Archiv für Bild

Bild  

Strahlende Verlierer

Das Titelseiten-Element „Gewinner“ und „Verlierer“ wirkt häufig ein bisschen wahllos, doch für „Bild“ ist es eine schöne Gelegenheit, um anhand von Lappalien unauffällig die eigene Linie zu propagieren.

Die Redakteure dürften sicherlich um zwei bis drei Ecken gedacht haben, als sie die „Verliererin“ für die Samstags-Ausgabe kürten:

Weil sie um ihre Wiederwahl als Chefin der Bauernpartei fürchtet, betreibt die schwedische Energieministerin Maud Olofsson (54) die Ablösung von Vattenfall-Chef Lars Josefsson (Klimaberater der Kanzlerin). Als Grund für die Entmachtung des erfolgreichen Konzernlenkers (7 Mrd. Euro Gewinn) schiebt sie Pannen in den AKWs Krümmel und Brunsbüttel vor.
BILD meint: GAU – Größter Anzunehmender Unfug!

Was „Bild“ beim Angriff auf die Ministerin, die den ach-so-erfolgreichen Vorstandsvorsitzenden absägen wollte, offensichtlich nicht ahnen konnte (oder wollte): Der Aufsichtsrat von Vattenfall entschied heute tatsächlich, den Vertrag mit dem Klimaberater der Kanzlerin nicht zu verlängern.

Vermutlich liest man in der Vattenfall-Zentrale einfach keine deutschen Boulevardzeitungen. Nicht mal solche, die manchmal auch als Vattenfall-Fanzine durchgehen könnten.

Böcke schießen

Kai Diekmann hat das Watchbloggen für sich entdeckt.

Heute hat er in seinem Blog die Leute vom Fachdienst „Meedia“ verdient dumm aussehen lassen, die die explodierten Zugriffszahlen der „News-Site“ sueddeutsche.de feierten, ohne zu merken, dass das ausschließlich an den Online-Spielen des Portals lag. Und die „taz“, weil sie ein Foto, das im Hamburger Schanzenviertel entstand, als Dokument der Mai-Krawalle in Berlin-Kreuzberg ausgab.

Das ist als Fernbewerbung bei uns schon ganz vielversprechend, und doch gibt es gute Gründe, warum man sich gemeinhin nicht von Böcken was übers richtige Gärtnern erzählen lässt.

Nehmen wir den Fall mit der Kalaschnikow. Diekmann macht sich über die „taz“ lustig, die heute fälschlicherweise behauptet, die RAF habe eine Kalaschnikow in ihrem Emblem getragen, und lässt unter der Überschrift „Fehlzündung“ bloggen:

In der Tat: Andreas Baader fuhr nicht nur gern Porsche, sondern hatte auch ein Faible für edles deutsches Waffengut. Heckler & Koch musste es schon sein. Auch im Logo. Die dort abgebildete Maschinenpistole heißt übrigens MP5.

Liebe Genossen, Euren Pazifismus in Ehren – aber ein bisschen Ahnung solltet Ihr schon haben.

Dies hier ist übrigens gar keine Wumme:

Jahaha.

Die wortreiche Häme wäre allerdings noch überzeugender, wenn Diekmann nicht selbst eine Redaktion von Blinden anführen würde (vgl. z.B. hier).

Und wenn sich im Archiv der Zeitung, deren Chefredakteur Diekmann seit 2001 ist, nicht am 8. März 2003 folgender Artikel fände:

Ja. Und dies hier ist übrigens gar kein Schlagstock:

Mit Dank an Clarissa von A.! Foto: http://www.flickr.com/photos/alykat/

Schweinegrippe: Arbeiten an der Hysterie

Die Schweinegrippe verkauft sich gut. In den vergangenen 27 Tagen haben „Bild“ und „Bild am Sonntag“ zwölfmal mit der Krankheit auf der Titelseite aufgemacht:

Um seriöse Information ging es dabei in den wenigsten Fällen. Wie „Bild“ Panik schürt, um Auflage zu machen, lässt sich auch am heutigen Aufmacher zeigen:

Richtig ist, dass in Kassel am vergangenen Donnerstag ein 15-jähriges Mädchen gestorben ist, das mit dem H1N1-Virus infiziert war. Anders als „Bild“ suggeriert, ist aber noch nicht ausgemacht, ob das „Killer-Virus“ die Todesursache ist. Der Hessische Rundfunk berichtete gestern:

Das Mädchen sei an den Folgen einer Herzmuskelentzündung gestorben, teilte der behandelnde Oberarzt Thomas Fischer vom Klinikum in Kassel am Samstag mit. Diese Entzündung könne auch durch Grippeviren verursacht werden. Ob in dem Fall der verstorbenen Schülerin das H1N1-Virus für die Erkrankung verantwortlich sei, könne man noch nicht sagen.

Ein Sprecher der Stadt Kassel sagte, es gebe derzeit „keinen Hinweis darauf, dass die Schülerin an der Schweinegrippe gestorben ist“.

Auch aktuell ist die genaue Todesursache laut übereinstimmenden Agenturberichten noch ungeklärt. Möglicherweise habe die Herzerkrankung unabhängig von der Infektion zum Tod geführt, heißt es.

„Bild“ aber will es besser, oder genauer: gar nicht wissen und spricht vom „Grippetod“.

PS: In Kassel ist nach dem Tod des Mädchens laut Gesundheitsamt eine „sehr, sehr große Hysterie“ ausgebrochen.

(Mitarbeit: Ronnie Grob)

Bild  

Wenn Moslems töten

„Schöne Türkin vom Ehemann ermordet?“ fragt die „Bild“ heute.

Obwohl sie sich nicht sicher ist, dass Figen C. von ihrem Mann ermordet wurde, weiß sie bereits, warum er sie ermordete:

Bild vermutet Ehrenmord

Das Polizeipräsidium Südhessen erklärte auf Anfrage von BILDblog, zu den Motiven der Tat könnten noch keine Angaben gemacht werden. In der Vergangenheit habe es mehrere körperliche Übergriffe des Mannes auf seine Frau gegeben, die ihn verlassen wollte. Dass sie getötet wurde, weil sie „die westliche Lebensart mochte“, wie „Bild“ schreibt, sei aber rein spekulativ. Deshalb könne auch nicht mit Sicherheit von einem „Ehrenmord“ gesprochen werden.

Für „Bild“ ist die Lage übersichtlicher: Wird eine Türkin von ihrem türkischen Ehemann ermordet, ist das ein Ehrenmord. Tötet ein deutscher Familienvater seine Frau, nennt man das eine Familientragödie.

Gericht kürzt Diekmanns Blog

Nachdem Jung-Blogger Kai Diekmann sich zu Beginn damit brüsten konnte, von der „taz“ verklagt und von einer falschen Alice Schwarzer als „Sexist“ beschimpft worden zu sein (BILDblog berichtete), kann er nun den neuesten Erfolg für sich reklamieren: Das Landgericht Berlin hat ihm auf Antrag des Kulturmagazins „Lettre International“ offenkundig falsche Behauptungen untersagt, wie kress.de berichtet.

„Lettre International“ hatte ein Interview mit dem Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin geführt, das bald darauf Aufsehen erregte. „Bild“ hatte dieses Interview nahezu vollständig in seiner Printausgabe und bei Bild.de zitiert — ohne Einwilligung von „Lettre International“, wie deren Chefredakteur Frank Berberich sagte.

Kai Diekmann hielt in seinem Blog dagegen und behauptete, dass es „normal“ sei, wenn eine „große Zeitung“ eine „kleine Zeitschrift“ „zitiert“. Dass „Bild“ die Genehmigung für den Abdruck fast des gesamten Interviews hatte, meinte Diekmann sogar mit einem handschriftlichen Vermerk der „Lettre“-Redatktion belegen zu können:

Lieber Herr Berberich: Da müssen Sie etwas übersehen haben. Denn natürlich haben wir das Interview nicht geklaut, sondern uns vorher die Erlaubnis zur Veröffentlichung geholt. Mein Kollege Hans-Jörg Vehlewald aus der Politikredaktion bat dafür telefonisch in ihrem Büro um den kompletten Text, den er anschließend auch per Fax bekam - versehen mit dem handschriftlichen Vermerk: "z. Hd. Herrn Vehlewald, mit Nennung der Quelle: Lettre International" (siehe ganz unten).

Nun muss man BILD ja nicht mögen. Und man kann sich auch immer alles anders überlegen. Aber uns zuerst den Abdruck zu erlauben, und dann davon nichts mehr wissen zu wollen, finde ich…komisch.

„Komisch“ dürften auch Nicht-Juristen Diekmanns Behauptung gefunden haben, dass aus den Worten

z. Hd. Herrn Vehlewald, mit Nennung der Quelle: Lettre International

die Genehmigung zu einem Komplettabdruck zu entnehmen sei.

Berberich blieb entsprechend bei seinen Vorwürfen, wie kress.de vergangene Woche meldete, und zog vor Gericht. Das entschied: Diekmann muss seine Behauptungen unterlassen. Außerdem muss er in seinem Blog eine Gegendarstellung veröffentlichen, in der „Lettre“ wiederholt, „Bild“ keine Genehmigung zum Komplettabdruck gegeben zu haben. Diese Gegendarstellung soll in gleicher Aufmachung wie der „Erlaubnis-Text“ veröffentlicht werden und so lange dort abrufbar sein wie der beanstandete Eintrag.

Der allerdings ist seit heute um die zwei oben zitierten Absätze kürzer:

Hier stand ein Absatz, den wir aus rechtlichen Gründen nicht mehr veröffentlichen dürfen (raten Sie, wer das erwirkt hat…)

Bild  

Weltstar-Halluzinationen: With or Without You

Ja, da macht „Bild“ keiner was vor. Tausende sahen gestern den Auftritt von U2 am Brandenburger Tor, aber nur eine Zeitung hat bemerkt, dass da zwei sensationelle prominente „Überraschungsgäste“ auf der Bühne standen:

„Bild“ hat sogar Beweisfotos von den Auftritten von Bruce Springsteen und Mick Jagger mit U2 (siehe links).

Allerdings lautet der Original-Bildtext, mit dem die Agentur Getty Images das Foto von Springseen und The Edge verbreitet, so:

NEW YORK – OCTOBER 30: The Edge of U2 and Bruce Springsteen performs on stage during the 25th Anniversary Rock & Roll Hall of Fame Concert at Madison Square Garden on October 30, 2009 in New York City. (Photo by Kevin Mazur/WireImage)

Und auch das Foto von Mick Jagger stammt von derselben Veranstaltung: einem Konzert im Madison Square Garden am Freitag vergangener Woche.

Die „Überraschung“ bei den „Überraschungsgästen“ bestand also darin, dass „Bild“ sie gestern am Brandenburger Tor sah, obwohl sie gar nicht da waren.

… stellt sich also die Frage, ob „Bild“ eine ganze besondere Konzertrechercheschwäche hat oder ob das der ganz normale Recherchestandard von „Bild“ ist, dessen Schwächen wegen der vielen Augenzeugen bei Konzerten nur besonders offenkundig werden.

Mit Dank an Norbert M., Alexander, Martin S., Marco S. und Clarissa von A.!

Bild  

Schuldig bis zum Beweis des Gegenteils

Seit gestern hat die „Bild“ einen Schauspieler („erfolgreich, gut aussehend und beliebt“) in der Mangel. Genauer gesagt: Seit er unter dem Verdacht, zwei Frauen vergewaltigt zu haben, verhaftet wurde. Was bis jetzt gegen den Mann vorliegt, ist — erstmal ein Verdacht. Angeblich wurde seine DNA am Tatort gefunden, „ein Ermittler“ sagte deswegen zu „Bild“: „Für uns gilt er als überführt.“ Eine DNA-Spur und die Meinung eines nicht näher benannten Ermittlers, das reicht für „Bild“ zu folgender Schlagzeile aus:

TV-Star vergewaltigt Mutter und Tochter
(Unkenntlichmachung von uns)

Weitere Begründung von „Bild“ für diese doch gewagte Behauptung: Die Staatsanwaltschaft sei sich sicher, den Schauspieler auch der Vergewaltigung überführen zu können. Sagt zumindest „Bild“. Das offizielle Statement des zuständigen Oberstaatsanwalts liest sich schon weitaus zurückhaltender: „Wir ermitteln wegen Vergewaltigung, gefährlicher Körperverletzung, schweren Raubes, Freiheitsberaubung und Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz.“

Dabei war Bild.de am Tag davor noch ein wenig vorsichtiger mit dem Schauspieler umgegangen: Aufgrund ungefähr der gleichen Faktenlage formulierte man da die Überschrift wenigstens noch als Frage. Am Tag darauf wird daraus schon eine Feststellung.

Auch die von „Bild“ ins Feld geführte DNA-Spur ist erst einmal nichts anderes als ein Indiz. DNA-Auswertungen dürfen bei einer Gerichtsverhandlung nie als alleiniges Beweismittel gewertet werden. Sollte also tatsächlich die DNA des Schauspielers am Tatort gefunden worden sein, rechtfertigt das noch lange nicht die Aussage, dass der Verdächtige als überführt zu gelten hat.

Indes: Wenn jemand erst einmal in der „Bild“-Redaktion irgendwie als „überführt“ gilt, dann bleibt er das — solange, bis ein Gericht im das Gegenteil attestiert. Andreas Türck und eine bekannte Sängerin, eine vermeintliche „Feuer-Chaotin“ und sicher nicht nur sie können davon Geschichten erzählen.

Für „Bild“ gilt unter Umkehrung von Recht und Pressekodex: die Schuldsvermutung.

Mit Dank an Stephan F.,  B.W.,  Ellen L. und  Annika H.

Bild  

Die Feuer-Chaotin und die Schande Rechtsstaat

Das Amtsgericht Berlin-Tiergarten hat gestern eine 21-jährige Berlinerin vom Vorwurf freigesprochen, einen Brandanschlag auf ein Auto verübt zu haben. Der Richter sagte, es gebe „erhebliche Zweifel“, ob die junge Frau, die der linksautonomen Szene nahe steht, die Täterin sei. Eine Reihe von Indizien, die gegen sie sprachen, seien nicht eindeutig. Und der Hauptbelastungszeuge, ein Polizist, der die Frau wiedererkannt haben will, verwickelte sich in Widersprüche.

Die Nachrichtenagentur dpa nannte den Freispruch eine „Ohrfeige für Polizei und Staatsanwaltschaft“. Die Verteidigung sagte, die Staatsanwaltschaft habe sich dem politischen Druck gebeugt, der eine schnelle Verurteilung von Verdächtigen forderte — in Berlin wurden seit Jahresbeginn mehr als 250 Autos durch Brandstiftung zerstört oder beschädigt.

„Bild“ hat einen eingängigen Begriff für die unbekannten Brandstifter: „Terroristen“.

„Bild“ hatte vom ersten Tag an keinen Zweifel, dass die Frau, die jetzt vom Gericht freigesprochen wurde, schuldig war:

Dabei war die Verdächtige zu diesem Zeitpunkt schon wieder auf freiem Fuß. Es war kein Haftbefehl gegen sie erlassen worden, weil nach Ansicht der Justiz kein dringender Tatverdacht vorlag.

In „Bild“ las sich das am folgenden Tag so:

Einen weiteren Tag später brachten die „Bild“-Redakteure Matthias Becker und Peter Rossberg ihre Empörung in folgende Form:

(…) nur 12 Stunden später die Sauerei: Die bereits wegen politisch motivierter Straftaten verurteilte Alexandra R. kam wieder auf freien Fuß. Begründung: kein dringender Tatverdacht.

Ob die „Sauerei“ darin bestand, dass kein dringender Tatverdacht vorlag oder darin, dass selbst vorbestrafte Menschen ohne einen solchen dringenden Tatverdacht nicht einfach ins Gefängnis müssen, ließen sie offen.

Aber ohnehin hatte sich das Blatt schon wieder gewendet. Ein Polizist, der zuvor nur davon gesprochen hatte, eine dunkel gekleidete Person gesehen zu haben, sagte nun plötzlich aus, das Gesicht der Verdächtigen erkannt zu haben. Daraufhin wurde doch noch ein Haftbefehl entlassen. „Bild“ feierte das als eigenen Erfolg:

Das war im Mai. Ende September begann der Prozess gegen die Verdächtige, und wenn es nach „Bild“ gegangen wäre, hätte man sich das ganze Verfahren sparen können: Die Zeitung hatte die Frau schließlich überführt und wusste auch schon vorab, was das richtige Strafmaß wäre: „Hartes Urteil gegen Täterin muss her!“

Es lief dann im Prozess nicht ganz so, wie „Bild“ sich das vorgestellt hatte. Zum Beispiel verwickelte sich der Polizist, der die Verdächtige beim Zündeln erkannt haben will, in Widersprüche. Man könnte sagen: Möglicherweise war die Angeklagte nicht die Täterin. Das ist natürlich nicht das, was „Bild“ sagen würde. Die Zeitung sprach am Samstag vor einer Woche von einem „skandalösen Fall“, meinte den drohenden Freispruch und erklärte die Verdächtige unbeirrt zur „Feuer-Chaotin“ und also schuldig:

Erst heute, nach dem Freispruch, nach einem halben Jahr massiven Drucks, räumt „Bild“ die Möglichkeit ein, dass die Angeklagte eventuell nicht die Täterin war, fragt: „Warum muss diese Frau nicht in den Knast“ — und verrät sogar die Gründe. Immerhin.

Bild  

Alles falsch

Als „in so gut wie allen Punkten falsch und frei erfunden“ bezeichnet Matthias Arends, der Sprecher der Polizeidirektion Kiel, einen „Bild“-Bericht über ein tödliches Familiendrama, das sich in dieser Woche in Tangstedt bei Hamburg ereignet hat.

„Bild“ berichtet:

Polizisten richten ihre Waffen auf einen Passat Kombi. Darin sitzt ein Mann, der gerade seine Frau (40) umgebracht hat.

Die Polizei widerspricht: „Gerade“ höchstens im Sinne von „mehrere Stunden zuvor“.

Doch bevor ihn die Polizei stellen kann, richtet er sich selbst.

Die Polizei widerspricht: Der Mann war beim Eintreffen der Kollegen bereits mehrere Stunden tot.

In seinem Auto schluckt er tödliches Gift.

Die Polizei widerspricht: Der Mann sei an einer Kohlenmonoxyd-Vergiftung gestorben.

Kurz nach 9.40 Uhr geht bei der Polizei ein Notruf ein. Eine junge Frau stammelt mit aufgeregter Stimme: Kommen Sie schnell. Meiner Mutter ist was Schlimmes passiert!

Die Polizei widerspricht: Der Notruf sei völlig anders über die Bühne gegangen.

Bettina K. (40) liegt in einer riesigen Blutlache, erschlagen vom eigenen Ehemann.

Die Polizei widerspricht: Am Tatort habe es kaum Blut gegeben.

Vermutlich gibt der Mann dort den drei Dobermännern mit Gift getränktes Futter. Sie sterben auf dem Rasen.

Die Polizei widerspricht: Die Dobermänner seien im Auto gewesen und ebenfalls an einer Kohlenmonoxyd-Vergiftung gestorben.

Dann setzt sich Christian K. auf den Fahrersitz, schluckt offenbar selbst eine Gift-Kapsel. Als die Polizisten auf seinen Wagen zustürmen, lebt der Täter noch.

Die Polizei widerspricht: Von „Zustürmen“ könne keine Rede sein. Im übrigen habe der Mann, wie gesagt, keine Gift-Kapsel geschluckt und nicht mehr gelebt.

Bild, Stern  etc.

Können Journalisten noch lesen & schreiben?

Die deutsche Ausgabe der Kulturzeitschrift „Lettre International“ hatte in den vergangenen Wochen soviel Aufmerksamkeit wie selten — dank eines Interviews mit Thilo Sarrazin, das zum Skandal wurde. Viele Reaktionen der Medien auf die Veröffentlichung legen für Chefredakteur Frank Berberich den Schluss nahe: „Die Alphabetisierung von Journalisten nimmt rapide ab“.

In einem Interview mit dem Online-Medienmagazin „V.i.S.d.P.“ klagt er über „Dilettantismus, politisch-korrekte Phrasen, Irreführung, große Parolen“ und kritisiert die Verlogenheit von „Bild“:

Die Sensationalisierung und Skandalisierung wurde vor allem von Medien inszeniert, die damit Geld verdienen wollten. (…) BILD hat die Stadt tagelang mit Sarrazin-Titeln zugepflastert und das Thema dramatisiert und hochgeputscht. An einem Tag behauptete die Schlagzeile „Sarrazin beleidigt die Berliner“ am anderen „die Türken“, und am dritten wurde gefragt: „Hat Sarrazin doch Recht?“ (…)

BILD ONLINE hat das Interview eingescannt und ohne unsere Einwilligung komplett veröffentlicht und erst nach einer einstweiligen Verfügung wieder aus dem Netz genommen. (…)

Wenn BILD ein so großes Interesse am Thema hatte – warum war man nicht originell genug und hat es selbst bearbeitet? Die Möglichkeiten dazu hätte sie doch. Man muss Leuten wie Diekmann auch mal unter die Nase halten: Sie geben sich als Anstandsdamen, wenn es passt, und wenn nicht, gehen sie auf Beutezug in fremden Revieren. Abgesehen davon ist es eine groteske Heuchelei, Sarrazin Rassismus vorzuwerfen und diese üblen „Beleidigungen“ gleichzeitig soweit wie möglich zu verbreiten, indem man sie unter Verletzung des Urheberrechts auf die eigene Homepage stellt, um deren „traffic“ zu erhöhen.

Blättern:  1 ... 104 105 106 ... 114