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„Bild“-Chef schafft „Weihnachten“ ab

Wir wünschen entspannte und besinnliche Feiertage und ein erfolgreiches, gesundes Jahr 2020.

So lautet der Spruch in der Grußkarte von „Bild“, „Bild am Sonntag“ und „B.Z.“, die die Medienjournalistin Ulrike Simon heute bei „Horizont“ präsentiert. Aber fehlt da nicht was? Wo steckt denn „das wichtige Wort: Weihnachten“? Will Julian Reichelt, der als Chef der Chefredakteure für alle drei Blätter verantwortlich ist, etwa eines der zentralen christlichen Feste abschaffen?

Eigentlich wäre das alles nicht der Rede wert, wenn es für die „Bild“-Medien vor ziemlich genau einem Jahr nicht der Rede der Aufregung der Kampagne wert gewesen wäre, dass in einer Weihnachtskarte der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung Annette Widmann-Mauz das aus „Bild“-Sicht „wichtige Wort: Weihnachten“ fehlte.

Mehrere Tage versuchten sie bei „Bild“ und Bild.de, Widmann-Mauz fertigzumachen und aus dem Amt zu schreiben:

Collage mit Screenshots von Bild.de und Ausrissen aus der Bild-Zeitung - Peinliche Karte aus dem Kanzeramt - Integrations-Beauftragte schafft Weihnachten ab - Die peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt - Integrationsbeauftragte drückt sich vor dem Wort Weihnachten - Kritik-Stum wegen beschämender Weihnachtskarte - Warum ist sie Integrationsministerin?

Filipp Piatov und Franz Solms-Laubach regten sich über die „peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt“ auf. Solms-Laubach kommentierte zusätzlich: „Instinktloser Unsinn!“ Briefonkel Franz Josef Wagner schrieb an die „Liebe Integrationsministerin“. Und die Redaktion ließ den selbst initiierten „Kritik-Sturm wegen beschämender Weihnachts-Karte“ über Widmann-Mauz ziehen. Es war eine typische „Bild“-Kampagne, in der Julian Reichelt und sein Team aus purer Lust auf Krawall eine Kleinigkeit zum großen Skandal aufbliesen. Und für alle ganz Rechten, die das Abendland untergehen sehen, war es ein gefundenes Fressen für Hass und Hetze.

Ulrike Simon schreibt bei „Horizont“, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Axel-Springer-Verlags das fehlende „Weihnachten“ noch bemerkt haben sollen:

Glück gehabt, dass Bild den eigenen Faux-pas in diesem Jahr rechtzeitig erkannte. Pech, dass HORIZONT eine von mehreren tausend Karten vor dem Einstampfen retten konnte.

Mit Dank an Max für den Hinweis!

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Ungefragt im Briefkasten

Wie wir heute erfahren haben, will der Axel-Springer-Verlag morgen wieder Millionen von Haushalten ungefragt eine Gratis-„Bild“ einwerfen.

In der Sonderausgabe zu Nikolaus machen Friede Springer und Uschi Glas Werbung für die umstrittene „Bild“-Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“, Harald Glööckler (der sich offenbar wieder mit „Bild“ vertragen hat) gibt Einblicke in sein „opulent geschmücktes Haus“, und Harry Wijnvoord trinkt Glühwein.

Wer darauf verzichten will, kann zum Beispiel dem Rat von Ralph Ruthe folgen:

Tweet von Ralph Ruthe: "Einfach diesen Sticker am Briefkasten befestigen und Ruhe haben: [Auf dem Aufkleber sagt eine Schmeißfliege: "Ich rieche Scheiße. Aber ich möchte sie nicht." Darunter steht: "Hier bitte keine BILD einwerfen!"]

PS: BILDblog wird morgen übrigens wie üblich für sieben Milliarden Menschen produziert, die frei entscheiden können, ob sie uns lesen wollen. Wir sind weiterhin jeden Tag kostenlos, freuen uns aber über finanzielle Unterstützung.

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Ohne Verpixelung, mit Adresse

Vergangene Woche wurde ein Dreijähriger in Detmold erstochen, seine 15-jährige Halbschwester hat die Tat inzwischen gestanden. Die „Bild“-Medien berichten seitdem ausführlich über den Fall — und zeigen dabei ständig ein unverpixeltes Foto des getöteten Jungen. Sogar auf der Titelseite der Printausgabe vom vergangenen Freitag:

Screenshot Bild.de -15-Jährige ersticht ihren kleinen Bruder (3)
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Auch in diversen Bild.de-Artikeln veröffentlichte die Redaktion das Foto ohne Unkenntlichmachung — alles für Klicks und Auflage, keine Spur von Rücksicht auf das Opfer und dessen Angehörige. Am Samstag zitierte „Bild“ eine Freundin der Mutter des Opfers: Die Mutter befinde sich derzeit in einer psychiatrischen Klinik. Auch das scheint für das Blatt kein Grund zur Zurückhaltung zu sein.

„Bild“ dürfte damit klar gegen den Pressekodex des Deutschen Presserates verstoßen. Kinder und Jugendliche sollen gerade in solchen Fällen geschützt werden, heißt es in Richtlinie 8.3:

Insbesondere in der Berichterstattung über Straftaten und Unglücksfälle dürfen Kinder und Jugendliche bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres in der Regel nicht identifizierbar sein.

Überhaupt, so steht es in der Richtlinie 8.2 zum Opferschutz, sei die Identität von Opfern besonders zu schützen und „das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich“. Mit folgender Einschränkung: „Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben“. Gab es in diesem Fall eine solche Zustimmung? Wir haben bei „Bild“ mehrfach nachgefragt, ob die Redaktion eine Erlaubnis der Familie erhalten hat, das Fotos ohne Verpixelung zu verbreiten. „Bild“-Sprecher Christian Senft hat nicht geantwortet. Auch auf die Frage, woher „Bild“ das Foto des Jungen hat, gab es keine Antwort.

Die „Bild“-Medien verbreiten aber nicht nur ein unverpixeltes Foto eines Dreijährigen, sie schildern auch exakt, wo sich die schreckliche Tat abgespielt hat: In verschiedenen Bild.de-Artikeln wird das Mehrfamilienhaus von hinten und von vorne gezeigt. Für alle, die es ganz genau wissen möchten, beschreibt die Redaktion in einer Bildunterschrift, um welche Wohnung in welcher Etage es sich handelt. In der gedruckten „Bild“ vom Samstag haben sie sogar einen schwarzen Pfeil auf die Wohnung gerichtet, um auch den allerletzten Zweifel auszuräumen. Und sie zeigen ein Foto der Wohnungstür („Hinter dieser Tür spielte sich ein furchtbares Drama ab“). Den Straßennamen haben die „Bild“-Medien da schon längst genannt, und die Hausnummer ist auf einem Foto ebenfalls zu erkennen.

Damit dürfte die „Bild“-Redaktion auch noch gegen Richtlinie 8.8 des Pressekodex‘ verstoßen, in der es heißt: „Der private Wohnsitz sowie andere private Aufenthaltsorte (…) genießen besonderen Schutz.“

Mit Dank an Yvonne für den Hinweis!

Hartz-IV-Empfänger gibt es bei „Bild“ nur in faul

Als vergangene Woche das Bundesverfassungsgericht entschieden hat, dass die bisherigen Hartz-IV-Sanktionen teilweise verfassungswidrig sind, und die Kürzungen zum Teil gegen die Menschenwürde verstoßen, legten sie bei „Bild“ los. Am Tag nach dem Urteil auf der „Bild“-Titelseite:

Ausriss der Bild-Titelseite - Hartz-IV-Hammer - Höchstes Gericht kippt Sanktionen! Wird Faulheit nicht mehr bestraft? Alles, was Sie über das Urteil wissen müssen

Einen Tag später an gleicher Stelle:

Ausriss der Bild-Titelseite - Gericht kippt Sanktionen! Deutschlands faulster Arbeitsloser jubelt - Jetzt gibt es Hartz IV auf dem Silbertablett!

Und noch mal einen Tag später ein Nachklapp auf der Bild.de-Startseite:

Screenshot Bild.de - Deutschlands faulster Hartz-IV-Empfänger (seit 20 Jahren arbeitslos) über seinen gemütlichen Alltag - Normalerweise stehe ich gegen Mittag auf

Die Nachricht, die die „Bild“-Medien mit Nachdruck verbreiten: Faul, faul, faul sind sie, diese Hartz-IV-Empfänger. Dass es nur wenige Prozent von ihnen sind, die überhaupt sanktioniert werden — zum größten Teil übrigens wegen Terminversäumnissen und nicht, weil sie sich aus Faulheit weigern, eine Arbeit aufzunehmen –, schreibt selbst „Bild“. Und dennoch sind Hartz-IV-Empfänger auf „Bild“-Titelseiten zu 100 Prozent faul.

Als Beleg präsentiert die „Bild“-Redaktion den angeblich „faulsten Hartz-IV-Empfänger“ Deutschlands und dessen Tagesablauf. Wobei er so faul gar nicht sein kann, schließlich beziehe der Mann „DEN HARTZ-IV-REGELSATZ IN HÖHE VON 424 EURO“ pro Monat. Also ohne Sanktionen. Das spricht dafür, dass er seinen Pflichten durchaus nachkommt. Bei der Schilderung seines Alltags erzählt er auch, dass er mitunter um 6 oder um 7 Uhr aufstehe, wenn er einen Termin beim Jobcenter habe. Außerdem verdiene er mit einem Minijob zusätzliche 100 Euro im Monat. Und nach Stellenangeboten suche er auch, aber natürlich nur „gemütlich“, wie Bild.de betont.

„Angst vor drastischen Sanktionen des Jobcenters muss er nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts nicht mehr haben“, schreibt „Bild“ über den Mann. Schließlich hätten die Richter entschieden, dass eine Kürzung von 60 oder gar 100 Prozent nicht zumutbar sei, und im Höchstfall „jetzt 30 Prozent gestrichen werden.“ Hartz IV soll das Existenzminimum sichern. Mögliche Sanktionen von 30 Prozent bedeuten: Es droht ein Leben mit 70 Prozent des Existenzminimums. Aber: Hartz IV gäbe es jetzt „‚auf dem Silbertablett'“.

Bevor durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts so etwas wie eine Debatte über soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde entstehen kann oder etwas wie Solidarität mit den Personen, die durch Hartz-IV-Sanktionen nicht mal das Existenzminimum zur Verfügung haben, schieben sie bei „Bild“ einen Hartz-IV-Empfänger vor: Seht her, dieser Faulpelz steht erst gegen Mittag auf. Welches andere Ziel verfolgt eine solche Kampagne als: spalten?

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

„Einmal mehr überlegen“

Als vor zehn Jahren Fußballtorwart Robert Enke starb, nahmen sich viele Redaktion vor, feinfühliger und rücksichtsvoller mit Profifußballern umzugehen. Selbst „Bild“. Walter M. Straten, damals noch stellvertretender Leiter des „Bild“-Sportressorts, äußerte sich gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“:

Aber auch das Boulevardblatt ist nach dem Enke-Tod nicht einfach so zur Tagesordnung übergegangen. Über vieles sei diskutiert worden, auch über Noten, und man sei schließlich zu dem Ergebnis gekommen, bei der Benotung so weiter zu machen wie bisher, sagt Straten. Auch in seiner Redaktion soll es zu einem etwas sensibleren Umgang mit den Zensuren kommen: „Wir werden wohl mit extremen Noten etwas vorsichtiger sein“, sagt der stellvertretende Bild-Sportchef. Man werde sich einmal mehr überlegen, „ob der Spieler, der eine klare Torchance vergeben hat, oder der Torwart, der den Ball hat durchflutschen lassen, eine Sechs bekommt oder eine Fünf reicht“.

Heute, einen Tag nach Robert Enkes zehntem Todestag, ist von „einmal mehr überlegen“ nicht viel zu sehen. „Bild“ und Bild.de titeln über die Spieler von Borussia Dortmund, die nach einer ziemlich schwachen Leistung 0:4 gegen den FC Bayern München verloren haben:

Ausriss Bild-Zeitung - Zorc forderte Männer, Favre bekam Memmen

Julian Brandt, Paco Alcácer, Mats Hummels und Mario Götze — sie alle seien „keine Männer!“ Walter M. Straten ist inzwischen Leiter des „Bild“-Sportressorts und für diesen Mist verantwortlich.

Dazu auch:

Gesehen bei @hassanscorner. Mit Dank an @1904_s04 für den Hinweis!

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Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der „TelefonSeelsorge“, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 und 116 123) erreichen kannst.

Koste es, was es wolle (und wenn es Menschenleben sind)

Vor zehn Jahren starb Robert Enke. Zu diesem Anlass erzählen „Bild“ und Bild.de heute noch einmal in einem Protokoll „DIE LETZTEN 50 STUNDEN“ des Fußballtorwarts nach:

Screenshot Bild.de - Wie der Nationaltorwart alle täuschte - Die letzten 50 Stunden von Robert Enke

Für zahlende „Bild plus“-Kunden — denn mit dem Tod eines Menschen lässt sich ja immer noch ein bisschen Geld verdienen — rekonstruiert die Redaktion Enkes Suizid und lässt dabei kaum ein Detail aus: Methode, Ort, Vorbereitung, alles wird genannt.

Das ist extrem fahrlässig und kann Menschen in Gefahr bringen. Die „Bild“-Redaktion schreibt das alles auf, als hätte sie noch nie vom Werther-Effekt gehört; als würde sie die deutlichen Warnungen der Stiftung Deutsche Depressionshilfe (PDF) und der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (PDF) sowie deren Hinweise für Medien nicht kennen; als würde die Wissenschaft nicht eindringlich beschreiben, dass diese Art der Berichterstattung Menschenleben kosten kann; als wäre in vielen Studien weltweit nicht längst nachgewiesen worden, dass das alles nicht nur Theorien sind, sondern reale Gefahren.

Vermutlich ist es aber noch schlimmer: Bei „Bild“ wissen sie von all dem. Sie wissen, dass ausgiebige Nacherzählungen von Suiziden weitere Suizide nach sich ziehen können. Aber es kümmert sie nicht.

Sie schaffen es ja noch nicht mal, Minimalvorkehrungen zu treffen: Normalerweise bauen „Bild“ und Bild.de in ihre Texte, in denen es um Suizide geht, einen Infokasten ein, in dem steht, an wen sich Menschen mit Depressionen wenden können (zum Beispiel an die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder 116 123). Das ist erstmal eine gute Sache, aber letztlich auch nicht mehr als eine Alibiaktion, wenn die Redaktion im selben Artikel Detail um Detail nennt und damit all die Aspekte missachtet, die Berichte über Suizide etwas weniger gefährlich werden lassen könnten. Im Artikel von heute über Robert Enke war nicht mal ein solcher Kasten mit Informationen zu Hilfsangeboten eingebaut. Erst nach Kritik hat die Redaktion ihn bei Bild.de hinzugefügt.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Darum ist der Besuch bei Bild.de so gefährlich

Vergangene Woche gab es in den „Bild“-Medien eine Serie zum Thema Sportwetten: „Die Welt der Wetten“. Zum Start am Dienstag „packte“ ein Buchmacher aus. Am Donnerstag erzählte „EIN PROFI-ZOCKER“, wie man Profi-Zocker wird. Am Freitag gab es von der Redaktion „Vier Tipps für Wett-Einsteiger“. Und am Sonntag erklärte einer, wie er „mit Sportwetten 20.000 Euro im Monat“ verdient.

Das klingt ja erstmal alles so, als wären Sportwetten eine ganz tolle Sache. In der „Bild“-Serie wurden aber auch die problematischen Seiten thematisiert: Zu jedem Artikel veröffentlichte die Redaktion einen Infokasten mit der Überschrift „Spielsucht? Hier bekommen Sie Hilfe!“ (dass so etwas nötig ist, um der eigenen Verantwortung wenigstens etwas nachzukommen, hätte für das „Bild“-Team vielleicht ein Hinweis darauf sein können, dass das Thema Sportwetten für eine Serie nicht unbedingt das passendste ist). Außerdem „PACKTE“ am Samstag „EIN SPIELSÜCHTIGER“ „AUS“. Und am Mittwoch warnte ein „Sucht-Experte“ …

Screenshot Bild.de - Sucht-Experte warnt - Darum sind Live-Wetten so gefährlich

Im Interview sagte „Suchtforscher“ Tobias Hayer:

BILD: Sind Sportwetten gefährlich? Was kann daran süchtig machen?

Hayer: „Da muss man ein wenig unterscheiden. Eine Sportwette unter Freunden ist in der Regel unproblematisch. Das Gefährliche sind die Live-Wetten im Internet. Davon geht eine hohe Suchtgefahr aus. Die sind 24 Stunden lang verfügbar, und es kann ja wirklich auf alles gewettet werden. Ein Gewinn kann sofort reinvestiert werden, und bei einem Verlust wird versucht, ihn sofort wieder reinzuholen. Diese hohe Ereignisdichte kickt und steht im Zusammenhang mit hohen Suchtgefahren.“

Jaja, diese Live-Wetten. Die sind so gefährlich, dass die Bild.de-Redaktion den Sucht-Experten davor lieber mal auf ihrer Startseite warnen lässt. Also dort, wo sonst, wenn Fußball läuft, der Wettanbieter bwin an prominenter Stelle für seine Live-Wetten werben darf:

Screenshot der Bild.de-Startseite mit den Live-Ergebnissen der gerade laufenden DFB-Pokalspiele und darunter eine Anzeige des Wettanbieters bwin mit den Live-Wettquoten für die jeweiligen Spiele

Klickt man auf eine der Quoten, landet man direkt auf der bwin-„livebetting“-Seite. Wie würde der Suchtforscher sagen? Dort kickt die hohe Ereignisdichte dann so richtig rein.

Mit Dank an Jeanette S. für den Hinweis!

Noch ist es unklar, aber Fotos kann man ja schon mal zeigen

Sie schreiben es bei Bild.de ja sogar selbst:

Noch ist unklar, ob und wenn ja, was genau, R[.] mit dem Tod der Männer zu tun hat. Die Polizei teilte bislang nur mit, dass er wahrscheinlich am Wochenende aus seinem Wohnort in Nordirland nach Purfleet in England reiste und im dortigen Hafen am Mittwoch gegen 1.30 Uhr den Lkw übernahm. Der soll zuvor samt Auflieger von Seebrügge (Belgien) über Wales nach England geschifft worden sein. Er passierte am vergangenen Samstag die Grenze zu Großbritannien.

R., das ist der Fahrer des Lkw, in dem in der Nacht zu Mittwoch im englischen Grays 39 tote Menschen gefunden wurden. Der Nordire wurde kurz nach dem Leichenfund festgenommen, gegen ihn wird wegen Mordverdachts ermittelt.

Wie die Bild.de-Redaktion treffend darlegt, weiß man bis jetzt noch nicht, „ob und wenn ja, was genau R[.] mit dem Tod der Männer zu tun hat“. Dass es sich bei den Leichen um 31 Männer und acht Frauen handelt — und nicht nur um Männer, wie Bild.de schreibt –, sei nur nebenbei erwähnt.

In einem weiteren Artikel zum selben Thema fragt Bild.de:

Wusste der Fahrer, dass sich in seinem Kühlaufleger Menschen verborgen hatten — oder war er tatsächlich völlig ahnungslos?

Darauf gibt es bisher keine klare Antwort. Und dennoch zeigte Bild.de auf der Startseite ein unverpixeltes Foto des Fahrers neben einer Überschrift, in der für die Unklarheiten dieses Falles kein Platz war:

Screenshot Bild.de - 39 Leichen in Lkw gefunden - Das ist der Fahrer des Todestrucks
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Auch in der „Bild“-Zeitung war ein unverpixeltes Foto des Mannes abgedruckt. Und bei Bild.de präsentierte die Redaktion zusätzlich das Ergebnis ihres Beutezugs durch die Sozialen Medien: zwei Fotos, auf denen R. zu sehen ist, mit der Quellenangabe „Foto: R[.]/ Facebook“. Außerdem gab es in den Artikeln Informationen aus seinem Privatleben.

Zum Zeitpunkt, als die „Bild“-Medien die Aufnahmen, die R. ohne Unkenntlichmachung zeigen, veröffentlichten, saß der Mann zwar in Untersuchungshaft, es gab aber noch keine Anklage gegen ihn. Inzwischen gibt es eine wegen 39-fachen Totschlags — verurteilt ist R. bislang allerdings nicht.

Für eine Vorverurteilung sorgen allerdings schon die „Bild“-Medien mit Sätzen wie „Sein Lkw wurde zum Grab für 39 Menschen“ und „Der 25-Jährige soll von Nordirland nach Purfleet gereist sein, um dort den Truck des Grauens zu übernehmen“. Noch einmal: Ob R. tatsächlich wusste, dass es sich bei dem Kühlauflieger um einen „Truck des Grauens“ handelte, ist bisher nicht bekannt. Sicherlich könnte man einem Lkw-Fahrer Fahrlässigkeit vorwerfen, wenn er kein wirkliches Interesse daran hat, was sich in seinem Anhänger befindet, den er durch die Gegend fährt.* Das ist allerdings etwas ganz anderes als der Vorwurf, für den Tod von 39 Menschen verantwortlich zu sein.

„Bild“ und Bild.de sind übrigens nicht die einzigen Medien, die R. unverpixelt zeigen, zumindest wenn man nach Großbritannien schaut. Selbst die BBC und der „Guardian“ veröffentlichen Fotos des Verdächtigen und nennen seinen vollen Namen. Doch nur weil andere jemanden medial hinrichten, bevor irgendetwas geklärt ist, muss man ja nicht mitmachen.

Mit Dank an @SabineSchaper und @DerKotta für die Hinweise!

*Nachtrag, 29. Oktober: Mehrere Leserinnen und Leser haben uns darauf hingewiesen, dass Auflieger häufig verplombt sind, und der Fahrer daher gar nicht die Möglichkeit hat hineinzugucken.

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Gibt es eine Korrelation zwischen Arbeitsplatz und Tweetidiotie?

Beim ständig laufenden Wettbewerb „Welcher „Bild“-Mitarbeiter bietet die traurigste Performance bei Twitter?“ hat es Chefreporter Michael Sauerbier gestern am späten Abend mit dieser Einsendung versucht:

Screenshot eines Tweets von Bild-Chefreporter Michael Sauerbier - Jan Böhmermann und eine sehr dicke Frau erzählen uns heute, Medizin und Forschung würden Frauen vernachlässigen. Kurz vor der Empörung fällt mir ein: Frauen leben fünf Jahre länger als Männer! Erwähnen beide nicht. P.S. Es gibt eine Korrelation zwischen Lebenserwartung und Übergewicht

Sauerbier bezieht sich auf einen Beitrag in der neuen Folge des „Neo Magazin Royale“. Jan Böhmermann und Giulia Becker sprechen dort über das Thema „geschlechtsspezifische Medizin“. Und das ist tatsächlich ganz informativ: Man erfährt etwa, dass Medikamente bei Männern und Frauen unterschiedlich wirken, und dass das ein Problem sein kann, weil Medikamente häufig nur an männlichen Mäusen oder männlichen Menschen getestet werden; dass beispielsweise ein häufig verschriebenes Herzmedikament laut einer Studie das Leben der herzkranken Frauen verkürzte, das der Männer aber nicht; und dass neben der Wirksamkeit auch die Verträglichkeit von Medikamenten bei Männern und Frauen sehr unterschiedlich sein kann, was wegen der starken Fokussierung der Forschung auf Männer wiederum zum Problem von Frauen werden kann.

Und was fällt „Bild“-Chefreporter Michael Sauerbier dazu ein? Er zieht über „eine sehr dicke Frau“ her und bekommt es nicht mal hin, den Namen der lustigen und erfolgreichen Giulia Becker zu nennen. Aber auch inhaltlich ist sein Tweet ziemlich schief: Soll das also heißen, dass man nur mit einem bestimmten Körpergewicht über ein gesellschaftlich relevantes medizinisches Thema sprechen darf? Und ist es laut Sauerbier nicht so schlimm, dass „Medizin und Forschung“ „Frauen vernachlässigen“, weil Frauen ja eh „fünf Jahre länger“ leben als Männer? Dass Frauen trotz dieser Vernachlässigung eine höhere (oder andersrum: Männer eine niedrigere) Lebenserwartung haben, hat auch nichts mit dem zu tun, was Böhmermann und Becker in ihrem Beitrag ansprechen — Sauerbier wirft diesen scheinbaren Zusammenhang einfach mal so hin. Für die verschiedenen Lebenserwartung sorgen stattdessen biologische Faktoren und unterschiedliche Verhaltensmuster.

Nach mehreren Hundert Antworten hat Michael Sauerbier seinen Tweet kommentarlos gelöscht.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Wenn „Bild“ „Terror“ sagt, dann soll auch „die Politik“ „Terror“ sagen

Nur einen Tag, nachdem ein Mann im hessischen Limburg absichtlich mit einem Lkw in mehrere Autos gefahren sein soll und dabei acht Menschen verletzt hat, schrieb „Bild“-Parlamentsbüro-Leiter Ralf Schuler:

Zusammengeschobene Autos, verletzte Menschen, ein zerbeulter LKW:

Die Szenerie in Limburg ruft direkt Erinnerungen an ISIS-Anschläge hervor.

Und Schuler blieb auf der ISIS-Fährte:

In ihrem Propagandamagazin „Dabiq“ und in Ansprachen ihres früheren Sprechers al-Adnani hatte die Terrororganisation ihre Anhänger zu Anschlägen mit Fahrzeugen aufgerufen.

Mit „Erfolg“:

► Am 14. Juli 2016 ermordete der Dschihadist Mohamed Lahouaiej Bouhlel mit einem Lkw in Nizza 86 Menschen.

► Am 19. Dezember 2016 desselben Jahres erschoss Anis Amri einen Lkw-Fahrer und ermordete mit dem Fahrzeug anschließend elf Menschen auf dem Berliner Breitscheidplatz.

► Auch der in Limburg festgenommene Syrer soll mehrfach versucht haben, einen Lkw zu kapern, bis es ihm am Montag schließlich gelang und er mehrere Menschen verletzen konnte.

Ein LKW, ein Syrer, Schulers „Erinnerungen an ISIS-Anschläge“ — der Vorfall in Limburg kann doch nur ein islamistischer Terroranschlag gewesen sein. Und so fragten Ralf Schuler und „Bild“ vorwurfsvoll in ihrer Überschrift:

Ausriss Bild-Zeitung - Immer wieder ist von gestörten Einzeltätern die Rede - Warum fürchtet die Politik das Wort Terror?

Der Grund, warum „die Politik“ in dem Fall nicht sofort von „Terror“ sprach, dürfte die Frage nach dem Motiv gewesen sein, die zu dem Zeitpunkt, als Schulers Text erschien, nicht eindeutig beantwortet werden konnte. Eine Woche später stellte sich heraus, dass der Verzicht auf „das Wort Terror“ eine gute Wahl war: Die Ermittler konnten keine Anzeichen für einen terroristischen Hintergrund feststellen und keine Verbindungen des Tatverdächtigen zur islamistischen Szene finden. Die Tat in Limburg war kein Terror.

Bei „Bild“ und Bild.de war da schon längst vom „Terror-Fahrer von Limburg“ und vom „mörderischen Terror-Anschlag“, dem das Land „offenbar mit viel Glück“ entgangen sei, die Rede. Warum auch recherchieren oder die Ermittlungsergebnisse abwarten, wenn die Tat in Limburg die Redaktion an die Taten in Nizza und am Berliner Breitscheidplatz erinnert und sie so in ihren Vorurteilen bestätigt?

Natürlich wäre es die Aufgabe von Journalisten, auch bei „Bild“, die Leserschaft aufzuklären, dass die Motivlage nicht eindeutig ist und dass bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein müssen, etwa ein politischer oder religiös-fanatischer Hintergrund, damit eine Tat als Terroranschlag gilt, anstatt auf Politiker loszugehen, die lieber Ermittlungen abwarten und nicht wild spekulieren. Yassin Musharbash beispielsweise erklärte bei „Zeit Online“ ausführlich, warum die Tat in Limburg für die ermittelnden Behörden nicht als Terror gilt:

Im konkreten Fall fehlen noch wichtige Details. Es ist zum Beispiel bisher nicht bekannt, dass der Täter von Limburg irgendwelche Verbindungen in die islamistische Szene hatte. Derzeit gehe man mangels anderer Spuren davon aus, dass es sich um die Aktion eines gestörten Menschen handeln könnte, sagen Ermittler. Trotzdem darf man davon ausgehen, dass seine Tat durch entsprechende Taten von islamistisch motivierten Attentätern motiviert war. Aber reicht das, um die Tat zu einem islamistischen Anschlag zu machen?

Man kann diese juristische Perspektive mit dem Argument ablehnen, aus Sicht der Opfer mache es keinen Unterschied, ob er Islamist ist oder nicht. Aber eine solche Blickweise verwässert die Trennschärfe — und stellt in letzter Konsequenz in Frage, ob man den Begriff Terrorismus überhaupt noch verwenden soll. Wenn man ihn verwendet, ist es jedenfalls nicht sinnvoll, ihn von der ideologischen Motivation zu trennen.

Doch anstatt aufzuklären, kräht „Bild“, die Politik traue sich nicht, von Terror zu sprechen — bei einem Fall, der laut der Ermittler mit Terror nichts zu tun hat. Anstatt auf gesicherte Fakten zu warten, will die Redaktion schon wissen, dass es Terror war — und tut so, als würde „die Politik“ sich vor dieser vermeintlichen Erkenntnis „drücken“. Ralf Schuler schreibt:

Doch zur Wahrheit gehört auch: Die Politik drückt sich noch immer vor dem Eingeständnis, dass mit der Massenmigration seit 2015 auch Kriminelle nach Deutschland gekommen sind und spricht deshalb lieber über Einzelfälle als über das Terror-Problem.

… als würde auch nur eine Partei ernsthaft behaupten, unter den Menschen, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, seien keine Kriminellen gewesen. Und als hätten Politikerinnen und Politiker in den vergangenen Jahren im Parlament, in Interviews, in TV-Talkshows nicht ausgiebig über ein Thema gesprochen: die Kriminalität von Zugewanderten.

Ralf Schulers Vorwurf auf falscher (Terror-)Grundlage an „die Politik“ wurde beim Axel-Springer-Verlag übrigens von oberster Stelle abgesegnet. Springer-Chef Mathias Döpfner schoss ein paar Tage später in dieselbe Richtung:

Wenn in Limburg ein zuvor gestohlener Laster acht Autos rammt, dabei neun Menschen verletzt, danach der zuvor mehrfach straffällige Täter aussteigt und nach Zeugenberichten „Allah“ gerufen haben soll, dann sprechen Politiker von einem „verwirrten Einzeltäter“, ARD und ZDF berichten über den Fall zunächst fast gar nicht und sprechen dann von einem „Lkw-Vorfall“.

Wie schlimm falsch das alles ist, hat Stefan Niggemeier drüben bei „Übermedien“ aufgeschrieben.

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