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„Sex-Mobbing, Nazi-Sprüche, Sauf-Exzesse, Ekel-Attacken“: Axel Springer muss 110.000 Euro zahlen

Die Zerstörung kam in vier Akten. Im September 2016 veröffentlichte die Frankfurt-Ausgabe der „Bild“-Zeitung eine Artikelserie über einen Mann, der in der Stadtverwaltung einer hessischen Gemeinde arbeitet. Innerhalb weniger Tage entlud die Zeitung dabei ihre geballte, existenzzerschmetternde Kraft und machte aus dem Fachbereichsleiter ein alkoholsüchtiges, perverses, menschenverachtendes Scheusal.

In vier aufeinanderfolgenden Ausgaben präsentierte „Bild“ den Mann groß auf der Aufmacherseite des Regionalteils – zusammen mit den unfassbaren Vorwürfen, die gegen ihn erhoben wurden: Dinge, die er gesagt und getan haben soll, die, so „Bild“, „an Menschenverachtung kaum noch zu überbieten sind“. Seine Untergebenen soll er „bis zum Zusammenbruch gequält haben“, schrieb „Bild“, es gehe um „SEX-MOBBING, NAZI-SPRÜCHE, SAUF-EXZESSE, EKEL-ATTACKEN!“ Womöglich sei der Mann „der schlimmste Vorgesetzte Deutschlands“. Was aber noch schlimmer ist: Inzwischen wurde gerichtlich festgestellt, dass nichts davon stimmte.

Den ersten Teil der Anschuldigungen veröffentlichten „Bild Frankfurt“ und Bild.de am 16. September. Der Vorwurf: Sex-Mobbing.

Große Schlagzeile auf der Aufmacherseite des Frankfurter Regionalteils: SEX-MOBBING-VORWÜRFE gegen [von uns unkenntlich gemacht]
(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

Unter anderem, heißt es dort, soll der Mann durch die Büroräume gebrüllt haben, die Mitarbeiterinnen seien „blöde Fotzen und Schlampen“ bzw. „dreckige Nutten“, die ihm „mal einen blasen“ sollen oder „eine Drecksau im Bett“ seien. Über fremde Frauen habe er gesagt, sie seien „schwarze, fette Schlampen, die beim Vögeln stinken“.

Am Tag darauf der nächste Teil: „Erschreckende Alkohol-Exzesse“.

Große Schlagzeile auf der Aufmacherseite des Frankfurter Regionalteils: Schlimme Vorwürfe gegen [...] - SUFF-EXZESSE im [...] Rathaus

Der Mann habe im Büro bereits vormittags Portwein getrunken und sei gegen 15 Uhr „nur noch schwankend über den Flur“ getreten. Offenbar habe er sich „alkoholbedingt nicht mehr unter Kontrolle“, bisweilen sei er so betrunken gewesen, „dass er gestützt und sogar mindestens einmal getragen werden musste“.

In der nächsten Ausgabe: „Nazi-Vorwürfe“.

Große Schlagzeile auf der Aufmacherseite des Frankfurter Regionalteils: Schlimme NAZI-VORWÜRFE gegen [...]

Der Mann habe unter anderem gesagt, dass es ihn „ankotzt, dass er sich um die Scheiß-Integrationskinder in den Kitas kümmern muss, früher wären die alle ins KZ gekommen, da hätte sich das alles von alleine erledigt.“ Eine kleinwüchsige Mitarbeiterin soll er als „Mongo“ bezeichnet und gesagt haben, dass „diese Krüppel im KZ vergast werden sollen“. Er habe der Frau geraten, sie solle ihr Kind doch „in ein Heim geben oder noch besser an die Zigeuner verkaufen, die suchten Kinder“. Mindestens dreimal wöchentlich habe er durch den Flur gebrüllt: „Hätte der Alte beim Ficken mal auf den Herd gespritzt, dann würde es diesen Krüppel nicht geben“.

In der nächsten Ausgabe: „Ekel-Vorwürfe“.

Große Schlagzeile im Frankfurter Regionalteil: EKEL-VORWÜRFE gegen [...]

Der Mann habe „immer wieder von ‚Blasen‘ und ‚Lecken’“ erzählt und gesagt, „ihm gehe gleich einer ab“. Am Tisch einer Mitarbeiterin habe er eine Salami gegessen, und weil er mit vollem Mund sprach, sei sie herausgefallen, da habe er sie wieder aufgehoben und erneut gegessen. Er habe eine Mitarbeiterin angerülpst und gefragt, was er gegessen hätte. Er habe von „Sauffreunden“ erzählt, die sich „in die Hose geschissen“ oder „über den Tresen gekotzt“ hätten. Er habe von einem anstehenden Swinger-Wochenende erzählt, „bei dem er das ganze Wochenende ‚vögeln‘ würde“. Immer wieder habe er sich „Grind von seinem Hinterkopf“ gekratzt und sich „diesen in seinen Mund“ gesteckt.

Wahnsinn.

Nun müsste man angesichts der Schwere dieser Vorwürfe eigentlich erwarten, dass Journalisten, die sie verbreiten, die Sache gründlichst recherchieren. Dass sie verschiedene Zeugen befragen, dass sie Beweise sammeln, dass sie wenigstens den Beschuldigten zu Wort kommen lassen. Doch „Bild“ tat nichts davon.

Für alle vier Artikel, für all die furchtbaren Vorwürfe gab es nur eine einzige Quelle: das „Mobbingtagebuch“ einer ehemaligen Mitarbeiterin des Mannes. Die hatte die Stadt wenige Wochen zuvor auf Schmerzensgeld verklagt und behauptet, der Fachbereichsleiter habe sie gedemütigt und gemobbt. Die angeblichen Übergriffe des Mannes hatte sie in jenem „Mobbingtagebuch“ festgehalten. Die „Bild“-Redaktion bekam Wind davon und machte daraus kurzerhand eine vierteilige Artikelserie, in der sie weite Teile des Tagebuchs ungeprüft abschrieb. Das „Sex-Mobbing“, die „Suff-Exzesse“, die „Nazi-Sprüche“, die „Ekel-Attacken“ – sie alle beruhten allein auf den Behauptungen der ehemaligen Mitarbeiterin. Der beschuldigte Mann selbst sei „nicht zu erreichen“ gewesen, schrieb „Bild“ damals.

Fast drei Jahre ist das nun her.

Vor Kurzem hat das Landgericht Frankfurt den Axel-Springer-Verlag wegen der Berichterstattung in vier separaten Verfahren verurteilt: Insgesamt muss der Verlag dem Mann bemerkenswerte 110.000 Euro Geldentschädigung zahlen. Die „Bild“-Medien hätten mit ihren Artikeln „in schwerwiegender Art und Weise gegen die Grundsätze der Verdachtsberichterstattung“ und die ihnen „obliegenden journalistischen Sorgfaltspflichten verstoßen“, stellte das Gericht fest.

Während der Prozesse hatten die Richter noch viele weitere Zeugen befragt und kamen zu dem Schluss, dass die Behauptungen der ehemaligen Mitarbeiterin unwahr seien: Ihre Vorwürfe seien „durch eine Vielzahl von Zeugen glaubhaft widerlegt worden“. Die Kammer sei von der „Unglaubwürdigkeit“ der Mitarbeiterin und der „Unglaubhaftigkeit ihrer gesamten Aussage“ überzeugt.

Die Beweislast lag in diesen Fällen bei „Bild“, das heißt, die Zeitung hätte belegen müssen, dass die Vorwürfe wahr sind. Doch das konnte sie nicht. Sönke Schulenburg, einer der beiden Autoren, räumte vor Gericht sogar ein, dass er vor der Veröffentlichung weder mit der Mitarbeiterin noch mit dem Beschuldigten gesprochen habe. Er habe versucht, den Mann telefonisch zu erreichen und sei zu seinem Wohnhaus gefahren, jedoch erfolglos. Allerdings war der Mann zu dieser Zeit im Urlaub, was Schulenburg, so das Gericht, auch wusste. Seine Bemühungen seien demnach „nicht ausreichend“ gewesen. Außerdem sei er „nur wenige Stunden vor der Veröffentlichung“ des ersten Artikels zum Haus des Mannes gefahren, darum sei fraglich, ob diese Frist überhaupt ausgereicht hätte.

Bemerkenswert übrigens auch die Argumentation der Springer-Anwälte: Das Schweigen des Mannes sei ein gewichtiges Indiz dafür, dass die Vorwürfe zutreffend seien.

In ihrem Urteil folgten die Richter jedoch größtenteils der Argumentation von Felix Damm, dem Anwalt des Mannes. Der spricht auf unsere Anfrage von einem „vernichtenden Feldzug“ der „Bild“-Medien:

An vier aufeinanderfolgenden Werktagen wurde unser Mandant in der Region, in der er lebt und arbeitet, ungeprüft und nicht im Ansatz verifiziert, durch Axel Springer als saufendes, pöbelndes Sex- und Nazi-Ekelpaket diffamiert und wie eine Sau durchs Dorf getrieben. Sein Name wurde genannt, sein Bildnis wurde gezeigt. Diese Rücksichtslosigkeit war schon erschreckend.

Der Verlag hat nun die Möglichkeit, Berufung einzulegen.

Bei Bild.de sind die vier Artikel nach wie vor online.

Pressemitteilungen (inklusive der Urteile) der Kanzlei Damm Ettig:

Noch so’n Spruch – doch kein Kieferbruch!

„Bild“ hat ihn gefunden:

Screenshot Bild.de - Rammstein-Rocker schlägt Hotelgast - Diesen Anwalt hat Lindemann vermöbelt

In einem Münchner Hotel soll Rammstein-Sänger Till Lindemann einen Mann („DIESEN Anwalt“) angegriffen und verletzt haben. Die Schilderungen, wie es dazu kam, gehen auseinander: Die eine Seite sagt, der später Verletzte habe eine Frau, die mit Lindemann in der Hotelbar saß, zumindest indirekt als Prostituierte bezeichnet, woraufhin Lindemann eine Entschuldigung forderte, woraufhin das spätere Opfer mit geballten Fäusten vorschlug, nach draußen zu gehen, woraufhin Lindemann ihm mit dem Ellenbogen ins Gesicht geschlagen haben soll. „DIESER Anwalt“ namens Bernd Roloff sagt hingegen, dass es von ihm keine Beleidigung, keine geballten Fäuste und auch keine Aufforderung, nach draußen zu gehen, gegeben habe. Aber wie das auch immer gewesen sein mag — eines steht laut „Bild“-Autor Stephan Kürthy fest: Einen Kieferbruch, neenee, den hat’s nicht gegeben:

Die Behauptung, Roloff hätte einen Kieferbruch erlitten, stimmte nicht. Roloff: „Ich habe eine Lippe, die genäht werden musste, ein Hämatom am Kopf, ein Hämatom am rechten Arm und am rechten Bein.“

Ja, diese „Behauptung“ mit dem Kieferbruch hat ja wirklich gut die Runde gemacht. Von wem stammte die eigentlich? Ah, hier, von Stephan Kürthy und zwei „Bild“-Kollegen:

Laut BILD-Informationen erlitt er einen Kieferbruch.

Und damit diese exklusive „BILD-Informationen“ auch jeder mitbekommt, hat die Redaktion das Ganze noch als Tatsache auf der Bild.de-Startseite …

Screenshot Bild.de - Nachts im Hotel in München - Rammstein-Sänger bricht Hotelgast den Kiefer

… und groß in „Bild“ präsentiert:

Ausriss Bild-Zeitung - Es ging um eine Frau: Rammstein-Sänger schlägt Hotelgast nieder - Kieferbruch nach Ellbogencheck

Da sie sich bei Bild.de offenbar nicht dafür interessieren, was so auf ihrer Seite steht, ist der „Bild plus“-Artikel zum vermeintlichen Kieferbruch selbstverständlich weiter unverändert online.

Mit Dank an MS4 für den Hinweis!

Nachtrag, 17. Juni: Die Bild.de-Redaktion hat reagiert und ihren Artikel gleich an mehreren Stellen geändert. Die Überschrift lautet nun:

Rammstein-Sänger prügelt Hotel-Gast nieder

Der Satz „Laut BILD-Informationen erlitt er einen Kieferbruch.“ ist komplett verschwunden. Dafür findet man am Ende des Textes jetzt folgenden Absatz:

In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass Lindemann dem Hotel-Gast den Kiefer brach. Diese Behauptungen stimmten nicht. Der Hotel-Gast musste nach eigenen Angaben an der Lippe genäht werden und erlitt mehrere Hämatome am Kopf, Arm und Bein.

„Bild“-Leser wollen Florian Silbereisen als Kanzler

… jedenfalls sagten das die zwei Hansel mit „Bild“-Zeitung unterm Arm, die wir heute am Kiosk auf das Thema angesprochen haben. Und so funktioniert das ja auch bei den „Bild“-Medien mit den Überschriften:

Screenshot Bild.de - Überraschender Vorschlag für Nahles-Nachfolge - Bayern-Genossen wollen Sarrazin als SPD-Chef

Da hat „Bild“-Chefreporter Peter Tiede unter den rund 438.000 SPD-Mitgliedern doch tatsächlich ein paar gefunden, die sich Thilo Sarrazin als neuen SPD-Vorsitzenden vorstellen können und, zack, wird das bei Bild.de und in „Bild“ zur Story. Wie groß die „Gruppe bayerischer SPD-Mitglieder“ ist, die angeblich „Sarrazin als SPD-Chef“ will, und wer die „Bayern-Genossen“ überhaupt sind, die für die „Überraschung“ „im Streit um die Nachfolge von Ex-SPD-Chefin Andrea Nahles“ sorgen, konkretisiert Tiede nicht.

Dafür gab es aber direkt klare Dementis von der bayerischen SPD. Die Landesvorsitzende Natascha Kohnen sagte dem Bayerischen Rundfunk: „Ich kenne niemanden, der das fordert, und für mich ist das undenkbar“. Horst Arnold, SPD-Fraktionsvorsitzender im bayerischen Landtag, sprach von einem „misslungenen Satirebeitrag“. Klaus Adelt, Vize der Landtagsfraktion, sagte, er habe „Fragezeichen hoch drei“ und kenne auch niemanden, der Sarrazin als SPD-Chef will. Der bayerische Bundestagsabgeordnete Florian Post sprach von einer „völligen Blödsinnsidee“. Und die Partei vermutete den „Postillon“ oder die „Titanic“ als Quelle für die „Bild“-Geschichte. Diese „Bayern-Genossen“ hat Peter Tiede offensichtlich nicht befragt bei seiner Recherche.

Nachdem unter anderem die „Bild“-Medien Thilo Sarrazin vor Jahren großgeschrieben haben, bringen sie ihn jetzt also als SPD-Chef ins Spiel. Peter Tiede ist mit seinem Text bei den entsprechenden Kreisen auf jeden Fall schon mal auf Interesse gestoßen: Facebook-Gruppen wie „Bekenntnis zu Deutschland II“ („Hätte Charme!“), „Widerstand Bischofswerda“ („Ich kann mich noch genau erinnern wie sie ihn versucht haben fertig zu machen und aus der Partei zu ekeln.“) und „Kameradschaft Deutscher Nationen“ haben seinen Artikel geteilt. Die „Achse des Guten“ sieht sich bestätigt: „Vor vier Tagen hat Thilo Sarrazin auf Achgut.com beschrieben, was er als SPD-Vorsitzender jetzt tun würde, jetzt nimmt die Sache irgendwie Schwung auf.“ Auch „Epoch Times“ springt auf das Thema auf: „Bayern sorgt für Überraschung: Sarrazin soll neuer SPD-Chef werden“. Und „Compact“ schreibt über „Messias“ Sarrazin: „Nanu, was ist denn das? Es ist doch gar nicht Karneval. Die SPD sucht einen neuen Chef und nun soll es Thilo Sarrazin richten.“

Dass das alles — genau wie die Sache mit Florian Silbereisen als Wunschkanzler der „Bild“-Leser — ziemlich dünn ist, interessiert da schon längst nicht mehr.

Mit Dank an @RoterMaxEike und @greenyosh_17 für die Hinweise!

Den Schuss nicht gehört, den Rumms umso lauter

In Dänemark fand vorgestern die Parlamentswahl statt, oder wie Bild.de schreibt:

Rumss-Wahl in Dänemark

Auch vor der Europawahl neulich hatte Bild.de verkündet:

Das wird eine fürchterliche RUMMS-Wahl!

Und auch sonst macht es derzeit wahlenmäßig bei den „Bild“-Medien vor allem eines:

RUMMS! Diese Woche gibt es einen klaren Gewinner
Rumms-Umfrage schockt SPD
Bei diesen Parteien macht es richtig RUMMS
Heute macht es RUMMS in Bayern
So sieht Deutschland nach dem Rechts-RUMMS aus
Droht jetzt ein neuer Europa-Rumms?
Endlich mal RAUF statt RUMMS
Droht ein Rechts-Rumms bei der Europa-Wahl?
In Brandenburg droht ein Rechts-Rumms
Wo der Rechts-Rumm am schlimmsten wird
Rezo-Rumms für die CDU

Bei „Bild“ rummst es aber nicht nur bei Wahlen, sondern … überall.

Wenn Prinz Philip einen Unfall hat:

Schlagzeile: Rumms!

Wenn Uli Hoeneß einen Spieler kritisiert:

Textauszug: RUMMS!

Wenn Franck Ribéry seine Kritiker beleidigt:

Textauszug: RUMMS!

Wenn Tony Marshall über Otto meckert:

Textauszug: RUMMS!

Wenn ein Paar beim Sex im Auto einen Unfall baut:

Schlagzeile: ER (70) und SIE (34) machten erst bums, dann rumms

Wenn eine Terrasse in eine Hofeinfahrt kracht:

Schlagzeile: RUMMS! Terrasse kracht in Hofeinfahrt

Wenn Henning Baum ein Auto schrammt:

Schlagzeile: Henning Baum - Mit nem Rummms zurück

Wenn eine „Tatort“-Kommissarin eine Ohrfeige austeilt:

Schlagzeile: RUMMS! Hier schlägt die neue Tatort-Kommissarin zu

Wenn der FC Bayern München nicht den gewünschten Trainer bekommt:

Textauszug: Rumms!

Wenn eine Hollywood-Schauspielerin einer Kollegin etwas Böses auf Instagram schreibt:

Textauszug: Rumms!

Wenn ein Hund einen Herd einschaltet:

Schlagzeile: Hund schaltet Herd ein - Explosion! - Rrrrumms!

Wenn was auch immer passiert, bei „Bild“ macht es:

Schlagzeile: Rumms, da war das Auto FORD!
Schlagzeile: RUMMS! Neuer Griechen-Chef schockt Finanzwelt
Schlagzeile: Waschen, Schneiden, Rumms!
Schlagzeile: Hilfe, wir wohnen in der Rumms-Bumms-Straße
Schlagzeile: Rumms mit Pep!
Schlagzeile: Rumms-Raub im Goldstübchen
Schlagzeile: Das Rumms-Mobil der besoffenen Bulgaren
Schlagzeile: RUMMS! SEK stürmt falsche Wohnung
Schlagzeile: Ganz Berlin hat einen Rumms!
Schlagzeile: Video: hier macht es Rumms beim Rocker-Boss
Schlagzeile: Nach schwül kommt RUMMS!
Schlagzeile: Rumms, Bumms, KUNST!
Schlagzeile: Rummms! Der BILD-Party-Hammer
Schlagzeile: Herr Lehmann, wann macht es wieder RUMMS?
Schlagzeile: Wo ist die Beute der RUMMS-RÄUBER?
Schlagzeile: Fahrschüler rasselt mit RUMMS durch Prüfung!
Schlagzeile: Die bittere Wahrheit über diesen Rumms
Schlagzeile: Beim Rollator-Rumms hat es gefunkt
Schlagzeile: Monis Rumms-Bumms-Rache
Schlagzeile: Rumms! Rams-Rambo rammt sich zum Blitz-Touchdown

Welches Geräusch es macht, wenn der Kopf eines BILDbloggers bei einer solchen Recherche auf der Tischplatte landet? Richtig.

„Bild“ schickt Bundeswehr in den Zweiten Weltkrieg

Vor 75 Jahren sind die Alliierten in der Normandie gelandet. Die komplette letzte Seite der heutigen „Bild“-Ausgabe dreht sich um den D-Day am 6. Juni 1944. Um den Leserinnen und Lesern noch mal zu erklären, wie viele Soldaten wo genau an der französischen Küste angekommen und auf wen die Briten und US-Amerikaner und Kanadier getroffen sind, hat die Redaktion diese Grafik dazugestellt:

Ausriss Bild-Zeitung - Grafik der Küste der Normandie mit den verschiedenen Strandabschnitten und Pfeilen, welche Einheiten wo gelandet sind
(Hier klicken für eine größere Version.)

Das ist für „Bild“-Verhältnisse eine bemerkenswerte Detailliebe: Die Redaktion hat für Kanada extra die alte Flagge des Landes rausgesucht.

Das Symbol, das „Bild“ und auch Bild.de stellvertretend für die deutschen Soldaten zeigen, ist hingegen, nun ja, überraschend: Es zeigt nicht etwa das Balkenkreuz, das die Wehrmacht verwendete, sondern das Tatzenkreuz, das die Bundeswehr verwendet. Die Nutzung dieses „Erkennungszeichens“ hatte Bundespräsident Theodor Heuss am 1. Oktober 1956 angeordnet.

Mit Dank an Marco B. für den Hinweis!

Nachtrag, 16. Juni: Da loben wir die „Bild“-Redaktion noch, dass sie sich die Mühe macht und die alte Flagge Kanadas raussucht, und dann schludert sie bei der Flagge der USA. Denn die Version, die in „Bild“ zu sehen war …

Ausriss Bild-Zeitung - Großaufnahme der Flagge der USA, die in der Bild-Grafik gezeigt wird

… hat 50 Sterne (müsst ihr nicht extra nachzählen — haben wir schon gemacht). Die Siegesflagge der US-Armee sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg, die Old Glory Flag, hatte allerdings nur 48 Sterne. Erst seit dem 4. Juli 1960 hat die US-Flagge 50 Sterne, nachdem, nach Alaska als Bundesstaat Nummer 49, auch Hawaii als Bundesstaat Nummer 50 als Stern darauf hinzukam.

Mit Dank an @mountainman1977, @Bayern1932, @JornEngbers und @presroi für die Hinweise!

Was Grüne und AfD und alle anderen gemeinsam haben

In der „Bild“-Zeitung gab es am Dienstag einen bemerkenswerten Vergleich:

Ausriss Bild-Zeitung - Mit Gefühlen zum Erfolg - Was Grüne und AfD gemeinsam haben

WIE sie für ihre Themen kämpfen, WIE sie den Gegner attackieren und WIE sie in bestimmten Teilen Deutschlands von der GroKo-Müdigkeit profitieren — das haben beide Parteien gemeinsam. Vor allem die Betonung von GEFÜHLEN.

Damit ihre These irgendwie passt, greifen die „Bild“-Autoren Nikolaus Blome und Florian Kain zu fragwürdigen Mitteln. Zum Beispiel beim Punkt „WIE sie den Gegner attackieren“. Blome und Kain schreiben dazu:

AfD wie Grüne verteufeln sich gegenseitig, leben aber auch von der gemeinsamen Feindschaft. Die AfD verunglimpft die Grünen als verantwortlich für eine (vermeintlich) „rot-grün versiffte“ Republik. (…) Viele Grüne meinen die AfD, wenn sie „Nazis raus“ rufen, und mobilisieren mit dem „Kampf gegen Rechts“. Grünen-Chefin Annalena Baerbock sprach wegen der AfD-Wahlerfolge vom „Dammbruch für Demokratie und Rechtsstaat“.

Das Zitat der Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock reißt das „Bild“-Duo für seine Beweisführung ordentlich aus dem Zusammenhang: Baerbock hat tatsächlich mal von einem „Dammbruch für Demokratie und Rechtsstaat“ gesprochen. Sie meinte damit allerdings nicht, wie Blome und Kain behaupten, die Wahlerfolge der AfD, sondern eine mögliche Koalition der CDU mit der AfD. Komplett lautete ihre Aussage in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“:

Was würde es für die Chancen von Schwarz-Grün im Bund bedeuten, wenn die CDU im Osten mit der AfD koalierte?

Die CDU hat einstimmig — mit den Stimmen der Delegierten aus den ostdeutschen Bundesländern — Koalitionen mit der AfD ausgeschlossen. Da nehme ich die Partei beim Wort, namentlich die Parteichefin und die Kanzlerin. Alles andere wäre ein Dammbruch für die Demokratie und den Rechtsstaat — Österreich zeigt das. Das muss den Verantwortlichen in der Union klar sein.

Und was ist das angebliche grundlegend verbindende Element „MIT GEFÜHLEN ZUM ERFOLG“ überhaupt für eine Kategorie? Welche Partei versucht nicht, Gefühle anzusprechen? Was anderes macht etwa die CDU, wenn sie zum Europawahlkampf plakatiert: „Wir wählen Sicherheit. Du auch?“?

Natürlich sprechen Parteien Gefühle an, auch die AfD, auch die Grünen. Die Frage ist dann, wie irrational dieses Vorgehen ist. Und ist der Kern der heutigen Klimaschutzbewegung nicht ausgesprochen wissenschaftsbetont? Es macht doch einen Unterschied, ob man vor einer drohenden Klimakatastrophe warnt, vor der auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit warnen, und damit Gefühle anspricht, oder ob man vor einer angeblichen Islamisierung Deutschlands warnt und damit Gefühle anspricht. Für die „Bild“-Autoren ist das aber alles gleichwertig:

Die Grünen und ihre Anhänger warnen vor dem Untergang der Welt und rechtfertigen damit maximalen („Es gibt nichts Wichtigeres!“) Klimaschutz. Die AfD und ihre Anhänger warnen vor dem Untergang des „christlichen Abendlandes“ und rechtfertigen damit maximalen Grenzschutz vor jedweder Zuwanderung.

Nun haben Blome und Kain ja auch einen Professor gefunden, der sie in diesem Punkt bestärkt:

Professor Eckhard Jesse (Uni Chemnitz) zu BILD: „Wer Klimawandel ignoriert und wer die Massenzuwanderung zum Maß aller Dinge macht, lässt sich ebenso von Gefühlen treiben wie derjenige, der Klimawandel zum Maß aller Dinge macht und Massenzuwanderung ignoriert.“

Eckhard Jesse setzt auch gern mal die rechtsradikalen Ausschreitungen in Chemnitz, bei denen es unter anderem Angriffe auf Journalisten von hitlergrüßenden Neonazis gab, mit linken Waldbesetzern im Hambacher Forst gleich, die Polizisten mit Exkrementen beschmeißen (was wahrlich eklig und bescheuert, aber eben nicht lebensbedrohlich ist). Und Jesse schrieb — zugegebenermaßen vor knapp 30 Jahren — unter anderem, dass Antisemitismus und Rechtsextremismus teilweise „mehr Phantom als Realität“ seien und dass jüdische Organisationen „Antisemitismus in einer gewissen Größenordnung“ bräuchten, „um für ihre Anliegen Gehör zu finden und ihre legitimen Interessen besser zur Geltung zu bringen.“ Und: „Auf Dauer dürfte Judenfeindlichkeit nicht zuletzt gerade wegen mancher Verhaltensweisen von Repräsentanten des Judentums an Bedeutung gewinnen“. Wie passt so ein Experte zur „Bild“-Redaktion, die am Montag noch eine Kippa zum Ausschneiden auf ihre Titelseite druckte, um ein Zeichen gegen den wachsenden Antisemitismus in Deutschland zu setzen?

Aber das ist dann vielleicht auch alles egal, wenn man auf Biegen und Brechen einen Vergleich zwischen Grünen und AfD hinbekommen will.

Mit Dank an Eva für den Hinweis!

Guckt mal, der da ist schuld!

Die Mannschaften der Fußball-Bundesliga, die gegen den Abstieg spielen, haben 34 Spieltage Zeit, diesen zu verhindern. Und wenn ein Team nach den 34 Spielen auf dem 16. Platz steht, hat es in der Relegation die zusätzliche Chance, in zwei Partien gegen den Drittplatzierten aus der 2. Bundesliga den Abstieg zu vermeiden. Ein Abstieg aus der Fußball-Bundesliga kann also nur passieren, wenn viele Leute über einen langen Zeitraum viele Fehler machen.

Die „Bild“-Medien sehen das heute etwas simpler:

Screenshot Bild.de - Video-Abstieg! Stuttgart muss runter, weil er beim Tor im Abseits steht - dazu ein dicker Pfeil, der auf einen Stuttgarter Spieler zeigt
Ausriss Bild-Zeitung - Video-Abstieg! Stuttgart muss runter, weil er beim Tor im Abseits steht - dazu ein dicker Pfeil, der auf einen Stuttgarter Spieler zeigt

Ein Spieler des VfB Stuttgart stand gestern im entscheidenden Relegationsspiel gegen Union Berlin vor dem Tor und damit im Blickfeld des gegnerischen Torwarts, als ein anderer Stuttgarter einen Freistoß verwandelte. Hätte dieser Treffer gezählt, und wäre es beim 1:0 geblieben, wäre der VfB Stuttgart nicht abgestiegen. Nach der Überprüfung durch den sogenannten Video Assistant Referee entschied der Schiedsrichter allerdings auf Abseits — kein Tor, weiter 0:0. Anschließend hatten alle Stuttgarter Spieler noch über 80 Minuten Zeit, um ein Tor zu schießen, das den Abstieg vermieden hätte. Haben sie aber nicht.

Und so konnten „Bild“ und Bild.de einen Schuldigen präsentieren — zehn Jahre nach dem Suizid des früheren Nationaltorwarts Robert Enke und nach einigen wenigen Äußerungen von Profi-Fußballern, die sich trauen, öffentlich über den großen Druck in diesem Job zu sprechen. Per Mertesacker zum Beispiel, der mit Enke zusammen im Verein und in der Nationalmannschaft gespielt hat, sagte vor gut einem Jahr: „Der Druck hat mich aufgefressen. Dieses ständige Horrorszenario, einen Fehler zu machen, aus dem dann ein Tor entsteht.“

Oder eben einen, der dazu führt, dass ein sauwichtiges Tor nicht zählt.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Drei Verdächtige, zwei anonym, eine Vorlage für rechte Scharfmacher (2)

Der Lehrer, der an einer Schule im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld von drei Schülern vermutlich mit Hämmern erschlagen werden sollte, hat sich bei Facebook geäußert. Zur Erinnerung: Wir hatten über den Fall berichtet, weil „Bild“ und Bild.de merkwürdigerweise nur den Namen eines Tatverdächtigen („Serkan“) nannten und nicht die Namen der beiden anderen Verdächtigen, die laut zuständiger Staatsanwaltschaft „urdeutsch“ sein beziehungsweise nicht auf eine türkische oder muslimische Herkunft hindeuten sollen. Bereits vor drei Tagen schrieb also der Lehrer „sozusagen eine Art FAQ meines Zustandes“. Es ist ein längerer, lesenswerter Text.

Die „Bild“-Medien berichteten am Mittwoch über diesen Facebook-Post. Wer ein „Bild plus“-Abo hat, kann bei Bild.de nachlesen, was der Lehrer in dem Sozialen Netzwerk freizugänglich schreibt:

Screenshot Bild.de - Lehrer äußerst sich nach Mordkomplott an Dortmunder Gesamtschule - Ich habe keine Angst, zur Arbeit zu gehen

„Bild“-Reporter Andreas Wegener zitiert mehrere Aussagen des Lehrers. Zum Beispiel:

Zudem distanziert sich der Vertrauens-Lehrer von Rechten, die das Verbrechen für Hetze gegen Migranten nutzen. Seine Schule habe mit jungen Menschen mit Migrationshintergrund sehr gute Erfahrungen gemacht.

Und:

Am meisten schockiert habe ihn die Tatbeteiligung eines 18-Jährigen: Er habe ihn in seinem Leben nie kennengelernt und sei „dennoch bereit gewesen, mich zu erschlagen“, schrieb W.

Abgesehen davon, dass die „Bild“-Medien durch ihre einseitige Namensnennung kräftig dazu beigetragen haben, dass die Instrumentalisierung überhaupt erst in dem Ausmaß stattfinden konnte, geht die Passage in dem Post des Lehrers noch um einen wichtigen Satz weiter:

Ich möchte nicht vom rechten Rand der Gesellschaft instrumentalisiert werden. Ich weiß, dass viele ehemaligen Schüler jetzt mitlesen und, wie leider ein großer Teil der Gesellschaft, bei dem veröffentlichten Namen des, zumindest meiner Ansicht nach, Haupttäters daran denken, dass wir an unserer Schule und in Dorstfeld ein Problem mit „Migranten“ haben. Es wird bereits in vielen Beiträgen gefordert, endlich die Namen der beiden anderen Beteiligten zu veröffentlichen. Der Gesellschaft wird unterstellt, dass dies nur deshalb nicht geschehe, um die Folgen der verhassten Integration, der unsere Schule sich verschrieben hat, nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Euch muss ich sagen: Ihr könntet falscher nicht liegen. Besonders erschrocken hat mich der Tatbeteiligte, der mich in seinem Leben nie kennen gelernt hat und der dennoch bereit gewesen war, mich zu erschlagen. Dieser Beteiligte und sein Vorname entsprechen nicht Euren Erwartungen.

Bei den „Bild“-Medien davon weiterhin kein Wort. Stattdessen bleibt Andreas Wegener dabei, nur den Namen eines Tatverdächtigen zu nennen:

Schüler Serkan (16) soll mit zwei Komplizen einen Lehrer (51) in einen Hinterhalt gelockt haben, um ihn mit einem Hammer zu erschlagen.

Mit Dank an Philipp S., Matthias H. und @jens0331 für die Hinweise!

Bild  

AfD-Anfrage landet ungeschminkt in „Bild“

Wenn die AfD-Fraktionen inhaltlich schon nichts in den Landtagen und im Bundestag beizutragen haben, wollen sie wenigstens durch sinnlose Kleine Anfragen an die jeweiligen Regierungen den Apparat ein bisschen lahmlegen. Sie fragen dann zum Beispiel nach Vergewaltigungen in Parks, die gar nicht existieren (PDF), oder nach einer angeblichen „militanten Szene der Veganer in NRW“ (PDF) . Eine der peinlichsten Anfragen auf Bundesebene dürfte jene nach dem Einsatz von „Visagisten, Stilberatern und Friseuren“ bei „der Bundeskanzlerin, den Bundesministern, den Staatsministern oder anderen hochrangigen Regierungsvertretern“ sein (PDF).

Die (bereits zwei Wochen alte) Antwort darauf (PDF) könnte unspektakulärer nicht ausfallen: Die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung Annette Widmann-Mauz nahm im Zusammenhang mit ihren beruflichen Aufgaben zweimal die Dienste eines Visagisten in Anspruch, Finanzminister Olaf Scholz einmal, genauso Außenminister Heiko Maas, Umweltministerin Svenja Schulze viermal, Bildungsminist …

… Pardon, wir sind kurz eingenickt …

… Bildungsministerin Anja Karliczek einmal und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner „in Einzelfällen“.

Joar.

Wer diese ganze Sache nicht spätestens jetzt wegen Bedeutungslosigkeit ignoriert, dem ist nicht mehr zu helfen. Oder er arbeitet bei „Bild“. Oder beides. Florian Kain gestern in der „Bild“-Zeitung:

Ausriss Bild-Zeitung - Die ungeschminkte Wahrheit über unsere Minister - Welche Minister haben sich in dieser Legislatur einen Visagisten gebucht, um sich vor Auftritten schminken zu lassen?

Es folgt dann lediglich noch die Aufzählung aus der Antwort der Bundesregierung. Sonst nichts weiter. Keine Einordnung, keine weiteren Gedanken, nichts. Wobei, nicht ganz — es gibt noch eine Quellenangabe ganz am Ende des Artikels:

Ausriss Bild-Zeitung - Quelle: Regierungsantwort auf AfD-Anfrage

„Bild“ und andere Medien des Axel-Springer-Verlags akzeptieren grundsätzlich keine Anzeigen der AfD. Aber das ist letztlich auch gar nicht nötig — der Nonsens der Partei landet ja auch so ungefiltert im Blatt.

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