Archiv für August 30th, 2017

Ist Donald Trump zu weit gegangen?

Vielleicht erinnern sich einige noch, wie das damals als Kind war. Fahrt in den Sommerurlaub. Das Auto vollgepackt. Man selbst auf der Rückbank. Und so nach ein, zwei Stündchen hatte man zum ersten Mal das Gefühl, dass man die Erde langsam wohl umrundet haben müsste. Also fragte man, wann man denn nun endlich da sei, hörte, dass es doch noch eine Weile dauern werde. Und wenn sich das Gefühl ein paar Minuten später wieder einstellte, fragte man eben noch mal. Und noch mal. Und noch mal.

So konnten Stunden vergehen, und ich habe ein bisschen das Gefühl, dass es den Journalisten mit Donald Trump ganz ähnlich geht. Nur da hält das mit der Fragerei jetzt schon seit zwei Jahren an.

Im August 2015 stellte die damalige „Fox News“-Moderatorin Megyn Kelly Donald Trump in einer Fernsehdebatte der republikanischen Präsidentschaftskandidaten eine Frage zu dessen frauenfeindlichen Tweets. Trump fand das unfair. Er bezeichnete die Moderatorin, natürlich via Twitter, als „Bimbo“. Später legte er in einem CNN-Interview noch einmal nach. Eine Entschuldigung lehnte er ab.

Es war eine der ersten Gelegenheiten im Präsidentschaftswahlkampf, bei der man diese Frage las:

Screenshot Stuttgarter Nachrichten - Die Frage lautet: Ist Trump zu weit gegangen?

Zwei Monate später sagte Donald Trump in einem Interview einen Satz, der klang, als gebe er indirekt George W. Bush die Schuld daran, dass die Anschläge vom 11. September 2001 stattfinden konnten. Das Blog „US-Wahl 2016“ fragte:

Screenshot US-Wahl 2016 - Ist Donald Trump diesmal zu weit gegangen? Donald Trump mit unsinnigem Seitenhieb auf George W. Bush

Zehn Monate später griff Donald Trump die Eltern eines muslimischen US-Soldaten an, der im zweiten Irak-Krieg gefallen war. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sah den nächsten Tabubruch und schrieb:

Screenshot faz.net - Veteranen-Eltern geschmäht - Ist Trump dieses Mal zu weit gegangen?

Der „Tagesspiegel“ war sich sicher:

Screenshot tagesspiegel.de - Fall Khan und Nähe zu Putin - Donald Trump ist zu weit gegangen

Ungefähr zur gleichen Zeit ließ Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt ein schreiendes Kind aus dem Saal tragen und verspottete die Mutter, nachdem er zunächst gesagt hatte: „Ich liebe Babys.“ Der österreichische „Kurier“ titelte: „Trump liefert bizarren Auftritt mit weinendem Baby“. Unter dem Artikel stand die Frage:

Screenshot Kuriere.at - Ist Donald Trump diesmal zu weit gegangen?

Doch dann kamen die Wahlen. Trump gewann und kündigte einen Einreisestopp für Muslime an. Eine Ungeheuerlichkeit, fanden viele. Da lag natürlich eine Frage nahe:

Tweet von Top News - Einreisestopp für Muslime in den USA: Ist Trump zu weit gegangen?

Und Trump ging noch weiter. Als ein Richter seine Pläne stoppte, verhöhnte er das Gericht. Der „Stern“ hatte einen Verdacht:

Facebook-Post des Stern - Ist Donald Trump vielleicht doch zu weit gegangen? Trumps Supreme-Court-Kandidat reagiert erstmals auf die Justiz-Anfeindungen

Aber langsam schien sich tatsächlich etwas zu tun. Die Kritik kam inzwischen auch von Trump nahestehenden Personen:

Screenshot stern.de - Noch mehr Kritik vom Lieblingssender - Fox-Moderator rebelliert: Trump ist zu weit gegangen

Es blieb aber erneut alles folgenlos — bis Donald Trump überraschend FBI-Chef James Comey rauswarf und die Journalisten rätselten:

Screenshot General-Anzeiger - Ist er mit der Entlassung des FBI-Chefs zu weit gegangen? US-Präsident Donald Trump im Oval Office in Washington.

Doch wieder nichts. Die Mutmaßungen begannen vom Neuen:

Screenshot sueddeutsche.de - Beim nächsten Treffen könnte Trump zu weit gegangen sein

Und wenn ein Gedanke sich erst einmal verfestigt hat — wir kennen das –, taucht er plötzlich in allen möglichen Zusammenhängen auf:

Facebook-Post von N24 - Ist Donald Trump zu weit gegangen? Die SPD will ein Problem lösen - Nachrichten um 12:00 Uhr

Mittlerweile drohte auch der Konflikt mit Nordkorea zu eskalieren. Die ganze Welt machte sich Sorgen. In diesem Fall waren aber ausnahmsweise nicht alle der gleichen Meinung:

Screenshot kleinezeitung.at - Nordkorea - Kim Jong-un ist diesmal zu weit gegangen

Zwischendurch blieb es ein paar Tage ruhig. Es passierte nichts, was die Frage erneut hätte aufwerfen können — bis in Charlottesville eine Horde Rechtsradikaler durch die Stadt marschierte, eine Frau umgebracht wurde, und die Menschen in den USA von ihrem Präsidenten eine Stellungnahme erwarteten.

Donald Trump ließ sich dafür sehr viel Zeit. Als er sich schließlich äußerte, schien die Frage endlich ein für allemal beantwortet zu sein. Aber ganz sicher waren sich die Journalisten doch nicht.

Der „Bayerische Rundfunk“ fragte vorsichtig:

Screenshot br.de - Kein klares Nein zu Rechtsradikalen - Ist Trump jetzt zu weit gegangen?

Das wollte auch NDR.de gerne wissen:

Screenshot ndr.de - Charlottesville: Ist Trump zu weit gegangen?

Und als dann noch der CIA-Chef seinem Unmut Luft machte, hielt man es auch bei RTL.de für möglich, dass Donald Trump hier die allerletzte rote Linie überschritten haben könnte:

Screenshot RTL.de - Ist Donald Trump jetzt zu weit gegangen?

Hatte er dann aber doch nicht. Wieder ging alles weiter wie bisher. Vor wenigen Tagen passierte allerdings etwas Ungewöhnliches. Donald Trump trat in Arizona auf. Und bei seiner Kundgebung erwähnte er in wenigen Worten auch seine Kritiker. Es ging um das, was er im Konflikt mit Nordkorea gesagt hatte. Und wenn man seinen Kommentar liest, ahnt man schon, wie es mit den Fragen der Journalisten in den nächsten Wochen weitergeht:

Screenshot Welt.de - Einige sagen, ich bin zu weit gegangen, sagte Trump am Dienstagabend (Ortszeit) vor tausenden Anhängern in Phoenix im Bundesstaat Arizona. Es war nicht stark genug, sagte Trump.

Chinas Klarnamenzwang, Instagram-Schleichwerbung, Scharlatanmagazin

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Nach Angaben des Aktivistennetzwerks „Global Voices“ werden chinesische Nutzer von Anfang Oktober an keine Möglichkeit mehr haben, anonyme Kommentare auf den meisten Websites zu hinterlassen. Danach müssen Webseiten einen Mechanismus zur Identitätsfeststellung einrichten oder die Kommentarfunktion ihrer Website abschalten. Diese Authentifizierungsdienste sind für kleinere Anbieter finanziell nicht tragbar, so dass insgesamt mit einem deutlichen Kommentarrückgang zu rechnen ist. Außerdem arbeite China bereits seit 2014 an der Implementierung eines Einstufungsprogramms für Bürger mit umfassenden Informationen zu sozialem Verhalten und Kreditwürdigkeit.

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(de.newsroom.fb.com, Satwik Shukla & Tessa Lyons)
Facebook verbietet Werbetreibenden Anzeigen zu schalten, die Geschichten und Inhalte bewerben, deren Wahrheitsgehalt von unabhängigen Faktenprüfern bereits angezweifelt wurden. Nun will man einen Schritt weitergehen: Wenn Seitenbetreiber wiederholt bereits angezweifelte Inhalte teilen, dürfen sie nicht länger Werbeanzeigen auf Facebook schalten. Dies sei „ein weiterer Schritt, damit Menschen verlässlichere Informationen auf Facebook sehen können.“ Ganz verscherzen will man es sich mit den notorischen Falschmeldern und potentiellen Werbekunden jedoch nicht: „Unterlassen die Seiten die weitere Verbreitung von Falschmeldungen, wird diese Einschränkung wieder aufgehoben.“

3. Instagram-Schleichwerbung: „#ad“-Kennzeichnung eher unzureichend
(flurfunk-dresden.de)
Es könnte ein Urteil mit Signalwirkung sein: Das Oberlandesgericht Celle hat die Kennzeichnung „#ad“ bei einem Schleichwerbungs-Posting für die Drogeriekette Rossmann auf Instagram als unzureichend beurteilt. Bei Zuwiderhandlung droht Rossmann ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro. Das komplette Urteil gibt es unter: „Zur Kennzeichnungspflicht gesponsorter Posts bei Instagram mittels Hashtag zur Vermeidung von Schleichwerbung, OLG Celle, Urt. v. 08.06.2017, Az.: 13 U 53/16“

4. Das sind die 20 größten Podcast-influencer Deutschlands
(omr.com, Torben Lux & Martin Gardt)
Die Macher sprechen selbst von einer „wenig repräsentativen Liste der wichtigsten Menschen im Podcast-Business“ und in der Tat: Auf der Liste fehlen Podcast-Größen wie Holger Klein („Wrint“) und Stefan Schulz und Tilo Jung („Aufwachen-Podcast“/„Jung & Naiv“). Dennoch bietet die ausführlich kommentierte Liste viele Anregungen zum Weiterforschen und Reinhören.

5. Smartphone-Journalist versus TV-Team
(de.ejo-online.eu, Panu Karhunen)
Ein Feldversuch in Finnland hat ergeben, dass Journalisten mit mobilen Journalismus-Techniken näher an die Menschen und eine Story herankommen als mit traditionelleren Mitteln: Ein Smartphone-Journalist konnte mehr Passanten dazu bewegen, an einer Umfrage teilzunehmen, als ein zweiköpfiges Fernsehteam. Der Feldversuch hätte aber auch einen Nachteil des mobilen Journalismus zutage gefördert: mangelnde Glaubwürdigkeit. So hätten einige der Passanten gesagt, dass sie „richtigen“ Fernsehteams eben doch mehr vertrauen.

6. Scharlatanerie auf Hochglanz
(medienwoche.ch, Antonio Fumagalli)
Das Magazin „Herzstück“ verspricht „Inspirationen für Leib und Seele“. Antonio Fumagalli hat sich für die „Medienwoche“ durch das Magazin gelesen. Er lobt das Layout, aber die Lektüre sei ein Kampf gewesen…