Ätzend teuer!

„Warum sind Schulbücher bloß so ätzend teuer?“, fragte „Bild“ am Dienstag zum (- je nach Bundesland – baldigen) Beginn des neuen Schuljahres und klagte an: „Für Schulbücher müssen Eltern richtig tief in die Tasche greifen!“ Wegen der „Lernmittelfreiheit“, die z.B. in Niedersachsen gerade entfallen ist. Das bedeutet: „Schulbücher müssen von den Eltern komplett selbst bezahlt werden!“ (Fast jedenfalls.)

Von „Bild“ befragte Mütter erklären:

„Das trifft uns mit zwei Kindern doppelt hart.“

Und:

„Ich bin allein erziehend. 450 Euro bei drei Kindern sind für mich unerschwinglich.“

Ein Skandal also.

Von der „Schlechtschreib-Reform“ und der Rückkehr zur „alten“ Rechtschreibung bzw. den Kosten, die den Eltern bei Neudruck der gerade teuer erstandenen Bücher in „neuer“ Rechtschreibung entstehen würden, ist in dem Artikel übrigens nicht die Rede.

Rauf! Rauf! Rauf!

„Bild“ empört sich ja bekanntlich gerne über fiese Benzinpreiserhöhungen. Und das mag ja auch durchaus legitim sein.

Aber manchmal gibt es eben auch gute Nachrichten (für Autofahrer). AP meldete am Montag:

Atempause für Autofahrer: Benzinpreis fällt.
Nachdem der Benzinpreis in Deutschland wochenlang auf Rekordniveau lag, gibt es jetzt eine Atempause für die Autofahrer: Am Montag waren Benzin und Diesel um vier bis fünf Cent billiger als vergangene Woche.

Am Mittwoch schrieb deshalb zum Beispiel die „Süddeutsche“ auf Seite 1: „Fallende Benzinpreise in Deutschland“ bzw. im Aufmacher ihres Wirtschafsressorts: „Benzin wird in Deutschland wieder billiger.“

Und was berichtet „Bild“ über diese erfreuliche Wende? Na ja, also: nichts. (Nicht jedenfalls in der Ausgabe Frankfurt.) Aber stattdessen als Titelschlagzeile auf Seite 1:

„Gaspreis 12% rauf. Strompreis 5% rauf. Heizöl 30% rauf. Stoppt die Energie-Abzocker! (…) Die Energie-Preise in Deutschland explodieren!“

Ein paar Seiten drauf fleht „Bild“-Leser Günther Düthmann aus Westoverledingen (Niedersachsen): „Bitte bleibt unbedingt an diesem Thema dran und klopft den größten Preistreibern in Deutschland auf die Finger!“

Ja, bitte!

Und was den Benzinpreis angeht: Manchmal braucht es ja ein Weilchen, bis sich gute Nachrichten herumsprechen.

[Nachtrag:] Rund einen Tag nämlich. Dann wird eine zehnzeilige Meldung draus.

Artikel von Überschrift verhöhnt!

Im Prozess gegen den irren S-Bahn-Schubser Ugur I. (19) sagte der Angeklagte gestern zu seinem Opfer: „Ich bereue es. Aber du brauchst keine Angst vor mir zu haben.“ Der Täter (illegal in Deutschland) kann sich an die Tat angeblich nicht erinnern: „Ich habe getrunken, viel zu viel. Ich weiß nichts mehr.“

Schreibt „Bild“. Angekündigt und überschrieben ist der Bericht mit den Worten:

S-Bahn-Schubser verhöhnt sein Opfer

Tja, vielleicht war die Überschrift einfach schon fertig, bevor der Prozess begonnen hatte, und dann hatte keiner mehr Lust, sie zu ändern. Warum auch.

Eine verlogene Debatte II

Endlich hat „Bild“ ein Wort gefunden: „Maulkorb-Urteil“. So nennt das Blatt seit heute das bislang als „Caroline-Urteil“ bekannte Straßburger Urteil, durch das „Bild“ und viele Zeitungen, aber keineswegs alle (vgl. z.B. hier, hier und hier), das Ende der Pressefreiheit gekommen sehen. Die Bundesregierung hat am Mittwoch beschlossen, trotz (oder wegen) einer hektischen Kampagne keinen Widerspruch gegen dieses Urteil einzulegen.

„Bild“ schreibt:

Die Straßburger Richter hatten entschieden, dass die Berichterstattung (z. B. Fotos) über Prominente nur noch mit deren Erlaubnis zulässig ist.

Das ist in dieser Verkürzung falsch. Im Urteil heißt es ausdrücklich, dass „die Öffentlichkeit ein Recht darauf haben mag, informiert zu werden, ein Recht, das sich unter besonderen Umständen auch auf das Privatleben von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens erstrecken kann„, dies sei allerdings im Fall von Caroline nicht gegeben. Entscheidend sei „inwieweit die veröffentlichten Fotos zu einer Debatte beitragen, für die ein Allgemeininteresse geltend gemacht werden kann.“

„Bild“ schreibt:

Jetzt kann nur noch das Bundesverfassungsgericht die Pressefreiheit in Deutschland retten!

Hübsch gesagt, im Kern auch nicht ganz falsch, in der Formulierung aber völlig irreführend. Die Bundesregierung hat nämlich vor ihrem Beschluss, keinen Einspruch einzulegen, das Bundesverfassungsgericht um eine Stellungnahme gebeten. Dessen Präsident antwortete, es sei nicht unbedingt nötig, jetzt einzuschreiten. Wenn sich herausstellen sollte, dass das Straßburger-Urteil wirklich ein Problem für die Pressefreiheit werde, könne (und müsse) man gegebenenfalls in einem späteren Fall entsprechend tätig werden.

An einer Stelle ist „Bild“ wirklich treffend. Chefredakteur Kai Diekmann hat für seinen Kommentar zum Thema die Überschrift gewählt:

In eigener Sache

Leider stellt sich heraus, dass er damit nicht sich und die anderen bunten Blätter meint, die zittern müssen, ob sie auch in Zukunft irrelevante, heimlich gemachte Bilder aus dem Privatleben von Prominenten veröffentlichen dürfen. Er meint die Bundesregierung, die er in der Sache für befangen hält.

Hauptsache Porno


Aufregende Geschichte, oder? Da möchte man schon wissen, worum es eigentlich geht.

Darum geht’s: Einen lustigen Brief haben Abiturienten des Jesuitenkollegs zu St. Blasien an den Süßwarenhersteller Haribo geschrieben. Schauen Sie doch mal hier. Am 29.03.2004 war das. Haribo hat am 14.04.2004 zurückgeschrieben (lässt sich auch hier nachlesen). Eine alte Geschichte also, aber, wie gesagt, lustig.

Insofern spricht auch nichts dagegen, wenn ein Boulevardblatt (der „Kölner Express“) erst am 31.08.2004 einen Artikel dazu veröffentlicht, dessen Überschrift lautet: „Haribo: Internet-Spaß um heiße Früchtchen“.

Eine andere Boulevard-Zeitung („Bild“), hat das Ganze tags drauf nochmal aufgeschrieben, und zitiert den stellvertretenden Schulleiter:

Der kuriose Brief stammt nicht von der Schulleitung, sondern von einigen unserer Abiturienten, die sich einen Spaß erlaubt haben.

Die Überschrift dazu kennen wir ja schon (s.o.), und fügte man irgendwo hinter „Haribo“ und vor „Gefährdung der Sittsamkeit“ die Wörter „im Spaß“ ein, wäre sie zwar nicht mehr so richtig der Hammer, dafür aber präzise.

Übrigens steht im Text auch noch der schöne Satz, „Eine Kölner Lokalzeitung machte aus dem Schreiben einen Pornoskandal, spricht von ‚Sex-Posse‘.“ Der Satz, „Die ‚Bild‘-Zeitung machte aus dem Schreiben einen Sex-Skandal, spricht von ‚Porno-Verdacht'“, der steht da leider nicht.

Mit Dank an Christian K. für den sachdienlichen Hinweis.

Wer nicht fragt, bleibt dumm

Diese Sex-Szenen sind die nackte Lüge — Warum sich TV-Martina Gedeck dabei doubeln ließ

…steht auf der Homepage von Bild.de. Ja, warum lässt sie sich wohl doublen? Klickt man auf die Ankündigung, kommt man zu einem Artikel, der auch groß in der heutigen „Bild“ ist. Überschrift:

Achtung! Diese Sex-Szenen sind die nackte Lüge — Warum TV-Star Martina Gedeck im ARD-Film „Hunger auf Leben“ die erotischen Stellen einem Bodydouble überließ

Spannend. Warum also? Lesen wir den Artikel:

Ein Paar beim Liebesakt: Sie zieht ihm langsam das Hemd aus, küsst zärtlich seine Brust. Sekunden später: Er sitzt splitternackt auf der Couch, sie rittlings auf seinem Schoß. Genüsslich bewegen sich beide beim Sex.

Jajaja, geil. Und warum hat sich Gedeck dabei doubeln lassen?

Eine Szene aus dem ARD-Film „Hunger auf Leben“ (heute Abend, 20.15 Uhr). Hauptdarstellerin Martina Gedeck (39, „Rossini“) spielt die ostdeutsche Schriftstellerin Brigitte Reimann (1934–1973).

etc. etc. etc. Blöde Fakten. Was ist nun mit den Sexszenen? Warum hat die sich doubeln lassen?

Ein Film mit vielen freizügigen Liebesszenen. Doch die schöne Nackte ist nicht Schauspielerin Martina Gedeck! Wie BILD erfuhr, wurde die Schauspielerin in den pikanten Szenen gedoubelt.

So. Sie wurde also gedoubelt. Wissen wir. Jetzt muss es kommen: Warum wurde sie gedoubelt?

Die hingebungsvolle Brünette ist Fotomodell Myriam G. (32) aus Frankfurt am Main. Normalweise posiert sie für Mode-Kataloge wie …

bla bla bla

… sieht Martina Gedeck auch wirklich zum Verwechseln ähnlich. Die Haare, die Figur, der helle Hautton – alles passt perfekt.

Schön für sie. Und warum hat sich die Gedeck nun doubeln lassen?

Myriam hatte keine Probleme, die Sexszene auf dem Sofa mit Schauspieler Kai Wiesinger … zu drehen. … Myriam sagt: „Es gab keinen echten Sex. Wir waren zwar tatsächlich beide nackt. Aber passiert ist natürlich nichts. Alles nur gespielt. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht.“

Hier endet der Artikel.

Und wir haben nur eine einzige Frage: WARUM VERDAMMT NOCH MAL HAT SICH DIE GEDECK DABEI DOUBELN LASSEN?

P.S.: Außer als „nackte Lüge“ hätte man die gedoubelte Szene natürlich auch als „Alltag im Filmgeschäft“ bezeichnen können. Oder als Symbolbild.

Eine verlogene Debatte

„Bild“ kämpft an vorderster Front gegen das Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, das es als „Zensur“ bezeichnet. In der „Süddeutschen Zeitung“ lesen sich die Folgen der Entscheidung ein bisschen anders:

„Da läuft eine verlogene Debatte„, stellt der Essener Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner fest. „Es geht um Kohle für einige Verlage, und die machen eine Kampagne daraus. Bedroht ist nicht der investigative Journalismus, sondern der Kloakenjournalismus.“ …

„Im Klartext: Über viele Skandale dürfte dann nicht mehr berichtet werden“, schrieb Bild am Dienstag. „Vor allem über die inszenierten“, kommentiert Anwalt Holthoff-Pförtner knapp. …

Bundesverfassungsrichter Hoffmann-Riem findet … „keines der Beispiele der Behinderung der Wächterfunktion der Presse wird von der Straßburger Entscheidung erfasst. Sie behindert insbesondere keine Recherchen der Presse zwecks Aufdeckung von Skandalen.“

Etwas überspitzt lässt sich der Artikel des SZ-Redakteurs Hans Leyendecker so zusammenfassen: Seriöse Journalisten haben das Straßburger Urteil nicht zu fürchten. „Bild“ schon.

Bloß keine Schleichwerbung!

Die „Bild“-Familie schreibt gern über Paris Hilton – und bild.de beispielsweise dies:

„Paris soll in einem Fast-Food-Werbespot mitspielen, ihr David dabei Regie führen. Bestätigt ist bislang nichts.“

Um welche Fast-Food-Kette es sich dabei handelt, bleibt unerwähnt. Kochlöffel etwa? Mc Donald’s jedenfalls ist’s, wer hätte es gedacht, nicht.

Mit Dank an Nils K. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 5.9.2004: Immerhin hat Bild.de mittlerweile ebenfalls herausgefunden, für wen Frau Hilton künftig wirbt und das sogar in die „Internet-Klatsch“-Rubrik geschrieben.

Symbolfoto III

Hatte „Bild“ nicht kürzlich die „Zeit“ zum „Verlierer“ des Tages gemacht, weil die „Zeit“ künftig den Einsatz von Symbolfotos deutlicher kennzeichen will?

Eigentlich ja.

Andere Frage: Wie zur Hölle soll man bloß diese „Bild“-Serie „Hitlers letzte Tage“ bebildern? Etwa mit Fotos aus der Hitler-Zeit? Gibt es da zu der Vorlage für die „Bild“-Serie („Der Untergang“) nicht auch gerade einen gleichnamigen Film? Und gibt’s zum Film nicht auch ein Buch? Und sehen die Bilder aus dem Filmbuch nicht viel, viel besser aus als die ollen Originalfotos? Ach ja, und wenn man die „Hitler“-Serie dann tatsächlich mit Fotos aus dem Film bebildert, sollte man das dann nicht klipp und klar dazuzuschreiben?

Ja, eigentlich ja.

Wenn aber „Bild“ nun so ein Filmbild gedruckt hat, das (siehe Ausriss aus der Montags-„Bild“) einfach nur eine Straßenszene zeigt (Trümmer, eine Explosion und vorn ein Mann in Uniform mit Stahlhelm, wie tot), langt es dann nicht, wenn man einfach nur „Straßenkampf in Berlin. Die Gefallenen werden nicht mehr bestattet“ dazuschreibt und sonst nix? Ist es nicht eigentlich egal, ob da nun Statisten in Kulissen liegen oder echte Leichen?

Definitiv nein.

(Wird fortgesetzt…)

Keine 50 Cent

Der US-Rapper 50 Cent ist „Verlierer des Tages“ in „Bild“. Weil er „bei einem Rockfestival in London ausgebuht, mit Flaschen und Matsch beworfen worden“ ist, daraufhin die Bühne verlassen hat und die Zuschauer „wüst beschimpft“ haben soll. Weswegen „BILD meint: Die Musik ist keine 50 Cent wert“.

Stimmt. Wer in der Rubrik Kino & Musik / Musik Download „50 Cent“ in die Titelsuchmaschine eingibt, wird aufgeklärt: Die Titel von „50 Cent“ sind keineswegs 50 Cent wert. Sondern 1,19 Euro. Zumindest beim Bild-T-Online-Download-Partner. Aber das nur so am Rande.

[Nachtrag vom 2.9.] Ach ja: Und das „Rockfestival in London“ fand eigentlich im britischen Reading statt. Aber auch das macht ja fast keinen Unterschied.

Dank an Oliver B. für diesen zusätzlichen sachdienlichen Hinweis.

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