Das Buch lebt, Dunkle Forenwelt, Der Heilige Sankt Spekulatius von n-tv

1. Im Netz mordet kein Terrorist allein
(sueddeutsche.de, Max Hoppenstedt & Simon Hurtz)
Max Hoppenstedt und Simon Hurtz nehmen ihre Leserinnen und Leser mit in die Parallelwelt der anonymen Onlineforen, in denen sich bevorzugt junge weiße träfen, um dort in missverstandener Redefreiheit und ohne Rücksicht auf Anstand und Gesetze “alles sagen zu dürfen”. “Dieses Selbstverständnis dient oft als Vorwand für rechtsradikale, rassistische und antisemitische Hetze. Auch Frauenfeindlichkeit und Schwulenhass sind weit verbreitet. Die Nutzer wandeln ständig auf der Grenze zwischen anarchischem Humor und offener Menschenverachtung. Memes werden zu Mordaufrufen, aus sarkastischen Insider-Witzen wird purer Hass. Das erschwert die Arbeit für Ermittler: Oft lässt sich nicht unterscheiden, wo der “Spaß” aufhört und der Ernst beginnt.”

2. Ganz dünnes Eis: Terror in Halle, live bei n-tv
(uebermedien.de, Video: 3:20 Minuten)
Anlässlich des Terroranschlags in Halle (Saale) unterbrach der Fernsehsender n-tv sein reguläres Programm und berichtete live vom Geschehen in Sachsen-Anhalt. Da es kaum gesicherte Informationen zu Tathergang und Motivlage gab, waren eigentlich nur Spekulationen möglich. Spekulationen, vor denen der Sender seine Zuschauerinnen und Zuschauer jedoch ausdauernd und über Stunden warnte. “Übermedien” hat daraus einen dreiminütigen Spekulationsfilm gemacht.

3. Neuer “Tagesschau”-Newsroom: Die Kleingärtner im Nacken
(dwdl.de, Alexander Krei)
Ganze zwei Jahre hat die ARD an ihrem neuen “Nachrichtenhaus” mit dem topmodernen Newsroom gebaut. Der Neubau hat 16 Millionen Euro gekostet. Angesichts des rasanten Wandels der Digital- und Medienwelt, ist es fast niedlich, wie NDR-Intendant Lutz Marmor das Investment rechtfertigt: Das Nachrichtenhaus soll nämlich 30 Jahre lang genutzt werden. “Mindestens”.

4. Eingesperrte Bücher: Warum E-Books nicht die Zukunft des Lesens sind
(rnd.de, Imre Grimm)
Wenn es nach manchen Technik-Propheten ginge, müsste das E-Book schon längst das klassische Buch abgelöst haben. Doch nichts dergleichen: Trotz verbesserter Geräte stagniert der Markt für Digitalbücher seit Jahren. Imre Grimm kommentiert: “Fünf Jahre Stillstand — in digitaler Währung ist das eine Ewigkeit. Warum ist das so? Warum stagnieren E-Books, obwohl digitale Medien insgesamt boomen? Warum lesen unverändert etwa 80 Prozent der Deutschen gedruckte Bücher, aber die Buchbranche macht nur 6 Prozent ihres Umsatzes mit E-Books? Weil es beim Genuss eines Buches um etwas anderes geht als beim Lesen von Nachrichten. Der “Verzehr” eines guten Buches ist hirntechnisch ein anderer Vorgang als das interessierte Scannen von Neuigkeiten. Über die Qualität des aktuellen Literaturangebots sagt das zwar wenig aus — technisch aber scheint die Sache entschieden. Das Buch ist tot. Es lebe das Buch.”

5. Das sind die wichtigsten Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2019
(blog.wdr.de, Dennis Horn)
Dennis Horn fasst die wichtigsten Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2019 zusammen und macht daraus vier Themenblöcke: “Erstens: Es gibt in den Zahlen keine großen Sprünge mehr. Zweitens: Nur jeder Zehnte hat die “Wanze im Wohnzimmer”. Drittens: Facebook ist weiter die Nummer eins. Viertens: Die Leute nutzen das Netz länger zum Hören.”

6. Zu gut, um wahr zu sein? Wie man Bilder und Videos verifiziert
(fachjournalist.de, Bernd Oswald)
Im Internet tauchen schon zu Normalzeiten unzählige manipulierte oder gefälschte Bilder auf. In Ausnahmesituationen mit ungeklärter Faktenlage sind diese besonders gefährlich. Bernd Oswald erklärt, wie man als Journalistin oder Journalist Bilder und Videos verifizieren kann. Vieles davon ist nicht nur für Leute aus der Medienbranche interessant, sondern sollte zur allgemeinen Medienkompetenz und in den Schulunterricht gehören.

Stream voller Hass, Politiker-Podcasts, Prekär bedroht

1. Stream voller Hass
(tagesschau.de, Karolin Schwarz & Patrick Gensing)
Der gestrige Terroranschlag auf eine Synagoge und einen Dönerimbiss in Halle (Saale), bei dem zwei Menschen getötet wurden, hat einen rechtsextremen und antisemitischen Hintergrund. Diese Feststellung wird auch durch das Video belegt, das der Täter während seiner Tat ins Netz streamte.
Weitere Lesetipps: Der “Flurfunk” mit einer größeren Übersicht zum “Breaking-News-Wahn der Medien”. Und bei Twitter stellt ein BILDblog-Leser der “Bild”-Redaktion eine berechtigte Frage.

2. Hören wir endlich auf, die falschen Fragen zu stellen!
(journalist-magazin.de, Benjamin Piel)
Pflichtlektüre für alle Medien- und Journalismus-Interessierten: Die Serie “Mein Blick auf den Journalismus”. Dort beschreiben einige Größen der Branche ihre Sicht auf das aktuelle Mediengeschehen und die zukünftige Entwicklung. Im mittlerweile 13. Teil kommt Benjamin Piel, Chefredakteur des “Mindener Tageblatt”, mit einem Plädoyer für den Lokaljournalismus zu Wort.

3. Der große Politiker*innen-Podcast-Test: Wer podcastet in der deutschen Politik?
(hamburger-wahlbeobachter.de, Martin Fuchs)
Podcasts sind nach wie vor ein boomendes Medium. Das hat sich auch bei Politikerinnen und Politikern rumgesprochen, die gern auf den Zug aufspringen. Finn Lasse Andresen und Martin Fuchs haben sich die Mühe gemacht, alle Podcasts von EU-Parlamentarierinnen und -Parlamentariern sowie Bundestags- beziehungsweise Landtagsabgeordneten zusammenzutragen und einer kurzen Bewertung zu unterziehen.

4. So viel Pressefreiheit – und so bedroht
(arminwolf.at)
Der österreichische TV-Moderator Armin Wolf sowie die deutschen Journalisten Arndt Ginzel und Gerald Gerber sind mit dem “Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien 2019” ausgezeichnet worden. Der Preis ist für Medienschaffende gedacht, “die sich mit großem Einsatz, oft unter Inkaufnahme persönlicher Risiken, gegen Beschränkungen der Pressefreiheit und eine unabhängige Berichterstattung einsetzen.” Auf seiner Website veröffentlicht Preisträger Wolf seine Dankesworte.

5. Europa lässt sich auch im Osten entdecken
(faz.net, Kevin Hanschke)
Die “Märkische Oderzeitung” deckt flächenmäßig eines der größten Verbreitungsgebiete Deutschlands ab. Die tägliche (verkaufte) Auflage der Zeitung für Ostbrandenburg beträgt 64.000 Exemplare, nahezu alle im Rahmen von Abonnements. Kevin Hanschke stellt das Blatt vor, dem eine große Bedeutung zukomme: “In einer Gegend, die wohl zu jenen gehört, die nach der Wiedervereinigung die größte Transformation durchmachen musste und gerade das europäische Zusammenleben ganz neu definiert, operieren ihre Redakteure und Reporter zwischen dem Bewusstsein für die Region und der Abbildung des großen Ganzen innerhalb Brandenburgs. Gleichzeitig müssen Liesegang und seine Redaktion um einen Journalismus kämpfen, der die Wahrheit findet, aber auch optimistisch in die Zukunft schaut.”

6. Der Monat geht in seine zweite Woche.
(facebook.com, Christian Gesellmann)
Der Journalist Christian Gesellmann hat sich bei Facebook die Wut über das prekäre Leben als Journalist von der Seele geschrieben: “Wenn vom Zustand der Pressefreiheit in Deutschland die Rede ist, dann geht es meist um Bedrohung von Journalisten durch Neonazis oder Diskriminierung durch Behörden. Das gibt es alles, und es ist ein Problem. Aber was das viel größere, viel mehr Autoren und andere freie Berufe betreffende Problem ist: unanständig niedrige Honorare und die Arschloch-Zahlungsmoral unserer Auftraggeber.”

“Bild live”: Das ist jetzt alles natürlich noch Spekulation

“Bild” will bald Fernsehen machen. Heute gab es einen Vorgeschmack darauf, was uns da erwarten könnte: Zum Terroranschlag in Halle (Saale) auf eine Synagoge sowie auf einen Dönerladen gab es bei Bild.de eine “Bild live”-Sendung. Wir haben uns das mal angeschaut.

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Im “Bild live”-Studio stehen Moderator Moritz Wedel und Redakteur Björn Stritzel, und der eine fragt den anderen: “Björn, was kannst Du uns zu den Tätern sagen?” Stritzel antwortet, er kenne noch keine Details, und das sei alles natürlich noch Spekulation — was eine hervorragende Zusammenfassung für die kommenden eineinhalb Stunden ist.

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Die Redaktion schaltet zu Michel Milewski. Der ist eigentlich Redakteur bei “Sport Bild” und dort zuständig für den Bereich eSports, aber jetzt ist er in Halle. Wedel leitet über mit: “Michel, Du warst Augenzeuge”.

Nee, war Milewski nicht, wie er selbst sagt, sondern in einem Café “100 Meter” vom Tatort entfernt. Er habe auch gar nichts mitbekommen und erst von dem Anschlag erfahren, als der Gastronom sagte, man solle in einen Raum ohne Fenster gehen.

Jetzt ist er aber wirklich vor Ort. Und hat auch was zu berichten: Das Sondereinsatzkommando sei nämlich gerade eingetroffen. Milewski gibt das alles durch und erzählt auch detailliert, wohin das SEK so geht und was es gerade macht. Dass das möglicherweise ziemlich hilfreiche Informationen für einen flüchtigen Täter sein könnten, hält ihn nicht davon ab weiterzuerzählen. Aber gerade hat er sowieso ganz andere Sorgen: “Jetzt muss ich leider ein bisschen Platz machen”.

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Weiter zur nächsten Schalte. Dieses Mal mit “Bild”-Chefreporter Frank Schneider, der davon erzählt, dass seine neuesten Informationen sagen, dass es einen Toten in der Synagoge gegeben habe und einen Toten auf der Straße. Dass nur ein paar Minuten später ein Polizeisprecher in einem Video, das Bild.de einspielt, sagt, dass es einen Toten in einem Dönerimbiss und einen Toten auf der Straße gegeben haben soll, und dass das alles nicht zusammenpasst, kümmert bei “Bild” offenbar niemanden. Hauptsache erstmal alles raus, was man so an Informationen hat.

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Moderator Weidel verkündet, es gebe jetzt Fotos und Videos, die Augenzeugen in den Sozialen Netzwerken verbreiten würden. Verifizieren könne man das alles nicht, aber zeigen — ja, warum eigentlich nicht?

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Als neueste Entwicklung blendet die “Bild”-Redaktion ein: “REPORTER DARF LOKAL NICHT VERLASSEN”.

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Jetzt kommt das bereits erwähnte Video mit dem Polizeisprecher. Ein Reporter konfrontiert ihn mit allen möglichen Gerüchten, die zu diesem Zeitpunkt so die Runde machen. Etwa: “Kann man schon etwas sagen: Handelt es sich da möglicherweise um, wie sacht man, ein Beziehungsdrama? Oder wir das als Terroranschlag eingestuft?” Oder: “Im Polizeifunk war eben zu hören, dass man ihn [den Täter] direkt vor sich hätte.”

Auf die Frage, ob der Anschlag dem jüdischen Friedhof galt, betont der Polizeisprecher noch mal, dass das alles Mutmaßungen seien: “Das ist Spekulation. Wir wissen noch nicht, warum weshalb diese Tat hier geschehen ist.”

Das alles wirkt eher wie ein Recherchegespräch, das zufällig mit dem Smartphone mitgefilmt wurde. Der Reporter notiert sich zwischendurch auch immer wieder die Aussagen des Polizisten. “Bild”-Reporter filmen sich selbst bei der Arbeit.

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Jetzt ist Björn Stritzel wieder im Studio und erzählt noch einmal genau dasselbe wie vorhin schon (man wisse natürlich noch nichts rein faktisch über die Täter). Nur scheint er dieses Mal etwas besser zum jüdischen Feiertag Jom Kippur informiert zu sein. Beim vorangegangenen Auftritt kam er dabei etwas ins Schwimmen (man möge ihn korrigieren).

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Nun ist wieder Michel Milewski von vor Ort dran. Das SEK habe jetzt eine Straße abgesperrt, ein Panzerwagen sei auch eingetroffen. Man vermute hier wohl einen weiteren Täter. Er sei auch schon recht weit weggeschickt worden. Aber keine Sorge, er versuche, wieder ein bisschen näher ranzukommen. Man könne es hoffentlich sehen, dass auf der Straße ein vollvermummter Polizist stehe und “an der Ecke” zwei weitere Spezialeinsatzkräfte.

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Bei Moderator Weidel sind es jetzt schon drei Tote, was aber auch nur ein Versprecher sein könnte. Währenddessen ist die Einblendung zu sehen: “AUFRUF DER POLIZEI — BITTE BEWAHREN SIE RUHE”.

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Die “Bild”-Redaktion hat vier, fünf verschiedene Videos, die sie immer und immer wieder abspielt — das ist der Fluch des Fernsehens in Breaking-News-Situationen: Es gibt eigentlich kaum etwas zu berichten, aber die Sendezeit muss irgendwie gefüllt werden. Zwischendurch gibt es die Schalten und Gespräche im Studio. Jetzt ist Polizeigewerkschafter Rainer Wendt am Telefon. Frage von Moderator Weidel: “Haben Sie Hintergrundinformationen vielleicht zu den möglichen Tätern oder zur Motivlage?”

Wendt antwortet, dass er die nicht habe. Da könnte man auch “nur spekulieren”, und dafür sei jetzt nicht der richtige Moment. Spätestens wenn Rainer Wendt neben einem wie ein besonnener Medienethiker wirkt, solltest man mal überlegen, ob das alles richtig läuft.

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Nächste Schalte zu Reporter Milewski, bei dem nun eine Anwohnerin steht, die aber nicht gezeigt werden und anonym bleiben möchte, “ja, aus Angst”, wie Milewski sagt.

Die Zeugin sagt, dass sie mit sowas wie dem Anschlag gerechnet habe. Warum, wird aber nicht so richtig klar. Auf die Frage des Reporters, ob das jetzt ein Grund für sie sei wegzuziehen, sagt sie: “Nein.” Dann ist die Anwohnerin, die aus Angst anonym bleiben möchte, auch schon wieder weg, und Michel Milewski erzählt noch schnell, wo und in welcher Straße die Frau arbeitet.

Wirklich Neues weiß der “Bild”-Reporter auch nicht zu berichten. Außer Schreie, die er während der Schalte hört. Aber warum es die gab, wisse er nun auch nicht.

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Im Studio steht jetzt Karl von Guttenberg, der bei “Bild” der Waffenkenner sei. Auf die Frage, was das denn für eine Waffe sei, mit der der Attentäter in einem Video zu sehen ist, sagt der Kenner: “Im Moment noch etwas schwer zu sagen.” Und zum Täter: Das könnte vielleicht ein Sammler sein, der die Waffe zu Hause hatte; vielleicht hat er sie auch selbst gebaut. Das sei jetzt noch völlig unklar.

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“Bild”-Chefreporter Frank Schneider spekuliert auch weiter: Es könnte sein, dass einer der Täter sich noch im Nahbereich aufhalte, sich vielleicht in einem Haus verschanzt habe. Vielleicht habe er sogar Geiseln genommen in einer der Wohnungen. Ja, vielleicht.

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Michel Milewski ist zwar wieder mit einer Schalte dran, aber richtige Neuigkeiten hat er immer noch nicht: Viel könne er leider gar nicht sagen. Es habe sich nicht viel geändert. Die größte Neuigkeit sei, dass ein zweiter Polizeihubschrauber im Einsatz ist.

Aber er nennt mal wieder einen Namen einer Straße, in der das SEK angeblich gerade alle Häuser durchsucht. Das passt auch gut zu einer Meldung im Liveticker bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - SEK kurz vor Sturm einer Wohnung
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Währenddessen bittet die Polizei Sachsen bei Twitter darum, “bitte keine Fotos und Videos von Einsatzkräften, deren Ausrüstung oder Standorten” zu verbreiten.

Plötzlich sagt ein Beamter zu Milewski: “Das ist hier ein Gefahrenbereich. Wenn Sie das geil macht hier …” Aber der “Bild”-Reporter sagt, dass er von der Presse sei, und muss während der Schalte seinen Presseausweis vorzeigen.

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Waffenexperte von Guttenberg ist weiterhin im Studio und sagt, er möchte jetzt nicht weiter spekulieren, aber es deute — und dann spekuliert er ein bisschen zur Munition und zur “Selbstladerszene”. Und er hat auch eine Theorie: Es könnte sich doch um einen “aus einem Hobby heraus entstandenen Anschlag” handeln.

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Die beste Nachricht verkündete Moderator Moritz Wedel um 15:26 Uhr. “Das soll’s gewesen sein mit unserer BILD-live-Sondersendung”.

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Nachtrag, 10. Oktober: Drüben bei “Übermedien” habe sie sich das gestrige Spekulationsfernsehen von n-tv angeguckt.

Why so incorrect?

Der Joker ist zurück im Kino — und eine Falschmeldung zurück in deutschen Medien.

“Zeit Online” schreibt:

Aufgeheizt wurde die Debatte [um den neuen Joker-Film], als bekannt wurde, dass die US-Armee ihre Mitglieder vor Attentaten möglicher Incels anlässlich der Joker-Premiere in amerikanischen Kinos gewarnt hatte. Als Incels (involuntary celibates — unfreiwillig zölibatär) bezeichnen sich Männer, die sich von Frauen — und oft von der Gesellschaft als solcher — zurückgewiesen fühlen. In Foren stacheln sie sich zu Hass und zum Teil auch zu Gewalt an.

Als einer der Vorbilder der Szene gilt ausgerechnet der Attentäter James Holmes, der während der Premiere des letzten großen Joker-Epos The Dark Knight Rises im Juli 2012 zwölf Menschen in einem Kinosaal in Aurora erschossen hatte. Der Polizei gegenüber behauptete er damals, er sei Joker.

(Link im Original.)

In “The Dark Knight Rises”, dem “letzten großen Joker-Epos”, hat der Joker gar nicht mitgespielt. Aber das nur am Rande.

Der eigentliche Punkt ist der, dass der Attentäter von Aurora gegenüber der Polizei behauptet hätte, er sei der Joker. So steht es auch im von “Zeit Online” verlinkten “Gizmodo”-Artikel:

It’s often been repeated that Holmes was inspired by the Joker, a claim that primarily rests on statements the killer reportedly made to police after the fact in which he said he “was the Joker.”

Allerdings mit einem interessanten Twist:

Speaking with the Hollywood Reporter, Daniel Oates, Aurora’s chief of police at the time, said that “there is no evidence” the shooter ever said that.

Erst vor einer Woche veröffentlichte “Vanity Fair” einen ausführlichen Artikel zu der Joker-Falschmeldung:

The rumor began in the hours after James Holmes killed 12 people and injured 70 more during a 2012 screening of The Dark Knight Rises. Speaking at a press conference in Manhattan, then-New York police commissioner Ray Kelly said that Holmes had actually referred to himself as the Joker. “He had his hair painted red, he said he was ‘the Joker,’ obviously the ‘enemy’ of Batman,” Kelly said.

Doch:

“It never happened,” said George Brauchler, the Colorado district attorney who prosecuted Holmes, citing Kelly as the source of the rumor. Brauchler and other Colorado officials have attempted to clarify for years that Holmes never referred to himself as the Joker. The story has persisted, Brauchler said, because it fits the narrative so cleanly. “Of course the crazy-hair-colored guy who shot up the Batman premiere thought he was the Joker, of course!” Brauchler added. “And yet it has no connection to reality.”

Zitiert wird auch der Psychiater, der den Attentäter für den Prozess mehrere Stunden lang befragt hatte. Demnach war Holmes nicht selbst auf diese Jokersache gekommen, sondern hörte erst im Gefängnis zum ersten Mal davon:

“He said that the first he heard of the Joker idea was [from] somebody in another cell,” he said. “He heard calling back and forth, ‘Hey, you’re the Joker,’ or something like that.”

Ein anderer vermeintlicher Beleg, der seit Jahren angeführt wird, ist die Tatsache, dass sich der Amokläufer die Haare rot gefärbt hatte. Bild.de etwa schrieb vor wenigen Tagen:

In Aurora hatte am 20. Juli 2012 ein Angreifer bei einer Premiere des Films “Batman — The Dark Knight Rises” wahllos ins Kinopublikum gefeuert, 12 Menschen starben. Vor Gericht erschien der Täter später mit orangerot gefärbten Haaren wie der “Joker”.

Der Joker hat grüne Haare.

Mit Dank an @JoachimKlarmann für den Hinweis!

Nachtrag, 11. Oktober: “Zeit Online” hat die Passage überarbeitet und am Ende des Artikels eine ausführliche Anmerkung veröffentlicht. Bei Bild.de steht es immer noch falsch.

Bild  

Vom “Messermann” zur Verschwörungstheorie

Am vergangenen Freitag ist in Berlin ein Mann über die Absperrung vor einer Synagoge gestiegen. Laut Polizeimeldung lief er mit einem Messer in der Hand auf die Wachleute zu und soll dabei etwas gemurmelt haben. Die Wachleute zogen sofort ihre Dienstwaffen, richteten sie auf den Mann und forderten ihn auf, das Messer fallen zu lassen. Der Mann blieb stehen und sprach mehrfach mit ruhiger Stimme und mutmaßlich auf Arabisch etwas vor sich hin. Die Wachleute setzten schließlich Pfefferspray ein, um den Mann zu überwältigen.

In einer ersten Befragung ließ sich das Motiv des Mannes nicht feststellen. Auch eine richterlich angeordnete Durchsuchung seiner Wohnung brachte keine Klärung. Da auch ein politisches Motiv in Frage kam, beschlagnahmte die Polizei mehrere Datenträger und Unterlagen, die zurzeit ausgewertet werden. Haftgründe gegen den Mann lagen nicht vor, weshalb er am darauffolgenden Morgen aus dem Polizeigewahrsam entlassen wurde.

So. Und dann kam “Bild”.

“Horror in Berlin-Mitte”, schrie die Zeitung am Montag: “Synagoge angegriffen”!

Der Mann sei Syrer und solle “Allahu Akbar” und “Fuck Israel” gerufen haben, schrieben die Autoren des Artikels. Ob das stimmt, ist unklar; in der Polizeimeldung steht es nicht, und andere Medien schreiben es nur mit Verweis auf die “Bild”-Zeitung.

Der eigentliche Skandal ist für “Bild” aber ohnehin etwas anderes.

DAS UNFASSBARE: MOHAMAD M. WIRD AM NÄCHSTEN TAG FREIGELASSEN.

“Wo er jetzt ist? Unbekannt.”, gruselte sich “Bild”-Redakteur Timo Lokoschat im dazugehörigen Kommentar:

Was bleibt, ist das bedrückende Gefühl, dass da draußen jemand herumläuft, der voller Hass ist und auch vor Gewalt nicht zurückschreckt.

Und “Bild”-Chef Julian Reichelt twitterte:

Tweet von Julian Reichelt: Solange man von den Behörden laufen gelassen wird, wenn man mit einem Messer bewaffnet eine Synagoge überfällt, solange soll bitte kein Politiker behaupten, Antisemitismus habe in Deutschland keinen Platz. Hat er. Und zwar in seiner gefährlichsten Form. In unserer Hauptstadt.

Vielleicht ist es an der Zeit, diese Sache mit dem Laufenlassen nochmal zu erklären, “Bild” hatte da ja schon immer gewisse Verständnisprobleme.

Der deutsche Rechtsstaat sieht vor, dass es gute Gründe braucht, jemanden ohne ein Urteil ins Gefängnis zu stecken. Die Untersuchungshaft sei “die ultima ratio”, erklärte uns Anfang des Jahres in einer ähnlichen Sache der Strafverteidiger Carsten Hoenig. Der Erlass eines Haftbefehls müsse sich “an den Grundsätzen der Verhältnismäßigkeit und der Unschuldsvermutung messen lassen”. Zur Untersuchungshaft komme es nur, “wenn gar nichts mehr anderes geht”.

Laut Strafprozessordnung muss zunächst einmal dringender Tatverdacht bestehen. Zudem gibt es bestimmte Haftgründe, etwa die Fluchtgefahr, die Wiederholungsgefahr oder die Gefahr, dass Beweismittel vernichtet werden (Verdunkelungsgefahr). Liegen solche Gründe aus Sicht der Behörden nicht vor, gibt es keinen Haftbefehl.

Man kann also nicht mal so eben jemanden einsperren, auch wenn der “Bild”-Chefredakteur es gerne hätte:

Tweet von Julian Reichelt: Bei der Kombination aus Synagoge, Messer, „Allahu Akbar“ und „Fuck Israel“ könnte man auch von einem politisch/terroristischen Hintergrund ausgehen und den Täter erstmal einsperren. Oder man kann das alles ganz entspannt sehen wie @polenz_r und die Stadt Berlin.

Natürlich ist es möglich, dass ein politisches/terroristisches Motiv dahintersteckte. Aber es ist auch möglich, dass es einen anderen Hintergrund gab. Sogar “Bild” selbst schrieb in einem der Artikel zu dem Fall:

Haben Objektschützer vor der Neuen Synagoge in Mitte ein Blutbad verhindert? Oder haben sie am Freitagabend einen geistig verwirrten Mann gestoppt, der in Selbstmordabsicht mit einem Messer auf die bewaffneten Wachmänner zulief?

Julian Reichelt und Timo Lokoschat aber erwecken den Eindruck, als gebe es nur einen einzigen zulässigen Schluss.

Und als würden die Berliner Behörden die Sache gezielt vertuschen. In seinem Kommentar schrieb Lokoschat:

Erst vergangene Woche hatte ein Mann in Paris vier Menschen mit einem Keramikmesser erstochen. Ein Islamist, wie die Behörden erst nach langem Herumdrucksen bestätigten.

Auch in Berlin formuliert die Polizei, dass das Motiv des überwältigten Syrers “unklar” sei. Wie bitte? Was will jemand, der laut Zeugen “Allahu akbar” und “Fuck Israel” gerufen hat, mit einem Messer in einer Synagoge? In Ruhe reden? Nein, er will Juden verletzen oder ermorden.

Wer den grassierenden Antisemitismus bekämpfen will, muss sich auch trauen, ihn beim Namen zu nennen.

Ein entscheidender Punkt in der Berichterstattung von “Bild” ist, dass sie nicht das zum zentralen Thema macht, was passiert ist — ein Mann klettert mit einem Messer über die Absperrung einer Synagoge und wird gestoppt –, sondern das, was der Fantasie der Redaktion nach hätte passieren können.

Nochmal zur Erinnerung: Es ist nicht erwiesen, dass der Mann “Juden verletzen oder ermorden” wollte. Es könnte — wie “Bild” selbst schrieb — auch ein “geistig verwirrter Mann” mit “Selbstmordabsicht” gewesen sein. Oder etwas anderes. Die Behörden werden sich bemühen, die Motive herauszufinden. Während die “Bild”-Leute so tun, als hätten sie selbst den Fall schon gelöst.

Gestern dann die nächste Eskalationsstufe: Titelseitenwut.

BILD-Titelseite: Was uns wütend macht! - Politiker sagen: DDR war kein Unrechtsstaat - Staatsanwalt lässt Messer-Angreifer laufen - Klima-Kämpfer stellen unsere Demokratie infrage

“Wie kann das sein?”, fragte “Bild” immer noch fassungslos — und warf sogar die Frage auf, ob der Staatsanwalt “für seine Entscheidung, einen offenbar gefährlichen Täter freizulassen” “belangt werden” könne.

“Bild”-Redakteur Filipp Piatov erklärte den “Skandal um den Messerangreifer” dann noch mal nachdrücklich zu einer “Schande” für die Berliner Regierung. Der Fall beweise: Das “Engagement des Regierenden Bürgermeisters gegen Antisemitismus” sei “eine Luftnummer”.

BILD-Ausriss: Die Berliner Regierung ist eine Schande!

Nun ist [der Syrer] auf freiem Fuß, unauffindbar — und gewaltbereit. Denn was für jeden Bürger mit gesundem Menschenverstand nach einem versuchten antisemitischen Terrorangriff aussieht, ist für Berliner Behörden leider kein Haftgrund. Verrückt!

Anstatt den Mann in Gewahrsam zu nehmen und intensiv zu prüfen, ob er nicht in ein Flugzeug gen Heimat gehört, darf er durch Berlins Straßen laufen. Es ist amtlich: Die deutsche Hauptstadt drückt nicht nur bei Drogendealern, sondern auch bei antisemitischen Gewalttätern beide Augen zu.

Gestern Vormittag meldete sich die Generalstaatsanwaltschaft Berlin zu Wort — und widersprach so ziemlich allem, was die “Bild”-Leute behauptet hatten.

Zunächst einmal stellte sie klar: “Die Voraussetzungen für einen Haftbefehl liegen nicht vor”: Es bestehe “kein dringender Tatverdacht einer Straftat, lediglich der Anfangsverdacht eines Hausfriedensbruchs.” Der Verdächtige sei “strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten”. Und: Derzeit lägen “keine Erkenntnisse zu einer möglichen islamistischen Motivlage vor”, die Ermittlungen dazu würden “mit Hochdruck fortgeführt”. “Durch Berlins Straßen”, wie die “Bild”-Kommentatoren geschrieben hatten, läuft der Mann auch nicht: Er befinde sich, so die Generalstaatsanwaltschaft, “derzeit in der Psychiatrie”.

Und wie reagierte der “Bild”-Chef? “Sorry, dass wir so viele voreilige Schlüsse gezogen haben?” Aber nicht doch.

Tweet von Julian Reichelt: Die Berliner Staatsanwaltschaft macht sich komplett lächerlich und wirft die Frage auf, ob man politisch/terroristische Straftaten bewusst ignoriert, weil sie politisch unbequem sind und nicht zur Ideologie der Berliner Regierung passen.

Das muss man sich mal vorstellen: Wegen des Verzichts auf einen Haftbefehl aufgrund fehlender Voraussetzungen dafür unterstellt er jetzt den Berliner Behörden, aus ideologischen Gründen terroristische Straften bewusst zu ignorieren. Woanders würde man sowas Verschwörungstheorie nennen, bei “Bild” nennen sie es Journalismus.

Reichelt scheint fest entschlossen zu sein, aus dem Vorfall vor der Synagoge eine Kampagne gegen die Berliner Regierung und deren “Ideologie” zu machen.

Heute wird es persönlich. Groß auf Seite 2 der Bundesausgabe: ein Foto der Berliner Generalstaatsanwältin.

BILD-Ausriss: Warum fürchtet die Politik das Wort Terror?

Im Artikel listet “Bild”-Redakteur Ralf Schuler mehrere islamistische Anschläge der vergangenen Jahre auf und — als gäbe es keinen Zweifel daran, dass es sich dabei ebenfalls um islamistischen Terror gehandelt hat — nennt dabei auch den Vorfall vor der Synagoge vom Wochenende. Es sei “IRRE”, dass der Mann wieder freigelassen wurde, schreibt auch Schuler nochmal. Und dann schreibt er, in bester AfD-Manier:

Die Politik drückt sich noch immer vor dem Eingeständnis, dass mit der Massenmigration seit 2015 auch Kriminelle nach Deutschland gekommen sind und spricht deshalb lieber über Einzelfälle als über das Terror-Problem.

Was haben wir also gelernt? Der Synagogen-“Messermann” ist hundertprozentig ein islamistischer Terrorist, denn während die Ermittlungsbehörden nur aufwendig rumermitteln, hat “Bild” einfach eins und eins zusammengezählt. Die Berliner Behörden stecken aber alle unter einer Decke und wollen das mit dem Terror geheimhalten. Und dass viele Flüchtlinge Terroristen sind, will die Politik ebenfalls vertuschen. Und von “Terror” sprechen sollte man sowieso nicht erst, wenn alle Beweise gesichtet, wenn die Datenträger ausgewertet und die Ermittlungen abgeschlossen sind, sondern gefälligst dann, wenn die “Bild”-Zeitung es verlangt.

FinFisher-Methoden, Glashaus-Kommentar, Rentnerglück im ZDF

1. FinFisher lässt Netzpolitik.org abmahnen
(spiegel.de, Patrick Beuth)
Wie netzpolitik.org berichtete (Artikel aus rechtlichen Gründen derzeit nicht verfügbar), bestehe der begründete Verdacht, dass die Softwarefirma FinFisher ihre Überwachungssoftware ohne staatliche Genehmigung an die Türkei verkauft habe. Das Programm solle dort vornehmlich zur Überwachung und Bespitzelung von Oppositionellen eingesetzt werden. Gegen die Berichterstattung durch netzpolitik.org geht FinFisher nun juristisch vor. Einer der Gründe: Man sei vorher nicht um eine Stellungnahme gebeten worden. Das ist insofern ein bisschen lustig, als dass FinFisher entsprechende Medienanfragen unbeantwortet ließ.
Weiterer Lesetipp: Reporter ohne Grenzen zeigt sich solidarisch: Unterstützung für netzpolitik.org.

2. «Ich sehe uns nicht als Star-Ermittler, sondern vielmehr als Dienstleister»
(medienwoche.ch, Oliver Classen)
Die “Medienwoche” hat sich mit dem Investigativjournalisten Frederik Obermaier (Panama Papers, Ibiza-Affäre etc.) über seine Arbeit unterhalten. Obermaier spricht von “goldenen Zeiten für den investigativen Journalismus”: “Gerade für gründliche Recherchen gibt es heute mehr Bedarf, aber auch mehr Möglichkeiten denn je. Sich durch tausende Dokumente pflügen und Dutzende von Quellen treffen, um hinter die glitzernde PR-Oberfläche von Unternehmen und Politikbetrieb zu blicken: Dieses Jobprofil ist beliebter und notwendiger denn je.”

3. AfD-Politiker will gesteuerte Presse nachweisen – vergeblich
(deutschlandfunk.de, Volker Finthammer, Audio: 4:26 Minuten)
Der AfD-Bundestagsabgeordnete Thomas Seitz hat einen schlimmen, jedoch von ihm nicht belegten, Verdacht: Die Bundesregierung nehme Einfluss auf die Medienberichterstattung! Um Beweise für seine Theorie zu bekommen, fluten er und die AfD-Fraktion Ministerien und Behörden mit Hunderten von Anfragen: “In den vergangen Sommermonaten waren die Anfragen so häufig, dass man den Eindruck gewinnen musste, hier soll das System gesprengt und Misstrauen gegen die Medienarbeit der Bundesregierung gesät werden.”

4. Die Sache mit dem Glashaus – Ein Kommentar von MEEDIA-Verleger Timo Busch
(meedia.de, Timo Busch)
“Meedia”-Verleger Timo Busch erklärt mit vorbildlicher Offenheit und Transparenz, warum die Veröffentlichung eines Beitrags (ausgerechnet über die angebliche Verrohung der Sitten der Medienbranche) ein Fehler war und warum man ihn offline genommen habe: “Im redaktionellen Alltag passieren Fehler. In diesem Fall haben wir nicht richtig hingeschaut und nicht verstanden, wer uns da für seine Zwecke benutzt. Das müssen wir künftig besser machen!”

5. Politikerinnen werden beleidigt und bedroht
(faz.net)
Politikerinnen seien besonders oft das Ziel von Hass im Netz, so das Ergebnis einer Umfrage des ARD-Politmagazins “report München”. Nahezu alle Parlamentarierinnen würden regelmäßig mit Hassbotschaften konfrontiert, die von abfälligen Bemerkungen über ihr Aussehen bis hin zu Vergewaltigungsandrohungen reichen. Dabei spiele die Parteizugehörigkeit keine Rolle. 38 Prozent der Befragten brächten die Hassnachrichten zur Anzeige. Das habe allerdings häufig keine Konsequenzen.

6. Rentnerglück im ZDF
(taz.de, René Martens)
Die ZDF-Reportagereihe mit Alltags- und Schicksalsgeschichten “37°” feiert ihren 25. Geburtstag. René Martens ordnet das Format ein, das sich immer mehr vom Informations- zum Zerstreuungsfernsehen entwickelt habe. Und bei dem auch schon mal “nachgeholfen” werde, wenn es die Dramaturgie erfordere: “Generell sieht man die Ergebnisse des “Nachhelfens” in Szenen, in denen die Protagonisten einen wichtigen Brief erhalten oder ein wichtiges Telefonat führen — immer ist die Kamera dabei. Überraschung, was für ein Reporterglück!”

Erst BREAKING, dann Recherche

Ein Chefredakteur einer großen Zeitung wird ja sicher nicht einfach so und ohne wirklich was zu wissen den ganz großen Hammer auspacken und Breaking News, Verzeihung, BREAKING NEWS verkünden. Da muss schon etwas Besonderes passiert sein. Oder, Julian Reichelt?

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Breaking: Flugbetrieb in TXL wegen Drohnen am Flugfeld für min 30 Minuten unterbrochen. All flight traffic stopped at TXL for at least 30 minutes after drones were spotted near runway. More soon at Bild

Das schrieb der “Bild”-Chef gestern bei Twitter. Und more gab es dann tatsächlich soon at Bild.de: Die Redaktion hatte bei Stefan Jaekel nachgefragt, der als Sprecher der Deutschen Flugsicherung für den Bereich Ostdeutschland zuständig ist. Doch bei Jaekel klingt der von Reichelt aufgegriffene Vorfall in der Nähe des Flughafens Berlin-Tegel schon etliche Nummern kleiner und nicht mehr ganz so “BREAKING”:

“Ein Pilot hat eine Drohnensichtung mitgeteilt, etwa fünf Meilen vom Flughafen Tegel, am Stadtrand, entfernt. Da sich die Sichtung in Verlängerung der Startbahn von Tegel befand, wurden von der Flugsicherung weitere Piloten befragt, ob sie eine ähnliche Sichtung gemacht haben. Das war nicht der Fall. Deswegen haben wir entschieden, dass keine Gefahr besteht.”

Anders als von Reichelt behauptet, wurde der Flugbetrieb auch nicht für “min 30 Minuten unterbrochen”, sondern für etwa fünf Minuten. Was aber überhaupt kein Problem gewesen sei, so Jaekel, “denn in dieser Zeit sollten eh keine Maschinen starten.” Der Flughafenbetreiber bestätigte, dass es “keine Auswirkungen auf den Flugverkehr” gab.

Eine Korrektur oder wenigstens eine Entwarnung zu seinem Tweet gab es von Julian Reichelt nicht. In den Antworten auf seine BREAKING NEWS wird wild spekuliert, ob “die Fanatiker von Extinction Rebellion” hinter der angeblichen Aktion mit der Drohne stecken.

Radio-Lug-und-Trug, Weißraum, Falsche Wortwahl bei Femiziden

1. Dlf-Chefredakteurin: “Wir müssen die Instrumente schärfen”
(deutschlandfunk.de, Mirjam Kid, Audio: 6:04 Minuten)
Mehr als zwanzig Jahre lang hat ein freier Mitarbeiter des Deutschlandradios Radiobeiträge geliefert, die teilweise nicht sauber produziert waren (siehe Beitrag auf “Übermedien”, Abo nötig). So habe er sich an fremdem Audiomaterial bedient und den Eindruck erweckt, er sei vor Ort gewesen. Mirjam Kid hat sich mit Birgit Wentzien, Chefredakteurin des Deutschlandfunk, über den Fall und seine Konsequenzen unterhalten.

2. Editorial: Weißraum statt Höcke-Interview
(thueringer-allgemeine.de, Jan Hollitzer)
Nachdem der AfD-Politiker Björn Höcke ein bereits zugesagtes Interview wieder abgesagt hat, hat sich die “Thüringer Allgemeine” zu einem ungewöhnlichen, aber konsequenten Schritt entschlossen: “Da wir allen Parteien und Spitzenkandidaten der im Landtag vertretenen Parteien plus der FDP den gleichen Platz für Interviews und die gleiche Aufmerksamkeit einräumen, bleibt der für Björn Höcke eingeplante Raum leer.”

3. Verfassungsbeschwerde gegen Adblocker abgelehnt
(golem.de, Friedhelm Greis)
Seit Jahren zofft sich der Axel-Springer-Verlag mit dem Adblock-Plus-Hersteller Eyeo. Nun hat der Medienkonzern eine weitere juristische Niederlage hinnehmen müssen: Seine Beschwerde gegen ein Urteil des Bundesgerichtshofs sei vom Bundesverfassungsgericht nicht zur Entscheidung angenommen worden. Doch der Kampf gehe weiter: Nachdem Springer mit seiner wettbewerbsrechtlichen Verfassungsbeschwerde nicht durchgedrungen sei, habe das Unternehmen Urheberrechtsklage beim Landgericht Hamburg eingereicht.

4. Die Berichte zum Fünffach-Mord in Kitzbühel zeigen, wie falsch Medien über Femizide schreiben
(vice.com, Alexandra Stanic)
Wenn Medien über Morde an Frauen schreiben, ist oft von einer “Beziehungstat” oder einem “Eifersuchts-” beziehungsweise “Familiendrama” die Rede. Eine aus verschiedenen Gründen unangemessene Wortwahl, wie Alexandra Stanic betont: “Wenn ein Mann seine Partnerin ermordet, ist das niemals ein “Beziehungsdrama” und auch keine “Familien-Tragödie”: Es ist Mord. Gerade Journalisten und Journalistinnen müssen ihre Worte mit großer Vorsicht auswählen. Sprache bildet Alltag.”

5. Eine Wunschliste für von der Leyen
(sueddeutsche.de, Matthias Kolb)
Viele Journalistinnen und Journalisten, die über die Europäische Union berichten, seien unzufrieden mit den werktäglichen Pressekonferenzen der EU-Kommission. Nun haben sie eine “Wunschliste” an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen geschickt. Ein Kernpunkt: “Tatsachenbasierte Information über die Arbeit der Kommission muss wichtiger sein als politischer Spin.” Außerdem beklagen die Journalistinnen und Journalisten, dass relevante Dokumente häufig nur Minuten vor der Pressekonferenz verteilt würden und keine Zeit zur vorbereitenden Lektüre bleibe.

6. Wundersame Welt
(journalist-magazin.de, Thilo Komma-Pöllath)
Thilo Komma-Pöllath wirft einen Blick auf das wirtschaftlich einträgliche Multitasking des beliebten Fußballjournalisten Arnd Zeigler und kommentiert: “Dass man es, wie Zeigler, zum “Sportjournalisten des Jahres” bringen kann, wenn man sich gleichzeitig von einem öffentlichen-rechtlichen Sender, von den Profiklubs (Zeigler ist auch Stadionsprecher beim SV Werder Bremen) und den großen Fußballsponsoren (Audi) bezahlen lässt, macht das ganze Dilemma einer unabhängigen, kritischen Berichterstattung deutlich.”
PS: Dem Beitrag hätte ein Hinweis gut getan, dass Komma-Pöllath laut eigener Homepage bei Eurosport.de als “Der LIGAstheniker” das wöchentliche Fußballgeschehen glossiert und gewissermaßen Kollege und Konkurrent Zeiglers ist.
Nachtrag: Das Magazin “journalist” hat den Autorenkasten um einen entsprechenden Hinweis ergänzt.
Nachtrag, 9. Oktober: Mittlerweile hat sich auch der WDR zu dem Fall geäußert: “Da Arnd Zeigler selbstständiger Autor und Moderator ist, steht es ihm frei, neben seiner Tätigkeit für den WDR auch andere Aufträge anzunehmen. Wichtig ist aber, dass bei den angesprochenen Veranstaltungen kein originäres WDR-Logo zum Einsatz kommt, sondern das Logo von “Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs”. Dieses ist — ebenso wie der Titel der Sendung — die Idee von Arnd Zeigler, mit der er damals auf den WDR zugegangen ist. Somit steht es ihm zu, auch jenseits der Sendung damit zu arbeiten.”

Kurz korrigiert (532)

Mit dem Impeachment eines US-Präsidenten und der daraus möglicherweise resultierenden Amtsenthebung ist das aber auch nicht ganz einfach: Was entscheidet das Repräsentantenhaus? Was der Senat? Wo braucht man welche Mehrheiten? Und fliegt ein Präsident, der impeached ist, schon aus dem Weißen Haus? Es gibt inzwischen einige erhellende Erklärtexte und –videos zu dem Thema.

Bei Bild.de scheitert’s aber schon sechs bis sieben Stufen weiter unten: Heiko Roloff, laut Eigenbeschreibung bei Twitter immerhin “US-Correspondent for Germany’s most popular News outlet”, bekommt es nicht hin, Republikaner und Demokraten auseinanderzuhalten.

In einem Artikel über schlechte Umfragewerte für US-Präsident Donald Trump schreibt Roloff:

Screenshot Bild.de - Sogar Nixon hatte weniger Gegner - Mehrheit der Amis will Trumps Impeachment

Die Stimmung der Wähler ist bei einem Impeachment von großer Bedeutung. Denn am Ende ist es kein juristischer Prozess, in dem es um Schuld oder Unschuld geht, sondern ein politischer. Dass heißt, die Republikaner entscheiden, was für sie besser ist: ihren Präsidenten wie 1973 fallen zu lassen oder sich wie 1998 hinter ihn zu stellen.

Das ist gleich mehrfach falsch: Mit “wie 1998” meint Roloff Bill Clinton. Der Demokrat, der 1998 impeached wurde, war für die Republikaner aus parteipolitischer Sicht ganz bestimmt nicht “ihr Präsident”. Und selbst wenn es so gemeint sein sollte, dass die Republikaner als us-amerikanische Staatsbürger Clinton als “ihren Präsidenten” sehen konnten, ist es immer noch falsch, was Roloff schreibt: Sie standen nicht hinter ihm. Beim Impeachment durch das House of Representatives stimmten die Republikaner mehrheitlich gegen Bill Clinton. Beim Senate trial stimmten sie mehrheitlich gegen Bill Clinton. Es reichte im Senat aber nicht für die nötige Zweidrittelmehrheit, um den Präsidenten aus dem Amt zu entfernen.

Mit Dank an Clemens für den Hinweis!

Bild  

Gefühle statt Fakten: “Bild” will TV-Sender werden

Im aktuellen “Spiegel” spricht “Bild”-Chef Julian Reichelt über seine Pläne, “Bild” auf die TV-Bildschirme zu bringen:

Wir sind selbstbewusst genug zu glauben, dass es genug Menschen gibt, die lieber das schauen, was »Bild« zeigt, als etwas anderes.

Auf die Frage von “Spiegel”-Redakteurin Isabell Hülsen, was “Bild” als TV-Sender denn könne, was andere nicht längst können und machen, sagt er:

Reichelt: Exklusive News zeigen und emotionale Geschichten erzählen. Man kann natürlich sagen, das bieten andere auch schon. Die Wahrheit ist: Die meisten Fernsehsender machen das, was wir uns vorstellen, eben nicht. Aus dem brennenden Amazonasgebiet, so wie wir zuletzt, sendet nicht jeder.

SPIEGEL: Vielleicht nicht mit acht Reportern wie »Bild«, aber etliche Sender haben durchaus direkt vor Ort berichtet.

Reichelt: Ja, aus dem Hotelzimmer. Aber nicht mit mehreren Teams, die im brennenden Regenwald stehen und mit Menschen reden, um die herum alles gerodet wird. Ich habe nicht das Gefühl, dass es diese menschliche Geschichte im Nachrichtenangebot gab.

Nun, blöderweise hat er da falsch gefühlt. Die ARD zum Beispiel stand auch im brennenden Regenwald und redete mit Menschen:

Screenshot vom ARD-Weltspiegel: Eine Frau wird interviewt, um sie herum abgebrannter Regenwald

Genauso RTL:

Screenshot von RTL: Ein Reporter steht vor einem brennenden Waldstück in Brasilien

Auch das ZDF war vor Ort:

Screenshot einer ZDF-Reportage: "Die Brände im Amazonas-Regenwald"

Und Stern-TV schickte gar Ex-DSDS-Jurorin Fernanda Brandão los, um mit Amazonas-Bewohnern über ihre Gefühle zu reden:

Screenshot von Stern-TV: Fernanda Brandao unterhält sich mit Amazonas-Einwohnern, umgeben von abgebranntem Regenwald

Wenn das nicht der Gipfel des menschlichen Fernsehens ist, dann wissen wir auch nicht.

Aber das alles passt natürlich nicht in Reichelts Erzählung.

Die Fernsehsender, so der “Bild”-Chef, vor allem die Öffentlich-Rechtlichen, würden über einige wichtige Dinge gar nicht berichten. Die Medien und die Politik hätten “das Gefühl für den Alltag der großen Masse von Menschen in diesem Land verloren. Die Leute haben das Gefühl, sie werden nicht gehört.”

Ich frage mich: Wo findet die Realität, die wir auf der Seite 2 von »Bild« abbilden, im Fernsehen statt? Etwa, dass Menschen, die 40 Jahre gearbeitet haben, jetzt Flaschen sammeln müssen.

Wo das im Fernsehen stattfindet?

Im ZDF zum Beispiel, wie Medienjournalist Daniel Bouhs korrekterweise bei Twitter anmerkt. Der Sender zeigte erst vor Kurzem die “37 Grad”-Reportage “Warum Menschen Flaschen sammeln”.

Oder in der ARD. Die befasste sich schon 2013 für die Reihe “Menschen hautnah” mit den Schicksalen von Flaschensammlern.

Der RBB begleitete erst Ende Juli dieses Jahres zwei Flaschensammler in Berlin. Vor sieben Jahren hatte der Sender die beiden schon einmal für eine Reportage begleitet: “Die Flaschensammler – ohne Pfandgeld geht’s nicht mehr”.

Im NDR lief schon vor fast zehn Jahren eine Reportage über die Geschichte eines Flaschensammlers in Hamburg.

Arte brachte 2017 eine Reportage, in der es um Rentner geht, die nur 400 Euro im Monat haben und darum Flaschen sammeln müssen.

2018 befasste sich “Akte” bei Sat.1 mit dem Thema. Zwei Jahre zuvor gab es auch im Sat.1-Frühstücksfernsehen einen Beitrag: “Wegen Minirente: Immer mehr Rentner gehen Flaschen sammeln!”

Und so weiter.

Julian Reichelt aber tut so, als gäbe es so etwas im Fernsehen nicht, als klaffe dort eine Lücke, die nur “Bild” füllen kann. Er sehe da “großes Potenzial”.

Wir wollen das Land, die Welt, die Politik und den Alltag der Menschen so zeigen, wie es die Leute erleben, und nicht so steril und weichgespült wie teilweise bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Wir können es kaum erwarten.

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