Archiv für Oktober 25th, 2019

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Gibt es eine Korrelation zwischen Arbeitsplatz und Tweetidiotie?

Beim ständig laufenden Wettbewerb „Welcher „Bild“-Mitarbeiter bietet die traurigste Performance bei Twitter?“ hat es Chefreporter Michael Sauerbier gestern am späten Abend mit dieser Einsendung versucht:

Screenshot eines Tweets von Bild-Chefreporter Michael Sauerbier - Jan Böhmermann und eine sehr dicke Frau erzählen uns heute, Medizin und Forschung würden Frauen vernachlässigen. Kurz vor der Empörung fällt mir ein: Frauen leben fünf Jahre länger als Männer! Erwähnen beide nicht. P.S. Es gibt eine Korrelation zwischen Lebenserwartung und Übergewicht

Sauerbier bezieht sich auf einen Beitrag in der neuen Folge des „Neo Magazin Royale“. Jan Böhmermann und Giulia Becker sprechen dort über das Thema „geschlechtsspezifische Medizin“. Und das ist tatsächlich ganz informativ: Man erfährt etwa, dass Medikamente bei Männern und Frauen unterschiedlich wirken, und dass das ein Problem sein kann, weil Medikamente häufig nur an männlichen Mäusen oder männlichen Menschen getestet werden; dass beispielsweise ein häufig verschriebenes Herzmedikament laut einer Studie das Leben der herzkranken Frauen verkürzte, das der Männer aber nicht; und dass neben der Wirksamkeit auch die Verträglichkeit von Medikamenten bei Männern und Frauen sehr unterschiedlich sein kann, was wegen der starken Fokussierung der Forschung auf Männer wiederum zum Problem von Frauen werden kann.

Und was fällt „Bild“-Chefreporter Michael Sauerbier dazu ein? Er zieht über „eine sehr dicke Frau“ her und bekommt es nicht mal hin, den Namen der lustigen und erfolgreichen Giulia Becker zu nennen. Aber auch inhaltlich ist sein Tweet ziemlich schief: Soll das also heißen, dass man nur mit einem bestimmten Körpergewicht über ein gesellschaftlich relevantes medizinisches Thema sprechen darf? Und ist es laut Sauerbier nicht so schlimm, dass „Medizin und Forschung“ „Frauen vernachlässigen“, weil Frauen ja eh „fünf Jahre länger“ leben als Männer? Dass Frauen trotz dieser Vernachlässigung eine höhere (oder andersrum: Männer eine niedrigere) Lebenserwartung haben, hat auch nichts mit dem zu tun, was Böhmermann und Becker in ihrem Beitrag ansprechen — Sauerbier wirft diesen scheinbaren Zusammenhang einfach mal so hin. Für die verschiedenen Lebenserwartung sorgen stattdessen biologische Faktoren und unterschiedliche Verhaltensmuster.

Nach mehreren Hundert Antworten hat Michael Sauerbier seinen Tweet kommentarlos gelöscht.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Rezo bei „Zeit Online“, Höcke will Bürgerkrieg, Die Methode Trump

1. Horst Seehofer ist kein drolliges Kleinkind
(zeit.de, Rezo)
„Ein Nazi tötet, ein Innenminister labert Scheiße und der Rest der Bevölkerung lässt sich vom Wesentlichen ablenken.“ Das sind die ersten Worte der neuen „Zeit Online“-Kolumne von Youtuber Rezo (bekannt aus „Die Zerstörung der CDU“). In seinem Text erklärt Rezo, „wieso wir in Zukunft die Äußerungen von Politikern häufiger als Bullshit bezeichnen sollten, um ein konstruktiveres Umfeld zu schaffen für die Diskussionen, die ja geführt werden müssen.“ Rezos Kolumne erreicht damit Platz 1 der Social-Media-News-Charts, wie Daten-Analyst Jens Schröder in seiner #trending-Kolumne bei Meedia feststellt.
Es sind allerdings wahrlich nicht alle begeistert von Rezos Beitrag: Jana Wolf findet ihn beispielsweise inhaltlich „daneben“ und im Ton „überheblich“ und „selbstgefällig“.

2. Werben wie Donald Trump
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
Bekanntermaßen gibt es für Posten wie den des Möchtegern-Autokraten Donald Trump keinen Ausbildungsgang. Alexander Fanta hat daher auf netzpolitik.org die wichtigsten Tipps und Tricks zusammengetragen, wie sich mit Hilfe von Facebook Menschen und Wahlen manipulieren lassen: „Schritt eins: Frage Fragen und bitte um Geld. Schritt zwei: Erzähle Märchen über deine Gegner. Schritt drei: Stifte mit Troll-Armeen Verwirrung. Schritt vier: Lasse Sockenpuppen für dich sprechen.“ Was sich vielleicht etwas lustig anhört, hat einen ernsten Hintergrund und ist mit unzähligen Links zum Weiterlesen gespickt.
Weiterer Lesetipp: US-Präsident Trump hat angekündigt, die „New York Times“ und die „Washington Post“ im Weißen Haus abbestellen zu wollen. Die Bundeseinrichtungen sollen ebenfalls ihre Abos kündigen: Trumps neues Aufbäumen gegen kritische Medien (sueddeutsche.de, Anna Ernst).
Und wer sich darüber informieren will, wie es hierzulande um den Online-Wahlkampf bestellt ist: Wahlwerbung via Social Media: CDU gab am meisten für Microtargeting aus (heise.de).

3. Höcke will den Bürgerkrieg
(zeit.de, Hajo Funke)
Die Sprache des Thüringer AfD-Politikers Björn Höcke offenbare seine Gefährlichkeit, so der Rechtsextremismusforscher Hajo Funke in seinem Gastbeitrag auf „Zeit Online“: „Wenn wir Höcke also an seiner Sprache messen, so geht es ihm um eine nicht nur ethnische, sondern auch politische „Säuberung“ und um das Einsetzen staatlicher Gewalt gegen beliebig definierte Feinde. Er suggeriert mit dieser Sprache auch einen künftigen Kampf zwischen denen, die anders denken und seinen Anhängern, er will offensichtlich den Bürgerkrieg in Dörfern und Städten in Deutschland. Es ist eine Strategie der Entfesselung und der Aufschaukelung von Ressentiments und Gewalt.“
Weiterer Lesetipp: Höcke scheitert mit Eilantrag gegen Verfassungsschutz (spiegel.de, Wolf Wiedmann-Schmidt).

4. Datenschutzbeschwerde gegen Zeit Online eingereicht
(onlinejournalismus.de, Matthias Eberl)
Matthias Eberl kritisiert seit Langem die Trackingpraxis und Datenweitergabe deutscher Medienhäuser. Nachdem die Redaktion von „Zeit Online“ (von der in dieser „6 vor 9“-Ausgabe auch zwei Beiträge verlinkt sind) bereits im Sommer mit dem Negativpreis Big-Brother-Award bedacht wurde, hat nun ein Leser eine Datenschutzbeschwerde eingereicht. Eberl hat mit dem Beschwerdeführer über dessen Beweggründe gesprochen: „Ich finde es frech, dass Zeit-Online meine Daten an Facebook gibt, obwohl ich zahle“.

5. 70 Jahre FAZ: Wo die Herausgeber regieren wie «Kurfürsten»
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Zum 70. Geburtstag der „FAZ“ hat der Historiker Peter Hoeres ein über 500-seitiges Buch über die Geschichte der Zeitung vorgelegt. Adrian Lobe stellt das Werk vor und erzählt dabei von den verschiedenen Epochen und Machtkämpfen des berühmten Medienhauses. Lobe sieht in der Geschichte der „FAZ“ auch den Bedeutungsverlust der gedruckten Zeitung: „Im Rückspiegel der Geschichte sieht man die aktuellen Entwicklungen klarer. Insofern leistet das Buch — wohl etwas unfreiwillig — auch einen Beitrag zum Verständnis des Medienwandels.“

6. „Lachen bedeutet Freiheit“
(taz.de, Erica Zingher)
Seit ihrem Start 2017 wurde die rbb-„Abendshow“ von Britta Steffenhagen und Marco Seiffert moderiert. Nun hat der Sender das Moderatoren-Duo abgelöst und durch den Komiker Ingmar Stadelmann ersetzt. Im Interview mit der „taz“ spricht Stadelmann über seine Pläne, die Grenzen der Freiheit und darüber, warum er Dieter Nuhr verteidigt, ohne seinen Verteidiger spielen zu wollen.
Weiterer Lesetipp: Markus Ehrenberg hat sich für den „Tagesspiegel“ die erste Sendung der Stadelmannschen „Abendshow“ angeschaut. Sein Befund: „Noch viel Luft nach oben“.
Und noch ein Lesetipp: Cordula Nitsch und Dennis Lichtenstein schreiben in der „Medienwoche“ über Satire als „Einstiegsdroge“.