Archiv für Januar 8th, 2019

Julian Reichelts „investigative journalistische Handwerkskunst“

Das Bundeskriminalamt (BKA) hat heute bei einer Pressekonferenz mitgeteilt, dass es einen Tatverdächtigen zum Diebstahl der Daten zahlreicher Prominenter und Politiker gebe. Der Mann sei geständig.

Wenige Stunde vor der Pressekonferenz des BKA ist die aktuelle Folge des Podcasts von Gabor Steingart erschienen. Sein Gast: Julian Reichelt. Mit ihm sprach Steingart gestern Abend über den Datenklau. Und der „Bild“-Chef zeigt in knapp 22 Minuten eindrucksvoll, wie häufig man treffsicher mit Mutmaßungen und Behauptungen danebenliegen kann.

  • Zum möglichen Täter

Julian Reichelt im Podcast:

Ich glaube, was relativ klar ist: Das waren nicht ein oder zwei Jungs, die bei Pizza und Cola light im Keller gesessen haben, bisschen Computerspiele, bisschen Youtube und dann bisschen was gehackt haben und das dann aufbereitet haben. Das muss eine größere Struktur gewesen sein.

Das BKA sagt heute: Der 20-Jährige sei Schüler ohne besondere technische Ausbildung oder Informatikstudium. Er habe sich das nötige Wissen durch Computeraffinität und viel Zeit draufgeschafft. Er lebe noch bei seinen Eltern in Mittelhessen. Immerhin: Von Pizza, Cola light, Keller und anderen Reichelt’schen Hacker-Klischees war nicht die Rede.

(an dieser Stelle beweist auch Gabor Steingart seine Expertise, als er schlussfolgerte: „Sprechen wir noch mal über das Handwerk, die Professionalität. Wenn man sich die Seite selber anschaut, es sieht nicht aus danach, dass Schüler ein paar E-Mails gehackt haben.“)

  • Zu möglichen Komplizen

Julian Reichelt im Podcast:

Der Umfang des Materials einerseits und die Liebe zum Detail, mit der dieses Material aufbereitet worden ist, mit Überschriften versehen worden ist, verschlagwortet ist, geordnet worden ist, deutet schon darauf hin, dass es sich um eine größere Zahl von Personen handelt und vor allem eine professionell vorgehende große Anzahl von Personen, die dieses Material aufbereitet hat.

Steingart fragt nach, wie viele Beteiligte Reichelt vermutet. Der „Bild“-Chef:

Wir haben es hier mit sehr aktuellen Daten zu tun, mit sehr vielen aktuellen Daten, die sehr liebevoll aufbereitet worden sind. Deswegen würde ich, sozusagen als interessierter, hochinteressierte Laie, was die Aufbereitung von Daten angeht, da schon eher auf eine gut zweistellige Zahl von Personen tippen, die sich damit beschäftigt haben muss

Das BKA sagt heute: Alles deute auf einen Einzeltäter hin.

  • Zu einer möglichen staatlichen Unterstützung

Julian Reichelt im Podcast:

Ich glaube nach allem, was wir an Hacks in den letzten Jahren gesehen und erlebt haben, ist das Wahrscheinlichste immer noch, dass es zumindest staatliche Unterstützung, von welcher Seite auch immer, für diesen Hack gab.

Das BKA sagt heute: Es gebe keine Hinweise für staatliche Unterstützung.

  • Zum möglichen Motiv

Julian Reichelt im Podcast:

Meine große Schlussfolgerung daraus ist, dass in enorm vielen Daten enorm wenig, so gut wie gar kein wirklich brisantes, skandalöses Material dabei war, was diese Aussage stützen würde, die ja da betrieben werden soll: Die Politik ist korrupt, die Politik ist verkommen, wir können uns auf unsere Politiker nicht verlassen, es gibt düstere Absprachen hinter den Kulissen, es gibt vielleicht Absprachen zwischen Medien und Politik. All das, was dort forciert werden soll oder routinemäßig bei solchen Hacks und Leaks forciert werden soll, das, muss man sagen, konnten wir dort nicht entdecken.

Das BKA sagt heute: Der Verdächtige habe angeben, „aus Verärgerung über öffentliche Äußerungen der betroffenen Politiker, Journalisten und Personen des öffentlichen Lebens gehandelt zu haben.“

***

Gabor Steingart kündigte das Gespräch und seinen Gesprächspartner übrigens so an:

Der Datenklau und seine Folgen — dazu habe ich mit dem Mann gesprochen, der auf diesem Datenschatz jetzt sitzt und ihn mit einem Expertenteam derzeit nach allen Regeln der investigativen journalistischen Handwerkskunst auswertet. (…)

Der „Bild“-Chefredakteur, ein erfahrener Enthüller und ehemaliger Kriegsreporter, gibt freizügig Auskunft über seine Arbeit. Und, bei allem Nebel, den der Fall noch umgibt, erkennen wir jetzt in diesem Gespräch die Dimension einer Tat, die womöglich deutlich größer ist als das, was die Bundesregierung uns als Wahrheit zugestehen will.

Schwer zu sagen, was lustiger ist: Steingarts verschwörerisches Geraune oder Reichelts angebliche „investigative journalistische Handwerkskunst“.

Habecks Ausstieg, Rheinterrorblog, „Nazis raus“ und die Folgen

1. Bye bye, twitter und Facebook
(robert-habeck.de)
Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck geriet wegen unglücklicher Formulierungen in Wahl-Videos bereits das zweite Mal in Twitter-Turbulenzen. Zum selbstgemachten Digital-Ungemach gesellte sich ein unverschuldetes: Unbekannte verbreiteten via Twitter private Daten von ihm und seiner Familie. Nun hat sich Habeck in einem radikalen Schritt von den sozialen Medien verabschiedet und seine Twitter- und Facebook-Präsenzen stilllegt.
Weitere Lesetipps: Auf „Indiskretion Ehrensache“ kritisiert Thomas Knüwer Habecks Reaktion. Und Wolfgang Michal hält der „FAZ“ den Spiegel vor, indem er bei einem Anti-Twitter-Text spaßeshalber das Wort „Twitter“ durch „FAZ“ ersetzt. Beim „Deutschlandfunk“ beschäftigen sie sich mit digitalem Stress durch soziale Medien, der Sucht nach Nachrichten und der Gegenbewegung „Data Detox“.

2. Leser als „Versuchskarnickel“
(sueddeutsche.de, Stefan Mayr)
Vergangenes Jahr veröffentlichte Hardy Prothmann, Betreiber des „Rheinneckarblogs“, eine Falschmeldung mit dem Titel „Massiver Terroranschlag in Mannheim“. Vom „bisher größten Terroranschlag in Westeuropa“ war die Rede, bei dem 50 Angreifer „mit Macheten und Messern“ Passanten attackiert und dabei 136 Menschen getötet und 237 verletzt hätten. Das sei jedoch nur ein Zwischenstand: Die Metzelei auf Mannheims Straßen sei noch nicht beendet. Für weitere Informationen musste man ein (Probe-)Abo abschließen. Um danach zu erfahren, dass alles frei erfunden war. Prothmann hatte dafür einen Strafbefehl über 9.000 Euro erhalten, gegen den er sich gerichtlich zur Wehr setzte. Keine gute Idee: Das Amtsgericht Mannheim verurteilte den Blogbetreiber nun zu einer Geldstrafe von 12.000 Euro. Prothmann ist sich weiterhin keiner Schuld bewusst und kündigte noch im Gerichtssaal Berufung an.

3. Kann eine Künstliche Intelligenz sich verschiedene Spiele selbst beibringen? Können Menschen mit dem Uterus einer Toten schwanger werden? Werden Spenderorgane bald von geneditierten Schweinen stammen? Science Media Newsreel No. 34 (03.12. bis 09.12.2018)
(meta-magazin.org)
Es ist immer wieder überraschend, welche Wissenschaftsthemen den Sprung von den Fachjournalen in die breite Berichterstattung schaffen. Im „Science Media Newsreel“ werden jede Woche die Themen dokumentiert, die in mehr als fünf unterschiedlichen Redaktionen mit textlich nicht identischen Berichten aufgegriffen wurden.


4. Ein „Nazis raus“ und seine Folgen
(tagesspiegel.de, Sebastian Leber)
Seit Jahrzehnten existiert der Spruch „Nazis raus“, eine Gegenreaktion zur rechtsradikalen „Ausländer raus“-Parole. Nachdem Nicole Diekmann, Korrespondentin aus dem ZDF-Hauptstadtbüro, den „Nazis raus“-Spruch twitterte, geriet sie ins Visier der Rechten und erhielt zahlreiche Hassnachrichten sowie Mord- und Vergewaltigungswünsche. Diekmann hat sich für ein paar Tage von Twitter verabschiedet, dem Kanal, auf dem ihr so viel Hass, aber auch Solidarität begegnete.


5. Wie Verlage mit den letzten Printleserinnen Roulette spielen
(infosperber.ch, Catherine Duttweiler)
Man möchte meinen, dass sich Zeitungsverlage besonders hingebungsvoll um die letzten Printliebhaber kümmern. Was die Zuverlässigkeit der Zustellung und den Umgang mit Pannen anbelangt, ist dies jedoch nicht immer der Fall, wie Catherine Duttweiler aus der Schweiz berichtet.

6. Diese 10 Instagram-Accounts gingen im Dezember durch die Decke
(horizont.net, Giuseppe Rondinella)
„Horizont“ hat die letztmonatlichen Wachstumsraten aller deutschsprachigen Instagram-Kanäle ab 100.000 Follower analysieren lassen und daraus eine Top-10-Liste gebildet. Führend sind der 18-jährige Rapper Mero und der Sänger Lucas Cordalis. Profitieren konnten aber auch die Geschwister von Instagram-Berühmtheiten, die von ihren Brüdern und Schwestern ordentlich gepusht wurden.