Archiv für September 27th, 2019

Nicht gerade „The Best“ Recherche

Man würde doch meinen, dass Redaktionen etwas vorsichtig sind und Distanz wahren, wenn bei „Betrugsvorwürfen“ und angeblichen „Unregelmäßigkeiten“ eine der zentralen Quellen ein Twitter-Account ist, der vor wenigen Tagen noch nicht existierte, der weder vor noch nach dem Tweet, auf dem die aktuelle Aufregung basiert, irgendetwas veröffentlicht hat, dem gerade mal 15 andere Accounts folgen und der nicht offiziell von Twitter verifiziert ist. Würde man meinen.

Sudan-Coach Zdravko Logarusic twitterte ein Foto seines Stimmzettels, auf dem das Erststimmen-Kreuz neben dem Namen des Ägypters Mohamed Salah vom FC Liverpool gesetzt ist. Laut der offiziellen Fifa-Liste ging die Stimme jedoch an Messi.

… schreibt die dpa heute.

Es geht um eine Wahl des Weltfußballverbands FIFA, die am Montag stattfand und bei der Trainer, Spieler, Journalisten und Fans „The Best“ wählen konnten. Bei den Männern gewann der Argentinier Lionel Messi. Auch Zdravko Logarusic, Nationaltrainer des Sudan, durfte abstimmen. Laut offizieller FIFA-Liste (PDF) stimmte er mit seiner Erststimme für Messi, mit seiner Zweitstimme für Virgil van Dijk und mit seiner Drittstimme für Sadio Mané.

Vorgestern tauchte allerdings ein Tweet auf, in dem ein Zdravko Logarusic behauptet, gar nicht für Messi, van Dijk und Mané gestimmt zu haben, sondern für Mohamed Salah, Mané und Kylian Mbappé.

Weil viele Redaktionen die Meldungen der dpa automatisch übernehmen, steht die oben zitierte Passage, in der keinerlei Zweifel daran besteht, dass diese Aussage wirklich von Logarusic stammt, nun etwa bei Süddeutsche.de, FAZ.net, NOZ.de und NZZ.ch. Unabhängig von der dpa berichtete „Sport Bild“ bereits gestern und berief sich dabei auf den angeblichen Logarusic-Tweet. Und auch Bild.de schreibt über die „Betrugsvorwürfe“:

Screenshot Bild.de - Betrugsvorwürfe von Trainer und Spieler - Hat die FIFA Messi zum Weltfußballer geschummelt?

Zudem wirft Sudan-Trainer Lugarisic dem Weltverband vor, dass sein veröffentlichter Stimmzettel nicht dem entspreche, was er tatsächlich gewählt habe. Auch Lugarisic will Salah auf Platz 1 gewählt haben. Mit einem Foto seines Stimmzettels, das er bei Twitter postete, will er das beweisen. In der Fifa-Auflistung unter seinem Namen auf Platz 1: Lionel Messi.

Es ist zweifelhaft, ob hinter dem Twitter-Account tatsächlich Zdravko Logarusic steckt. Wie bereits erwähnt, ist er erst im September 2019 erstellt worden, offenbar nur für diesen einen Tweet, der nun überall zitiert und eingebettet wird. Schaut man sich das Foto von dem Stimmzettel, das Logarusic getwittert haben soll und das Bild.de auf der Startseite zeigt, etwas genauer an, fallen einem Merkwürdigkeiten auf: Es sieht so aus, als seien in den Kästchen bei Lionel Messi, Virgil van Dijk und Sadio Mané — also bei der offiziellen Erst-, Zweit- und Drittstimme von Logarusic — mal Kreuze gewesen, die wegretuschiert wurden:

Screenshot einer Nahaufnahme des Stimmzettels von Logarusic
(Draufklicken für größere Version.)

Inzwischen haben auch manche Redaktionen mitbekommen, dass mit dem Twitter-Logarusic etwas nicht stimmen könnte. Bei n-tv.de beispielsweise steht nun unter der dpa-Meldung:

In einer früheren Version dieser Meldung haben wir einen vermeintlichen Tweet des Nationaltrainers des Sudans, Zdravko Logarusic, eingebettet. Darin war ein Foto eines Stimmzettels zu sehen, das eine Wahlmanipulation suggerieren sollte. Da weder die Echtheit der Behauptung noch des Fotos bewiesen sind, haben wir uns dazu entschieden, beides zu entfernen. (Anm.d.Red.)

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 28. September: Die dpa hat auf unseren Beitrag reagiert und wie folgt dazu Stellung genommen:

Wir haben unsere Berichterstattung überprüft und berichtigt. Zwar soll der sudanesische Nationaltrainer sich in gleicher Weise auch beim TV-Sender Al Arabija geäußert haben. Es bestehen aber so erhebliche Zweifel an der Echtheit des Accounts, dass wir die Berichterstattung korrigiert haben.

Nachtrag, 29. September: Wir konnten inzwischen Zdravko Logarusic per Telefon erreichen und mit ihm bei WhatsApp schreiben. Auf unsere Frage, ob der Twitter-Account @ZLogarusic sein eigener ist, sagte er: „No, I never use Twitter.“

Über die FIFA-Wahl und seinen Stimmzettel wollte Logarusic noch nicht mit uns sprechen, da es dazu nach seiner Aussage am heutigen Sonntag noch eine Besprechung mit dem sudanesischen Fußballverband geben soll, die er abwarten möchte.

Felix Austria?, „Pinkstinks“ zieht Bilanz, Scheiterndes EU-Gesetz

1. Medien im Blickpunkt
(deutschlandfunk.de, Sören Brinkmann)
Am Wochenende finden in Österreich die Nationalratswahlen statt. Welche Rolle spielen die Medien im Wahlkampf und welchen Einflüssen sind sie ausgesetzt? Darauf versucht der Deutschlandfunk in einer kleinen Beitragsserie zu antworten. Der Österreichische Rundfunk (ORF) sieht sich beispielsweise stetigen Angriffen der FPÖ ausgesetzt. Reformpläne der Partei sähen drastische Eingriffe bei Finanzierung und Führungsstruktur vor. Die ÖVP wiederum geht gegen die Wochenzeitung „Falter“ vor, die Seltsamkeiten bei den Parteifinanzen enthüllt hatte. Ein Skandal, der von den österreichischen Boulevardmedien weitgehend ignoriert und ausgeblendet wurde. Die Chefin von Reporter ohne Grenzen habe in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass die österreichischen Medienunternehmen eher konservativ eingestellt sind. Und der Wien-Korrespondent des Deutschlandfunks macht auf eine Besonderheit aufmerksam, die Medien anfällig für politische Einflussnahme mache: In Österreich hätten Ministerien und Behörden viel Geld für Anzeigenkampagnen zur Verfügung, das sie gezielt einsetzen können.

2. Berliner Verwaltungsgericht stuft „Bild“-Livestreams als Rundfunk ein
(sueddeutsche.de)
Sind Livestream-Angebote als zulassungspflichtiger Rundfunk einzustufen? Im Fall von „Bild“ und den bei Bild.de erscheinenden Videoformaten „Die richtigen Fragen“, „Bild-Sport-Talk“ und „Bild-Live“ hat das Berliner Verwaltungsgericht dies bejaht. Noch ist nicht bekannt, ob der Axel-Springer-Verlag gegen das Urteil in Berufung geht.

3. Warum Fake News sich so gut in deinem Gedächtnis festsetzen
(fachjournalist.de, Maren Urner)
Die Kognitions- und Neurowissenschaftlerin Maren Urner beschäftigt sich in ihrem Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ mit den Fragen, inwieweit die tägliche Informationsflut unserem Gehirn schadet und warum es „Fake News“ so leicht bei uns haben. Der „Fachjournalist“ veröffentlicht einen Auszug aus dem Buch, in dem Urner auch erklärt, wie wir unser Gehirn vor Falschinformationen schützen können.

4. „Le Monde“ bleibt unabhängig
(faz.net, Jürg Altwegg)
Lange Zeit wurde erbittert um die Vorherrschaft bei der französischen Tageszeitung „Le Monde“ gekämpft — siehe dazu auch den „FAZ“-Text Die Schlacht um „Le Monde“ wird immer heißer. Nun hat der Kampf ein für die Redaktion gutes Ende genommen: Die Haupteigentümer haben ein Abkommen getroffen, das der Redaktion Unabhängigkeit garantiert.

5. EU-Leistungsschutzrecht droht schon vor dem Start zu scheitern
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
Viele haben es prophezeit, jetzt scheint es einzutreten: Das EU-weite Leistungsschutzrecht ist weitgehend wirkungslos. Google schränkt die Darstellung von Links auf Medienseiten ein und entgeht somit der von Verlagen erhofften Pflicht zu Lizenzzahlungen. Alexander Fanta erklärt die verschiedenen Positionen sowie die Argumente der Kritikerinnen und Kritiker.

6. Pinkstinks zieht Bilanz aus zwei Jahren Sexismus-Monitoring
(horizont.net, Ingo Rentz)
Die Anti-Diskriminierungs-Plattform „Pinkstinks“ bietet seit zwei Jahren eine Seite zum Melden von sexistischer Werbung an. Und das durchaus erfolgreich: Man habe fast zehnmal so viele Einreichungen erhalten wie der Deutsche Werberat. Bei „Horizont“ werden die eingereichten Meldungen aufgeschlüsselt und analysiert.