Archiv für Berliner Kurier

Was wir nicht alle ein bisschen sind

Im Jahr 1995 fragte der Limonadenhersteller Bluna in seiner Werbung: „Sind wir nicht alle ein bißchen Bluna?“. Im Jahr 2013 zeigte sich, dass viele Journalisten, wenn schon nicht Bluna, dann zumindest ein bisschen bekloppt sind.

3.1., „Neue Osnabrücker Zeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen genial?

4.1., „Badische Zeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen narzisstisch?

10.1., Tagesanzeiger.ch:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hipster?

10.1., „The European“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Betty?

13.1., „Sonntag aktuell“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hugo?

18.1., „Manager Magazin“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Chuck Norris?

19.1., „Rhein-Zeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Landrat?

21.1., FM4:

Sind wir nicht alle ein bisschen Tarantino?

28.1., „Cicero“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Brüderle?

30.1., „Fränkischer Tag“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Wüstling?

5.2., „Taunus Zeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Mutti?

14.2., Blick.ch:

Sind wir nicht alle ein bisschen neon?

19.2., SWR.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Linksfraktion?

20.2., Elle.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Mademoiselle?

28.2., taz.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Clown?

28.2., „Christ & Welt“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Merkel?

5.3., „Gelnhäuser Tagblatt“:

Sind wir nicht alle ein bisschen taubstumm?

6.3., „Stuttgarter Nachrichten“:

Sind wir nicht alle ein bisschen italienisch?

9.3., „Tauber-Zeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen kommunikationssüchtig?

17.3., „Hamburger Feuilleton“:

Sind wir nicht alle ein biß­chen Yoga?

27.3., Heute.at:

Sind wir nicht alle ein bisschen gaga?

5.4., „DerWesten“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Aldi?

12.4., „RP Online“:

Sind wir nicht alle ein bisschen hormongesteuert?

13.4., „Nürnberger Nachrichten“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Kaspar Hauser?

20.4., „Thüringische Landeszeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen korrupt?

23.4., Bild.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

23.4., Stern.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

24.4., „Rhein Main Presse“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

27.4., „Wirtschafts Woche“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

29.4., „Berliner Kurier“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?“

8.5., „Tagesspiegel“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Schwabe?

12.5., „Focus Online“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Kate?

13.5., Stern.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Schlager?

24.5., „Nürnberger Zeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

25.5., „Allgemeine Zeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Zeitung?!

6.6., „Darmstädter Echo“

Sind wir nicht alle ein bisschen Büchner?

7.6., ZDF.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Zombie?

12.6., „Schwäbische Zeitung“

Sind wir nicht alle ein bisschen Bulli?

15.6., „Stuttgarter Zeitung“

Sind wir nicht alle ein bisschen Fußball?

17.6., „Saarkurier Online“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Psycho?

25.6., „Südkurier“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Indie?

28.6., „Nürnberger Nachrichten“

Sind wir nicht alle ein bisschen Monster?

9.7., „Main Post“:

Sind wir nicht alle ein bisschen U-Bahn?

15.7., Krone.at:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hippie?

22.7., BR.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Papst?

13.8., Deutschlandfunk.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Romeo?

20.8., „Blickpunkt Brandenburg“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Elfenwald?

22.8., „B.Z.“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Seeed?

23.8., „Allgemeine Zeitung“

Sind wir nicht alle ein bisschen bling-bling?

24.8., „Saarbrücker Zeitung“

Sind wir nicht alle ein bisschen Bauer?

6.10., „Sonntag aktuell“

Sind wir nicht alle ein bisschen flexitarisch?

7.10., „Nürnberger Nachrichten“

Sind wir nicht alle ein bisschen schizo?

14.10., „Die Welt“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Tonio Kröger?

17.10., BR.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen zahlungsunfähig?

23.10., „104.6 RTL“:

Sind wir nicht alle ein bisschen BER?

25.10., „Südwest Presse“

Sind wir nicht alle ein bisschen Gaudi?

27.10., „Sonntag aktuell“

Sind wir nicht alle ein bisschen Vettel?

8.11., „Stuttgarter Nachrichten“

Sind wir nicht alle ein bisschen Pop?

11.11., Stern.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Wookiee?

18.11., „Tagesspiegel“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Reihenhaus?

28.11., dpa:

Sind wir nicht alle ein bisschen Beethoven?

2.12., Woman.at:

Sind wir nicht alle ein bisschen Tussi?

11.12., „Stuttgarter Nachrichten“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hobbit?

14.12., „Heilbronner Stimme“

Sind wir nicht alle ein bisschen Truppe?

31.12., „Frankfurter Rundschau“

Sind wir nicht alle ein bisschen Tebartz?

31.12., „Die Welt“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Porno?

Die nächste Zarah Neander

Es ist eine Geschichte epischer Tragweite, daran ließ der „Spiegel“ in seiner Ausgabe vom 14. Januar gar keine Zweifel. Schon in der Ankündigung auf Seite 5 fährt das Nachrichtenmagazin die ganz großen Geschütze auf:

Ein Biologe spielt Gott — Seite 110

Mit Hilfe der synthetischen Biologie will George Church Neandertaler klonen und virusresistente Menschen schaffen. „Die Technik schreitet so rasant voran wie noch nie“, sagt der amerikanische Genforscher im SPIEGEL-Gespräch.

Das Gespräch beginnt dann auch direkt mit der spannenden Frage nach der Rückkehr der Neanderthaler:

SPIEGEL: Herr Church, Sie kündigen an, schon bald werde es möglich sein, Neandertaler zu erschaffen. Was heißt „bald“? Werden Sie es noch erleben, dass ein Neandertaler-Baby geboren wird?

Church: Das hängt von verdammt vielem ab, aber ich denke trotzdem, die Antwort lautet: „Ja“. Denn die Technik schreitet so rasant voran wie noch nie. Vor allem kostet das Lesen und Schreiben von DNA heute nur noch ein Millionstel dessen, was es noch vor sieben, acht Jahren gekostet hat. Allerdings müssten wir, um die Ausrottung des Neandertalers rückgängig zu machen, das Klonen von Menschen erproben. Technisch dürfte das möglich sein. Wir können lauter Säugetiere klonen, warum also nicht auch den Menschen?

Im Folgenden werden die Fragen verhandelt, ob es überhaupt wünschenswert sei, den Neandertaler wiederauferstehen zu lassen („Nur wenn sich ein gesellschaftlicher Konsens darüber herstellen lässt“), worin der Nutzen liegen könnte („Vielleicht denken die Neandertaler völlig anders als wir“) und ob die „Wiedergeburt von Neandertalern“ technisch überhaupt möglich sei (anscheinend schon).

Dann kommt die entscheidende Frage:

SPIEGEL: Und als Leihmutter suchen Sie sich einen „besonders abenteuerlustigen weiblichen Menschen“, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?

Church: Ganz genau – vorausgesetzt natürlich, dass das Klonen von Menschen von der Gesellschaft akzeptiert würde.

Was diese dünnen Worte im Zeitalter von Castingshows in Journalistengehirnen anrichten können, zeigte sich alsbald: Die britische „Daily Mail“ schrieb am Sonntag, der Forscher „sucht eine Mutter für ein geklontes Höhlenmenschenbaby“ und führte aus:

Man hält sie normalerweise für eine brutale, primitive Spezies.

Welche Frau würde also ein Neanderthaler-Baby zur Welt bringen wollen?

Und dennoch ist dieses Szenario der Plan von einem der weltweit führenden Genetiker, der eine Freiwillige sucht, die ihm dabei hilft, diesen lange ausgestorbenen nahen Verwandten des Menschen wieder zum Leben zu erwecken.

Professor George Church von der Harvard Medical School glaubt, er könne die Neanderthaler-DNA rekonstruieren und die Spezies wiederauferstehen lassen, die vor 33.000 Jahren ausgestorben ist.

(Übersetzung von uns.)

Und weiter:

Er sagt: „Nun brauche ich einen abenteuerlustigen weiblichen Menschen.

Es hängt von verdammt vielen Dingen ab, aber ich denke, man kann das machen.“

(Übersetzung von uns.)

Damit war die Geschichte natürlich noch einmal bedeutend spannender, als sie im „Spiegel“ und in der Zusammenfassung bei „Spiegel Online“ gewesen war, wo sie – trotz der reißerischen und irreführenden Titelzeile „Genforscher George Church will Neandertaler klonen“ – von deutschen Boulevard-Journalisten noch ignoriert worden war.

Der „Berliner Kurier“ titelte gestern:

Leihmutter soll Neanderthaler gebären

Dem Kölner „Kurier“-Schwesterblatt „Express“ gelang es wie üblich, das Thema auf eine lokale Ebene herunterzubrechen:

Leihmutter für Neanderthaler-Baby gesucht! Harvard-Professor will Steinzeit-Rheinländer züchten

Beide Zeitungen berichten übereinstimmend, George Church glaube, „dass er Neandertaler wieder zum Leben erwecken kann“. Das hatten zwar die „Daily Mail“ und nach ihr viele andere Medien in aller Welt behauptet, Professor Church jedoch offensichtlich nie.

Der Wissenschaftler sah sich also genötigt, via „Boston Herald“ klarzustellen, dass er persönlich keinerlei Ambitionen hege, einen Neanderthaler zu klonen:

„Ich befürworte das sicherlich nicht“, sagte Church. „Ich sage nur, wenn es eines Tages technisch möglich ist, müssen wir heute anfangen, darüber zu reden.“

Church sagte, er sei nicht einmal an der Sequenzierung von Neanderthaler-DNA beteiligt — einem Projekt, von dem Wissenschaftler sagen, dass es geholfen habe, festzustellen, dass moderne Menschen tatsächlich Spuren ihrer entfernten, menschenähnlichen Vorfahren tragen.

[…]

Church sagte, er habe in mehr als 20 Jahren vermutlich 500 Interviews geführt und dies sei das erste, das derart aus dem Ruder gelaufen sei.

(Übersetzung von uns.)

Stunden, nachdem Professor Churchs Richtigstellung für Jedermann lesbar im Internet erschienen war, nahm sich endlich auch Bild.de des Themas an:

LEIHMUTTER FÜR IRRES EXPERIMENT GESUCHT: US-Genforscher will Neandertaler züchten!

Die Bild.de-Autoren zitieren zwar ausgiebig aus dem „Spiegel“-Interview, scheinen aber nicht bemerkt zu haben, dass Church dort gar nicht behauptet, er selbst wolle „einen Menschen erschaffen, der gegen alle bekannten Krankheiten immun ist – indem er einen Neandertaler klont!“

Der „Berliner Kurier“ hat für seine heutige Aufgabe indes sogar richtiggehend recherchiert und mehrere Wissenschaftler aufgetan, die Churchs „Pläne“ scharf kritisieren. Nur Churchs eigener Widerspruch bleibt unerwähnt.

Mit Dank an Erwin P., Christian P. und Basti.

Presserat billigt Titelseite mit toten Kindern

Der Deutsche Presserat hat die nebenstehende „Bild“-Titelseite nicht beanstandet.

Am 16. März zeigte die „Bild“-Zeitung die Portraits von 15 Kindern, die bei einem Busunglück in der Schweiz ums Leben gekommen waren. Die Bilder waren in einem Gedenkraum im Rathaus von Lommel, der belgischen Heimatstadt der Kinder, abfotografiert worden.

In der ARD sagte „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann hinterher, man habe vom Bürgermeister die Genehmigung zu dieser Art der Veröffentlichung bekommen. Der Bürgermeister dementierte. Seine Sprecherin sagte ebenfalls in der ARD, er habe die Medien von Anfang an aufgefordert, keine Fotos zu zeigen. Die Eltern der Kinder hätten ausdrücklich darum gebeten, ihre Privatsphäre zu respektieren.

Wer hat Recht? Der Beschwerdeausschuss des Presserates urteilte: „Bild“. Und wies mehrere Beschwerden als unbegründet zurück:

Die Zeitung hatte die Bilder mit Genehmigung der Stadtverwaltung in dem Gedenkraum aufgenommen. Sie konnte in gutem Glauben davon ausgehen, dass eine Einwilligung der betroffenen Eltern vorlag.

Auf Nachfrage von uns erklärt eine Sprecherin des Presserates, wie das Gremium zu diesem Urteil kam:

Wir haben uns im Zuge der Beschwerde mit dem belgischen Presserat (Raad vor de Journalistiek) in Brüssel in Verbindung gesetzt und von dort erfahren, dass nach deren Erkenntnis es von Seiten der Stadtverwaltung den Journalisten tatsächlich genehmigt worden war, in dem Gedenkraum zu fotografieren.

Dort gab es nach Veröffentlichung ebenfalls große Diskussionen wegen der Opferfotos. Inwieweit Vertreter der Stadt die Genehmigung im Namen der Eltern geben konnten, wird beim Presserat in Belgien zurzeit stark diskutiert.

Die „Bild“-Zeitung hat in ihrer Stellungnahme dem Presserat gegenüber überzeugend dargelegt, dass sie nach einer Pressekonferenz in Lommeln mindestens zwei Personen der Stadt gefragt hat, ob sie in dem Gedenkraum fotografieren dürfe. Diese hätten den Fotografen genehmigt, Aufnahmen zu machen.

Vor diesem Hintergrund hat der Presserat die Veröffentlichung akzeptiert.

Beanstandet wurde vom Presserat dagegen die Art des „Berliner Kurier“, über das Unglück zu berichten. Das Blatt hatte u.a. auf dem Titel Gruppenbilder der Kinder gezeigt; die Gesichter, die nicht von Sonnenbrillen verdeckt wurden, hatte der „Kurier“ verpixelt. Der Presserat urteilte:

Die Bilder stammten aus dem privaten Bereich und standen nicht mit der Gedenkfeier in Zusammenhang. Eine Einwilligung der Eltern für eine Veröffentlichung lag offensichtlich nicht vor. In der Berichterstattung zitierte die Redaktion zudem aus dem Reisetagebuch, das die Schüler ins Internet eingestellt hatten. Darin hinterließen sie persönliche Gefühle und Nachrichten an ihre Eltern. Der Ausschuss sah in der Verbindung von Text und Fotos einen schwerwiegenden Eingriff in die Privatsphäre von Kindern und Angehörigen und sprach eine Missbilligung aus.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Warum ein „schwerwiegender Eingriff in die Privatsphäre“ von tödlich verunglückten Kindern und ihren Angehörigen nur zu einer „Missbilligung“ führt und nicht zur schärfsten stumpfen Waffe des Presserates, einer „Rüge“, ist eines der nach wie vor ungelösten und mutmaßlich unlösbaren Rätsel dieses Selbstkontroll-Gremiums.

Klingelingeling, hier kommt die Riemann

Es gibt schon irre Zufälle:

KLINGELING! VORSICHT LILLY, DA KOMMT EIN KINO-STAR. Berlin -Gemütlich schlendert Lilly Becker (35), Frau von Boris Becker (44), gestern mit Söhnchen Amadeus (2) und Kindermädchen durch Berlin. Leider auf dem Radweg! Irrer Zufall: Ausgerechnet Kino-Star Katja Riemann (48) düste auf ihrem Drahtesel haarscharf an ihnen vorbei! Klingeling! "AUS DEM WEEEG!" Da hat sich Lilly erst mal ordentlich erschreckt. Lilly Becker, Söhnchen Amadeus und Nanny gehen spazieren, als Katja Riemann vorbeibraust

Da fotografiert irgendsoein Paparazzo Boris Beckers Ehefrau und Sohn, als Katja Riemann vorbeikommt!

In ihrer Berliner Ausgabe (der Ausriss oben stammt aus der Bundesausgabe) führte „Bild“ gestern aus:

Achtung, hier komm ich! Schauspielerin Katja Riemann (48, „Die Apothekerin“) ist mit dem Rad unterwegs. Offenbar in Eile. Und trifft dabei prompt auf Lilly Becker (35).

Dass sich die Promis so in die Quere kommen, gibt es nur in Berlin. […]

Lilly zu BILD: „Wir stiegen gerade aus dem Taxi.“ Lilly und Nanny haben den Kleinen an der Hand. Da brüllt von hinten eine Stimme: „AUS DEM WEG! RADWEG, MANN!!!“

Lilly: „Ich habe sie nicht gesehen, aber gehört.“ Die beiden Frauen weichen mit dem Kind zur Seite aus, die Riemann kurvt mit grimmigem Blick links vorbei. Weiß Lilly eigentlich, wer da an ihr vorbeigerauscht ist? „Ich habe von ihr gehört. Mein Mann mag ihre Darstellungs-Kunst sehr.“

Die „Berliner Morgenpost“ konnte mit zahlreichen, wenn auch wenig sachdienlichen Hintergrundinformationen aufwarten:

Lilly Becker (34) ist mit Ehemann Boris Becker (44) angereist, um bei der European Poker Tour im Grand Hyatt, wo vor zwei Jahren der spektakuläre Raub stattfand, teilzunehmen. Während der Ex-Tennisprofi pokerte, ging Lilly mit Söhnchen Amadeus (2) und Nanny ins „Sea Life“-Aquarium. Kaum dem Taxi entstiegen, spazierte das Touristen-Trio auf dem Fahrradstreifen, ohne an den Verkehr auf zwei Rädern zu denken, der in Form von Katja Riemann naht. Die Schauspielerin strampelte mit blauer Mütze und Schal heran und verscheucht das prominente Hindernis. Gerade noch rechtzeitig wird der Nachwuchs zur Seite gehoben und somit eine Promi-Kollision abseits des roten Teppichs verhindert.

Und der „Berliner Kurier“ fabulierte:

Riemann wie ein Radrambo unterwegs

Mitte – Spandauer Straße am Vormittag: Lilly Becker (l.), Frau von unserem Tennis-Hero Boris, ist mit Nanny und Söhnchen Amadeus (2) auf dem Weg zum Sea Life. Dabei vergessen sie alles um sich rum, sind in Gedanken, genießen einfach das herrliche Wetter. Sie bemerken dabei auch nicht, dass sie über den Radweg schlendern. Darauf aufmerksam macht sie dann aber ganz schnell eine leicht genervte Katja Riemann. Die Schauspielerin kam nämlich plötzlich mit ihrem Drahtesel angerauscht und fand keinen Platz. Augenzeugen berichten, dass die Riemann gebrüllt habe: „Aus dem Weg. Das ist ein Radweg.“ Erschrocken zuckten die drei „Berlin-Touristen“ zusammen, machten Platz und Riemann konnte weiterfahren. Lilly, Nanny und Amadeus schauten aber nur kurz irritiert und dann ging’s weiter ins Sea Life. Hier schalteten sie ganz schnell ab und konnten Berlins Rad-Rambos vergessen. Boris war nicht dabei. Der Hobby-Kartenspieler tummelt sich dieser Tage beim Poker-Turnier im Hyatt.

O-Ton RTL

„Als Boris Becker am Morgen gut gelaunt lächelnd in Berlin-Tegel landet, ahnt er noch gar nicht, in welcher Gefahr nur wenige Stunden später seine Frau Lilly schwebt, während sie mit Sohn Amadeus und der Nanny spazieren geht. Mitten auf dem Bürgersteig passiert es. Eine rabiate Radfahrerin klingelt die Becker-Familie aggressiv zur Seite. Und diese Verkehrsteilnehmerin ist, schauen Sie mal ganz genau hin, das ist tatsächlich Schauspielerin Katja Riemann. Fotograf Andreas Meyer hat die gemeine Rad-Attacke hautnah miterlebt. (…)

Prominente Berlin-Ur-Einwohnerin nietet Promi-Touristin um. Ja, wo sind wir denn hier? Boris Becker bekommt davon gar nichts mit. Er mischt seit heute morgen bei einem lukrativen Poker-Spiel mit. (…) Und während Boris die Haushaltskasse auffüllt, machen sich Lilly und Amadeus einen fröhlichen Nachmittag. (…)
Vor einer Stunde haben wir Lilly noch erwischt. Hat sie gemerkt, wer die dreiste Radfahrerin war? — „Nein, ich hab das gar nicht gemerkt. Aber zum Glück ist ja nichts passiert.“ —

Na, dann hoffen wir ja, dass Boris mindestens genau so viel Glück beim Pokern hat wie Lilly und Amadeus heute Mittag während ihrer Sight-Seeing-Tour.

Bereits am Dienstag war der Zwischenfall dem RTL-Boulevardmagazin „Exclusiv“ einen zweiminütigen Beitrag wert gewesen (siehe Kasten rechts). Lilly Becker sei „auf offener Straße“ „von einem Filmstar beschimpft“ worden, erklärte Moderatorin Frauke Ludowig bedeutungsschwer, bevor immer wieder die gleichen Fotos der Begegnung gezeigt wurden (verwirrenderweise unterlegt mit lustigen Hupgeräuschen). Sogar der Fotograf und Lilly Becker selbst kamen zu Wort.

Und gala.de hatte tagesaktuell berichtet:

Dieser Ausflug begann mit einem Schreck: Lilly Becker und Söhnchen Amadeus wollten sich am Dienstag (17. April) im Berliner „Sealife“-Aquarium Meerestiere anschauen. Auf dem Weg dorthin blockierten sie allerdings kurz den Radweg und störten damit keine Geringere als die Schauspielerin Katja Riemann, die gerade auf ihrem Fahrrad heranrauschte.

Statt anzuhalten, brüllte Riemann die menschlichen Hindernisse aus dem Weg – Lilly Becker und ihre Cousine zogen Klein-Amadeus schnell an den Armen aus der Gefahrenzone. Wahrscheinlich hat Boris Beckers Ehefrau gar nicht erkannt, wer sich da auf dem Herrenrad hinter Brille und unter blaugrauer Mütze versteckt hat. […]

Das ist insofern lustig, als auch gala.de, der „Berliner Kurier“, die „Berliner Morgenpost“, „Bild“ und die verbreitenden Fotoagenturen gar nicht erkannt haben, wer sich da auf dem Herrenrad hinter Brille und unter blaugrauer Mütze versteckt hat — Katja Riemann zumindest war es nicht, wie sie über ihren Anwalt mitteilen ließ.

Und so schreibt „Bild“ heute in der Berliner Regionalausgabe:

Katja Riemann stellt klar „Ich bin nicht die Frau auf dem Foto“

Mitte – Das Foto, das BILD gestern druckte, sorgte für Verwirrung: Eine Radfahrerin, die wir für Katja Riemann hielten, überholt Boris-Ehefrau Lilly Becker mit Söhnchen Amadeus und Kindermädchen auf dem Weg ins Sea Life. Jetzt hat sich Film-Star Katja Riemann zu Wort gemeldet. Die Schauspielerin legt Wert auf die Feststellung, dass sie nicht die Frau auf dem Fahrrad ist.

Das hält „Bild“ allerdings nicht davon ab, noch einmal ein Foto der nunmehr nicht-prominenten Radfahrerin zu drucken.

Der „Berliner Kurier“ geht bei seiner Richtigstellung (die er nicht so nennt) noch einen Schritt weiter:

Lilly Becker & der Fahrrad-Rambo: Die Riemann war

Er schreibt neben das Foto der Frau:

Aber wer war dann die erzürnte Ruferin, die die Berlin-Touristin Lilly Becker und ihren Anhang so erschreckte? Irgendwo in dieser großen Stadt muss es eine Frau geben, die der Schauspielerin Katja Riemann zum Verwechseln ähnlich sieht.

Blaue Augen, Lachfältchen, unter der Mütze blonde Ringellocken – die unheimliche Doppelgängerin radelt durch Berlin und klingelt genervt, wenn ihr Passanten vors Rad trotten. Melden Sie sich beim KURIER, wenn Sie wissen, wer die Riemann-Doppelgängerin ist. Und gehen Sie besser vom Radweg runter.

Mit Dank an Petra O.

Liebe Journalisten!

Rund 82 Millionen Deutsche (einzige Ausnahme: Christian Wulff) machen sich gerade Gedanken darüber, wer neuer Bundespräsident anstelle des Bundespräsidenten werden könnte. Der „Berliner Kurier“ sieht Wulff „schwer angeschlagen“:

Nach Kredit-Affäre, Vorwürfen um Gratis-Urlaube bei befreundeten Prominenten und jetzt um spendierte Upgrades für edle Hotel-Suiten kann er kaum noch als moralische Instanz für die Deutschen fungieren.

Da drängt sich natürlich eine Frage auf:

Aber wie korrekt waren eigentlich seine neun Vorgänger im höchsten Staatsamt?

Der „Kurier“ hat deshalb „im Qualitäts-Check die Ex-Staatsoberhäupter unter die Lupe“ genommen und fasst die zehnjährige Amtszeit Heinrich Lübkes so zusammen:

Heinrich Lübke (1959-1969): Leicht überforderter Fettnäpfchen-Spezi, beliebt bei Kabarettisten. "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger", sagte er bei einem Besuch in Liberia. Lieferte Vorlagen für unzählige "Präsidenten"-Witze.

Tatsächlich hängt Lübke dieses Zitat seit 50 Jahren nach — nur wahrer wird es dadurch nicht.

Die „Zeit“ hat sich des angeblichen Ausspruchs schon vor zehn Jahren für ihre Rubrik „Stimmt’s?“ angenommen und kam zu dem Schluss:

Jeder kennt das Zitat, die meisten hätten es Lübke auch zugetraut, es wird sogar genau datiert auf einen Staatsbesuch in Liberia im Jahr 1962 – aber es gibt keinen Beleg dafür!

Für den Fall, dass der „Kurier“ seinen Irrtum morgen korrigieren und Lübkes Fettnäpfchen-Kompetenz mit seinem zweitberühmtesten Ausspruch untermauern will: Auch „Equal goes it loose“ („Gleich geht’s los“) hat der Präsident offenbar nie gesagt.

Mit Dank an Petra O.

Mutter, der Kurier mit der Strafe ist da (2)

In Deutschland gelten sogenannte Gesetze. Die regeln z.B., dass ein Mann, der alkoholisiert einen Autounfall verursacht und dann vom Tatort flieht, eine bestimmte Strafe bekommt. Diese wird auf Grundlage der Gesetze von einem Gericht verhängt.

Zugegeben: Das haben wir schon mal geschrieben. Es war im August, als der „Berliner Kurier“ sich zu dieser Kombination von Foto und Überschrift hinreißen ließ.

Alkohol-Crash: Zur Strafe zeigt der KURIER den Suffkopf mit heruntergelassener Hose

Wir haben uns über diese Berichterstattung beim Deutschen Presserat beschwert, weil wir darin eine Verletzung der Menschenwürde und der Persönlichkeitsrechte des Unfallfahrers sahen und der „Berliner Kurier“ sich unserer Ansicht nach in der Überschrift als strafende Instanz inszenierte.

Die Rechtsabteilung des Kuriers erklärte in ihrer Stellungnahme gegenüber dem Presserat, sie könne keine Verletzung der Persönlichkeitsrechte erkennen, da das Gesicht des Mannes nicht zu erkennen und der Name vollständig geändert worden sei.

Auch werde durch das Foto nicht die Menschenwürde verletzt, da die Veröffentlichung eines Fotos, auf dem ein Mann mit heruntergelassener Hose zu sehen sei, „nicht a priori als menschenverachtend zu bewerten“ sei.

Besonders kreativ reagierten die Juristen des „Kurier“ auf unseren Vorwurf, die Zeitung geriere sich als „strafende Instanz“, den sie als unbegründet zurückwiesen: Die Formulierung „Zur Strafe zeigt der Kurier den Suffkopf mit heruntergelassener Hose“ lasse verschiedene Deutungen zu. Der „verständige Leser“ würde sie so auffassen, dass darin keine Anmaßung der Ausübung von Befugnissen der Strafjustiz zu sehen sein, sondern eine „soziale Ächtung von Trunkenheit im Straßenverkehr“ zum Ausdruck kommen solle. Der Ton des Artikels sei durch die Verwendung von Wörtern wie „Suffkopp“ und „bedröppelt“ „eher milde gehalten“. Der Artikel bringe demnach insgesamt zum Ausdruck, dass „Trunkenheit am Steuer gesellschaftlich nicht zu billigen“ sei, und stelle insofern „einen Beitrag zur Stärkung des Bewusstseins für Normen und gesellschaftliche Werte“ dar und trage „zur öffentlichen Meinungsbildung“ bei.

(Falls demnächst irgendeine Bürgerinitiative die Wiedereinführung von Prangern auf deutschen Marktplätzen fordern wollen sollte, möchten wir ihr jetzt schon die Formulierungen der „Kurier“-Rechtsabteilung als Argumentationshilfe ans Herz legen.)

Bei den vermeintlichen Persönlichkeitsrechtsverletzungen schloss sich der Beschwerdeausschuss des Presserats der Meinung des „Kuriers“ an und erklärte, dass der Mann nicht identifizierbar sei. Wohl aber werde der unbekannte Mann durch die Abbildung in seiner Menschenwürde verletzt. Auch wenn er offensichtlich Fahrerflucht begangen habe, sei es nicht gerechtfertigt, ihn „in dieser herabwürdigenden Situation“ abzubilden.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Deutlicher wurde der Beschwerdeausschuss noch im Bezug auf die Überschrift, die er in Kombination mit dem Foto für geeignet hält, „das Ansehen der Presse in Gefahr“ zu bringen. Es sei zwar Aufgabe der Zeitungen, ihre Leser über solche Vorkommnisse zu informieren, allerdings müsse dies „in einer sachlichen Art und Weise“ geschehen. Im vorliegenden Fall trete die Redaktion jedoch quasi „als strafende Institution“ auf, die den Betroffenen an den Pranger stelle. Dies sei mit dem Ansehen der Presse nicht vereinbar.

Insgesamt wertete der Beschwerdeausschuss den „Verstoß gegen die publizistischen Grundsätze“ als so schwerwiegend, dass er eine „Missbilligung“ aussprach (s. Kasten). Nach § 15 Beschwerdeordnung besteht zwar keine Pflicht, Missbilligungen zu veröffentlichen. Als Ausdruck fairer Berichterstattung „empfiehlt“ der Beschwerdeausschuss jedoch die Veröffentlichung.

Ein Kinderwunschwunsch für Helene Fischer

Man kann sich vorstellen, dass Schlagersängerin Helene Fischer überrascht war, als sie die Titelseite des „Berliner Kurier“ vom 27. Oktober sah:

Sicher, sie hatte mit dem „Kurier“-Menschen irgendwie über ihre Liebe zu Florian Silbereisen gesprochen:

Verfolgen Sie die Trennung von Stefan Mross und Stefanie Hertl mit Sorge? Sie haben mit Florian Silbereisen eine ähnliche Konstellation.

Nein, ich mache mir da keine Sorgen. Florian und ich versuchen, Privates und Geschäftliches strikt zu trennen.

Aber Sie treten gerne in seinen Shows auf, oder?

Natürlich! Es war für mich immer klar, dass ich das neue Album zuerst bei ihm präsentieren möchte.

Und auch der Kinderwunsch kam vor. Auf eine Art:

Sie bezeichnen sich als Familienmensch. Möchten Sie auch selbst Mutter werden?

Auf jeden Fall, das ist mein großer Traum. Ich denke, dafür haben wir noch Zeit. Wenn ich in einigen Jahren ruhiger werde, möchte ich aber unbedingt ein Kind.

Aber irgendwie, fand Helene Fischer, gab die Titelseite ihre Aussage dann doch nicht ganz treffend wieder. Und so erschien der „Berliner Kurier“ am vergangenen Dienstag mit der Ankündigung einer „Klarstellung“ auf der Titelseite:

Und im Inneren hieß es:

Klarstellung

Wir haben auf dem Titel des KURIER vom 27.10.2011 berichtet: „Helene Fischer spricht im Kurier über ihre Liebe zu Florian — Ich will ein Kind“. Hierzu stellen wir klar, Frau Fischer wünscht sich aktuell kein Kind.

Schöner Einbrechen mit Facebook (3)


Dass Internet-Dienste wie Facebook, Twitter oder Google Street View nicht nur Vorteile, sondern auch Gefahren mit sich bringen, das wissen wir alle. Und trotzdem ist es beängstigend, dass laut einer aktuellen Umfrage in Großbritannien rund 80 Prozent der gefassten Einbrecher ihre Opfer zunächst übers Internet ausgespäht haben. (…) Laut Studie nutzen mehr als 70 Prozent der befragten Diebe zusätzlich Google Street View, um sich bequem vom Sofa aus ein Bild vom Zielobjekt zu machen.

So berichtete am vergangenen Samstag der Fernsehsender ProSieben in seinen Nachrichten, und noch beängstigender als die Zahl ist natürlich, wie viele Journalisten sie glauben und verbreiten.

Um es noch einmal zu sagen: In der Studie wurden ehemalige Einbrecher bloß gefragt, was sie glauben, ob Einbrecher von heute auch Facebook und ähnliche Dienste bei ihrer Arbeit nutzen. Knapp 80 Prozent der Befragten nahmen das an. Ob und in welchem Umfang Einbrecher ihre Opfer tatsächlich mit Hilfe des Internets ausspionieren, verrät die Studie nicht.

Unbeantwortet ist nach wie vor auch die Frage, wie hoch der Anteil der Journalisten ist, die bei der Arbeit auf ihr Gehirn zurückgreifen. Falls sich an dem Thema mal ein seriöser Wissenschaftler versuchen möchte, bieten wir hier weiteres aussagekräftiges Material:

Den „Berliner Kurier“:

Die „Magdeburger Volksstimme“:

(…) Schön ist, dass heutzutage Diebes-Personal eingespart werden kann. Der Kumpel, der früher Schmiere stehen musste, hat ausgedient. Die Gefahr, dass jemand überraschend auftaucht, ist verschwindend gering.

Das glauben Sie nicht? Na, dann nehmen wir 50 Ex-Einbrecher als Kronzeugen. Die haben in einer ungewöhnlichen Studie verraten, dass sie (als sie noch richtig fies und gemein waren) Facebook und Co. genutzt haben, um ihre Beutezüge vorzubereiten. Sozusagen Internet-Shopping für Einbrecher. (…)

Die „B.Z.“:

Internetdienste wie Facebook, Twitter oder Foursquare werden zur Gefahr für Wohnungsbesitzer und Mieter. Bei einer Umfrage unter gefassten Einbrechern in Großbritannien gaben rund 80 Prozent der Kriminellen an, sich mittlerweile bei Facebook & Co. darüber zu informieren, wo sich ein Einbruch lohnt, und wo gerade niemand zu Hause ist.

Die „Tiroler Tageszeitung“:

(…) Eine Befragung früherer Einbrecher in England hat ergeben, dass sich 78 Prozent mithilfe von Internetplattformen über Objekte und ihre Bewohner informieren. (…)

Mit Dank an Peter S. und Christiane P.!

Metall-Musik und Blech-Berichte

Heute ist Allerheiligen, ein sogenannter „Stiller Feiertag“, an dem in manchen Bundesländern keine Musikveranstaltungen stattfinden dürfen.

In Berlin ist heute ein ganz normaler Werktag, aber man kann es natürlich trotzdem unpassend finden, wenn eine als satanistisch geltende Black-Metal-Band „ausgerechnet“ an Allerheiligen ein Konzert in der Hauptstadt spielt. Das ist dann allerdings eher eine Geschmacksfrage.

Der „Berliner Kurier“ jedenfalls empörte sich gestern:

Die Ekel-Rocker glauben an Satan, sie pöbeln gegen Christen, halten sich für Übermenschen. Der Gitarrist der norwegischen Black-Metal-Band Gorgoroth ist wegen unerlaubten Waffenbesitzes vorbestraft, zwei Ex-Mitglieder zündeten Kirchen an. Diese Teufels-Jünger und andere Satanisten-Bands dürfen jetzt trotzdem im Kult-Club SO 36 in Kreuzberg auftreten. Ausgerechnet zu Allerheiligen!

Die Kreuzigung nackter Frauen gehört zur Bühnen-Show. Echte Schafsköpfe und eine Metzelei mit 80 Litern Schafsblut sorgten 2004 für einen Skandal um ein Konzert in Krakau. Die Norweger Gorgoroth liefern seit 1992 immer wieder Aufreger: „Black Metal ist die Musik Satans“, sagte Gitarrist Infernus. 2006 wurde er wegen Vergewaltigung angeklagt. Wer soll da verstehen, dass solche Leute jetzt vor Berliner Teenagern spielen dürfen?

Ja, wo kommen wir hin, wenn Menschen, die wegen Vergewaltigung angeklagt waren und von diesem Tatvorwurf freigesprochen wurden, vor Berliner Teenagern spielen dürfen?

Aber der „Kurier“ wusste noch mehr:

„Diese Band gehört zur norwegischen Neonazi-Szene“, warnt Psychologe Peter Kratz (58) vom Berliner Institut für Faschismus-Forschung (BIFFF). Er mobilisiert mit einer öffentlichen Erklärung („Erneut Nazi-Musik-Fest im Szene-Club SO 36“) gegen das Konzert am Dienstag. Auch die Vorgruppen Vader und Valkyrja sieht Kratz in diesem Dunstkreis. Etwa weil Fans im Internet Runen-Zeichen benutzen, die Nazi-Symbolen ähneln.

Das „Berliner Institut für Faschismus-Forschung“ ist ein eingetragener Verein, dessen Vorsitzender Peter Kratz in der Vergangenheit immer wieder durch Faschismus-Vorwürfe an unterschiedlichste Adressaten aufgefallen ist. Wobei „aufgefallen“ vielleicht die falsche Formulierung ist: Bis auf ein paar Berliner Lokalzeitungen haben Kratz und sein „Institut“ nie so recht die erhoffte Öffentlichkeit erreichen können. Forschungergebnisse im wissenschaftlichen Sinne kann das „BIFFF“ nicht vorweisen, stattdessen arbeitet es sich in namentlich nicht gekennzeichneten Beiträgen vor allem am Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit ab.

Die „Berliner Morgenpost“ bemerkte 1999 in einem anderen Fall:

Ohne zu dem Streit um die Ausstellung Stellung zu nehmen, erklärten anerkannte Berliner Faschismusforscher, daß ihnen weder das BIFFF noch Peter Kratz bekannt seien

Bereits im Jahr 2009 hatte das „BIFFF“ gegen ein Metal-Konzert im SO 36 gewettert, was die damals teilnehmende Band Moonsorrow dazu veranlasste, sich „gegen Faschismus und jegliche Beschränkung der freien Meinungsäußerung“ auszusprechen.

Jetzt schlägt Kratz die norwegische Band Gorgoroth und ihre Vorgruppen der „Nazi-Musik-Szene“ zu. Seine beeindruckende Beweisführung: Bei MySpace und YouTube hätten Fans der Bands Profilbilder, in denen Symbole vorkommen, die von Neonazis verwendet würden.

Entsprechend bemühte sich sogar der „Berliner Kurier“ um eine Relativierung der Anschuldigungen:

Diese knallharten Vorwürfe mögen überspitzt klingen, zumal Gorgoroth-Gitarrist Infernus im Interview klarstellte: „Ich bin persönlich gegen Rassismus in Theorie und Praxis.“ So gibt es auch viele links stehende Metal-Fans, die das bierselige Teufels-Treiben eher als provokante Ballermann-Party begreifen. Und die gegrunzten Texte versteht ja ohnehin keiner.

Heute nun berichtet Bild.de über das anstehende Konzert und baut dafür auf den „Kurier“-Artikel und den Wikipedia-Eintrag von Gorgoroth auf. Die Distanzierung vom Rassismus hat Bild.de allerdings unter den Tisch fallen lassen.

Um der Berichterstattung von „Berliner Kurier“ und Bild.de entgegenzutreten, hat das SO 36 heute eine Stellungnahme verschickt. Darin heißt es unter anderem:

1. Wir veranstalten keine Nazibands und werden es in Zukunft auch nicht tun.
2. Wir nehmen grundsätzlich alle Fragen und Hinweise bezüglich faschistischer Aktivitäten ernst, egal aus welcher Ecke sie kommen.
3. Selbstverständlich haben wir wie immer im Vorfeld umfassend recherchiert und uns sowohl bei Kennern der Musikszene (insbesondere der Metalszene) als auch bei Experten für rechtsorientierte Strömungen rückversichert.
4. Wir führen seit Jahren in Kooperation mit der Antifa strenge Einlasskontrollen an der Tür durch, dabei wird insbesondere auf Nazigesichter und Nazisymbole geachtet. Diese Personen kommen definitiv nicht rein.
5. Das SO36 bleibt weiterhin ein Forum für alle Musikrichtungen, wir verwehren uns dagegen, ganze Musikrichtungen auszugrenzen und in die rechte Ecke zu schieben. Nazis allerdings bleiben draußen. Wir wollen jungen Metalfans einen Raum bieten fern ab von faschistoiden, rassistischen, sexistischen und homophoben Strömen, um eventuell gefährdeten jungen Menschen eine Alternative auf zu zeigen.
6. Unsere Recherchen gehen weiter, sollten sich dennoch stichhaltige Beweise finden, die die Vorwürfe bestätigen, behalten wir uns vor das Konzert abzusagen.

An die Adresse von „Instituts-Chef“ Peter Kratz heißt es:

Herr Kratz behauptet, die Band Gorgoroth verbietet die Veröffentlichung ihrer Texte im Internet, jedoch reicht die einfache Eingabe „Gorgoroth Lyrics“ bei einer Suchmaschine im Internet, um die Texte der Band zu lesen.

Der Stellungnahme beigelegt ist ein Leserbrief, den Jakob Kranz, Redakteur der Zeitschrift „Metal Hammer“ sowie Moderator und Redakteur der Musiksendung „Soundgarden/Stahlwerk“ bei Radio Fritz, an den „Berliner Kurier“ geschickt hat. Darin schreibt er:

Ich beschäftige mich seit mehr als 25 Jahren mit der Heavy Metal-Szene, und bin der bescheidenen Meinung, mir hierüber ein Urteil erlauben zu dürfen. 

Mit großer Empörung habe ich Ihren Artikel vom 30.10. über „Das Festival der Ekelrocker“ gelesen. Mich erstaunt vor allem, dass Sie die Zitate von Herrn Kratz unkommentiert veröffentlichen. (…)

Gorgoroth waren nie Teil der norwegischen Neonazi-Szene, diese Behauptung ist falsch. Ebenso ist es falsch, dass die Vorgruppen Vader und Valkyrija aus diesem Dunstkreis stammen. Die konstruierten Zusammenhänge von Herrn Kratz sind schichtweg (sic!) Unsinn.

Mit Dank an Philipp O., Widerspenst und Christian N.

Mutter, der Kurier mit der Strafe ist da

In Deutschland gelten sogenannte Gesetze. Die regeln z.B., dass ein Mann, der alkoholisiert einen Autounfall verursacht und dann vom Tatort flieht, eine bestimmte Strafe bekommt. Diese wird auf Grundlage der Gesetze von einem Gericht verhängt.

Dieses Prinzip müsste dann wohl mal irgendjemand dem „Berliner Kurier“ erklären, der am Sonntag das hier druckte:

Alkohol-Crash: Zur Strafe zeigt der KURIER den Suffkopf mit heruntergelassener Hose

Immerhin kann man das Gesicht des Mannes nicht erkennen, von dem der „Berliner Kurier“ Alter, Vornamen und abgekürzten Nachnamen nennt.

Die Berliner Polizei wollte das auf unsere Anfrage hin nicht weiter kommentieren. Die Art der Berichterstattung spreche für sich.

Mit Dank an Simone und Björn.

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