Archiv für Bild

„Es war eine regelrechte Flut, die nicht zu bewältigen war“

Am Sonntagmorgen klingelten Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) bei Jan Schürlein, durchsuchten anschließend seine Wohnung und befragten den 19-Jährigen zum großen Datenklau. Schürlein hatte nach eigener Aussage Kontakt zu der Person, die das BKA wenige Tage später als geständigen Tatverdächtigen präsentierte.

Als die BKA-Beamten verschwunden waren, klingelte es wieder an Schürleins Tür, dieses Mal standen Journalisten davor. Sie hatten von der Durchsuchung gehört und vermuteten nun die große Story. Manche machten Schürlein flugs zum Tatverdächtigen oder titelten: „Spur des Politiker-Leaks führt zu 19-Jährigem in Heilbronn“. Das BKA stellte später klar, dass es sich bei Schürlein um einen Zeugen handelt.

Wir haben mit Jan Schürlein über den Medienrummel vor seiner Wohnung und um seine Person gesprochen.

Wann hast du die erste Medienanfrage bekommen?
Die kam bereits, soweit ich mich erinnere, am Samstag. Also noch bevor das BKA bei mir war. Zuvor hatte ein alter Kollege in TV-Interviews und über Soziale Medien auf mich aufmerksam gemacht.

Und wie viele waren es seitdem?
Insgesamt fast bis in den dreistelligen Bereich, wenn nicht sogar mehr. Ganz genau kann ich das nicht sagen. Es war auf jeden Fall eine regelrechte Flut, die nicht zu bewältigen war. Die erste Anfrage für ein TV-Interview kam dann auch direkt von RTL.

Gab es Unterschiede bei der Art und Weise, wie die Anfragen formuliert waren?
Ja, natürlich. Die meisten waren sehr freundlich und höflich. Ein paar sehr wenige aber auch ziemlich arrogant, sehr aufdringlich und unverschämt. Zum Beispiel diese Anfrage, die von „Bild“ kam:

Screenshot eines Tweets von Jan Schürlein - Bild per E-Mail: Hallo Herr Schürlein, kommen Sie kurz runter? Oder sollen wir zu Ihnen hochkommen? - Wie kann man so unverschämt sein? Viel Spaß die Nacht über in deinem schwarzen Auto im Halteverbot, ich bin leider nicht oben

Du hast getwittert, dass Journalisten das Haus deiner Familie und Nachbarn belagerten, nachdem das BKA bei Dir war. Was war da genau los?
Ich war zum Glück die ganze Zeit nicht zu Hause, stand aber mit Personen von vor Ort und meiner Familie, die auch da wohnt, natürlich immer wieder in Kontakt. Die ersten, die am Haus waren, kamen von der „Heilbronner Stimme“. Später wurden Kamerastative auf der Straße aufgebaut, das Haus wurde von RTL, aber vermutlich auch von anderen Sendern gefilmt. Ein Kamerateam wollte wohl auch in das Haus meiner Nachbarin. Geschätzt wurde die Zahl an Personen, die über den Tag verteilt anwesend waren, auf um die zwanzig.

„Bild“-Reporter haben das Haus auch noch länger belagert, vermutlich in der Hoffnung, mich irgendwann abzufangen. Die saßen mehrere Stunden in einem schwarzen Auto mit Stuttgarter Kennzeichen vor dem Haus.

Wie haben Deine Verwandten und Nachbarn reagiert?
Die waren verärgert. Die Nachbarn haben unter anderem mit einem Rechtsanwalt gedroht.

Manche Journalisten sind auch Angehörigen von mir hinterhergelaufen. Selbst meinem jüngeren Cousin, der gerade mal 8 Jahre alt ist. Geklingelt haben sie natürlich auch. Nach meiner Information hat aber niemand versucht, irgendwie ins Haus zu gelangen.

Hast Du inzwischen wieder Deine Ruhe?
Durch die aktuelle Medienpräsenz nicht, aber früher oder später sollte sich hoffentlich alles beruhigen.

Das Interview haben wir schriftlich geführt.

Warum „Bild“ plötzlich gegen das Dschungelcamp hatet

Die „Bild“-Zeitung und das Dschungelcamp: lange Zeit das Traumpaar schlechthin. Sie liebten sich, warfen sich die Bälle zu, pushten sich gegenseitig, fast 15 Jahre lang.

So bekam „Bild“ immer zuerst gesteckt, welche Kandidaten in den Dschungel ziehen würden (oder freiwillig aufgaben), erhielt exklusive Einblicke und Interviews mit den Teilnehmern. Im Gegenzug veranstaltete das Blatt während der Camp-Wochen immer ein gewaltiges Spektakel und machte gerade zum Beginn der Staffeln jede Menge Werbung für die RTL-Show, mit Schlagzeilen wie:

BILD-Titelschlagzeile: BILD enthüllt die geheime Dschungel-Bibel - Mitarbeiter dürfen nicht mit Promis sprechen, Handys sind verboten, Tarnkleidung ist Pflicht, Uhren müssen abgeklebt werden
Schlagzeile BILD.de: Heute geht's los! - Last-Minute-Wissen für Dschungel-Fans ... und die, die es noch werden wollen
Schlagzeile BILD.de: Dschungelcamp 2018 - Was Sie jetzt über die Kandidaten wissen müssen!
Schlagzeile BILD.de: BILD-Reporter exklusiv im Dschungelcamp
Schlagzeile BILD.de: Sonja Zietlow - Dschungel-Domina bloggt exklusiv bei Bild.de
Exklusive Fotos aus Australien - Hier starten die Dschungelcamper in den Busch!
BILD-Titelschlagzeile: Glückwunsch, RTL! Dschungel bricht alle Ekel-Rekorde
Schlagzeile BILD.de: Eklig und gut - Faszination Dschungelcamp - Warum lieben wir das Madenspektakel?
Schlagzeile BILD.de: Dschungelcamp 2013 - Dschungel gucken bei BILD.de!
Schlagzeile BILD.de: Die 10 geilsten Dschungelcamp-Momente

Doch in diesem Jahr ist alles anders.

Zum ersten Mal hat die „Bild“-Zeitung kein Team nach Australien geschickt. Und auch der Ton der Berichterstattung hat sich schlagartig geändert. Am vergangenen Dienstag titelte „Bild“:

BILD-Titelschlagzeile: BILD entlarvt ALLE schmutzigen Tricks beim Dschungel-Camp!

Darin listet das Blatt auf, wie viel hinter den Dschungel-Kulissen geschummelt wird, was im Camp alles „Fake“ ist, und erklärt, dass die Show in Wirklichkeit für „Weicheier“ sei:

Schlagzeile BILD: Weicheier Willkommen! So harmlos ist der RTL-Dschungel

„Diese Show lebt von der Illusion. Tatsächlich ist nichts, wie es scheint“, ätzen die „Bild“-Reporter, die in den Jahren zuvor noch so voller Liebe über das Format geschrieben hatten.

RTL schlug noch am gleichen Tag zurück und veröffentlichte in einer Pressemitteilung sämtliche Fragen von „Bild“ und die eigenen Antworten gleich mit:

Die „BILD“-Zeitung kündigt in ihrer heutigen Ausgabe eine „große Enthüllungsserie“ zum Dschungelcamp an. Wir „enthüllen“ an dieser Stelle schon einmal den umfangreichen Fragenkatalog, den uns BILD dazu am Freitag gestellt hat — und unsere Antworten.

Bei „Bild“ mussten sie sich daraufhin den Spott anderer Medien gefallen lassen. Nicht nur, weil RTL ihnen durch die Vorab-Veröffentlichung „in die Parade gefahren“ war, sondern auch wegen des Inhalts des Fragenkatalogs. So schreibt „DWDL“:

Manche der Fragen geben ebenso wie einige Antworten durchaus Anlass zum Schmunzeln. Angesprochen auf ein Tempolimit auf dem TV-Gelände, erklärt RTL: „In ganz Australien gibt es Tempolimits.“ Und auf die Frage, wie das aktuelle Verhältnis zu den Anwohnern sei, antwortet der Sender einsilbig: „Gut.“ Daneben will „Bild“ etwa wissen, ob australische Skorpione stechen können, was RTL bejaht. Und warum in der Crew-Bibel vor der Ausrutschgefahr gewarnt wird, kann „Bild“ nicht so recht nachvollziehen. Hier klärt RTL auf: „Das Produktionsgelände befindet sich im Regenwald. Von daher kann es bei Nässe teilweise rutschig sein.“

Am Tag darauf legte „Bild“ nach:

BILD-Titelschlagzeile: So täuscht RTL die Dschungel-Fans

Und am Tag darauf schon wieder:

BILD-Titelschlagzeile: Psycho-Tricks für die Quote - So fies manipuliert RTL im Dschungel-Camp

Und am Tag darauf, also heute, schon wieder:

BILD-Schlagzeile: RTL-Dschungelcamp liegt direkt neben Büro-Containern - Von wegen Wildnis!

Doch warum jetzt die plötzlichen Attacken auf den einstigen Kuschelpartner?

Nun, vor wenigen Wochen hat RTL seine Website (unter Führung eines ehemaligen „Bild“-Mannes) zu einem Boulevard-News-Portal umgebaut. Damit will die Mediengruppe auch und gerade den „Bild“-Medien Konkurrenz machen. Und war damit schon erfolgreich: Den Namen des neuen Freundes von Helene Fischer hatte die Website von RTL zuerst — die Website von „Bild“ musste nachziehen. Auch bei anderen Promi-News musste sich „Bild“ dem neuen RTL-Portal geschlagen geben.

Und derart in die Ecke gedrängt, verhält sich „Bild“ eben nicht anders als ein wildes Tier im Dschungel.

Datenkauf im Darknet: BKA-Präsident widerspricht „Bild“

Es ist schon ein bisschen beeindruckend, wie die „Bild“-Redaktion es momentan schafft, beim Thema Datenklau immer wieder danebenzuliegen. Erst Redakteur Julian Röpcke, der behauptet, Fälle von „bad political scandals“ in dem Material gefunden zu haben — was sein Chef Julian Reichelt später völlig anders sah:

Meine große Schlussfolgerung daraus ist, dass in enorm vielen Daten enorm wenig, so gut wie gar kein wirklich brisantes, skandalöses Material dabei war

Und dann „Bild“-Chef Reichelt, der, kurz bevor ein 20-jähriger Schüler, der noch bei seinen Eltern wohnt, vom Bundeskriminalamt (BKA) als geständiger Einzeltäter präsentiert wird, sagt:

Ich glaube, was relativ klar ist: Das waren nicht ein oder zwei Jungs, die bei Pizza und Cola light im Keller gesessen haben, bisschen Computerspiele, bisschen Youtube und dann bisschen was gehackt haben und das dann aufbereitet haben. Das muss eine größere Struktur gewesen sein.

Heute ist „Bild“ der nächsten ganz kalten Sache auf der Spur:

Ausriss Bild-Zeitung - Hacker kaufte Passwort-Daten illegal im Darknet

Daten-Dieb Johannes S. (20) hatte nach BILD-Informationen teilweise Passwörter der gehackten Promis und Politiker im sogenannten „Darknet“ gekauft, um illegal Zugang zu ihren Daten zu bekommen!

Und woher stammen diese „BILD-Informationen“?

Auch einige der von ihm auf „Twitter“ veröffentlichten Social-Media-Daten hatte der Arzt-Sohn im „Darknet“ zuvor erworben, wie BILD aus Ermittlerkreisen erfuhr.

Ah, die Ermittler. Was sagt denn zum Beispiel BKA-Präsident Holger Münch dazu?

Einem Bericht der „Bild“-Zeitung, wonach der mutmaßliche Täter Daten wie Passwörter im Darknet gekauft haben soll, hat BKA-Chef Münch in der Sondersitzung widersprochen.

Das steht heute bei „Spiegel Online“. Und der Absatz geht noch weiter:

Das passt zu Aussagen der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT): „Uns liegen nach derzeitigem Stand der Ermittlungen keinerlei Erkenntnisse darüber vor, dass der Beschuldigte Daten im Zusammenhang mit dem Leak im Darknet gekauft hat“, hieß es von dort auf SPIEGEL-Nachfrage. „Weder was Passwörter angeht noch ganze Datensätze. Es gibt dahingehend keinen neuen Sachstand.“

Die „Bild“-Redaktion kommt wohl auch auf die Sache mit dem Darknet, weil die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main ihr gegenüber bestätigt habe, dass sie auch wegen Datenhehlerei ermittle. „Bild“ schreibt:

Woher genau, beziehungsweise aus welcher früheren Hacker-Attacken [sic], die im Darknet zum Kauf angebotenen Daten-Sätze stammen, ist noch unklar.

Aber auch dazu steht etwas bei „Spiegel Online“:

Zwar ermittele man von Anfang an auch wegen Datenhehlerei, weil immer die Möglichkeit bestehe, dass Teile eines Leaks auf Datenausspähungen Dritter beruhen. „Im aktuellen Fall gibt es diesbezüglich aber weder Hinweise auf Darknet noch auf Ankauf“, so die ZIT.

Viele Medien übernahmen heute die Darknet-Geschichte und nannten „Bild“ als Quelle. Julian Reichelt und sein Team sind gerade zum meistzitierten Medium Deutschlands gekürt worden. Das klappt auch dank solcher Geschichten. Der „Bild“-Chef kann wirklich stolz sein auf seine „leidenschaftliche Redaktion, die nichts mehr liebt als die harte exklusive News, an der niemand vorbei kann.“

Mit Dank an @MKTuningDO für den Hinweis!

„Bild“ lässt Familie und Freundin noch einmal alles mit ansehen

Am vergangenen Sonntag ist ein 32-Jähriger aus Baden-Württemberg beim Ski-Fahren ums Leben gekommen. Eine erste Lawine überlebte der Mann noch dank eines Airbags. Während er bis zu den Knien im Schnee feststeckte, verschüttete ihn allerdings eine zweite Lawine. Die Bergretter konnten den Mann nicht wiederbeleben.

Die „Bild“-Redaktion berichtete gestern über den tragischen Vorfall. Aber nicht etwa rücksichtsvoll irgendwo weiter hinten im Blatt komplett ohne Foto oder wenigstens mit Verpixelung, sondern riesig auf der Titelseite, über dem Bruch, mit unverpixeltem Bild:

Ausriss Bild-Titelseite - Seine Freundin sah alles mit an - Doppel-Lawine töte Mathe-Lehrer - Die erste überlebte er noch, die zweite begrub ihn - dazu ein unverpixeltes Foto des Verstorbenen
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag stammen von uns.)

Auf Seite 3 zeigte sie dann noch ein weiteres Foto des Verstorbenen …

Ausriss Bild-Zeitung - Seine Freundin konnte ihn nicht mehr retten - Die zweite Lawine tötete ihn - dazu ein unverpixeltes Foto des Verstorbenen

… das auch Bild.de veröffentlichte, bereits vorgestern Abend auf der Startseite:

Screenshot Bild.de - Seine Freundin sah alles mit an - Doppel-Lawine tötet Mathe-Lehrer - Die erste überlebte er noch, die zweite begrub ihn - dazu ein unverpixeltes Foto des Verstorbenen

Die Aufnahmen haben sich die „Bild“-Medien offenbar vom Facebook-Profil des Mannes gezogen. Eine Person aus dessen engerem Freundeskreis sagte uns, dass die Familie einer Veröffentlichung nie zugestimmt hat und sich nun rechtlich dagegen wehren wird.

Nachtrag, 11. Januar: Wir hatten auch bei „Bild“ nachgefragt, woher die Redaktion die Fotos hat und ob sie vor Veröffentlichung bei der Familie des Verstorbenen nachgefragt hat, ob sie die Fotos unverpixelt verwenden darf. Wir haben bisher keine Antwort auf unsere Fragen erhalten.

Ein unfassbarer Fall

Manchmal gibt es so Glückstage in der „Bild“-Redaktion, da gleicht die Titelseite am Ende einem vollen Spielschein beim Themenbingo:

Ausriss Bild-Titelseite - Abgeschoben, Einreisesperre, illegal zurück - Und trotzdem Stütze! Der unfassbare Fall von Asyl-Bewerber Alassa M. und wie die Politik versagt hat

Auf fast einer ganzen Seite berichtete die Zeitung am vergangenen Freitag im Blatt über den „unfassbaren Fall“ eines Mannes aus Kamerun, der sich laut „Bild“ so darstellt:

Trotz Einreiseverbot und eines abgelehnten Asylverfahrens kam M. vor zwei Wochen nach Stuttgart, beantragte Asyl und lebt nun auf Staatskosten in Karlsruhe.

Mehr noch:

Als am 30. April ein Togolese abgeschoben werden soll, organisiert Alassa M. mit anderen einen Aufstand gegen die Polizei. Erst drei Tage später und mit 500 Beamten kann die Polizei die Abschiebung durchsetzen. Es kommt zu Tumulten. Wieder mittendrin: Alassa M. Am 20. Juni wird dann schließlich auch M. abgeschoben — nach Mailand, Italien, das für ihn zuständige Land. Die deutsche Ausländerbehörde verhängt ein Einreiseverbot.

Ein Randalierer, der abgeschoben wurde, gegen den ein Einreiseverbot verhängt wurde, und der jetzt wieder dem deutschen Staat auf der Tasche liegt — das perfekte Aufreger-Thema eines noch jungen Jahres!

Es gibt allerdings Gründe, an dieser Version der Geschichte zu zweifeln: Die Anwälte von Alassa M. halten die Berichterstattung von „Bild“ nämlich für so falsch, reißerisch und „aufhetzend“, dass sie nicht nur zivilrechtliche Schritte, sondern gleich auch noch Strafanzeige gegen den Axel-Springer-Verlag angekündigt haben.

Zum einen kritisieren sie in ihrer Pressemitteilung einige Fakten, die von „Bild“ falsch dargestellt worden seien:

Die Behauptung von „Bild“, der Asylantrag von Alassa M. in Deutschland sei „abgelehnt“ worden („wie 99 Prozent aller Asylanträge aus Kamerun“), sei insofern falsch, als dass die deutschen Behörden den Asylantrag überhaupt nicht geprüft hätten, weil sie sich nach dem Dublin-III-Abkommen für nicht zuständig erklärt hätten. Nach diesem Abkommen ist das EU-Land zuständig, in das ein Geflüchteter als erstes eingereist ist — im Falle von Alassa M. war das Italien, weswegen er dorthin abgeschoben wurde.

Die Behauptung, Alassa M. sei „entgegen einem bestehenden Einreiseverbot“ wieder eingereist und habe sich damit strafbar gemacht („Hat sich M. mit seiner Wiedereinreise strafbar gemacht? Ganz klar: Ja!“), sei schlicht falsch: Das Einreiseverbot sei auf sechs Monate befristet gewesen, diese Frist zum Zeitpunkt seiner Wiedereinreise abgelaufen. Sogar „Bild“ schreibt, Alassa M. sei am 20. Juni 2018 abgeschoben worden und am 21. Dezember wieder „aufgetaucht“. Weil er seinen Asylantrag in Ellwangen gestellt hatte, musste er laut seinen Anwälten auch wieder nach Ellwangen, um dort seinen Asylfolgeantrag zu stellen, den er außerhalb der Bundesrepublik nicht hätte stellen können. Rainer Wendt, Chef einer deutschen Polizeigewerkschaft, lässt sich von „Bild“ zu dem Fall so zitieren: „‚Der Mann gehört sofort hinter Gitter. Er hat einen Rechtsbruch begangen. Er führt unseren Rechtsstaat vor.'“

Die Behauptung von „Bild“, Alassa M. habe im April mit anderen einen „Aufstand“ „organisiert“ und sei im Mai bei „Tumulten“ „wieder mittendrin“ gewesen, ist offenbar so falsch, dass sich die Staatsanwaltschaft Ellwangen und das Polizeipräsidium Aalen gezwungen sahen, eine gemeinsame Pressemitteilung zu veröffentlichen, in der sie mitteilen, dass „keine Hinweise auf eine unmittelbare Beteiligung des Herrn M. an den Vorkommnissen“ vorlägen: „Gegen Herrn M. wurden weder nach dem Vorfall am 30. April 2018 noch nach dem Polizeieinsatz am 3. Mai 2018 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.“

Und auch an dieser Formulierung in einem Kommentar von „Bild“-Redakteur Hans-Jörg Vehlewald stoßen sich die Anwälte:

Und sein Anwalt verklagt sogar die Polizisten, denen sich sein Schützling letzten Mai in den Weg stellte, als sie Recht durchsetzen wollten.

So habe die Kanzlei den Dienstherrn der Polizei verklagt, also das Land Baden-Württemberg: „auf Feststellung, dass der Großeinsatz der Polizei in der [Landeserstaufnahmestelle] Ellwangen vom 3. Mai 2018 vom Polizeigesetz nicht gedeckt, völlig unverhältnismäßig und daher rechtswidrig war.“

Neben dieser inhaltlichen Kritik fordert die Gelsenkirchener Kanzlei Meister und Partner von „Bild“ und Bild.de auch, die Behauptungen über ihren Mandanten nicht mehr weiter zu verbreiten — dabei solle Bild.de nicht nur die beanstandeten Passagen und die Fotos löschen, auf denen Alassa M. und die Unterkunft, in der er sich zur Zeit aufhält, zu sehen sind, sondern die gesamten Artikel entfernen, weil M. unzulässig herausgepickt und an den Pranger gestellt worden sei.

Sein Rechtsanwalt Frank Stierlin erklärte uns gegenüber: „An unserem Mandanten soll ein Exempel statuiert werden!“ Den Grund dafür sieht er darin, dass Alassa M. nach einer Razzia in der Flüchtlingsunterkunft, die zu gewaltsamen Protesten der Bewohner geführt hatte, eine Demo organisiert, das Land Baden-Württemberg verklagt und der Polizei dabei Rassismus vorgeworfen habe (siehe dazu auch diesen Bericht in „SWR Aktuell“ vom 7. November 2018).

Bereits am 30. Dezember hatte „Bild“ unter Berufung auf einen SWR-Artikel über die Rückkehr von Alassa M. nach Deutschland berichtet, wobei allerdings aus dem „Mitorganisator der Asylbewerber-Demo“ (SWR) ein „Rädelsführer“ („Bild“) wurde.

Rechte Medien wie die „Junge Freiheit“ („Einer der Rädelsführer des Asylbewerberaufstands von Ellwangen ist nach seiner Abschiebung wieder zurück in Deutschland.“) und „Die Achse des Guten“ („Im Mai 2018 war Alassa M. als einer der Rädelsführer einer Zusammenrottung von Flüchtlingen identifiziert worden, welche die Polizei an der Abschiebung eines Togoers hinderten.“) griffen das Thema natürlich gerne auf, aber auch seriösere Medien machten mit. So schrieb Welt.de:

Einige der damaligen Rädelsführer wurden anschließend abgeschoben, so auch Alassa M. aus Kamerun, der im Juni 2018 nach Italien ausreisen musste.

Und „Der Westen“, das junge Portal der Funke-Mediengruppe, wollte offenbar sogar die erste „Bild“-Berichterstattung toppen:

Er sorgte im April letzten Jahres für einen Skandal: Asylbewerber Alassa M. (29) aus Kamerun.

Der junge Mann war 2017 nach Deutschland gekommen. Er beantragte Asyl, das aber abgelehnt wurde. So kam er in eine Flüchtlingseinrichtung in Ellwangen.

Als dort ein Tongolese abgeschoben werden sollte, zettelte Alassa M. gemeinsam mit anderen Flüchtlingen einen Aufstand an. Alassa M. galt als Rädelsführer der Aktion, bei der sich die Bewohner drei Tage im Heim verschanzten, Polizisten angriffen und Fahrzeuge der Beamten demolierten.

Auch nach der „unfassbaren“ Titelgeschichte vom vergangenen Freitag blieb „Bild“ am Ball: Die Zeitung befragte für die Samstag-Ausgabe „eine Regierungssprecherin“ („Bitte sehen Sie mir nach, wenn ich zu diesem konkreten Einzelfall keine Stellung nehmen kann …“) sowie den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl (CDU) und brachte gestern ein „Interview“ mit Alassa M.:

Ausriss Bild-Zeitung - Skandal-Asylbewerber Alassa M. spricht in Bild - So einfach kam ich zurück nach Deutschland

Wie uns seine Anwälte erzählen, habe sich „Bild“ das Interview „erschlichen“: Personen, die sich nicht als Journalisten vorgestellt, sondern als Unterstützer des Asylrechts ausgegeben hätten, hätten sich mit Alassa M. unterhalten und seine Äußerungen anschließend aufgeschrieben. „Wenn er gewusst hätte, dass das für ‚Bild‘ ist, hätte er natürlich nie mit denen gesprochen!“

Das hätte Alassa M. auch nicht gemusst, denn er hatte bereits am vergangenen Samstag eine Erklärung veröffentlicht (nachzulesen unter anderem bei labournet.de (PDF)), in der er auf über zwei Seiten der „Bild“-Zeitung „Hetze“ vorwirft und seine Sicht auf die Geschichte beschreibt.

Er schließt mit drastischen Worten:

Die Veröffentlichung meines Fotos ohne meine Zustimmung ist eine ungeheurliche [sic!] Verletzung meiner Persönlichkeitsrechte. Habe ich keine Rechte mehr? Will man die faschistischen Kräfte auf mich hetzen, wie in Chemnitz? Gegen diese Verletzung meiner Rechte protestiere ich entschieden und werde juristisch vorgehen. Wäre ich ein Krimineller, dann hätten sie mich doch längst verhaften können und ins Gefängnis gebracht, oder? Es ist so wie es in einem Spruch in meinem Dorf heißt: Der Totentischler hat allein das Interesse an der Steigerung der Todesrate („the coffin seller only wants to increase the mortality rate“).

Davon findet sich in „Bild“: nichts.

Wir haben bei „Bild“ nachgefragt, was die Redaktion zur inhaltlichen Kritik der Anwälte sagt, ob ihr schon juristische Schritte bekannt sind, und wie das „Interview“ mit Alassa M. zustande gekommen ist. Die Pressestelle des Axel-Springer-Verlags bat uns um Verständnis, „dass wir uns zu redaktionellen Vorgängen und Entscheidungen grundsätzlich nicht äußern“. Die von Alassa M.s Anwälten beanstandeten Artikel sind nach wie vor online.

Mit Dank an Wolfgang F. für den Hinweis!

„Bild“ richtet Mittelfinger auf Unfallopfer

Kurz vor Weihnachten fuhr ein 20-Jähriger nahe Aachen (mutmaßlich mit stark überhöhter Geschwindigkeit) in das Auto einer Familie — die Mutter und ihre beiden Kinder starben noch am Unfallort. Zwei Mitfahrer des 20-Jährigen starben ebenfalls.

Doch das Schicksal der Menschen, die bei dem Crash völlig unverschuldet ums Leben kamen, interessiert ihn offenbar nicht.

… schrieb „Bild“ gestern, denn:

Ausriss Bild-Zeitung - Marvin H. verursachte Crash mit fünf Toten - Er beleidigt die Opfer mit dem Mittelfinger
Screenshot Bild.de - Fünf Menschen sind tot, weil er ein illegales Rennen fuhr - Marvin zeigt allen den Mittelfinger

(Augenbalken von „Bild“, restliche Unkenntlichmachung von uns. Ob es ein illegales Rennen war, steht im Übrigen noch gar nicht fest.)

Doch das Foto hat er nicht etwa öffentlich gepostet oder an die Hinterbliebenen der Opfer gesendet, wie „Bild“ in den Überschriften suggeriert — sondern privat per Whatsapp an Freunde geschickt.

Das erfahren aber nur zahlende Kunden, alle anderen müssen davon ausgehen, dass er den Mittelfinger „allen“ zeigt oder gar gezielt „die Opfer beleidigt“. Schaut man sich die Facebookseite von „Bild“ an, wird auch klar, dass viele Leser es genau so verstanden haben: Dass er das Foto öffentlich gepostet oder sogar direkt an die Hinterbliebenen geschickt hat. Und dann malen sie sich aus, auf welche Weise sie ihn foltern und ermorden würden, und fragen, ob jemand die Adresse des Krankenhauses hat, damit man die Sache selbst in die Hand nehmen könne.

Dass „Bild“ dieses Foto aus einem privaten Chat veröffentlicht, ist übrigens auch insofern bemerkenswert, als „Bild“-Chef Julian Reichelt erst vor wenigen Tagen im Zuge der „Hacker“-Berichterstattung sagte:

Dass wir dabei auch höchst private Daten bis zu Familienfotos oder privaten Chats sichten müssen, gefällt uns selbst nicht. Nutzen werden wir solche sensiblen Daten aber in keinem Fall, nicht jetzt und nicht in Zukunft.

Mit Dank an Feli D. für den Hinweis!

Julian Reichelts „investigative journalistische Handwerkskunst“

Das Bundeskriminalamt (BKA) hat heute bei einer Pressekonferenz mitgeteilt, dass es einen Tatverdächtigen zum Diebstahl der Daten zahlreicher Prominenter und Politiker gebe. Der Mann sei geständig.

Wenige Stunde vor der Pressekonferenz des BKA ist die aktuelle Folge des Podcasts von Gabor Steingart erschienen. Sein Gast: Julian Reichelt. Mit ihm sprach Steingart gestern Abend über den Datenklau. Und der „Bild“-Chef zeigt in knapp 22 Minuten eindrucksvoll, wie häufig man treffsicher mit Mutmaßungen und Behauptungen danebenliegen kann.

  • Zum möglichen Täter

Julian Reichelt im Podcast:

Ich glaube, was relativ klar ist: Das waren nicht ein oder zwei Jungs, die bei Pizza und Cola light im Keller gesessen haben, bisschen Computerspiele, bisschen Youtube und dann bisschen was gehackt haben und das dann aufbereitet haben. Das muss eine größere Struktur gewesen sein.

Das BKA sagt heute: Der 20-Jährige sei Schüler ohne besondere technische Ausbildung oder Informatikstudium. Er habe sich das nötige Wissen durch Computeraffinität und viel Zeit draufgeschafft. Er lebe noch bei seinen Eltern in Mittelhessen. Immerhin: Von Pizza, Cola light, Keller und anderen Reichelt’schen Hacker-Klischees war nicht die Rede.

(an dieser Stelle beweist auch Gabor Steingart seine Expertise, als er schlussfolgerte: „Sprechen wir noch mal über das Handwerk, die Professionalität. Wenn man sich die Seite selber anschaut, es sieht nicht aus danach, dass Schüler ein paar E-Mails gehackt haben.“)

  • Zu möglichen Komplizen

Julian Reichelt im Podcast:

Der Umfang des Materials einerseits und die Liebe zum Detail, mit der dieses Material aufbereitet worden ist, mit Überschriften versehen worden ist, verschlagwortet ist, geordnet worden ist, deutet schon darauf hin, dass es sich um eine größere Zahl von Personen handelt und vor allem eine professionell vorgehende große Anzahl von Personen, die dieses Material aufbereitet hat.

Steingart fragt nach, wie viele Beteiligte Reichelt vermutet. Der „Bild“-Chef:

Wir haben es hier mit sehr aktuellen Daten zu tun, mit sehr vielen aktuellen Daten, die sehr liebevoll aufbereitet worden sind. Deswegen würde ich, sozusagen als interessierter, hochinteressierte Laie, was die Aufbereitung von Daten angeht, da schon eher auf eine gut zweistellige Zahl von Personen tippen, die sich damit beschäftigt haben muss

Das BKA sagt heute: Alles deute auf einen Einzeltäter hin.

  • Zu einer möglichen staatlichen Unterstützung

Julian Reichelt im Podcast:

Ich glaube nach allem, was wir an Hacks in den letzten Jahren gesehen und erlebt haben, ist das Wahrscheinlichste immer noch, dass es zumindest staatliche Unterstützung, von welcher Seite auch immer, für diesen Hack gab.

Das BKA sagt heute: Es gebe keine Hinweise für staatliche Unterstützung.

  • Zum möglichen Motiv

Julian Reichelt im Podcast:

Meine große Schlussfolgerung daraus ist, dass in enorm vielen Daten enorm wenig, so gut wie gar kein wirklich brisantes, skandalöses Material dabei war, was diese Aussage stützen würde, die ja da betrieben werden soll: Die Politik ist korrupt, die Politik ist verkommen, wir können uns auf unsere Politiker nicht verlassen, es gibt düstere Absprachen hinter den Kulissen, es gibt vielleicht Absprachen zwischen Medien und Politik. All das, was dort forciert werden soll oder routinemäßig bei solchen Hacks und Leaks forciert werden soll, das, muss man sagen, konnten wir dort nicht entdecken.

Das BKA sagt heute: Der Verdächtige habe angegeben, „aus Verärgerung über öffentliche Äußerungen der betroffenen Politiker, Journalisten und Personen des öffentlichen Lebens gehandelt zu haben.“

***

Gabor Steingart kündigte das Gespräch und seinen Gesprächspartner übrigens so an:

Der Datenklau und seine Folgen — dazu habe ich mit dem Mann gesprochen, der auf diesem Datenschatz jetzt sitzt und ihn mit einem Expertenteam derzeit nach allen Regeln der investigativen journalistischen Handwerkskunst auswertet. (…)

Der „Bild“-Chefredakteur, ein erfahrener Enthüller und ehemaliger Kriegsreporter, gibt freizügig Auskunft über seine Arbeit. Und, bei allem Nebel, den der Fall noch umgibt, erkennen wir jetzt in diesem Gespräch die Dimension einer Tat, die womöglich deutlich größer ist als das, was die Bundesregierung uns als Wahrheit zugestehen will.

Schwer zu sagen, was lustiger ist: Steingarts verschwörerisches Geraune oder Reichelts angebliche „investigative journalistische Handwerkskunst“.

What the Hack!

Über den Diebstahl der Daten von deutschen Politikern und Medienschaffenden war noch kaum etwas bekannt, da hatte „Bild“ schon einen Verdacht.

Normalerweise ist das eine Methode der Hacker des russischen, auf Cyberkrieg spezialisierten Militärgeheimdienstes GRU.

Als Urheber oder Unterstützer kämen Staaten wie Russland und China infrage, hieß es zunächst. Besonders Russland steht im Verdacht, seit Jahren massiv Hackerangriffe auf Deutschland zu befehlen. Auch ein Zusammenwirken Russlands mit rechtsextremen deutschen Gruppen sei nicht auszuschließen.

Dass ausgerechnet keine Daten der rechtspopulistischen und kremlnahen AfD veröffentlicht wurden, könnte laut Gaycken auch eine falsche Fährte sein, um die Hintermänner der Attacke im russischen Sektor zu verorten. Oder eben ein Hinweis auf die Beteiligung russischer Kräfte im Hintergrund.

Bei russischen Geheimdiensten heißt solches Material „Kompromat“ — Erpressungs-Material.

Dritte Spur: der russische Militärgeheimdienst GRU. Putins Cyberkrieger hackten sich bereits ins Bundestagsnetz. Reste dieser Angriffe könnten jetzt für den erneuten Daten-Angriff genutzt worden sein

Schon 2017 warnte General Michael Hayden, Ex-Direktor der CIA, in BamS vor Hacker-Attacken aus Russland: „Ihr Deutschen solltet euch Sorgen machen!“

***

Auch Politik-Redakteur Julian Röpcke kam schon früh auf Russland zu sprechen:

Screenshot eines Tweets von Julian Röpcke: You didn't see me using the word Russia so far as there is no evidence for its involvement so far. But what I can say is that hackers needed months if not years to collect, inspect, categorize and describe the leaked data, pointing at a group of high professionalism.

Die Sprecherin des Chaos Computer Clubs, Constanze Kurz, widerspricht Röpcke heute in der „FAZ“: Es gebe „kaum Indizien dafür, dass es sich um einen großen Hack handeln könnte. Auch deutet nichts darauf hin, dass die Verantwortlichen mit besonderer technischer Expertise vorgegangen wären.“

***

Röpcke ist bei „Bild“ einer der Hauptautoren in dem Fall, atemlos schreibt und twittert er seit Tagen darüber. Schon wenige Stunden nach Bekanntwerden behauptete er:

Screenshot eines Tweets von Julian Röpcke: The leaked data, which was illegally collected until October 2018 and released December 2018, but just found now, is still publicly available. I searched through it 5 hours last night, read maybe three percent of it and already found cases of corruption and bad political scandals.

Doch selbst heute, über drei Tage später, ist immer noch unbekannt, welche „cases of corruption“ und „bad political scandals“ Röpcke da entdeckt haben will. Oder ob er sich das einfach nur ausgedacht hat. Das Wort „corruption“ nahm er später zurück und ersetzte es durch „nepotism“. Belege bleibt Röpcke aber bis jetzt schuldig. In der gedruckten Ausgabe vom Samstag widersprach ihm selbst das eigene Blatt. Auf die Frage „WIE BRISANT IST DAS MATERIAL?“ antwortete „Bild“:

Nach erster Einschätzung sind keine Skandal-Akten dabei.

***

Röpckes größter scheinbarer Scoop erschien gestern bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Cyber-Alarm in Deutschland - Die Spur der Hacker - Exklusiv! Bild-Recherchen enthüllen brisante Details

„Bild“ habe „Unglaubliches“ recherchiert, heißt es da:

BILD-Recherchen führen nun zu einem Hacker, der wahrscheinlich der Urheber der Twitter-Profile [von denen die Daten veröffentlicht wurden] ist.

Doch das, was dann „nach BILD-Informationen“ und „laut BILD-Recherchen“ „exklusiv“ folgt — vieles davon stand mehr als einen Tag zuvor bereits bei „RT“. Darunter auch der Name des „Hackers, der wahrscheinlich der Urheber der Twitter-Profile ist“, die Namen der Plattformen, auf denen er aktiv sein soll, der Name der Person, deren Profilbild er verwendet, und so weiter. Ein Schelm, wer hier einen Zusammenhang sieht.

***

In ihren Artikeln liefern Röpcke und „Bild“ dabei immer so viele Details und Screenshots zu den veröffentlichten Daten und den Seiten, auf denen sie veröffentlicht wurden, dass es für die Leserschaft ein Leichtes ist, sie selbst zu finden. Heute schreibt „Bild“:

Allein eine Datei mit dem Namen […] wurde seit Sonntag mehr als 3000 mal aufgerufen. Hinter ihr verbergen sich funktionierende Links zu mehr als 1000 Datensätzen von Politikern und Prominenten. Es ist davon auszugehen, dass sich am Sonntag und Montag abermals Hunderte die illegal erbeuteten Informationen auf ihre Rechner herunter luden.

Kein Wunder. Dank „Bild“ wussten sie genau, wonach sie suchen mussten.

***

Der größte Witz zum Thema aber kam mal wieder vom „Bild“-Chef persönlich:

Wie geht Bild mit den Daten um? Bild-Chef Julian Reichelt: Es geht um enorme Mengen von Daten, die offensichtlich mit der Absicht verbreitet werden, Politiker als angreifbar, korrupt oder unanständig darzustellen. Dennoch gehört zu unserem journalistischen Auftrag, das Material zu sichten und auszuwerten - nicht in Bezug auf moralische Verfehlungen, sondern mit Blick auf mögliche strafbare Handlungen, illegale Absprachen oder Bestechlichkeit. Das ist unsere Pflicht als freies Medium. Dass wir dabei auch höchst private Daten bis zu Familienfotos oder privaten Chats sichten müssen, gefällt uns selbst nicht. Nutzen werden wir solche sensiblen Daten aber in keinem Fall, nicht jetzt und nicht in Zukunft.

Mit Dank an Moritz H., Michael E. und Benno S.!

Nachtrag, 8. Januar: Heute hat das BKA einen Verdächtigen festgenommen. Es ist nach ersten Erkenntnissen kein russischer Militärgeheimdiensthackerspion, sondern ein 20-jähriger Schüler aus Mittelhessen.

Muslimische Wölfe sofort abschieben! Das Jahr in „Bild“

2018 war kein schönes Jahr für die „Bild“-Zeitung. Sie wurde von der „Titanic“ blamiert, musste Jörg Kachelmann Hunderttausende Euro zahlen, wurde neun Mal öffentlich vom Deutschen Presserat gerügt und musste auf der Titelseite eine Gegendarstellung ihrer geliebten Helene abdrucken.

Das Schlimmste aber, und das wird selbst an den Chefetagen nicht spurlos vorbeigegangen sein, waren die Verkaufszahlen. Laut IVW war die letzte Auflagenmeldung von „Bild“ die schlechteste seit 64 Jahren. Schon im ersten Quartal dieses Jahres war die verkaufte Auflage um fast zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen.

Darum musste sich „Bild“ dieses Jahr in besonderem Maße auf alte Stärken besinnen. Ein kleiner Rückblick.

***

Das Tier des Jahres

Der Wolf. Das Lamm. Und die ewig grausame Geschichte von Tod und Verderben.

Hurz!

Stellte sich später heraus, dass es doch kein Wolf war, ließ „Bild“ das natürlich unerwähnt.

***

Das Geschlecht des Jahres

Von den „Gewinnern“ des Tages auf der Titelseite waren über 80 Prozent — Männer.

Auch von den Verlierern waren über 80 Prozent männlich. Selbst Tiere und Gegenstände tauchten in dem Ranking häufiger auf als Frauen.

***

Die Religion des Jahres

Gehen wir doch mal die großen durch. Also. Hinduismus: kam in der Print-„Bild“ in diesem Jahr genau einmal vor. Der Buddhismus kam immerhin auf zwei Erwähnungen. Das Judentum kam auf sieben, das Christentum auf 28. Der Islam auf 266.

Und anders als bei anderen Religionen sind beim Islam für „Bild“ nur zwei Gefühlsrichtungen zugelassen: Angst und Empörung. Das war auch 2018 nicht anders, und relativierende Fakten blieben dabei selbstverständlich unbeachtet.

***

Der Skandal des Jahres

Über 800 Mal hat „Bild“ in diesem Jahr das Wort „Skandal“ gedruckt, am größten und empörtesten im Frühjahr — beim großen:

Auch „BAMF-Skandal“ genannt. BAMF, ihr wisst schon, diese von einer „Skandal-Chefin“ geleitete und mit „Skandal-Akten“ vollgestopfte „Skandal-Behörde“.

Und als ein paar atemlose Wochen später herauskam, dass der Fall nicht mal ansatzweise so wild war, wie von „Bild“ dargestellt, war das der Redaktion wie viele Titelschlagzeilen wert? Genau.

***

Der Experte des Jahres

Brauchte „Bild“ in diesem Jahr ein knackiges Zitat, war einer sofort zur Stelle:

Prof. Michael Wolffsohn (München) spricht aus, was vielen schwerfällt: „Trump, über den viele lachen, hat mit seiner Strategie mehr erreicht als seine Vorgänger.“

Ob zu Trump, zu Putin, zur Bundeswehr, zum ZDF — das ganze Jahr über versorgte der „Publizist und Historiker“ (je nach Bedarf auch mal „Bundeswehr-Historiker“ oder „Hochschullehrer des Jahres“) Michael Wolffsohn die „Bild“-Redaktion zuverlässig mit „deutlichen Worten“, auch und am liebsten zu hochkontroversen Themen. Und praktischerweise war er dabei immer einer Meinung mit „Bild“.

Als „Bild“ sich darüber beklagte, dass Deutschland sich nicht genug gegen die Gasangriffe in Syrien einsetze, beklagte sich auch Michael Wolffsohn über die „bundesdeutsche Drückebergerei“:

Wolffsohn: „Auf der einen Seite hören wir seit Jahrzehnten ‚Nie wieder Auschwitz!‘. Über die damals von deutschem Gas Ermordeten wird heute in Deutschland geweint, gegen die jetzige Auschwitz-Variante wird nichts getan.“

Als „Bild“ sich über den Rassismus-Vorwurf von Mesut Özil empörte, empörte sich auch Michael Wolffsohn:

Als „Bild“ mit einer Kampagne für Friedrich Merz als CDU-Vorsitzenden kämpfte — Michael Wolffsohn kämpfte mit:

(Fazit: „Den größten Respekt hätten die mächtigsten Machos der Welt vermutlich vor Friedrich Merz.“)

Als „Bild“ sich über eine antisemitische Karikatur in der „Süddeutschen Zeitung“ echauffierte, wetterte auch Wolffsohn:

Als Michael Wolffsohn dann im Herbst einen Preis von einer Stiftung bekam, ließ die „Bild“-Zeitung im Gegenzug eine Meldung auf der Titelseite springen — und kürte Wolffsohn ein paar Wochen später, Überraschung: zum „Gewinner“ des Tages.

***

Das Kleidungsstück des Jahres

Socken: 53 Erwähnungen.
Pullover: 70 Erwähnungen.
Bikini: 90 Erwähnungen.
Unterhose: 50 Erwähnungen.

Kopftuch: 133 Erwähnungen.

***

Der Irrsinn des Jahres

Das zentrale Thema der wochenlangen Hysterie: Ausländer. Kriminelle Ausländer. Und was alles passieren könnte, wenn wir da nicht sofort etwas tun, und zwar: „Abschieben!“

Wenn sich dann herausstellte, dass sie falsche Vorwürfe verbreitet hatte, gab sich die Redaktion große Mühe, die Korrektur möglichst gut zu verstecken. Oder brachte erst gar keine.

***

Das Gefühl des Jahres

… beschreiben die „Bild“-Leser am besten selbst:

Aber kein Wunder, konnten sie doch ein weiteres Jahr Tag für Tag lesen, dass wir überschwemmt werden von Terroristen und Kindsmördern, und dass uns, wenn wir uns nicht bald zur Wehr setzen, die kriminellen Ausländer mit Sicherheit alle umbringen. Wenn uns bis dahin nicht schon die Wölfe gefressen haben.

Nachtrag, 27. Dezember: Der Vollständigkeit halber: Auch wenn in der Collage im Abschnitt „Die Religion des Jahres“ ein Beispiel mit „Islamismus“ zu sehen ist — bei den 266 Nennungen handelt es sich tatsächlich nur um Nennungen des Wortes „Islam“. Schon klar: Wenn man nach „Islam“ sucht, findet man in den Ergebnisse auch Treffer wie „Islamismus“ (da steckt ja schließlich die Buchstabenkombination „Islam“ drin). Diese Treffer haben wir allerdings nicht mitgezählt.

„Instinktloser Unsinn!“ – „Bild“ lässt Ministerin Weihnachten abschaffen

Und plötzlich …

Screenshot Bild.de - Karten-Kuddelmuddel im Kanzleramt - Zweite Weihnachtskarte von Widmann-Mauz aufgetaucht - Plötzlich ist von Weihnachtsfest die Rede

Wobei „Plötzlich“ in diesem Fall bedeutet: Die „Bild“-Redaktion hat einen Fehler gemacht, und der große Mist, den sie verbreitet hat, fliegt den Mitarbeitern gerade um die Ohren. Dieses „Plötzlich“ ist eine Art Korrektur im Gewand eines weiteren Vorwurfs.

Es geht um die Weihnachtskarte — oder besser: die Weihnachtskarten — von Annette Widmann-Mauz, der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung. Am späten Dienstagabend schreiben Franz Solms-Laubach und Filipp Piatov bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt - Integrationsbeauftragte schafft Weihnachten ab

Das ganze Land wünscht zurzeit „Fröhliche Weihnachten“ auf Karten, doch ausgerechnet die Integrationsbeauftragte kriegt das nicht hin.

Auf der Weihnachtskarte, die Integrationsministerin Annette Widmann-Mauz (52, CDU) mit ihrer Pressestelle verschickt, sind zwar Weihnachtsmann-Mützen, Baumschmuck und Engel mit Heiligenschein zu sehen, es fehlt aber das wichtige Wort: Weihnachten!

Stattdessen steht dort: „Egal woran Sie glauben … wir wünschen Ihnen eine besinnliche Zeit und einen guten Start ins neue Jahr.“

Am Mittwoch reicht die „Bild“-Zeitung ihren aussichtsreichen Beitrag zum Wettbewerb „Wer erschafft den größten Elefanten aus der kleinsten Mücke?“ ein:

Ausriss Bild-Titelseite - Die peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt - Integrationsbeauftragte drückt sich vor dem Wort Weihnachten

… schreibt die Redaktion auf der Titelseite. Und auf Seite 2:

Ausriss Bild-Zeitung - Peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt - Integrationsbeauftragte schafft Weihnachten ab

Daneben der Kommentar von Solms-Laubach („Instinktloser Unsinn!“) und ein Brief von Franz Josef Wagner („Liebe Integrationsministerin“).

Die Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration soll also Weihnachten „abgeschafft“, sich „vor dem Wort Weihnachten“ gedrückt, „unser christliches Fundament“ verschwiegen haben. Blöd nur, dass eine weitere aktuelle Grußkarte von Annette Widmann-Mauz existiert. Und darin stehen Dinge wie „ein friedvolles Weihnachtsfest und ein gesegnetes Jahr 2019“ oder „Öffnen wir unsere Herzen für das Geheimnis der Heiligen Nacht“. Dazu der Spruch des Theologen Angelus Silesius: „Das Licht der Herrlichkeit scheint mitten in der Nacht. Wer kann es sehen? Ein Herz, das Augen hat und wacht.“ Alles sehr, sehr christlich.

Während die Karte, bei der Solms-Laubach und Piatov und „Bild“ das Abendland untergehen sehen, in einer Auflage von 100 Exemplaren an Journalistinnen und Journalisten und Redaktionen gegangenen und von Widmann-Mauz‘ Presseteam verschickt worden sein soll, soll die andere Karte in einer Auflage von 1000 Exemplaren an Kolleginnen und Kollegen im Bundestag, Freunde in der CDU, Kirchen, Religionsgemeinschaften gegangen sein.

„Bild“ lag also heftig daneben. Doch anstatt einfach zu sagen: „Wir lagen daneben“, schreibt die Redaktion, dass „plötzlich“ eine „zweite Weihnachtskarte von Widmann-Mauz aufgetaucht“ sei, und zündet die nächste Stufe. „Bild“ gestern:

Ausriss Bild-Zeitung - Kritik-Sturm wegen beschämender Weihnachts-Karte - Warum ist sie Integrationsministerin?

So macht man Menschen fertig.

Im Hauptartikel — dieses Mal interessanterweise ohne Autorennamen — geht es unter anderem um Widmann-Mauz‘ Studienabbruch und ihr angebliches Versagen als Integrationspolitikerin. Die Redaktion wirft ihr vor, „dass sie es auch nach acht Monaten im Amt noch nicht geschafft habe, ein Freitagsgebet in einer Moschee zu besuchen.“ Was wäre wohl in „Bild“ los, wenn Annette Widmann-Mauz in diesen acht Monaten dreimal in der Moschee, aber nicht so oft im Gottesdienst gewesen wäre?

Der kleine Kasten unten rechts auf der Seite („Die zweite Karte der Staatsministerin“) ist die Art, wie die „Bild“-Mitarbeiter zeigen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Und dazu gehört auch, dass sie noch einmal auf Annette Widmann-Mauz einschlagen: „Parteiintern christlich, nach außen beliebig — ein bemerkenswerter Widerspruch.“

Vermutlich hätte aber auch eine größere Korrektur nicht mehr viel gebracht. Bei Bild.de durften die Leserinnen und Leser bereits über die berufliche Zukunft der Integrationsbeauftragten abstimmen. In den Sozialen Netzwerken haben die Hetzer, denen „Bild“ das nächste Opfer zum Fraß vorgeworfen hat, Widmann-Mauz längst beleidigt und beschimpft. Die AfD, Erika Steinbach und all die anderen ganz Rechten konnten auf ein neues Thema aufspringen und taten das auch zahlreich. CDU-Politikerinnen und -Politiker haben sich von „Bild“ zu kritischen Äußerungen bringen lassen. „Integrationsexperte“ Ahman Mansour durfte auch noch was sagen.

Und „Bild“ hatte das nächste Kapitel in der traditionellen JahresendErzählung, dass in Deutschland Weihnachten abgeschafft werde.

Für die Fehler, die die Redaktion dabei gemacht hat, musste sie nicht mal um Entschuldigung bitten. Sie hat einfach noch einen draufgesetzt.

Georg Streiter, der früher selbst bei „Bild“ gearbeitet hat und später stellvertretender Regierungssprecher war, hat bei Facebook einen sehr lesenswerten Beitrag zur „Bild“-Berichterstattung über Annette Widmann-Mauz veröffentlicht.* Er schreibt darin unter anderem:

Wer — wie ich — lange Jahre bei Boulevard-Zeitungen gearbeitet hat, kennt auch die Kniffe, mit denen man immer halbwegs überleben kann, auch wenn man gerade ins Klo gegriffen hat. Eine Rettungs-Regel z.B. lautet: wenn Du falsch berichtet hast, lass die Korrektur aussehen wie eine neue Enthüllung. Die veredelte Variante: zünde zusätzlich ein großes Feuerwerk, das ablenkt. Ein Musterbeispiel dafür ist die versuchte Hinrichtung der Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin, Annette Widmann-Mauz (CDU), durch die „Bild“-Zeitung.

Er habe „arge Probleme“, so Streiter, „mit dem fanatischen Kurs, den der aktuelle Chefredakteur fährt.“

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

*Nachtrag, 27. Dezember: Der Facebook-Post von Georg Streiter ist inzwischen nicht mehr für jeden lesbar. Streiter hatte uns gegenüber bereits angekündigt, dass er seinen Text zu gegebener Zeit wieder auf „privat“ stellen werde.

Blättern:  1 2 3 4 ... 123