserat sowieso unmissverständlich: „Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen.“ Auch hier, leider wenig überraschend, halten sich „Bild“ und Bild.de nicht an den Pressekodex und veröffentlichen unverpixelte Fotos der Getöteten.

***

Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können, aus dieser Krise herauszufinden. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der „TelefonSeelsorge“, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 und 116 123) erreichen kannst.

Vorsicht! Denn fast so schlimm wie ein Virus ist das Angstmachen davor

Das hier soll keine Satire sein, sondern ein ernst gemeinter „Zwischenruf“ von „Bild“-Redakteur Ralf Klostermann:

Screenshot Bild.de - Zwischenruf zum Coronavirus - Vorsicht ja, aber keine Panik!

Dass Viren Schrecken verbreiten, ist verständlich, denn sie können töten. Aber, Vorsicht! Denn fast so schlimm wie ein Virus ist die Angst davor.

Die Bezeichnung „Zwischenruf“ ist in diesem Fall sehr passend. Denn Klostermann ruft seine Warnung zwischen all die angstverbreitenden und panikmachenden Artikel der „Bild“-Medien zum Coronavirus:

Screenshot Bild.de - Schon vier Fälle in Deutschland - Coronavirus kam direkt aus der Seuchen-Zone - Alle Betroffenen arbeiten bei Autofirma Webasto - Unternehmen macht bis Sonntag dicht
Screenshot Bild.de - Virus-Angst in Deutschland! Apotheken gehen die Schutzmasken aus
Screenshot Bild.de - Erster Corona-Fall - Ist es gefährlich, Pakete aus China anzunehmen?
Screenshot Bild.de - Zwei Fälle in Frankreich bestätigt - Coronavirus erreicht Europa
Ausriss Bild-Titelseite - Bundeswehr rettet Deutsche aus der Seuchen-Zone - Sondermaschine startet nach China - Schon vier Corona-Fälle in Deutschland - Botschaft organisiert Krisentreffen - Ansturm auf Schutzmasken - Was Sie jetzt wissen müssen
Screenshot Bild.de - Mysteriöse Lungenkrankheit breitet sich weltweit aus - So wappnet sich Deutschland gegen das China-Virus
Screenshot Bild.de - 26 Menschen tot - Wie gefährlich wird das Virus für China-Präsident Xi?
Ausriss Bild-Zeitung - Doppelseite mit verschiedenen Artikeln zum Coronavirus
Screenshot Bild.de - 56 Todesfälle und fast 2000 Kranke in China - Coronavirus legt Tourismus lahm
Screenshot Bild.de - Corona-Virus - Deutsche sitzen in China fest - Je länger ich bleibe, desto größer die Gefahr
Screenshot Bild.de - Infektionsgefahr an der Börse - Aktien rutschen wegen Corona-Virus heftig ab
Screenshot Bild.de - Corona-Virus breitet sich weiter aus - Diese fünf Fragen müssen Wissenschaftler jetzt klären
Screenshot Bild.de - Bayer (33) mit Virus infiziert - Er steckte sich bei Kollegin aus China an - Behörden überprüfen eine Kita - Corona-Patient war gestern noch arbeiten
Screenshot Bild.de - Flieger soll heute Richtung Wuhan abheben - Bundeswehr holt morgen Deutsche aus Virus-Gebiet
Screenshot Bild.de - Mann (33) aus Bayern infiziert - 40 Menschen hatten engeren Kontakt - Bundeswehr holt Deutsche aus China - So kam das Coronavirus nach Deutschland
Screenshot Bild.de - Augenzeuge über die Lage im chinesischen Virus-Gebiet - Wer nicht in Lebensgefahr ist, wird nicht behandelt
Screenshot Bild.de - Experte erklärt, wie sowas gehen kann - Schlangen sollen das Coronavirus auf uns übertragen haben
Screenshot Bild.de - Fieber, Husten, Schnupfe - Ab wann muss ich mir Sorgen machen? - Vier Personen erkrankt - So werden die Corona-Infizierten behandelt
Screenshot Bild.de - Coronavirus - Drei weitere Infizierte in Bayern - Alle Betroffenen arbeiten bei der Autofirma Webasto - Unternehmen macht bis Sonntag dicht
Screenshot Bild.de - Coronavirus - Rettung der 90 Deutschen aus Seuchen-Gebiet wieder verschoben - weil das Gesundheitsministerium erst prüfen will, was mit den Betroffenen passieren soll
Screenshot Bild.de - Deutsches Ehepaar im Seuchen-Gebiet Wuhan - Wir kommen wohl nur weg, wenn wir gesund sind - Erst am Samstag soll es den Rückflug geben
Screenshot Bild.de - Coronavirus - Lufthansa will alle Flüge nach China streichen - Bundeswehr will Deutsche aus Wuhan holen - Wer aus der Virus-Region kommt, muss sofort in Quarantäne

Es gab auch schon mehrere „Bild live“-Spezialsondersendungen zum Thema:

Screenshot Bild.de - Coronavirus - Schon vier Fälle in Deutschland - live Spezial

Und „ANGST-EXPERTE“ Borwin Bandelow antwortete auf die Frage:

Screenshot Bild.de - Angst-Experte über neuen Virus - Warum haben wir mehr Angst vor Corona als vor der Grippe?

Wird die Angst durch Häufigkeit der Berichte erhöht?

Bandelow: „Das denke ich nicht. Es ist die Aufgabe der Medien, uns zu informieren. Und wenn wie hier über den neuen Corona-Virus nicht berichtet würde, wäre die Angst vielleicht noch größer durch den Eindruck, dass eine Gefahr vielleicht bewusst verschwiegen wird. (…)“

Na, dann sollten „Bild“ und Bild.de unbedingt so atemlos weitermachen.

Organisierte Kriminalität, bitte hier entlang!

Nach BILD-Informationen sollen die libanesischen Clans mit Hilfe von tschetschenischen Gruppen mehrfach versucht haben, Capital Bra aufzulauern und zu finden.

schrieb Bild.de im vergangenen November. Es gehe „um Millionen“, „die Polizei sieht eine konkrete Gefahr für den Rapper.“ Die Überschrift des Artikels damals:

POLIZEI: RAPPER IN LEBENSGEFAHR
Kriminelle Clans bedrohen Capital Bra

Die „libanesischen Clans“ und die „tschetschenischen Gruppen“ hätten den erfolgreichen Musiker allerdings nicht finden können, schreibt Bild.de noch.

Das könnte sich jetzt ändern — dafür haben die „Bild“-Medien gesorgt:

Screenshot Bild.de - Rap-Star Capital Bra ist umgezogen - Versteckt er sich hier etwa vor den Clans?

Online und in der entsprechenden Regionalausgabe der gedruckten „Bild“ verrät die Redaktion Capital Bras neuen Wohnsitz. Bild.de teasert:

Das ist mal ein „capitaler“ Neuzugang!

Derzeit gibt ER in der deutschen Musikszene den Ton an wie kein Zweiter: Was Capital Bra (25) rappt, geht in den Charts auf Platz 1, seine Konzerte sind ausverkauft.

Wie BILD erfuhr, ist der Rap-Star umgezogen (…). Erfahren Sie mit BILDplus, wo und wie Capital Bra jetzt wohnt — und was die Gründe für sein Umzug sein könnten!

Die „Bild“-Medien nennen nicht nur das Bundesland und die Stadt; sie schreiben auch, welches Bundesamt direkt um die Ecke des Hauses liegt, in dem Capital Bra nun wohnen soll. Und damit man das dann auch wirklich findet, veröffentlichen sie noch ein Foto davon. Außerdem nennen sie den bürgerlichen Namen des Rappers, und Bild.de zeigt eine Aufnahme des Klingelschildes, auf dem der Nachname zu sehen ist.

Sollte sich Capital Bra dort tatsächlich „vor den Clans“ verstecken, kann er sich dank „Bild“ und Bild.de ein neues Versteck suchen.

Dazu auch:

Mit Dank an Olli D. für den Hinweis!

„ISIS-Gefährder“ ist man, wenn „Bild“ das sagt

Vergangene Woche Dienstag entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass Ahmet K. nicht abgeschoben werden darf, jedenfalls nicht nach Paragraph 58a des Aufenthaltsgesetzes. Das niedersächsische Innenministerium ordnete im April 2019 per Verfügung die Abschiebung des Mannes in die Türkei an, da dieser von den Behörden als islamistischer Gefährder eingestuft wurde. Für einen solchen Fall bietet der Paragraph eine Art Abschiebeschnellweg. K. ging dagegen juristisch vor und bekam Recht. In einer Pressemitteilung schreibt das Gericht:

Auch unter Berücksichtigung der von der Behörde nach Ergehen des Eilbeschlusses und der daraufhin erfolgten Entlassung aus der Abschiebungshaft vorgelegten Erkenntnisse hält der Senat für den maßgeblichen Zeitpunkt der heutigen mündlichen Verhandlung die Verfügung für rechtswidrig. Eine Gefahr i.S.d. § 58a AufenthG kann auch dann vorliegen, wenn der Ausländer zwar nicht selbst — gar vollständig oder nachhaltig — ideologisch radikalisiert ist, er sich jedoch von Dritten im Wissen um deren ideologische Zwecke für entsprechende Gewalthandlungen „einspannen“ lässt. Auch nach diesem konkretisierten Maßstab gelangt der Senat in der Gesamtschau bei umfassender Würdigung des Verhaltens des Klägers, seiner Persönlichkeit, seiner nach außen erkennbaren oder geäußerten inneren Einstellung und seiner Verbindungen zu anderen Personen und Gruppierungen zu der Bewertung, dass die festgestellten Tatsachen im Ergebnis nicht die Bewertung tragen, dass aktuell von dem Kläger mit der gebotenen Wahrscheinlichkeit eine nach § 58a AufenthG erforderliche besondere Gefahr für die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland oder terroristische Gefahr ausgeht.

Damit bestätigte das Gericht einen Beschluss vom 25. Juni 2019. Damals hatte das Bundesverwaltungsgericht „Zweifel an der der Gefahrenprognose des Beklagten zugrunde gelegten Hinwendung des Klägers zum radikal-extremistischen Islamismus.“ Oder anders gesagt: Ahmet K. ist kein Gefährder, den man nach Paragraph 58a des Aufenthaltsgesetzes abschieben kann.

Das Bundeskriminalamt (BKA) glaubt auch nicht, dass K. Islamist ist. Die Behörde hat eine Risikoanalyse zu dem 29-Jährigen angefertigt. Das als Verschlusssache eingestufte Papier liegt dem NDR-Duo Angelika Henkel und Stefan Schölermann, das sich schon lange und ausführlich mit dem Fall beschäftigt, vor. Henkel und Schölermann schreiben dazu:

Das Bundeskriminalamt geht — wie das Bundesverwaltungsgericht — von keiner islamistischen Haltung des 29-Jährigen aus. Damit widerspricht es der Einschätzung der Göttinger Polizei. Die Kontakte zu Islamisten in der Stadt beruhten demnach nicht auf politischer Überzeugung. So schreiben es vier Beamte, die [K.] aufgrund der vom niedersächsischen Innenministerium zusammengetragenen Informationen in dem Papier bewertet haben. (…)

Hinweise auf eine eigene Radikalisierung sehen die Beamten nicht: Trotz zahlreicher polizeilicher Maßnahmen sei kein dezidiertes Feindbild vorhanden, ein Hass auf die westliche Gesellschaft sei ebenso wenig erkennbar wie eine Verbindung zur Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS).

Und jetzt zu den „Bild“-Medien.

Wie bezeichnen „Bild“ und Bild.de einen Mann, von dem laut Gericht nicht die „erforderliche besondere Gefahr für die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland oder terroristische Gefahr ausgeht“ und von dem das BKA sagt, es gebe keine Verbindung zum sogenannten „Islamischen Staat“?

Ausriss Bild-Titelseite - Obwohl der Innenminister ihn für eine Bedrohung hält - Gericht verbietet Abschiebung von ISIS-Gefährder!
Ausriss Bild-Zeitung - Irres Urteil! ISIS-Gefährder zu ungefährlich für Abschiebung
Ausriss Bild-Zeitung - Rocker warfen ISIS-Gefährder raus - Weil er ihnen zu brutal war - aber abgeschoben wird Ahmet K. nicht
Ausriss Bild-Zeitung - Gericht verhinderte seine Abschiebung - Hier führt der ISIS-Gefährder seinen Hund spazieren
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Das ist gleich dreifach problematisch: Da wird ein Mann auf der Titelseite, im Blatt und online wiederholt als „ISIS-Gefährder“ dargestellt, bei dem laut Bundesverwaltungsgericht und Bundeskriminalamt weder der Teil vor dem Bindestrich noch der danach stimmen soll. Außerdem schreibt die „Bild“-Redaktion damit ein weiteres (falsches) Kapitel in ihrer langen Erzählung von der deutschen Kuscheljustiz, die jetzt sogar schon in „irren Urteilen“ Abschiebungen von „ISIS-Gefährdern“ „verbietet“ (wobei das Urteil ja gerade nicht gefällt wurde, obwohl K. „ISIS-Gefährder“ ist, sondern weil er nicht „ISIS-Gefährder“ zu sein scheint). Und drittens: Der „Bild“-Leserschaft wird einmal mehr vermittelt, dass in Deutschland scheinbar überhaupt nichts klappt in Sachen Abschiebung und dass ein vermeintlicher Gefährder nun einfach so durchs Land spazieren kann. Die AfD und sehr rechte Facebook-Gruppen haben dieses gefundene Fressen längst verbreitet:



Dabei ist das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das im Fall von Ahmet K. so entschieden hat, „obwohl der Innenminister ihn für eine Bedrohung hält“, vor allem eines: ein Zeichen, dass Rechtsstaat und Gewaltenteilung funktionieren.

„Bild“ meldet falsche „Messer-Attacke“ auf Karamba Diaby

Nachricht 1: Auf das Bürgerbüro des SPD-Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby in Halle (Saale) wurde geschossen.

Nachricht 2: Das Land Nordrhein-Westfalen präsentiert die „Gesamtjahresbilanz der Messerstraftaten 2019“ (PDF).

Auf der „Bild“-Titelseite von heute kommen beide Nachrichten vor:

Ausriss Bild-Titelseite - großes Titelthema: Messer-Gewalt immer schlimmer! Neue, erschreckende Zahlen - Innenminister warnt - Polizisten schlagen Alarm - Opfer sprechen in Bild - Heute große Sondersendung bei Bild.de

… wobei die „Bild“-Redaktion die „immer schlimmere“ „Messer-Gewalt“ offenbar für ein deutlich größeres Thema hält als den Angriff mit einer Schusswaffe auf das Büro eines gewählten Parlamentariers — allein das Wort „Messer-“ ist größer als die gesamte Meldung zu Karamba Diaby auf Seite 1. (Dazu muss auch noch sagen, dass nur die aktuellen Zahlen aus Nordrhein-Westfalen die These „immer schlimmer“ nicht stützen beziehungsweise gar nicht stützen können: Sie wurden zum ersten Mal erhoben, Vergleichswerte aus den Vorjahren gibt es nicht. Außerdem heißt „Messerstraftaten“ nicht, dass es sich automatisch um „Messer-Gewalt“ im Sinne von Gewaltdelikten handelt.)

In der auf der Titelseite angekündigten „großen Sondersendung bei Bild.de“ hat die Redaktion es dann leider nicht geschafft, die zwei Nachrichten, die nichts miteinander zu tun haben, auseinanderzuhalten. Auf einmal meldet „BILD LIVE“, dass es eine „Messer-Attacke auf SPD-Politiker Karamba Diaby“ gegeben habe:

Screenshot Bild.de - Willkommen zu Bild live - Messer-Attacke auf SPD-Politiker Karamba Diaby - 6827 Messer-Taten in NRW 2019

Was kann schon schiefgehen, wenn „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt seine TV-Pläne erfolgreich umsetzen sollte und mit dieser grottenschlechten Berichterstattung 40 Millionen Menschen erreicht?

Mit Dank an @papalaeuft, @BehluelCevikel und @BergChris1 für die Hinweis!

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Der Unfall von Südtirol, die fehlende Korrektur und die „journalistische Aufrichtigkeit“ der „Bild“-Zeitung

Wofür in der „Bild“-Ausgabe von heute unter anderem Platz war:

  • „Schluck! DEUTSCHES BIER WIRD TEURER“ — der größte deutsche Bierhersteller hebt die Preise für Fassbier an
  • die Gewinnquoten beim Lotto
  • einen Leserbrief zum möglicherweise drohenden Aus des „Tatort“ mit Til Schweiger: „Bitte ARD, keinen Cent mehr für solchen Filmschrott ausgeben.“
  • Franz Josef Wagners Geschreibsel an Oliver Kahn
  • „IHR HOROSKOP“ für den 8. Januar
  • „Die traurige Wahrheit“ hinter der Liebe zwischen „Dianas Nichte“ und einem „Mode-Millionär“
  • „Schluss mit Blond“: „TV-Star Christine Neubauer (57) färbt ihre Haare nicht mehr blond.“
  • die Kinder des dänischen Kronprinzenpaars „pauken jetzt in der Schweiz“
  • Sidos Ehefrau Charlotte Würdig will ihrem Mann helfen, von einer Nasenspray-Sucht wegzukommen
  • die „Playboy“-Fotos von Laura Müller, der Freundin des Wendlers
  • „Frau trocknet nasses Telefon in Mikrowelle“
  • „HITLER-DOUBLE WILL IN MÜNCHEN AUFTRETEN“
  • „Rentnerin hatte Granate als Deko“

Wofür in der „Bild“-Ausgabe von heute kein Platz war:

  • eine Bitte um Entschuldigung oder wenigstens eine Korrektur, dass die Redaktion gestern auf ihrer Titelseite ein unvepixeltes Foto einer Frau gezeigt hat, die laut „Bild“ bei einem Unfall in Südtirol ums Leben gekommen sein soll — die aber in Wirklichkeit überhaupt nichts mit dem Unfall zu tun hat, die nicht mal in Südtirol war und die vor allem: lebt.

„Bild“-Chef Julian Reichelt sagte mal über sich selbst:

Es fällt mir grundsätzlich leicht, mich zu entschuldigen, wenn wir Fehler gemacht haben. Es ist aber nicht so, dass ich mich über Entschuldigungen freue, gar nicht. Ich glaube aber, dass sie ein wichtiger Teil der journalistischen Aufrichtigkeit und Ausdruck unserer proaktiven Kommunikation sind.

Und Springer-Chef Mathias Döpfner lobte mal die angeblich so „tolle“ Fehler-Kultur bei „Bild“:

Und was ich toll finde: Dass Julian Reichelt, wenn er Fehler macht, sich dafür entschuldigt und sofort Transparenz herstellt.

„Bild“ berichtet über den Unfall in Südtirol: „HABT IHR SIE NOCH ALLE?“

Die „Bild“-Medien berichten seit einigen Tagen ausgiebig über einen Unfall in Südtirol, bei dem sieben Menschen starben, und der Fahrer stark alkoholisiert war. Dabei läuft sehr vieles sehr schief.

***

Auf der heutigen „Bild“-Titelseite zeigt die Redaktion Fotos der Opfer und des Unfallfahrers:

Ausriss Bild-Titelseite - Horror-Unfall in Südtirol - Die jungen Leben zerstörte der Totraser - Und dieses Auto machte er zur Waffe

Die Unkenntlichmachung bei drei der Opfer und beim Fahrer stammt von uns, die beim Opfer ganz rechts stammt von „Bild“ (dazu später mehr). Das zweite Opferfoto von links, das „Bild“ heute auf Seite 1 und auf Seite 3 unverpixelt zeigt und das auch bei Bild.de auf der Startseite unverpixelt zu sehen war, zeigt allerdings eine Frau, die mit dem Unfall rein gar nichts zu tun hat. Sie war nicht in Südtirol und vor allem: sie lebt.

Gestern Abend schrieb sie bei Facebook (nur für Freunde öffentlich zu sehen):

LIEBE BILD? Wie kann das passieren? Ich bin am Leben und es wird wahllos ein Bild vor gefühlt 8 Jahren ins Netz gestellt obwohl ich nicht betroffen bin? HABT IHR SIE NOCH ALLE? schlimm genug dass ihr mit der Story Kohle verdient!

Bild.de hat das Foto inzwischen ausgetauscht und zeigt nun zum selben Opfernamen ein unverpixeltes Foto einer anderen Frau. Im „Bild“-E-Paper war das Foto noch lange zu sehen. Inzwischen sind auch dort die Fotos auf der Titelseite und auf Seite 3 ausgetauscht. An Tankstellen, in Bäckereien und an Kiosken liegen hingegen weiter Hunderttausende „Bild“-Exemplare aus, auf deren Titelseiten eine lebende Frau mit unverpixeltem Foto für tot erklärt wird.

Wir haben bei „Bild“-Sprecher Christian Senft nachgefragt, wie es zu dem Fehler kommen konnte. Er hat uns bisher nicht geantwortet.

***

Die „Bild“-Medien zeigen Fotos von vier weiteren Personen, bei denen es sich um Menschen handeln soll, die bei dem Unfall gestorben sind. Als Quellenangabe gibt die Redaktion für alle „PRIVAT“ an, was nichts anderes heißen dürfte als: Bei Facebook oder Instagram per rechter Maustaste zusammengeklaubt.

Außerdem geht „Bild“ sehr unterschiedlich bei der Unkenntlichmachung vor: Manche Fotos sind verpixelt, andere nicht. Bei den zwei Personen, die verpixelt sind, steht in den Bildunterschriften:

Ausriss Bild-Zeitung - Auf Wunsch der Eltern hat Bild sein Foto verpixelt und Auf Wunsch der Familie hat Bild das Foto verpixelt
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Eines der Fotos zeigt einen Mann, das andere eine Frau. Bei dem Mann ist die „Bild“-Redaktion ziemlich inkonsequent: Im Blatt ist sein Gesicht entsprechend der Bildunterschrift verpixelt, auf der Titelseite hingegen nicht — zumindest in der E-Paper-Ausgabe. Bei der gedruckten „Bild“ ist sein Gesicht zumindest in Berlin auch auf der Titelseite verpixelt. Nachdem wir „Bild“-Sprecher Senft in unserer Mail auf die fehlende Verpixelung auf Seite 1 aufmerksam gemacht haben, hat die Redaktion es auch im E-Paper überall verpixelt.

Wir wollten von Christian Senft wissen, ob „Bild“ und Bild.de bei den Eltern aller Opfer nachgefragt hat, ob diese mit einer Foto-Veröffentlichung — gepixelt oder ungepixelt — einverstanden sind. Er hat uns bisher nicht auf unsere Frage geantwortet.

Und wir haben Senft gefragt, ob „Bild“ die Eltern und Familien, die in den Bildunterschriften erwähnt werden, vor der Veröffentlichung der Fotos gefragt hat, ob das verpixelte Zeigen ihres Kindes für sie in Ordnung ist — oder ob diese sich bei „Bild“ melden mussten, nachdem die Redaktion die Fotos bereits unverpixelt veröffentlicht hatte, um wenigstens noch die Verpixelung zu erreichen.

Auch darauf hat Christian Senft nicht geantwortet. Es spricht aber vieles dafür, dass die Familien intervenieren mussten, damit die Fotos ihrer Kinder nachträglich verpixelt werden: Der oben bereits erwähnte Mann, dessen Foto die „Bild“-Medien „auf Wunsch der Eltern“ verpixelt haben, war gestern Nachmittag noch ohne Unkenntlichmachung auf der Bild.de-Startseite zu sehen:

Screenshot Bild.de - Suff-Fahrer raste J. in den Tod
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Entweder haben die Eltern sich umentschieden (erst unverpixelt in Ordnung, dann nur verpixelt in Ordnung). Oder die „Bild“-Redaktion hat einfach, ohne zu fragen, das Foto unverpixelt veröffentlicht, und die Eltern mussten aktiv werden.

Ganz ähnlich bei der Frau, deren Foto „Bild“ „auf Wunsch der Familie“ verpixelt hat: Anfangs war ein Foto, das sie zeigt, bei Bild.de verpixelt, dann nicht mehr und nun wieder.

***

Wir haben „Bild“-Sprecher Senft gefragt, ob die Eltern und Familien der Opfer, deren Fotos nicht verpixelt sind, einer unverpixelten Veröffentlichung zugestimmt haben, oder ob sie sich bisher einfach nicht gegen die unverpixelte Veröffentlichung gewehrt haben. Auch darauf bekamen wir keine Antwort.

Die Veröffentlichung des Fotos der Frau, die „Bild“ fälschlicherweise für tot erklärt hat, spricht dafür, dass die „Bild“-Medien niemanden vorher gefragt haben — denn wer stimmt schon einer (unverpixelten) Veröffentlichung zu, wenn man überhaupt nichts mit dem Fall zu tun hat?

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Viele Beiträge zum Thema hat Bild.de hinter die Paywall gestellt. So auch diesen „MIT VIDEO“:

Screenshot Bild.de - Um 16.55 Uhr postete J. noch ein Video aus dem Hexenkessel - Knapp neun Stunden später war sie tot
(Unkenntlichmachung des Namens und der Person in der Mitte durch uns. Unkenntlichmachung der beiden Personen außen durch Bild.de.)

Nicht nur, dass die Redaktion sich private Videoaufnahmen einer verstorbenen Person besorgt — sie versucht dann auch noch, damit ein paar Abos zu verkaufen und Geld zu machen.

***

Um an Informationen zu kommen, scheinen die „Bild“-Medien nicht nur die Profile der Opfer in den Sozialen Netzwerken zu durchforsten — offenbar behelligen sie auch deren Familien. Bei Reddit schreibt ein User:

Heute hab ich plötzlich eine Nachricht von einer Freundin bekommen, dass eines der Opfer der Bruder ihres Freundes ist. Ich kannte den verstorbenen Bruder nicht persönlich, aber dafür ihren Freund und war auch wenn ich nicht viel mit ihm zutun habe zutiefst geschockt.

Was mir allerdings dann erzählt wurde lässt mir echt den Kragen platzen. Anscheinend haben irgendwelche fuckig Reporter von der Bildzeitung wie auch immer herausgefunden, wo die Angehörigen des verstorbenen wohnen und noch am selben Tag angeschellt, die Familie bedrängt und nach einem Interview gefragt. Wie kann man so fucking dreist sein? Man kriegt die Nachricht von der Polizei, dass dein Sohn/Bruder gestorben ist und am selben Tag kommt die scheiß Bildzeitung zu dir nach Hause und fragt nach einem Interview, damit sie aus der Tragödie anderer Menschen Material für ihre scheiß Titelseite haben um Leute zu ködern ihre scheiß Zeitung zu kaufen?

Außerdem haben uns mehrere BILDblog-Leserinnen und -Leser geschrieben, dass sie Verwandte der Opfer kennen. Sie alle sagen, dass die Berichterstattung der „Bild“-Medien für die Familien nur schwer zu ertragen sei.

***

Neben den Fotos der Opfer veröffentlichen „Bild“ und Bild.de auch mehrere unverpixelte Fotos des Unfallfahrers. Online ist sein Gesicht seit mehreren Tagen durchgängig auf der Startseite zu sehen. Dass der Mann derzeit „als psychisch nicht stabil gilt“, berichten die „Bild“-Medien zwar; ein Grund, seine Fotos nur verpixelt zu zeigen, ist das für sie aber offensichtlich nicht. In einem Video zeigte Bild.de sogar eine unverpixelte Aufnahme, während ein Reporter erzählt, dass der Mann gerade in eine psychiatrische Einrichtung eingeliefert wurde.

Wir haben den „Bild“-Sprecher gefragt, ob die Redaktion eine Erlaubnis des Mannes hat, seine Fotos ohne Unkenntlichmachung zu zeigen. Christian Senft hat darauf nicht geantwortet.

***

„Bild“ und Bild.de hauen alles zu dem Fall raus, was sie in die Finger bekommen. Zwei Titelseiten sind zu dem Unfall in Südtirol schon erschienen, im Blatt zwei Doppelseiten, weit mehr als ein Dutzend Artikel bei Bild.de und dazu online mehrere Live-Sendungen. Es wirkt ein bisschen wie ein weiterer Probelauf für den geplanten „Bild“-TV-Sender: Wie groß können alle „Bild“-Kanäle auf einmal ein Thema machen?

Dafür sind 14 (!) Autorinnen und Autoren im Einsatz. Mit ihrer Arbeit sorgen sie dafür, dass Familien, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben, sich in ihrer Trauer auch darum kümmern müssen, dass das Schicksal ihres Kindes, ihres Bruders oder ihrer Schwester nicht gnadenlos von einer Boulevardredaktion ausgeschlachtet wird.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 8. Januar: Von „Bild“-Sprecher Christian Senft haben wir nach wie vor keine Antworten auf unsere Fragen bekommen. „DWDL“ hat er heute allerdings geantwortet:

Gegenüber DWDL.de äußerte sich Springer-Sprecher Christian Senft am Mittwoch jedoch zu der Foto-Panne: „Aufgrund eines bedauerlichen Fehlers in der Herstellung ist bei der umfassenden Berichterstattung von ‚Bild‘ zum tragischen Unfall in Südtirol in der gedruckten Zeitung ein falsches Foto für eines der Unfallopfer erschienen. Wir haben dafür bei der betroffenen Familie um Entschuldigung gebeten und das Foto online sowie im E-Paper sofort ausgetauscht. Insofern uns die Familien darum gebeten haben, wurden die Fotos der Opfer bei der Berichterstattung verpixelt.“

Eine Antwort auf die Frage, weshalb sich „Bild“ überhaupt dazu entschlossen hat, Fotos der Opfer unverpixelt zu drucken, gab es nicht.

Nachtrag, 9. Januar: Für eine Bitte um Entschuldigung oder wenigstens eine Korrektur, dass die Redaktion eine falsche Person für tot erklärt hat, war in „Bild“ bisher leider kein Platz.

Bringt Julian Reichelt die Familien der TV-Köche in Gefahr?

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Bei dieser wortspielreichen Geschichte von „Bild“ und Bild.de müssten bei Chefredakteur Julian Reichelt eigentlich alle Alarmglocken läuten. Denn nach dessen Logik bringt die öffentliche Schätzung des Gehalts einer Person ja deren Familie in Gefahr — zumindest sieht es Reichelt so, wenn es um ihn selbst geht. Bekanntermaßen wollte er nicht, dass sein Einkommen geschätzt wird, als das Medienmagazin „kress pro“ zu Gehältern von Chefredakteuren recherchierte.

Allerdings scheint Julian Reichelt nur bei sich selbst so strikt sein zu wollen, auf jeden Fall nicht bei Fernsehköchen. Und so sind laut der Reicheltschen Logik nun Tim Mälzers, Frank Rosins und Jamie Olivers Familien in Gefahr.

Ein Glück, dass die „Bild“-Medien nur bei den dreien in der Lage waren, Gehalt beziehungsweise Vermögen zu recherchieren. Alle anderen Zahlen, die die Redaktion nennt, sind lediglich vage Schätzungen von Gagen. Die Familien der restlichen Fernsehköche, die sich „reich gekocht“ haben, wie „Bild“ schreibt, können also erstmal aufatmen.

Wen Julian Reichelt nach Julian-Reichelt-Logik sonst noch in Gefahr gebracht haben könnte:

Mit Dank an Tony und @8menschlich für die Hinweise!

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