Archiv für Oktober 29th, 2019

Bringt Julian Reichelt die Familien der „Tatort“-Kommissare in Gefahr?

Wen hat „Bild“-Chef Julian Reichelt — nach seiner eigenen Logik — nicht schon alles in Gefahr gebracht: die Familien von Fußball-Managern, von Helene Fischer, von Handballnationalspielern und so weiter. Jetzt sind die Angehörigen der „Tatort“-Stars dran:

Screenshot Bild.de - Prahl, Liefers und Co - Was verdienen die Tatort-Stars?

Zur Erinnerung: Reichelt möchte nicht, dass sein eigenes Gehalt geschätzt wird, denn das könnte seine Familie in Gefahr bringen, so seine Argumentation, als der Branchendienst „kress“ mal zu den Gehältern von Chefredakteuren recherchierte. Und wer möchte schon, dass die eigene Familie in Gefahr ist?

Das heißt natürlich nicht, dass man bei anderen Menschen und deren Familien genauso rücksichtsvoll sein und denselben Maßstab anlegen muss. Und so schreiben Reichelts Bild.de und Reichelts „Bild am Sonntag“ über die „Interna“, die „Sendermitarbeiter“ der Öffentlich-Rechtlichen „regelmäßig“ „ausplaudern“ — oder genauer: Sie nennen die Summen, die die Schauspielerinnen und Schauspieler Axel Prahl, Jan Josef Liefers, Til Schweiger, Maria Furtwängler, Axel Milberg und Ulrike Folkerts pro „Tatort“-Folge angeblich bekommen sollen.

Die genauen Zahlen erfährt man nur, wenn man ein „Bild plus“-Abo hat. Denn ein bisschen was will Julian Reichelt ja auch verdienen, wenn er und sein Team dem eigenen Verständnis nach andere Leute in Gefahr bringt.

Wen Julian Reichelt nach Julian-Reichelt-Logik sonst noch in Gefahr gebracht haben könnte:

Rechte Abmahnwellen, Bildvergleich, Zynischer Armuts-Voyeurismus

1. Abmahnwelle setzt kritische Journalisten unter Druck
(uebermedien.de, Felix Huesmann)
Über Rechtsextremismus zu berichten, muss man sich leisten können: Die Gegenseite reagiert oft mit einer oder gleich mehreren Abmahnungen, deren Abwehr beträchtliche Kosten verursacht. Oftmals handelt es sich noch nicht mal um inhaltliche Fragen, sondern um Formalitäten. Das Ziel: Kritische Journalisten und Journalistinnen einzuschüchtern und mundtot zu machen. Felix Huesmann schreibt über ein Phänomen, das kleine wie große Verlage trifft und das für die Beteiligten existenzbedrohend sein kann.

2. Bildausfall
(spiegel.de, Arno Frank)
Als die USA 2011 einen Militäreinsatz gegen Osama bin Laden durchführten, gab es ein Foto von Barack Obama und seinem engsten Team aus dem sogenannten Situation Room. Als die USA unter Donald Trump eine ähnliche Aktion gegen den Anführer des sogenannten Islamischen Staats, Abu Bakr al-Baghdadi, durchführten, veröffentlichte das Weiße Haus ebenfalls ein Bild aus dem Situation Room. Arno Frank hat beide Bilder miteinander verglichen, die Unterschiede könnten nicht größer sein.
Weiterer Lesehinweis: Bei „Newsweek“ erklärt der frühere Cheffotograf des Weißen Hauses unter Barack Obama, warum das Bild mit Trump inszeniert sein könnte.
Außerdem lesenswert: der Kommentar von Bernd Graff bei Süddeutsche.de: „Wenn man Zivilisation und Kultur für einen hauchdünnen Firnis über einer kaum gebändigten, rohen Natur hält, kann man in Trumps archaischer Schmährhetorik allem Geist, Idealismus und Humanismus beim Abblättern zusehen.“

3. Axel Springer: Üppige Vorstandsboni trotz Sparkurs
(kress.de, Markus Wiegand)
Mitarbeiter rausschmeißen und gleichzeitig exorbitante Vorstandsboni ausschütten — für den Axel-Springer-Verlag anscheinend kein Problem. „kress pro“-Chefredakteur Markus Wiegand kommentiert: „Man stelle sich allerdings nur kurz vor, was die hauseigene „Bild“ über ein Management schreiben würde, das im nationalen Mediengeschäft Leute rauswirft, um 50 Millionen Euro zu sparen, und gleichzeitig schon mal eine ähnlich hohe Summe als Boni erfasst. Schön wär’s nicht.“
Zu den Springer-Vorstandsgehältern auch aus unserem Archiv: Unerwähnt, was der Springer-Boss pro Jahr verdient.

4. Facebook-Pläne sorgen für Skepsis
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 4:57 Minuten)
Facebook will demnächst ein neues Nachrichtenangebot namens „Facebook News“ starten. Dort soll es „ausschließlich Newsangebote geben von Partnern, die sich ausweisen können als akkreditierte journalistische Organisationen“. Für Verlage kann dies Vor- und Nachteile bringen: Kurzfristig könnten sie von eventuellen Ausschüttungen profitieren. Langfristig könnte sich das neue Angebot als weitere Bedrohung ihres Geschäftsmodells erweisen. Von möglicher übler Nachbarschaft ganz abgesehen: In den USA habe Facebook auch das ultrarechte Newsportal „Breitbart“ als Quelle aufgenommen.

5. Wer schlampt, sieht Rot?
(taz.de, Alexander Graf)
Kann man ein journalistisches Gütesiegel ernst nehmen, bei dem Bild.de einen grünen Haken für „glaubwürdigen und transparenten Journalismus“ bekommen hat? Obwohl die „Bild“-Journalistinnen und -Journalisten Informationen nicht „verantwortungsbewusst recherchieren und veröffentlichen“, wie in einer Unterkategorie festgestellt wird? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Wobei Experten wie der Kommunikationswissenschaftler Philipp Müller von der Universität Mannheim eh bezweifeln, dass viele Menschen das Gütesiegel-Tool NewsGuard installieren werden.

6. Die Darstellung von Armut ist einfach nur zynisch
(tagesspiegel.de, Bernd Gäbler)
Mit als „Sozialreportagen“ verkleideten Trash-TV-Stücken machen RTL und RTL2 Quote auf Kosten von Menschen, die es eh schon schwer im Leben haben. Bernd Gäbler hat sich die verantwortungslosen und voyeuristischen Formate näher angeschaut. Darunter Sendungen wie die mit dem ehemaligen Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky und dem Ex-Comedy-Star Ilka Bessin („Cindy aus Marzahn“).