Archiv für Januar 23rd, 2019

Bild.de dramatisiert Emiliano Salas letzte Nachricht

Der argentinische Fußballspieler Emiliano Sala wird seit vorgestern vermisst. Er war mit einer einmotorigen Propellermaschine auf dem Weg von Nantes, wo sein alter Fußballverein, der FC Nantes, spielt, nach Cardiff, wo er einen Vertrag beim Premier-League-Klub Cardiff City unterschrieben hatte. Über dem Ärmelkanal verschwand das Flugzeug am Montagabend vom Radar. Seitdem wird nach Sala und dem Piloten gesucht.

Zuvor hatte Sala per WhatsApp eine Sprachnachricht verschickt, über die nun viele Medien berichten. Darunter auch Bild.de:

Screenshot Bild.de - Fußball-Star Sala Ich habe solche Angst - Dramatische WhatsApp aus dem Absturz-Flieger

Die Redaktion interpretiert die Aufnahme in bemerkenswerter Weise: Es sei …

eine dramatische Sprach-Nachricht des Argentiniers, die er per WhatsApp an Freunde schickte.

Und:

Schon zu Beginn der knapp einminütigen Nachricht heißt es: „Ich bin tot!“

Bei Bild.de schlussfolgern sie:

Im Hintergrund zu hören: Motorengeräusche. Kaum zu fassen: Sala spricht mit relativ ruhiger Stimme. Er klingt erschöpft, fast schon lethargisch — offenbar ohne jede Hoffnung zu überleben …

Tatsächlich spricht Emiliano Sala in der Aufnahme davon, dass das Flugzeug so aussehe, als würde es gleich in Stücke fallen. Und er sagt: „Wenn ihr in eineinhalb Stunden noch nichts Neues von mir gehört habt, keine Ahnung, ob man jemanden schickt, mich zu suchen, der wird mich eh nicht finden, aber das wisst ihr ja.“ Er sagt auch: „Papa, habe ich eine Angst.“ Angesichts des möglichen Absturzes und der aktuellen Suche nach dem Fußballer wirkt die Sprachnachricht sicher gespenstisch — sie ist ohne diesen Hintergrund allerdings keineswegs „dramatisch“, wie Bild.de schreibt. Sala gähnt beim Reden. Er nennt seine Freunde spaßig „ihr Verrückten“. Er fragt sie: „Wie geht es Euch, Brudis, alles gut?“ Er sagt auch nicht zwingend „Ich bin tot!“, sondern „estoy muerto“, was man mit Blick auf den Kontext (er erzählt anschließend, wie viel er vor seiner Abreise nach Cardiff in Nantes noch erledigen musste — „ich musste Sachen erledigen, Sachen erledigen, Sachen erledigen und es hörte nicht auf, es hörte nicht auf, es hörte nicht auf“) besser mit „Ich bin vollkommen fertig“ übersetzen kann. Und dann die Behauptung von Bild.de, Sala sei „offenbar ohne jede Hoffnung zu überleben“, was ziemlicher Unsinn ist, schließlich blickt er in der Aufnahme in die Zukunft und erzählt, dass er bald ja das erste Training mit seinem neuen Team habe: „Mal sehen, wie es wird.“

Die Familie von Emiliano Sala soll darum gebeten haben, die Audioaufnahme nicht zu verbreiten. Bild.de hat die Audioaufnahme in den Artikel eingebettet (und, ja, auch wir tragen durch die Zitate weiter oben dazu bei, dass sich der Inhalt der Aufnahme verbreitet — wir verzichten allerdings bewusst auf jeglichen Link zu Artikeln, in denen die Originalaufnahme zu hören ist).

Mit Dank an anonym und Benedikt für die Hinweise!

Flughafen-Journalismus, Authentisch schlecht gelaunt, Handball-Promoter

1. Johan Galtung: «Meine Theorie war nicht als Anleitung für die Berichterstattung gedacht»
(medienwoche.ch, Eva Hirschi)
Der norwegische Politikwissenschaftler und Friedensforscher Johan Galtung macht sich Sorgen, was die Auslegung seiner Nachrichtenwert-Theorie anbelangt: „Das war nicht eine Anweisung, wie man Journalismus machen sollte, sondern eine Warnung, wie man ihn nicht machen sollte!“ Medien würden sich zu stark auf Faktoren wie Negativität und Prominenz fixieren. Das Resultat sei ein „Flughafen-Journalismus“, bei dem „alle darüber berichten, wie wichtige Menschen in ein Flugzeug ein- und wieder aussteigen, ohne Kontext. Das kann ich nicht verstehen, damit degradieren sich Medienschaffende ja selbst, wie sie da vor dem Flugzeug warten, nur um ein paar Schritte einer bestimmten Person zu sehen.“

2. Der erste Umweltjournalist
(taz.de, Manfred Kriener)
Der im Alter von 96 Jahren verstorbene Horst Stern war nicht nur der erste Umweltjournalist, sondern auch Mitbegründer des Bunds für Umwelt- und Naturschutz. Und er war eine Persönlichkeit, wie Manfred Kriener in seinem Nachruf feststellt: „Seine Fernseh-Nachhilfestunden machten ein breites Publikum mit dem Artensterben und dem Siechtum des Wald bekannt, mit Gentechnik-Größenwahn und dem Elend der Massentierhaltung. Was ihm fehlte zum Fernsehstar, war die joviale Ausstrahlung eines Ranga Yogeshwar oder die Lässigkeit anderer, ewig gut gelaunter TV-Größen. Stern wirkte vor der Kamera immer bekümmert, als sei gerade die Hauskatze gestorben. Das eigentlich Großartige: Er machte keinerlei Versuche, einmal zu lächeln oder gar heiter rüber zu kommen. Er blieb authentisch schlecht gelaunt.“

3. Leicht sein ist nicht alles
(sueddeutsche.de, Anna Steinbauer)
Zu Beginn des Jahres beschäftigen sich Frauenzeitschriften besonders intensiv mit dem Thema Abnehmen. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch etwas geändert, so die Soziologin Paula-Irene Villa: „Diätmachen spielt nach wie vor eine große Rolle. Allerdings dreht es sich immer mehr darum, gesund und fit sein.“ Zeitschriften seien aber eher Überbringer als Verursacher von Körperkult und Schlankheitswahn: Die Popkultur spiele eine enorme Rolle dafür, dass Diäten nicht wegzukriegen seien.

4. Der Fall Relotius und die Medien: Wir schreiben einfach wundervoll
(nzz.ch, Susanne Gaschke)
Susanne Gaschke nimmt den Fall Relotius zum Anlass, über die Entfremdung zwischen Medienmachern und ihrem Publikum nachzudenken. Gaschke beklagt die mangelnde Selbstkritik der Medien: „Journalisten müssen mehr Bescheidenheit und manchmal auch mehr Wohlwollen gegenüber ihren Berichtsgegenständen — und Lesern — entwickeln. Und sie brauchen eine Entschuldigungskultur, die nicht verschämt oder trotzig Fehler höchstens auf Seite 18 zugibt. Ob das alles hilft, um die Öffentlichkeit zu reparieren und Vertrauen zurückzugewinnen? Vielleicht nicht. Es aber nicht einmal versucht zu haben, hilft auf keinen Fall.“

5. Wir brauchen eine investigative Kultur in allen Redaktionen
(journalist-magazin.de, Daniel Drepper)
Das Medienmagazin „journalist“ startet die Serie „Mein Blick auf den Journalismus“, in der sich die „klugen Köpfe der Branche“ Gedanken darüber machen, wie Journalismus besser gemacht werden kann. Im ersten Teil dabei: Daniel Drepper, Chefredakteur von „BuzzFeed News Deutschland“, im zweiten Teil die Journalistin und Medienexpertin Carline Mohr.

6. Kommentatoren ohne Distanz
(djv.de, Sebastian Huld)
Sebastian Huld vom Deutschen Journalisten-Verband kritisiert die seiner Ansicht nach zu positive TV-Kommentierung des vergangenen Handballspiels der deutschen Nationalmannschaft. Die Kommentatoren seien irgendwo zwischen Fans und Teammitgliedern anzusiedeln. Sie „geben wie ARD und ZDF insgesamt vor, die Handball-WM zu übertragen und das Geschehen mit Expertise aufzubereiten. Tatsächlich aber sind sie nur die ersten Promoter des Produkts Handball-WM, weil der Erwerb der Übertragungslizenzen nur durch hohen Zuschauerzuspruch zu rechtfertigen ist. Vor diesem Konflikt stehen alle Sender beim Übertragen von Sportevents, ganz besonders aber die Öffentlich-Rechtlichen.“