Archiv für März 21st, 2012

Symbolfoto neben der Spur

Klar, irgendwie muss man so Artikel ja bebildern, wenn man sie auf der Startseite anteasert:

Deutschland zieht den Karren nicht aus dem Dreck

Die Online-Redakteure des deutschen „Wall Street Journal“ haben sich halt entschieden, nicht irgendeinen Karren zu nehmen, sondern das Foto eines Autounfalls im Westerwald, bei dem im vergangenen November eine 18-Jährige ums Leben gekommen war.

Mit Dank an Bastian B.

Nachtrag, 22. März: wallstreetjournal.de hat den Artikel mit einem „Hinweis der Redaktion“ versehen:

In einer früheren Version dieses Artikels haben wir versehentlich ein Bild verwendet, auf dem ein Traktor einen Unfallwagen aus dem Graben zieht. Bei dem Unfall ist ein Mensch gestorben, was wir erst später festgestellt haben. Wir bitten dies zu entschuldigen.

2. Nachtrag, 22. März: … und jetzt ist in dem Hinweis aus dem Bild, „auf dem ein Traktor einen Unfallwagen aus dem Graben zieht“, auch ein „Verkehrsunfall“ geworden.

Kai Diekmann: Irre Überschrift in der Redaktion

Daniel Radcliffe: Böse Prügelei am Set!

Ich weiß, was Sie jetzt denken: „Seit wann ist der sympathische Herr Radcliffe denn so gewalttätig, tätowiert und dick bzw. kahlköpfig?“

Sie müssen aber auch bedenken, dass diese Schlagzeile bei Bild.de erschienen ist — und damit naheliegenderweise etwas ganz anderes ausdrücken soll.

Wenn Sie jetzt aber denken: „Ach, Herr Radcliffe spielt einen gewalttätigen, tätowierten und dicken bzw. kahlköpfigen Mann?“ — dann liegen Sie immer noch falsch.

Passiert ist laut Bild.de nämlich folgendes:

„Harry Potter“-Star Daniel Radcliffe (22) wurde am Set seines neuen Films „Kill your Darlings“ Zeuge eines brutalen Schauspiels: eine Prügelei, die nicht im Drehbuch stand!

Radcliffe hatte gerade Feierabend, als vor seinem Wohnwagen im New Yorker Stadtteil Brooklyn ein Streit eskalierte: Zwei Kerle kloppten sich mit Händen und Füßen, landeten auf dem Boden und wollten einfach nicht voneinander lassen. Einer der Männer blutete im Gesicht.

Mit Dank an Icke und Anonym.

Grosse-Bley, iPad-Fabriken, Ahmadinedschad

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Studie zur Wirkung des Nichtraucherschutzgesetzes in Deutschland ist fragwürdig“
(heise.de/tp, Bastian Rottinghaus)
Verschiedene Medien haben eine Studie unkritisch verbreitet, stellt Bastian Rottinghaus durchaus selbstkritisch fest. „Sowohl Telepolis als auch Spiegel Online glänzen hier wie fast alle in- und ausländischen Medien nicht gerade durch kritische Distanz zur DAK, auf deren Patientendaten die Studie basiert und die mit unnachahmlicher Brillanz bilanziert: ‚Weniger Qualm bedeutet weniger Herzerkrankungen – eine einfache Formel für die Gesundheit.‘ Nun ist es mit der Eindeutigkeit der Studienbefunde leider nicht so weit her, wie es einem die DAK und das Medienecho nahelegen möchte – denn um genau zu sein: es gibt gar keine Befunde.“

2. „Würden es wieder so machen“
(medienwoche.ch)
„Blick“-Chefredaktor Ralph Grosse-Bley, kritisiert wegen dem Abdruck von Opferbildern des Busunfalls im Wallis, würde sich in einer vergleichbaren Situation wieder so entscheiden: „Schauen Sie, um dieser Tragödie ein Gesicht zu geben, um sie fassbar zu machen, kann man nicht einfach nur bloss einen Tunnel, einen zerstörten Bus und eine Pannen-Nische zeigen. 22 tote Kinder – das ist keine Zahl, das ist eine Katastrophe. Die Bilder von Menschen, von Betroffenen, machen das Ausmass des Dramas wenigstens ansatzweise fassbar.“

3. „Der erfundene Horror der chinesischen iPad-Fabriken“
(faz.net, Frank Kelleter)
Inszenierte Berichte von Mike Daisey über die Arbeitsbedingungen in einem chinesischen Zulieferbetrieb ernten viel Aufmerksamkeit und Empörung. „Zwar war er tatsächlich zu Besuch in einigen chinesischen Fabriken gewesen und hatte dort mit Arbeitern gesprochen, aber die folgende Broadwayshow war eine Aufführung, ihre Hauptfigur ein Schauspieler, der Anekdoten und Gerüchte aus unterschiedlichen Quellen verdichtete und in der ersten Person vortrug. Die Menschen, deren unerhörtes Schicksal er uns mit kraftvoller Stimme näherbrachte, existierten in dieser Form nur in seiner Phantasie.“

4. „Unbeobachtet, unschuldig, unfehlbar?“
(faz.net, Peter Penders)
Peter Penders fragt sich, warum es immer noch Profi-Fußballspieler gibt, die „noch nicht verinnerlicht zu haben, dass jedes Spiel im Fernsehen übertragen wird und dass sogar Dutzende Kameras rund um das Spielfeld verteilt sind, denen einfach nichts entgeht, nicht einmal, wenn nebenbei Schnick, Schnack, Schnuck gespielt wird.“

5. „sachen aus protest weglassen“
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Wie Google das von Presseverlegern angestrebte Leistungsschutzrecht umsetzen könnte.

6. „Ahmadinedschad im ZDF: ‚Atomwaffen sind unmoralisch'“
(youtube.com, Video, 42:29 Minuten)
Ein sehenswertes Interview von Claus Kleber mit dem iranischen Präsidenten, Mahmud Ahmadinedschad. Zitat ab Minute 35: „Wir lieben alle. Und wir suchen keinen Krieg. Gegen kein Land. Wir wollen auch keine Atombomben.“ Siehe dazu auch „Wie das ZDF sein Exklusiv-Interview nachts versendet“ (meedia.de, swi), „Das unmögliche Interview“ (navigarenecesseest.wordpress.com) und „Unwidersprochener Judenhass“ (taz.de, Philipp Gessler)