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Die Springers bei der Ackermann-Sause (2)

Übrigens ist die Deutsche Bank seit vergangenem Dezember Großaktionär der Axel-Springer-AG.

Das ist vielleicht keine ganz unwesentliche Information, um zu verstehen, wie „Bild“ mit dem Abendessen umgeht, das Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Jahr zum 60. Geburtstag des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann ausrichtete. (Unter den 25 Gästen waren zufällig auch drei hochrangige Springer-Vertreter.)

Anders als ungefähr immer bei ähnlichen Anlässen mag „Bild“ die Empörung diesmal nicht teilen oder sich gar an die Spitze der Entrüstungskarawane stellen. Gestern hat sie das Thema (wie berichtet) ganz ignoriert. Heute räumt sie ihm breiten Raum ein.

Im Leitartikel kommentiert Einar Koch haarscharf am Thema vorbei:

Wenn die Kanzlerin der größten Wirtschaftsnation Europas nicht einmal mehr 25 wichtige Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur zum Abendessen einladen darf — dann gute Nacht, Deutschland!

(Der Name Ackermann und die Tatsache, dass sein Geburtstag Anlass für die Einladung gewesen sein soll, kommt in dem Kommentar nicht vor.)

Hugo Müller-Vogg fragt:

Wer darf auf Steuerzahlers Kosten im Kanzleramt dinieren*? *festlich essen

Er beantwortet die Frage nicht, sagt aber, Gäste wie Verlegerin Friede Springer, „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher, „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann und der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann kämen „häufiger ins Kanzleramt“.

Und „Bild“-Autor Dirk Hoeren enthüllt, dass „auch Merkels Vorgänger, Gerhard Schröder (SPD) die Möglichkeit [solcher Bewirtungen] häufig nutzte“ und rechnete vor, dass dessen „Spesen“ sich 2004 und 2005 auf insgesamt 533.000 Euro beliefen. Dass der entsprechende Etat unter Merkel offenbar erhöht wurde, erfährt der „Bild“-Leser nicht.

Anders als bei, sagen wir: der Dienstwagen-Affäre von Ulla Schmidt oder Wolfgang Thierses 60. Geburtstag vor sechs Jahren, scheinen „Bild“ die konkreten Kosten, die bei dem umstrittenen Empfang für Ackermann anfielen und die das Kanzleramt bislang nicht nennen wollte, nicht einmal zu interessieren.

Das ist einerseits erstaunlich für „Bild“, eine solche Chance zur (gerechtfertigten oder ungerechtfertigten) Skandalisierung nicht zu nutzen. Und andererseits vielleicht auch nicht — für ein parteinahes Stieftochterblatt der Deutschen Bank.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Den Falschen zum Todesschützen gemacht

Nicht weniger als drei Autorenkürzel stehen unter dem „Bild“-Artikel über das Familiendrama, bei dem ein Mann am vergangenen Samstag in Sundern seine Frau auf offener Straße erschoss. Aber es waren entweder nicht genug — oder einfach zu viele „Bild“-Autoren beteiligt, um einen gravierenden Fehler zu verhindern: Den Täter mit seinem Bruder zu verwechseln.

„Bild“ hat zwar den Nachnamen der Eheleute abgekürzt, aber sich — wie üblich — keine Mühe gemacht, die Beteiligten tatsächlich zu anonymisieren. Das Blatt nennt den ungewöhnlichen Vornamen des vermeintlichen Täters, schreibt, wo er arbeitet und zeigt ein Foto des Hauses der Familie.

Das ist in diesem Fall besonders dramatisch, denn die Namen sind nicht die von Täter und Opfer, sondern vom Bruder des Täters und seiner Frau. Auch die „Hintergründe“ des Artikels basieren teilweise auf dem Leben des Bruders.

Man kann sich ausmalen, wie sehr das das Leid der überlebenden Verwandten vergrößert hat, dass sie in ihrer Situation nun auch noch als Täter und Todesopfer dargestellt wurden. Und das nur, weil eine große Boulevardzeitung nicht anonymisieren will und nicht recherchieren kann.

PS: Heute korrigiert sich „Bild“ am Ende eines weiteren Artikels zum Thema:

Durch eine bedauerliche Namensverwechslung war der engagierte Trainer des Fußballvereins […] bei BILD.de als Täter und seine Frau als Opfer bezeichnet worden. Beide haben mit dem Verbrechen nichts zu tun.

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Die Springers bei der Ackermann-Sause

An der Zeit kann’s nicht gelegen haben, dass es die Geschichte nicht mehr in die heutige „Bild“-Zeitung geschafft hat: Um 14.28 Uhr gestern nachmittag meldete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf „Report Mainz“, dass der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, zu seinem 60. Geburtstag 30 Gäste ins Kanzleramt habe einladen dürfen. „SPD, Grüne, Linke und der Bund der Steuerzahler monierten in der ARD, dass die Bürger die Kosten übernehmen mussten“, ergänzte die Agentur AP eine gute Stunde später. Weitere Agenturen verbreiteten die Nachricht ebenfalls noch am Montagnachmittag.

Sie ist deshalb heute in fast allen Zeitungen zu lesen: „Süddeutsche“, „FAZ“, „taz“, „Berliner Zeitung“, „Tagesspiegel“ — auch die Springer-Zeitungen „Welt“, „Hamburger Abendblatt“ und „B.Z.“ berichten. Nur in „Bild“ (Bundesausgabe und Berlin-Brandenburg) steht nichts über „Merkels ‚Sause‘ für Ackermann“ („Berliner Kurier“), kein Wort. Wenn es nicht an der Zeit gelegen hat und nicht am Platz (notfalls hätte man das Thema sicher irgendwie noch in dem größeren „Bild“-Artikel „Jeden Freitag: Merkel schreibt Einkaufszettel für ihren Mann“ auf Seite 1 unterbringen können) — woran dann?

Eine naheliegende Erklärung wäre die Person und Parteimitgliedschaft der betroffenen Politikerin (man male sich aus, wie die „Bild“-Zeitung heute ausgesehen hätte, wenn — sagen wir — Ulla Schmidt eine solche Party geschmissen hätte).

Eine weitere mögliche Antwort oder jedenfalls einen guten Anlass für Spekulationen liefert die „Rheinische Post“ in ihrer Online-Ausgabe. Nach ihren Angaben gehörten zu den eingeladenen Geburtstagsgästen auch die Verlegerin Friede Springer und Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Axel-Springer-AG, in der die „Bild“-Zeitung erscheint. Und Frank Schirrmacher, Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der selbst ebenfalls dabei war, nennt auf FAZ.net einen weiteren Teilnehmer: Kai Diekmann, Chefredakteur von „Bild“.

Vielleicht waren das zwei, drei, vier gute Gründe für die „Bild“-Leute, die Geschichte in der Printausgabe sicherheitshalber erst einmal gar nicht zu bringen und sie online zu begraben. Denn bei Bild.de gibt es zwar einen Artikel „Deutsche Bank-Chef Ackermann: Geburtstagsfeier auf Staatskosten?“ Der wird aber auf Bild.de nicht angekündigt, hat keinen Teaser und ist, anders als deutlich ältere Texte, nicht auf der Übersichtsseite im Ressort Politik verzeichnet. Man findet ihn ausschließlich über die Suchfunktion.

Mit Dank an Thomas, Arnt B., Mario G., Daniel P., Gunnar M., Martin R. und Sascha L.!

Nachtrag, 20.50 Uhr. Nun endlich widmet sich Bild.de nicht mehr nur versteckt dem Thema — und fragt, ganz „Bild“-untypisch:

Warum plötzlich so viel Aufregung?

Bild.de beantwortet das indirekt mit dem Fehlen von „großen Themen“ im Wahlkampf und dem Kalkül von „Merkel-Gegnern“ und schreibt:

Ausgelöst hat den plötzlichen Wirbel eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Gesine Lötzsch, über die „Report Mainz“ berichtet hat.

In Wahrheit ist die Anfrage von Lötzsch schon aus dem vergangenen April. Ackermann selbst hat das Thema wieder in die Öffentlichkeit gebracht, als er in einem ZDF-Porträt über Merkel, das vor zwei Wochen ausgestrahlt wurde, mit dem Empfang prahlte. Bild.de weiter:

Eingeladen waren Manager aus Dax-Konzernen, Mittelstandsbetrieben, Wissenschaftler, Vertreter aus Kultur und Medien — darunter auch TV-Moderator Frank Elstner.

Dass auch der eigene Chefredakteur, der eigene Vorstandsvorsitzende und die Verlegerin höchstselbst eingeladen waren, hält Bild.de nicht für erwähnenswert.

Nachtrag, 21.15 Uhr. Huch, nun gibt es sogar noch einen Bild.de-Artikel zum Thema. Dieser beseitigt letzte Zweifel, wie man bei „Bild“ mit dem Fall umgeht:

Und wie das bei Einladungen im Kanzleramt häufiger der Fall ist, durfte der Geladene Vorschläge für die Gästeliste machen.

Daraus wollen Merkels Gegner plötzlich ein Wahlkampfthema machen.

Und zitiert aus dem FAZ.net-Artikel von Frank Schirrmacher:

Bereitwillig zitiert der Mitherausgeber der FAZ auch aus der Gästeliste: Mathias Döpfner (Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG), Kai Diekmann (BILD-Chefredakteur und -Herausgeber) und Wolfgang Schürer, Vorsitzender der Stiftung des Lindauer Nobelpreisträgertreffens, seien mit am Tisch gewesen.

Auch aus der Namensliste der „Rheinischen Post“ zitiert Bild.de, lässt aber den Namen Friede Springer weg.

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Wie man mit Inhalten anderer Geld verdient

Dies hier ist die heutige Titelseite der „Bild“-Zeitung:

Und das hier ist — abgesehen vom Heraussuchen von drei vermutlich honorarfreien Fotos von RTL — die vollständige Eigenleistung der „Bild“-Zeitung bei der Aufmachergeschichte, mit der sie heute die Menschen am Kiosk zum Kauf animieren will:

Alles andere sind ausschließlich Zitate Jauchs in direkter und indirekter Rede, die aus dem aktuellen „Zeit Magazin“ (rechts) stammen. Das hat ein langes Gespräch mit dem Moderator geführt, und „Bild“ gibt die Zeitschrift sogar als Quelle an.

Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, die „Bild“ herausgibt, sagt (bezogen auf Google): „Es kann nicht sein, dass die einen für viel Geld wertvolle Inhalte erstellen und die anderen sie kostenlos kopieren und vermarkten.“

Der Satz gilt aber offenbar nur, wenn die anderen die anderen sind.

(Die Kollegen von Carta hatten angesichts der Titelgeschichte dieselbe Idee, waren aber deutlich schneller als wir.)

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Chancenlos auf der Bank

Das mag jetzt vielleicht etwas philosophisch klingen, aber es gibt Sätze, die sind gleichzeitig richtig und falsch.

„Bild“ hat heute einen solchen Satz in den Spielbericht des Freundschaftsspiels von Borussia Dortmund gegen Real Madrid eingebaut:

Einer will‘s besonders wissen. Der Holländer Robben, zur Pause gekommen, jagt mit gefühlter Schallgeschwindigkeit aus 18 m die Kugel in den Knick – 0:2 (48.). Keine Chance für Weidenfeller.

Ja, Roman Weidenfeller hatte keine Chance — was aber auch daran gelegen haben kann, dass er in der 48. Minute gar nicht mehr auf dem Platz war.

Borussia Dortmund hatte nämlich zur Pause fast das komplette Team ausgetauscht und so stand in der zweiten Halbzeit Marc Ziegler zwischen den Pfosten, wie man dem Spielbericht auf bvb.de entnehmen kann:

Teams & Tore Borussia Dortmund - Real Madrid C.F. 0:5 (0:1) BVB 1. Halbzeit: Weidenfeller [...] BVB 2. Halbzeit: Ziegler
Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Der Trick mit dem Mann ohne Unterleib

Als sich der Fußballspieler Lars Bender gestern vom TSV 1860 München verabschiedete, sei er „kaum beachtet“ worden, berichtet „Bild“. Kein Wunder, möchte man sagen, wenn man sich die entsprechende Szene auf Bild.de ansieht:

Denn wer beachtet schon einen Fußballer, selbst einen U19-Nationalspieler, wenn im Hintergrund ein Mann ohne Unterleib schwebt?

Wie konnte das passieren?

Der Redaktion von „Bild“-München waren auf dem Foto von Benders Abgang „durch die Hintertür“ offenbar ein bisschen zu viele Leute zu sehen — schließlich ging er ja angeblich „kaum beachtet“. Also schnitt sie in ihrer gedruckten Ausgabe das Bild links an und ließ den Menschen mit dem iPhone verschwinden. Auf der rechten Seite reichte ebenfalls ein einfacher Schnitt, um einen weiteren Beobachter zu entfernen.

Den korpulenten Mann daneben ließ „Bild“ schließlich noch hinter einem schwarzen Textblock mit einem längeren Bildtext verschwinden — wobei der Redaktion irgendwann aufgefallen sein muss, dass unter dem Kasten noch die Beine herausragten. Also wurden die kurzerhand wegretuschiert. Aus dem Beobachter wurde ein Mann ohne Unterleib, was in der Zeitung nicht weiter auffiel, weil der Oberkörper vom schwarzen Kasten verdeckt wurde. Voilà:

Vermutlich hätte niemand etwas von der kleinen Manipulation gemerkt, wenn der Artikel nicht auch online veröffentlicht worden wäre — mitsamt dem retuschierten Foto. Bei Bild.de befreite man das Foto von den Fesseln des Print-Layouts und dem schwarzen Textkasten und ließ dem Mann ohne Unterleib freien Lauf.

Und so haben wir nicht nur etwas darüber gelernt, wie genau man sich bei Bild.de eigentlich ansieht, was man da veröffentlicht, sondern auch über den Aufwand, den man bei „Bild“ betreibt, damit ein Foto zur gewünschten Bildunterschrift passt.

Mit Dank an Stefan D.!

Nachtrag, 0:00 Uhr. Bild.de hat das Foto mit dem Mann ohne Unterleib unauffällig und ersatzlos gelöscht.

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Kai Diekmanns „Sorgen“

Erinnern Sie sich an den Wahlkampf zur Hamburger Bürgerschaftswahl Anfang vergangenen Jahres? Also, den Wahlkampf von „Bild“ für den CDU-Spitzenkandidaten Ole von Beust?

Das NDR-Medienmagazin „Zapp“ hatte damals darüber berichtet und formulierte:

[…] Bild-Chef Kai Diekmann sorgte schon im letzten Wahlkampf [2004] dafür, dass sein Blatt für Ole von Beust trommelte.

„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann versucht seit eineinhalb Jahren, dem NDR diesen Satz verbieten zu lassen. Er argumentiert, dass die Formulierung, er habe „dafür gesorgt“, nur im Sinne einer konkreten Weisung, Vorgabe oder Leitlinie von ihm an die Redaktion zu verstehen sei, über von Beust durchgängig oder ganz überwiegend positiv zu berichten. Die habe er aber nicht erteilt.

Diekmann verlor sowohl in erster als auch in zweiter Instanz. Im Juni wies das Hamburger Oberlandesgericht Diekmanns Klage ab (324 O 442/08) und erklärte, die Aufmerksamkeit des Zuschauers werde nicht auf „interne Vorgänge im Bereich der BILD-Redaktion gelenkt, sondern es werden ausschließlich die im Jahr 2004 in der Zeitung erschienenen Beiträge als ein ‚Trommeln‘ für von Beust bewertet“. Und weiter:

Der Begriff des „Sorgens“ enthält in dem Kontext der Berichterstattung einen lediglich diffusen Tatsachenkern, der darin besteht, dass der Kläger im Rahmen seiner Tätigkeit als Chefredakteur die (positive) Berichterstattung gebilligt und ihre Veröffentlichung ermöglicht hat. Die Person des Klägers wird dabei als Chefredakteur und damit Vorgesetzter der anderen Redaktionsmitglieder in die Wertung einbezogen. Ob und in welcher Weise der Kläger persönlich von seiner tatsächlich bestehenden Möglichkeit, auf die kritisierte Berichterstattung Einfluss zu nehmen, Gebrauch gemacht hat, ist der beanstandeten Passage nicht zu entnehmen. Vielmehr wird mit dem Begriff des „Sorgens“ lediglich darauf hingewiesen, dass er in seiner Funktion als Chefredakteur an der positiven Berichterstattung mitgewirkt habe.

Diese Aussage ist nicht unwahr.

Kai Diekmann ist nicht bereit, dieses Urteil zu akzeptieren. Weil das Oberlandesgericht keine Revision zugelassen hat, ließ er „Nichtzulassungsbeschwerde“ einlegen, um weiter dagegen vorgehen zu können.

BKA? Da könnte ja jeder bitten!

Es war vielleicht die „erste Multimedia-Verbrecherjagd“ und „eine der spektakulärsten Fahndungen in der Kriminalgeschichte“, wie „Bild“ heute schreibt: Am Mittwoch hatte das BKA in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ und im Internet nach einem Mann gefahndet, dem mehrfacher schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wird.

Da sich der Mann bei seinen Taten selbst gefilmt hatte und alle bisherigen Fahndungsmaßnahmen erfolglos waren, entschied man sich zur Veröffentlichung von Videos und Fotos.

Nach dem großen Medien-Echo hat sich der mutmaßliche Täter gestern gestellt, wie das BKA sofort vermeldete. Die Pressemitteilung enthielt einen weiteren Hinweis:

Wichtig:

Da mit der Identifizierung der Grund für die Öffentlichkeitsfahndung entfällt, werden die Medien gebeten, die veröffentlichten Videos, Bilder und Stimmproben nicht weiter zu verwenden und aus den Internetportalen zu entfernen.

Und so kamen die Medien dieser Bitte heute nach (alle gelben Flächen sind von uns):

Schlimmster Kinderschänder stellt sich: So zeigte sich das Dreckschwein im Internet
(„Bild“)

Dieses Bild stammt aus einem Film, den der Täter gedreht hat
(„Tagesspiegel“)

Der Täter filmt sich selbst
(„Süddeutsche Zeitung“)

Aber selbst Menschen, die der widerlichsten Verbrechen beschuldigt sind, haben Rechte. Der Rechtsanwalt Markus Kompa schreibt in seinem Blog:

Für eine Anprangerung in den Medien eines nicht verurteilten Täters gibt es keine Rechtsgrundlage. Die Regeln über die Art und Weise entsprechender Berichterstattung sind im Kodex des Deutschen Presserates hinreichend ersichtlich. Strafe ist Sache des Strafrichters.

(…) Was mich (…) stört, ist die unprofessionelle Gleichgültigkeit, die manche angeblich seriösen Medien an den Tag legen. Wenn es sich um ein sozial besonders geächtetes Delikt handelt, dann scheint man mit zweierlei Maß messen zu dürfen.

Zahlreiche Onlinemedien haben die Fahndungsfotos nach wie vor in ihren Archiven. Dass es durchaus möglich wäre, der Bitte des BKA nachzukommen und die Rechte des Beschuldigten zu respektieren, beweist u.a. „Spiegel Online“.

Für das „Dreckschwein“ (aus dem online eine „Sex-Bestie“ wurde) kann sich „Bild“ wahrscheinlich schon mal auf Post vom Presserat einstellen, was die Zeitung sicher gelassen zur Kenntnis nehmen ignorieren wird.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 23:55 Uhr: Und so illustrierte „RTL Aktuell“ den Fall heute um 18:45 Uhr, mehr als 24 Stunden nach der Mitteilung des BKA:

Alle haben ihm vertraut

Lady Gagas kleiner Penis kommt ganz groß raus

Zwei Fragen beschäftigen die Menschen in diesen Tagen, und eine davon können wir beantworten.

Frage 1: Hat Lady Gaga einen Penis?
Frage 2: Sind die Medien komplett verrückt geworden?

Aber beginnen wir diese Geschichte doch einfach bei einer seriösen Nachrichtenseite, der des ARD-Boulevardmagazins „Brisant“. Dort heißt es:

Lady Gaga: „Ja, ich habe einen Penis!“

Das [sic] die US-amerikanische Sängerin Lady Gaga gern Haut zeigt, ist nichts Neues. Doch als sie beim Glastonbury Festival in England auf der Bühne von einem Motorrad stieg, rutschte ihr knappes rotes Kleid noch ein Stück höher und gab den Blick auf etwas frei, dass [sic] aussah wie ein Penis. Zu einem amerikanischen Magazin sagte sie, dass sie sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsteile habe, sich aber eher als Frau fühle. Ob das stimmt, oder ob sich die verrückte Künstlerin nur wieder selbst inszenieren wollte, bleibt offen.

Doch das ist nicht das einzige, das offen bleibt. Offen bleibt auch und vor allem die Frage, ob Frau Gaga das überhaupt gesagt hat. Das Zitat stammt aus einem merkwürdigen verwaisten Blogrudiment namens „Starr Trash“. Das behauptete, die Künstlerin hätte in einem Blog-Eintrag die Gerüchte bestätigt, sie sei zweigeschlechtlich (intersexuell):

Its not something that I’m ashamed of, just isn’t something that i go around telling everyone. Yes. I have both male and female genitalia, but i consider myself a female. Its just a little bit of a penis and really doesnt interfere much with my life. the reason I haven’t talked about it is that its not a big deal to me. like come on. its not like we all go around talking about our vags. I think this is a great opportunity to make other multiple gendered people feel more comfortable with their bodies. I’m sexy, I’m hot. i have both a poon and a peener. big fucking deal.
– L8d Gaga <3>

Ich schäme mich dafür nicht, es ist nur nichts, das ich jedem erzähle. Ja. Ich habe sowohl männliche als auch weibliche Genitalien, aber ich verstehe mich als Frau. Es ist nur ein kleines Stück Penis und stört nicht groß in meinem Leben. Ich habe deshalb nicht darüber geprochen, weil es für mich kein großes Thema ist. Wir rennen ja auch nicht herum und reden über unsere Vaginas. Ich finde, dies ist eine gute Gelegenheit, anderen Menschen mit multiplen Geschlechtern zu helfen, sich mit ihren Körpern wohler zu fühlen. Ich bin sexy, ich bin heiß. Ich habe eine Muschi und einen Pimmel. Was soll’s.

Das Blog gibt sich alle Mühe, kein Vertrauen in seine Seriösität zu wecken, und es spricht sehr viel dagegen, dass das Zitat echt ist. Sicher aber ist: Es ist alt. Der Blog-Eintrag stammt vom 14. Dezember 2008.

Als nun Foto- und Videoaufnahmen auftauchten, die möglicherweise den versehentlich entblößten Penis der Sängerin bei einem Live-Auftritt vor gut fünf Wochen zeigen, kramte „Gone Hollywood“, ein anderes amerikanisches Blog ohne besonderen Anspruch, das passende alte angebliche Zitat hervor.

„Gone Hollywood“ schreibt ausdrücklich, dass das Zitat nicht neu ist, und behauptet auch nicht, die Quelle zu sein. Und trotzdem dient dieser kleine hingeworfene Eintrag nun ungezählten Medien als Beleg für die aufgeregte Meldung, Lady Gaga habe jetzt plötzlich zugegeben, einen Penis zu haben.

Die „Abendzeitungs“-Fachfrau Kimberly Hoppe, bekannt für ihre sensiblen Twitter-Reportagen, berichtet:

Während sich andere Stars zu Intimitäten selten äußern, und zu so etwas schon gar nicht, machte Lady/Mister GaGa kurz darauf eine bemerkenswert deutliche Ansage. Dem Online-Portal [!] „Gone Hollywood“ sagte die Skandal- Sängerin: „Ja, ich habe einen kleinen Penis!“

Hoppes Artikel trägt die Überschrift: „Lady GaGa schockt mit kleinem Penis“ (als wäre ein großer weniger schockierend gewesen) und enthält einen unscharfen Screenshot mit der gewagten Unterzeile: „Eindeutig zu erkennen: Lady GaGa und ihr kleiner Penis.“

Der Online-Ableger des öffentlich-rechtlichen österreichischen Radiosenders Ö3 verlinkt sogar den Blog-Eintrag von „Gone Hollywood“, schreibt aber trotzdem:

Lady Gaga behauptet, dass Sie [sic] einen Penis besitzt. Auslöser für dieses Geständnis ist eine [sic] Video-Konzertmitschnitt, das [sic] eine ziemlich deutliche Beule unter ihrem Minikleid zeigt. (…)

Darauf angesprochen sagte die 23-Jährige dem Onlinemagazin [!] Gone Hollywood: „Ich habe einen kleinen Penis. Ich schäme mich deswegen nicht, aber ich erzähle es eben nicht überall herum. Ich meine, wir reden ja auch nicht die ganze Zeit über unsere Vaginanen [sic]. (…)“

Der „Münchner Merkur“ und seine diversen Schwesterblätter machen begeistert mit, die „B.Z.“ sowieso, und Radio Energy (das „Gone Hollywood“ ein „Magazin“ nennt), zieht aus der, nun ja: Enthüllung die merkwürdige Schlussfolgerung: „Lady Gaga hatte bis jetzt also wirklich ein perfektes Pokerface.“ Vor wenigen Minuten ist Bild.de auf den Gaga-Zug aufgesprungen, wodurch die Geschichte mit Sicherheit erst richtig Schwung bekommen wird.

Und um auf die beiden Fragen vom Anfang zurückzukommen: Die zweite können Sie jetzt selbst beantworten.

Mit Dank an Jan B.!

B.Z., Bild  

Der falsche Jacko und der doppelte Reinfall

Am vergangenen Donnerstag enthüllte „Bild“, dass die Stasi eine Akte über Michael Jackson angelegt hatte. Ein Schmankerl aus den Unterlagen hob sich der Autor Hans-Wilhelm Saure (so etwas wie der inoffizielle Stasi-Beauftragte bei „Bild“) aber für den nächsten Tag auf:

Die Stasi knipste Jacko am Checkpoint Charlie

Ausführlich zitierte „Bild“ aus dem Protokoll über den Besuch Jacksons am Checkpoint Charlie und zeigte zwei Fotos, die die Stasi vom dem Popstar und dem Menschenauflauf, den er auslöste, gemacht hatte. Auch die Berliner Schwesterzeitung „B.Z.“ berichtete am selben Tag:

Dieses Foto von Jackson hat die Stasi geschossen

(…) Am Tag vor seinem West-Berliner Konzert erklimmt Jackson die Besuchertribüne am Checkpoint Charlie. Die Stasi drückt auf den Auslöser

Doch in der „B.Z.“ erschien am nächsten Tag ein weiterer Artikel:

Stasi fiel auf falschen Michael Jackson rein

(…) Doch jetzt kommt raus: Der vermeintliche King of Pop war ein Double! Den Auftritt des Doppelgängers hatte eine Sicherheitsfirma organisiert. Gemeinsam mit einem Fernsehteam hatte sie den falschen Jackson durch die ganze Stadt gelotst. Am Checkpoint Charlie waren die Stasi-Leute nicht die einzigen, die dem Schwindel aufsaßen. Ständig befanden sich „ca. 80-100 schaulustige Personen in der Nähe des Rock-Sängers“, heißt es im Stasi-Protokoll.

Sat.1 hatte den Doppelgänger damals engagiert; auf der Homepage von Christian Engel, dessen Sicherheitsfirma beteiligt war, ist die ganze Aktion ausführlich dokumentiert.

Und nun könnte man den „B.Z.“-Leuten natürlich zurufen, dass nicht nur die Stasi auf den falschen Michael Jackson reingefallen ist, sondern über 20 Jahre später auch noch einmal sie selber, aber wurscht.

Bemerkenswerter ist, wie „Bild“ darauf reagierte, auf einen Doppelgänger (und die Stasi) hereingefallen zu sein. Nachdem das Sat.1-Frühstücksfernsehen am Freitagmorgen über die eigene Aktion von damals berichtet hatte stellte die „B.Z.“ am Freitagnachmittag einen Korrektur-Artikel „Michael Jackson-Double narrte Stasi“ online. Vier Stunden später (!) veröffentlichte „Bild“ den Artikel „Die Stasi knipste Jacko am Checkpoint Charlie“ aus der gedruckten Ausgabe desselben Tages, dessen Wert Sat.1-Moderatorin Marlene Lufen so eindrucksvoll demonstriert hatte (siehe Screenshots rechts), unverändert im Internet, womöglich extra, aus Trotz.

Zu irgendeiner Form von Korrektur hat sich das Blatt bis jetzt nicht hinreißen lassen.

Nachtrag, 20.40 Uhr. Auch bei FAZ.net glaubt man immer noch, dass es sich bei dem Mann auf dem Foto um den echten Michael Jackson handelte.

Nachtrag, 4. August. Die englische Version von „Spiegel Online“ und „Focus Online“ aufgrund einer AP-Meldung auch.

Nachtrag, 15.10 Uhr. FAZ.net scheint die Bildergalerie kommentarlos gelöscht zu haben; dafür überrascht die gedruckte „FAZ“ heute als Nachzügler mit den Stasi-Fotos — und hält den Abgebildeten für Michael Jackson.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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